Die „verfluchten Begleitumstände“ des allgegenwärtigen Plastiks

conciencia-efectos-plastico-avanzar-sentido_CYMIMA20190626_0006_13

Solange kein Bewusstsein über die Auswirkungen des Plastiks existiert, wird die Region in der Hinsicht keine Fortschritte machen. (14ymedio)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 28. Juni 2019

Ein Tourist beendet sein Essen am Meer und der Wind trägt den Wegwerf-Teller, der gerade noch auf dem Tisch lag, mit sich fort. Einige Meter weiter nimmt eine einheimische Familie ein Erfrischungsgetränk aus einer PET-Flasche zu sich, die kurz danach im Meer endet. Ganz Lateinamerika steht vor einem harten Kampf gegen den Plastikmüll, der in der Natur landet. Es gibt jedoch Nationen, die noch nicht einmal das erste Scharmützel angegangen haben.

In Kuba sind die Plastiktüten auf den Märkten seit mehr als zwei Jahrzehnten ein untrennbarer Teil des täglichen Lebens. In den 90er- Jahren galten sie fast als Statussymbol, als sie sich gleichzeitig mit der Eröffnung der ersten Läden des „Peso Convertible“ zu verbreiten begannen. Sie werden heute für eine große Bandbreite von Aufgaben genutzt: von der Reparatur einer gebrochenen Wasserleitung bis zur Kopfbedeckung an einem Regentag. In der Bucht von Havanna sieht man sie treiben, zusammen mit Flaschen und Bierdosen, im dunklen Wasser, das nach Dieselöl riecht.

Was hier auf der Insel passiert, ist Teil eines Dramas, das man auf dem ganzen Kontinent erlebt. Gemäß einem Bericht der Vereinten Nationen endet ein Drittel aller Abfälle, die in lateinamerikanischen Städten entstehen, auf offenen Müllkippen, oder sie werden in der freien Natur entsorgt. Täglich verschwinden ungefähr 145 000 Tonnen Abfälle auf illegale Weise und nur 10 % werden dank Recycling oder anderer Techniken der Rückgewinnung wiederverwertet. Einige Länder wie Chile, Peru und Costa Rica haben gegen diese Situation mit Hilfe gesetzlicher Maßnahmen Front gemacht, während andere wie Jamaika und Panama anfangen, regionale Allianzen zu schmieden, um noch größeres Unheil zu verhindern.

Man wird jedoch auch nicht viel erreichen, solange man den Konsum und die Zurschaustellung materieller Güter über den Schutz des Planeten zu stellen.

Aber das Müllproblem hat seine Wurzeln in der Erziehung, im Umweltbewusstsein und sogar in der Selbstständigkeit oder der Fähigkeit der Bürger sich Gehör zu verschaffen. Solange Millionen Bürger in diesem Teil der Welt weiterhin glauben, dass Umweltverschmutzung nur weit entfernte Mülldeponien oder Ozeane betrifft, nicht aber ihre unmittelbare Umgebung, wird man wenig erreichen können. Man wird jedoch auch nicht viel erreichen, solange man den Konsum und die Zurschaustellung materieller Güter über den Schutz des Planeten stellt. Wenn man weiterhin den Gebrauch von Einwegplastik mit Komfort gleichsetzt, mit Modernität oder Kaufkraft …, dann werden wir buchstäblich in Plastik ersaufen.

Mit all den Läden unter staatlicher Verwaltung, mit der Kontrolle über alle nationalen Fernsehkanäle und mit dem gut geschmierten Propagandaapparat hätten die kubanischen Behörden schon längst den PET-Flaschen und den Wegwerf-Tüten den Krieg erklären können. Dennoch gibt es bis jetzt von staatlicher Seite kaum Hinweise auf das ernste Problem mit dem Plastikmüll, der unsere Meere und unser Land überflutet. An diesem Punkt wird klar, wie wichtig eine Zivilgesellschaft ist, die solche Kampagnen vorantreibt und wie notwendig es ist, dass man dem Bürger eine wirkmächtige Stimme zugesteht, wenn von Umwelt gesprochen wird.

            Übersetzung: Iris Wißmüller

Diese Kolumne wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der „Deutschen Welle“ publiziert.


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

 

“Chernobyl”, die rekonstruierte Erinnerung

estadounidense-HBO-circula-Cuba-informales_CYMIMA20190612_0007_16

In der aktuellen Fernsehserie „Chernobyl“ des US-amerikanischen Kanals HBO (Home Box Office) wird der größte Atomunfall der Geschichte rekonstruiert.

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 12. Juni 2019 

Ich war 10 Jahre alt und meine Welt war so groß wie die der Matrjoschkas, die mein Wohnzimmer schmückten. Es war 1986 und in Kuba wurde die Schraube der Verstaatlichungen durch den so genannten Prozess der „Korrektur von Fehlern und negativen Tendenzen“ weiter angezogen, wobei die offizielle Presse ihre höchste Geheimhaltungsstufe erreichte. Im April jenes Jahres ereignete sich der Tschernobyl-Unfall in der Ukraine (damals Sowjetunion); eine Atomkatastrophe, von der wir zusammen mit den „Sowjets“ (den damals in Kuba lebenden Angehörigen des russischen Verwaltungsapparats) als letzte erfahren haben.

