Der Abgang von Raúl Castro, das Ende einer Ära

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Der kubanische Vizepräsident Miguel Díaz-Canel im Gespräch mit Raúl Castro (GETTY)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 11.Januar 2018 

„Sechs Jahrzehnte sind ein ganzes Leben“, erklärt Facundo, ein Kubaner im Ruhestand, der mit dem Verkauf der offiziellen Presse in Alt-Havanna seine magere Rente aufbessert. Geboren kurz bevor Fidel Castro an die Macht kam, steht dieser Mann der Ernennung eines neuen Präsidenten im April misstrauisch gegenüber. „Das wird so sein wie Laufen lernen“, versichert er, während er die staatliche Tageszeitung Granma anpreist.

 So wie Facundo wurde die Mehrheit der Kubaner, die heute auf der Insel leben, unter dem Castro-Regime geboren, oder können sich kaum noch an das Land vor dem Januar des Jahres 1959 erinnern. Das Ausscheiden Raúl Castros aus der Regierung – zunächst für Februar 2018 angekündigt und später auf April verschoben – bedeutet für sie das Ende einer Ära, unabhängig vom Ende oder dem Fortbestand seiner Politik bei seinen Nachfolgern im Parlament.

 Wenige Wochen vor dem offiziellen Wechsel im Präsidentenamt macht sich Gleichgültigkeit breit unter den Bewohnern dieser Nation, die so lange wie kein anderes Land in Lateinamerika unter der Führung einer Familiendynastie stand. Dieser Moment, der voller Erwartungen und Spekulationen sein sollte, geht unter in der schwierigen wirtschaftlichen Situation und in der allgemeinen Apathie, die sich über die gesamte Insel zieht.

 Im Gegensatz zu anderen Ländern des Kontinents, die leidenschaftliche Regional- und Parlamentswahlen erlebt haben, führt die Wahl auf Kuba weder zu Umfragen, um die Tendenzen der Wähler zu erfassen noch zu Debatten in den Medien. Es herrscht vielmehr das Gefühl, dass es sich um ein „abgekartetes Spiel“ handelt, dessen Ziel es ist, die Kontrolle in den Händen einer Gruppe zu halten.

 Der Verdruss kommt auch daher, dass das aktuelle Wahlgesetz sowohl politische Kampagnen, als auch jedwede Veröffentlichung eines Wahlprogramms, das die einen begeistert und die anderen empört, verbietet. Ohne diesen grundlegenden Bestandteil hat diese Prozedur eher etwas von einer Bestätigung als von einer Wahl, mehr von einer stillschweigenden Ernennung als von einem Wahlkampf.

 Erst im April, wenn der neue Staatsrat bekannt gemacht wird, wird man wissen wer die höchsten Ämter des Landes für sich beanspruchen wird. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Zusammensetzung dieser Instanz reine Spekulation, die sich danach richtet, welchem Beamten die staatlichen Medien mehr Aufmerksamkeit schenken und wen sie aus dem Rampenlicht verdrängen. Einen Wahlausgang vorherzusagen ist in diesem Land ein sehr ungenaues Unterfangen.

 Darüber hinaus werden sich die Kandidaten auf das Präsidentenamt nur kurz an ihrer Rolle als Anwärter erfreuen können; vielleicht nur die Minuten oder Stunden, die zwischen der Bekanntgabe der Kandidaten durch die CCN (Nationale Kommission für Kandidaturen) im Parlament und der Abstimmung über den Vorschlag verstreichen. Ihr Wettkampf um das Präsidentenamt wird kaum länger als einen Atemzug dauern.

 Dies ist der Ablauf seit im Jahr 1976 die erste Nationalversammlung der Volksmacht (Asamblea del Poder Popular) zusammentrat, einem Zeitpunkt, zu dem Fidel Castro das Ende der „revolutionären Übergangsregierung“ verkündete und der sozialistische Staat seine endgültigen institutionellen Formen annahm. Mit dem neuen Wahlgesetz aus dem Jahr 1992 wurden einige Details abgeändert, aber das Wesen des Einparteiensystems und die Abschottung gegen Überraschungen aller Art wurden beibehalten.

Das Ende des Personenkults

 Dennoch, die Neuheit der aktuellen Wahlen liegt nicht darin, was außerhalb des Drehbuchs passieren könnte, sondern darin, dass es zum ersten Mal sehr wahrscheinlich ist, dass derjenige, der das Präsidentenamt übernimmt nicht den Namen Castro trägt. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass er der „historischen Generation der Revolution“, einer kleinen Gruppe von inzwischen Achtzigjährigen angehört, ist sehr gering.

 Neben dem neuen Machthaber werden auch weitere neue Gesichter im Staatsrat zu sehen sein und so den harten Kern der Gerontokratie ablösen. Eine eingeschworene Gemeinschaft, deren Überschuss an Lebensjahren mit dem Argument der „vielen Erfahrung“ gerechtfertigt wurde, während der wirkliche Grund ihres Fortbestands die Treue dieser Veteranen zu den Castro Brüdern, zunächst zu Fidel und später zu Raúl ist.

 Die Natur hat, ihrem normalen Lauf folgend, dem Spiel scheinbar neue Regeln auferlegt, und so ist nun die Zeit der Ablösung gekommen. Dennoch gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass neue Gesichter auch einen politischen Übergang bedeuten. Genauer gesagt werden diejenigen, die sich als Andersdenkende präsentiert haben, nicht auf dieser kurzlebigen Kandidatenliste stehen, die im April – voraussichtlich einstimmig – durch das Parlament bestätigt werden wird.

 So wie im vergangenen Jahrhundert vor der Kamera gemahnt wurde „wer sich bewegt, ist später nicht auf dem Bild“, so wird jeder aussortiert werden, der Anzeichen eigener Ideen zeigt oder den Wunsch hat, während seiner Amtszeit Neues durchzusetzen. So wie es im Jahr 2009 bei Vizepräsident Carlos Lange und Außenminister Felipe Pérez Roque der Fall war; zwei junge aufstrebende Politiker, die aber wieder aus ihren Ämtern enthoben wurden.

