Ein Barometer zur Messung der Korruption in Lateinamerika

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Die Wahrnehmung der Korruption in Lateinamerika ist sehr hoch, vor allem in Venezuela.

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 02. Oktober 2019

Sie lächeln, trinken ein paar Gläser und einige Scheine wechseln den Besitzer. Mit ihnen werden auch Gefälligkeiten ausgetauscht, Allianzen gebildet, Vorrechte bei Ausschreibungen angeboten und die Lokalpolitik beeinflusst. Die Szene könnte sich überall in Lateinamerika abspielen, einem Kontinent, der nach wie vor von korrupten Praktiken, Misswirtschaft bei öffentlichen Geldern und Stimmenkauf geprägt ist.

Die zehnte Ausgabe des von Transparency International herausgegebenen Global Corruption Barometer (GCB)- Berichts nimmt den Krebs minutiös unter die Lupe, der Institutionen, Unternehmen und den Alltag krank macht. Der Bericht erkennt an, dass „in den letzten fünf Jahren große Fortschritte erzielt wurden“ und nennt als Beispiel die Untersuchung der Operation Lava Jato in Brasilien, zeigt aber auch, dass die Mehrheit der Bürger der Ansicht ist, dass ihre Regierungen „nicht genug tun, um die Korruption zu bekämpfen“.

Unter den befragten Bürgern aus 18 Länder des Kontinents stehen die Venezolaner mit 87 % an der Spitze derjenigen, die glauben, dass die Korruption in den letzten 12 Monaten zugenommen hat, gefolgt von 66 % der Dominikaner und 65 % der Peruaner. Auch 52 % der Kolumbianer teilen diese Meinung sowie 37 % der Bürger von Barbados.

Darüber hinaus warnt der Bericht vor den schädlichen und unverhältnismäßigen Auswirkungen korrupter Praktiken auf gefährdete Bereiche der Gesellschaft, insbesondere auf Frauen. Viele Frauen „sind gezwungen, sexuelle Gefälligkeiten im Austausch für öffentliche Dienstleistungen zu gewähren, im Zusammenhang mit Gesundheit und Bildung. Diese Gepflogenheit wird als sexuelle Erpressung oder ‚Sextorierung‘ bezeichnet“, hebt der Text hervor. Eine Situation, die bisher nicht in die Jahresberichte aufgenommen wurde, deren Häufigkeit aber zu einer stärkeren Offenlegung geführt hat.

21 % der Lateinamerikaner, die an diesen Umfragen teilgenommen haben, behaupten auch, dass die meisten oder alle mit der Presse in Verbindung stehenden Personen korrupt sind.

21 % der Lateinamerikaner, die an diesen Umfragen teilgenommen haben, behaupten auch, dass die meisten oder alle mit der Presse in Verbindung stehenden Personen korrupt sind. Die Straflosigkeit ist noch umfangreicher, weil diejenigen, die die Seiten der Zeitungen und Fernseh- oder Radiomikrofone benutzen müssen, um den Schmutz der Mächtigen anzuprangern, gekauft werden. Man bringt sie zum Schweigen und lässt sie die Fakten verzerren.

Glücklicherweise erreicht diese Übereinstimmung zwischen Macht und Presse, zwischen Feder und Pfründe nicht alle Reporter und Medien. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Fälle von Bestechung, Schmiergeld und Korruption zunächst über die Zeitungen und Mikrofone von Fernsehen oder Radio bekannt wurden. Dies führte zwingend dazu, gerichtliche Ermittlungen einzuleiten und die Beteiligten hinter Gitter zu bringen. Aber es muss noch mehr getan werden.

Was würden lateinamerikanische Bürger sagen, wenn man sie nach ihren eigenen täglichen Handlungen gegen diese Praktiken fragte? Wären sie nicht nur bereit auf Regierungen, Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und Journalisten als Teile dieses Verfalls hinzuweisen, sondern auch ihre eigene Rolle in einer so katastrophalen Situation anzuerkennen? Es spielt keine Rolle, ob sie eine Robe, eine Militäruniform, die Krawatte des Geschäftsmannes, das Tonbandgerät des Reporters oder den einfachen Overall eines Arbeiters tragen. Wir alle müssen uns diesem Monster mit seinen tausend Köpfen stellen − jede Minute, und gewissenhaft.

Übersetzung: Lena Hartwig


Dieser Beitrag wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der „Deutschen Welle“ publiziert.

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Ein Land, das von einem Schiff abhängig ist.

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Es genügt, dass ein Öltanker sich verspätet und das ganze Land ist gelähmt. (Pdvsa.com)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |25. September 2019

Uns wurde immer ein Heiliger Gral versprochen. Ende der 1960er Jahre schlug das Herz ganz Kubas im Rhythmus der so genannten „Zuckerrohrernte der 10 Millionen“*), während in den Jahren der Wirtschaftskrise, die als „Sonderperiode“ bekannt ist, sich die Hoffnungen auf den „Ernährungsplan“ konzentrierten, der sowohl Teller als auch Mägen füllen sollte. Jetzt klammern sich alle Illusionen von 11 Millionen Menschen daran, dass venezolanische Öltanker mit ihrer wertvollen Fracht auf dieser Insel ankommen, andocken und entladen.

