Maria und der Mangel an Speiseöl

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Die Warteschlange vor einem Laden in Camagüey, um Speiseöl zu kaufen. (Inalkis Rodríguez)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 6. März 2019

Heute, wo uns so viele Situationen an die schwierigen neunziger Jahre erinnern, kehren auch Geschichten über die Ersatzstoffe zurück, die damals Eingang in die Küche und in die Mahlzeiten fanden. Leute auf der Straße erinnern sich, wie sie es schafften, ein kleines Brot in unzählige Scheiben zu schneiden, um es im Tagesverlauf zu essen; wie sie Reis mit Pillen eines Nahrungsergänzungsmittels gelb färbten und Bananenschalen in ein falsches Haschee verwandelten.

Maria ist 43 Jahre alt; sie erinnert sich noch gut an die Zeit, als die kubanische Wirtschaft am Boden lag. Zunächst war es Treibstoff, dann Autobusse und schließlich fehlte Speiseöl. „Meine Schwester arbeitete in einem pharmazeutischen Labor“, sagt Maria, „und deshalb durfte sie Paraffinöl mit nach Hause nehmen; das Produkt wurde bei der Herstellung von bestimmten Arzneimitteln verwendet und hatte weder Geruch noch Geschmack“.

„Meine Schwester arbeitete in einem pharmazeutischen Labor“, erinnert sich Maria,“und deshalb durfte sie Paraffinöl mit nach Hause nehmen“.

Das Problem von Paraffinöl, das man in jenen Jahren auf Kuba als Speiseöl-Ersatz in der Küche verwendete, war, dass es wie ein starkes Abführmittel wirkte. „Wenn man Nahrungsmittel in einen Tiegel mit kochendem Öl tat, entstand weißer Schaum, und später musste man mit einer Baumwoll-Einlage in der Unterwäsche das Haus verlassen, weil man wie ein defektes Auto tropfte“.

„Alle meine Kleider hatten Fettflecken, und weil ich keine Waschmittel und kaum Seife hatte, war das ein Problem“, erinnert sich Maria. “ Mir passierten schreckliche Dinge, wie bei meinem ersten Rendezvous, als ich einen Ölfleck auf meinem Stuhl hinterließ“. Aber jetzt schaut Maria nicht mehr zurück in die Vergangenheit, sondern sie sorgt sich um die Gegenwart. „Ich will nicht, dass mein Sohn durch so etwas durch muss; es reicht schon, dass es mir passiert ist“.

Maria ist anpassungsfähig; in diesen Tagen zieht sie es vor zu kochen, zu dünsten oder zu poschieren, statt zu braten.

Maria ist anpassungsfähig; in diesen Tagen zieht sie es vor zu kochen, zu dünsten oder zu poschieren, statt zu braten − übliche Verfahren in der kubanischen Küche, die in den letzten Jahrzehnten mangels Zutaten ärmer geworden ist. „Leute, die es wissen müssen, sagen, dass es ohne Öl gesünder ist und vielleicht haben sie damit sogar Recht, aber eine gute Ernährung drängt sich nicht mit einem Mangel auf, sondern man lernt sie mit der Möglichkeit auswählen zu können“, fügt Maria noch hinzu.

Übersetzung: Dieter Schubert


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Gestohlene Erinnerungen

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Kata Mojena Hernandez (Facebook)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 18. Februar 2019

Bei Razzien in den Häusern von Aktivisten, Oppositionellen und unabhängigen Journalisten kommt es immer wieder vor, dass die Staatssicherheit ausgerechnet persönliche Fotos und Videos beschlagnahmt. Sie entwenden das einzige Bild der Oma, das im Regal stand, den Schnappschuss vom Geburtstag des Enkelkinds und die Videoaufnahme der ersten Schritte, die das Baby im Wohnzimmer machte. Als hätten sie die Absicht, dass die Person durch den Verlust ihrer Erinnerungen den emotionalen Halt verlieren würde.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich vor einigen Jahren mit einer Dame in Weiß*) führte. Sie erzählte mir, dass unter den persönlichen Gegenständen, die man im März 2003 während der Polizeidurchsuchung in ihrem Haus beschlagnahmte, ihre Hochzeitsfotos waren und dass sie dieser Verlust besonders schmerzte. In jener Morgendämmerung des Schwarzen Frühlings, in der sie ihren Ehemann verhafteten, verlor sie die einzigen Bilder von diesem so besonderen Moment, in dem sie sich die Trauringe ansteckten, die Hochzeitstorte anschnitten und sich vor der Kamera küssten. Man gab ihr die Fotos nie zurück, obwohl diese nichts zu der Anklage der Staatsanwaltschaft gegen ihren Mann beitrugen, die ihn für mehr als sieben Jahre ins Gefängnis brachte.

