Ein Rezept um Fidel Castro aus unseren Köpfen zu verbannen

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Der ehemalige Präsident Fidel Castro hält einen Schnellkochtopf genannt „Olla reina“ (Königinstopf) aus chinesischer Herstellung (EFE)

Generación Y, Yoani Sánchez, 13. August 2016 Ich schalte das Radio ein und der Sprecher verkündet den kurzen Titel: „Fidel Castro, der große Bauherr“ an. Er erklärt, dass die wichtigsten Werke unseres Landes in diesem Kopf, der jahrzehntelang von einer olivgrünen Mütze bedeckt wurde, entstanden sind. Von so viel Personenkult ermüdet, entscheide ich mich dazu den Fernseher einzuschalten, aber auf dem Hauptkanal berichtet ein Anwalt in allen Einzelheiten vom juristischen Erbe des großen Anführers und am Ende des Programmes wird eine Dokumentation über den „unbezwingbaren Guerillero“ angekündigt.

Wochenlang erlebten wir Kubaner ein regelrechtes Bombardement mit Berichten über Fidel Castro, das sich, je näher sein 90. Geburtstag am 13. August rückte, immer mehr verstärkte. Es gibt weder Bescheidenheit noch Bedeutung in dieser Lawine von Bildern und Lobpreisungen.

Den Mann, der 1926 im im Osten der Insel liegenden Ort Birán geboren wurde, haben wir in der Vergangenheit gelassen, ans 20. Jahrhundert gekettet, lebendig begraben.

Dieser Exzess an Ehrungen und Erinnerungen ist gewiss ein verzweifelter Versuch den kubanischen Expräsidenten der Vergessenheit zu entreißen, dieser Vernachlässigung durch die Medien, in die er fiel seit er vor inzwischen mehr als einem Jahrzehnt seinen Rückzug von der Macht bekannt gab.

Den Mann, der 1926 im im Osten der Insel liegenden Ort Birán geboren wurde, haben wir in der Vergangenheit gelassen, ans 20. Jahrhundert gekettet, lebendig begraben.

Die jüngeren Schüler haben diesen einst so geschwätzigen Redner niemals stundenlang bei einem offiziellen Anlass reden hören. Die Bauern waren erleichtert, nicht mehr die ständigen Ratschläge des „Befehlshabers in der Landwirtschaft“ zu erhalten und selbst die Hausfrauen sind dankbar dafür, dass er auf keinem Kongress der Föderation der kubanischen Frauen* mehr auftaucht, um ihnen zu zeigen, wie man einen Schnellkochtopf benutzt.

Die staatliche Propaganda weiß, dass die Bevölkerung zum Selbstschutz oft auf das Kurzzeitgedächtnis zurückgreift. Für viele junge Menschen ist Fidel Castro bereits eine so verblasste Erinnerung, wie es für meine Mutter eines Tages der Diktator Gerardo Machado war, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts solche negativen Auswirkungen auf die Generation meiner Großmutter hatte. Kein Land kann seinen Blick starr auf einen einzigen Mann richten und so traten Ablenkung und ein fehlendes Interesse zwischen die Bevölkerung der Insel und den ehemaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei.

Seine Anhänger nutzen die Feierlichkeiten zu seinem 90. Geburtstag, um ihn im Herzen der Nation in die Unsterblichkeit zu erheben. Sie verehren ihn, vergeben ihm seine systematischen Fehler und machen ihn zum wichtigsten Gesicht ihres Kredos. Die Grundsätze dieser neuen Religion sind Sturheit, Intoleranz gegenüber Andersgesinnten und ein unbändiger Hass – fast schon ein persönlicher Feldzug – gegen die USA.