 Wenn man schon von davon spricht, lohnt es sich auch den berühmten Satz „Und sie bewegt sich doch“ von Galileo Galilei anzuführen. Nachdem das Land sechs Jahrzehnte lang nicht nur von einem totalitären sondern auch von einem personalistischen Regime geführt wurde, werden diejenigen, die die Führung übernehmen dies als geschlossene Gruppe tun müssen, um frei handeln zu können. Denn nun fehlt eine Figur, die eine historische Abstammung, die Fähigkeit zu leiten und das Vertrauen der Führungsriege auf sich vereint.

 Beinahe 50 Jahre lang vereinte Fidel Castro die Macht der gesamten Insel unrechtmäßig auf sich; er tat dies nach Willen und Laune. In dieser Zeit existierten kaum Ministerräte und das Land wurde von der Tür eines sowjetischen Jeeps aus regiert, aus der sich der Máximo Lider lehnte und „klare Richtlinien“ vorgab. Seine allumfassende Macht erlaubte es ihm alles zu entscheiden, angefangen bei den Schuluniformen bis hin zur der Art und Weise, wie die Hausfrauen ihre Bohnen zubereiten sollten.

 Wenn Fidel an den Sitzungen des Parlaments teilnahm, war er der Einzige der redete und er tat dies unerbittlich und stundenlang, so dass er die Redezeit der mehr als 600 Abgeordneten für sich in Anspruch nahm. Er mischte sich in alle Ressorts ein, zwang allen Amtsbereichen seinen Willen auf und nahm den Institutionen jede Möglichkeit eigene Entscheidungen zu treffen. Fidel Castro regierte das Land mit der Spitze seines Zeigefingers, ohne dass sonst jemand den nationalen Kurs hätte beeinflussen können.

 Es gibt zahlreiche Erzählungen, die davon berichten wie er sich mit seinen direkten Untergebenen versammelte und diese beschimpfte und bedrohte wenn seine Wünsche nicht erfüllt werden konnten. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, um jeden Widerspruch zu ersticken, und Zustimmung oder Applaus waren die einzig möglichen Antworten darauf: „Ja, Fidel“, „Selbstverständlich Chef“, „Zu Befehl Kommandant“!

 

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Díaz-Canel ist vermutlich der Nachfolger des Präsidenten General Raúl Castro. (EFE)

Als Fidel Castro krank wurde und sich im Juli 2006 gezwungen sah, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen, machte es Raúl zu seiner Gewohnheit sich beraten zu lassen. Während der 10 Jahre seiner Präsidentschaft hielt er mehr Sitzungen des Ministerrats ab und berief mehr Vollversammlungen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) ein, als es im halben Jahrhundert vorher der Fall war.

 Dieser Hang zur Teamarbeit machte aus dem Jüngeren der Castros noch lange keinen Demokraten, vermittelte aber wenigstens den Eindruck, dass Raúl – obwohl er nicht darauf verzichtete seine Meinung durchzusetzen – in der Lage war Entscheidungen gemeinsam zu treffen – und sei es nur aus Notwendigkeit. Seine Rufe nach „bedächtigen“ und „allmählichen“ Veränderungen, um die wirtschaftliche Situation des Landes zu verbessern, verhalfen ihm zu einer Reputation, die zu der seines Bruders gegensätzlicher nicht hätte sein können. Fidel glich einem ungestümen Hurrikan; Raúl einem dünnen Nieselregen, der einen weder durchnässt noch erfrischt.

 Trotzdem war es an ihm, dem Jüngeren der Castros, das diplomatische Tauwetter mit den Vereinigten Staaten zu managen. Der Meilenstein seines Mandats, – und wofür er in die Geschichtsbücher eingehen wird – war nicht die herbeigesehnte demokratische Wende auf der Insel; er bestand nur darin, ein Dauerproblem mit dem Nachbarn im Norden geregelt zu haben – was für eine Ironie! Ein Erfolg, der sich in den letzten Monaten mit dem Einzug von Donald Trump ins Weiße Haus in Luft aufgelöst hat. Hinzu kam der Skandal der „akustischen Attacken“, unter denen US-Diplomaten in Havanna vermutlich zu leiden hatten.

 Zu allem Übel hat ihm auch der große Verbündete aus Venezuela seine letzten Tage im Amt erschwert. Der rapide Rückgang der Öllieferungen in Richtung Kuba, verbunden mit dem wachsenden Prestigeverslust der sogenannten „bolivarianischen Revolution“ und der Rücktritt von mehreren Alliierten in der Region haben bewirkt, dass das Szenario für Raúls „Abschied“ stark von seinen Vorstellungen abweichen könnte.

 Mitten in dieser verworrenen Situation gilt: alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft ruhen auf der Entscheidung, die man in der Stunde der Übergabe der Macht treffen wird. Obwohl die Regierung zu zeigen versucht, dass sie „alles und zwar wirklich alles unter Kontrolle hat“, hat ein Regierungssystem, das so sehr auf dem Willen eines Familienclans basiert, ernsthafte Probleme mit neuen Gesichtern. Ein dynastisches Regime kann man weder vererben noch übertragen; es überlebt nur wenn es einen Stammbaum hat.

 Von daher rühren die Spekulationen über den möglichen Aufstieg von Alejandro Castro Espín, dem Sohn des derzeitigen Präsidenten; eine zweifelhafte Figur, der man die Kontrolle über die Polizei zuschreibt oder die Leitung der gefürchteten Staatssicherheit. Trotz dieser Möglichkeit ist sein Vater in dem Wunsch gefangen zu zeigen, dass die staatlichen Institutionen Vorrang vor den Genen haben. Er weiß, dass die Ablösung durch einen Blutsverwandten ihn schützen würde, er weiß aber auch, dass er damit letztendlich die Geschichte der Revolution begraben wird, um so Nachdruck auf die Familiendynastie zu legen.

