Die Masken von Havanna

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Felipe VI und Letizia Ortiz neben Lis Cuesta und Miguel Díaz-Canel beim Abendessen am Sitz des Staatsrates.

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 17. November 2019

Havanna war eine Stadt des Karnevals und der Masken. Obwohl die Tage des Vergnügens längst vorbei sind, wird diese Stadt – wann immer es notwendig ist – mit passenden Make-up-Schichten bedeckt. Vor Jahren, als ein Papst die Insel besuchte, strichen die Behörden die Fassaden und sie reinigten die Straßen, durch die Seine Heiligkeit vom Flughafen in das historische Zentrum fahren würde, eine bruchstückhafte Restaurierung, die dem Volkshumor nicht entkam, der die Route in „Via Sacra“ umbenannte.

Ein weiteres Beispiel für die Verwandlungskunst der Stadt sind all die Abermillionen von Touristenfotos, auf denen man nur alte Chevrolet des letzten Jahrhunderts, restaurierte Gebäude und Mojitos mit viel Rum und wenig Erinnerung sieht. Um die Stadt kennenzulernen, deren Herz tiefer schlägt, muss man Schichten wie bei einer Zwiebel entfernen oder den ätzenden Make-up-Entferner der Objektivität verwenden. Leider sind nur wenige Besucher bereit, diese ästhetische und kulturelle Arbeit eines Archäologen zu leisten. Schließlich kommen sie für kurze Zeit hierher, für eine Zeit, die einem Atemzug gleicht.

Im November dieses Jahres wurde eine Stadt mit mehr als zwei Millionen Einwohnern und knapp 500-jährigem Bestehen wieder mit Rouge beschmiert. Zu den „Gesichtsausbesserungen“ gehörten das massive Einfangen und Töten von Straßenhunden, die Einweihung einiger Architekturwerke, die jahrelang repariert wurden und das Verbot für Dissidenten und Aktivisten, am Vorabend und am Tag der 500-Jahr-Feier der „Villa de San Cristóbal“ in Havanna auf die Straße zu gehen.

Aber selbst wenn nur eine dünne Schicht Lippenstift aufgetragen worden wäre, hätten Felipe VI. und Letizia Ortiz bei ihrem zweitägigen Staatsbesuch auf der Insel wenig entdecken können.

Aber selbst wenn nur eine dünne Schicht Lippenstift aufgetragen worden wäre, hätten Felipe VI. und Letizia Ortiz bei ihrem zweitägigen Staatsbesuch auf der Insel wenig entdecken können. Mit einer minutiös durchgeplanten Agenda konnten sich Ihre Majestäten kaum von den geplanten Straßen und den vorbereiteten Szenen und gefilterten Gästen entfernen. Selbst bei ihrem Treffen mit Vertretern der Zivilgesellschaft fehlten Menschenrechtsaktivisten, Oppositionsführer und sogar unabhängige Journalisten aus den von der Regierungspartei am stärksten stigmatisierten Medien.

Wie beim besten Make-up ruiniert jedoch manchmal eine kleine Träne alles. Die Kosmetik half nur in sehr geringem Maße die Realität zu verbergen, und an dem Tag, an dem das spanische Königspaar durch Alt-Havanna spazierte, gelang es einem streunenden Hund, ihnen über den Weg zu laufen und auf das Foto von diesem Besuch zu schlüpfen. Vielleicht ist es eine Anspielung auf all die anderen, die gestorben waren, um das Bild einer Stadt zu „reinigen“, in der ein Tierschutzgesetz eine schmerzhafte Chimäre bleibt.

Zu den nationalen Aufräumarbeiten für den Besuch und die Feierlichkeiten gehörte auch die Verhaftung unbequemer Bürger, wie den Künstler Luis Manuel Otero Alcántara. Wochen zuvor waren der unabhängige Journalist Roberto Quiñones und der Oppositionsführer José Daniel Ferrer im Rahmen der alltäglichen Rechtslosigkeit inhaftiert worden, aber bisher kam es weder zu einem Eingreifen internationaler Organisationen noch zu einem hypothetischen Gnadengesuch der spanischen Krone.

Havanna ist, wie ganz Kuba, eine Abfolge von Make-ups und Masken. In der Epidermis, weit oben, befinden sich die lauten Farben des Beamtenwesens; aber unten − wenn man ein wenig kratzt – kommt das harte Grau der Realität zum Vorschein, der dunkle Schatten eines Landes, das von einem Autoritarismus ohne Nuancen dominiert wird.

              Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkung der Redaktion:
Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch publiziert und wird in diesem Blog wiedergegeben.