Nun lese ich diesen Text von Kata Mojena und stelle fest, dass sich bei den Razzien in mehreren Wohnungen von Aktivisten der oppositionellen Unión Patriótica de Cuba vergangenen Montag dasselbe repressive Vorgehen wiederholt hat, sowie dieselbe absurde Beschlagnahmung privater Gegenstände und Familienerinnerungen, die keinen politischen Wert haben. Jedoch besitzen sie einen unschätzbaren Wert für den Menschen. Die Strategie bleibt gleich: der Person das wegzunehmen, was sie zu der Person macht; sie auf die Gegenwart zu reduzieren; ihr alle emotionalen Elemente zu entziehen, die sie vervollkommnen; ihr das Zeugnis dessen zu entreißen, was ihr in Form von Lebenserfahrung nicht genommen werden kann. Letztendlich bedeutet das auch von ihrer Geschichte Besitz zu ergreifen.

Zum Glück gibt es mittlerweile soziale Netzwerke, um all das unmittelbar an die Öffentlichkeit zu bringen. Man muss nicht jahrelang darauf warten, dass die Welt davon erfährt, dass die ablehnenden Reaktionen gehört werden und der Spott der Menschen diese „Diebe der Erinnerungen“ trifft, die – aufgrund von so häufigem Amtsmissbrauch in der Vergangenheit und der Gegenwart – in panische Angst vor der Zukunft geraten.

 

Kata Mojena Hernandez schreibt auf Facebook

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Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkung der Übersetzerin:
*) Die Damen in Weiß (Damas de Blanco) sind eine kubanische Menschenrechtsgruppe, die 2003 als Zusammenschluss von Angehörigen und Lebenspartnern regierungskritischer Journalisten, Oppositionspolitiker und Menschenrecht-Aktivisten entstand, welche im Rahmen des Schwarzen Frühlings verhaftet und verurteilt worden waren.


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Die Solidarität der Bürger nach dem Tornado ist ein Zeichen für eine lebendige Zivilgesellschaft.

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Das Engagement der Bürger, denjenigen zu helfen, die durch den Tornado geschädigt wurden, gibt Hoffnung auf die Art und Organisationsfähigkeit der kubanischen Zivilgesellschaft. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 5. Februar 2019

In diesen Tagen haben wir bewegende Zeichen der Solidarität mit den Opfern des Wirbelsturms gesehen, der Havanna getroffen hat. Taxifahrer, die ihre Taxis kostenlos zur Verfügung stellen um Spenden zu transportieren; private Restaurants, die Essen unter denen verteilen, die alles verloren haben; Künstler, die Wasser in die am stärksten betroffenen Gebiete transportieren und Ausgewanderte, die mit Kampagnen zum Spenden von Lebensmitteln aufrufen, die dann auf die Insel geschickt werden. Oftmals sind die Protagonisten dieser Hilfe Menschen, die selbst sehr wenig oder fast nichts haben.

Das Entstehen dieser spontanen und uneigennützigen Bürgerreaktion verspricht Hoffnung, was die Natur und die organisatorischen Fähigkeiten der kubanischen Zivilgesellschaft angeht. Obwohl die Initiativen nicht auf die Koordination von Massenmedien zählen konnten und nicht selten mit dem Unverständnis der lokalen Behörden kämpfen mussten, sowie mit dem Versuch der Plaza de la Revolución (Regierung) die Lieferung von Spenden zu monopolisieren, sind Effizienz und Volumen der gesammelten Spenden beeindruckend.

