Camilo, ein Unterdrücker, „disqualifiziert von der Geschichte“

Hervorgehoben

Der Agent beteiligte sich im Jahr 2009 an der Schmähaktion gegen Reinaldo Escobar. (Collage)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 1.Mai 2021

 Es ist ein langer Werdegang in Sachen Unterdrückung, der diesen Agenten der Staatssicherheit begleitet; er nennt sich „Camilo“. Der Mangel an Kreativität, sich ein Pseudonym zuzulegen, ist kennzeichnend für eine Person, die für die politische Polizei arbeitet. Er war und ist einer der aktivsten Unterdrücker der alternativen Bloggersphäre auf dieser Insel, und er war besonders aktiv gegen den Journalisten Reinaldo Escobar und seine Helferin.

Er war und ist einer der aktivsten Unterdrücker der alternativen Bloggersphäre auf dieser Insel.

 Im weit zurückliegenden Jahr 2008 zitierte er uns auf die Polizeiwache in Vedado, einem Stadtviertel in Havanna, um uns zu bedrohen. Jetzt haben wir ihn wiedergesehen(mit mehr grauen Haaren, mehr Bauch und weniger Schamgefühl), als er am letzten Freitag junge Leute zurückdrängte, die in der Obispo-Straße protestierten. Er beteiligte sich im Jahr 2009 an der Schmähaktion gegen Escobar, an der Ecke der Straßen 23 und G, und er war auch bei unserer Festnahme dabei, in Bayamo im Jahr 2012. Es genügt ein Bild von ihm zu betrachten, dass ich seine Fingerknochen auf meiner Haut spüre und seinen üblen süß-sauren Schweiß rieche, der an meinem Gesicht klebt.

 Oh Camilo…Erinnerst du dich daran, als du mir und meinem Mann sagtest, dass wir uns mit „diesem Dialog disqualifiziert hätten“? Von welchem „Dialog“ sprachst du damals? Von dem „Gespräch“ zwischen einer Person, die schrie, und einer anderen, die mundtot gemacht wurde? Von der Kakophonie einer einzigen Stimme? Von dem eintönigen Redeschwall aus nur einer Kehle?

 Oh Camilo…Ganz bestimmt wird dich „die Geschichte disqualifizieren“ und dir den Platz zuweisen, den du verdienst: den eines Werkzeugs, benutzt und weggeworfen von seinen Vorgesetzten.

   Übersetzung: Dieter Schubert

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Kongress oder Beerdigung? In Kuba weiß man das nie

Hervorgehoben

Raúl Castro und Miguel Díaz-Canel während des 8.Kongresses der Kommunistischen Partei Kubas. (Estudios Revolución)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 20.April 2021

In der illegalen kubanischen Lotterie bedeutet die Zahl 8 den Tod, dieselbe Zahl steht vor dem Kongress der Kommunistischen Partei (PCC), der am Montag in Havanna zu Ende ging. Dieses Konklave hatte für eine Generation, die sich von ihren hohen Ämtern verabschiedet, die Feierlichkeit eines politischen Begräbnisses, hat aber für das Land, das sich in der schlimmsten Krise des Jahrhunderts befindet, nur wenige optimistische Signale ausgesendet.

Der Abschied Raúl Castros vom Sekretariat der mächtigsten Organisation des Landes kommt nicht überraschend. Der unabänderlich voranschreitende biologische Prozess veranlasste ihn zur Seite zu treten, wenigstens öffentlich. Trotzdem, obwohl nun an der Parteispitze niemand mehr den Namen des Familienclans trägt, wäre es naiv zu denken, dass die Sippe aus den Dörfchen Birán nicht weiterhin versuchen würde, das nationale Schicksal zu kontrollieren.

Um das Steuer des Staatsschiffs in Händen zu behalten, entwarf Raúl Castro vorausschauend einen Plan, den er methodisch und diszipliniert umsetzte, getreu seinem Motto: „Ohne Eile, aber ohne Pause“. Die Berufung an die vorderste Parteifront von Miguel Díaz-Canel, einem Benjamin, der aufgebaut wurde, um die Kontinuität des Systems um jeden Preis zu gewährleisten, war dabei der entscheidende Schritt bei der Übergabe von öffentlicher Verantwortung.

Der unabänderlich voranschreitende biologische Prozess veranlasste Raúl Castro zur Seite zu treten, wenigstens öffentlich.

Die Berufung ins Polit-Büro von Luis Alberto Rodriguez López-Calleja, Ex-Schwiegersohn von Castro und Chef des Militärkonsortiums, das einen Großteil des Tourismus-Geschäfts kontrolliert, deutet darauf hin, dass es für den ausscheidenden Parteiführer extrem wichtig ist zu vermeiden, dass ein Reformkurs das System zusammenbrechen lässt und seine Familie so den Zugriff auf „die besten Stücke des nationalen wirtschaftlichen Kuchens“ verliert.

Das ist der Fahrplan, den der General aufgestellt hat, um seine letzten Tage sicher vor Tribunalen und Gefängnismauern verbringen zu können, aber das ist nicht genug. In dem Land, das er − wenigstens nominell − transferiert hat, gibt es jetzt eine große allgemeine Unzufriedenheit mit dem politischen und wirtschaftlichen System. Absurde Verbote und der Zentralismus, mit seiner geringen wirtschaftlichen Produktivität, haben einen materiellen Schaden verursacht, der durch die Pandemie im letzten Jahr noch vergrößert wurde.

Öffentliche Demonstrationen, als Ausdruck von Unbehagen, sind nicht mehr nur die von Oppositionellen; es vergeht kaum eine Woche, in der nicht in den sozialen Netzen von Straßenprotesten, Konfrontationen mit der Polizei und Übergriffen der Staatssicherheit berichtet wird. Die gesamte Nation gleicht einer ausgedehnten verdorrten Weide, unter einer unbarmherzigen Sonne von Armut und Unterdrückung, die mit einem kleinen Funken Feuer fangen kann, oder es folgt eine weitere Migrationskrise, eine der vielen, die wir Kubaner regelmäßig erlebt haben.