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

 

Journalismus heute: zwischen Ethik und Technologie

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Schließlich sind wir Geschichtenerzähler.  Unser Aufgabenbereich ist aber nicht die Fiktion, wie im Falle von Romanschreibern oder Dramaturgen, denn wir erzählen reale Geschichten. (Rafael Alejandro García)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 3. November 2019

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Vor mehr als einem Jahrzehnt überschritt ich eine schmale rote Linie und schlug einen Weg ein, von dem es, selbst wenn ich wollte, kein Zurück mehr gibt: ich wurde von einer Normalbürgerin, die die wenige Information verschlang, die ihr in die Hände fiel, zu einer Bloggerin, einer Reporterin und einer Nachrichten-Quelle, in einem Land wie Kuba mit 11 Millionen Einwohnern, die danach dürsteten zu erfahren, was innerhalb und außerhalb ihres Territoriums passiert.

 Ich habe es nicht selbst entschieden, ich nahm mir keine Minute Zeit um darüber nachzudenken; ich wog nicht einmal ab, was nach diesem Schritt kommen würde. Der Journalismus klopfte einfach an meine Tür und es kam nicht infrage, ihm nicht zu öffnen, ihn nicht einzulassen oder ihn daran zu hindern, mein Leben auf den Kopf zu stellen. Es gab so viel zu erzählen, dass es ein Akt von ziviler Apathie und tadelnswerter Gleichgültigkeit gewesen wäre, die Verantwortung nicht zu übernehmen, von meinem Land zu erzählen.

 Das waren die Jahre, als der Arabische Frühling seine ersten Erfolge feierte und die Smartphones und die sozialen Netzwerke einen glauben machten, dass ein Bildschirm, eine Tastatur und eine kurze Nachricht auf Twitter genügten, um Bewusstsein zu wecken und die Realität zu verändern. Aber es war auch der Beginn einer Periode der tiefen Krise für den Journalismus.

So kamen Jahre, in denen die Medien scheinbar ihre Richtschnur verloren hatten. Eine einzelne Person konnte mit einem Mobiltelefon in der Hand den wichtigsten Bericht über ein Ereignis abgeben.

 So kamen Jahre, in denen die Medien scheinbar ihre Richtschnur verloren hatten. Eine einzelne Person konnte mit einem Mobiltelefon in der Hand den wichtigsten Bericht über ein Ereignis abgeben. Und so kamen die Reporterteams, die Fotografen und die Redakteure zu spät zu einer Geschichte, die bereits bis zum Überdruss in Chats, Foren und bei Facebook veröffentlicht worden war.

 Es entstanden die sogenannten  „digitalen“ Medien, während die anderen zu hybriden Kreaturen wurden, fast zu Informations-Chimären. Noch heute versuchen diese ihre digitale Version aufzuwerten, indem sie auch ihre Print-Version am Leben halten wollen, die in den meisten Fällen auf einen zweiten, weniger dynamischen und unbedeutenderen Platz verbannt wurde.

 Es ist ein Jahrzehnt her, dass viele darauf setzten, dass der neue Journalismus, der aus all diesen Veränderungen entstehen sollte, jedes Mal schneller und unmittelbarer sein müsste, mit einer größeren Einbindung von audiovisuellen Elementen.

 Er sollte interaktiver, demokratischer und natürlich den sozialen Netzwerken und den neuen Verbreitungskanälen stärker zugewandt sein. Meist unterschätzte man bei dieser Gleichung den zentralen Punkt bei jeder informativen Arbeit, jenseits von Ausschmückungen und technologischen Werkzeugen, nämlich die Geschichte selbst.

 Schließlich sind wir Geschichtenerzähler. Unser Aufgabenbereich ist nicht die Fiktion, wie im Fall von Romanschreibern oder Dramaturgen, denn wir erzählen reale Geschichten, die vor einigen Minuten oder mehreren Jahrzehnten passiert sind, aber deren Kraft auf ihrer Wahrhaftigkeit beruht, mit der wir Sicherheit vermitteln. Eine gut erzählte Geschichte in einer schönen Sprache, aus verschiedenen Quellen geschöpft und sorgfältig recherchiert, bleibt das Kernstück unserer Arbeit.

Um eine Geschichte zu erzählen, genügt es nicht Glück oder Geduld zu haben, um ein Ereignis zu finden, das unserer Leserschaft würdig ist. Es genügt auch nicht, die Gerundien gut zu verwenden

 Um eine Geschichte zu erzählen, genügt es nicht Glück oder Geduld zu haben, um ein Ereignis zu finden, das unserer Leserschaft würdig ist. Es genügt auch nicht, die Gerundien gut zu verwenden und das Vokabular zu beherrschen, das aus einer Reportage, einem Zeitungsbericht oder aus der einfachsten informativen Notiz einen Genuss fürs Auge und den Intellekt macht. Nein, das reicht nicht. Es genügt auch nicht, dass der Tatbestand, über den wir etwas veröffentlichen wollen, neu und enthüllend ist.
Die Sprache und die Ethik bilden das wichtigste Bindemittel, das alle Elemente eines guten Journalismus zusammenführen sollen.