Die nationalen Medien der Insel, die unter dem strengen Monopol der Kommunistischen Partei standen, verbargen monatelang die Explosion im Kernkraftwerk „Wladimir Iljitsch Lenin“, die so viel radioaktives Material freisetzte, um es schlichtweg in ganz Europa zu verbreiten. Die Einzelheiten dieser Katastrophe, der Schrecken, den der Unfall verursachte und die Zwangsevakuierung der Bewohner von Pripyat, der 3,5 Kilometer von den Reaktoren entfernten Stadt, wurden in kubanischen Zeitungen kaum erwähnt.

Während Millionen Eltern ihre Kinder ins Bett brachten, ohne zu wissen, ob es ein Morgen für sie geben würde, lebten wir hier fernab von der Tragödie, die sich dort zugetragen hatte. Die Kameraderie der Plaza de la Revolución mit dem Kreml bedeutete auch in diesem Fall, das Problem unter den informativen Teppich zu kehren, auch wenn es sich im wahrsten Sinne des Wortes um eine äußerst explosive Geschichte handelte. In den wenigen Details, die man Monate später erfuhr, war die Rede von einer kontrollierten Situation, von der Bestrafung der Schuldigen und von der heroischen Reaktion des sowjetischen Volkes.

Während Millionen von Eltern ihre Kinder ins Bett brachten, ohne zu wissen, ob es ein Morgen für sie geben würde, lebten wir hier fernab von der Tragödie, die sich zugetragen hatte

Das hätten wir auch weiterhin geglaubt, wenn nicht mit der Zeit andere Einzelheiten der Geschichte auf die Insel gelangt wären. Einige davon durch die so genannten Tschernobyl-Kinder, die mehr als zwei Jahrzehnte lang in Tarará, einem Ort östlich von Havanna, behandelt wurden. Dort hatte ich mehrere Sommer in Ferienlagern verbracht, in Häusern, die von der kubanischen Bourgeoisie konfisziert worden waren. Die Situation dieser Kinder, viele von ihnen Waisen, und ihre schweren gesundheitlichen Probleme passten nicht zu der offiziellen Geschichte, die sie uns erzählt hatten.

Wenn uns die russischen Parteifunktionäre sagten, dass westliche Medien doch nur übertrieben von diesem Unfall berichten würden und die Situation zudem schnell von abgehärteten sowjetischen Genossen unter Kontrolle gebracht worden wäre, wie konnten dann so viele Menschen davon betroffen sein? Etwas stimmte nicht mit dieser Geschichte, und später wussten wir auch was.

Die Serie „Chernobyl“ des US-amerikanischen Senders HBO ist bereits in Kuba im Umlauf – dank alternativer Content-Verteilungsnetzwerke. Die fünf Episoden wurden wahrscheinlich von mehr Fernsehzuschauern gesehen, als die offiziellen Nachrichten. Diese mediale Gier ist darauf zurückzuführen, dass wir Kubaner mehrerer Generationen ein Loch in unserer Geschichte füllen wollen und die Erinnerung an ein Ereignis rekonstruieren müssen, das sie uns vorenthielten.

Erinnerungen zu vervollständigen, die wir nie hatten, kann ein schmerzhafter Prozess sein. Das erste, was man spürt, wenn man sich die Anfangsszenen der Serie ansieht, ist Vertrautheit: die Objekte, die auch unsere Kindheit bevölkerten, die Ausdrucksweise der Opportunisten und das ständige Beschönigen der Realität, ein Grundpfeiler totalitärer Regime. Wir sehen Sowjetbürger, aber sie sind uns so ähnlich, dass es sich manchmal anfühlt, als wäre es unsere eigene Tragödie und ein bekannter Teil unserer Geschichte.

Dann folgt die Überzeugung, dass das menschliche Leben unter diesen Umständen nur von geringem Wert ist. Der Mensch als Zahl, der Mensch als Teil einer größeren Maschinerie, der sich nicht scheut seinesgleichen zu opfern. Einfache Bürger, die in den sicheren Tod geschickt werden, ohne das Ausmaß der Katastrophe und das Risiko zu kennen. Und die Lügen: die Welt zu täuschen, die Wahrheit zu verbergen, das Problem zu verheimlichen und diejenigen zu bedrohen, die von dem Ereignis hätten berichten können; also kurz gesagt, sich auf ein Statut zu berufen, das die UdSSR mehr als 70 Jahre lang aufrechterhielt: die Angst.

Die Welt zu täuschen, die Wahrheit zu verbergen, das Problem zu verheimlichen, diejenigen zu bedrohen, die von dem Ereignis hätten berichten können: also kurz gesagt, sich auf ein Statut zu berufen, das die UdSSR mehr als 70 Jahre lang aufrechterhielt: die Angst.