Das Land erlebt einen neuen wirtschaftlichen Rückfall, den einige nur als neues Symptom der langen Krankheit der Unproduktivität, Abhängigkeit von ausländischen Subventionen und der Unfähigkeit des kubanischen Wirtschaftsmodells, Effizienz und Wohlstand zu erzeugen, betrachten. Die Regierung ruft zur Ruhe auf und hat den aktuellen Umstand „Konjunktur“ genannt, ein Wort, das der Neosprache würdig ist, die wir bei der Plaza de la Revolución gewohnt sind, die den Privatsektor in „auf eigene Faust“ umbenannte, die Arbeitslosen in „verfügbare Arbeitskräfte“ und die Diktatur in „Demokratie einer einzigen Partei“.

Jenseits von Namen und Phrasen des öffentlichen Diskurses hat die Realität ihr eigenes Vokabular. Die langen Warteschlangen an den Bushaltestellen, der Mangel an Grundnahrungsmitteln und die Stunden des Wartens, die für eine Tankfüllung in Kauf genommen werden müssen, finden in Gesprächen auf der Straße ihren eigenen Formen: „Die Sache ist schlecht“, „das wird noch lange so bleiben“ und „es ist nicht einfach“ sind einige der Ausdrücke, die man nun überall auf der Insel hört. Es fehlt auch nicht an Humor, ein Ausweg aus der Frustration einer Gesellschaft, die alle Arten von Parodien und Wortspiele mit dem augenblicklichen „konjunkturell“ macht.

Das Land erlebt einen neuen wirtschaftlichen Rückfall, den einige nur als neues Symptom der langen Krankheit betrachten: der Unproduktivität, der Abhängigkeit von ausländischen Subventionen und der Unfähigkeit des kubanischen Wirtschaftsmodells, Effizienz und Wohlstand zu erzeugen.

Trotz der „Energiewende“ zu Beginn dieses Jahrhunderts ist Kuba heute stärker von fossilen Brennstoffen abhängig als noch vor einem Jahrzehnt. Es reicht schon aus, dass sich nur ein Öltanker verspätet, um das ganze Land lahmzulegen, bis das nächste Schiff ankommt. Die katastrophale Situation der venezolanischen Wirtschaft macht die Ankunft dieser Schiffe noch gefährlicher. Dazu kommen außerdem noch die von Washington ergriffenen Maßnahmen hinzukommen, um zu verhindern, dass das schwarze Gold dieses südamerikanischen Landes Havanna weiterhin stützt.

Wie so oft in der nationalen Geschichte des letzten halben Jahrhunderts wird sich die Krise nicht nur in längeren Warteschlangen und traurigeren Gesichtern, in leeren Tellern und hoffnungsloseren Menschen äußern… sie wird auch einen Anstieg der Zahl der Menschen beeinflussen, die sich entscheiden, ihre Taschen zu packen und zu gehen. Exodus und Flucht waren in den letzten Jahrzehnten ein untrennbarer Bestandteil des nationalen Lebens. Während Analysten darüber diskutieren, ob dieser Moment – ja oder nein – eine Verlängerung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs der 90er Jahre ist, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, sind wir uns alle in einer Sache einig: Es ist die gleiche alte Flucht, diese lange Flucht, die uns vertraut geworden ist, wie die Krise selbst.

         Übersetzung: Berte Fleißig

Anmerkung der Übersetzerin:
Kuba 1970: Mit dem erklärten Ziel, die finanzielle Situation der Insel zu verbessern, hat die Regierung alle Mittel und Möglichkeiten eingesetzt, um die Produktion von 10 Millionen Tonnen Rohzucker zu erreichen. Das Planziel wurde mit etwa 8 Millionen Tonnen verfehlt. (Wikipedia)

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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Die Welt streift die alte Haut ab

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Die erste „Gesellschaft mit offenem Zugang“ war die US-amerikanische Republik ab dem Jahr 1775, so der Autor Carlos A. Montaner. (Archiv)

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 Carlos A. Montaner | Miami | 21. September 2019

In Demokratien geht es drunter und drüber, aber sie bewegen sich. Mit Ach und Krach, mit Demonstrationen und Gegendemonstrationen, aber sie bewegen sich in die richtige Richtung. Die Skandale, die im Umfeld von Odebrecht, der FIFA oder Siemens ans Licht kamen, sind dafür ein Beweis. Die Welt wechselt gerade die Haut.

 Das Vereinigte Königreich weiß nicht, wie es sich von der Europäischen Union trennen soll. In Spanien und Israel können sie sich nicht auf eine Koalitionsregierung verständigen, die fähig wäre, die in beiden Parlamenten unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen miteinander zu versöhnen. In Argentinien, einem Land, das seit 70 Jahren an „Populismus“ leidet, wird man die Staatsführung wieder einer inkompetenten und unredlichen Frau anvertrauen, die das Land schon an den Abgrund brachte und es minuziös ausplünderte. Trotzdem, wahr ist was Winstons Churchill melancholisch über Demokratie sagte: …“Sie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen“.

 Irgendwie, die Wahlmöglichkeiten sind überschaubar: Entweder gibt es eine Regierung, an deren Spitze allmächtige Männer stehen, oder man hat stattdessen allgemein gültige Gesetze, die eine unabhängige Judikative verwaltet.

Entweder leben wir in Staaten, wo ein Mann oder eine Gruppe von Männern befiehlt, oder – im entgegengesetzten Fall – in einem Staat, in dem eine von Gesetzen kontrollierte Exekutive von der Mehrheit akzeptiert wird, wie es demokratische Prinzipien empfehlen.