 Das erste Element ist die Beherrschung der Sprache (in unserem Fall der schönen spanischen Sprache); ein Fach, in dem niemand je völlig perfekt sein wird, aber in dem man gute Ergebnisse erreichen kann: mit Lektüre, linguistischer Neugier, um die Bedeutung und den Ursprung der Wörter zu erforschen, und dadurch, dass man importierte Wörter nicht schweigend hinnimmt. Dazu kommt der Mut Begriffe zu kombinieren und mit der Vorstellung zu brechen, dass Journalismus in einer trockenen, direkten Sprache ohne jedes „Abheben“ praktiziert werden sollte.

 Doch die Ethik,… sie ist am schwierigsten zu fassen, weil sie aus dem persönlichen Kompromiss von Objektivität und Wahrheit entsteht. Sie ergibt sich aus dem Verständnis für das rechte menschliche Maß, das ein Journalist in der Gesellschaft anwendet, und aus der Akzeptanz der Verantwortung, die wir mit jeder veröffentlichten Information übernehmen.

 Die Ethik im Pressewesen beginnt mit aufrichtig zu sein im Umgang mit dem informativen Grundstoff, gewissenhaft zu sein in der Verifizierung von Daten und sich eng an die Wirklichkeit zu halten, von der wir gerade erzählen.

 * * * 

1000003_20151128rS9NGj Im Fall von autoritären Gesellschaften, wo Information weiterhin als Verrat betrachtet wird, hat die Presse nur zwei Möglichkeiten: der Staatsmacht zu applaudieren oder dazu verurteilt zu werden, in der Illegalität und mit Angriffen zu leben. Die journalistische Ethik sollte aber nicht dem Druck nachgeben, noch Selbstzensur üben. In Regimen, die allergisch auf die Informationsfreiheit reagieren, wird der Reporter zu einem Aktivisten für die Wahrheit.

 Obwohl neue Technologien die Mauer des Informations-Monopols, das Diktaturen errichten, wenigstens teilweise durchlöchert haben, haben wir in diesen Jahren begriffen, dass politische und soziale Veränderungen viel mehr brauchen als mobile Displays und Aufrufe in sozialen Netzwerken. Andererseits, die gleichen Geräte, die wir mit dem Wunsch nach Freiheit und Demokratie benutzen, werden auch von der politischen Polizei eingesetzt, um Aktivisten zu überwachen, um die unabhängige Presse zu kontrollieren und um Information abzuwerten.

 Täuschen wir uns nicht. Für „Fake-News“ und „alternative Wahrheiten“ gibt es keine effektivere Maschine als den Populismus, und es gibt kein Laboratorium, aus dem noch perfektere, noch „überzeugendere“ Falschmeldungen kämen, als aus dem inneren Kreis eines autoritären Regimes. So gesehen ist − unter den gegebenen Umständen − ein ethischer Qualitätsjournalismus lebenswichtig, in dieser unserer Zeit.

 Sehr beunruhigend ist, dass der erpresserische Umgang mit der Informationsfreiheit nicht exklusiv in autoritären Systemen vorkommt, sondern sich auch in Demokratien verbreitet. Journalistisches Tun steht heute im Fokus von zu vielen Mächten.

 In Ländern wie Mexico und Honduras kann eine Reportage dem Autor das Leben kosten, während sich in Ländern wie Kuba die Bürokratie damit brüstet, dass man auf der Insel keine Journalisten umbringt, obwohl es stimmt, dass unsere Bürokraten den Journalismus gewaltsam zu Grunde gerichtet haben, mit Drohungen, willkürlichen Verhaftungen, der Beschlagnahme von Arbeitsmitteln und dem Druck, doch ins Exil zu gehen.

 Andererseits, in Gesellschaften, in denen sich die Bürger tagtäglich in ihren Rechten verletzt sehen, wo es keine Gewaltenteilung gibt und die Gerichte zu Lehen einer Gruppe geworden sind, die die Justiz nach Gutdünken verwaltet,… in diesen Gesellschaften übernimmt eine unabhängige Presse neue Verantwortungen. (Hier lohnt es sich sie „unabhängig“ zu nennen, weil diese Regime es sich zum Ziel gesetzt haben, ihre eigene Pseudopresse zu etablieren – ein Resonanzboden für Propaganda). Eine unabhängige Presse wird zum Sprachrohr einer geknebelten Bürgerschaft, verbunden mit einem Anteil Heldentum, aber auch mit der Verpflichtung, die diese Rolle mit sich bringt.