Mit diesem 8.Kongress wollten die abtretenden Partei-Oberen die Botschaft von der Nachhaltigkeit des eingeschlagenen Wegs aussenden und nicht die Fahne der Wende hissen. Sie entschieden sich für ein Drehbuch, in dem der ideologische Stab von einem Läufer an den nächsten weitergegeben wird, zum Nachteil eines Plans für Öffnungen, auf die ein Teil der Bevölkerung schon seit langem wartet. In den nächsten Wochen, in dem Maß wie Einzelheiten zu diesem Ereignis bekannt werden, wird es einige Bürger geben, die sich die Hände reiben, viele werden dann ein Floß ausrüsten, um zu emigrieren, und noch andere werden eine Kerze anzünden, für eine Nation in Agonie.

…Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Das (vermutliche) politische Testament von Raúl Castro

 

Wenn der 8.Kongress der PCC endet, fehlen Raúl Castro noch 45 Tage, um das verehrungswürdige Alter eines 90-jährigen zu erreichen. (EFE)

REINALDO ESCOBAR / La Habana / 8.April 2021

 Seit fünf Jahren bereitet Raúl Castro seinen Rücktritt vor. Er kündigte ihn im April 2016 an, als er darauf hinwies, dass der 7.Kongress der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) der vermutlich letzte wäre, „bei dem die historische Generation anwesend ist“. Es ist anzunehmen, dass er jetzt darüber nachdenkt, eine Art politisches Testament für seine Nachfolger zu hinterlassen, und das ideale Szenario dies zu tun ist der Kongress, der an diesem Wochenende stattfindet.

 Der General weiß, dass alle großen Presse-Agenturen die wesentlichen Kommentare zu seinem Ableben schon vorweggenommen haben; je nach ideologischer Ausrichtung beurteilen sie ihn als unzufriedenen Reformer oder als Nachfolger in einer Diktatur. Er weiß auch, dass sein letzter Auftritt als legitimer Erbe des Castrismus das Potential hat, den unvermeidlichen Wechsel zu verzögern oder voranzubringen.

 Es ist beschämend festzustellen, dass die nahe Zukunft einer Nation von den Launen eines Diktators abhängt, der behauptet, dass bei seinem Rücktritt alles gut geregelt ist; so ist die harte Realität.

 Um den Wechsel zu verzögern, der allem Anschein nach unausweichlich ist, würde es dem ausscheidenden 1.Sekretär genügen, seine Nachfolger verbindlich zu verpflichten, „die Fahne des Sozialismus hoch zu halten“. Um in der Sache voranzukommen, um „die Zukunft vorwegzunehmen“, würde ihm eine Absichtserklärung reichen, die die Reformen abschließt, die er nicht umsetzen konnte oder nicht wollte.

Wird er wie ein Staatsmann handeln oder wie der Bruder seines Vorgängers, wie ein Statist oder wie Teil einer Familie? Nur er weiß es.

 Wenn der 8.Kongress endet, fehlen ihm 45 Tage, um das verehrungswürdige Alter eines 90-jährigen zu erreichen. Von Seiten der historischen Generation hat nur er die Fähigkeit, eine Botschaft auszusenden, die die Macht im Staat neu bestimmt. Mit seinem Tod stirbt der letzte Vertreter eines Clans, der die Insel seit mehr als einem halben Jahrhundert gepeinigt hat: sein Abschied könnte eine gut ausgespielte Karte werden.

 Nur Raúl Castro kann die Erinnerung an einen Mann auslöschen, der das Land an den Rand des Abgrunds gebracht hat, an dem es sich heute befindet. Wird er wie ein Staatsmann handeln oder wie der Bruder seines Vorgängers, wie ein Statist oder wie Teil einer Familie? Nur er weiß es.

 Wenn er seiner Reputation als Familienmensch folgt, so, wie ihn seine Anhänger aufgebaut haben, dann will er seinen Nachkommen vielleicht ein Land hinterlassen, für das sie sich nicht schämen müssten. Raúl Castro sollte sich dazu schließen, das „Gatter zu öffnen“ und sich metaphorisch auf seine wirtschaftlichen und politischen Öffnungen berufen.

 Wenn er in einer heldenhaften und starren Haltung verharrt, damit man ihm nicht eine Kapitulation anlasten kann; wenn er sich nicht entschließt, Verantwortung zu übernehmen und Selbstkritik zu üben, angesichts der vielen Fehler, bei denen er während sechs Dekaden seinem Bruder zur Seite stand; wenn ihm mehr daran gelegen ist, auf der letzten Buchseite der Vergangenheit zu stehen, als auf der ersten der Zukunft,   dann wird er die Faust verkrampfen und eine abgegriffene Losung schreien.

 Das Schweigen, in das er sich zurückgezogen hat, seit wir zum letzten Mal seine Stimme gehört haben, könnte auch weitergehen. Das Fehlen eines politischen Testaments, um den Weg für geforderte Veränderungen freizumachen, hätte einen großen Vorteil: man wird ihm nicht dafür danken müssen.

   Übersetzung: Dieter Schubert


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Spontanität in San Isidro, Nötigung im Trillo Park

Zum gemeinsamen Geburtstag, organisiert von der San Isidro-Bewegung, trafen sich an diesem Sonntag die Bewohner des Viertels. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 4. April 2021

 Vier Monate und ein Abgrund trennen sie. Die einen versammelten sich im November im Trillo Park, aufgerufen von der kubanischen Regierung; die anderen tanzten im April im Stadtviertel San Isidro, im Rhythmus von Songs, die in den nationalen Medien nicht abgespielt werden dürfen. Die einen kannten nicht einmal die Namen der Straßen, die den Platz im Zentrum von Havanna umgeben, wohin man sie gebracht hatte; die anderen kennen jeden Stein in diesem Viertel, einem der ärmsten in der Hauptstadt.

