Revolutionäre „Gerechtigkeit“

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Zwei Frauen steigen in Havanna in ein Sammeltaxi („Almendrón). (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 28. Februar 2017  Die Entfernung zwischen dem Kapitol in Havanna und der Sportstadt ist immer noch dieselbe, aber trotzdem scheint sie sich verändert zu haben. Mit den Höchstpreisen, die die Stadtverwaltung für private Taxifahrten angeordnet hat, ist diese Strecke wesentlich größer geworden, und ausweichen ist schwierig. Wo man früher 5 bis 15 Minuten warten musste, um in ein Oldtimer-Sammeltaxi („Almendrón“*) einzusteigen, wartet man jetzt eine halbe Stunde.

So weit, so schlecht. Wer sich jetzt die Hände reibt, weil der Preis für eine Fahrt jetzt niedriger ist, sollte begreifen, dass mit dem Eingreifen des Staates ein fragiles Gefüge durcheinander geraten ist, in dem Angebot und Nachfrage regierte. Als Zeichen des Protests reduzieren die privaten Taxifahrer („boteros“ genannt) ihre Fahrten, und viele bleiben zu Hause und denken darüber nach, ob es sich überhaupt noch lohnt, so viele Stunden hinter dem Steuer zu verbringen, wenn man damit immer weniger verdient.

Der Schaden trifft uns alle. Den Neureichen, der ein Restaurant betreibt; die Ärztin, die in ein Krankenhaus kommen muss; den alten Mann, der zu seinem regelmäßigen Gesundheitscheck fährt und den Studenten, der seine Centavos zählt, mit denen er bis Monatsende auskommen muss. Für eine soziale Klasse, die zwischen 10 und 20 Pesos** für eine Fahrt bezahlen kann, ist dies kein Tritt gegen das Schienbein. Für alle aber, die bei irgendeiner Gelegenheit oder auch nur sporadisch dieses Transportmittel benutzen, ist es ein schwerer Schlag.

Die offizielle Propaganda legt sich mit den Beschäftigten des privaten Sektors an; sie kuscht aber vor einem „ausbeuterischen“ Staat, der solche Hungerlöhne bezahlt.

Wie vielen anderen Einschränkungen bei „revolutionären“ Prozessen, so haftet auch dieser Maßnahme ein „Geruch“ von falscher Gerechtigkeit an – und ein Nimbus von angeblichem Egalitarismus. Die offizielle Propaganda legt sich mit den Beschäftigten des privaten Sektors an, wo die „boteros“ für eine Fahrt einen halben Tagelohn verlangen; sie kuscht aber vor einem „ausbeuterischen“ Staat, der solche Hungerlöhne* bezahlt.

In TV-Reportagen werden Passanten angesprochen, um den Moment einzufangen wenn sie sagen „das war ein Missbrauch, der nicht so weiter gehen konnte“ oder „jetzt sind die Preise näher am Geldbeutel“. Man schweigt aber zu den Regalen in den staatlichen Läden, wo ein Liter Olivenöl einen Zweitageslohn kostet und ein Kilo Huhn so viel wert ist, wie eine Woche harte Arbeit.

Werden sie Höchstpreise auch für diese Märkte einführen? Wird sich die Stadtverwaltung mit dem Vertriebsnetz der Einzelhändler anlegen, wo ein Vater einen halben Monatslohn hinlegen muss, wenn er seinem Sohn ein Paar Schuhe kaufen will? Die revolutionäre Gerechtigkeit ist in diesen Fällen einäugig, sie sieht nur das, was ihr taugt.

Anm. des Übersetzers

* “Almendrón“ werden auf Kuba die historischen Fahrzeuge genannt (z. B. Mercury, Ford, Chevrolets oder Cadillacs), die vor dem Jahr 1960 gebaut wurden (vor dem US-Embargo). Ungefähr 75.000 dieser Fahrzeuge wurden zwischen den Jahren 1920 – 1950 in den USA hergestellt und verkehren noch heute auf den Straßen Kubas, meist als Taxis.

** Der Text erwähnt einen (spartenabhängigen) Tageslohn von 20 bis 40 CUP (kubanische Pesos); aktuell sind das etwa 20 bis 40 Eurocent.

Übersetzung: Dieter Schubert

Für Kubaner, die in Mexico gestrandet sind, gibt es nur eine Gewissheit: Zurückkehren ist keine Option.

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Kubanische Migranten in der Auffangstation Siglo XXI in Tapachula, Chiapas, Mexiko (EFE)

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JUAN ALBERTO CEDILLO | Nuevo Laredo (Mexico) | 31. Januar   (EFE).- In der mexikanischen Grenzstadt Nuevo Laredo treffen sich jeden Tag mehrere Dutzend Kubaner vor der Internationalen Brücke Las Américas, die den Rio Grande überquert. Hinter ihnen liegt eine Odyssee durch 10 Länder, ohne zu wissen, ob sie ihr Ziel in den Vereinigten Staaten je erreichen, aber sie sind davon überzeugt, dass es für sie „keine Option ist“, in ihr Land zurückzukehren

Am letzten Wochenende kamen Kubaner wie gehabt in Gruppen; jetzt sind es mehr als 400. Sie kamen in Heimen für Migranten unter, die von verschiedenen Kirchen unterhalten werden, die traditionell den Menschen aus Mittelamerika Unterkunft gewähren, die illegal über die Grenze wollen.