 Und wie lassen sich nun junge Journalisten in dieses komplexe Szenario einfügen? Welche aufmunternden Worte kann ich ihnen mit auf dem Weg geben, den sie soeben beschreiten? Wenige und viele. Sie sind in einem Augenblick des Umbruchs und des Zweifels zur Presse gekommen. Sie fangen in von Schulden geplagten Redaktionen an, die unter der Zwangsvorstellung von „Erfolgsgeschichten“ leiden. Vermutlich werden viele von ihnen den Beruf in Gesellschaften ausüben, wo sie Leben, Gefängnis und Prestige riskieren, wenn sie etwas über bestimmte Themen publizieren. Es kann sogar sein, dass sie es vermeiden, sich Anderen gegenüber als Journalisten zu outen, damit man sie nicht mit altbekannten  Etiketten wie „Tintenlutscher“, „Nachrichtengeier“, „Presse-Fuzzi“ oder „Kolumnist der 5. Kolonne“ versieht.

* * *

Unbenannt Eure frühen Morgenstunden werden anstrengend sein, nie mehr werdet ihr einen Bildschirm, die Titelseite einer Zeitung oder eine Webseite mit jener gesunden Naivität betrachten, die ihr einst hattet. Ihr werdet auch lernen, dass man sich in diesem Beruf keine Freunde macht, und dass − in dem Maße wie ihr lernt einen besseren Job zu machen − in eurer Umgebung Ablehnung und Kritik zunehmen werden. Aber dennoch, wenn ihr einer Geschichte nachspürt, werdet ihr bewegende Momente erleben, und ihr werdet den Adrenalin-Stoß spüren, wenn nur noch ein paar Sekunden und ein Klick fehlen, um eine Reportage zu veröffentlichen, an der ihr lange gearbeitet habt.

 Ihr werdet den Augenblick genießen, wenn die Publikation einer Geschichte dazu beigetragen hat, die Wirklichkeit besser zu machen, eine Ungerechtigkeit zu korrigieren, oder denen eine Stimme zu geben, die lange mundtot gemacht wurden. Es sind kurze Momente, aber sie entschädigen euch reichlich.

 Ihr werdet eure Verleger lieben und hassen, werdet auf die Verärgerung eines Lesers antworten müssen und euch auch verantwortlich fühlen für die Repressalien, die eure Quellen erleiden. Ihr werdet mehr Kaffee trinken, als ihr euch jetzt vorstellen könnt, und ihr werdet verstehen, dass es zu jedem Thema, das ihr in euren Artikeln behandelt, es immer jemand geben wird, der mehr über diese Materie weiß als ihr, der jede publizierte Zeile akribisch liest, nur um einen Fehler zu finden.

 Und wenn ihr dann glaubt, dass der Arbeitstag zu Ende gegangen ist, weil der Text, der euer Kind geworden ist, weitergeleitet,  bearbeitet und schließlich veröffentlich wurde, dann müsst ihr doch wieder zurück auf Anfang, denn es ist ein neuer Tag gekommen, mit anderen Ereignissen, von denen ihr berichten wollt, und einer unersättlichen Leserschaft, die auf euch wartet. Deswegen kann ich euch nur dies versprechen: viel Verantwortung, wenig Erholung und weniger Langeweile.

           Übersetzung: Iris Wißmüller, Dieter Schubert

Anmerkung der Übersetzer:
Dieser Text wurde im Rahmen einer Diplomvergabe für angehende Journalisten der spanischen Tageszeitung EL País verlesen.


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Die Berliner Mauer hat nie existiert

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Die Menschen in Berlin beginnen die Mauer einzureißen. (CC)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 09. November 2019

Für die offizielle kubanische Presse ist die Berliner Mauer nicht gefallen, sie steht noch oder hat nie existiert. Eine kurze Suche auf den Websites und in Printversionen der wichtigsten Medien des Landes reicht aus, um zu beweisen, dass es kaum eine Erwähnung der Mauer gibt, die Deutschland, Europa und die Welt jahrzehntelang spaltete und eine Narbe hinterließ. Denn sie ist immer noch ein Thema, das von den Ideologen des „Journalismus“, der in den von der Kommunistischen Partei kontrollierten Redaktionen gekocht wird, geleugnet und verborgen wird.

Am Samstag, dem 9. November, jährt sich zum 30. Mal der Tag, an dem die Berliner begannen, diese absurde Barriere niederzureißen

Am Samstag, dem 9. November, jährt sich zum 30. Mal der Tag, an dem die Berliner begannen, diese absurde Barriere niederzureißen und das sozialistische Lager in Osteuropa nach und nach wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel. Es ist auch ein Jubiläum jenes Jahres 1989 auf Kuba, als eine Generation hoffnungsvoll die Veränderungen mitverfolgte, die die „Weggefährten“ erschütterten, während die Plaza de la Revolución die politische Kontrolle verschärfte, um zu verhindern, dass Reformisten oder Anhänger der Perestroika an Boden gewinnen würden.