Nach Jahrzehnten, in denen das Recht auf Versammlungsfreiheit nicht gewährleistet war, gibt es auf dieser Insel noch die Bereitschaft und das Engagement, eine humanitäre Spendenkampagne zu organisieren, die autonom und effektiv arbeitet.

Ebenso gibt die Tatsache Hoffnung, − nach Jahrzehnten, in denen die Versammlungsfreiheit nicht gewährleistet war und nur offizielle Organisationen erlaubt waren − dass es auf dieser Insel noch die Bereitschaft und das Engagement gibt, eine humanitäre Spendenaktion zu organisieren, die autonom und erfolgreich arbeitet. Hervorzuheben sind die selbstständigen Einzelhändler, nach jahrelang unter den Anschuldigungen litten, sich zu bereichern oder „besser leben zu wollen“ als das Volk. Ganz besonders sie haben ihren Teil zur humanitären Hilfe beigetragen.

Die Solidaritätsbekundungen stammen von Restaurants wie „D´ la abuela“, die ein wirksames System etabliert haben, mit dem jeder Interessierte online ein Tagesgericht kaufen kann, um dieses dann in die am stärksten betroffenen Viertel Luyanó, Regla, Santo Suárez und Guanabacoa zu bringen. Auch Musiker tragen ihren Teil zur Hilfe bei, sie geben Konzerte in privaten Räumlichkeiten und sammeln Geld. Zu erwähnen ist auch das Verhalten unabhängiger Reporter, die nicht nur direkt von den Opfern berichten, sondern auch helfen, Informationen zusammenzustellen, sodass die Hilfe die Betroffenen direkt erreicht.

Sie alle sind die Helden dieser Tage, vor allem, weil sie für ihr Tun weder entlohnt werden noch „von oben“ dazu aufgerufen wurden, Trümmer wegzuräumen oder zu trösten. Hinter ihrem Engagement steckt der Wunsch helfen zu wollen, sowie das Gefühl, dass das Individuum in einer Zivilgesellschaft wichtig ist. Wie in einem großen Ameisenstaat tragen die kleinsten Gesten un die einfachsten Mittel dazu bei, das gemeinsame Bauwerk einer Bürgerschaft zu errichten und zu erhalten.

Ein Riesen Applaus für Alle.

Übersetzung: Berte Fleißig


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Was wird Kuba tun?

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Maduro leistet den Amtseid, begleitet von den Protesten einer starken Opposition, die sein Mandat nicht anerkennt. (EFE/Cristian Hernandez)

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 CARLOS ALBERTO MONTANER |Miami | 3. Februar 2019

Das Regime von Maduro geht unter. Was wird Kuba tun? Letzten Umfragen zufolge wollen 83,7% der Venezolaner händeringend diesen übergewichtigen und einfältigen Señor loswerden. Man setzt dabei auf den Ingenieur Juan Guaidó. Nur 4,6% unterstützen Maduro. Der Rest enthält sich der Stimme oder hat dazu keine Meinung.

Guaidó hat die Bevölkerung klar auf seiner Seite und er erhält die Unterstützung von mehr als 50 demokratischen Ländern und von den am höchsten anerkannten internationalen Organisationen: OEA (Organisation Amerikanischer Staaten), BID (Interamerikanische Entwicklungsbank), das Parlament der EU, die Lima-Gruppe. Maduro, dagegen, erhält Rückhalt vom Iran, von Russland, der Türkei, Bolivien, Kuba, Nicaragua, El Salvador, und von der lautstarken kolumbianischen Drogen-Guerilla, die ihre Camps in Venezuela hat: die FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) und die ELN (Nationale Befreiungsarmee Kolumbiens).

Ich wiederhole: Was wird Kuba tun? Die kubanischen politischen Akteure sind in der Analyse einer Meinung; aber das zeigt sich nur in (nicht ganz so) geheimen Dokumenten, die sie fast täglich im Diplomatengepäck nach Havanna schicken. Sie trauen weder dem Telefon noch dem Internet und auch nicht den verschlüsselten Botschaften. Mittlerweile hat Rogelio Polanco, der kubanische Botschafter in Venezuela, die Chavisten dazu aufgerufen Widerstand zu leisten. Vor kurzem tat er dies bei der Eröffnung des Lehrstuhls „José Martí-Fidel Castro“ an der Nationalen Experimentellen Universität „Simón Rodriguez“ in Petare. Kuba, sagte er, konnte die jahrzehntelange Belagerung durch die Vereinigten Staaten überstehen. Venezuela kann dasselbe erreichen, wenn es „Schützengräben aushebt und in Stellung geht. Der Befehl lautet: Widerstand leisten! Kuba, heldenmütig, ist bereit bis zum letzten Venezolaner zu kämpfen“.