Die Gegner von „Él“ („Er“), wie viele Kubaner ihn einfach nennen, arbeiten an Argumenten um seinen Mythos zu zerstören. Sie warten auf den Tag, an dem die Geschichtsbücher aufhören ihn mit José Martí** auf eine Stufe zu stellen und sich gnadenlos, distanziert und objektiv mit seinem Werdegang auseinandersetzen. Es sind diejenigen, die von der Ära nach Castro träumen, von Ende des Fidelismus und den Hasstiraden, die über seine umstrittene Person hereinbrechen werden.

Sie, die seiner Allgegenwertigkeit überdrüssig geworden sind, sind diejenigen, die einen Schlussstrich unter den Mythos ziehen werden.Und sie werden es ohne großes Geschrei und ohne große Heldentaten tun.

Die Meisten schlagen jedoch einfach ein neues Kapitel auf und zucken als Zeichen der Abscheu mit den Achseln wenn sie seinen Namen hören. Es sind diejenigen, die in diesen Tagen den Fernseher abstellen und den Blick stattdessen auf einen Alltag richten, der jedes Wort, dass Fidel Castro in jenen Zeiten in seinen flammenden Reden von sich gab, in denen er plante eine Utopie zu errichten und uns zu neuen Menschen zu machen, verneint.

Sie, die seiner Allgegenwertigkeit überdrüssig geworden sind, sind diejenigen, die einen Schlussstrich unter den Mythos ziehen werden. Und sie werden es ohne großes Geschrei und ohne große Heldentaten tun. Sie werden einfach aufhören ihren Kindern von ihm zu erzählen, Bilder von ihm mit Gewehr und Epaulette in ihren Häusern aufzuhängen und ihre Enkel mit den fünf Buchstaben seines Namens zu benennen.

Die Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag von Fidel Castro sind in Wirklichkeit sein Abschied: maßlos und erdrückend, genau wie seine Politik.

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Anmerkung der Redaktion: Der spanische Orginaltext wurde am 13. August 2016 in der brasilianischen Tageszeitung O Globo veröffentlicht.

Anmerk. d. Übersetzerin:

*Die Föderation der kubanischen Frauen (Federación de Mujeres Cubanas) ist eine im Jahr 1960 gegründete Massenorganisation, die sich für die Gleichberechtigung und Emanzipation der kubanischen Frau einsetzt.

**Der kubanische Poet und Schriftsteller José Martí (1853-1895) war ein kubanischer Nationalheld, der symbolisch für den Unabhängigkeitskampf steht.

Übersetzung: Anja Seelmann

Die Schuldigen!

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In diesem Sommer wurden die Taxifahrer zu neuen Feinde der Regierung (14ymedio)

14ymedio.com, Yoani Sánchez, 20. Juli 2016 Zu Beginn des Jahres verkörperten die Zwischenhändler das „Übel schlechthin“; man gab ihnen die Schuld an den hohen Lebensmittelpreisen auf dem Agrarmarkt. Ende 2013 waren die „Hauptfeinde“ die Händler, die auf eigene Rechnung Kleidung und Importware verkauften. Im Februar 2016 erreichte der Krieg gegen die Carretilleros (ambulante Händler, die ihre Ware auf Karren anbieten) seinen Höhepunkt, und jetzt fährt der „Feind“ ein Sammeltaxi und sein populärer Name ist Botero.

Wenn irgendetwas für das kubanische System der vergangenen 57 Jahre charakteristisch ist, dann ist es die Fähigkeit, einen Sündenbock zu finden. Wenn die Produktionspläne für die Landwirtschaft nicht erfüllt werden, dann ist daran die Trockenheit schuld, oder die Disziplinlosigkeit der Arbeiter, oder die schlechte Organisation eines Bürokraten auf der unteren Entscheidungsebene. Bei Beginn der Regenzeit, mit ihren starken Niederschlägen, wird die Wasserversorgung in vielen Ortschaften und Städten instabil, weil „der Regen nicht dort fällt, wo er soll“, wie es kürzlich eine Funktionärin des Nationalen Instituts für Wasserwirtschaft erklärt hat.