 Spontanität kann man nur schwer vortäuschen. Natürlichkeit, die nicht echt ist, bleibt schlechte Maskerade. An dem Treffen junger kubanischer Linker im Trillo Park nahm Präsident Miguel Díaz-Canel teil; er trug teure Sportschuhe und entstieg einem Wagen mit Aircondition; zu der gemeinsamen Geburtstagsfeier für alle Kinder des Viertels, organisiert von der San Isidro-Bewegung, kamen die ärmsten Bewohner des Viertels.

Die Zukunft schreit aus voller Kehle und wackelt mit den Hüften.

 In einem Fall stimmten die Teilnehmer Lieder an, zu denen sich damals revolutionäre Körper bewegten und die heute nur noch an den großen Betrug erinnern, der zum kubanischen Gesellschaftssystem wurde; im andern Fall wiegten sich die Anwesenden in den Hüften und sagten Sätze voller Aufsässigkeit und Hoffnung, mit Blick in eine Zukunft, in der Meinungsverschiedenheit entkriminalisiert wäre. Die einen sind Vertreter einer altersschwachen Macht; die anderen nehmen ein Kuba vorweg, in dem Platz für alle ist. Nicht gewählt wurden die vom November; denen vom April jubelte man öffentlich zu.

 Zwischen dem Trillo Park und der Damas Straße gibt es dieselbe symbolische Distanz, wie zwischen der castristischen Führungsspitze und dem kubanischen Volk. Die „dort oben“ glauben, die Insel noch lange Zeit kontrollieren zu können, wenn sie nur ihre Gegner unterdrücken, Pfründe an Gefolgsleute verteilen und Kritiker ins Exil jagen. Die in den Stadtvierteln mit heruntergekommenen Fassaden und illegalen Spielen wissen, dass die Zeit für einen Wechsel schon längst gekommen ist und dass die Regierung nicht mehr anzubieten hat als Armut und Schläge.

 Die Vergangenheit ist vergleichbar mit einem großen öffentlichen Platz, auf dem abgedroschene Losungen gerufen werden und der Staatschef ein Bad in der Menge simuliert und weiß, dass es vorbereitet und einstudiert wurde; die Zukunft schreit aus voller Kehle und wackelt mit den Hüften. Es sind zwei getrennte Zeiten. Sind zwischen beiden nur vier Monaten vergangen? Vielleicht sagt jemand auch, es wären vier Jahrhunderte gewesen.

   Übersetzung: Dieter Schubert


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Der Frühling, der dunkelste von allen

Im sogenannten „Schwarzen Frühling“ 2003 wurden 75 Dissidenten verhaftet und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 18.März 2021

 Sie kamen am frühen Morgen, und oft nahmen sie sogar Familienfotos mit. Es war März 2003 und die Nachricht verbreitete sich häppchenweise in dem Maße, wie die Polizeiregister länger wurden und die Bürger anfingen, über die Patrouillen, die Uniformierten und die Verhafteten zu reden. Diese Tage wird man später als den „Schwarzen Frühling“ bezeichnen; eine Welle staatlicher Gewalt, die tiefe Wunden hinterlassen hat, die aber auch das aktuelle Erscheinungsbild der Dissidenten auf Kuba prägte.

 Es waren Zeiten, in denen die kubanische Bürokratie Mut fasste. Mit einem noch aktiven Fidel Castro an der Staatsspitze und einem konstanten Zufluss von Petrodollars aus Venezuela, glaubte das Regime, den Himmel mit den Händen berühren und jede Wolke kontrollieren zu können. Mit Beginn des Jahrhunderts hatte man die eine um die andere energetische und soziale Reform gestartet und dazu tausende von jungen Leuten rekrutiert, die alle dasselbe taten: Autos in Servicestationen betanken, Kühlschränke verteilen und Schläge bei Schmähaktionen austeilen. Die begonnenen wirtschaftlichen Reformen, zu denen die „Spezielle Periode“ (Período Especial) gezwungen hatte, wurden zurückgefahren.

 Im Jahr 2003 begann der Krieg im Irak und Castro glaubte, dass sich die internationale Aufmerksamkeit ausschließlich auf den aufkeimenden Konflikt im Nahen Osten richten würde. Schließlich hatte er schon bei früheren Anlässen seinen Willen durchgesetzt, als wegen Mittäterschaft, die Angst Havanna zu inkommodieren und ideologischer Sympathien mehr als nur eine Verurteilung des Regimes verschwiegen wurde, obwohl es Verhaftungen von Dissidenten und Übergriffen in Gefängnissen gab. Die repressive Offensive in jenem März sollte zeigen, dass die Zeiten der absoluten Kontrolle zurück gekommen waren, obwohl man nicht mehr mit der Unterstützung des gefürchteten russischen Bären rechnen konnte. Der „Máximo Líder“ wollte eine überzeugende Botschaft vermitteln.

Es war auch das Jahr, in dem viele ihre Illusionen verloren, jene, die immer noch glaubten, dass sich in der Karibik eine gerechte und schöne Revolution etabliert hätte.

 Aber die Razzia kam nicht so voran, wie es Castro kalkulierte. Die internationale Verurteilung war einstimmig. Sogar alte Verbündete, wie der portugiesische Schriftsteller José Saramago, sagten klar und deutlich, dass ihre Geduld und Nachsicht ein Ende gefunden habe. „Bis hierher bin ich mitgegangen. Von nun an wird Kuba seinen eigenen Weg gehen; ich aber bleibe außen vor“, erklärte der Nobelpreisträger für Literatur angesichts der Verhaftung der 75 Oppositionellen; ein Satz, den man auf der Insel in offiziellen Medien nie hören oder lesen konnte; man sprach weiterhin von der „uneingeschränkten“ Unterstützung der Offensive „gegen den Feind“.