 In den dunklen Tönen, die fast an Schwarz-Weiß grenzen, kann die Atmosphäre von „Chernobyl“ manchmal erstickend werden. Ab und an will man schreien, aber 33 Jahre nach diesem Ereignis wäre es ein ziemlich verspäteter Schrei… Je näher das Ende der Serie rückt, desto mehr wächst die Empörung. Wie konnte so etwas passieren und wieso standen wir derart am Rand des Geschehens? Warum wussten wir nie, wie nah die Welt damals an einer Atomkatastrophe unumkehrbaren Ausmaßes war?

Abgesehen vom zu freien Umgang mit den Fakten, den einige Rezensenten der Serie vorgeworfen haben, abgesehen von der Kritik an der Behandlung des Themas und an den Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf die Gesundheit, abgesehen vom Unmut, den diese Dokumentation bei russischen Behörden hervorgerufen hat, die eine eigene Verfilmung angekündigt haben, hat die Fernsehserie „Chernobyl“ für uns Kubaner einen besonderen Wert. Das liegt daran, dass damals in Cienfuegos das Kernkraftwerk „Juraguá“ gebaut wurde, eine „Kusine ersten Grades“ der ukrainischen Anlage. In Kenntnis der Ineffizienz, der Geheimhaltung und des triumphalen Gehabes des kubanischen Staatsunternehmens, wäre es eine Zeitbombe geworden.

Abgesehen von meiner Bestürzung aufgrund dieser HBO-Produktion glaube ich, dass „Chernobyl“ uns mit der Hoffnung zurücklässt, dass letztendlich alles ans Licht kommt, und dass es wenig Sinn macht eine Realität zu verschleiern oder zu verschweigen, denn es gibt immer Stimmen, die sie schließlich erzählen werden. Ich hoffe also auf alle Dokumentationen über Kuba und seine Tabuthemen, die uns die Zukunft bringen wird.

            Übersetzung: Lena Hartwig


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

Lateinamerika, Schlachtfeld für Huawei und die Vereinigten Staaten

presencia-Huawei-percibe-aeropuerto_CYMIMA20190524_0007_13

Die Anwesenheit von Huawei auf Kuba bemerkt man schon am Flughafen. (14ymedio)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 1. Juni 2019

Was sich in den sozialen Netzen ereignet, bleibt nicht in den sozialen Netzen, und irgendein Ereignis, das Mobiltelefone betrifft, beeinflusst im Endeffekt auch unser Leben − mit nicht erwarteten Konsequenzen. So gesehen lässt der aktuelle Konflikt zwischen dem chinesischen Unternehmen Huawei und der Administration der Vereinigten Staaten Millionen Nutzer von Mobiltelefonen im Ungewissen − überall auf unserem Planeten, und viele von ihnen leben hier in Lateinamerika.

In den Volkswirtschaften vom Rio Bravo bis Patagonien hat China in den letzten Jahrzehnten an Boden gewonnen, aber es war das Terrain Telekommunikation, auf dem China vermutlich größere Schritte gemacht hat. Gegründet 1987 von Ren Zhengfei, ist Huawei dem Unternehmen Samsung dicht auf den Fersen und steht schon vor Apple, also zwischen den beiden wichtigsten Produzenten von Mobiltelefonen weltweit.

In lateinamerikanischen Ländern haben die erschwinglichen Preise und die umfangreichen Leistungen der Geräte die Gunst jener Kunden gewonnen, die Mobiltelefone mit mittlerer oder hoher technischer Ausstattung nachfragen, die aber nicht so teuer sind, wie die, die der „Gigant von Cupertino“ (Apple) gewöhnlich anbietet. Nachdem Huawei zu Beginn des Jahrhunderts in diesen Teil der Welt kam, hat sich das Unternehmen fast virushaft ausgebreitet, unterstützt von Telekommunikations-Projekten verschiedener Regierungen, an denen Huawei beteiligt war.

Auf Kuba, in Zusammenarbeit mit dem staatlichen Monopol für Telekommunikation, war Huawei der wichtigste Lieferant der Antennen, die die Regierung ab 2015 bei der Einrichtung von WiFi-Zonen auf Plätzen und in Parks verwendete. In einem nicht-liberalen Markt, wie den der Insel, können sich Huaweis traditionelle Mitbewerber − die südkoreanischen oder nordamerikanischen Firmen − kein Stück von dem leckeren Kuchen der „Computerisierung“ einer Gesellschaft abschneiden. Der chinesische Konzern operiert auf diesem Gebiet fast uneingeschränkt und mit Unterstützung der kubanischen Regierung.

Auf Kuba, in Zusammenarbeit mit dem staatlichen Monopol für Telekommunikation, war das asiatische Unternehmen der wichtigste Lieferant der Antennen, die die Regierung ab 2015 bei der Einrichtung von WiFi-Zonen auf Plätzen und in Parks verwendete.

In Venezuela hat Nicolás Maduro kürzlich angekündigt, dass er ein Joint Venture mit Huawei plant, auch mit anderen chinesischen  und russischen Unternehmen, um das 4G-Netz auf dem gesamten Staatsgebiet zu installieren. In Mexico, folgt man den Daten der Unternehmensberatung Statcounter, liegt Huawei beim Telefonmarkt an vierter Stelle. In 14 lateinamerikanischen Ländern sind die Marktanteile, die das chinesische Unternehmen innehält, zweistellig, und in wenigstens vier von ihnen sogar höher als 20%.