Polanco weiß, dass das, was er sagt, nicht stimmt; aber er kam nicht in dieses Amt um die Wahrheit zu sagen, sondern um die venezolanische Unterstützung und die Subventionen für die Insel zu retten. Das ist seine Mission. Er ist ein Journalist, mit Beziehungen zum Geheimdienst, aus dem ein Diplomat wurde, kein Professor für Ethik. Man sieht aber, dass die Diskrepanz zwischen dem was er sagt und dem was er sagen muss ihm Unbehagen bereitet. Denn Polanco weiß sehr wohl, dass das Chaos in Venezuela noch wesentlich größer ist, als auf Kuba.

Polanco hält Maduro − wie fast der gesamte kubanische Machtapparat − für einen Schwachkopf, muss ihn aber anlächeln.

Polanco hält Maduro − wie fast der gesamte kubanische Machtapparat − für einen Schwachkopf, muss ihn aber anlächeln. In Venezuela beträgt die jährliche Inflation mehrere Millionen. Die Unterversorgung ist absolut. Der Mangel an Medikamenten grenzt an Kriminalität. Die Mordrate ist extrem hoch. In Caracas gewaltsam zu sterben ist wahrscheinlicher, als in Kabul. Hinzu kommt der Entschluss der Vereinigten Staaten, die Diktatur Maduros zu beerdigen, ehe der Zusammenbruch Venezuelas und der nicht mehr kontrollierbare Exodus die gesamte Region noch mehr in Mitleidenschaft ziehen.
Seit dem Tod von Kennedy wurde die kubanische Diktatur von Washington toleriert.

Zunächst, wegen der Unterstützung durch die Sowjetunion, dann wegen der Überzeugung, dass sie ohnehin zum Untergang verurteilt ist und dass der Versuch, sie zu liquidieren, das Risiko nicht wert ist. Dies habe ich oft in den Vereinigten Staaten gehört. Im Hinblick auf die Ungewissheit bei einem krachenden Zusammenbruchs des Landes, favorisierte man die Idee nichts zu tun, aus Angst vor einem ausuferndem Exodus und vor den enormen Kosten ein Land wieder aufzubauen, das jahrzehntelang von einer kommunistischen Führung vernachlässigt wurde.

Warum mit Kanonen auf einen Moskito schießen, wenn der ohnedies bald stirbt?

Sogar Clinton billigte Castro zwanzigtausend Visa im Jahr zu, um ihn zu beschwichtigen. Das diente ihm als Ventil. Es bestand kein Grund zur Eile. Insgeheim existierte die Vorstellung, dass es Sache einer anderen Administration wäre, sich mit dem unvermeidlichen Ende des Castrismus auseinanderzusetzen.

Warum mit Kanonen auf einen Moskito schießen, wenn der ohnedies bald stirbt?
Diese Haltung hat nichts mit dem aggressiven Verhalten der Trump-Regierung zu tun, die entschlossen ist, Maduro mit Sanktionen solange unter Druck zu setzen, bis er aufgibt. Auf dem Finanzsektor sind die Vereinigten Staaten der Hausherr der Welt. Die USA halten 22% des weltweiten BIP, und 80% der wirtschaftlichen Transaktionen werden über das amerikanische Bankensystem in Dollar abgewickelt. Das würde es beispielweise den USA ermöglichen, Geldüberweisungen nach Kuba zu verbieten und Länder, die das Embargo verletzen, wie Feinde zu behandeln. Binnen 60 Tagen würde sich die große kubanische Armut in ein absolutes Elend verwandeln, was das Fass zum Überlaufen brächte.