Das städtische Transportwesen funktioniert schlecht; schuld daran sind der „Vandalismus“ und „die Bevölkerung, die die Betriebsmittel nicht mit dem nötigen Respekt behandelt“, so die Erklärung. Andererseits, die Mehrzahl der Straßenunfälle geschehen aus „Unvorsichtigkeit der Fahrer“ und nicht aufgrund des schlechten Zustands der Wege und Straßen, nicht wegen der miserablen Beschilderung oder wegen des „Einfallsreichtums“ der Fahrer, die mit ständiger Bastelei ihre schrottreifen Vehikel am Laufen halten müssen.

Der Zeigefinger der Macht weist in viele Richtungen, um andere zu beschuldigen; er dreht sich aber nie auf die Macht selbst hin

Der Zeigefinger der Macht weist in viele Richtungen, um andere zu beschuldigen; er dreht sich aber nie auf die Macht selbst hin. Hin und wieder, in einem Anflug von Selbstkritik, legt man sich sogar mit den Aktivisten der Kommunistischen Partei an, indem man sie beschuldigt, ihre Meinung nicht „am passenden Ort und zur passenden Zeit“ vertreten zu haben. Manchmal lässt man irgendeinen Minister für das zu Bruch gegangene Porzellan bezahlen, was für die bankrotte Politik im Gesundheits-und Bildungswesen zutrifft und für andere Sektoren.

Wir Bürger seien die Hauptschuldigen für das Auftauchen der Aedes aegypti, der Zika-Mücke, die seit Jahren allen Ausräucherungen und Kampagnen trotzt, so sagt es uns das offizielle Fernsehen. Unsere Häuser seien die wichtigsten Brutstätten für Moskitos, wirft uns die Presse an den Kopf, als ob staatliche Körperschaften makellose Bollwerke aus Sauberkeit und Ordnung wären.

Auch die Emigration ist ein Sündenfall von uns, weil wir dem „Gesang der Sirenen“ folgen, der uns „in die Hände von Kojoten fallen lässt“, wie es uns eine Castro-Rede erklärt. Im Rahmen dieses Konzepts, das immer die Lasten auf Dritte ablädt, erwiesen sich die Migranten, die vor der kubanischen Botschaft in Ecuador protestierten, als „diensteifrig gegenüber den Vereinigten Staaten“. Und einige von ihnen, wenn sie denn beim Nachbarn im Norden Fuß gefasst haben, werden damit aufhören „unerlaubte Gelder“ an Angehörige zu überweisen, damit die den nicht-staatlichen Handel am Leben halten.

Am einfachsten ist es äußere Feinde zu finden, den Imperialismus zum Beispiel, „die kriminelle Blockade der Vereinigten Staaten“, die Verschwörungen der „lateinamerikanischen Rechten“ und sogar den „historischen Verrat“ der alten Kameraden in Osteuropa; das sind Vogelscheuchen um Angst zu verbreiten, wozu der sich die verteufelten hauseigenen „Kontrarevolutionäre “ gesellen, die mit allen Beleidigungen bedacht werden, die eine plumpe staatliche Maschinerie in Jahrzehnten erdacht hat.

Wenn also Produkte in den Regalen der Märkte fehlen, dann beschuldigen TV-Reportagen Aufkäufer und „Schieber“. Wenn eine Papaya mittlerweile den Tageslohn eines Facharbeiters kostet, dann ist dafür „das skrupellose Verhalten“ von jenen verantwortlich, die „sich auf Kosten des Volkes bereichern“, wie sie es uns auf den kleinen TV-Bildschirmen sagen. Bei dieser Schuldverteilung sind wir alle irgendwann in den Mittelpunkt von Beschuldigungen geraten.

Wir haben alles Recht der Welt, unseren Zeigefinger auf dieses System zu richten, das uns ständig auf die Anklagebank schickt.