 Wir bereichern uns oder wir verarmen in einem wirtschaftlichen System, in dem der Vorteil regiert und eine zentrale Macht über Gewinner und Verlierer entscheidet. Oder, im umgekehrten Fall, wir entscheiden uns für einen offenen und freien Markt, in dem Angebot und Nachfrage blind bestimmen, wer sich bereichert und wer verarmt, ohne Ansehen der Person.

 Douglas North, ein brillanter nordamerikanischer Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, beschrieb die zwei Modelle, die die Menschheit kennengelernt hat, seit sie vor mehr als 10 Millionen Jahren sesshaft wurde und Staaten gründete. North unterscheidet „Gesellschaften mit beschränktem Zugang“ und „Gesellschaften mit offenen Zugang“. (Violence and the Rise of Open Access Orders. Journal of Democracy, 2009).

 Mehr gibt es nicht.

 Systeme mit „eingeschränktem Zugang“ etablierten binnen kurzer Zeit eine Verteilung von Wohltaten, die bis heute anhält und darin besteht, Einkünfte unter Bossen und Gefolgsleuten aufzuteilen. Von den 200 Nationen, die es auf unserem Planeten gibt, sind 140 oder 150 Gesellschaften solche mit  „eingeschränktem Zugang“; aber das ändert sich gerade. Es gibt einen unerwarteten Übergang von einem Modell zum anderen. Schon sind Privilegien nicht mehr vorzeigbar, wobei es nicht darum geht, sich am Rande von rechtmäßigen und wettbewerbsfähigen Aktivitäten zu bereichern.

 Die US-amerikanische Republik war ab 1776 die erste offene Gesellschaft, die sich mit der Abfassung der „Konstitution von Philadelphia“ weiter entwickelte. Da George Washington den Plan ablehnte, zum König ernannt zu werden, wählte man ein demokratisches Vorgehen, mit dem man Souveränität auf die Wählerschaft übertrug.

Das Modell der Vereinigten Staaten von Amerika fand Nachfolger; es wurde verworfen und wieder aufgegriffen: von Frankreich; Holland, Belgien Deutschland und sogar von den 28 Ländern der Europäischen Union.

 Es ist offenkundig, dass diese „Gesellschaft mit offenem Zugang“ – die als „Die Vereinigten Staaten“ das Licht der Welt erblickte – die Frauen, die schwarze und die eingeborene Bevölkerung nicht berücksichtigte, aber diese Republik war ein offenes Modell, absolut revolutionär, das es allen Personen erlaubte sich schrittweise einzugliedern.

 Aus den 4 Millionen Weißen im Jahr 1790 sind 325 oder 330 Millionen Menschen geworden, mit vielen Hautfarben und Religionen, wie es der Zensus von 2020 zeigen wird. Aus den ursprünglich 2 Millionen Quadratkilometern am Atlantik, die die 13 Gründerstaaten unter sich aufteilten, sind es von Küste zu Küste mehr als 9 Millionen geworden, aufgeteilt auf 50 Staaten, den Archipel Hawaii eingeschlossen.

 Das Vorbild der Vereinigten Staaten fand Nachfolger; es wurde verworfen und wieder aufgegriffen: von Frankreich; Holland, Belgien Deutschland und sogar von den 28 Ländern der Europäischen Union. Gleichzeitig, fast ganz Lateinamerika imitiert oder verwirft das offene amerikanische Modell, aber mit der Verfolgung von Korruption und von internationalen Straftaten wird die Zeit kommen, in der auch diese Länder akzeptieren, gewisse öffentliche Angelegenheiten so zu behandeln, wie es die Vereinigten Staaten tun.

In diese Richtung geht es.

Übersetzung: Dieter Schubert


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Zusammenleben und Geografie

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Die Erziehungsministerin von Kuba, Ena Elsa Velázquez Cobiella (Twitter)

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YOANI SÁNCHEZ |La Habana | 1. September 2019

Diese Woche haben sich die Staatsfunktionäre wieder einmal mit ihrer ungeschickten Kommunikationsstrategie einen Fauxpas in den sozialen Netzwerken geleistet. Diesmal trat die Erziehungsministerin Ena Elsa Velázquez ins Fettnäpfchen, als sie das Wort gegen die Auswanderer richtete. „Wer nicht in Kuba lebt, hat kein Recht, uns zu kritisieren“, schrieb sie letzten Samstag auf Twitter.

Der Abspaltung durch Republikflucht fügte Velázquez ein weiteres Merkmal hinzu, um zu definieren, wem es erlaubt sei, die Staatsgewalt der Insel in Frage zu stellen. „Wir akzeptieren die Kritik derer, die an unserer Seite stehen und bereit sind, unsere Not zu teilen und nach Lösungen zu suchen“, erklärte die Funktionärin in ihrem Tweet, der in wenigen Stunden Dutzende von Antworten erhielt.

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Los que no viven en Cuba no tienen derecho a criticarnos. Aceptamos las críticas de los que están junto a nosotros y están dispuestos a compartir nuestras carencias y buscar soluciones.