 Wer auch immer das höchste Amt im Staat übernehmen wird, er wird die Zustimmung von anderen suchen müssen, wird also unter den neugierigen Blicken von Dritten regieren. Es wird ihm nichts anderes übrig bleiben als zu diskutieren um einen Konsens zu erreichen, und das in einem Szenario, bei dem niemand mehr das Recht haben wird mit der Faust auf den Tisch zu hauen, geschweige denn mit einem drohenden Blick nachzufragen, ob irgendjemand anderer Meinung wäre.

Hat Miguel Díaz-Canel eine Zukunft?

 Es herrscht weiterhin große Unsicherheit, was den Namen des oder der Auserwählten betrifft, obgleich alles auf Miguel Díaz-Canel, den jetzigen Ersten Vizepräsidenten, hindeutet. Dieser mögliche Erbe, geboren 1960, ist ein typisches Produkt der politischen Kaderschmiede; jemand, der schon als Kleinkind am Euter der PCC nuckelte und mit der Parteilinie eng verbunden ist, ohne davon auch nur ein Jota abzuweichen.

 Den kubanischen „Thronfolger“ kann man als die graue Eminenz betrachten, ohne Charisma, ohne eigenen Willen, der das Image eines „weiter so“ vertritt. Er ist dank dieses Bilds von ihm dahin gekommen, wo er jetzt ist, und es ist wenig wahrscheinlich, dass aus ihm ein Michael Gorbachov oder ein Lenín Moreno wird, wenn er denn einmal auf dem Präsidentenstuhl Platz genommen hat. Falls doch, wird sein politischer Aufstieg Fragen und Verdächtigungen nach sich ziehen, die von Seiten der Opposition auf ihn herabregnen werden.

 Eine Gruppe von illegalen Abweichlern behauptet, dass „solange sich nicht das ändert, was sich ändern muss, hat sich nicht geändert.“ Der Machtwechsel wird also nur eine Inszenierung für den Rest der Welt sein, während sich in Bezug auf politische Unterdrückung und Mangel an Freiheiten nichts auch nur einen Millimeter bewegen wird.

 Diese Sicht der Dinge stützt sich auf die Tatsache, dass Raúl Castro der Erste Sekretärs der PCC bleiben wird; laut Verfassung die „richtungsweisende Kraft für Staat und Gesellschaft“. Wenngleich der Lauf der Natur darauf hindeutet, dass es wenig wahrscheinlich ist, dass Raúl dieses Amt bis zum achten Kongress der PCC im Jahr 2021 ausüben wird, wenn er dann beinahe ein Alter von 90 Jahren erreicht hat.

 In sozialistischen Ländern ist es Tradition das höchste Staats-und Parteiamt in einer Hand zu vereinen. Es ist somit mehr als absehbar, dass Raúl – ehe sein Mandat an der Spitze der politische Organisation zu Ende geht – einen außerordentlichen Kongress einberuft, um beide Mandate erneut zu vereinen.

 Es kann auch geschehen, dass – zum ersten Mal in den vergangenen Jahrzehnten – eine Person an die Spitze der PCC gewählt wird, verschieden von der, die das Amt anstrebt. Ein „Januskopf“, der das System schwächen würde und einen Autoritätsverlust zur Folge hätte.

 Begleitet von einem leichten Optimismus weniger, vom Misstrauen der Opposition und der Gleichgültigkeit der Bevölkerungsmehrheit, bleibt nur abzuwarten, welche Entscheidung im April getroffen wird. Ob sich der Tag als ein Wendepunkt erweist, oder nur als ein weiteres Kapitel im Buch „Mehr vom Bekannten“.

 Außer Frage steht wie schwierig es für die neue Regierung sein wird die Probleme zu lösen, die ihr die aktuelle Regierung hinterlassen hat. Vermutlich wird die Hauptschwierigkeit darin bestehen, unverzichtbare wirtschaftliche Reformen in Angriff zu nehmen und zugleich das Versprechen von Kontinuität zu halten; das sie beim Antritt ihres Amtes ablegen muss, als Zeichen einer obligatorischen Verbeugung.

 Noch schwieriger wird es für sie werden politische Änderungen anzustoßen. Vielleicht sollte sie sogar auf mögliche Neuwahlen hoffen, bei der sie – wenn alles gut geht – mit den Wahlplattformen anderer Kandidaten konfrontiert wird, mit Programmen von jenen möglichen Präsidenten, die heute verborgen auf Kuba leben und darauf hoffen, einen legalen Rahmen vorzufinden, der es ihnen dann erlaubt ihre Regierungsprogramme öffentlich zu vertreten.

           Übersetzung: Anja Seelmann, Dieter Schubert

 

Anmerkung der Übersetzer:
Dieser Artikel von Yoani Sánchez erschien im Januar 2018 in der Zeitschrift „Studien zur Außenpolitik“ ( Estudios de Politica Exterior). Es handelt sich dabei um eine private unabhängige Verlagsgruppe, die Analysen von internationalen Ereignissen publiziert.

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Mit “Doktor Schiwago” debütiert ein alter Bekannter auf Kuba

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Fotogramm aus dem Film „Doktor Schiwago“, nach dem gleichnamigen Roman von Boris Pasternak. (CC)

 

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YOANI SÁNCHEZ, La Habana | 25/01/2018

Das Buch war Teil der Privatsammlung eines Autors, der ins Exil aufbrach, und obwohl der Titel wenig attraktiv auf mich wirkte, versuchte ich mich an dem Werk – wohl gelangweilt inmitten der verlegerischen Dürre der 90er Jahre. In seinem Werk beschrieb der Autor ein Land, das ich zwar kannte, das aber nun ganz anders dargestellt wurde – turbulent, ungerecht und hart. Doktor Schiwago geriet mir in die Hände, als die Sowjetunion schon nicht mehr existierte und bot mir teilweise Antworten, um diesen Niedergang zu erklären.

 Ein Vierteljahrhundert später hat das kubanische Fernsehen endlich den bekannten Film gezeigt, der auf dem gleichnamigen Roman basiert und bei dem der britische Regisseur David Lean Regie führte. Der Film – der bereits im Jahr 1965 in die Kinos kam – war bisher von den Bildschirmen der Insel verbannt. Vergangenen 22.Januar wurde er nun gezeigt, jedoch erst nachdem der Moderator des Programms auf die „ideologischen Verzerrungen“ des Streifens hingewiesen hatte.

