Rechnen Sie nicht mit mir

Vandalen in Miami haben die Statue von Kolumbus  beschmutzt. (Departamento de Policía de Miami-Dade)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 12.Oktober 2020 

Der 12.Oktober ist ein Tag mit verschiedenen Namen: der Tag der Rasse, der Tag der Entdeckung Amerikas, der Tag des Respekts vor der kulturellen Vielfalt. Jede Bezeichnung finde ich schön und lobenswert. Dieser Tag im Jahr 1492, an dem Cristóbal Colón in diesen Teil der Welt kam, hat der menschlichen Zivilisation die Form gegeben, die wir kennen, hat unseren Blick auf den Planeten verändert und die Kultur von Millionen von Menschen geprägt.

Augenblicklich gibt es Bewegungen und Tendenzen, die dieses Ereignis wahlweise hinterfragen, kritisieren oder preisen. In diesem vielstimmigen Chor, in den wir uns verwandelt haben, sollten alle eine Stimme haben. Aber die kleine Person − die ich bin − erwarb vor 20 Jahren einen akademischen Grad in spanischer Philologie, und ich habe einen Beruf, den ich nicht ausüben könnte, wenn der wagemutige Seefahrer Kolumbus nicht geglaubt hätte, dass er „Indien“ auch erreichen kann, wenn er den Bug seiner Schiffe nach Westen ausrichtet, also in Richtung unseres „Ozeanischen Meers“.

Ich hätte mich nicht nur in Spanisch graduieren können, auch meine Existenz wäre fragwürdig geworden, weil meine Vorfahren den Atlantik überquerten, viel später aber als die Niña, die Pinta und die Santa María.

 Ich hätte mich nicht nur in Spanisch graduieren können, auch meine Existenz wäre fragwürdig geworden, weil meine Vorfahren den Atlantik überquerten, viel später aber als die Niña, die Pinta und die Santa María. Sie bestiegen ein Schiff an einem Ort nah dem, wo der „verrückteste aller Seefahrer und der klügste aller Gründer“ die Anker lichten ließ. Und außerdem teile ich mein Leben mit einem Nachkommen der Taíno*) und mein Sohn ähnelt dem Kaziken Guamá mit kürzeren Haaren und einem modernen T-Shirt.

In meinem Haus begegnen sich jeden Tag Menschen unterschiedlicher Kulturen. Niemand erschrickt, niemand wundert sich. Niemand lehnt den anderen ab oder beabsichtigt seine Kultur zu „vernichten“. Blasse und kupferfarbene Hände finden zusammen. Im Schlaf kommt bei „ihm“ manchmal der Taíno-Priester zum Vorschein, während ich auf dem Jakobsweg unterwegs bin; „er“ liebt das kalte Wasser der Flüsse, wo seine Vorfahren badeten, während ich oft die salzige Brise rieche, die auch das Gesicht von Rodrigo de Triana**) berührt haben muss; „er“ träumt von Höhlen und ich vom tropischen Regenwald, der zum allerersten Mal mit seinen Farben und Gerüchen vor meinem Gesicht explodiert.

Niemand möge darauf zählen, dass ich mich in eine Zeitmaschine setze und verhindere, dass Colón in dieser Hemisphäre ankommt. Ich weiß um den Schmerz, der diesem Ereignis folgte, ich weiß um die Toten und um die Unterdrückung und das Leid; aber für mich zählen auch die Lichter: die Poesie, die in wechselseitigen Begegnungen entstanden ist; die Liebe zwischen so verschiedenen Menschen; die Kinder, die aus solchen Verbindungen hervorgegangen sind; ich kenne die Kraft der Erde. Nein, ich will nicht zurück zum 12.Oktober 1492 um zu verhindern, dass Kolumbus an Land geht, weil dies bedeuten würde, dass ich meine Freunde von heute töte, das Leben meiner Nachkommen einschränke, mit einem einzigen Hieb meinen Stammbaum fälle und die Sprache verliere, die mein Leben ist. Rechnen Sie also nicht mit mir!

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkungen des Übersetzers:

*) Die Taíno waren ein indigenes Volk, das auf den Großen Antillen lebte.

**) Rodrigo de Triana war einer der Juden, die Kolumbus anheuerte, um sie vor der Inquisition zu retten.

Für einen Basiskorb mit Technologie und Freiheit

 

Die größten Schwierigkeiten werden die unterschiedlichen nationalen Gesetze machen, die versuchen, den Bürgern in ihrem virtuellen Dorf einen Maulkorb zu verpassen. (EFE)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 30.September 2020

Die Wände sind aus rohen Ziegelsteinen, durch die Löcher im Dach dringt Sonnenlicht, eine junge Frau sitzt nah am Fenster und hält ein Smartphone der letzten Generation in ihren Händen, mit dem sie Minute für Minute in sozialen Netzen unterwegs ist. Das könnte sich so in einem Dorf oder in einer Stadt ereignen, irgendwo in Lateinamerika, wo bis heute der Zugang zu neuen Technologien von gesellschaftlichen Gegensätzen gekennzeichnet ist, die in den kommenden Jahren noch zunehmen werden.

Im vergangenen August hat Alicia Bárcena, die geschäftsführende Sekretärin der CEPAL − der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik − einen Bericht zu den Auswirkungen von Covid-19 in der Region vorgestellt. Mit ihrem dringenden Appell hat die Mexikanerin die Regierungen dazu aufgerufen, den Zugang zu digitalen Technologien zu vereinheitlichen, um den tief greifenden Schäden die Stirn zu bieten, die die Pandemie der Wirtschaft des Kontinents zugefügt hat. Dann sagte Alicia Bárcena, dass man einen Basiskorb mit Technologien für Information und Kommunikation garantieren sollte.