In die so enge Form, die die Ministerin definierte, passen nur einige wenige Auserwählte. Nach ihrer Definition darf nur derjenige Kritik üben, der auf nationalem Territorium lebt, „der Sache treu“ ergeben ist, der einen Leidensweg voller materieller Probleme mit einem Lächeln auf den Lippen hinter sich bringt und Lösungen vorschlägt, die nichts zu tun haben mit einem Wechsel des Regimes, nichts mit einer Kritik an den führenden Persönlichkeiten des Planungsablaufs und nichts mit einer negativen Einstellung gegenüber dem uns auferlegte Modell.

Nur so könnte dieser untadelige Aktivist und unverbrüchliche „Revolutionär“ mit der nötigen Ehrerbietung eine Meinung äußern, die kein Lob ist. Das Problem ist, dass Beispiele aus sechs Jahrzehnten zeigen, dass sein geäußerter Zweifel nicht einmal in diesem Fall wohlwollend aufgenommen würde, und dass Strafe, der Verlust der Reputation oder erzwungener Rückzug ins Privatleben diejenigen erwartet, die vom Applaus zur Kritik übergehen.

Nur derjenige darf kritisieren, der auf nationalem Territorium lebt, der „der Sache treu ergeben“ ist und einen Leidensweg voller materieller Probleme mit einem Lächeln auf den Lippen hinter sich bringt.

Die Verlautbarungen der Ministerin gehorchen auch einer traditionellen Strategie des Platzes der Revolution bezüglich des Exils. Von den Auswanderern alles annehmen, was Ressourcen, Geldsendungen und Hilfen bei offiziellen Angelegenheiten betrifft, aber sie fernhalten von Entscheidungen, Einflussnahme und Kritik an dem politischen und wirtschaftlichen Modell, das im Land herrscht. Eine Taktik, die von den Dollars profitiert und sich voranbringen lässt, die die über die ganze Welt verstreuten Kubaner schicken, aber sie mundtot macht bezüglich innerer Angelegenheiten.

Das war die gleiche Richtschnur, der man folgte, als man es der kubanischen Diaspora nicht erlaubte, an dem Referendum zur neuen Verfassung mit ihrer Wahlstimme teilzunehmen. Hätten die Emigranten „Stimme und Wahlberechtigung“ bei dieser Magna Carta gehabt, so wäre die Zahl der Neinstimmen ziemlich angestiegen. Das wussten diejenigen genau, die einen Text voller Artikel fabrizierten, die darauf abzielten, das System festzuzurren und zwar gut gegen jeglichen Reformprozess.

So sehr man den kubanischen Exilanten auch ihre nationalen Rechte kürzt und sie zum Schweigen bringt, haben sie dennoch eine permanente Präsenz im Leben dieser Insel. Obwohl es vielen nicht erlaubt ist, das Land zu betreten, ein Geschäft zu gründen oder eine Wohnung auf ihren Namen zu kaufen, lässt sich ihr Einfluss in fast jedem Aspekt des alltäglichen Lebens wahrnehmen.

Die Erziehungsministerin dürfte zum Beispiel wissen, dass in den mehr als 10 000 Lehranstalten, die diesen September 1,7 Millionen Schüler aufnehmen werden, viele der Schuhe, der Büchertaschen und der Schulsachen, die die Schüler tragen werden, mit Geld aus der Emigration gekauft wurden oder von einem Verwandten geschickt wurden, der in den Vereinigten Staaten, einem europäischen Land oder in der weiten Geografie Lateinamerikas wohnt.

Velázquez verschließt die Augen vor einer Wahrheit, die wie ein Berg vor ihr steht. Viele der Materialien, die die Eltern kaufen und im Laufe des Schuljahres in die Schulen bringen müssen, damit ihre Kinder in größerer Bequemlichkeit und Würde lernen können, kommen aus Quellen der kubanischen Diaspora. Sogar Schuluniformen wurden teilweise in einem Laden in Miami gekauft.

Warum dürfen die Emigranten zwar die Schulbildung wirtschaftlich unterstützen, haben aber gleichzeitig kein Recht die vielfältigen Schattenseiten auf dem Gebiet, den großen Mangel und die ausufernde Ideologisierung zu kritisieren?

Warum dürfen also die Emigranten zwar die Schulbildung wirtschaftlich unterstützen, haben aber gleichzeitig kein Recht die vielfältigen Schattenseiten auf dem Gebiet, den großen Mangel und die ausufernde Ideologisierung zu kritisieren?

Ist sich Velázquez bewusst, dass die Schulen ein viel elenderer Ort wären, kürzte man die Unterstützung dieser auf der Welt verteilten Kubaner. Wie kann man von denen Schweigen verlangen, die einen Teil der Finanzierung des Haushalts zur Verfügung stellen, der ihr Ministerium am Laufen hält.

Diesen Montag, wenn Ena Elsa Velázquez an einem Schulmorgen teilnimmt, der den Startschuss fürs neue Schuljahr gibt, wird es vor ihren Augen Hunderte oder Tausende von Objekten, Materialien und Schulsachen geben, die die Stimme der Exilanten vertreten, die sie zum Schweigen bringen will.

Übersetzung: Iris Wißmüller


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Das drahtlose Netzwerk, das die kubanische Regierung in Schach hält

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SNet ist für die Nutzer die bestorganisierte und bestvernetzte Gruppe am Rand des Regierungsapparats geworden. (Karla Gómez)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 14. August 2019

Seine Nutzer können nicht über Politik oder Religion sprechen, aber dennoch ist das Street Network (SNet), das Zehntausende Kubaner über WLAN verbindet, zu einem Raum der Freiheit und eines Zusammentreffens der Bürger geworden. Dieses virtuelle Netz, in dem gespielt, gechattet und Inhalte ausgetauscht werden, wird nun offiziell zensiert – kurz nachdem am 29. Juli die neuen Rechtsvorschriften zur Nutzung der Funk-Frequenzen in Kraft getreten sind.