Nicht einmal die seit Monaten wiederholten Beschuldigungen von Seiten der Vereinigten Staaten, dass Geräte von Huawei von Peking zu Spionagezwecken verwendet werden könnten, konnten Kunden in Lateinamerika davon abhalten Geräte dieser Marke zu kaufen. Im letzten Jahr ist die Zahl der Anschlüsse bei Huawei kontinuierlich gewachsen. Der Geldbeutel scheint den Nutzern wichtiger zu sein, als die Furcht, dass ihre Privatsphäre verletzt werden könnte.

So war es bis Mai, als der Konflikt weiter eskalierte und mehrere US-Unternehmen ankündigten, dass sie keine Technologie mehr an Huawei liefern würden. Google markierte den Wendepunkt, als es Huawei die Android-Lizenz für alle neu-verkauften Geräte entzog; eine Maßnahme, die auch Aktualisierungen des Betriebssystems für im Umlauf befindliche Geräte betraf. Chinesische Führungskräfte haben darauf hingewiesen, dass sie eine eigene Software entwickeln könnten, aber trotz ihres Aufrufs „Ruhe zu bewahren“, verbreitet sich Unruhe unter den Nutzern.

Während Washington und Peking in diesem Technologiestreit ihre Kräfte messen, ist Lateinamerika im Begriff, sich wieder einmal bei Zustimmung oder Ablehnung einer der Parteien zu entzweien. Alles deutet darauf hin, dass Mobiltelefone die Verursacher eines neuen „Schismas“ sein werden.

                Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der Deutschen Welle publiziert.


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

„14ymedio“: fünf Jahre seit jenem ersten Tag

'14ymedio'

In diesem Gebäude in Havanna hat die Redaktion von „14ymedio“ in den fünf Jahren viele hektische, nervige und arbeitsreiche Stunden erlebt. (14ymedio)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 21. Mai 2019 

Am 21. Mai hatte „14ymedio“ Geburtstag. Dieses „informative Geschöpf“ feiert fünf Jahre seines Bestehens, mit nicht angenommenen Herausforderungen einerseits und dem guten Gefühl, bis hierher gekommen zu sein. Für jedes publizierende Medium sind fünf Jahre ein Beweis für Reife, aber im Fall Kuba, wo unabhängige Medien zensiert oder verboten sind, ist es ein echter Akt von Mut und Ausdauer.

Seit jenem 21. Mai 2014 ist viel Regen gefallen. Die frühen Morgenstunden waren anstrengend, die Kaffeetassen häuften sich auf den Tischen der Redaktion in Havanna, die Geschichten, die wir erzählen wollten, vervielfachten sich und mehr als einmal brachte die journalistische Arbeit einen Reporter unseres Teams hinter Gitter, als Folge einer willkürlichen Verhaftung.

In dieser Zeit haben auch wir uns verändert. Die Reportagen, die Berichte und die Interviews, die wir machten, haben bei allen Mitgliedern der Redaktion Spuren hinterlassen. Wir sagten „Lebewohl“ zu einigen Kollegen die emigrierten; wir versuchten andere zu trösten, die aus Angst vor Repressalien nicht mehr publizieren wollten und wir begrüßten neue Gesichter. Wir straften mehrere Prognosen Lügen, die uns eine Existenz von höchstens ein paar Monaten prophezeiten und wir überzeugten etliche Skeptiker davon, dass Information, guter Journalismus und die Presse unsere Sache ist.

Anfangs kommunizierten wir im Verlag ausschließlich per E-Mails; WiFi – Hotspots auf Plätzen und in Parks gab es noch nicht, das diplomatische Tauwetter zwischen Washington und Havanna hatte noch nicht begonnen, Kreuzfahrtschiffe legten noch nicht in kubanischen Häfen an und Fidel Castro veröffentlichte weiterhin seine verrückten „Reflexionen“ in der offiziellen Presse.

Wenn jemand erreicht, dass seine Geschichte auf unseren Seiten sichtbar wird und sich damit sein Problem löst, dann ist das für uns ein Ansporn weiterzumachen.

In dieser Zeit haben wir uns auf andere Plattformen ausgedehnt; heute verbreitet sich ein Teil unserer Inhalte auch über Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp und Telegram. Wir haben einen informativen Podcast eingerichtet, pflegen einen wöchentlichen E-Mail Newsletter und konfigurieren jeden Freitag mit gewohnter Routine eine PDF-Datei mit den Nachrichten der Woche; wir engagieren uns für die Zusammenarbeit mit verschiedenen Medien und wir bieten für Mitglieder ein spezielles Programm an.

Es gab auch harte Tage; Momente, in denen es so aussah, als ob wir es nicht schaffen würden. Von denen gibt es immer noch viele, aber jeder Kommentar eines Lesers, ein ermutigendes Wort an uns auf der Straße oder in sozialen Medien, jemand, dessen Geschichte auf unseren Seiten sichtbar wird und dessen Problem sich dadurch löst − das ist es, was uns anspornt weiterzumachen.