 Es war auch das Jahr, in dem viele ihre Illusionen verloren, jene, die immer noch glaubten, dass sich in der Karibik eine gerechte und schöne Revolution etabliert hätte. Sie wollten nicht wahr haben, dass die Bärtigen, die von den Bergen heruntergekommen waren, letztendlich eine Diktatur errichten würden, in der „anderer Meinung sein“, ein Synonym für „Verrat“ war. In diesem Frühling entdeckten sie eine Evidenz, die überzeugender war, als jedes beliebige Argument. Es war nicht nötig viel zu sagen; es reichte die Anklageschriften zu lesen, in denen bestimmte Bücher zu haben, eine Schreibmaschine zu besitzen oder einen Brief aus dem Ausland zu erhalten als kriminell eingestuft wurden.

 Aber diese Verhaftungen und die darauffolgenden Verurteilungen korrigierten nicht nur die Art und Weise, wie die Welt das kubanische System betrachtete, sondern sie beeinflussten auch die nachfolgende Dissidenten-Bewegung, die auf Kuba Gestalt annahm. Die Forderung, die 75 freizulassen, und die Weigerung der Regierung dies zu tun, wurden zu Ereignissen, die die kubanische Opposition einte. Die Bewegung der „Damen in Weiß“ (Damas de Blanco) spielte bei diesem aufeinander Zugehen eine entscheidende Rolle, und neue Gruppierungen, die wegen der Nachfrage in aller Eile entstanden, waren weniger parteilich orientiert, sondern konzentrierten sich eher auf die Einhaltung der Menschrechte. Die unabhängige Presse wuchs. Der Castrismus hatte eine Saat ausgebracht, geerntet hat er einen Verlust an internationalem Prestige und eine soziale Zerrissenheit, die ihn heute in Schach hält, umgeben von Kritik, und entblößt aller Würde.

 Achtzehn Jahr später, das kubanische Regime hatte genügend Zeit um einzusehen, dass dieser Akt von Intoleranz ihm nur Probleme gebracht hat. Er machte Bürger zu Helden, erzeugte ein gemeinsames Wollen und öffnete einem kritischen Sektor Tür und Tor, der heute viel breiter und mehrstimmiger ist, als er es vor jenem März 2003 war. Obwohl das „Knebelgesetz“(Ley de Mordaza) noch in Kraft ist, schwächelt der „Arm der Macht“; er ist diskreditiert und fast ohne Alliierte.

   Übersetzung: Dieter Schubert

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Wir, die Verbotenen

 

Mehrere Fachleute unterzeichneten eine Petition, in der sie die Regierung bitten, sowohl die Architekten wie auch die Ingenieure aus der Liste der 124 privaten Aktivitäten zu eliminieren, die kürzlich in Kuba verboten wurden. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 1.März 2021

Carlos Manuel; sein Großvater war Mitte des vergangenen Jahrhunderts Eigentümer eines Bestattungsinstituts; sein Nachbar eröffnete in den 50er Jahren eine Kanzlei und seine Mutter begann als Dentistin in einer Klinik. Er selbst lebt in Havanna, ist 48 Jahre alt und wird keine dieser Tätigkeiten ausüben können, ohne dass ihn der Staat kontrolliert. Was ihn betrifft, so lebt er in einem Kuba mit größeren Restriktionen für Selbständige, größer als jene, die seine Vorfahren kannten.

Seit mehreren Tagen verbreitet sich auf der Insel eine beunruhigende Liste; sie nennt 124 Berufe, gegen deren Ausübung im privaten Sektor die Regierung ein Veto eingelegt hat. Mehrheitlich handelt es sich dabei um Berufe, die ein staatliches Monopol tangieren, beginnend mit der privaten Förderung von Rohöl, weiter mit der Produktion von Zucker, betrifft aber auch Rechtsanwälte, Architekten, Ärzte oder Journalisten, die eigenverantwortlich tätig sein wollen.

Die Liste enthält 124 Berufe, gegen deren Ausübung im privaten Sektor die Regierung ein Veto eingelegt hat.

Seit geraumer Zeit verwahrt Carlos Manuel ein Dokument in einer Schublade, das ihn als bürgerlichen Ingenieur ausweist. Er hatte die Illusion, dass angesichts der gravierenden wirtschaftlichen Krise die Behörden die „Tür einen Spaltbreit“ öffnen und ihm erlauben würden, als Privatmann in seinem geliebten Beruf zu arbeiten. Zusammen mit zwei Freunden, einem Architekten und einem Designer, träumten sie davon ein Unternehmen zu gründen, mittelgroß oder klein, um ihre Dienste beim Bau von Gebäuden, bei der Umgestaltung von Hotels, privaten Ladengeschäften oder Wohnungen anzubieten.

Aber statt der erhofften Öffnung stockte den drei graduierten Fachleuten der Atem, als sie lasen, dass man ihnen keine Lizenz für Selbstständige erteilen wird, um damit ihren Beruf ausüben zu können. „In einem Land, in dem es dringend nötig ist, die architektonische Schönheit der Städte zurückzugewinnen, hat man uns verwehrt, mit eigenen Kräften dazu beizutragen“, schrieb er an einen Freund, nachdem er die Liste gelesen hatte. In der Nacht rief er seinen Bruder in Uruguay an, um ihm zu sagen, dass er „bei nächster Gelegenheit“ emigrieren würde. Wieder ein Fachmann der flieht, weil er hier seine Träume nicht verwirklichen kann.

Mehrere Kollegen von Carlos Manuel haben sich getroffen und eine Petition unterschrieben, mit dem Titel „Die unabhängige Architektur sollte in Kuba nicht ignoriert werden“. Darin bitten sie die Regierung, sie möge die Architekten und die Ingenieure aus der Liste jener 124 Tätigkeiten herausnehmen, die das Ministerium für Wirtschaft und soziale Sicherheit ausdrücklich verboten hat. Aber sie haben wenig Hoffnung, dass der Platz der Revolution die Entscheidung zurücknimmt.