Bárcena zufolge sollte in einem Notebook, einem Smartphone und einem Tablett ein unverzichtbares Modul integriert sein, sowie ein Anschlussplan für Haushalte, die immer noch keinen Zugang ins Internet haben. Dieses Modul wäre so etwas wie „ein Kit für das technologische Überleben“, das den Bürgern erlauben würde informiert zu bleiben, sich für Fernunterricht zu entscheiden, in Home Office zu arbeiten, sich beruflich neu zu orientieren, Zugang zum Internethandel zu haben und einen Gutteil der Bürgerrechte und-pflichten auf der Tastatur erledigen zu können, mit einem Click oder einer Videokonferenz.

Aber die CEPAL berührte nur einige der vielen Hürden bei der Vernetzung. Es reicht eben nicht, ein modernes Gerät und einen Zugang ins große weltweite Netz zu haben, wenn die Zensur den Nutzer einschränkt, die digitale Polizei ihn überwacht und ihm androht, vor Gericht oder im Gefängnis zu landen, weil er in den sozialen Netzen Funktionäre und Politiker kritisiert hat. Der Basiskorb mit Infrastruktur ist wenig bis nichts wert, wenn er nicht von einer Reihe von garantierten Rechten begleitet wird, wie z.B. das Recht, sich frei zu äußern und uneingeschränkt zu informieren.

Es reicht eben nicht, ein modernes Gerät und einen Zugang ins große weltweite Netz zu haben, wenn die Zensur den Nutzer einschränkt.

Leider leben wir in einer Region, wo beide „Warenkörbe“ recht unvollständig sind. Die hohen Preise für Technologie, die mangelnden Schulkenntnisse im Umgang mit den Geräten, um neue Kenntnisse zu erwerben, die Schwierigkeiten beim Zugang ins Netz in abgelegenen Gebieten oder in solchen mit ungünstiger Infrastruktur, all das verhindert ein Szenario, das es Lateinamerika ermöglichen würde, die Corona-bedingten Restriktionen zurückzufahren und mittels Displays und Schaltkreisen den wirtschaftlichen Sumpf zu verlassen.

Aber die größten Schwierigkeiten werden die unterschiedlichen nationalen Rechtsverordnungen machen, die versuchen, den Bürgern im „virtuellen Dorf“ einen Maulkorb zu verpassen. Ein Basismodul mag Teil des allerneuesten Mobiltelefons sein, das der Markt anbietet. Wenn aber sein Benutzer mit zensierten Seiten kämpft, gegen Institutionen, die die Bürger im Netz angreifen und auch gegen ein Heer von Trollen, die meistens von Regierungen beschäftigt und finanziert werden, um Kritik zum Schweigen zu bringen…,dann wird man wenig erreichen.

In einem Kontinent, wo sich−weltweit gesehen − einige der schlimmsten Regime an der Macht halten, die mit Information und Presse nach Belieben umgehen, könnte ein Mobiltelefon ein Sprungbrett sein, mit dem wir in die bewegten und erfrischenden Wellen des Cyberspace springen könnten, aber auch direkt und schutzlos in den offenen Rachen der Zensur.

Ja zu einem Basiskorb mit Technologie, aber in ihm sollte das Brot der Freiheit nicht fehlen.

Übersetzung: Dieter Schubert

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Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert

Die Unberührbaren

Eine Parodie auf die ‚Social-Media-Scharlatane‘, die ‚Trolle‘, die die kubanische Regierung unterstützen. (Observatorio Cubano de Conflictos)

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YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 21.September 2020

In einem Circus als Szene, mit grell geschminktem Gesicht und schriller Stimme, bis vor kurzem repräsentierten ein paar offizielle Comic-Figuren verschiedene Personen der kubanischen Opposition oder der unabhängige Presse. Es war die Zeit, in der der Zugang ins Internet so sehr eingeschränkt war, dass die Sozialen Netze von Profilen der Staatssicherheit überschwemmt waren. Deren Präsenz hat sich kaum verringert, aber jetzt sind auch wir da.

Während mehr als einer Dekade und mit völliger Straflosigkeit haben die Websoldaten uns Aktivisten in Verruf gebracht, indem sie mit falschen Accounts versuchten, das Prestige von Dissidenten zu zerstören, oder eine erbitterte Treibjagd auf Blogger eröffneten, die − wie wir −sich der Kontrolle durch die Plaza de la Revolución entzogen hatten. Alles war ihnen erlaubt. Sie starteten sogar eine frauenfeindliche Attacke, die eine offensichtliche Drohung gegen die Familie des Verleumdeten war, oder sie enthüllten intime Details, um ihn verletzbarer zu machen.

Ich erinnere mich nicht daran, dass es uns in den Jahren zwischen 2007 und Anfang 2019 möglich gewesen wäre, irgendeinen legalen Vorgang in die Wege zu leiten, um unsere Reputation wieder herzustellen, oder die zu lokalisieren, die uns diffamierten. Ganz bestimm aber erinnere ich mich, dass solche Gemeinheiten uns oft nur lächeln ließen, weil wir uns an die Propagandamaschine des Systems gewöhnt hatten. Schließlich waren die öffentlichen Angriffe, sogar verletzende, eine ausgezeichnete und kostenlose Reklame für uns, um unsere Arbeit innerhalb und außerhalb Kubas bekannt zu machen. Nichts ist attraktiver als das Verbotene.