So wie die kubanischen Beamten es vor drei Jahrzenten taten, verbergen sie auch im November dieses Jahres erneut den Fall der Berliner Mauer vor uns…. aber wir haben bereits davon erfahren, wir haben bereits die Bilder mit Hämmern und Meißeln gesehen, die diese Mauer niedergerissen haben. Auf unserer Netzhaut gibt es trotz der Zensur einen jungen Mann, ein Kind, eine Familie, ein Volk…., die gemeinsam die strenge Grenze zum Einsturz brachten, die ihnen einst aufgezwungen wurde.

                  Übersetzung: Lena Hartwig


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Wahlen in Kuba: der Vorgang fällt

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Ohne Überraschungen, im Tagesverlauf dominierte Kontinuität. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 12. Oktober 2019

Die Inszenierung war sorgfältig einstudiert. Am 10.Oktober 2019 folgte jedes Detail der außerordentlichen Sitzung der Nationalversammlung einem sogfältig verfassten und vermutlich mehrmals geprobten Drehbuch. Für die politische Dramaturgie war die Wahl des Präsidenten der Republik der Höhepunkt, um die Übergabe des Staatsruders an eine jüngere Generation zu sichern, unter der Vormundschaft der Vorgänger.

 An diesem Donnerstag verfolgten kubanische Bürger das Geschehen im Kongresspalast, gleichgültig und ohne Erwartungen, wie ein Theaterstück, dessen Ende man schon kennt. Schließlich war es nur eine Formalität mit Bühnenbild, in dem die Abgeordneten als Schauspieler agierten. Mit der Ratifizierung der Verfassung im vergangenen Februar und der anschließenden Einführung des neuen Wahlgesetzes wurden auf der Insel die Ämter des Präsidenten und des Premierministers getrennt, die früher vereint waren, um alle Macht auf Fidel Castro zu übertragen. Dieser Donnerstag war der Tag, um die Befugnisse aufzuteilen und der Nationalversammlung die Zügel für den Staatsrat in die Hand zu geben.

Angesichts ihres nahen biologischen Endes und ihrer weit zurückliegenden Heldentaten, fürchten die jetzt Achtzigjährigen, dass alle Macht in einer Hand ein riskanter Wetteinsatz wäre.

 Vielleicht in der Absicht zu vermeiden, dass ein einzelner Mann das politische System von oben her ändern könnte, verteilte die historische Generation die Entscheidungsbefugnis auf mehrere Figuren, die sich bis jetzt als absolut treu zum Vermächtnis der „Bärtigen“ erwiesen haben − jener Männer, damals von der Sierra Maestra herunterkamen. Angesichts ihres nahen biologischen Endes und ihrer weit zurückliegenden Heldentaten, fürchten die jetzt Achtzigjährigen, dass alle Macht in einer Hand ein riskanter Wetteinsatz wäre und sie haben sich dazu entschlossen, die Verantwortung für das Rudel auf mehrere Wölfe zu übertragen, damit die sich nebenbei gegenseitig überwachen.

 Es gab keine Überraschungen, im Verlauf des Tages dominierte Kontinuität. Miguel Díaz-Canel wurde zum Präsidenten der Republik gewählt, wenn man einen Vorgang „Wahl“ nennen will, bei dem die Parlamentarier nur einen Kandidaten je Amt bestätigen konnten. Esteban Lazo blieb an der Spitze des Parlaments, obwohl alle politischen Wetten auf ein Ende seiner Amtsführung hinwiesen, während sich der Staatsrat mit dem Ausscheiden und der Aufnahme von Mitgliedern neu strukturierte.

 Bei dieser wohleinstudierten Aufführung war der ex-Regierungschef Raúl Castro der Zeremonienmeister, der als erster sein Wahlrecht ausübte und mit einer klaren Geste die tatsächliche Reihenfolge von Bedeutung und Entscheidungsbefugnis festlegte. Mit der Kontrolle der Kommunistischen Partei, seiner wirtschaftlichen Macht und mit der Führung der Streitkräfte in Händen seines Familienclans, inszenierte der altgediente General eine Aufführung, um eine Botschaft von der Haltbarkeit und dem Fortbestand des Systems öffentlich kund zu tun. Ein Detail allerdings konnte er nicht kontrollieren: die Öffentlichkeit.

 Auf den Straßen Kubas haben ihm die Krise bei der Lieferung von Kraftstoffen, die Schwierigkeiten im Transportwesen und die Probleme bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln die Schau gestohlen. Bei diesem „Wahlvorgang“ nützte ihm die Sorgfalt bei der Auswahl von Bühnenbild und Schauspielern nur wenig; die meisten anwesenden Kubaner suchten an diesem Oktober-Feiertag nach dem Ausgang, nach der Tür, die sie weit weg von dieser Bühne bringen würde, sei es aus Gleichgültigkeit oder innerer Emigration.