Jeden Tag treffen sie sich an der Kreuzung Vicente-Guerro-Straße und Boulevard des 15. Juni, nur ein paar Schritte von Laredo (Texas) entfernt und sie hoffen auf die Nachricht, dass sich die Grenze für sie wieder öffnet.

Die Mehrzahl hat Kuba mit einem Touristenvisum für Guyana und einer Hin-und Rückfahrkarte verlassen, was sie etwa 240 Dollar kostete. Sie verkauften alles was sie hatten, um ihre Überfahrt zu finanzieren und um unterwegs diverse die Schlepper, „Kojoten“ genannt,  zu bezahlen.

Wir sind schon 16 Tage hier und das mexikanische Amt für Migration hat uns nie belästigt“, erklärt Yamira Gonzáles der spanischen Nachrichtenagentur EFE; sie verließ Kuba zusammen mit ihrer Schwester und ihrem minderjährigen Sohn.

Señora González sagt, dass die lokalen Behörden medizinischen Beistand anbieten würden und wissen wollten, ob es unter ihnen Personen mit chronischen Krankheiten gebe, um ihnen mit Medikamenten zu helfen.“Außerdem bieten sie uns eine „Regulierung“** an, bis sich die Situation mit der USA klärt“, fügt sie an.

Die Meisten haben Kuba mit einem Touristenvisum für Guyana und einer Hin- und Rückfahrkarte verlassen, was sie etwa 240 Dollar kostete. Sie verkauften alles was sie hatten, um ihre Überfahrt zu finanzieren und um unterwegs diverse Schlepper, „Kojoten“ genannt, zu bezahlen. Bei ihrer Odyssee mussten sie heil durch 10 unsichere Länder kommen, gefährliche Flüsse überwinden, Urwälder durchqueren und Verbrecherbanden aus dem Weg gehen.

Wer nach dem 12. Januar ankam, blieb hängen. Die Illusion, das „gelobte Land“ zu erreichen, löste sich in Nichts auf, denn an jenem Tag endete per Dekret von Noch-Präsident Obama die sogenannte „pies secos/pies mojados“-Politik (trockene-Füße/nasse-Füße“-Politik)* mit der Kubaner, die in die Vereinigten Staaten gekommen waren, legal Asyl beantragen konnten.

„Warum wir von dort aufgebrochen sind? In Kuba fehlte es uns an allem“, versichert Yeleni Díaz, die Kuba verließ, weil sie mit dem Regierungssystem in ihrem Land nicht einverstanden war.

„Mein Mann hat drei Jahre in Gefängnissen verbracht, ich bin nicht einverstanden mit dem kubanischen Präsidenten, wegen seiner schrecklichen Politik. Fidel vererbte die Präsidentschaft an seinen Bruder Raúl und der vererbt sie an seine Kinder. In welchem Land hat man je gesehen, dass es 60 Jahre lang immer derselbe Präsident ist?“, führt sie als Argument an.

In den letzten 3 Monaten des Jahres 2016 kamen mehr als 11000 Kubaner nach Mexiko. Seit dem vergangenen Freitag hat die mexikanische Regierung mit der zwangsweisen Rückführung von Kubanern begonnen, die in der Auffangstation Siglo XXI in Tapachuela leben. In anderen Städten warten weitere 1100 zunächst ab, solange sie nicht wissen, was sie tun sollen. Obamas Dekret hat eine neue Situation geschaffen.

Yisandra Sotologo ist 28 Jahre alt. Am 26. November machte sie sich mit ihrem Mann auf den Weg und ließ ihre Tochter auf Kuba zurück. „Im Urwald gab es viele Probleme. In Kolumbien hat mich ein Fluss fast mitgerissen und Nicaragua und Honduras sind sehr gefährlich, wegen der dort herrschenden Gewalt. In Kuba hatte ich ein kleines Geschäft und verkaufte Dinge auf der Straße, aber mit dem, was du verdienst, kannst du nicht überleben“, sagt die Frau, die vor der Internationalen Brücke sitzt.

„Nach Kuba zurückkehren ist keine Option“, sagt gleichzeitig Lester Díaz, die in Havanna lebte. „Was uns gerade passiert ist ungerecht; ich habe in Kuba meine Eltern zurückgelassen und auch meine Brüder“, fügt sie noch an.

„Wir sind von Camaguey mit dem Ziel Guyana aufgebrochen. Angeblich gibt es in Kuba keine politischen Gefangenen, aber sie legen dir andere Dinge zur Last, um dich ins Gefängnis zu stecken“, berichtet Sara Ramos.