Kreativität in Kuba ist seit Jahrzehnten ein Ausweg, um Problemen wie dem Mangel an Materialien und übermäßigen Kontrollen zu entkommen. Wie in einer Küche werden Rezepte erfunden, um die wenigen Zutaten, die auf dem Markt verfügbar sind, weniger langweilig zu machen und um die Probleme mit der Internetverbindung zu lösen. Dazu verwenden viele Menschen Offline-Tools, die Erfahrungen ersetzen, die sie im Web haben könnten.

SNet wurde vor mehr als einem Jahrzehnt gegründet, und zwar als Plattform für Videospiele, Foren, Ersatz für soziale Netzwerke und für den Datentransfer zwischen denen, die nicht die Möglichkeit hatten, häufig auf das globale Netzwerk zuzugreifen. Mit Geräten, die die meiste Zeit auf dem Schwarzmarkt gekauft wurden und anderen, die von den Benutzern selbst hergestellt wurden, begannen sich die Clients zu verbinden und die ersten Knoten entstanden. Es tauchten sogar Administratoren auf, die dieses Phänomen, das Havanna mit unsichtbaren Threads verknüpft, managen.

Während dieser gesamten Zeit existierte dieses rechtsungültige Phänomen und wurde von einem Beamtenapparat toleriert, der mehr Wert darauf legte, dass sich Tausende junger Menschen auf die neusten Videospiele konzentrierten als darauf, eine bürgerliche Haltung einzunehmen. Trotz alledem hat SNet der Plaza de la Revolución nie gefallen, vor allem, weil es den Menschen ermöglichte sich zu verbinden und Gemeinschaften jenseits von Ideologie und Politik zu schaffen. Für eine Regierung, die besessen davon war, jedes Detail des Lebens ihrer Bürger zu kennen, war das eine Gefahr.

Die Nutzer von SNet, die größte einigermaßen organisierte Gemeinschaft,
die es in Kuba gibt, haben sie auf ihrer Seite.
Gegen sich allerdings ein System,
das befürchtet, dass sich die Bürger vereinen werden,
ohne den Befehl dazu zu erhalten.

Die neue Gesetzgebung für drahtlose Netzwerke verleiht SNet zwar Rechtsgültigkeit, hat dieses aber zugleich zum Scheitern verurteilt. Die Verordnung enthält strenge technische Anforderungen, die bei strikter Einhaltung Reichweite, Geschwindigkeit sowie die Anzahl der Benutzer einschränken würden, die sich damit verbinden können. Es handelt sich um eine Verordnung, die darauf abzielt, den Einfluss zu verringern, den dieses Geflecht aus NanoStations und Mikrotiks – einige der Geräte aus denen SNet besteht – ausübt. Die offizielle Entscheidung ist ein Weg SNet abzuwürgen, ohne es zu verbieten, und so die Bedeutung durch die Einschränkung der Technologie zu verringern.

Die Reaktion der Benutzer ließ nicht lange auf sich warten. Am vergangenen Samstag versammelten sich Dutzende von Menschen vor dem Ministerium für Kommunikation, um eine Sondergenehmigung zu verlangen, die es SNet ermöglicht den Betrieb fortzusetzen. Mehrere der Demonstranten schlugen vor, dass die Behörden die Infrastruktur des Netzes nutzen sollten, um die „Informatisierung“ der kubanischen Gesellschaft zu fördern, und dass das staatliche Monopol für Telekommunikation, Etecsa, Vereinbarungen mit den Administratoren treffen sollte, um so einen Internetzugang über deren Knotenpunkte und Antennen zu ermöglichen.

Die offizielle Antwort war nicht positiv und die SNet-Nutzer bereiten sich auf neue Aktionen vor. Die größte, einigermaßen organisierte Gemeinschaft, die es in Kuba gibt, haben sie auf ihrer Seite. Gegen sich allerdings ein System, das befürchtet, dass sich die Bürger vereinen werden, ohne den Befehl dazu zu erhalten.

     Übersetzung: Berte Fleißig


Dieser Beitrag wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der „Deutschen Welle“ publiziert.

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Ricky gab auf, im Rhythmus des Reggaeton (2.Teil)

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Die Demonstranten feiern den Rücktritt von Ricardo Roselló. (14ymedio/Juan Jaramillo)

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YOANI SÁNCHEZ | San Juan, Puerto Rico | 27. Juli 2019

Mir war ganz wirr im Kopf von der Vielzahl an Eindrücken und meiner Müdigkeit. Ich glaubte etwas von den zwei Flügeln der großen Antillen zu hören, von den Inseln, die sich nur gemeinsam in die Lüfte erheben können. Der Morgen bricht herein und auf dem anderen Flügel, in Kuba, beginnt in wenigen Stunden der offizielle Staatsakt des 26.Juli *).