 Eine unnötige Klarstellung, da die Geschichte von Juri Schiwago dank der unfehlbaren Formel „es gibt nichts Verlockenderes als das Verbotene“ auf dieser Insel sehr bekannt ist. Jahrzehntelang ging das von Boris Pasternak verfasste Werk reihum – wobei es mit einer Ausgabe der langweiligen Staatszeitung Granma umwickelt wurde, um neugierige Blicke zu vermeiden, oder – in den letzten Jahren – in jener spröden digitalen Form, die die Gedankenpolizei auf einfache Art und Weise austrickste.

Der Film – der bereits im Jahr 1965 in die Kinos kam – war bisher von den Bildschirmen der Insel verbannt. Vergangenen Januar wurde er nun gezeigt – jedoch erst nachdem die Zuschauer auf die „ideologischen Verzerrungen“ des Streifens hingewiesen wurden.

Im Gegensatz zu George Orwells Werk „1984“ wurde Doktor Schiwago nicht verbannt weil im Werk eine totalitäre Zukunft prophezeit wurde, die in vielen Punkten mit unserem sozialistischen Kuba übereinstimmte, sondern weil der Roman eine Vergangenheit beschrieb, die für diejenigen unangenehm war, die Russland als ein Land darstellen wollten, in dem das Proletariat den Gipfel der Gleichberechtigung, Kameradschaftlichkeit und Gerechtigkeit erreicht hatte.

Statt dieser starren Sicht der Dinge, wie sie in kubanischen Schulen vermittelt wurde, konzentrierte sich das Werk Pasternaks auf ein gepeinigtes Individuum, das von sozialen Schwankungen erschüttert wurde und daher mehr darum besorgt war, unverletzt aus diesen Umständen zu gelangen, als sich für eine Sache aufzuopfern – ein Antiheld, weit weg vom „neuen Menschen“ und dem sowjetischem Ideal.

 Die Zwischenfälle, denen das Buch aus dem Weg zu gehen hatte, waren ein Argument für diejenigen, die die Zensur bei den Verlagen der Insel vorantrieben. Die Publikation 1957 in Italien, der Nobelpreis, den Pasternak für das Werk erhielt, sowie der offizielle Druck, der ihn dazu brachte diese Auszeichnung abzulehnen – all diese Faktoren trugen dazu bei, dass den Kubanern diese Lektüre verwehrt blieb.

 Statt dieser starren Sicht der Dinge, wie sie in kubanischen Schulen vermittelt wurde, konzentrierte sich das Werk Pasternaks auf ein gepeinigtes Individuum, das von sozialen Schwankungen erschüttert wurde.

In den ehemals kommunistischen Ländern bedeutete “Kameradschaft” genau das: Ein in sozialistisch geprägten Ländern zensierter Autor wurde auch gleichzeitig auf die schwarze Liste der Länder gesetzt, die dem Kreml nahestanden. Hierbei durfte Havanna natürlich nicht fehlen und blieb der „Stiefmutter Russland“ treu, sodass den Bürgern ein anthologisches Werk des 20.Jahrhunderts vorenthalten wurde.

 Der Roman wurde auf Kuba nicht nur aus ideologischer Komplizenschaft mit dem Land zensiert, das alle finanziellen Extravaganzen Fidel Castros unterstützte, sondern auch weil die große Oktoberrevolution auf seinen Seiten schlecht wegkam, als ein Gemenge aus Denunzianten, Polizisten, Druck und Lügen jeglicher Art. Ein erstickendes Szenario, in dem das Individuum seine Privatsphäre bzw. sein „Ich“ kaum zu schützen vermochte.

 Man sagt, dass Nikita Chruschtschow, als er 1964 die Macht abgeben musste den Roman Pasternaks las und danach zugab: „Wir hätten ihn nicht verbieten dürfen. Ich hätte ihn lesen sollen, es gibt darin nichts Antisowjetisches.“

 Die kubanischen Zensoren haben sich trotz alledem nicht entschuldigt – es scheint auch nicht so, als ob es nötig gewesen wäre. Die Geschichte hat selbst für einen Paukenschlag gesorgt, denn das Land, das man vor vermeintlichen Verleumdungen des Schriftstellers zu schützen versuchte, gibt es seit drei Jahrzehnten nicht mehr; Doktor Schiwago dagegen ist immer noch ein erschütternder und unvergesslicher Roman.

         Übersetzung: Berte Fleißig


 

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Ein Brief an eine bedrohte Journalistin

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Die Polizei bot Luz Escobar eine bessere Behandlung an, wenn sie kollaborieren würde, sodass die Regierung die Leitlinien der Redaktion von 14ymedio beeinflussen könnte. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ, La Habana | 17. Januar 2018  

In der polizeilichen Befragung diesen Montag haben dir Agenten der Staatssicherheit in all ihrer Dreistigkeit gezeigt, wer sie wirklich sind, was sich hinter den Reden über angeblich revolutionäre Ethik und Verteidigung der Heimat verbirgt. In Wirklichkeit sind sie Mafiosi in Anzügen, die mit den schlimmsten Methoden im Stil der Camorra vorgehen.

Sie haben dich bedroht, dich davor gewarnt, dass die Menschen, die dir nahestehen dafür bezahlen würden; sie haben sogar von dir verlangt, dass du überläufst und deine Kollegen verrätst. All das taten sie mit dem einzigen ihnen bekannten Mittel: Unterdrückung.

Dein Leben wird von jetzt an schwieriger werden. Viele Freunde werden dich nicht mehr anrufen, andere werden die Straßenseite wechseln sobald sie dich sehen. Dutzende von Bekannten werden sagen, du seist verrückt geworden oder man habe dich einer Gehirnwäsche unterzogen und du sollest aufhören zu schreiben. Einige Verwandte werden dir sagen, du solltest an deine Kinder denken, während der Ring um dein Haus, dein Viertel und deine Person erstickend eng wird.