Bei irgendeinem Wortwechsel, sei’s im Ernst oder im Scherz, setzen sie ihre Truppen aus „Internetkämpfern“ in Bewegung und rufen nach internationaler Solidarität, um „dem Angriff in den Sozialen Netzen“ die Stirn zu bieten.

Jetzt, nachdem die Mobilgeräte Zugang ins Internet haben, verfügen wir Bewohner der Insel über ein viel breiteres Angebot an Information − trotz der Zensur und der hohen Preise. Es gelingt uns, unsere Anklagen unmittelbar zu veröffentlichen, und an Humor, dem Werkzeug für politische Kritik, die aus Kuba oder von der „Community im Exil“ stammt, fehlt es uns auch nicht. Mittlerweile sind Dutzende von Parodien über kubanische Funktionäre erschienen und deren Überreaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Wo wir über die wütenden Attacken besagter Institutionen lächelten, toben die Verspotteten von heute und reden von einer Staatsaffäre, die versuche, das „Ansehen von Amtspersonen zu zerstören“. Sie haben eine so empfindliche Haut, wie die äußere Schale jener Zwiebeln, die seit Monaten von den kubanischen Marktständen verschwunden sind. Bei irgendeinem Wortwechsel, sei’s im Ernst oder im Scherz, setzen sie ihre Truppen aus „Internetkämpfern“ in Bewegung und rufen nach internationaler Solidarität, um „dem Angriff in den Sozialen Netzen“ die Stirn zu bieten.

Passenderweise vergessen sie, dass sie es waren, die solches ausbrüteten und das unaufhaltsame „Kubanische Monster“ zum Leben erweckten: die Zerstörung der Reputation mittels Internet. Eine Kreatur, die ihnen selbst jetzt mit den Zähnen an die Gurgel geht.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Der grantige Staat und die Schuld der Bürger

Es gibt keinen Raum für Selbstkritik, für die Fehler, die die Behörden begangen haben, noch Verständnis für den schwierigen Umgang mit Covid-19. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 9.September 2020 

Ich schalte den Fernsehapparat ein. Es war ein schwieriger Tag. Mehrere Nachbarn, Angestellte des Kubanischen Instituts für Radio und Fernsehen, sind wegen eines lokalen Corona-Ausbruchs in Quarantäne, während bei uns ein naher Tod Fragen aufwirft. Aber vor dem Bildschirm finde ich keine Ruhe. Die ersten Minuten der Nachrichten klingen wie Schelte: die Verantwortlichen sind wir Bürger, unsere Disziplinlosigkeit hat die Situation außer Kontrolle geraten lassen und der Finger, der einen Schuldigen sucht, zeigt auf uns.

Autoritäre Regime erkennt man nicht nur an Unterdrückung und exzessiver Kontrolle, sondern auch an der Art, wie sie mit der Gesellschaft sprechen. Durchdrungen vom Dünkel unsere Väter zu sein, lassen kubanische Funktionäre keine Gelegenheit aus, uns wie aus der Spur geratene Kinder zu behandeln, die mit ihrer Nachlässigkeit den aktuellen Anstieg der Corona-Infektionen in mehreren Teilen des Landes provoziert haben. Es war unsere Unvernunft, so der Nachrichtensprecher, die die aktuelle Situation verursacht hat. Im Nachhinein werden sogar die Verstorbenen in den offiziellen Medien vermahnt.

In einer solchen Schelte gibt es keinen Raum für Selbstkritik, für die Fehler, die die Behörden begangen haben. Es gibt auch kein Verständnis für die schwierigen Bedingungen mit Covid-19, wie die langen Warteschlangen, die Unterversorgung und die wirtschaftliche Krise.

In einer solchen Schelte gibt es keinen Raum für Selbstkritik, für die Fehler, die die Behörden begangen haben. Es gibt auch kein Verständnis für die schwierigen Bedingungen mit Covid-19, wie die langen Warteschlangen, die Unterversorgung und die wirtschaftliche Krise, die uns schon im Nacken saß, ehe noch der erste Corona-positive Fall im Land bestätigt wurde. Für eine Politik die Rügen erteilt gibt es nur einen Rechtsbrecher, nämlich das Individuum, das sich nicht an die Vorschriften gehalten hat. Das ungünstige Umfeld, in dem wir leben, wird kurzerhand ausgeblendet; abwegige Beschlüsse von höherer Warte werden mit „Null multipliziert“.

Folgt man dieser Logik des strafenden Vaters, dann sind die Regierenden nicht verantwortlich für die späte Schließung der Grenzen und auch nicht für die Reisehinweise für internationale Touristen, die aus der Insel eine sichere Destination machten − zu einer Zeit, als zahllose Länder ihre Grenzen schon dicht gemacht hatten. Die Verzögerung, den Unterricht einzustellen, das Versäumnis, die Zahl der öffentlichen Veranstaltungen mit Fahnenschwingen und ideologischen Ansprachen zu reduzieren, die Öffnung in einer Stadt anzuordnen, die offensichtlich nicht darauf vorbereitet war sie umzusetzen…, auch dafür trifft „jene“ keine Schuld.