Ich komme auf meine Anfangsfrage zurück: Was wird Kuba tun? Es deutet alles darauf hin, dass man die Venezolaner auffordert Widerstand zu leisten und dann heimlich die kubanischen Truppen abzieht, die Inspektoren zurückholt und kompromittierende Inhalte auf Festplatten löscht. Die kubanische Regierung ist völlig unproduktiv, aber ein wesentlicher Charakterzug von Raúl Castro ist seine Besonnenheit. Fidel hätte anders gehandelt, wesentlich verrückter, wie damals, als er die UdSSR dazu aufforderte, sie sollten mit ihren Raketen „präventiv“ die Vereinigten Staaten vernichten. Aber zum Glück für alle Kubaner, Fidel liegt begraben auf dem Friedhof ‚Santa Ifigenia‘ in Santiago de Cuba − sagt man zumindest.

            Übersetzung: Dieter Schubert


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Nicolás Maduro klammert sich an die Macht, ohne Rücksicht auf das Land

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In der zweiten Nacht mit Protesten, in diesem von Krisen geschüttelten Januar, legten die Demonstranten in San Felix Feuer an eine Statue von Hugo Chávez. (Efecto Cocuyo)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 26. Januar 2019

Wenn Populisten irgendetwas eint, außer daran zu glauben, dass sie eine ganze Nation verkörpern, dann ist es ihr Unvermögen von der Macht zu lassen, wenn ihre Projekte an ihr Ende gekommen sind. Die Entscheidung sich ans Staatsruder zu klammern, koste es was es wolle, teilt Nicolás Maduro mit zahlreichen Führern Lateinamerikas, allerdings ist er das jüngste und dramatischte Beispiel.

Abgelehnt von vielen Venezolanern, verschrien als Diktator von einer ansehnlichen Zahl von Regierungen und offensichtlich unfähig, sein Land aus dem wirtschaftlichen Sumpf zu ziehen, will der Nachfolger von Hugo Chávez die Zeichen der Zeit nicht wahrhaben. Maduro klebt an der Macht, mehr darauf bedacht eine militärische Führungsspitze zu retten, als sich um das Wohlergehen von mehr als 30 Millionen Menschen zu kümmern.

Wenn er auf dem Präsidentenstuhl bliebe, glaubt er, würden sich die Venezolaner letztlich beruhigen, und Ermüdungserscheinungen, verbunden mit repressiven Maßnahmen, würden die öffentlichen Protestaktionen abklingen lassen, die in den letzten Tagen das südamerikanische Land erschüttert haben. Maduro setzt alles auf eine Karte, weil er nicht akzeptieren will, dass seine Zeit abgelaufen ist. Er will allen die Zähne zeigen, die ihm zureden auf das Amt zu verzichten, freie Wahlen auszurufen oder ins Exil zu gehen.

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Der Druck der Straße wurde überwältigend und hat Juan Guaidó veranlasst, sich zum Interims-Präsidenten auszurufen. (EFE)

Maduro klammert sich zum Teil an den Präsidentenstuhl, um ein zu erwartendes juristisches Verfahren von sich abzuwenden, weil er eines der reichsten Länder der Welt ausplündert, hunderttausende von Venezolanern ins Exil getrieben hat und anordnete, dass die Streitkräfte ihre Waffen gegen die Bevölkerung richten sollten. Weil er aber versucht, das Urteil der Bürger auf später zu verschieben, lässt Maduro den Chavismus hinter sich, ohne jede Möglichkeit dem Urteil der Geschichte zu entgehen.

Jeden Tag, den er länger auf dem Posten des Staatschefs bleibt, den er sich mit Wahlen voller Unregelmäßigkeiten widerrechtlich angeeignet hat, zerstört er das, was als Erbe seines Vorgängers im kollektiven Gedächtnis hätte bleiben können. Weder Oppositionelle noch die rechtslastigen Regierungen der Region waren so effektiv darin, den Mythos Hugo Cháves zu demontieren, wie Maduro.

Nicht ohne Grund, schon in der zweiten Protestnacht dieses von Krisen geschüttelten Januars, legten die Demonstranten in San Félix Feuer an die Statue des Kommandanten eines Fallschirmjäger-Bataillons. Die Flammen richteten sich vor allem gegen den Mythos um Hugo Cháves, der am Ende des vergangenen Jahrhunderts die ersten Gitterstäbe in den Käfig einzog, den Maduro heute geschlossen halten will.