Gerade jetzt legt sich der staatliche Propaganda-Apparat mit den Fahrern der Sammeltaxis an, schon morgen können es die Besitzer von privaten Restaurants sein, dann die Lehrer, die Nachhilfe anbieten, oder die Wasserverkäufer, die ihre kostbare Ware in Vierteln verkaufen, wo das Leitungsnetz seit Wochen trocken liegt.

Immer wird es einen „Übeltäter“, einen „Verantwortungslosen“ oder einen „Feind“ geben, der es fertig bringt, dass das System in seiner großen Menschlichkeit nicht so funktionieren kann, wie es im Handbuch steht. Darüber hinaus beeinträchtigt er die nie nachgewiesene Effizienz des Systems und dessen angebliche, noch zu beweisende, Fähigkeit, die Kubaner glücklich zu machen.

Trotzdem hat die Strategie, andere mit einer geplanten Flut von Vorwürfen zu beschuldigen, einen Schwachpunkt. Es kommt der Moment, wo es mehr Beschuldigte als Ankläger gibt. Es wird der Moment sein, in dem wir, die Stigmatisierten, aufeinander treffen: die Bootsflüchtlinge, die Dissidenten, die Carretilleros, die neuen Selbstständigen, Boteros, „abgesägte“ Minister und verachtete Verkäufer von Ramschwaren. An diesem Punkt, an dem wir eigentlich schon seit langer Zeit angekommen sind, werden wir alles Recht der Welt haben, unseren Zeigefinger auf ein System zu richten, das uns ständig auf die Anklagebank schickt.

 Übersetzung: Dieter Schubert

Die Journalisten, die gebraucht werden

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Sechs Mitglieder des kubanischen Volleyball-Teams befinden sich in Finnland in Haft, ohne dass die Presse die Straftat bekannt gab, der sie beschuldigt werden. (Volleyball World League)

Generación Y, Yoani Sánchez, 07. Juli 2016 Mein Vater kam mit einer Frage nach Hause, die ihm keine Ruhe ließ: „Welches ist wohl das Verbrechen, für das mehrere kubanische Sportler in Finnland angeklagt worden sind?”. Er kannte nur die offizielle Mitteilung des Kubanischen Volleyballverbandes, die am Montag in den TV-Nachrichten verlesen und von den Zeitungen veröffentlicht wurde. Aus dem Text ging nicht hervor, welche Missetat ihnen zur Last gelegt wird, deshalb spekulierte mein Vater: „Illegaler Tabakverkauf? Diebstahl? Störung des öffentlichen Friedens?“.

Die Vergewaltigung einer Frau, für die man die Athleten verantwortlich hält, wird in der Erklärung nicht erwähnt, was einen „Akt der Geheimhaltung“, das Verschweigen der Wahrheit und eine Respektlosigkeit gegenüber der Öffentlichkeit darstellt. Die staatliche Presse behandelt uns so, als ob wir kleine Kinder wären, vor deren zarten Ohren man keine so unanständigen Details erwähnen darf. Oder schlimmer noch – als ob wir es nicht verdienten, über die Schwere der Anschuldigungen Bescheid zu wissen.

Das Geschehene lässt die Zwangsjacke sichtbar werden, die die professionellen Berichterstatter daran hindert, ihre Arbeit im Rahmen der Medien auszuüben, die von der Kommunistischen Partei kontrolliert werden. Hier handelt es sich um etwas, das viele Journalisten mit Schmerz und Frustration ertragen, während andere – die opportunistischer sind – von der Zensur profitieren und eine mittelmäßige Arbeit abliefern, oder eine, die es den Machthabern bequem macht.

Warum ist kein prominenter Europa-Korrespondent der lateinamerikanischen Presse nach Finnland gereist, um dort im Minutentakt darüber zu berichten, was mit den kubanischen Athleten passiert?