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Luz, dir ist ein „Privileg“ zuteil geworden: du hast das wahre Gesicht hinter der Maske des Fantômas gesehen. (14ymedio)

Sie selbst, mit dem für sie typischen Missbrauch der Macht, werden das Gerücht in die Welt setzen, du seist eine „Söldnerin“ oder würdest – im schlimmsten Fall – für den „Apparat“ als Geheimagentin arbeiten. Das Misstrauen wird deine Arbeit wie eine Mauer umgeben. Diese Diffamations- und Verteufelungstaktik wird in jedes Detail deiner Existenz eindringen, angefangen mit der Person, die an deine Tür klopft, um dir etwas Milch zu verkaufen, bis hin zu dem Satz, den die Lehrerin im Klassenzimmer deiner Kinder sagt.

Dennoch wirst du von nun an eine merkwürdige Leichtigkeit verspüren, als hätte man dir eine jahrelange Last von den Schultern genommen. Sie haben dir ohne es zu wollen den besten Grund dafür gegeben weiter als Journalistin zu arbeiten, da sie dir gezeigt haben, dass „dort oben“ kein Funke Respekt gegenüber den Bürgern übrig geblieben ist, keine Ethik, Moral, Ehrlichkeit, Integrität… und noch viel weniger MUT. Von dem besitzt du Unmengen.

           Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkung der Übersetzerin:

*) Hauptfigur einer französischen Serie von Kriminalromanen von Pierre Souvestre und Marcel Allain. Fantômas ist ein Verwandlungskünstler und skrupelloser Mörder, der sich der geltenden Gesellschaftsordnung widersetzt.


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Das Scheitern von Raúl Castro

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Raúl Castro in einer seiner seltenen Pressekonferenzen. (EFE)

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 CARLOS A. MONTANER, Miami | 24. Dezember 2017 

Raúl Castro hat angekündigt, dass er seinen Rücktritt als Präsident verschieben wird. Es wird nicht der 24. Februar 2018 sein, sondern der 19. April. Der Diktator führt an, dass die immensen Schäden des Hurrikans Irma der Grund dafür seien. Auf Kuba glaubt das fast niemand. Ein Gerücht, das auf der Insel zirkuliert, behauptet, dass die Umgebung des Generals ein großes Unbehagen bei dem Gedanken an den Ingenieur Díaz-Canel verspürt, dem ersten Vizepräsidenten und designierten Nachfolger. Obwohl es dazu keine offensichtlichen Anzeichen gibt, scheinen einige Mitglieder der „ersten Familie“ in Díaz-Canel einen Krypto-Reformer zu sehen. Ich, ehrlich gesagt, bezweifle das.

Einige von Raúls Kindern und deren Angehörige bevorzugen den Kanzler Bruno Rodríguez. Der gefällt ihnen besser. Er ist eloquenter. Nach der Rede, die Barack Obama in Havanna hielt, kritisierte er ihn heftig. Rodríguez zufolge wäre er derselbe Hund wie immer, wenn auch mit einem anderen Halsband. Obama wolle die Revolution vernichten, wenn auch mit andere Mitteln. Der Kanzler sagte genau das, was Raúl Castro dachte und vor allem sein Sohn Alejandro Castro Espín.

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Wenig später ließ Díaz-Canel ein Video durchsickern, in dem er sich als karibischer Stalin präsentierte: hart, rigoros, Kommunist ohne wenn und aber, unnachsichtig gegen Dissidenten. Wie man mir sagt, richtete sich das Video an die mächtige Familie, um sie davon zu überzeugen, dass man ihm vertrauen könne. Er versicherte, dass es in seinem Charakter nicht den geringsten reformistischen Zug gäbe. Das Video zirkulierte ausgiebig; es gab aber nur wenige Adressaten und alle gehörten dem innersten Kreis der Macht an.

Raúl Castro wird die kubanische Präsidentschaft in einer viel schlechteren Situation aufgeben, als er sie übernommen hat. Seine Führung war ein absoluter Misserfolg. Damals lebte Chávez noch und die Erdölförderung war für die Kubaner ein großes Geschäft. Sie plünderten Venezuela erbarmungslos aus. Die Diebe in beiden Ländern rauften sich zusammen, um sogar ausrangiertes Material zu stehlen. Kuba gelang es Bohrplattformen für die Erdölproduktion an Venezuela zu vermieten, die im Maracaibo-See in Betrieb gingen – ein Geschäft zum gegenseitigen Nutzen. Die Rechnung verdoppelte die tatsächlichen Kosten. Den Gewinn – eine halbe Million Dollar pro Tag – teilten sich die Banditen in beiden Ländern.

In Raúls Kuba gibt es weiterhin zwei Währungen. Kubanische Arbeiter erhalten ihren Lohn in einer unbrauchbaren Währung (CUP), müssen aber für alles was von Wert ist mit Dollar bezahlen. Raúl war nicht fähig dieses ernste Problem zu lösen. Er vermochte es nicht einmal die Milchproduktion zu erhöhen, sodass ältere Kinder ein Glas Milch trinken können, wenn ihnen danach zumute ist. Das große Problem der staatlichen Planwirtschaft ist die hartnäckige Unproduktivität, die sie erzeugt.

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Das Land ist seit vielen Jahren ein Desaster an Unterversorgung, Schmutz und Schutt und einer wachsenden Armut. Die Geschichte von einer glorreichen und vielseitigen medizinischen Versorgung glauben nur ahnungslose Sympathisanten, dasselbe gilt für das Bildungssystem. Keine kubanische Universität findet sich unter den ersten 400 weltweit. Die Regierung lehnt vergleichende internationale Wissenstests (PISA) ab, weil sie weiß, dass ihre Studenten auf den hintersten Plätzen landen würden.