Wir stehen auf zwei festen Beinen: auf unserer journalistischen Arbeit, die jeden Tag besser werden sollte, und auf unserer wirtschaftlichen Unabhängigkeit, die wir bewahren wollen, ohne einen Cent von Regierungen, Parteien oder mächtigen Gruppen anzunehmen. Unsere Absicht ist integer. Wir wünschen uns, dass Kuba auf dem Weg zu einem demokratischen Wandel vorankommt und dass „14ymedio“ noch da ist, um die Bürger mit Informationen zu begleiten − wie der Dinosaurier in der Kurzgeschichte*) von Augusto Monterroso.

Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung des Übersetzers:

*) Augusto Monterroso (1921 – 2003) war ein guatemaltekischer Schriftsteller und Diplomat, der viele Jahre im mexikanischen Asyl lebte. Bekannt wurde er mit seinen Kürzestgeschichten. Sein Text „Der Dinosaurier“ gilt weltweit als die kürzeste Erzählung, sie lautet: „Als er erwachte, war der Dinosaurier noch immer da“.


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

Die kubanische Krise und der Überlebenskampf

tiendas-permanecen-carnico-disponible-sardinas_CYMIMA20190425_0005_13

Die Kühlregale in den Läden der Stadtviertel bleiben leer und im einzig vorhandenen „Fleischladen“ gibt es nur Dosensardinen zu kaufen. (14ymedio)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 15.Mai 2019

Von einem Balkon sieht eine Frau den Kühlwagen kommen, der den Laden an der Ecke versorgt. Sie verliert keine Sekunde und ruft: „Maricusa, das Hühnchen ist da!“ In wenigen Minuten entsteht im Viertel ein Auflauf von Menschen, die mit einer Einkaufstasche am Arm zum staatlichen Laden rennen, der seit drei Wochen mit keinem einzigen Fleischprodukt beliefert wurde. Dann werden sie noch drei Stunden warten müssen, bis die Ware abgeladen ist und der Verkauf beginnt, aber nur zwei Packungen pro Person.

Die Szene könnte sich so in Havanna abspielen, in Santiago de Cuba, in Camagüey oder jedem kleinen Dorf dieser Insel. Der Mangel an Lebensmitteln, der sich in den letzten Monaten verschärft hat, macht das ohnehin harte tägliche Leben von 11 Millionen Menschen noch komplizierter. Vorher konnte man schon kaum dem Überlebenskampf entkommen: Geld auftreiben, oft auf illegalem Weg, um Essen zu kaufen, stundenlang an einer Bushaltestelle warten und sich auf den Schwarzmarkt begeben, um bestimmte Produkte zu erwerben. Jetzt hat sich die Zeit, die nötig ist, um etwas auf den Teller zu bekommen, verdreifacht und die Schwierigkeiten, um überhaupt etwas aufzutreiben, haben sich verzehnfacht.

Dann werden sie noch drei Stunden warten müssen, bis die Ware abgeladen ist und der Verkauf beginnt, aber nur zwei Packungen pro Person.

Anfangs fehlte das Mehl, so dass Ende 2018 die größte Schwierigkeit darin bestand Brot oder Plätzchen zu kaufen. Kurz vor den Weihnachtsfeiertagen begannen die Alarmglocken zu schrillen, in der Furcht, dass der Versorgungsengpass weiter fortschreitet. Der Preis für Schweinefleisch, ein symbolischer Dow Jones der heimischen Wirtschaft, schoss in die Höhe und erreichte im vergangenen April 70 kubanische Pesos, was dem Zweitagesverdienst eines kubanischen Akademikers entspricht. Es folgten Hühnchen, Hackfleisch, Hamburger und Hotdogs. Letztere waren das Essen, das jahrelang die tägliche Versorgung von Hunderttausenden Familien gewährleistet hatte, da es ein Produkt war, das im Verhältnis zu seinem Preis eine größere Anzahl von Einheiten zur Verfügung stellte (zehn Würstchen pro Packung).

Die Bürokratie hat diesen Mangel mit einer Mischung aus einer zweckoptimistischen und ausweichenden Rhetorik gerechtfertigt. Sie führt das Defizit auf Probleme mit den internationalen Versorgern zurück, auf den schlechten Zustand der Mühlen, die den importierten Weizen weiterverarbeiten, und beschuldigt Leute, die Waren horten, als Verursacher dafür, dass die Lebensmittel nicht bei allen ankommen. Gleichzeitig vermeidet die Plaza de la Revolución das Wort Krise und hat auch den Gebrauch des Begriffs „Sonderperiode“ in den nationalen Medien zensiert, ein Euphemismus, mit dem man den ökonomische Niedergang bezeichnete, den die Insel in den 90er Jahren nach der Auflösung der sozialistischen Bruderländer erlitt.