Wir sind von Camaguey mit dem Ziel Guyana aufgebrochen. Angeblich gibt es in Kuba keine politischen Gefangenen, aber sie legen dir andere Dinge zur Last, um dich ins Gefängnis zu stecken.

Andere, die man fragt, ziehen sie es vor anonym zu bleiben, für den Fall, dass man sie nach Kuba abschiebt. Aber alle stimmen darin überein, dass die wirtschaftlichen Bedingungen in ihrem Land unerträglich sind, was sie veranlasst hat, das Land zu verlassen.

„Man kann nicht von 20 Dollar im Monat leben, ein solcher Lohn ist nicht gerecht. Was wir hier sagen, wird uns teuer zu stehen kommen, wenn sie uns abschieben. Wenn wir zurückkehren, wird man uns verfolgen“, sagt einer.

Wir sind durch 10 Länder gekommen. Im Urwald von Kolumbien gab es Tiger (Jaguare) und Affen. Wir haben reißende Flüsse und den „Rücken des Todes“ (die Grenze zwischen Kolumbien und Panama) überquert. Wir wurden ausgeraubt, erpresst und sogar verletzt. Wir sind nicht zum Vergnügen fort von Kuba“, versichert ein anderer.

Für Hermez Cruz ist es „wirklich traurig, wenn sie einen Kubaner zurück auf die Insel schicken“. „Die, die sich jetzt in Tapachula aufhalten, werden sie nach und nach abschieben. Wir haben uns auf den Weg gemacht, weil wir dort nicht mehr leben wollten. Das Leben war unerträglich und das Letzte, was wir uns wünschen, ist, dorthin zurückgebracht zu werden“, erklärt er.

„Was wir hier zunächst erreichen wollen, ist, dass die US-amerikanische Regierung aus humanitären Gründen die Grenze für die öffnet, die noch unterwegs sind“, sagt Hermez Cruz. „Eine zweite Option, wenn die erste nicht möglich ist, wäre, dass man es uns ermöglicht, hier in Mexiko Asyl zu beantragen“, sagt er abschließend.

Anm. des Übersetzers:

*Die sogenannte„pies-secos/pies-mojados“-Politik „nasse-Füße/trockene-Füße-Politik) erlaubte jenen Kubanern, die es auf US-amerikanischen Boden schaffen (trockene Füße), in den USA zu bleiben. Die Kubaner, die vor den Küsten der USA abgefangen wurden (nasse Füße), mussten nach Kuba zurückkehren. Die Obama-Regierung schaffte die Reglung im Januar 2017 ab.

**Migranten, die bis zum 9.Januar 2017 illegal ins Land gekommen sind, können beim mexikanischen Nationalen Institut für Migration eine zeitlich begrenzte Aufenthaltserlaubnis beantragen.

Übersetzung: Dieter Schubert

Die Alternative von Raúl Castro

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Raúl Castro spricht auf der Trauerfeier für Fidel Castro in Santiago de Kuba. (EFE)

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CARLOS ALBERTO MONTANER | Miami | 10. Dezember 2017   Raúl Castro ist übrig geblieben. Sein Mentor ist ihm abhanden gekommen, seine Vaterfigur, der Mann, der sein Leben prägte und ihm Waffen in die Hand drückte, wortwörtlich, von seiner Bedeutungslosigkeit an bis zum ersten Mann im Staat. Fidel tat all dies schroff und ließ ihn bisweilen merken, dass er ihn wegen seiner intellektuellen Beschränktheit verachtete. Das hörte nie auf ihn zu schmerzen.

Schon vor vielen Jahren hat Raúl gemerkt, dass Fidel das eigentliche Problem der Revolution ist: sein eigenwilliger Voluntarismus*, sein störrisches Gehabe, seine überraschenden Einfälle, seine hassenswerte Manie, Zeit mit Gesprächen und nicht enden wollendem Geschwafel zu verschwenden. Raúl wusste aber auch, dass es ohne Fidel keine Revolution gegeben hätte. Einerseits bewunderte er ihn, andererseits lehnte er ihn ab. Fidel hatte monströse und faszinierende Züge; wenn er acht Stunden ununterbrochen redete, ohne an die eigene Blase oder an die des wehrlosen Zuhörers auch nur die geringste Konzession zu machen.

Trotzdem, das Leben hatte Raúl gelehrt, dass es ein noch tiefergehendes Problem gab: den Marxismus-Leninismus, an den er in seiner Jugend felsenfest glaubte und für den er ohne zu zögern tötete; für die Gesellschaft war es ein fehlerhafter Ansatz, der zu einer fortschreitenden Verarmung (des Landes) führte.

Auch wenn Fidel anders oder die Beziehungen zu Washington besser gewesen wären, nichts Wesentliches hätte sich geändert.

Auch wenn Fidel anders oder die Beziehungen zu Washington besser gewesen wären, nichts Wesentliches hätte sich geändert. Die Unproduktivität des Systems hing nicht von den Irrtümern oder vom Charakter Fidels ab, und auch nicht vom Wirtschaftsembargo, sondern von der Unfähigkeit des Systems, sich an die menschliche Natur anzupassen – das musste scheitern.