Hier üben die Puerto-Ricaner ihre Zivilkraft gegen die Staatsmacht aus und auf Kuba wohnen die Menschen einer starren Liturgie bei, der ausgelaugten Zeremonie der „Kontinuität“, dem von Miguel Díaz-Canel stetig wiederholten Motto, um etwas fortzuführen, was bereits zu lange andauert. Hier reden die Menschen miteinander und vereinen sich, dort sind die Kubaner still und ängstlich. An demselben Morgen gleicht San Juan einem Fest und Havanna einer Grabstätte.

Harry fährt täglich zehn Stunden für den Fahrdienst-Anbieter Uber, sein Immobiliengeschäft verlor er durch den Wirbelsturm. Für jeden Menschen, den ich kennenlerne, gibt es ein Leben vor und nach ‚María‘. Die Erwähnung dieses Namens reicht aus, um die Menschen emotional werden zu lassen und die Anekdoten sprudeln nur so aus ihnen heraus. „Ich hätte weggehen sollen, denn einer meiner Brüder aus New York war bereit, mir bei meinem Umzug dorthin zu helfen, aber ich wollte meine Eltern nicht allein lassen“, erzählt er.

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Einen Tag nach dem Rücktritt des Gouverneurs erinnern die Graffiti auf den Straßen noch an die langen Tage der Proteste. (14ymedio)

Harry, der der Abdankung von Roselló skeptisch gegenübersteht, gehört zu den wenigen, die bei dem Rücktritt des Gouverneurs weder protestierten noch feierten. „Es ist egal, ein Korrupter geht und ein neuer rückt nach“, meint er. „Der Nächste wird uns auch berauben“, versichert er mit Nachdruck, während wir in Richtung Ocean Park im Viertel Santurce fahren. Ein schwarzes Tuch schlägt laut gegen einen Mast. “Ricky, verzichte“, steht dort in großen weißen Buchstaben.

Das Fahrzeug biegt um die Ecke und fährt an einer Walgreens Apotheke, einem McDonald’s und einem KFC vorbei. Im gesamten Viertel versuchen sich lokale Geschäfte gegen große Unternehmen zu behaupten, die „mehr für weniger Geld anbieten“, erzählt mir Harry. „Die jungen Leute essen lieber einen Hamburger als ein Frikassee“, beklagt er.

Harry ist seit jenem Mittwoch sehr besorgt, als Rosselló seinen Rücktritt ankündigte. „Ich lebe vom Tourismus und von den Menschen, die hierherkommen, um Geschäfte zu machen. Wenn sie uns als instabiles oder unsicheres Land betrachten, werden sie nicht mehr kommen“, schätzt er. Er schlägt mir einen guten Preis für die Hin- und Rückfahrt an einen Strand vor, aber sofort fällt ihm ein, dass ich von einer Insel stamme und er berichtigt sich: „Ah…stimmt, ihr habt dort auch ziemlich viel Sonne“.

Ich erreiche den Stadtteil Río Piedras, in dem es scheint, als sei die Zeit stehengeblieben. Der früher dicht besiedelte Boulevard ist mittlerweile eine Straße mit wenigen Geschäften und verlassenen Gebäuden. Ein Laden präsentiert auf dem Gehweg seine Waren Made in China. Ich spaziere weiter und komme zu einem kleinen Stand, der Honig, Zitronen und Ingwer verkauft. Das passt mir gut, denn mein Hals schmerzt von dem Regen in Havanna und dem Treiben in Puerto Rico. Ich genieße den Schatten und gehe auf den Händler zu.

“Hier war früher alles voller Leben“, erzählt er mir. Aus dem verlassenen Haus hinter mir kommen mehrere Katzen. Eine, schwarz wie die Nacht, schmiegt sich an meine Beine, damit ich ihr etwas zu fressen gebe. Ich überquere die Straße und kaufe ein frittiertes puerto-ricanisches Maisgebäck von einer Frau, deren kleiner Stand an dem Eingang zu einem Café steht. Vorne wiederholt eine Stimme auf Tonband immer wieder die „nur heute“ verfügbaren Angebote.

In Río Piedras, nahe der Universität von Puerto Rico, wollen die Menschen nicht mehr warten. Ein Kaffeeverkäufer erinnert sich an die Explosion im Laden Humberto Vidal, die 1996 dreiunddreißig Tote und eine unvergessliche Narbe im Gedächtnis der Bewohner des Viertels hinterließ. „Danach wurde alles nur noch schlimmer“, erzählt er und reicht mir eine Tasse mit einer starken, bitteren Flüssigkeit, bei der mir der Atem stockt. „Wir mussten gar keinen Schuss abgeben und Ricky gab auf“, prahlt er.

Wenn die kleinen Unterschiede im Akzent und der fehlende Hauch von gerösteten Erbsen im Kaffee nicht wären, würde ich glauben, ich unterhielte mich mit einem beliebigen Kubaner in einem Dorf im Inneren des Landes

Wenn die kleinen Unterschiede im Akzent und der fehlende Hauch von gerösteten Erbsen im Kaffee nicht wären, würde ich glauben, ich unterhielte mich mit einem beliebigen Kubaner in einem Dorf im Inneren des Landes. Der Kaffeeverkäufer richtet sich mit einer Hand das Haar, hebt den Zeigefinger und belehrt mich, dass „Puerto Rico nicht mehr so ist wie früher; jetzt wissen wir, dass wir stark sind und man uns respektieren muss“.