Das Geschehene lässt die Zwangsjacke sichtbar werden, die die professionellen Berichterstatter daran hindert, ihre Arbeit im Rahmen der Medien auszuüben, die von der Kommunistischen Partei kontrolliert werden

Jeden Tag sind wir dieser Art von unterdrückter Information durch die staatlichen Medien ausgesetzt. Jenes schon chronisch gewordenen Fehlen steht im Widerspruch zu dem Fingerzeig von Miguel Díaz-Canel, dem Ersten Vizepräsidenten Kubas, wenn er dazu aufruft, einen Journalismus ohne Selbstzensur zu betreiben, der näher an die Realität gebunden ist. Wo ist dieser Funktionär denn jetzt, wenn es gilt, die Reporter  anzutreiben, dass sie ihre Recherchen anstellen und Einzelheiten über das Schicksal der Volleyballer veröffentlichen?

Es ist sehr bequem, die Journalisten dazu zu ermuntern, mutiger zu sein, doch ihnen dann, wenn der Moment gekommen ist, zu raten, lieber vorsichtig zu bleiben oder gar Stillschweigen zu bewahren. Solche Falschheiten haben sich innerhalb der letzten fünf Jahrzehnte so oft wiederholt, dass sich in der kollektiven Denkweise  die Vorstellung breit gemacht hat, „Presse“ sei ein Synonym für „Propaganda“ und ein Informator, ein Regierungsvertreter.

Der Schaden, der dem kubanischen Journalismus zugefügt wurde, ist tiefgreifend und systematisch. Ihn zu reparieren wird lange dauern; es braucht den Respekt vor diesem ehrenvollen Beruf als Rahmen und auch eine neue Generation von Berichterstattern, die nicht durch die “Laster” der aktuellen kubanischen Akademie für Journalismus gekennzeichnet ist. Jene jungen Menschen, die keine Kompromisse mit den Machthabern eingehen, sind die einzige Hoffnung, die uns bleibt.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Wir alle waren im „Pulse“

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Christopher Sanfeliz und Alejandro Barrios, die von Omar Mateen im LGBT-Club Pulse erschossen wurden. (Facebook)

Generación Y, Yoani Sánchez, 15. Juni 2016 Die Nachricht machte den Sonntag zu einem Trauertag, zerriss die Woche und wird das Leben der Familien der Opfer für immer markieren. Der Club „Pulse“ in Orlando, Florida, wurde für viele, die einem Irren ausgeliefert waren, zu einer tödlichen Falle. Man untersucht noch die Beweggründe, die Omar Seddique Mateen dazu brachten, 49 Menschen zu töten und weitere 53 zu verletzen, aber Solidarität muss nicht auf den Abschlussbericht des FBI warten, sie muss unmittelbar erfolgen und darf nicht zögerlich sein.

Die offizielle kubanische Presse hat die Tatsache, dass sich die Schießerei in einem Homo-Club ereignete, lückenhaft und pikiert behandelt. Es ist die Prüderie des Fernsehens und der nationalen Zeitungen, die mit ihrem Schweigen Menschenverachtung fördern und ihre eigenen Reden über politische Veränderungen als Lügen entlarven. Man bemerkt dieses Versagen auch im Kondolenzschreiben, das Raúl Castro an Barack Obama schickte, wenn er den Ort der Tragödie als „Nachtclub“ bezeichnet.

Die Vergesslichkeit endet hier noch nicht. Die Presse in Händen der Kommunistischen Partei hielt die Nachricht, dass unter den Toten auch zwei Kubaner waren, bis zum darauffolgenden Mittwoch zurück, als das schon vox populi auf allen Straßen war. Warum diese Verspätung? Weil sie schwul waren, oder Emigranten? Wenn beides zutrifft, müsste das einige Regierungsmitglieder aus der Fassung bringen und somit auch die Presse, die wie ihr Bauchredner agiert.

Die Presse in Händen der Kommunistischen Partei hielt die Nachricht, dass unter den Toten auch zwei Kubaner waren, bis zum darauffolgenden Mittwoch zurück.