       Übersetzung: Dieter Schubert


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Ein Barometer zur Messung der Korruption in Lateinamerika

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Die Wahrnehmung der Korruption in Lateinamerika ist sehr hoch, vor allem in Venezuela.

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 02. Oktober 2019

Sie lächeln, trinken ein paar Gläser und einige Scheine wechseln den Besitzer. Mit ihnen werden auch Gefälligkeiten ausgetauscht, Allianzen gebildet, Vorrechte bei Ausschreibungen angeboten und die Lokalpolitik beeinflusst. Die Szene könnte sich überall in Lateinamerika abspielen, einem Kontinent, der nach wie vor von korrupten Praktiken, Misswirtschaft bei öffentlichen Geldern und Stimmenkauf geprägt ist.

Die zehnte Ausgabe des von Transparency International herausgegebenen Global Corruption Barometer (GCB)- Berichts nimmt den Krebs minutiös unter die Lupe, der Institutionen, Unternehmen und den Alltag krank macht. Der Bericht erkennt an, dass „in den letzten fünf Jahren große Fortschritte erzielt wurden“ und nennt als Beispiel die Untersuchung der Operation Lava Jato in Brasilien, zeigt aber auch, dass die Mehrheit der Bürger der Ansicht ist, dass ihre Regierungen „nicht genug tun, um die Korruption zu bekämpfen“.

Unter den befragten Bürgern aus 18 Länder des Kontinents stehen die Venezolaner mit 87 % an der Spitze derjenigen, die glauben, dass die Korruption in den letzten 12 Monaten zugenommen hat, gefolgt von 66 % der Dominikaner und 65 % der Peruaner. Auch 52 % der Kolumbianer teilen diese Meinung sowie 37 % der Bürger von Barbados.

Darüber hinaus warnt der Bericht vor den schädlichen und unverhältnismäßigen Auswirkungen korrupter Praktiken auf gefährdete Bereiche der Gesellschaft, insbesondere auf Frauen. Viele Frauen „sind gezwungen, sexuelle Gefälligkeiten im Austausch für öffentliche Dienstleistungen zu gewähren, im Zusammenhang mit Gesundheit und Bildung. Diese Gepflogenheit wird als sexuelle Erpressung oder ‚Sextorierung‘ bezeichnet“, hebt der Text hervor. Eine Situation, die bisher nicht in die Jahresberichte aufgenommen wurde, deren Häufigkeit aber zu einer stärkeren Offenlegung geführt hat.

21 % der Lateinamerikaner, die an diesen Umfragen teilgenommen haben, behaupten auch, dass die meisten oder alle mit der Presse in Verbindung stehenden Personen korrupt sind.

21 % der Lateinamerikaner, die an diesen Umfragen teilgenommen haben, behaupten auch, dass die meisten oder alle mit der Presse in Verbindung stehenden Personen korrupt sind. Die Straflosigkeit ist noch umfangreicher, weil diejenigen, die die Seiten der Zeitungen und Fernseh- oder Radiomikrofone benutzen müssen, um den Schmutz der Mächtigen anzuprangern, gekauft werden. Man bringt sie zum Schweigen und lässt sie die Fakten verzerren.

Glücklicherweise erreicht diese Übereinstimmung zwischen Macht und Presse, zwischen Feder und Pfründe nicht alle Reporter und Medien. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Fälle von Bestechung, Schmiergeld und Korruption zunächst über die Zeitungen und Mikrofone von Fernsehen oder Radio bekannt wurden. Dies führte zwingend dazu, gerichtliche Ermittlungen einzuleiten und die Beteiligten hinter Gitter zu bringen. Aber es muss noch mehr getan werden.

Was würden lateinamerikanische Bürger sagen, wenn man sie nach ihren eigenen täglichen Handlungen gegen diese Praktiken fragte? Wären sie nicht nur bereit auf Regierungen, Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und Journalisten als Teile dieses Verfalls hinzuweisen, sondern auch ihre eigene Rolle in einer so katastrophalen Situation anzuerkennen? Es spielt keine Rolle, ob sie eine Robe, eine Militäruniform, die Krawatte des Geschäftsmannes, das Tonbandgerät des Reporters oder den einfachen Overall eines Arbeiters tragen. Wir alle müssen uns diesem Monster mit seinen tausend Köpfen stellen − jede Minute, und gewissenhaft.

Übersetzung: Lena Hartwig


Dieser Beitrag wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der „Deutschen Welle“ publiziert.

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Ein Land, das von einem Schiff abhängig ist.

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Es genügt, dass ein Öltanker sich verspätet und das ganze Land ist gelähmt. (Pdvsa.com)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |25. September 2019

Uns wurde immer ein Heiliger Gral versprochen. Ende der 1960er Jahre schlug das Herz ganz Kubas im Rhythmus der so genannten „Zuckerrohrernte der 10 Millionen“*), während in den Jahren der Wirtschaftskrise, die als „Sonderperiode“ bekannt ist, sich die Hoffnungen auf den „Ernährungsplan“ konzentrierten, der sowohl Teller als auch Mägen füllen sollte. Jetzt klammern sich alle Illusionen von 11 Millionen Menschen daran, dass venezolanische Öltanker mit ihrer wertvollen Fracht auf dieser Insel ankommen, andocken und entladen.