Woraus besteht nun eigentlich das kubanische Modell? Es gibt „außergewöhnliche“ Polizisten. Sie unterdrücken und überwachen wie sonst niemand. Dies ist das traurige Erbe, das Kuba an Venezuela weitergegeben hat. Sie haben es vom KGB und von der Stasi gelernt, aber sie haben ihre Lehrmeister übertroffen. Die Staatsmacht stützt sich auf die Staatssicherheit. Die Regierung verfügt über mehrere repressive Ringe. Den auffälligsten, aber auch elementarsten, bildet die Polizei mit Dienstmarke und Schlagstock. Der effizienteste ist der Geheimdienst. Es gibt Zehntausende, die damit beschäftigt sind, das Leben von anderen zu kontrollieren, ihre Gespräche mitzuhören, ihre Pläne scheitern zu lassen, Gerüchte zu verbreiten oder sie zu ersticken.

Diese totale Bürokratie ist sehr teuer. Die Regierung, die Partei, die Organe der Staatssicherheit und die Armee beanspruchen den Löwenanteil des Haushalts. Deswegen fallen sie nicht; aber deswegen kommen Gesellschaften mit solchen Systemen wirtschaftlich auch nicht voran; sie alle zeigen die gleichen Symptome von Elend und Hoffnungslosigkeit. Raúl Castro weiß das, aber er ist nicht bereit daran etwas zu ändern. Er sagte es als sein Bruder krank wurde; er wiederholte es als Fidel am 25. November 2016 starb. Er ist nicht an die Macht gekommen, um den Kommunismus zu beerdigen. Er kam an die Macht um zu scheitern – wie sein Bruder.

         Übersetzung: Dieter Schubert

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Ein Leben mit Zahlen

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Ein Obst-und Gemüsemarkt in Havanna

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 7. Dezember 2017  

Auf dem Markt kommt sie ins Grübeln. Meine Mutter beurteilt weder die Größe der Tomaten noch die Qualität der Paprikaschoten; sie löst Rechenaufgaben, mathematische Operationen mit reichlich Subtraktion und Division. Mit ihrer monatlichen Rente von 250 CUP (etwa 8 Euro) darf sie keinen einzigen Centavo aus den Augen verlieren und sie ist eine Expertin in solchen täglichen Rechenaufgaben.

Die Lebenshaltungskosten verbinden den Wert von Gütern mit der Lebensqualität; für den Großteil der kubanischen Rentner ist es eine Gleichung, deren Lösung jeden Tag eine größere Zahl wird. Die, die solche Steigerungen am schlechtesten aushalten, sind jene, die weder Hilfe noch Überweisungen (aus dem Ausland) erhalten, oder – wegen schlechter Gesundheit – keiner Nebentätigkeit nachgehen können, wie Zigarren auf der Straße zu verkaufen.

In den Läden und Markthallen erkennt man sie am Blick. Es sind die, die aufmerksamer als andere auf das Brettchen mit den Preisen schauen und dabei nur ein paar Münzen in ihren Händen halten. Oft tragen sie Kleidung, die mindestens zwanzig Jahre alt ist, und so lange ist auch schon das Lächeln aus ihren Augen verschwunden. Sie warten darauf, dass es Nachmittag wird, um ein paar im Preis herabgesetzte Produkte zu ergattern.

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Die Tomaten bilden die Zahl 5, die Paprikaschoten eine 19 und die kleinen Cachucas zum Würzen der Bohnen fügen sich zu einer skandalösen 16 zusammen. (14ymedio)

 

Während des ganzen Tages rechnen sie; sie leben mit Ziffern und Zahlen. Wenn sie ihre Einkaufstasche leeren, dann schieben sich die 19 CUP, die das Pfund Paprika gekostet hat, zwischen ihre Augen und der Ware. Die Tomaten bilden eine 5, die Paprikaschoten eine 19  und die kleinen Cachucas zum Würzen der Bohnen fügen sich zu einer skandalösen 16 zusammen.

Bei einem einzigen Marktbesuch geben Rentnerinnen, wie meine Mutter, den siebten Teil ihrer Rente aus. Zahlen lügen nicht; hier liegen sie auf einem Tisch, um daran zu erinnern.

       Übersetzung: Dieter Schubert

 

Wir, das Übersetzerteam von 14ymedio, wünschen den Lesern unserer Seite ein glückliches und erfolgreiches Neues Jahr 2018.

Anja, Berte, Eva, Lena, Nina und Dieter

 

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Ethische Lähmungen, der traurige Fall des Ignacio Ramonet

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An der gleichen Universität, an der Ramonet (rechts) am Dienstag sein Buch vorstellte, wurde vor einigen Monaten eine Journalismusstudentin wegen ihrer Verbindung zu einer unabhängigen Oppositionsgruppe verwiesen. (UCLV)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 23. November 2017  Als 2006 das Interview von Ignacio Ramonet* mit Fidel Castro veröffentlicht wurde, ließen sich viele Bürger die Gelegenheit nicht entgehen, sich über den Titel lustig zu machen. „Warum sollten wir ‚Hundert Stunden mit Fidel**‘ lesen, wenn wir unser ganzes Leben mit ihm verbracht haben?“, war auf der Straße zu hören, doch der Journalist hat nicht einmal Notiz davon genommen.

Jenes Buch, das durch seinen ausgeprägten journalistischen Sanftmut als eine Autobiografie des „Máximo Líders“ eingestuft werden kann, erntete mehr als nur Gelächter. Der Autor wurde auch mit Anschuldigungen überhäuft, dass er mittels „Kopieren und Einfügen“ den Inhalt alter Reden von Fidel Castro für die Antworten hergenommen habe.

Ohne eine überzeugende Erklärung zu solchen Fragen abgegeben zu haben, ist Ramonet nun mit einem weiteren Buch zurückgekehrt, für das er diese Woche an mehreren Universitäten auf der Insel warb. Dieser Band trägt ebenfalls einen jener Titel, die ein spöttisches Lächeln auslösen: Das Imperium der Überwachung (Originaltitel: El imperio de la vigilancia).