Genau das geschah in der UdSSR, in Ostdeutschland, in der Tschechoslowakei und Polen. Es spielte keine Rolle, ob die Betroffenen Slawen, Germanen oder Lateinamerikaner waren. Rumänien „genoss eine bevorzugte Behandlung“ durch die die Vereinigten Staaten.

Es spielte auch keine Rolle, ob der Kommunismus in Gesellschaften mit christlichen, islamischen oder konfuzianischen Wurzeln Fuß fasste; er scheiterte unvermeidlich. Es hing auch nicht von der persönlichen Eignung oder dem Bildungsabschluss der Staatslenker ab. Da gab es ein breit gefächertes Spektrum: Rechtsanwälte, Gewerkschafter, Professoren, Lehrer, sogar Arbeiterführer. Keiner schaffte es.

Für Raúl Castro war es leicht nachzuvollziehen, dass die Marktwirtschaft, mit dem einfachen Konzept, Aktive zu prämieren und Willensschwache zu bestrafen, große wenn auch unterschiedliche Früchte trug. Sein Vater Ángel Castro, er stammte aus Galizien, war dafür ein lebendes Beispiel: Er kam ohne einen Centavo in die Republik Kuba, sehr jung und sogar ohne Ausbildung; als er aber 1956 starb, hinterließ er ein Vermögen von 8 Millionen Dollar und einen gut organisierten landwirtschaftlichen Betrieb, in dem mehrere Dutzend Menschen arbeiteten. Er hinterließ eine reiche Familie, ausgebildet an guten katholischen Privatschulen.

Die Aufgabe, vor der Raúl jetzt steht, ist die: wie kann man den Unsinn abstellen, den sein Bruder und er selbst vor fast 60 Jahren initiiert haben, ohne dass die Trümmer des untauglichen Systems ihn unter sich begraben. So wie die Dinge jetzt liegen, weiß er, dass die „Begradigungen“ – wie man auf Kuba seine vorsichtigen und manchmal kindischen Reformen bezeichnet – nur Flickschusterei an einem nicht zu rettenden sozialistischen System sind, dessen Zustand sich wegen der militärischen Führungsrolle bei allen wirtschaftlich wichtigen Unternehmungen des Landes verschlimmert hat; aber Raúl hat mehrmals gesagt, dass er als Nachfolger seines Bruders nicht angetreten ist, um den Kommunismus zu beerdigen, sondern ihn zu retten.

Ich vermute, dass er es schon weiß, dass es für den Kommunismus keine Rettung gibt. Man muss ihn beerdigen. Das war es, was Michael Gorbatschow entdeckte, als er sich um seine Rettung bemühte, indem er drastische Reformen auf den Weg brachte: Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit). Er war überzeugt, dass das bestmögliche und produktivste Gesellschaftssystem transparent sein müsse, damit Menschen in einer angstfreien Atmosphäre miteinander reden können.

Im Verlauf weniger Jahre richtete sein Vorgehen den Kommunismus zu Grunde, nicht wegen der Ungeschicklichkeit der Verantwortlichen, sondern wegen der Widersprüche im System selbst, und wegen der schlechten theoretischen Formulierung des Marxismus-Leninismus. Die zentrale Planwirtschaft war Unfug. Die Abstrafung von Produktionsmechanismen in privaten Händen war kontraproduktiv. Die Komitees, die Preise festlegten, hatten nicht die geringste Ahnung, weder von den Bedürfnissen der Menschen, noch von der Wirklichkeit. Die ständige Anwesenheit von politischer Polizei zerstörte das Zusammenleben und erzeugte psychologisches Unwohlsein.

Als Raúl Castro Gorbatschows Buch Perestroika las, war er davon so begeistert, dass er eine private Ausgabe für seine Offiziere in Auftrag gab.

 Als Raúl Castro Gorbatschows Buch Perestroika las, war er davon so begeistert, dass er eine private Edition für seine Offiziere in Auftrag gab. Fidel bekam davon Kenntnis, beschimpfte ihn auf herabwürdigende Weise und befahl, die Exemplare einzuziehen. Fidel war nicht am materiellen Wohlbefinden seines Volkes interessiert, sondern an der Erhaltung der Macht. Der Gorbatschowismus – sagte er – würde zum Verschwinden des Kommunismus führen.

Er hatte Recht, wenn auch nur teilweise. Raúl steht vor der gleichen Alternative, mit der schon Gorbatschow konfrontiert war; erschwerend aber ist, dass heute eigentlich niemand mehr – abgesehen von hoffnungslosen Dummköpfen – glaubt, dass der Kommunismus zu retten ist. Jedenfalls hat kein Volk, das ihn losgeworden ist, wieder damit angefangen. Man hat aus einer bitteren Lektion gelernt. Im Augenblick deuten Anzeichen darauf hin, dass Raúl das stalinistische Ziel weiter verfolgen wird, so, wie es sein Bruder vorgegeben hat; es gibt aber einen Unterschied: Fidel lebt nicht mehr. Er liegt auf dem Friedhof von Santa Ifigenia unter einem riesigen Steinblock. Wer jetzt nicht das Ruder herumreißt, ist ein Feigling.