Auf der anderen Straßenseite präsentiert ein kolumbianisches Unterwäschegeschäft BHs mit Spitze. „Also, typisch kubanisch“, merkt der Mann an. Ich mache Anstalten zu gehen, weil ich den Verdacht hege, dass er die Klischees über meine Insel wiederholt, der andere Flügel mit seinen eigenen Wunden. Ich ahne, dass er „die Eroberungen der Revolution” herunterbeten wird, aber ich irre mich. „Bei euch steht das noch aus“, betont er in überheblichem Tonfall. „Wenigstens haben wir schon einen Teil des Weges geschafft“.

Ich gehe zurück, um der Katze etwas zu fressen zu geben, aber sie ist nicht mehr da. Das Gebäude, aus dem sie kam, riecht nach Verlassenheit, nach dieser Feuchtigkeit, die sich in den Wänden einnistet, wenn die Räume leer stehen. Ein Graffiti in der Nähe fordert, dass Ricky zurücktreten solle, und an der Ecke schlägt eine verschlissene Flagge gegen einen Balkon. Ich schließe leicht die Augen und die Müdigkeit oder die Hitze lassen mich blaue statt roter Streifen sehen, neben einem blutroten Dreieck.

Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkung d. Übers.:

*) Der Gedenktag für den Angriff auf die Moncloa-Kaserne, mit dem am 26. Juli 1953 die Revolution begann.


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

Ricky gab auf, im Rhythmus des Reggaeton (1.Teil)

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Die Demonstranten feiern den Rücktritt von Ricardo Rosselló. (14ymedio/Juan Jaramillo)

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YOANI SÁNCHEZ | San Juan, Puerto Rico | 27. Juli 2019

„Er musste gehen und er ging“. Mit diesen Worten heißt mich der Taxifahrer willkommen. Es braucht keinen Namen, keine Einzelheiten, denn in den Straßen von Puerto Rico wissen alle von wem er spricht. Während er durch San Juan fährt, erzählt er mir, wie die Leute den Gouverneur Ricardo Rosselló „hinauswarfen“, nach tagelangen Protesten, bei denen Empörung und Reggaeton Hand in Hand gingen.

Vor einer Ampel drischt der etwa 50 Jahre alte Mann mit seinen knotigen Händen auf das Lenkrad, als ob es das Gesicht von Ricky wäre. „Er wollte nicht gehen, aber er musste zurücktreten“, wiederholt er. In der letzten Woche verbrachte er jede Nacht zusammen mit seinen beiden Söhnen vor der Fortaleza, der offiziellen Residenz des Statthalters von Puerto Rico. „Ich trug eine Fahne, aber in schwarz weiß, ohne Farben, weil wir hier immer noch trauern“, bemerkt er.

Während er mir Einzelheiten vom Ablauf der Protest-Nächte erzählt, fahren wir durch mehrere Stadtviertel, wo sich auf Balkonen und an Türen die Fahnen mit dem blauen Dreieck und den roten Streifen aneinander reihen. Die Fahne von Puerto Rico ähnelt der von Kuba so sehr, dass ich mir vorstelle in Havanna zu sein, am Tag nach einem Regierungswechsel.

Diese Sinnestäuschung verfolgt mich, während das Taxi in Richtung Altstadt von San Juan fährt.

Als der Fahrer mir versichert, dass „die Leute sich zusammentaten und es keine Rolle spielte, ob du Künstler oder Mechaniker bist, ob reich oder arm, weil sie alle dabei waren“, sehe ich in meiner Fantasie kubanische Arbeiter, die bei Arbeiten an einer Bahnstrecke Pickel und Schaufel wegwerfen, um im Chor mit Schriftstellern und Volkssängern vor dem Regierungssitz in Havanna laut zu schreien.

Nach einer Sekunde verblasst das Bild und ich bin wieder in Puerto Rico.

Der Wirbelsturm ‚María‘ hat eine offene Wunde hinterlassen, die quer durch die Insel geht. „Mein Bruder hat alles verloren, er musste sein Dorf verlassen und hatte eineinhalb Jahre keinen elektrischen Strom“, erzählt mir der Taxifahrer. Dabei streut er einige englische Wörter ein: baby, expensive, dealer, food…, es ist das Sprachgemisch, das ich überall auf Puerto Rico höre, in diesem „freien Staat, der mit den Vereinigten Staaten assoziiert ist“.

Es wird Abend; die Schlagzeilen der Weltpresse richten ihr Augenmerk auf einen Ort, wo die Menschen auf den Plätzen Perreo (eine Reggaeton – Variante) tanzen und so den ersten Tag ohne Ricky feiern, den Beginn einer neuen Epoche mit vielen offenen Fragen. Auf einem solchen Platz, wo sich die allgemeine Freude mit Alkohol und Hüfteschwingen mischt, begegne ich Alder, einem Musiker der Klavier und Klarinette spielt. Auch er tanzt, aber etwas vorsichtig.

„Im letzten Jahr hatte ich Probleme mit Ischias und ich will nicht mehr zurück in den Rollstuhl, aber das hier darf ich nicht verpassen“, sagt er mir, während er eine Flasche Craft-Bier leert, das Freunde von ihm brauen. „Die sind nicht fortgegangen, sie sind nach der Krise und dem Orkan hier geblieben und sie bleiben auch“, erzählt er und deutet auf das Etikett: „hundertprozent Puerto Rico“. Immer wenn Alder ansetzt Perreo zu tanzen, legt er eine Hand auf die Taille um sich zu beherrschen, „damit ich nicht übertreibe“, bemerkt er noch.