Im selben Maße wie sich die Kühlregale der Läden leeren, steigt der Ton des ideologischen Diskurses an. Diese Hetzrethorik versucht, das amerikanische Embargo für die Teuerungen verantwortlich zu machen, obwohl Wirtschaftswissenschaftler und Analysten sich darin einig sind, dass die wahre Ursache dieses Absturzes bei Venezuela liegt, weil es die Öllieferungen nach Kuba signifikant gekürzt hat. Havanna verkaufte einen Teil dieses Rohöls wieder am internationalen Markt und bekam so frische Devisen, eine lebenswichtige Injektion für eine Wirtschaft mit geringer Produktivität und einem exzessiven, ineffektiven und kostspieligen Staatsapparat.

Gerade als viele hofften, dass die harten Lebensumstände die Verwaltung von Miguel Díaz-Canel dazu bewegen würden, eine Öffnung im privaten Bereich anzustoßen, Kontrollen zurückzufahren, Steuern zu senken zur Förderung privaten Unternehmertums und die drakonischen Zollvorschriften zu lockern, haben sich die Behörden in die entgegengesetzte Richtung bewegt und rationierten weiterhin viele Lebensmittel, die man bis vor kurzem noch frei kaufen konnte. Diese Maßnahmen weckten die schlimmsten Schreckgespenster einer Bevölkerung, die schon durch die Erfahrungen traumatisiert ist, die sie vor weniger als zwei Jahrzehnten erlebte.

Der Widerstand ließ nicht lange auf sich warten, dieses Mal verstärkt durch die neuen Medien, die es den Kubanern erlauben, Bericht zu erstatten und Zeugnis abzulegen über die Verschlechterung der Lebensqualität.

Der Widerstand ließ nicht lange auf sich warten, diese Mal verstärkt durch die neuen Medien, die es den Kubanern erlauben, Bericht zu erstatten und Zeugnis abzulegen über die Verschlechterung der Lebensqualität. So hat sich jüngst ein Protest in den sozialen Medien erhoben, hundertprozentig kubanisch. Unter dem Hashtag #LaColaChallenge *) haben Fotos von Warteschlangen, von Menschenaufläufen beim Essenseinkauf und von verärgerten Kunden, die stundenlang vor einem Geschäft warten, Facebook und Twitter überflutet.

Im Unterschied zu jenen harten Jahren nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion, scheinen die Kubaner jetzt nicht mehr bereit zu sein, die Krise schweigend hinzunehmen. Die Mobiltelefone und der neu eröffnete Webservice, sich mittels der Handys zu vernetzen, haben die Art und Weise, wie die Insel von sich berichtet, bemerkenswert verändert. Während die Lebensmittel knapp und teuer sind, findet man Bürgerprotest überall und in ausreichenden Mengen, um zu einem Druckmittel zu werden.

            Übersetzung: Iris Wißmüller

Anmerkung der Übersetzerin:
*) Der Hashtag #LaColaChallenge (dt. “Die Herausforderung der Schlange“) ist derzeit auf Kuba sehr populär. Die Verbreitung des mobilen Internets auf der Insel macht es möglich, dass die Menschen ihrem Unmut über lange Schlangen und fehlende Lebensmittel über den Kurznachrichtendienst Twitter Luft machen.
(Stuttgarter Nachrichten v. 12.5.2019)


Diese Kolumne wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

 

Alle Augen richten sich auf Venezuela

Guaido-Leopoldo-Lopez-Carlota-Maduro_CYMIMA20190430_0003_13

Juan Guaidó und Leopoldo López in La Carlota zusammen mit desertierten Angehörigen des Militärs.

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 30. April 2019

Vorwort des Übersetzers: Dieser Beitrag von Yoani Sánchez ist eine Momentaufnahme; sie publizierte den Text am 30. April 2019, als der Konflikt in Venezuela an Schärfe zunahm, mit ungewissem Ausgang.

Ganz Amerika wachte heute auf und richtete die Augen auf Venezuela; die Aufmerksamkeit erstreckte sich sogar bis auf die andere Seite des Atlantiks und sie hält Regierungen, Bürger, Flüchtlinge des südamerikanischen Landes, Journalisten und Analysten im Ungewissen. Der Puls der Welt schlägt heute in Caracas, nach Monaten der Spannung, und nach Jahren, in denen das erdölproduzierende Land in den wirtschaftlichen Kollaps rutschte, verbunden mit politischem Autoritarismus und sozialem Abstieg.

Die Befreiung von Leopold López und der Aufruf von Juan Guaidó, der widerrechtlichen Machtergreifung von Maduro ein Ende zu setzen, hat die Situation in Venezuela an einen Wendpunkt geführt. In den nächsten Stunden könnte man erste Schritte tun, hin zu einer Einberufung von freien Wahlen, oder es könnte im Gegensatz dazu ein repressiver, unverhältnismäßiger „Prankenschlag“ von Seiten Maduros gegen die erfolgen, die seinen Abschied von Macht fordern.