Es überrascht auch, dass sich das Nationale Zentrum für Sexualerziehung (Cenesex) auf eine formale Verurteilung beschränkte und nicht zu einer Nachtwache (für die beiden Toten) aufgerufen hat, und auch nicht dazu, den Müttern, die ihre Söhne verloren haben, ein paar Blumen vor die Tür zu legen; ein symbolischer Akt, der den Schmerz der kubanischen LGBTI-Gemeinschaft hätte wiedergeben können.

Nichts dergleichen gab es; nicht wegen Entrüstung oder Trauer, sondern allein wegen fehlender Meinungsfreiheit, was verhindert, dass ein Oppositioneller öffentlich eine Beschwerde einreicht, oder dass irgendjemand spontan ein Plakat trägt, auf dem steht: WIR ALLE WAREN IM „PULSE“.

Anmerkung des Übersetzers:

Die Buchstaben LGBTI stehen für lesbisch, gay, bisexuell, transsexuell und intersexuell.

Übersetzung: Dieter Schubert

Regen – eine so häufige Rechtfertigung

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Zwei Jugendliche im Regen. (14ymedio)

Generación Y, Yoani Sánchez, 10. Juni 2016 „Wozu hast du das Mädchen hergebracht, wenn es regnet?“, schimpfte die Lehrerin der zweiten Klasse, als meine Freundin ihre Tochter am Mittwoch zur Schule brachte. Obwohl der Unterricht weiterhin stattfinden sollte, nutzten viele Grundschullehrer die Niederschläge aus, um diese Woche zu verkürzen. Für die Bürokraten war das schlechte Wetter eine Ausrede, um Formalitäten hinauszuzögern, während unzählige Arzttermine aufgrund des Regens später begannen.

Wenn es anfängt zu regnen, verhalten sich viele Beamte so, als wären sie aus Zucker, als wären sie Aquarelle kurz vor dem Zerfließen oder allergisch gegen Wasser. Diese Reaktion sorgt für Gelächter, da wir in einem tropischen Land leben, aber die Situation ist auch aufgrund der ernsthaften Schäden, die der Regen bei Millionen Menschen anrichtet, mit viel Dramatik verbunden. Immer wieder verhalten sich die Beamten im öffentlichen Dienst so, als wäre jede Regenzeit die erste auf der Insel.

Das Bankensystem, das das ganze Jahr über schlecht funktioniert, bricht fast völlig zusammen, wenn zwei Regentropfen vom Himmel fallen. Der staatliche E-Mail-Dienst Nauta gerät in eine Krise und im städtischen Nahverkehr gibt es unzählige Probleme. Es nieselt und schon fällt Unterricht an Bildungseinrichtungen aus, die Marktstände und Einzelhandelsgeschäfte bleiben meistens geschlossen und sogar in den Notaufnahmen der öffentlichen Gesundheitseinrichtungen schaltet man einen Gang herunter.

Dabei wütet weder ein Hurrikan noch ein Wind mit mehr als 100 Stundenkilometern oder einer dieser heftigen Schneestürme, die andere nördlichere Nationen in Atem halten. Dass das Leben auf Kuba aufgrund der Regenfälle stillsteht, scheint eher eine Rechtfertigung zu sein. Ein Alibi, das vielen erlaubt, in diesen Tagen das zu machen, was sie am liebsten tun. Nichts.

Übersetzung: Lena Hartwig

Elena Burke, diese Stimme, die in der Erinnerung nachhallt

Generación Y, Yoani Sánchez, 06. Juni 2016 Diese Frau hatte etwas. Neben ihrer tiefen Stimme und den Emotionen, die sie durch das Mikrofon übertrug, hatte sie eine Art, die einen in ihren Bann zog. Wenn sie auf dem Bildschirm erschien, hatte meine kindliche Überheblichkeit Pause, ich hörte auf herumzurennen und schenkte ihr stattdessen meine Aufmerksamkeit. Da war sie die „Dame der Gefühle“*, die junge Frau, deren Karriere beim kubanischen Radiosender CMCQ angefangen hatte und die in dem Jahr geboren wurde, in dem auch der Kapokbaum im Parque de la Fraternidad** in Havanna gepflanzt wurde. Ich wurde still, um ihr zuzuhören.