Jetzt muss man sie hören, wie sie unserer harten Lebenswirklichkeit diese Lawine von Ermahnungen, Verwarnungen und medialen Fußtritte anhängen. Es sind öffentliche Reden bar jeder Empathie, gerichtet an eine verletzte Bevölkerung. Man wird eher an Hunde erinnert, die ein weidwundes Tier verbellen, als daran, wie Erklärungen von Staatsdienern sein sollten, die über unser Wohlbefinden wachen. Mit dieser Art von Beschuldigungen vermehren sie nur die Unsicherheit und das Unwohlsein in einem Land mit seinem jetzt schon schwierigen Alltag − und außerdem zeigen sie wenig Sensibilität für den Schmerz derer, die einen geliebten Menschen verloren haben.

Nach 10 Minuten Schelte schalte ich das Fernsehgerät aus. Auch das Virus des Autoritarismus ist sehr gefährlich.

Übersetzung: Dieter Schubert

 

Die Madeleine von Proust und der Käse aus Artemisa

Die Madeleine ist ein französisches Feingebäck in Form einer Jakobsmuschel. Artemisa ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

Fotos von der Polizeiaktion bei einem Bauern in Artemisa. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.August 2020

Wir alle haben einen Bissen im Mund und er ist der Beste, den wir je gegessen haben; ein Moment, in dem alle Geschmackpapillen vor Genuss explodieren und einen unvergesslichen Eindruck in unserem Gedächtnis hinterlassen. Bei mir war es in Juchintán de Zaragoza, einer Stadt auf der Landesenge von Tehuantepec, Mexiko. Er war ein kleiner Rinderzüchter, der in einem armseligen Stall seine Arme in eine weiße Masse tauchte; ich eine ungeduldige Kubanerin, die sein Produkt probieren wollte.

Mit seinen Händen nahm er Stück Frischkäse heraus und bot es mir an. Mücken schwirrten herum, ein paar dürre Hunde betrachteten mich, der weiße Brocken war vor meinen Augen und meiner Nase. Einen Augenblick später biss ich hinein. Seit damals habe ich nie wieder einen so intensiven Geschmack gespürt. Man kann sich auch an einen Geschmack erinnern, der zurückkehrt und zugleich traurig macht −fragen Sie dazu Marcel Proust*)

Traurigkeit, weil sich in meinem Land das Ereignis nicht wird wiederholen können, dass ein Rinderzüchter mir stolz ein Stück Käse reicht.

 Traurigkeit, weil sich in meinem Land das Ereignis nicht wird wiederholen können, dass ein Rinderzüchter mir stolz ein Stück Käse reicht. Traurigkeit, weil ein privater Produzent zehnmal am Tag gegen kubanische Gesetze verstoßen müsste, um ein Produkt zu erzeugen, das auf dem Teller und in der Erinnerung beeindruckt. Traurigkeit, weil sich der Staat der Rinderhaltung bemächtigt hat und diesen Sektor mit trockenen Eutern und leeren Futterkrippen zurückgelassen hat.

Unter anderen Bedingungen hätte man dem Bauern aus Artemisa, den das Fernsehen vor einigen Tagen als Kriminellen hinstellte, eine Medaille umhängen müssen, sein Tun unterstützen und seine Rezepte kopieren können. Denn ihm ist es gelungen − trotz der vielen Einschränkungen − in einem Land mit ausgehungerten Kühen und drakonischen Strafen Käse zu machen. Wenn ich die Bilder vom Polizeieinsatz sehe, dann läuft mir das Wasser im Mund zusammen, wie damals an jenem Tag im dunklen Kuhstall in Mexiko.

Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anm.d.Übersetzers: In seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ widmet der Schriftsteller Marcel Proust der Madeleine mehrere Seiten.

 

Überwältigt von der Realität

Die Warteschlange am Montag vor einer Bank in Havanna. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 17. August 2020

Das Scheitern der Tests für die Implementierung von Internet auf mobilen Telefonen „war einem Übermaß an Bedarf geschuldet“; so Etecsa, das staatlichen Monopol für Telekommunikation. Die Plattform TuEnvio, zuständig für den Interhandel, kollabierte kurz nach dem Ausbruch der Pandemie, wegen der Zunahme an Käufen, und jetzt stellt Finimex die Lieferung von Magnetkarten ein, mit denen man in Geschäften mit Fremdwährung einkaufen kann, weil eine Flut von Anträgen ihre Bestände erschöpft hat.

Wenn sich die Fälle häufen in denen staatliche Unternehmen ihre Hilflosigkeit bei einer überraschenden Nachfrage rechtfertigen, dann muss man daraus schließen, dass die Behörden den Bedarf und die Wünsche des nationalen Marktes nicht kennen. Das ist in einer Planwirtschaft schwer zu glauben, für die es − theoretisch − leichter ist, den Umfang und die Intensität zu berechnen, mit der ein Produkt oder eine Dienstleistung nachgefragt wird.

Soviel unternehmerische Blindheit ist das Resultat mehrerer Faktoren, die die behäbige und unbehelligte Wirtschaftsführung auf der Insel bestimmen. Ein Faktor ist das maßlose Triumphiergehabe, das Funktionäre und Minister an eine Pseudo-Realität glauben lässt, die Reden und offizielle Medien aufrechterhalten. Bei so viel Wiederholen von „wir können das“ und dem Hinausposaunen von inflationären Produktions-oder Entwicklungszahlen, entwickeln diese Hierarchien Pläne, die mehr angepasst sind an das, was sein sollte, als an das, was tatsächlich ist.

Der Unterschied zwischen dem Erträumten und dem Möglichen endet schließlich, wenn die Kette an ihrem schwächsten Glied bricht, bei dem Nutzer jener staatlichen Unternehmen.