Am vergangenen Dienstag hielt der Professor für Kommunikationstheorie an der Zentraluniversität Marta Abreu de Las Villas eine Ansprache im Rahmen der Präsentation des Buches, das im José Martí Verlag veröffentlicht wurde. Es wurde eine bittere Schmährede gegen das globale Überwachungsnetz, das die Vereinigten Staaten geknüpft haben, um an Informationen über Bürger, Gruppen und Regierungen zu kommen.

 Ramonet leidet unter einer ethischen Lähmung, wenn es darum geht, Verantwortung zu verteilen und anderen Regierungen aufzuzeigen, dass sie jeden Tag in die Privatsphäre ihrer Bürger eindringen.

Das Buch legt besonderen Nachdruck auf die Komplizenschaft von Unternehmen, die die Nutzerdaten verwalten, um sie in das Spionagenetz der kommerziellen Interessen, der Kontrolle und Unterordnung einzufügen. Ein Netz, in dem die moderne Gesellschaft gefangen ist und aus dem man sich dringend befreien soll, so die Analyse des Professors.

Bis dahin unterscheidet es sich nicht von dem, was so viele Cyberaktivisten auf der ganzen Welt anprangern, aber Ramonet leidet unter einer ethischen Lähmung, wenn es darum geht, Verantwortung zu verteilen und anderen Regierungen aufzuzeigen, dass sie jeden Tag in die Privatsphäre ihrer Bürger eindringen.

Die Tatsache, dass Ramonet in so ein „orwellianisches“ Land wie Kuba gereist ist, um mit dem Finger auf Washington zu zeigen, ist ein Beweis für seinen unhaltbaren Standpunkt, wenn es darum geht, Themen zu behandeln, wie „Big Data“, die Legalisierung von Web-Überwachung und die Sammlung von Benutzerdaten, um Verhalten vorherzusagen oder Produkte zu verkaufen.

Die Insel, auf der die Staatssicherheit (in diesem Fall der „Big Brother“) über jedes Detail im Lebens von Einzelpersonen wacht, ist nicht der beste Ort, um über indiskrete Augen zu sprechen, die die Emails anderer lesen, auch nicht über Polizeibeamte, die jede Information überwachen, die das Netz durchquert, und über Daten, die von Regierungsbeamten abgefangen werden, um damit Menschen zu unterdrücken.

Die Regierung dieser Nation, die von ihrem Sitz auf der „Plaza de la Revolución“ aus eine strenge Kontrolle über die Informationen aufrechterhält und nur die öffentliche Verbreitung von wohlwollend gesinnten Reden zulässt, müsste eigentlich zu den Regimen gehören, die Ramonet in seinem Buch anprangert. Seltsamerweise gibt es aber für den Journalisten „schlechte“ und „gute“ Überwachungen, und in letztere scheint diejenige zu fallen, die von der kubanischen Regierung durchgeführt wird. 

Die Regierung dieser Nation, die von ihrem Sitz auf der „Plaza de la Revolución“ aus eine strenge Kontrolle über die Informationen aufrechterhält, müsste eigentlich zu den Regimen gehören, die Ramonet in seinem Buch anprangert.

An der gleichen Universität, an der Ramonet am Dienstag sein Buch vorstellte, wurde vor einigen Monaten eine Journalismusstudentin wegen ihrer Verbindung zu einer unabhängigen Oppositionsgruppe verwiesen. Das Imperium der Überwachung reagierte nicht halbherzig und mit der Hilfe einiger Studenten und Studentenführer, die zur Komplizenschaft gezwungen wurden, warf man sie aus der Uni.

Wenige Tage später starteten die Cyberpolizisten, die diese Kontrollarmee bilden, eine Verleumdungskampagne gegen die junge Frau in den sozialen Netzwerken. Sie benutzten Informationen aus ihren Emails, Telefonaten und sogar privaten Gesprächen, um sie zu verunglimpfen. Unser „Big Brother“ handelte ohne Rücksicht auf Verluste.

Vor einigen Jahren zeigte das nationale Fernsehen den Inhalt mehrerer privater Emails, die aus dem persönlichen Account einer Oppositionellen gestohlen wurden. All dies geschah ohne richterliche Anordnung, ohne dass die Dame etwa wegen eines Verbrechens strafrechtlich verfolgt wurde und natürlich ohne bei Google die Freigabe der Emails beantragt zu haben, deren Inhalt vermutlich veröffentlicht werden sollte.

Ramonet kann nicht ignorieren, dass das kubanische Telekommunikationsunternehmen Etecsa einen strengen Filter für jede von ihren Kunden gesendete Textnachricht einsetzt. Das staatliche Monopol zensiert Wörter wie „Diktatur“ und den Namen von Oppositionsführern. Obwohl die Nachrichten kostenpflichtig sind, erreichen sie nie ihr Ziel.

Der ehemalige Direktor von ‚Le Monde Diplomatique‘ ist eben auch nicht in eine Wifi-Zone gegangen, um auf eine dieser Websites zuzugreifen, die die Regierung nach jahrelangem Druck durch die Bürger geöffnet hat

Der ehemalige Direktor von Le Monde Diplomatique ist eben auch nicht in eine Wifi-Zone gegangen, um auf eine dieser Websites zuzugreifen, die die Regierung nach jahrelangem Druck durch die Bürger geöffnet hat. Wäre er in solch einer Wifi-Zone gewesen, wüsste er, dass das chinesische Firewall-Modell auf dieser Insel kopiert wurde, um unzählige Seiten zu zensieren.

Weiß Ramonet, dass eine große Anzahl kubanischer Internetnutzer anonyme Proxies nicht nur für den Zugriff auf diese gefilterten Websites verwendet, sondern auch, um ihre privaten Informationen vor dem indiskreten Auge des Staates zu schützen? Hat er bemerkt, dass die Stimmen der Leute leiser werden, um über Politik zu sprechen, dass sie verbotene Bücher einbinden oder den Computerbildschirm mit ihren Körpern bedecken, wenn sie eine blockierte Zeitung wie 14ymedio besuchen?