Temperament, Emotion und eine Interpretation, die jede gute Darbietung oder die Erinnerung bei weitem übertraf, waren ihr Markenzeichen. Sie lebte jedes Lied. Man sah, wie sie wegen Untreue kämpfte, wegen eines gebrochenen Herzens weinte, bis zum Delirium genoss oder wie sie, wie die Frau, die auf einer beliebigen Türschwelle die Hand zum Abschied hebt, Lebewohl sagte. In der kubanischen Musikszene der 70er und 80er Jahre, voller Ängste und Heuchelei, stach Elena Burke durch ihre Authentizität hervor, sie wollte weder gefallen noch begeistern.

Andere ernteten den Ruhm der internationalen Medien als diese eindrucksvolle und ehrliche Frau nicht mehr unter uns weilte, als die Dame des Filin*** bereits gegangen war. Aber keine kubanische Sängerin hat es bisher geschafft ihre Interpretationen der Lieder von Komponisten wie José Antonio Méndez, Marta Valdés oder César Portillo de la Luz und vielen anderen, denen sie ihre Stimme lieh, zu übertreffen. Denn diese Frau, die das Mikrofon in der Hand hielt und deren Silhouette den ganzen Bildschirm ausfüllte war einfach nur sie selbst, ohne Verschönerungen, ohne Zugeständnisse und ohne Heuchelei.

Anm. d. Ü.:

*Elena Burke wurde auch als „Señora Sentimiento“ (Dame der Gefühle) bezeichnet, da sie sich durch die gefühlvollen und ehrlichen Interpretationen ihrer Lieder auszeichnete und eine wichtige Figur in der Musikbewegung „Filin“ verkörperte.

**Der Park „Parque de la Fraternidad Americana” ist ein Komplex aus mehreren Parks in Havanna. Der Kapokbaum wurde zur Unabhängigkeit Kubas im Jahr 1902 im Stadtviertel Cerro gesät und im Jahr 1928 in den Park gepflanzt.

***Filin (nach dem englischen Wort Feeling) ist eine moderne Musikbewegung, die sich in den 50er Jahren in Kuba entwickelte. Diese Bewegung hatte ihren Ursprung unter anderem im lateinamerikanischen Musikstil Bolero.

 

Übersetzung: Anja Seelmann

Tiananmen, gemeinsames Schweigen

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Im Jahr 1989 war der Tiananmen-Platz in Peking die Bühne für Proteste, die mehr politische Öffnung verlangten

14ymedio.com, Yoani Sánchez, 04. Juni 2016 Der Platz der Revolution in Havanna (Regierungssitz) zeigt die Treue zu seinen Freunden auf vielfältige Weise. Eine davon ist das Schweigen unter Komplizen. Das Massaker von Tlatelolco im Jahr 1968 wurde von der Regierung Fidel Castros nicht verurteilt, weil ihr Verbündeter, die „Partei der Institutionalisierten Revolution“ (PRI), damals in Mexiko regierte. Vergleichbares geschah mit den Ereignissen auf dem Tiananmen-Platz, die bis heute von der Presse ignoriert werden und auch im offiziellen Diskurs nicht vorkommen.

Seit in Peking Tausende von Studenten friedlich für demokratische Reformen demonstrierten und mit Gewalt auseinander getrieben wurden, sind inzwischen 27 Jahre vergangen. Zum entscheidenden Moment kam es am 4. Juni, als die Armee die Versammlung gewaltsam auflöste und Hunderte von Toten und Tausende von Verletzten zurückließ. Es bleibt zu hoffen, dass Miao Deshun im nächsten Oktober freikommt; er ist der letzte namentlich bekannte politische Gefangene von all denen, die im Verlauf dieser Unruhen verhaftet wurden.