Letztlich ist das Verzeichnis der geächteten Tätigkeiten nur ein Resümee der Ängste eines Regimes.

Letztlich ist das Verzeichnis der geächteten Tätigkeiten nur ein Resümee der Ängste eines Regimes, von dem man weiß, dass es ihm nicht gelingt, seinen Arbeitern attraktive Löhne zu zahlen, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und Freiräume für Innovation oder freie Meinungsäußerung in seinen Institutionen und Unternehmen zu gewähren. Das Regime ahnt intuitiv, dass ein unabhängiger Rechtsanwalt nicht stillschweigend eine Verletzung der Rechte seines Mandanten hinnehmen wird, dass ein freier Verleger keine Zensur zulassen wird, oder dass kein unabhängiger Reporter Nachrichten unter den Teppich kehren wird, nur weil sie unbequem für die Staatsmacht sind.

Die Regierung fürchtet auch, wollte sie eine private Ausübung bestimmter Berufe erlauben, dass dies nicht nur einen Exodus von Beschäftigten aus dem staatlichen Sektor auslösen würde, sondern dass es auch einen entscheidenden Verlust an politischer Kontrolle über tausende Kubaner bedeuten würde. Nicht nur Personen mit einem Diplom würden Autonomie gewinnen; die Staatsmacht würde auch niemanden mehr so ausschlaggebend beeinflussen können, wie sie es bis heute tut.

Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert


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Verbieten um zu verbieten

Bei mehr als der Hälfte aller in Kuba gebauten Häuser, zwischen Januar und Oktober 2020, waren dies Privatpersonen; aber selbstständige Architekten bleiben ausdrücklich verboten. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 11.Februar 2021

Das Haus ist niedrig und hässlich; es wurde behelfsmäßig und schnell errichtet. Um zu bauen konnten seine Bewohner keinen selbständigen Architekten beauftragen, und auch in Zukunft werden sie dies nicht tun können. Eine Auflistung der in Kuba verbotenen privaten Tätigkeiten enthält nicht nur die Architekten, sondern auch Journalisten, Filmschaffende, Anwälte, Bestatter, wissenschaftliche Forscher und Hersteller von Fahrzeugen.

An diesem Mittwoch wurde endlich das Verzeichnis der auf der Insel geächteten Tätigkeiten veröffentlicht; sein Inhalt hat die schlimmsten Prognosen übertroffen. Auf der Liste werden nicht nur Aktivitäten verboten, die bisher auf illegalen Terrain stattfanden, wie die Leitung einer privaten Galerie oder eine Rechnungsprüfung; jetzt werden rigorose Grenzen gesetzt, von denen der Staat will, dass sie nicht von privaten Initiativen überschritten werden. Zusammengefasst handelt es sich um die Ängste eines politischen Systems, das weiterhin die wichtigsten Bereiche im Leben seiner Bürger kontrollieren will.

Die Liste ist ein Beweis für die rückständige Mentalität, die bei denen vorherrscht, die auf der Insel Entscheidungen treffen. Sie denken immer noch, sie könnten verhindern, dass ein Musiker ein kleines Aufnahmestudio im Badezimmer aufbaut, um eigene CD’s zu produzieren und die seiner Kollegen; sie glauben immer noch, sie könnten vermeiden, dass jemand aus ein paar Rädern und Blechteilen ein Fahrzeug zusammenbaut oder einen Beschuldigten juristisch berät. In ihrer Fantasie gelingt es ihnen, dem Layouter eines Gedichtbands die „Flügel zu stutzen“, ebenso wie dem der Tabakblätter rollt, um die Zigarren auf eigene Rechnung zu verkaufen.

Die Liste mit diesen 124 verbotenen Aktivitäten zeigt auch die Arroganz, von der die Regierenden durchdrungen sind, die sie geschrieben haben.

 Die Liste mit diesen 124 verbotenen Tätigkeiten zeigt auch die Arroganz, von der die Regierenden durchdrungen sind, die sie geschrieben haben. Eine solche Anmaßung basiert auf einem Image, das nur schwer mit einem bankrotten Staat in Einklang zu bringen ist, auch nicht mit den umfangreichen internationalen Schulden, der chronischen Versorgungskrise und dem Unvermögen Werte zu schaffen oder die Nachfrage nach Produkten des täglichen Lebens zu befriedigen. Die Liste ist abgefasst, als ob es sich die Regierung leisten könnte, die vielen Möglichkeiten außen vor zu lassen, die Beschäftigung, Wohlstand und Entwicklung generieren, nachdem sie das Land an die Armutsgrenze und an den Rand einer humanitären Krise gebracht hat.

Diese Auflistung ist nicht entstanden mit Blick auf die wirtschaftliche und rechtliche Situation; sie wurde erarbeitet ausgehend von einem Bedarf an Kontrolle. Vielleicht ist es der Paragraf „Künstlerische Aktivitäten, Unterhaltung und Re-Kreativität betreffend“, der am deutlichsten die ideologische Inspiration zeigt. In dieser Aufzählung ist der Journalismus der erste „Verurteilte“, weil er seit Jahren das staatliche Nachrichtenmonopol schachmatt setzt, indem er unzählige Vorkommnisse aufdeckt, die die offizielle Bürokratie gern unter den Teppich kehren würde, und damit die Hörigkeit der von der Kommunistischen Partei kontrollierten Presse offensichtlich macht.