 Der Unterschied zwischen dem Erträumten und dem Möglichen endet schließlich, wenn die Kette an ihrem schwächsten Glied bricht; bei dem Nutzer jener staatlichen Unternehmen, die ihr Potential schlecht berechnet und zugleich das Recht des Kunden unterschätzt haben, gut behandelt zu werden. Jetzt gibt es Reklamationen: Telefone, die in den Büros der staatlichen Körperschaften stundenlang läuten, ohne dass jemand abhebt; Versuche, die Bürger für ihre Disziplinlosigkeit und Ängstlichkeit zu beschuldigen, und wiederholte Rechtfertigungen, „dass wir uns nicht vorstellen konnten, dass es so viele Bestellungen geben würde“.

Der entscheidende Grund für diese Stümperei resultiert daraus, dass die regierende Klasse das Volk auf der Straße nicht kennt. Für jene, auf ihrer hohen Warte mit Privilegien und Annehmlichkeiten, sollten wir Kubaner uns wie bescheidene Wesen verhalten, die akzeptieren was immer auch kommt, ohne Forderungen und Beschwerden. Wie ein Individuum ohne Streben nach Wohlstand und ohne besonderen Geschmack, das die staatliche Führung nicht kritisiert und diszipliniert auf das wartet, was ihm der rationierte Markt zuteilt.

Für Minister, Militärs hohe Funktionäre und alle übrigen Verdächtigen, die eine staatliche Pfründe haben, ist es schwierig sich die Aufregung in einer Familie vorzustellen, wenn die irgendeine Chance sieht ihren Alltag auch nur minimal zu verbessern. Jene, denen man kostenlos ein Sortiment an Lebensmitteln und Produkten zur Körperpflege ins Haus liefert, können sich nicht in eine Mutter hineinversetzen, die seit Wochen auf eine Magnetkarte wartet. Dann könnte ihr Sohn ihr einen Geldbetrag überweisen, mit dem sie − nach langen Stunden in einer Warteschlange − Tomatensauce und Waschmittel in einem Geschäft mit Fremdwährung kaufen kann.

Das Problem ist, dass die, die Wirtschaftspolitik des Landes bestimmen und Pläne für Unternehmen festlegen, genau jene sind, die Privilegien haben und kostenlos Annehmlichkeiten erhalten. So gesehen begehen sie ein ums andere Mal denselben Fehler, den Bedarf der Bürger zu unterschätzen und die Nachfrage falsch zu kalkulieren, die irgendein neuer Dienst nach sich zieht. Mit einem vollen Teller, einem Auto mit randvollem Tank und dem kostenlosen Telefondienst, sind sie Lichtjahre von der Galaxie entfernt, die „das wahre Kuba“ ist.

Nein, es ist nicht das Übermaß an Anträgen, das die Dienste kollabieren ließ, sondern die Distanz, die Planer und Kunden trennen.

Übersetzung: Dieter Schubert

 

 

Der Feind steht nicht in 90 Seemeilen Entfernung, sondern in den Warteschlangen.

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Aus verschiedenen Gründen braucht der Castrismus ‚Coleros‘ und Hamsterer; nur so kommen Produkte in Orte, die die staatliche Ineffizienz nicht beliefert. (14ymedio) Coleros sind Personen, die für andere anstehen; von la cola (sp.) = die Warteschlange

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YOANI SÁNCHEZ |La Habana| 3. August 2020

„Mit 180 Tagen Gefängnis werden Spekulanten und Hamsterer von Produkten bestraft“, so der Text eines Gesetzes, das diese Woche hätte verabschiedet werden können, wenn es nicht schon im weit zurückliegenden Jahr 1992 in Kraft getreten wäre. Seit damals, also seit fast sechs Jahrzehnten, werden Wiederverkäufer in der offiziellen kubanischen Sprechweise als die Verursacher der Unterversorgung genannt, während sie in Wirklichkeit nur ein unerwünschter aber notwendiger Nebeneffekt sind.

 In diesem Zusammenhang legte das vom Ministerrat verabschiedete Gesetz 1035 fest, dass eine Person nicht mehr als 11,5 kg eines landwirtschaftlichen Produkts kaufen durfte. Illegal war es auch, eine darüber hinausgehende Menge auf den Straßen und Gehsteigen des Landes zu transportieren, es sei denn mit einem staatlich dazu autorisierten Fahrzeug. Ein Verstoß zog nicht nur eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten nach sich, sondern auch die Beschlagnahme des Fahrzeugs.

 Meine Eltern hatten sich noch nicht kennengelernt, meine Geburt war eine infinitesimal kleine Möglichkeit in ferner Zukunft, und schon damals brandmarkten die kubanischen Behörden die ‚Coleros‘ und andere unkonventionelle Händler als die Schuldigen, wenn viele Produkte des täglichen Bedarfs nicht zu Familien mit geringen finanziellen Mitteln gelangen konnten. Diesen Vorwurf hörte ich wieder in den 80er Jahren, als ich ein Kind war, in einem Kuba, das trotz der sowjetischen Subventionen weiterhin an einem periodisch auftretenden Mangel von bestimmten Waren litt.

 Alles Gestikulieren ist nichts weiter als pure Angeberei und eine wohlkalkulierte Kampagne der Ablenkung. Niemand sonst als der kubanische Staat hätte alle Möglichkeiten in der Hand, um solche Praktiken zu beenden.