Anm. des Übers.:

* Der Voluntarismus betrachtet den Willen als die Grundfunktion des menschlichen Lebens.

Übersetzer: Dieter Schubert

Julio und Enrique Iglesias – zwei Momente im Leben Kubas

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Enrique Iglesias auf einem Archivbild mit der kubanischen Gruppe „Gente de Zona“. (Redes)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 11. Januar 2017  Meine Mutter besaß ein T-Shirt mit dem Gesicht des spanischen Sängers Julio Iglesias, das sie Anfang der Achtziger Jahre auf einem Markt gekauft hatte. Während einer Versammlung des Kommunistischen Jugendverbandes (UJC) wurde sie darauf hingewiesen, dass sie das T-Shirt nicht weiter benutzen könne. Der Autor von „La vida sigue igual“ (Das Leben geht weiter) wurde auf die schwarze Liste der Zensur gesetzt und das besagte Kleidungsstück vergammelte von dem Zeitpunkt an in einer Schublade in unserem Haus.

Im Januar dieses Jahres, beinahe vier Jahrzehnte nach jenem Moment in meiner Kindheit, ist sein Sohn Enrique Iglesias nach Kuba gekommen, um dort das Video für die Single „Súbeme la radio“ (Mach das Radio lauter) zu drehen. Eine Heerschar von Fans bereitet sich darauf vor, Enrique Iglesias an all die Orte zu folgen, wo er mit dem Regisseur Alejandro Pérez, dem Musiker Descemer Bueno sowie dem puertoricanischem Duo Zion & Lenox zusammenarbeiten wird.

Auch wenn die nationalen Medien nur behutsam über den Besuch Enrique Iglesias berichtet haben, hat sich die Nachricht schnell unter den Leuten verbreitet. Es wird zweifellos Menschenansammlungen an den Orten geben, wo sich der Sänger aufzuhalten gedenkt – ganz so wie damals, als Beyoncé, Rihanna, Katty Perry, die Kardashians oder Madonna auf der Insel waren.

Diesen Mittwoch werden sich viele Mädchen und Frauen danach sehnen, ein Autogramm des erfolgreichen Künstlers zu ergattern und darauf warten, mit dem Handy einen Moment festzuhalten, in dem der Künstler sich nähert, an ihnen vorbeigeht oder sich sehen lässt. Diese jungen Frauen sind im gleichen Alter, in dem meine Mutter in jenen Jahren war, als sie ihr verboten hatten, ein T-Shirt mit dem Gesicht des anderen Iglesias zu tragen.

Meine Mutter konnte niemals ein Konzert Julio Iglesias besuchen. Ich glaube, nicht einmal seine Lieder hören. Diese Woche werden andere Kubanerinnen wie sie ihre kleine historische Retourkutsche fahren.

Zum damaligen Zeitpunkt gab die kubanische Regierung keine Erklärung zum Verbot ab. Es gab lediglich Gerüchte und Halbwahrheiten: „Er machte Aussagen gegen Kuba“, wurde in öffentlichen Kreisen kommentiert. „Julio sang für Pinochet in Chile“, warnten wütende Aktivisten in Anlehnung an die Reise des Künstlers in dieses südamerikanische Land im Jahr 1977.

Wahr ist jedenfalls, dass Iglesias, der Vater, dazu beitrug, dass die Liste der Sänger, die weder im Radio noch im Fernsehen gesendet werden durften, weiter wuchs. Sein Name kam zu jenen, die ebenfalls ausgeschlossen worden waren, wie Celia Cruz, Olga Guillot, Nelson Ned oder sogar José Feliciano. Letzterer wurde erst lange Zeit danach wieder in den kubanischen Medien gezeigt.

Wenige Jahre, bevor er “verbannt” wurde, war der Film, der sich am Leben Julio Iglesias inspirierte, ein Kino-Kassenschlager auf der Insel. Viele Zuschauer prahlten damit, den Film mehrmals am gleichen Tag gesehen zu haben und die Refrains seiner Lieder ersetzen die Lieder der Nueva Trova.

Iglesias, das Amen des künstlerischen Geschmacks, brachte frischen Wind in einem Moment, in dem die kubanische Musik sich mit Parolen füllte. Er sang von Romanze, Liebe, Verlust und Vergessen – in einem Land, in dem der Bolero auf Eis gelegt worden war und wo die einzige Leidenschaft, die man fühlen durfte, dem Ideal und der Revolution galt. Er hatte einen bahnbrechenden Erfolg bei den Jugendlichen, die die Schützengräben satt hatten und die statt Utopie das Leben in ihren Körpern spüren wollten.