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Am vergangenen Donnerstag stellte Juan Guaidó an der Zentraluniversität in Caracas seinen Wirtschaft-und Sozialplan, der das Land aus der Krise führen soll. (@jguaido)

Indem der junge Politiker Juan Guaidó sich selbst zum Interims-Präsidenten ausrief, hat er dem Thema Venezuela nicht nur zu internationaler Aufmerksamkeit verholfen, sondern auch alle jene vor einen Spiegel gestellt, die die Extravaganzen von Chávez unterstützt haben, der bei seinen Reden auch sang und sich für eine Reinkarnation von Simón Bolívar hielt. Nicht wenige seiner glühenden Anhänger haben sich in diesen Tagen beeilt, ein verspätetes mea culpa anzustimmen.

Heute ist Nicolás Maduro der wichtigste Totengräber des Chavismus und er betreibt die effektivste Demontage eines Systems, das anfangs den Applaus von Millionen von Anhängern hervorrief − wo auch immer auf unserem Planeten.

Dennoch handelt es sich um das Begräbnis einer Ideologie. Jeden Tag, an dem der venezolanische Regierungschef weiter im Amt bleibt, wird sich die Tragödie des Landes vertiefen. Bis zum vergangenen Freitag hat die venezolanische NGO Beobachtungsstelle für soziale Konfliktsituationen (Observatorio Venezolano de Conflictividad Social) insgesamt 26 Personen benannt, die bei Protesten gegen Maduro ums Leben gekommen sind. Die Wirtschaft des Landes ist gelähmt, und über die Grenzen fliehen jeden Tag weiterhin viele tausend Bürger.

Wegen der Sturheit einer Handvoll Boliburgueses*)  hat sich Unsicherheit darüber verbreitet, wohin das Land treibt und das Phantom eines Blutbads wiederbelebt. Das Verhalten der militärischen Führung hat diesem blutigen Szenario „Rückhalt“ verschafft, weil alle Populisten es vorziehen, ein Land bei ihrem Fall mitzureißen – das Land, das sie ursprünglich vorgaben zu repräsentieren, ehe sie ihr Scheitern bemerkten.

Es steht der internationalen Gemeinschaft zu dafür zu sorgen, dass in diesem historischen Abgrund, in den Maduro gerade stürzt, auch Platz für die Kamarilla ist, die Venezuela regiert − und auch für den autoritären Chavismus, der ihr den Aufstieg ermöglichte.

             Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkungen des Übersetzers:
*) Venezuela heißt offiziell República Bolivariana de Venezuela. Bolibuguesía, ein Neuwort, das sich aus bolivariano und Burguesía (Bürgertum) zusammensetzt. Damit bezeichnet man Unternehmer, Funktionäre und Beamte, die mit dem Ex-Präsidenten Hugo Chavez zu ihrem Vorteil zusammenarbeiteten. (Wikipedia)


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First Ladies: Ein ungenutztes Potenzial in Lateinamerika

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Nach diesem langen Zeitraum, in dem die Führung des Landes Haare auf der Brust hatte und Röcke nur im Hintergrund standen, zeigt sich nun eine Frau, die den Präsidenten bei der Hand nimmt und ihn zu seinen internationalen Terminen begleitet. Das Problem dabei ist aber, dass sie selbst nichts sagt. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 27. November 2018

In Zeiten, in denen man so oft über feministische Forderungen und Kampagnen im #MeToo Stil spricht und in denen die Darstellung der Frau in den Medien diskutiert wird, lohnt es sich, die Figur der First Lady in mehreren lateinamerikanischen Regierungen einmal näher zu betrachten.

 Im Gegensatz zu manchen europäischen Ländern und einigen Momenten in der amerikanischen Geschichte, haben die First Ladies in diesem Teil der Welt, der vom Rio Bravo bis hin zu Patagonien führt, selten ihren Einfluss und ihre Medienpräsenz genutzt, um moderne Ansichten mit dem weiblichen Publikum zu teilen. Sie waren viel eher „Zierpüppchen“, die den jeweiligen Staatschef zu seinen Reden, offiziellen Unterschriften und Staatbesuchen begleiteten. Dabei waren sie immer weit davon entfernt wie jemand aufzutreten, der seine eigene Stimme an die Nation richtet.