 Es kamen die 90er Jahre; statt ein ‚mea culpa‘ anzustimmen, weil man auf ein lahmes Pferd gesetzt hatte, was das sozialistische Lager war, bezeichneten die offiziellen Losungen erneut die „Hamsterer im Hinterhof“ und das US-Embargo als die Ursachen für den tief greifenden Mangel, der über uns kam. Die Verantwortung dafür sollte immer anderswohin geschoben werden, weg von der Plaza de la Revolución, weg von der Eigenmächtigkeit Fidel Castros und weg von der grundsätzlichen Ineffizienz des wirtschaftlichen Modells, das uns von oben auferlegt wurde.

 So sind wir in die neue Krise gekommen, in der sich das Drehbuch für die offiziellen Nachrichtensendungen kaum geändert hat, wenn es gilt das Desaster zu erklären, in dem wir heute leben. Jetzt werden die Nachrichten zur besten Sendezeit mit Polizeieinsätzen gegen Händler gefüllt, die krumme Geschäfte mit Autoteilen, Zwiebeln oder Trockenmilch machen. Die Behörden rufen zu Brigaden mit Armbinden auf, die die Warteschlangen überwachen sollen, um zu verhindern, dass eine einzelne Person mehrmals ansteht, die Reihenfolge verkauft oder Freunde einschmuggelt.

 Alles Gestikulieren ist nichts weiter als pure Angeberei und eine wohlkalkulierte Kampagne der Ablenkung. Niemand sonst als der kubanische Staat hätte alle Möglichkeiten in der Hand, um solche Praktiken zu beenden, aber nicht − wie sie uns glauben machen wollen − mit Bestrafung und Unterdrückung. Hamsterer prosperieren und bereichern sich nur dort, wo es Unterversorgung gibt; der Schwarzmarkt für ein Produkt blüht dort, wo dieses fehlt oder verboten ist.

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„Mit 180 Tagen Gefängnis werden Spekulanten und Hamsterer von Produkten bestraft“, so liest man es im Gesetz von 1962.

 Es liegt in Händen des Regimes, diese Quellen, von denen die ‚Coleros‘ und Wiederverkäufer leben, versiegen zu lassen, aber nicht mit noch restriktiveren Gesetzen, sondern mit Flexibilisierungs-Maßnahmen, einer Verminderung der Rolle des Staates in Wirtschaft und Handel und einer Serie von Maßnahmen, die nicht die lästigen Effekte der Krise attackieren, sondern dem ganzen Land dabei helfen, die große „defizitäre Wüste“ zu verlassen, und die des „gibt es nicht“.

 Selbst wenn die Regierung Zähne zeigte und diese ‚Coleros‘ und Hamsterer im Fernsehen als die neuen Gegner hinstellen würde − die es zu vernichten gelte − so ist doch sicher, dass der Castrismus sie aus unterschiedlichen Gründen braucht. Nur so kommen Produkte in Orte, wohin die staatliche Ineffizienz nicht liefern kann. Es handelt sich um Verteilungs-Mechanismen mit definierten Konten, die den Markt regulieren, jedoch nicht auf der Basis von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit, sondern ausgehend von der Nachfrage und der Kaufkraft des Kunden.

 Die, die sich die Dienste der ‚Coleros‘ oder Wiederverkäufer leisten können, leben besser als jene, die über geringe finanzielle Mittel verfügen oder nur ihren Lohn haben, denn sie müssen stundenlang anstehen. Das ähnelt im Grunde genommen einer wirtschaftlichen Apartheit, die durch die Geschäfte auf Devisen-Basis vertieft wird. Der Unterschied ist: im ersten Fall ist das für viele unerschwingliche Angebot in den Händen von Privatpersonen, im andern Fall ist es die Regierung selbst, die es bestimmt und autorisiert.

 Diese neue Razzia gegen heimliche Händler, wie wir sie gerade erleben, ist nichts weiter als eine weitere Pantomime; ein Theaterstück, das im letzten halben Jahrhundert schon ein dutzendmal aufgeführt wurde. Das Einzige was sich geändert hat, ist das Alter oder die Vergesslichkeit der eingeschüchterten Öffentlichkeit, die auf Parkettplätzen dem plumpen Spektakel zusieht.

   Übersetzung: Dieter Schubert

 

Der Dollar regiert wieder unser Leben

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Nachdem diese Woche die unabhängige Presse durchsickern ließ, dass es Listen mit Geschäften gibt, die Nahrungsmittel und Artikel zur Körperpflege gegen Fremdwährung verkaufen, haben viele Kubaner diese Möglichkeit empört abgelehnt. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana| 18. Juli 2020

Im lang zurückliegenden Jahr 1994 war es das erste Mal, dass ich ein Geschäft mit harter Währung betrat. Ich musste die drei Dollar vorzeigen, die mir eine Freundin geschenkt hatte und kam so ins Shopping-Zentrum im Untergeschoß des Hotels Sevilla, das in der Nähe des Kapitols liegt. Der Geruch nach Sauberkeit, die Klimaanalage und die Regale voller Produkte waren ein harter Schlag für die kleine Kubanerin, die bis dato nur die staatlichen Läden des rationierten Marktes kannte. Seit damals hat es viel geregnet, aber offensichtlich bewegt sich die Geschichte auf dieser Insel in Kreisen.

 Nachdem diese Woche die unabhängige Presse durchsickern ließ, das es Listen mit Geschäften gibt, die Nahrungsmittel und Artikel zur Körperpflege gegen Fremdwährung verkaufen, haben viele Kubaner diese Möglichkeit energisch abgelehnt, überzeugt davon, dass „so etwas nicht sein könne“. Überraschend, bis Miguel Díaz-Canel am Freitag dieser Woche bestätigte, dass die staatliche Handelskette Cimex Nahrungsmittel gegen Devisen wie Dollar, Euro oder andere harte Währungen anbieten wird, wonach sich einige Bürger an die Überzeugung klammerten, dass man eine so aussondernde Maßnahme auf dieser Insel nicht würde einführen können.