Abgesehen von Prophezeiungen und Prognosen sind die wichtigsten Akteure dieses politischen Dramas an einen Punkt ohne Wiederkehr angelangt. Der Hauptakteur ist das venezolanische Volk, das die Ineffizienz des Systems, die galoppierende Inflation und den Mangel an Produkten des täglichen Lebens satt hat. Die Bevölkerung hat erlebt, wie ihre Lebensqualität zusammengebrochen ist und wie sie sich Woche für Woche von Familienangehörigen und Freunden verabschieden musste, die emigrierten und so vor der Krise flohen.

Minister, Funktionäre und hohe Militärs werden von Havanna unterstützt, das sie mit Agenten des Geheimdiensts versorgt und sie in einer Angelegenheit berät, in der die politische kubanische Polizei Experte ist: in der Unterdrückung einer Gesellschaft und der Überwachung jedes Einzelnen.

Mit dem Wiederaufleben dieser Tragödie kam auch der jungen Guaidó zurück ins Licht der Öffentlichkeit. In den letzten Monate hat er einen meteorhaften Aufstieg unternommen, unterstützt von der internationalen Gemeinschaft und vielen Venezolanern, für die er, der Präsident der Nationalversammlung, die Hoffnung auf den Wechsel bleibt. Jetzt steht der leidenschaftliche Ingenieur zusammen mit seinem Mentor Leopoldo López inmitten von Gefahren und Illusionen. Aus dem heutigen Tag kann er gestärkt hervorgehen, aber es besteht auch die Möglichkeit, dass er verhaftet oder ermordet wird.

Auf der anderen Seite des Konflikts gibt es die chavistische Führungsspitze, die ein Regime stützen will, das es ihr im ganzen Land erlaubt, nach Belieben zu schalten und zu walten und sich die Taschen zu füllen. Minister, Funktionäre und hohe Militärs werden von Havanna unterstützt, das sie mit Agenten des Geheimdiensts versorgt und sie in einer Angelegenheit berät, in der die politische kubanische Polizei Experte ist: in der Unterdrückung der Gesellschaft und der Überwachung jedes Einzelnen. Schon in den ersten Morgenstunden twitterte der kubanische Regierungschef Miguel-Díaz Canel seine Unterstützung an Maduro und man darf erwarten, dass die offizielle Rhetorik gegen kubanische Oppositionelle im Verlauf des Tages an Schärfe zunimmt.

Sowohl eine Tragödie wie ein friedlicher Ausgang liegen auf dem Tisch. Beide Konfliktparteien haben Einfluss darauf, wie der Tag zu Ende gehen wird. Es wird beim Palacio de Miraflores und bei der Plaza de la Revolución liegen, ob dieser Dienstag blutig oder friedlich endet. Zu diesem Szenario muss man Washington hinzufügen, das jedes Detail aufmerksam beobachtet und genau weiß, was heute in Venezuela auf dem Spiel steht.

       Übersetzung: Dieter Schubert


Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

Die Nostalgie nach dem Käfig der 80er Jahre

experimentos-oficiales-voluntarismo-Fidel-Castro_CYMIMA20190422_0006_16

Die 80er Jahre waren auch eine Zeit für offizielle Experimente und Programme, denen Fidel Castro seinen Stempel aufdrückte. (14ymedio) /  Überschrift: Jetzt werden wir den Sozialismus aufbauen                                  

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ |La Habana | 22.April 2019

An jenem Tag wollte ich kein Nationalfernsehen sehen, sondern irgendeine Dokumentation des Paquete Semanal*), aber als ich den Bildschirm einschaltete, sprach Ramiro Valdés gerade vor der Nationalversammlung über die Abzweigung von Ressourcen, dem offiziellen Euphemismus für den Diebstahl staatlicher Gelder, und darüber, wie die „ethischen Werte“ in der kubanischen Gesellschaft mit Beginn der Sonderperiode**) verkommen sind. In seiner Stimme schwang eine Sehnsucht nach den 80er Jahren mit, diesem „goldenen“ Jahrzehnt vor Beginn der Wirtschaftskrise.

Eine ähnliche Erinnerung nehme ich bei vielen Kubanern über 40 wahr, die diese Zeit als die beste der letzten 60 Jahre Sozialismus auf der Insel empfinden. Die Nostalgie bringt sie dazu, alles, was in diesem Jahrzehnt geschah, durch eine rosarote Brille zu sehen. Mit einem sehr selektiven Gedächtnis erinnern sie sich daran, dass die Märkte voller Produkte waren, dass Brot und Eier kostenlos und nicht über den rationierten Markt verkauft wurden, dass man bei einem durchschnittlichen Gehalt genügend Lebensmittel kaufen konnte, um eine Familie zu ernähren und dass öffentliche Verkehrsmittel auf zahlreichen Routen verkehrten, mit genügend Fahrzeugen.