 Wie wäre es, wenn sie diese Position nutzen würden, um Einfluss auf so viel mehr als nur Kleidungsstile und Frisurentrends zu nehmen? Die lateinamerikanischen First Ladies sollten mit dem Klischee eines hübschen Gesichts, das alles was der Präsident macht mit einem Lächeln abnickt brechen und stattdessen neue Rollenbilder vorantreiben. Dazu gehört es mehr Raum einzufordern und jene Geschichten vorzuleben, die Frauen dieser Region dazu inspirieren jegliche Art von Geringschätzung und Gewalt abzuschütteln.

 Es gibt schwer zu bewertende Fälle, wie den der neuen kubanischen First Lady Lis Cuesta, deren Name seit mehr als 50 Jahren der Erste ist, der offiziell mit dem Staatschef in Verbindung steht. Nach diesem langen Zeitraum, in dem die Führung des Landes Haare auf der Brust hatte und Röcke nur im Hintergrund standen, zeigt sich nun eine Frau, die den Präsidenten bei der Hand nimmt und ihn zu seinen internationalen Terminen begleitet. Das Problem dabei ist aber, dass sie selbst nichts sagt. Allerdings weiß man nicht, ob diese „Unsichtbarkeit“ ihr eigener Wunsch ist oder ob es ihr schlichtweg untersagt wird.

Die lateinamerikanischen First Ladies sollten mit dem Klischee eines hübschen Gesichts, das alles was der Präsident macht mit einem Lächeln abnickt brechen und stattdessen neue Rollenbilder vorantreiben.

 Es spielt keine Rolle, ob sie mit den höchsten Autoritäten Chinas zusammensitzt oder durch die Straßen Londons spaziert, denn das große Problem ist, dass wir Kubaner weder ihre Stimme kennen, noch wissen, was sie über die wichtigsten Themen für unsere Nation zu sagen hat.

 In anderen Ländern Lateinamerikas ist das Problem dagegen ihre übertriebene Medienpräsenz oder, dass die First Lady in der Klatschpresse oder auf Modeseiten ins Lächerliche gezogen wird, da nur die Länge ihrer Röcke oder die Qualität ihres Make-ups diskutiert wird. Auf der Insel, auf der ich lebe, wird die Stimme der Frau des Staatschefs dagegen unterdrückt, sie zeigt sich wie eine schwache Abweichung der etablierten Ideologie, eine gekünstelte Geste der Autoritäten.

 Es ist an der Zeit, dass die Person an der Seite des mächtigsten Mannes des Landes mehr repräsentiert als nur „eine hübsche Begleitung“. Sie sollte nicht wie ein geblümter Vorhang oder eine schöne Vase ohne Stimme dargestellt werden – und noch viel weniger wie ein Kunstblume, immer frisch und parfümiert, selbst in den schlimmsten Zeiten.

 Eine  First Lady sollte wie ein Spiegelbild für die Frauen Lateinamerikas sein, in dem viele von ihnen ihr eigenes Potenzial erkennen können. Sie sollte ein Aufruf dazu sein, Projekte zu starten und eine andere Zukunft wiederspiegeln. Sind die Damen im Palast dazu bereit, den Kleiderschrank gegen einen wirklichen Einfluss einzutauschen und die Absätze zu Gunsten von sozialen Aufgaben links liegen zu lassen? Wir hoffen es.

              Übersetzung: Anja Seelmann
Diese Kolumne wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der Deutschen Welle publiziert.


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Sechs Jahrzehnte mit einer unerreichbaren Utopie

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Januar 2019; vor 60 Jahren begann ein Prozess, auf den Millionen Kubaner ihre Hoffnung setzten, ohne dass er heute den Träumen ähneln würde, die er ursprünglich auslöste. (Archivo)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 2. Januar 2019

Der alte Ramón war ein bartloser Jüngling, als Fidel Castro im Januar 1959 in die Hauptstadt Havanna hineinfuhr. Wenig später beschloss er Milizionär zu werden, um das zu verteidigen, was damals viele Kubaner stolz „die Revolution“ nannten. Heute, mit einer Rente von weniger als 20 Euros im Monat, lebt der Rentner von dem Geld, das ihm seine Enkel schicken, die auf die anderen Seite der Floridastraße emigrierten, in ein Land, auf das Ramón mit seinem Gewehr zielte, wenn er – mitten im Kalten Krieg – in einer militärischen Einheit auf Wache stand.