Meine Mutter konnte niemals ein Konzert von Julio Iglesias besuchen. Ich glaube, nicht einmal seine Lieder hören. Diese Woche werden andere Kubanerinnen wie sie ihre kleine historische Retourkutsche fahren. Ein anderer Iglesias ist gekommen – seine Lieder sind anders und das Kuba, in dem er landet, ähnelt jener sowjetisierten Insel von damals kaum mehr. Die Musik hat gerade eine Partie gegen die Ideologie gewonnen.

Übersetzung: Berte Fleissig

Bürger… es ist Zeit den Gürtel enger zu schnallen

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Raúl Castro präsidiert die Militärparade diesen Januar nicht im Schatten seines Bruders.  (EFE/Archivo)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 29. Dezember 2016   Meine Generation kennt keine guten Nachrichten. Wir wuchsen im subventionierten Einheitsgrau des rationierten Marktes auf, kamen inmitten der Einschränkungen der Sonderperiode* in die Pubertät, zogen unsere Kinder in einem Land mit zwei Währungen groß, und nun warnen sie uns davor, dass Zeiten wirtschaftlicher Spannungen bevorstehen. Es scheint, als würde es keine Verschnaufpause in dieser langen Abfolge von Pleiten, wirtschaftlichen Niedergängen und Kürzungen geben, unter denen wir jahrzehntelang gelitten haben.

Im Dezember 2016 hat die Asamblea Nacional del Poder Popular, das Parlament Kubas, mit negativen Zahlen bestätigt, was in Wirklichkeit schon vor langer Zeit zum Vorschein kam. Kuba wächst nicht, die Produktion steigt nicht an und die sogenannten Reformen von Raúl Castro brachten den Kubanern kein besseres Leben. Die Insel bewegt sich auf den Abgrund der Zahlungsunfähigkeit zu, mit dem Abbau von wichtigen Wirtschaftszweigen und der kontinuierlichen Stagnation.

Anderenorts würden die Regierenden beim Anblick der Situation, in der sich die Nation befindet, aufgeben; verschuldet hat dies ihre schlechte Führung. Da jedoch das Amt dem Präsidenten General nicht durch ein Votum des Volkes zugekommen ist, wird ihn niemand an den Urnen bei den nächsten Wahlen bestrafen können. Im Umgang mit der Opposition, die seinen Rücktritt fordert, bleibt ihm immer die Möglichkeit, Mittel der Repression und Bestrafung einzusetzen.

An Stelle eines mea culpa erläuterten die Funktionäre am vergangenen Dienstag das wirtschaftliche Debakel und die düstere wirtschaftliche Stimmung, die auch das kommende Jahr eintrüben wird. Sie haben dazu aufgerufen produktiver zu sein, auf unnötige Ausgaben zu verzichten und sogenannte „Effizienzreserven“ zu nutzen; der letzte offizielle Euphemismus, um zu erklären, wie wenig in der Staatskasse übriggeblieben ist.

 Die Militärparade, die mit der eigenen Stärke prahlen will, wird einen Teil der Mittel verschwenden, die zur Reparatur der beschädigten Straßen auf der Insel benötigt werden, um nur ein Beispiel zu nennen

Dennoch begann wenige Stunden nach Ende der Parlamentssitzung, in der so schlechte Vorzeichen ans Licht kamen, die zweite von drei vorgesehenen Proben – morgen Freitag folgt die dritte – für das große Militärdefilee, das in Havanna am 2. Januar auf der Platz der Revolution stattfinden wird. Eine Massenveranstaltung, mit einer Panzerparade und Soldaten im Gleichschritt, die Kuba hunderttausende – wenn nicht Millionen – Pesos kosten wird.

Auf den wichtigsten städtischen Verkehrsschlagadern herrscht seit Mittwochmorgen Stillstand. Tausende Staatsbedienstete mussten nicht zur Arbeit gehen und eine lange Schlange von Omnibussen musste von verschiedenen Gemeinden aus bis zur Esplanade ausweichen. Unmengen von Lunchpaketen wurden unter den treusten Zuschauern der Parade verteilt, es hatte schon den Anschein einer „Krönung Raúl Castros“. Der kleine Bruder plante seine eigene Amtseinführung, mittlerweile alleiniger Machthaber, nach dem Tod des Expräsidenten Fidel Castro.

Weshalb diese militärische Verschwendung inmitten einer Krise? Diese Anfälle von martialischem Größenwahn passen nicht zu einem Rückgang des BIP um 0,9 % in 2016. Diese Militärparade, die mit der eigenen Stärke prahlen und „Zähne zeigen“ will, wird einen Teil der Mittel verschwenden, die zur Reparatur der beschädigten Straßen auf der Insel benötigt werden, um nur ein Beispiel zu nennen.

Die Stadt leidet unter ernsthaften Kürzungen bei der Straßenbeleuchtung, unter kollabierenden Busterminals am späten Nachmittag, aufgrund der wenigen verfügbaren provinzübergreifenden Überlandlinien und unter Preisen von bis zu zwei Tageslöhnen für ein Pfund Schweinefleisch. Was in dieser Stadt am nächsten Montag passiert, ist mehr als nur Verschwendung, es ist ein Skandal.