Hat er sich über die Vereinbarung zwischen Havanna und Moskau gewundert, in Kuba ein Zentrum unter dem Namen InvGuard zu eröffnen, das ein angebliches Schutzsystem gegen Angriffe auf Netzwerke einführen soll? Gerade jetzt wo der Kreml beschuldigt wird, über das Internet manipuliert zu haben, vom Brexit über die katalanische Krise bis hin zu den US-Wahlen.

Keine dieser Antworten wird der Leser in Ignacio Ramonets jüngstem Buch finden können, denn genauso wie jene Autobiografie von Fidel Castro, die versuchte als Interview durchzugehen, kann dieses Buch von den Kubanern schon allein aufgrund seines Titels allein in Frage gestellt werden: Warum sollte man Das Imperium der Überwachung lesen, wenn man sein ganzes Leben lang unter seiner Herrschaft gestanden hat?

Anmerkung der Übersetzerin:

*Ignacio Ramonet, geb. 1943 in Redondela, Spanien, ist ein spanischer Journalist, der in Paris lebt. Er ist Ehrenpräsident der ATTAC-Bewegung. Von 1991 bis 2008 war er Direktor der französischen Ausgabe von Le Monde Diplomatique, jetzt leitet er die spanischsprachige Ausgabe dieser Zeitung.

**100 Horas con Fidel (100 Stunden mit Fidel) ist auf Deutsch erschienen unter dem Namen: Mein Leben | Fidel Castro, Ignacio Ramonet, Barbara Köhler (Übersetzerin).

Übersetzung: Nina Beyerlein

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Von der Kunst Künstler in „Feinde“ zu verwandeln

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Der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara auf einer Parkbank in Havanna. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 10.November 2017

Er kritzelte etwas auf eine Mauer und sie steckten ihn mehrere Monate ins Gefängnis; er gründete eine oppositionelle Partei und sie klagten ihn an ein paar Sack Zement gekauft zu haben; er eröffnete ein unabhängiges Pressemedium und sie beschuldigten ihn des Vaterlandsverrats. Jeder Schritt in die Freiheit endete mit einer unverhältnismäßigen Unterdrückung, die sich nur mit der Angst erklären lässt, die die Bürokratie vor ihren eigenen Bürgern hat.

Der Fall des Künstlers Luis Manuel Otero Alcántara hat wieder einmal die Furcht gezeigt, die in den „höheren Sphären“ herrscht und vor allem bei dem ausartet, der aus dem zugewiesenen Pferch ausbrechen will. Die Polizei, die am vergangenen Montag auf der Suche nach belastendem Material in sein Haus eindrang, ist ausführendes Organ einer strafenden Politik, die systematisch gegen Kritiker des Systems vorgeht.

Die Säcke mit Baumaterial sind nur ein Vorwand, um Otero Alcántara „die Marterwerkzeuge zu zeigen“ und ihn in ein endloses juristisches Verfahren zu verwickeln. Was jetzt kommt läuft ab wie ein bekannter Film: ein schnelles Urteil, eine Strafe, mit der man ihn solange aus dem Verkehr ziehen kann, bis das Datum seiner unabhängigen Kunst-Aktion Bienal 00*) verstrichen ist –  und inzwischen flüstert ihm ein „guter Polizist “ ins Ohr, wie vorteilhaft es doch wäre zu emigrieren, um all dem Durcheinander zu entkommen.

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Otero Alcántara kurz nachdem er gegen Kaution aus dem Gefängnis freikam. (14ymedio)

Der Künstler verspürt alle Arten von Druck am eigenen Leib. Auf der einen Seite sagt ihm die Staatssicherheit, dass sein Aufruf zur Bienal 00 eine Provokation sei, die man nicht dulden könne; andererseits werden sich die Vereinigten Kubanischen Künstler von seinen Vorschlägen distanzieren. Einige von denen, die zunächst zugestimmt hatten am Kunst-Event teilzunehmen, werden E-Mails nicht mehr beantworten oder ihm mitteilen, dass sie unvorhersehbar verreisen mussten.

Andere werden ihn beschuldigen, dass er nur auf sich aufmerksam machen wollte; wieder andere werden ihm sagen, dass er den offiziellen Weg hätte gehen können, anstatt sich darauf zu stürzen einen parallelen Event zu organisieren. Es wird auch welche geben, die ihm vorwerfen, die rote Linie zwischen Kunst und Aktivismus überschritten zu haben und sich in die Politik zu drängen. Sarkastische Mitmenschen werden ihm jetzt zuflüstern, dass er sein Gesicht im nächsten „Game of Thrones“-Video zeigen könne, wenn er es denn von den „Kandidaten für die kubanische Präsidentschaft“ machen möchte.

Dennoch wird auch Solidarität auf ihn herabregnen und zwar von denen, die in den letzten Tagen auf die Verhaftung des Autors von „Wo ist Mella?“ (¿Dónde está Mella?) gewartet haben, eine Performance, die im alten „Manzana de Gómez„**) stattfand. Alcántaras Fall wird helfen der Welt zu zeigen, dass die Regierung von Raúl Castro den gleichen modus operandi anwendet, um Oppositionelle, Künstler und Journalisten zu attackieren.

Der Bürokratie ist es egal, ob ein Wagemutiger die Verletzung von Menschenrechten öffentlich macht, dabei mit Metaphern arbeitet oder Informationen hinterfragt. Von da an aufwärts – wer nicht Befehlen folgt verdient nur ein Wort: Feind. Luis Manuel Otero Alcántara ist jetzt für sie in dieser Kategorie.

          Übersetzung: Dieter Schubert

 

Anmerkungen des Übersetzers:

Bienal 00*) „Die Biennale der Menschen, die Biennale der Künstler“; mit diesem Aufruf hat Otero Alcántara sein Projekt Bienal 00 gestartet, um die 13.Biennale in Havanna zu ersetzen, die für 2018 vorgesehen war und auf Befehl der Regierung auf 2019 verschoben wurde.

Das „Manzana de Gómez“**) ist ein historisches Gebäude aus dem 20. Jahrhundert im Zentrum von Havanna, das 2017 als „Gran Hotel Manzana Kempinski“ wiedereröffnet wurde.