Erinnerung ist vergänglich. Es war genau das, was Fidel Castro tat, als er im August 1993 den Besitz von Dollars autorisierte.

 Erinnerung ist vergänglich. Das war genau das, was Fidel Castro tat, als er im August 1993 den Besitz von Dollars autorisierte und damit den Startschuss für das Auftauchen einer Vielzahl von staatlichen Läden gab, in denen man nur mit harter Währung bezahlen konnte. Es kamen Zeiten, in denen Bürgern ohne „Greenbacks“ das Wasser im Mund zusammen lief, wenn sie andere sahen, die Kekse, tiefgefrorene Hühnchen, Würste und Erfrischungsgetränke kauften. Ein Geschäftszweig, der wenig später damit begann, den konvertiblen Peso (CUC) als Zahlungsmittel zu etablieren.

 Das alles haben wir schon erlebt, aber viele von uns erinnern sich nicht oder wollen sich nicht erinnern. Das duale Währungssystem wurde so alltäglich, dass wir uns in den vergangenen 20 Jahren daran gewöhnten, dass man für Waren mit besserer Qualität und größerer Auswahl konvertible Pesos haben musste. Der einzige Unterschied zu heute ist, mit Blick auf die letzten Jahre, dass diese Währung wieder das Schicksal unseres Landes bestimmt, ein gewisses Wohlbefinden garantiert und eine Währung mit dem Gesicht von Lincoln oder Franklin ist, die schon in den neunziger Jahren unser Leben bestimmte, heute jedoch mittels Magnetkarten.

Insgesamt also nichts Neues: Jedes Mal wenn die Plaza de la Revolución spürte dass eine wirtschaftlich kritische Situation ihre Macht ins Schwanken bringen könnte, hat sie erlaubt, dass über die Insel gewisse Winde von Marktwirtschaft wehen und eine bestimmte soziale Gruppe sich an eine Dosis von Konsum anpasst. Es sollte uns nicht überraschen, dass sich diese Strategie oft wiederholt hat, obwohl wir nicht aufhören sollten, uns über die falschen Zungen zu empören, die ein politisches System ausposaunen und ein ganz anderes praktizieren.

Unter jenen, die bis Freitag bezweifelten, dass die Geschäfte mit harter Währung auch Lebensmittel anbieten würden, mitten in einer brutalen Unterversorgung der Märkte mit nationaler Währung, war die Mehrheit die der Generation meines Sohnes. Junge Kubaner, die nach dem Aufblühen der Einkaufszentren geboren wurden und sich den freien Umgang mit dem Dollar oder dem darauffolgenden „Wechselbalg“, dem CUC, leisten konnten. Für sie basierte der staatliche Handel auf zwei Währungen: dem CUC und dem CUP…aber sie vergaßen – oder wollten sich wegen ihres Alters nicht daran erinnern – dass unter diesen bunten Scheinchen, konvertible Pesos genannt, immer das struppige Fell des Wolfs war, Dollar genannt, der sich gerade zum Besitzer der neuen Geschäfte mit harter Währung aufschwingt. Jede andere Darstellung ist ein Märchen, damit Rotkäppchen ruhig einschläft.

    Übersetzung: Dieter Schubert

Das Briefgeheimnis verletzen ist eine Routine der kubanischen Post

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Der Umschlag der Sendung vom Verlag Anaya wurde geöffnet und kam heute Morgen zu seiner Empfängerin. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 13. Juli 2020

Der Umschlag wurde auf den Briefkasten vor unserer Wohnungstür gelegt. Der Briefträger hat nicht geklingelt, niemand hat mich benachrichtigt den Brief abzuholen, aber er war da. Mein erster Eindruck war Überraschung, dann Erleichterung darüber, dass endlich ein Schriftwechsel an meine „verfluchte“ Adresse kommen konnte – nach Monaten, in denen ich nicht einmal ein Telegramm erhalten habe.

 Trotzdem, die Freude darüber hielt nur kurz. Der Umschlag war plump geöffnet worden und die Seiten im Innern waren zerknittert. Der Brief kam aus dem weit entfernten Madrid, der Absender war der Verlag Anaya, mit dem ich mehrere Bücher über WordPress veröffentlicht habe, aber nicht einmal der „unschuldige“ Briefkopf eines Verlagshauses noch die zurückgelegte Entfernung der Sendung haben jemand davon abgehalten, das Briefgeheimnis zu verletzten.

 Das ist nichts Neues. Die Privatsphäre nicht zu respektieren, ist auf dieser Insel Standard geworden, wo selbst Institutionen intime Räume von Bürgern verletzen. Das staatliche Post-Unternehmen Correos de Cuba ist eines von so vielen Institutionen, die Nachforschungen für die Staatsicherheit oder die politische Polizei anstellen. Es wäre schon seltsam gewesen, wenn der Umschlag unversehrt und rechtzeitig in meine Hände gekommen wäre.

Bedeutungslos ist, dass die Verfassung garantiert, dass „das Briefgeheimnis unverletzbar ist. Es kann nur in vom Gesetz dafür vorgesehenen Fällen außer Kraft gesetzt werden“.