Was können wir von einer solchen Liste erwarten? Handelt sich dabei um Makulatur oder wird sie um jeden Preis umgesetzt? Macht man eine Hexenjagd auf viele wirtschaftliche Phänomene, die sich im Schatten der Illegalität ausgebreitet haben? Ist es ein repressiver Schlag, der jedes privat geführte Geschäft beerdigt − weil jetzt verboten? Schwierig vorherzusehen, was geschehen wird. Schon jetzt aber ist klar was die Regierung erreicht hat: In gemeinsamer Empörung vereinen sich Filmschaffende, unabhängige Reporter, Ingenieure und die frustrierten Architekten, die Städte voller Pfusch am Bau sehen. Mehr als hundert Verbände wurden gerade zu Feinden.

Übersetzung: Dieter Schubert


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Wenn es keinen Unterricht gibt, gibt es auch keine Indoktrinierung

Nach den Protesten am 27.November und der jüngsten Neuauflage, ist es offensichtlich geworden, dass die politische Kontrolle ein vitales Element der kubanischen Bürokratie ist. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 1.Februar 2021

Am Morgen wachen sie nach 10 Uhr auf, sie verbringen den Rest des Tages in Warteschlangen, um Nahrungsmittel zu kaufen, auf das Smartphone zu starren oder vor einer Konsole mit Videospielen zu sitzen. Sie sind zwischen 17 und 25 Jahre alt, aber an diesem 1.Februar konnten sie nicht zurück an die Uni, weil ein Corona-Ausbruch in Havanna dies verhindert hat. Wenn aber keine Vorlesungen stattfinden, schützt sie dies auch vor Veranstaltungen mit ideologischer Indoktrinierung.

Karla, Mateo und Jeancarlo sind in ihrem ersten, dritten bzw. fünften Studienjahr; sie haben sich für technische bzw. geisteswissenschaftliche Fachgebiete an Fachhochschulen in Havanna immatrikuliert, aber seit sie in einem Hörsaal waren, sind viele Monate vergangen Das merkt man nicht nur an der Orthographie und am Wecker, der nicht mehr so früh läutet, sondern auch an der abgeschalteten Indoktrinierung, die bis vor kurzem den Ablauf ihres studentischen Lebens bestimmte.

„Ich finde nichts auf der Anzeigetafelt“, sagt Jeancarlo und schaut auf den Bildschirm. „Wenn ich nicht an die Uni muss, werde ich mich auch nicht mit den Abendnachrichten herumquälen“, meint Karla, und während es für Mateo klar ist, dass er die Kommilitonen seines Jahrgangs vermisst, sagt er, dass „es eine Wohltat ist, wenn man nicht jeden Tag denselben ideologischen Quatsch anhören muss“. Alle drei haben sich der ideologischen Dressur entzogen, die vor kurzer Zeit noch zu ihrem Studentenleben gehörte.

Ein Regime, das zu seinem Fortbestand die ideologische Kontrolle des Einzelnen von früher Kindheit an braucht, weiß nicht mehr recht was es tun soll, wenn die Menschen auf Distanz gehen und unzugänglich werden.

 Nach den Protesten am 27.November vor dem Ministerium für Kultur und der Neuauflage zwei Monate später, ist es offensichtlich geworden, dass die politische Kontrolle der Universitäten ein vitales Element der kubanischen Bürokratie ist. Vermisst jemand vielleicht die vielen Slogans bei den Morgenfeiern an den Schulen, die Verwendung von Studenten für Stoßtrupps bei Schmähaktionen gegen missliebige Bürger und die Kampagnen in Klassenzimmern und Hörsälen, um Kritiker zu verteufeln?

Stattdessen hat die Pandemie die Regierung gezwungen, die Kampagnen zur Vernichtung der Reputation von Künstlern, Aktivisten und unabhängigen Journalisten zu bündeln. Sie finden jetzt in den offiziellen digitalen Medien statt, im nationalen Fernsehen und mithilfe regierungsfreundlicher Accounts in den sozialen Netzwerken. Das Problem ist aber, fern vom obligatorischen Prozess zu denken, den ihnen die Universität aufzwingt, und eingeschlossen in ihren Häusern, schauen die Studenten die offiziellen TV-Kanäle nicht an.

„Für nichts auf der Welt verschwende ich damit meine Zeit. Wenn es etwas Gutes an der Quarantäne gibt, dann das, dass man nicht so viel heucheln muss“, gibt Karla zu. Mit ihren Freundinnen kommuniziert sie mit WhatsApp; sie sprechen über Mode, über neue Paare in ihrem Freundeskreis, die trotz der Distanz zusammengefunden haben, über Musik, die sie hören und über die Zukunft. „Eine Professorin hat uns per Telegram einige Unterlagen geschickt, damit wir den Kontakt mit dem Studium nicht völlig verlieren; aber wem fällt schon ein, ein solches politisches Kommuniqué zu lesen“, scherzt sie.

Ein Regime, das zu seinem Fortbestand die ideologische Kontrolle des Einzelnen von früher Kindheit an braucht, weiß nicht mehr recht was es tun soll, wenn die Menschen auf Distanz gehen und unzugänglich werden. Die armseligen Versuche, den „revolutionären Enthusiasmus“ wieder zu beleben, waren Aufrufe an die jungen kubanischen Linken, sich in den Parkanlagen des Landes zu treffen, um gegen die Künstler in Havanna zu protestieren. Aber die allgemeine Verweigerung an solchen Treffen teilzunehmen, aufgrund des epidemiologischen Risikos, hat sogar die glühendsten Verteidiger des Parteigetöses dazu gebracht, davon Abstand zu nehmen; auch, weil nicht mehr dazu aufgerufen wurde.

Mit einem Videospiel auf dem Bildschirm, abhängig von einem Lieferdienst oder auf dem Bett liegend, nachdem man die Nacht mit dem Anschauen von Serien und Filmen verbracht hat, damit wird man wenig Wissen in Naturwissenschaften, Grammatik oder Geschichte lernen können; aber auf diesen unterhaltsamen Seiten gibt es auch keine ideologischen Exzesse. Weil der Unterricht eingestellt wurde, werden junge Leute in den kommenden Jahren Schwierigkeiten haben, eine mathematische Gleichung zu lösen, einen Kunststil zu erkennen oder zu sagen, wann eine mittelalterliche Schlacht stattgefunden hat; aber sie werden unzugänglicher für Ideologie sein. Sie haben zu viel Zeit außerhalb des ideologischen Dauerregens verbracht, und sie haben sich daran gewöhnt Regenschirme zu benutzen.