So sind bestimmte Politiker. Sie rufen – zum x-ten Mal – dazu auf, den Gürtel enger zu schnallen und die Erwartungen auf ein besseres Leben zu senken, während sie selbst enorme Mengen an Staatsgeldern verschwenden, um Krieg zu spielen.

Anm. d. Übers.:

* Bezeichnung der kubanischen Regierung für eine Wirtschaftskrise in den 90er Jahren

Übersetzung: Lena Hartwig

Maduro, Schüler einer verfallenden Schule

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Es gibt unzählige Unterschiede im Führungsstil der beiden Staatsoberhäupter, aber etwas noch viel Wichtigeres trennt sie voneinander: Die Zeit. (nicolasmaduro.org.ve)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 21. Dezember 2016   Im Fernsehen ertönt eine Rede von Nicolás Maduro. Er spricht von internationalen Verschwörungen, dem Feind, der die bolivianische Revolution beenden möchte und von einer „Währungsmafia“. Wieder die gleiche alter Leier, die stark an den verstorbenen kubanischen Expräsidenten Fidel Castro erinnert, besessen davon andere für das selbst verursachte Chaos verantwortlich zu machen.

Es gibt unzählige Unterschiede im Führungsstil der beiden Staatsoberhäupter, aber etwas noch viel Wichtigeres trennt sie voneinander: Die Zeit. Jahrzehnte sind zwischen dem Moment, in dem Castro Kuba mit seiner Sprachgewalt umgarnte und dem, in dem der fehlgeleitete Maduro anfing Venezuela zu regieren, vergangen. In diesen Zeiten sind die Lateinamerikaner populistischen Diskursen gegenüber misstrauisch geworden und haben gelernt autoritäre Herrscher, die sich unter dem Deckmantel des vermeintlichen Erlösers verstecken, zu erkennen. Die politischen Diskurse funktionieren nun nicht mehr wie vorher. Genau wie die abgedroschenen Verse, die die Augen mit den Sternen und den Mund mit einer Rose verglichen und nun nur noch Spott hervorrufen.

In diesen Zeiten, in denen von der Tribüne aus zu stark zur Vaterlandstreue aufgerufen wird, das Ausmaß der ausländischen Einmischung verzerrt wird und keine Lösungen angeboten werden, sollte man wachsam werden

In diesen Zeiten, in denen von der Tribüne aus zu stark zur Vaterlandstreue aufgerufen wird, das Ausmaß der ausländischen Einmischung verzerrt wird und keine Lösungen angeboten werden, sollte man wachsam werden. Wenn die Anführer uns dazu aufrufen auch noch den letzten Tropfen unseres Blutes zu vergießen, während sie sich selbst mit Leibwächtern umringen oder sich an irgendeinem „punto cero“* verstecken, sollte man aufhören ihnen zu glauben.

Eine gesunde Dosis Skepsis immunisiert gegen diese niederträchtigen Tiraden, in denen erklärt wird, dass die Probleme des Landes ihren Ursprung außerhalb der nationalen Grenzen haben. Es ist bedenklich, dass der Denunziant keinerlei Verantwortung an diesem Debakel übernimmt und die Schuld an seinem Scheitern angeblichen Verschwörungen und Medienfeldzügen zuschiebt.

Maduro wurde in dieser Schule der ständigen politischen Anspannung, deren wichtigster Lehrstuhl in Havanna liegt, ausgebildet. Obendrein war der venezolanische Staatschef ein mittelmäßiger Schüler, der die ursprünglichen Grundsätze mit übermäßigen Gefühlsäußerungen, wenig Charisma und einem großem Haufen Unsinn garnierte. Sein größter Irrtum bestand darin, nicht zu bemerken, dass das „Lehrbuch“ von Fidel Castro längst nicht mehr funktioniert.

Der venezolanische Präsident kam zu spät, um diese Leichtgläubigkeit ausnutzen, die jahrzehntelang dafür sorgte, dass viele Völker dieses Kontinents Diktatoren emporhoben. In seinen Reden schwingt die Vergangenheit mit, und wie die schlechten Gedichte, bewegen sie weder die Seele noch das Gemüt.

Anmerk. d. Übersetzers:

*Das Anwesen von Fidel Castro auf Kuba wird als „punto cero“ bezeichnet.

Übersetzung: Anja Seelmann

Kaputt: Die Träume von einem Goethe Institut in Havanna

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Der Hauptsitz des Goethe Instituts in München.

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YOANI SÁNCHEZ  | 14ymedio.com | 06. November 2016  Das Wort brachte mich zum Lächeln. Kaffeeweißer stand auf den winzigen Päckchen neben der Kaffemaschine in einem Berliner Hotel, die versprachen dieses dunkle Getränk, das meinen Jet Leg lindern würde, zu „weißen“. Ich hatte vergessen, wie direkt und mächtig die deutsche Sprache sein kann. Viele Jahre habe ich, wie auch die germanophile Gesellschaft Kubas, auf die Einweihung eines Goethe Institutes auf der Insel gewartet, doch letzte Woche erstickte ein Bericht der Deutschen Welle unsere Hoffnungen im Keim.