Das Land erlebt einen neuen wirtschaftlichen Rückfall, den einige nur als neues Symptom der langen Krankheit der Unproduktivität, Abhängigkeit von ausländischen Subventionen und der Unfähigkeit des kubanischen Wirtschaftsmodells, Effizienz und Wohlstand zu erzeugen, betrachten. Die Regierung ruft zur Ruhe auf und hat den aktuellen Umstand „Konjunktur“ genannt, ein Wort, das der Neosprache würdig ist, die wir bei der Plaza de la Revolución gewohnt sind, die den Privatsektor in „auf eigene Faust“ umbenannte, die Arbeitslosen in „verfügbare Arbeitskräfte“ und die Diktatur in „Demokratie einer einzigen Partei“.

Jenseits von Namen und Phrasen des öffentlichen Diskurses hat die Realität ihr eigenes Vokabular. Die langen Warteschlangen an den Bushaltestellen, der Mangel an Grundnahrungsmitteln und die Stunden des Wartens, die für eine Tankfüllung in Kauf genommen werden müssen, finden in Gesprächen auf der Straße ihren eigenen Formen: „Die Sache ist schlecht“, „das wird noch lange so bleiben“ und „es ist nicht einfach“ sind einige der Ausdrücke, die man nun überall auf der Insel hört. Es fehlt auch nicht an Humor, ein Ausweg aus der Frustration einer Gesellschaft, die alle Arten von Parodien und Wortspiele mit dem augenblicklichen „konjunkturell“ macht.

Das Land erlebt einen neuen wirtschaftlichen Rückfall, den einige nur als neues Symptom der langen Krankheit betrachten: der Unproduktivität, der Abhängigkeit von ausländischen Subventionen und der Unfähigkeit des kubanischen Wirtschaftsmodells, Effizienz und Wohlstand zu erzeugen.

Trotz der „Energiewende“ zu Beginn dieses Jahrhunderts ist Kuba heute stärker von fossilen Brennstoffen abhängig als noch vor einem Jahrzehnt. Es reicht schon aus, dass sich nur ein Öltanker verspätet, um das ganze Land lahmzulegen, bis das nächste Schiff ankommt. Die katastrophale Situation der venezolanischen Wirtschaft macht die Ankunft dieser Schiffe noch gefährlicher. Dazu kommen außerdem noch die von Washington ergriffenen Maßnahmen hinzukommen, um zu verhindern, dass das schwarze Gold dieses südamerikanischen Landes Havanna weiterhin stützt.

Wie so oft in der nationalen Geschichte des letzten halben Jahrhunderts wird sich die Krise nicht nur in längeren Warteschlangen und traurigeren Gesichtern, in leeren Tellern und hoffnungsloseren Menschen äußern… sie wird auch einen Anstieg der Zahl der Menschen beeinflussen, die sich entscheiden, ihre Taschen zu packen und zu gehen. Exodus und Flucht waren in den letzten Jahrzehnten ein untrennbarer Bestandteil des nationalen Lebens. Während Analysten darüber diskutieren, ob dieser Moment – ja oder nein – eine Verlängerung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs der 90er Jahre ist, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, sind wir uns alle in einer Sache einig: Es ist die gleiche alte Flucht, diese lange Flucht, die uns vertraut geworden ist, wie die Krise selbst.

         Übersetzung: Berte Fleißig

Anmerkung der Übersetzerin:
Kuba 1970: Mit dem erklärten Ziel, die finanzielle Situation der Insel zu verbessern, hat die Regierung alle Mittel und Möglichkeiten eingesetzt, um die Produktion von 10 Millionen Tonnen Rohzucker zu erreichen. Das Planziel wurde mit etwa 8 Millionen Tonnen verfehlt. (Wikipedia)

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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Die Welt streift die alte Haut ab

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Die erste „Gesellschaft mit offenem Zugang“ war die US-amerikanische Republik ab dem Jahr 1775, so der Autor Carlos A. Montaner. (Archiv)

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 Carlos A. Montaner | Miami | 21. September 2019

In Demokratien geht es drunter und drüber, aber sie bewegen sich. Mit Ach und Krach, mit Demonstrationen und Gegendemonstrationen, aber sie bewegen sich in die richtige Richtung. Die Skandale, die im Umfeld von Odebrecht, der FIFA oder Siemens ans Licht kamen, sind dafür ein Beweis. Die Welt wechselt gerade die Haut.