Übersetzung: Dieter Schubert


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Das Corona-Virus, der „steinerne Kandidat“ bei Wahlen in Lateinamerika

 

Mexiko, mit mehr als 150 000 Toten aufgrund von Covid-19 und einem erkrankten Präsidenten, ist eines der lateinamerikanischen Länder, in denen es 2021 Parlamentswahlen geben wird. (EFE/José Pazos)

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YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 27.Januar 2021

Die Wahrsager und Propheten in Lateinamerika stehen vor einer schwierigen Aufgabe. In diesem Jahr beginnt in der Region ein neuer Wahlzyklus, Präsidentschaftswahlen in Peru, Ecuador und Chile, sowie wichtige legislative Konsultationen in Ländern wie Mexiko und Argentinien. Die Gemengelage bei diesen Wahlgängen könnte komplexer nicht sein, da der Kontinent den schlimmsten wirtschaftlichen Abschwung seit hundert Jahren erlebt, wobei Millionen Bürger in Elend versinken und von einer Pandemie bedroht werden, deren Ende noch nicht abzusehen ist.

Mehr als nur auf Pendelschwingungen zwischen rechten und linken Regierungen zu warten, bleibt zu hoffen, dass in diesem 2021 die aktuellen Verwaltungen an den Urnen abgestraft werden, wegen ihres Managements der Corona – Krise. Der „steinerne Kandidat“ − der buchstäblich nichts sagt aber dominant präsent ist − wird ein mikroskopisch kleiner, infektiöser Erreger sein, dessen Name auf keinem Wahlzettel auftaucht, der aber die regionale politische Landschaft erschüttern wird.

Obwohl man nicht alles den aktuellen Führungskräften anlasten kann, werden sie die Wähler zur Rechenschaft ziehen: für den wirtschaftlichen Zusammenbruch, für die Stagnation auf dem unternehmerischen Sektor, für die schon lang andauernden Restriktionen, für die wachsende Arbeitslosigkeit, die Überlastung der Krankenhäuser und sogar für das Verhalten von Hilfspersonal, das während der Pandemie eingesetzt wurde. Bei all dem was Covid-19 den Wählern genommen hat, befinden sich viele von ihnen noch in einer Schmerz – oder Wutphase, und die Gefühle von Frustration und Ohnmacht werden in den Wahllokalen ausschlaggebend sein.

Trotzdem, eine Gesellschaft, die zornig reklamiert und ihre Führung klar und deutlich beschuldigt, birgt auch große Gefahren. Unter den Zutaten, die einen günstigen Nährboden für Populismus schaffen, ist es gerade das Vorhandensein einer Bürgerschaft, die von ihren politischen Führern enttäuscht ist und darauf brennt, ihnen eine Lektion zu erteilen. Diese Entrüstung kann von Demagogen, extremen Gruppierungen, maßlos protektionistischen Parteiprogrammen, grotesken nationalistischen Strömungen und Parteiflügeln benutzt werden, deren Blick darauf gerichtet ist, die fragilen Pfeiler einer Demokratie mit Dynamit in die Luft zu jagen.

Im epidemiologischen Kontext ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, Großkundgebungen auf Straßen abzuhalten, genauso wie Wahlkampfveranstaltungen mit öffentlichen oder Tele-Debatten und mehreren Kandidaten.

Im epidemiologischen Kontext ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, Großkundgebungen auf Straßen abzuhalten, genauso wie Wahlkampfveranstaltungen mit öffentlichen oder Tele-Debatten und mehreren Kandidaten. In den kommenden Wochen werden die sozialen Netzwerke weiterhin eine führende Rolle bei den präsidentiellen und legislativen Wahlkämpfen spielen. Aber die virtuelle Welt hat bereits gezeigt, über wie viel Potential sie im politischen Wettbewerb verfügt und welche Risiken dies mit sich bringt.

Zudem wird schon die bloße Durchführung dieser Wahlen eine Herausforderung darstellen − mitten in dieser Corona-Krise. Ihre Organisatoren stehen vor der Aufgabe, zu erreichen, dass Millionen von Menschen ihr Wahlrecht ausüben können und dies in einem Rahmen, der ihnen die Erhaltung ihrer Gesundheit garantiert. Die Einbeziehung der elektronischen Abstimmung, die Briefwahl oder die Stimmabgabe online, werden zu diesem Bemühen beitragen, werden aber auch eine nicht-versiegende Quelle für Streit, Zweifel und Denunziation sein. In einer Region mit einer langen Vorgeschichte von Wahlbetrug und Wahlmanipulation, könnte ein Ganove versuchen daraus Nutzen zu ziehen.

Trotz alledem, in der Rolle als unbequemer Teilnehmer an Wahlveranstaltungen könnte das Corona-Virus eine Gelegenheit bieten, um zu testen, ob sich transparente und solide Wahlen durchführen lassen, mit einer Infrastruktur, die die Gesundheit schützt und Vertrauen schafft. Vielleicht ist es auch der Moment, in dem eine neue und bessere Art von Politik entsteht. Wie es so vielen Patienten geht, die eine tödliche Diagnose überleben und dann beginnen ihre Existenz mehr zu schätzen, so könnten die Kandidaten, die das schlimme Jahr 2020 überwunden haben, den Wahlausgang mit weniger Parteitreue und mit mehr Menschlichkeit betrachten.