Wer melancholisch an das Ende jener Zeiten denkt, ignoriert die Kontrolle, die die Plaza de la Revolución über jeden Aspekt des Lebens des Einzelnen ausübte

Sie vergessen die Schatten jener Jahre und betonen nur ihre Lichter. Wer melancholisch an das Ende jener Zeiten denkt, ignoriert die Kontrolle, die die Plaza de la Revolución über jeden Aspekt des Lebens des Einzelnen ausübte. In diesen Jahren konnten wir nur in staatlichen Geschäften einkaufen, das von der Kommunistischen Partei kontrollierte Fernsehen sehen und das Land nur in offizieller Mission verlassen. Jedes Kleidungsstück, das wir trugen, war über die Lebensmittelkarte für Industrieprodukte gekauft worden, und auch die Möbel in unseren Häusern stammten von diesem Markt oder wir hatten sie von Eltern und Großeltern geerbt.

Das repressive Geflecht funktionierte wie ein Uhrwerk, die 80er Jahre hatten mit Ablehnungsaktionen im Umkreis der peruanischen Botschaft ***) begonnen. Da alle Arbeiter des Landes mit dem Staatssektor verbunden waren, waren die Mechanismen des Zwangs zur Besänftigung der Gesellschaft sehr effektiv. In der Nachbarschaft wurde das Verhalten von allen Personen beobachtet, die danach strebten, im Beruf voranzukommen, einen Gutschein für den Kauf eines Kühlschranks oder ein Stipendium für ein Studium in den sozialistischen Ländern zu erhalten. Diese so genannten Verifikationen wurden „geschmiert“ und schienen allgegenwärtig.

Kontakt mit einem Ausländer aufzunehmen galt als Straftat und die Korrespondenz mit ausgewanderten Familienangehörigen als Schandfleck in der Akte. Aufgrund des vorherrschenden Atheismus, versteckten sich all diejenigen hinter einer Maske, die sich zu irgendeiner Religion bekannten. In den unumgänglichen Gesprächen, um einen Job oder eine Beförderung zu bekommen, musste man bei der Aufforderung „Erzähl‘ mir dein Leben“ zugeben, ob man sich zu einer Religion bekannte und diese praktizierte.

Die Menschen hatten damals viel größere Angst davor eine kritische Meinung auszusprechen, als heute. Dissidenten-Gruppen wurden auf ihr Minimum reduziert und zwischen Landschulen und Pionierlagern erhielten die Kinder eine vollständige Gehirnwäsche sowie ideologische Indoktrination. Um ihre Werke veröffentlichen zu können, mussten sich alle Schriftsteller die Fesseln der offiziellen Zensur anlegen lassen, oder dabei zusehen, wie ihre Texte in einer Schublade verkamen. Musiker konnten ihre Musik nur in offiziellen Studios aufnehmen, Maler ihre Werke nur in staatlichen Galerien ausstellen und Taxifahrer fuhren nur Autos mit dem blauen staatlichen Kennzeichen.

Die wirtschaftliche Situation entsprach nicht der Effizienz oder Produktivität des Landes, sondern der „Pipeline“ von Subventionen aus der Sowjetunion

Neben der Tatsache, dass der Totalitarismus bei der Kontrolle der Gesellschaft in „voller Pracht“ zum Einsatz kam, entsprach die wirtschaftliche Situation nicht der Effizienz oder Produktivität des Landes, sondern der „Pipeline“ von Subventionen aus der Sowjetunion. Der Kreml stützte eine Blase falschen Wohlstands, die platzte, als die UdSSR selbst in mehrere Teile zerfiel und die alten Kameraden Hammer und Sichel gegen die Marktwirtschaft tauschten.

Wenn man sich an die 80er Jahre erinnert, sollte man sie nicht damit verbinden, dass es Kondensmilch in Dosen in den Regalen gab, oder kleine Märkte, auf denen man bulgarische Säfte zu sehr günstigen Preisen kaufen konnte, oder Obstkonserven aus irgendeinem Land des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (COMECON). Auch die bunten Zeitschriften, die die Regale füllten und ein gescheitertes Modell mit bombastischen Titeln bewarben, tun nichts zur Sache.

Man muss den 80er Jahren in der Erinnerung den richtigen Wert beimessen: Es war das Jahrzehnt, in dem der Käfig am effektivsten war, weil Fidel Castro genügend Vogelfutter in der Hand hatte, damit wir die Gitterstäbe schweigend akzeptierten.

             Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkungen der Übersetzerin:

*) El Paquete Semanal („das wöchentliche Paket“) ist eine Sammlung digitaler Inhalte, die auf Kuba wöchentlich unter der Hand weitergegeben oder verkauft wird. Dieses Offline-Internet versorgt die Menschen trotz mangelnder Netzinfrastruktur mit neuen Filmen, TV-Sendungen, Dokumentationen, Musik etc.

**) Die Sonderperiode in Friedenszeiten war ein Euphemismus der kubanischen Regierung für die Wirtschaftskrise der 90er Jahre, ausgelöst durch die Auflösung der Sowjetunion und des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe.

***) Im April 1980 flüchten über 10.000 kubanischen Staatsbürgern in die peruanische Botschaft in Havanna und beantragen Asyl. Peru weigerte sich, die Asylsuchenden an die kubanischen Behörden auszuliefern, woraufhin Staatschef Fidel Castro nach längeren Verhandlungen die Polizei vor der Botschaft abzog und allen die Ausreise gestattete.


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.