Im Januar 2019 jährt sich das Ereignis, auf das Millionen von Kubanern ihre Hoffnungen setzten, zum sechzigsten Mal, ohne das die Träume von Jugendlichen wie Ramón Wirklichkeit geworden wären, und ohne dass die, die auf der Insel blieben, ein freies und würdiges Leben gehabt hätten. Heute bezeichnen nur noch Wenige das politische Modell, das die Bärtigen nach der Machtübernahme etablierten, als „Revolution“. Stattdessen zieht man es vor „System“ zu sagen, oder einfach „das da“, oder „die Sache“. Von den Anführern in olivgrün, die von der Sierra Maestra herunter kamen, sind heute nur noch ein paar Achtzigjährige übrig, und denen begegnet die Bevölkerung weder mit Bewunderung noch mit Respekt.

Von den anfänglichen Verheißungen, die von Chancen für alle und bürgerlichen Freiheiten sprachen, hat auch fast nicht überlebt.

Von den anfänglichen Verheißungen, die von Chancen für alle und bürgerlichen Freiheiten sprachen, hat auch fast nicht überlebt. Statt individuelle und allgemeine Freiräume zu schaffen, hat der Castrismus ein rigoroses Gefüge aus Überwachung und Kontrolle aufrecht erhalten; es war seine erfolgreichste „Leistung“ und das dauerhafteste „Resultat“. Was die soziale Gerechtigkeit anbelangt, auch da gibt es wenig Anlass zu feiern. Auf den Straßen sieht man den sozialen Unterschied, der Regierungsbonzen von Rentnern, von Kubanern mit dunkler Hautfarbe und von der Landbevölkerung trennt. Die Neureichen halten Abstand zu denen, die jeden Tag ärmer werden.

Andererseits hat die Regierung in den letzten Jahren an Boden verloren, den sie an die Mechanismen des Marktes abtreten musste, die sie mit ihren Parolen so sehr kritisiert hat. Der private Sektor, mit mehr als einer Million Beschäftigten, hat die Ineffizienz des staatlichen Apparats bewiesen, wobei dieser Teil der Wirtschaft ständig an die Grenzen von Restriktionen stößt, die es für Unternehmertum und Kreativität weiterhin gibt. Nachdem der Platz der Revolution (Regierung) schon 1968 die bescheidenen Essensstände konfisziert hat, verkauft er die Insel jetzt Stück für Stück an ausländische Investoren.

Von den beiden „Kronjuwelen“, dem öffentlichen Unterrichtsystem und dem Gesundheitssystem, ist auch nicht mehr viel vorzeigbar. Diese öffentlichen Institutionen erreichen zunehmend den letzten Winkel des Landes, aber die Verschlechterung der Infrastruktur, die niedrigen Löhne von Lehrern und Ärzten − in Verbindung mit ideologischen Exzessen und einer hohlen Ethik − haben dazu geführt, dass Klassenzimmer und Krankenhäuser nicht mehr den Vorstellungen eines gebildeten Volkes entsprechen. Die gute medizinische Versorgung löste früher einmal den Beifall von vielen Tausend Kubanern aus, die sich versammelten, um den Marathon-Reden des Chefkommandanten zu lauschen.

Heute, wo man bei den offiziellen Feiern zum 60.Jahrestag von einem sozio-politischen Prozess spricht, werden nur noch Wenige ihn „revolutionär“ nennen wollen. Leute wie Ramón und seine Enkel ziehen Bilanz: was haben sie nicht erreicht, welche Illusionen mussten sie am Straßenrand „parken“, ….und dass dieses autoritäre System nicht funktioniert, das aus den Illusionen von damals hervorgegangen ist.

          Übersetzung: Dieter Schubert
Dieser Text wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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