 Das Vereinigte Königreich weiß nicht, wie es sich von der Europäischen Union trennen soll. In Spanien und Israel können sie sich nicht auf eine Koalitionsregierung verständigen, die fähig wäre, die in beiden Parlamenten unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen miteinander zu versöhnen. In Argentinien, einem Land, das seit 70 Jahren an „Populismus“ leidet, wird man die Staatsführung wieder einer inkompetenten und unredlichen Frau anvertrauen, die das Land schon an den Abgrund brachte und es minuziös ausplünderte. Trotzdem, wahr ist was Winstons Churchill melancholisch über Demokratie sagte: …“Sie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen“.

 Irgendwie, die Wahlmöglichkeiten sind überschaubar: Entweder gibt es eine Regierung, an deren Spitze allmächtige Männer stehen, oder man hat stattdessen allgemein gültige Gesetze, die eine unabhängige Judikative verwaltet.

Entweder leben wir in Staaten, wo ein Mann oder eine Gruppe von Männern befiehlt, oder – im entgegengesetzten Fall – in einem Staat, in dem eine von Gesetzen kontrollierte Exekutive von der Mehrheit akzeptiert wird, wie es demokratische Prinzipien empfehlen.

 Wir bereichern uns oder wir verarmen in einem wirtschaftlichen System, in dem der Vorteil regiert und eine zentrale Macht über Gewinner und Verlierer entscheidet. Oder, im umgekehrten Fall, wir entscheiden uns für einen offenen und freien Markt, in dem Angebot und Nachfrage blind bestimmen, wer sich bereichert und wer verarmt, ohne Ansehen der Person.

 Douglas North, ein brillanter nordamerikanischer Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, beschrieb die zwei Modelle, die die Menschheit kennengelernt hat, seit sie vor mehr als 10 Millionen Jahren sesshaft wurde und Staaten gründete. North unterscheidet „Gesellschaften mit beschränktem Zugang“ und „Gesellschaften mit offenen Zugang“. (Violence and the Rise of Open Access Orders. Journal of Democracy, 2009).

 Mehr gibt es nicht.

 Systeme mit „eingeschränktem Zugang“ etablierten binnen kurzer Zeit eine Verteilung von Wohltaten, die bis heute anhält und darin besteht, Einkünfte unter Bossen und Gefolgsleuten aufzuteilen. Von den 200 Nationen, die es auf unserem Planeten gibt, sind 140 oder 150 Gesellschaften solche mit  „eingeschränktem Zugang“; aber das ändert sich gerade. Es gibt einen unerwarteten Übergang von einem Modell zum anderen. Schon sind Privilegien nicht mehr vorzeigbar, wobei es nicht darum geht, sich am Rande von rechtmäßigen und wettbewerbsfähigen Aktivitäten zu bereichern.

 Die US-amerikanische Republik war ab 1776 die erste offene Gesellschaft, die sich mit der Abfassung der „Konstitution von Philadelphia“ weiter entwickelte. Da George Washington den Plan ablehnte, zum König ernannt zu werden, wählte man ein demokratisches Vorgehen, mit dem man Souveränität auf die Wählerschaft übertrug.

Das Modell der Vereinigten Staaten von Amerika fand Nachfolger; es wurde verworfen und wieder aufgegriffen: von Frankreich; Holland, Belgien Deutschland und sogar von den 28 Ländern der Europäischen Union.

 Es ist offenkundig, dass diese „Gesellschaft mit offenem Zugang“ – die als „Die Vereinigten Staaten“ das Licht der Welt erblickte – die Frauen, die schwarze und die eingeborene Bevölkerung nicht berücksichtigte, aber diese Republik war ein offenes Modell, absolut revolutionär, das es allen Personen erlaubte sich schrittweise einzugliedern.

 Aus den 4 Millionen Weißen im Jahr 1790 sind 325 oder 330 Millionen Menschen geworden, mit vielen Hautfarben und Religionen, wie es der Zensus von 2020 zeigen wird. Aus den ursprünglich 2 Millionen Quadratkilometern am Atlantik, die die 13 Gründerstaaten unter sich aufteilten, sind es von Küste zu Küste mehr als 9 Millionen geworden, aufgeteilt auf 50 Staaten, den Archipel Hawaii eingeschlossen.

 Das Vorbild der Vereinigten Staaten fand Nachfolger; es wurde verworfen und wieder aufgegriffen: von Frankreich; Holland, Belgien Deutschland und sogar von den 28 Ländern der Europäischen Union. Gleichzeitig, fast ganz Lateinamerika imitiert oder verwirft das offene amerikanische Modell, aber mit der Verfolgung von Korruption und von internationalen Straftaten wird die Zeit kommen, in der auch diese Länder akzeptieren, gewisse öffentliche Angelegenheiten so zu behandeln, wie es die Vereinigten Staaten tun.

In diese Richtung geht es.

Übersetzung: Dieter Schubert


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