Eine Familie ist gekommen, mit zwei entzückenden und laut bellenden Mischlingshunden, die sie aus einem Tierasyl abgeholt hat. Dort waren die beiden Hunde untergebracht, als der Tropensturm die Familien, die sich bis zu jenem unheilvollen September 2017 um sie kümmerten, in die Vereinigten Staaten fliehen ließ.

Der Hurrikan und der Regen kostete mehr als 4 600 Menschen das Leben, folgt man einer Studie der Harvard-Universität.

„Es war hart, weil wir zu unseren Ursprüngen zurückkehren und wieder Dinge lernen mussten, die wir seit Jahren nicht mehr gemacht hatten“, erzählt Nata, der Puerto-Ricaner, der mit seinen zwei geretteten Lieblingen auf die Straße gegangen ist, um zusammen mit ihnen zu feiern. „Es gab hier Leute, die nicht ohne Aircondition, ohne Mobiltelefon oder ohne Elektrizität leben konnten. ‚María‘ hat uns gezwungen, wieder bei null anzufangen“, erinnert er sich.

„Danach hat das Telefon nicht funktioniert, also trafen sich die Leute auf der Straße. In den Dörfern musste man Gemeinschaftsküchen improvisieren, um etwas zu Essen zu haben und die Bürger taten sich zusammen, um der Katastrophe die Stirn zu bieten“, fügt er ergänzend hinzu. „Alles begann mit ‚María‘. Ohne das, was uns vor zwei Jahren passiert ist, hätten sich die Menschen nicht mobilisiert, so, wie sie es auch jetzt wieder getan haben“.

Der entscheidende Punkt war, dass kürzlich mehr als 900 Seiten einer Chat-Korrespondenz durchgesickert sind, auf denen sich Rosselló mit seinen engsten Mitarbeitern austauschte, seinen ‚brothers‘, wie er sie nannte. Es handelte sich dabei um hunderte, nein tausende von Stellungnahmen, Kommentaren und Fragen zur öffentlichen Ordnung. Auch Witze unter der Gürtellinie und frauenfeindliche Scherze würzten diesen umfangreichen Meinungsaustausch via Telegram, der letztendlich Rossellós Regierung abstürzen ließ.

Aber die Ablehnung seiner Person begann schon viel früher. “ Er ist ein Kind aus einem reichen Haus und weiß nicht, was hier unten passiert“, sagt mir ein sehr schlanker Herr vor einem Club, der seit mehr als einem Jahr geschlossen ist. „Er ist der Sohn des Ex-Gouverneurs Pedro Rosselló Gonzáles; also hatte er immer ein gutes und sorgenfreies Leben „, fügt er hinzu und geht in ein Lokal, wo sich auf einem verschlissenen Sofa ein paar Drogenabhängige unbehelligt einen Schuss setzen.

Die Musiker waren die Protagonisten der sozialen Bewegung, die Rosselló zu Fall brachte. Die Stimmen von Bad Bunny, Residente und Ricky Martin bildeten den Soundtrack der sozialen Missverhältnisse.

An Omnibushaltestellen brachten junge Leute mit tragbaren Lautsprechern ihre Songtexte unters Volk. Man konnte durch die Stadt gehen – von einem Ende zum andern – und die Lieder ergänzen, weil sie bruchstückweise aus Autos kamen, aus geöffneten Fenstern und von den Puerto-Ricaner selbst, die sie sangen.

Einige riefen nach Unabhängigkeit; es fehlten auch nicht ein paar Aufrufe, die günstige Gelegenheit zu ergreifen, um “ wesentlich weiter zu gehen und den kolonialen Zustand zu beenden“, so, wie es ein junger Mann vor der Bar „La Puerta de Alto del Cabro“ ( „Das Tor zum Ziegenbockgipfel“, Anm.d.Übers.) forderte, einem traditionellen Lokal, das den Angriff der großen Ketten geduldig überstanden hat.

Es ist die Ablehnung von Rosselló, dem Bösewicht des Tages, die die Menschen zusammenbringt.

Am Mittwoch wartete Alder den ganzen Nachmittag darauf, dass Ricky gehen würde. Im Tonstudio, wo er einige Songs einspielte, rüsteten sie sich mit Popcorn und Getränken aus und wappneten sich mit Geduld, um den Rücktritt des Gouverneurs entsprechend feiern zu können. Nach sieben Uhr abends waren alle Vorräte aufgebraucht und der „Mistkerl war immer noch nicht zurückgetreten“, erinnert sich Alder. Es war, als würde man selbst am Ende eines Films beteiligt sein, der sich in die Länge zieht, ohne dass der Abspann erscheint.

Eine Stunde später entschlossen sie sich zur Fortaleza zu gehen. „Es kann noch dauern, aber heute Nacht geht er, ja oder ja“, sagte Alder. Am frühen Morgen endete er auf einer Parkbank, betrunken und glücklich, als wenn er selbst Teil des Befreiungskommandos gewesen wäre, das den Gouverneur aus dem Amt jagte; es gab niemand auf der Straße, der sich nicht als Teil jener Gruppe gefühlt hätte. Sie brauchten keine Sturmhauben und keine Maschinengewehre, sie schrien nur lauthals.

                Übersetzung: Dieter Schubert


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