Wahlergebnisse in einem so verkrampften Umfeld vorherzusagen, ist eine mühsame und fruchtlose Beschäftigung. Wenn aber ein Bürger in Ländern mit autoritären Regierungen und gefälschten Wahl-Resultaten − wie Venezuela, Nicaragua und Kuba − diese Wahlen verfolgt, dann wünscht sich dieser Bürger, der nicht das Recht hat seine politische Führung zu wählen, dass er an so unsicheren Wahlen teilnehmen könnte, wie problematisch diese auch sein mögen.

Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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Kuba 2021: Lebe wohl revolutionäre Maske

Viele haben die Geduld verloren, um noch zu investieren, erfolgreich zu sein und ihre Träume zu verwirklichen. Für einen echten Wandel ist es ein verlorenes Vierteljahrhundert. (EFE)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.Dezember 2020

Kuba erlebt eine schwierige Zeit. Das Problematische im vergangenen Dezember war nicht nur die wirtschaftliche Krise, infolge der das Bruttoinlandsprodukt um 11% zurückging, nicht der totale Lockdown und nicht das Leid, das die Pandemie verursachte. Das Jahr 2020 hat sich auf der Insel mit dunklen Tönen verabschiedet, vor allem wegen der Unsicherheit und somit der Unfähigkeit von 11 Millionen Kubanern, ihre Zukunft auf kurze und mittlere Sicht zu planen.

Dieser Sichtweise werden einige entgegnen, dass es in unserer jüngeren Geschichte schon schlimmere Momente gab. Während der Speziellen Periode (Período Especial) der 90er Jahre, als die Sowjetunion die Subventionen einstellte, gab es lange Stromausfälle, Einschränkungen im Transportwesen und eine Lebensmittelknappheit. Aber dennoch waren noch Reserven für einen Wechsel vorhanden, die Reformer hoffen ließen und die Träume der Bürger beflügelten. Mitten im Zusammenbruch hatte man das Gefühl, dass einige gute politische Entscheidungen ausreichen könnten, um produktive Kräfte freizusetzen und um den Menschen eine materielle Entlastung zu bringen. Es gab sogar Leute, die von einem Volksaufstand fantasierten, der das autoritäre Modell definitiv beerdigen sollte.

Obwohl, der einzige ‚Aufstand‘ den es gab, war der von tausenden verzweifelten Kubanern, die am Tag des Maleconazo*) versuchten von der Insel zu fliehen. Und auch die, die auf die ersehnten Flexibilisierungen hofften, irrten sich nicht. Als die Krise ihren Höhepunkt erreicht hatte, waren einige dieser Veränderungen bittere Pillen, die die Bürokratie schlucken musste: die Dollarisierung des Handels, die Existenz von Bauernmärkten frei von Rationierung, die Erlaubnis privatwirtschaftlich zu arbeiten und die Öffnung des Landes für ausländische Investitionen. Zum ersten Mal nach so langer Zeit kehrten Zwiebeln auf die Marktstände zurück, private Taxis füllten die Straßen und in den selbständig arbeitenden Restaurants, den Paladares, gab es wieder traditionelle kubanische Gerichte, deren Rezepte man für verloren hielt.

Heute, im Unterschied zu jener Zeit, sind die Fähigkeiten des Castrismus sehr begrenzt sich zu reformieren ohne daran zu zerbrechen, und eigentlich sind sie gleich null.

Jetzt, im Unterschied zu jener Zeit, sind die Fähigkeiten des Castrismus sehr begrenzt, um sich zu reformieren ohne daran zu zerbrechen, und eigentlich sind sie gleich null. Das System existiert seit fast 62 Jahren, ist in seinem politischen Kern ein Fossil, und es fehlt ihm jegliche Anziehungskraft für jüngere Gefolgsleute. Es hat sein Reformvermögen mit halbherzigen Veränderungen und lauwarmen Umstrukturierungen verschwendet, und Maßnahmen, die zunächst nach vorne wiesen, wurden anschließend wieder zurückgenommen. In der Zeit zwischen den beiden Krisen, der ersten, ausgelöst durch den Zusammenbruch des sozialistischen Lagers in Osteuropa und der aktuellen, haben viele Kubaner die Geduld verloren um noch zu investieren, erfolgreich zu arbeiten und ihre Träume zu verwirklichen. Für einen echten Wechsel ist es ein verlorenes Vierteljahrhundert.

Heute, in die Enge getrieben, plant die Obrigkeit ein Paket von Maßnahmen, um im Jahr 2021 das Staatsschiff wieder flott zu machen, aber bis heute orientieren sich die angekündigten Beschlüsse eher an einer Rücknahme von Subventionen und an Budgetkürzungen, als an der Entwicklung von Konzepten, die das Unternehmertum fördern, Verstaatlichungen einschränken und die Parteipolitik aus zentralen politischen Entscheidungen heraushalten. Aber solches Tun könnte auch den Fortbestand des Castrismus in große Gefahr bringen, obwohl, es nicht zu tun, würde nur das Datum seiner Beerdigung vorziehen.

Reaktionär und unbeweglich, ängstlich vor Neuem und misstrauisch gegen alles, was nicht aus den Laboratorien der Kommunistischen Partei kommt, zum Überleben ist dem derzeitigen kubanischen Modell nur die Unterdrückung geblieben. In diesem Jahr wird das System endgültig die Maske der Revolution und die der sozialen Gerechtigkeit ablegen, um sich als das zu zeigen, was es ist: eine Diktatur aus dem 20.Jahrhundert. Die Weltpolitik, der Zufall und die Angst haben es ermöglicht, dass das System bis hierher gekommen ist. Ohne Resultate bleibt ihm nur übrig die Zähne zu zeigen, und das macht irgendwelche Prognosen so schwierig.

Übersetzung: Dieter Schubert

*)Anmerkung des Übersetzers: Die Unruhen, die am 5.August 1994 in Havanna ausbrachen, bekannt auch als  Maleconazo, waren der erste größere Volksaufstand in Kuba seit dem Sieg der Revolution im Jahr 1959. (Wikipedia)

Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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