Die Eröffnung des lang ersehnten Zentrums, das es ermöglichen würde sich der deutschen Kultur anzunähern, schien in greifbarer Nähe. Der deutsche Außenminister, Frank-Walter Steinmeier, trat im Juli des letzten Jahres die erste offizielle Reise eines deutschen Ministers in unser Land seit dem Fall der Berliner Mauer an. Im Mai dieses Jahres folgte dann ein Besuch des kubanischen Außenministers, Bruno Rodríguez Parrilla, in der Hauptstadt der Bären und Würste.

Wie bei einem diplomatischen Tanz, nahmen wir ungeduldig an einem Schritt zunächst in die eine, dann in die andere Richtung teil und auch an den vielversprechenden Handschlägen für das Foto. Währenddessen zählten wir die Tage bis die Heimat von Georg Wilhelm, Friedrich Hegel, Herta Müller und Günther Grass sich in einem Zentrum in Havanna einrichtet, das der Alliance Française* weder in Größe noch in Qualität nachsteht.

Ich kenne kein anderes Wort, das besser etwas Zerbrochenes ausdrückt als der deutsche Terminus kaputt. Ihr, der Sprache meiner Träume und meiner Sehnsüchte, verdanke ich die Stärke der verbalen Schläge, die die spanische Sprache in Umschreibungen und Versprechungen versteckt. Genau dieser schneidende Laut, der „zerbrochen“, aber aus der Frustration heraus, bedeutet, kam mir in den Sinn als ich an einem Samstag die Aussagen des Präsidenten der Subkommission für Außenpolitik im Bereich Kultur, Bernd Fabius, über die möglichen Gründe für eine Verschiebung sine die der Eröffnung eines Goethe Institutes hier auf Kuba, las.

“Kuba befürchtet, dass Deutschland mit dem Goethe Institut, das die deutsche Sprache und Kultur auf der ganzen Welt verbreitet, die Kontrarevolution ankurbelt“, bemerkt Fabius, und weist darauf hin, dass die Absage zeigt „wie schwach sich die Systeme von solchen Staaten selbst einschätzen.“

Die kubanische Regierung bevorzugt es, dass die “Dosis Deutsch“ über die eigenen Bildungseinrichtungen und unter strenger Kontrolle bei uns ankommt.

Die kubanische Regierung bevorzugt es, dass die “Dosis Deutsch“ über die eigenen Bildungseinrichtungen und unter strenger Kontrolle bei uns ankommt. In der Fakultät für Fremdsprachen der Universität von Havanna werden zwar Deutschkurse angeboten, aber ein selbstständiges Kulturzentrum, das von Berlin aus gesteuert wird, ist momentan nicht vorgesehen.

In einem Land mit ca. 30.000 Einwohnern, die in der DDR studiert oder gearbeitet haben und vielen anderen, die in den letzten Jahren aufgebrochen sind, um in diesem europäischen Staat zu leben, und in dem, trotz der Entfernung und den deutlichen kulturellen Unterschieden auch eine allgemeine Neugier, gemischt mit Sympathie für die teutonische Kultur herrscht, ist dies wirklich bedauerlich.

Bernd Fabius Schlussfolgerung über die Ängste der kubanischen Regierung verfehlt das wahre Motiv, das Projekt „Goethe Institut“ auf Eis zu legen, sicher nicht sehr weit. Jeder Ort, der nicht den strikten Vorgaben der Ideologie unterliegt, der Literatur weit ab von den gefilterten Verlagslisten der Insel anbietet oder dazu anregt über die Grenzen der politischen Blindheit und des Meeres um uns herum hinauszuschauen, verursacht Schäden an der Plaza de la Revolución**.

Das Lehrreichste dabei ist, dass sich die deutsche Regierung seit Jahren „gut benimmt“, um ein Schild, das den Namen des Autors von Faust trägt, in einer Straße von Havanna zu sehen. Fünf Jahre des Herantastens, der verschlossenen Ohren, der Vorsicht und des Fernhaltens von allem, was die Oberhäupter in olivgrün verärgern könnte. Nach all der Zeit, in der jedwede Empfindlichkeit umgangen wurde, hat der Bundestag ein lautes und deutliches Nein erhalten, eines wie man es nur in der Sprache Nietzsches zu hören bekommt.

Anmerkungen des Übersetzers:

*Die Alliance Française wurde 1883 in Paris gegründet und widmet sich der Verbreitung der französischen Sprache und Kultur auf der ganzen Welt.

** Die Plaza de la Revolución (Platz der Revolution) ist ein öffentlicher Platz in Havanna, Kuba und wurde durch die kubanische Revolution bekannt, während der die Regierung Batistas gestürzt und durch die von Fidel Castro abgelöst wurde. Zudem befindet sich hier der Sitz der Regierung.

Übersetzung: Anja Seelmann