Neben den mehr als tausend Festgenommenen, die zu harten Strafen verurteilt wurden, weil sie ihren Wunsch nach Veränderung öffentlich zum Ausdruck gebracht hatten, schickte China viele andere Demonstranten zur Umerziehung in Arbeitslager. Seit damals haben zahlreiche Maßnahmen und millionenfache Propaganda alles versucht, um die Bevölkerung dazu zu bringen, die Rebellion aufzugeben und die Erinnerung an die Ereignisse verblassen zu lassen.

Neben der aufstrebenden Wirtschaft und seinen Umweltproblemen ist China heute ein Land, in dem es nicht erlaubt ist, öffentlich über seine Geschichte zu sprechen

 

In diesen Tagen wurden einige Aktivisten, die versuchten jenes Datum wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, von der Regierung verhaftet oder daran gehindert ihr Haus zu verlassen, um so den Opfern ihre Hochachtung zu erweisen. Diese repressiven Maßnahmen erstrecken sich auch auf das Internet, wo es der zuständigen Polizei geschickt gelingt, viele Einträge zu den Ereignissen auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ zu löschen.

Und dennoch, obwohl man im Juni 1989 die ausländische Presse aus der unruhigen Zone verbannt hatte und die Regierung die Berichterstattung über die Vorfälle einschränkte, hat sich ein Bild wie eine Ikone ins Gedächtnis der Menschheit eingeprägt. Ein wehrloser Mann, mit einer Einkaufstasche in der Hand, steht vor einem Panzer und zeigt die völlige Hilflosigkeit des Bürgers angesichts totalitärer Macht.

Kein einziges der kubanischen Medien, die von der Kommunistischen Partei betrieben werden, hat dieses Foto je veröffentlicht. Die Behörden der Insel haben sich somit am dem Versuch beteiligt, ein geschichtliches Ereignis auszulöschen, das ihre chinesischen Genossen mutig angestoßen haben. Bei dem Versuch, der Vergangenheit ein schwarzes Loch zu verpassen, werden sie zu Komplizen.

Neben der aufstrebenden Wirtschaft und seinen Umweltproblemen, ist China heute ein Land, in dem es nicht erlaubt ist, öffentlich über seine Geschichte zu sprechen. Es ist eine Nation, der man einen ungleich verteilten Wohlstand angeboten hat, im Tausch gegen ihre Erinnerung, in der aber viele diesen Handel nicht akzeptiert haben. Es sind die, die sich an den jungen Mann erinnern, der zum Markt ging, was sein Schicksal für immer änderte.

Im Fall Kubas begann der Versuch, uns zu einer kollektiven Amnesie zu zwingen, weder mit der Tragödie auf diesem riesigen weit entfernten Platz, noch endete er damit. Zunächst verschwiegen uns die offiziellen Medien den Fall der Berliner Mauer, dann leugneten sie wochenlang den Reaktor-Unfall von Tschernobyl und schließlich ließen sie die Verbrechen von Nicolae Ceausescu unter den Tisch fallen.

Die Loyalität der Regierung zu ihren Genossen beinhaltet auch unrühmliches Tun, nämlich ihnen dabei zu helfen Statistiken fälschen, Nachrichten zurückzuhalten und Tote in aller Stille zu beerdigen.

Anmerkung des Übersetzers:

Am 2.Oktober 1968 war Tlatelolco (Mexiko) Schauplatz eines Massakers, bei dem kurz vor Beginn der Olympischen Spiele mehr als 300 Studenten, die an einer Protestkundgebung teilgenommen hatten, von der Armee und der Polizei getötet wurden.

Übersetzung: Dieter Schubert