 Bedeutungslos ist, dass die Verfassung garantiert, dass „das Briefgeheimnis unverletzbar ist. Es kann nur in vom Gesetz dafür vorgesehenen Fällen außer Kraft gesetzt werden“. Wir alle wissen oder ahnen, dass in diesem Land die Forderung nach einer Privatsphäre als ein fast unmoralischer und kleinbürgerlicher Akt gilt. Jene, die den Umschlag geöffnet haben, der verschlossen in meine Hände hätte kommen sollen, akzeptieren keine Privatheit und fürchten individuelle Bereiche, zu denen sie keinen Zugang haben.

 Es sind dieselben, die mich während meiner Jugendzeit dazu verurteilten, auf einer Voruniversität zu bleiben, wo wir Studenten und Studentinnen uns in Räumen duschen mussten, die weder Türen noch Vorhänge hatten; es sind jene, die unsere Schulbücher beschlagnahmten, um die Verse zu lesen, die wir auf die letzte Seite kritzelten, und die, die viele hunderttausend Augen im ganzen Land dazu bringen, die Stadtviertel zu überwachen, mittels Komitees zur Verteidigung der Revolution.

 Heute hat mich ein geöffneter Briefumschlag, der an meine Tür kam, an all das erinnert.

   Übersetzung: Dieter Schubert

Der unterdrückte Protest

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Der Polizeieinsatz vor der Wohnungstür von Mónica Baró (M.B. / Facebook)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |1.Juli 2020

Es schien ein Dienstag wie jeder andere zu werden, mitten in der Zeit der Restriktionen, die Havanna wegen der Pandemie auferlegt wurden. Es ist ein Tag mit langen Warteschlangen um Nahrungsmittel zu kaufen, mit langen Wegen, weil es an öffentlichen Verkehrsmitteln fehlt und mit Anrufen bei Freunden, um zu wissen, ob sie bei guter Gesundheit sind und ob das Corona-Virus nicht an ihre Tür geklopft hat. Aber die staatliche Repression um einen friedlichen Protest zu vermeiden, sollte an diesem letzten Tag im Juni den Rahmen des Üblichen sprengen.

 Aktivisten verschiedener Richtungen hatten sich für 11Uhr morgens an der Straßenecke der Hauptstadt verabredet, die die linke Herzkammer von Havanna ist. Sie wollten sich aus verschiedenen Gründen Gehör verschaffen, besonders deshalb, weil in der letzten Woche ein junger Schwarzer durch die Hände der Polizei zu Tode gekommen war. Ein Schuss in den Rücken beendete das Leben von Hansel Ernesto Hernández Galiano. Zu diesem Totschlag kam noch die Verwirrung, dass die offizielle Presse davon kaum Notiz nahm und die Behörden das Ereignis als einen Akt der Selbstverteidigung des Polizisten rechtfertigten, indem sie Hernández als einen aggressiven Straftäter darstellten.

 Dieser Vorfall im Armenviertel Guanabacoa schürte den Volkszorn, der seit Jahrzehnten zunehmend Fuß fasst. Es handelt sich um ein soziales Übel, zu dem es aus unterschiedlichen Gründen gekommen ist. Polizeiexzesse und Rassendiskriminierung, die immer noch das Verhalten von manchen Uniformierten im Umgang mit den Bürgern kennzeichnen, sind Teil der Ursachen für diese Empörung. Hinzu kommt noch das Unbehagen an einer weiteren Verschärfung der Repression, die die Regierung praktiziert und sich dabei auf den Notstand im Gesundheitswesen wegen Covid-19 beruft. Ein Gefühl zu ersticken geht durch das Land, in dem sich die wirtschaftliche Situation in den letzte Monaten signifikant verschlechtert hat.

Es ist einfacher, den Splitter in einem fremden Auge anzuprangern, als den riesigen Balken im eigen zu sehen, der das Sehvermögen blockiert.

 Der Protest an diesem Dienstag wollte etwas von diesem Unbehagen aufzeigen, im nationalen Kontext, weil die offiziellen Medien den Tod des US-Bürgers George Floyd bis zum Überdruss ausgebeutet hatten und zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens die übertriebene Gewalt verurteilten, die im Fall des Afroamerikaners bei seiner Verhaftung in Minneapolis angewendet wurde. Dieselben informativen Kanäle und Stimmen auf der Insel, die bis vor wenigen Tagen ihre Unterstützung für die Bewegung Black Lives Matter nicht verhehlten, verharren jetzt in Schweigen und machen sich zu Komplizen, wenn es um die Kugel geht, die den jungen Kubaner traf. Es ist einfacher, den Splitter in einem fremden Auge anzuprangern, als den riesigen Balken im eigenen zu sehen, der das Sehvermögen blockiert.

 Zu der Stunde, als am 30.Juni der Protest in Havanna beginnen sollte, war der Ort des Treffens umgeben von Polizei-und Militärkräften. Die Häuser von mehreren Aktivisten wurden überwacht und man nahm mehrere Künstler und unabhängige Reporter fest. Mit diesem überproportionalen Aufmarsch unterdrückte das Regime eine Initiative, sodass nicht einmal einer der Teilnehmer an die vereinbarte Straßenecke kommen konnte. Zu den Verhaftungen gesellten sich Sperren von Telefonleitungen und verbale Drohungen. Mitten in der Versorgungskrise, die das in die Knie zwingt, sparen die Unterdrücker nicht mit Mitteln, um eine friedliche Demonstration zu verhindern.

 Stunden später begannen die ersten Freilassungen, aber der Dienstag hatte sich schon zum Schlechten gewendet.

Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika veröffentlicht.