Nach der Tragödie: Die Dinge, die bleiben

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Bergungsarbeiten in den Alpen wo das Flugzeug der Germanwings zerschellte. (Ministère de l’Intérieur)

Auf der Bergflanke liegen verstreute Kleider, offene Koffer, Puppen von Kindern, die nie mehr mit ihnen spielen werden. Dinge, die Menschen gehörten, die bis vor kurzem noch am Leben waren und von denen kaum Erinnerung bleiben wird; weitverstreute Objekte, die man wird zuordnen müssen, um sie an die Familien der Opfer zurückzugeben. Die Tragödie der A320 von Germanwings, die in den französischen Alpen zerschellte, lässt mich – wie viele Andere – über die kurze Sekunde nachdenken, die uns vom Tod trennt. Ein suizidgefährdeter Co-Pilot; ein Wahnsinniger am Steuerknüppel; ein Krieg, den andere vom Zaun brachen…, die tausend und eine Art zu sterben, die das Leben für uns bereit hält.

An einem Abend im Jahr 1985 versammelte sich meine Familie um den gedeckten Tisch und wartete auf die Großmutter. Sie ist nie gekommen, weil sie in einer nahen Cafeteria in die heftige Auseinandersetzung zweier Saufkumpane geriet, wobei sie tödlich verletzt wurde. Auf dem Tisch blieb ihr Teller liegen. Kalt, allein, mit dem Löffel an der Seite; das Wasserglas hinterließ auf dem Holz einen kreisrunden feuchten Abdruck. Später waren es ihre Schuhe, das Portmonee, in dem sich ihr Geld befand und eine Muskatnuss. Die Kleider im Schrank, einige Jugendfotos von ihr; wir werden sie nie mehr fragen können, wo sie aufgenommen wurden.

Manchmal ist es viel schwieriger mit den nachgelassenen Sachen der Verstorbenen umzugehen, als mit den Erinnerungen selbst. Was soll man mit dem Zettel anfangen, auf den sie notierten, ehe sie das Haus verließen, dass man Eier, Salz und etwas Olivenöl kaufen sollte? Was mit den Schubladen, mit dem Bettlaken, in denen sie die letzte Nacht verbrachten; was mit den Keksen, die sie so liebten? Wie kann man den Kamm zum Schweigen bringen, auf dem noch ihre Haare sind, wenn er auf seine Art spricht? Wie den Facebook Account, wo sie zum allerletzten Mal auf “Gefällt mir” klickten; wie den roten Kringel auf dem Kalender, mit dem sie ihren Geburtstag markierten?

Las cosas que nos dejan los difuntos tienen voz propia. Nos recuerdan cada vez que las miramos que en esa tela, empuñando ese lápiz o asomándose a ese espejo, hasta ayer mismo había alguien que respiraba y amábamos.

Die Dinge, die uns Verstorbene hinterlassen, sprechen ihre eigene Sprache. Immer wenn wir sie betrachten, erinnern sie uns daran, dass der, der diese Kleidung trug, der jenen Bleistift hielt oder sich in diesem Spiegel betrachtete, bis gestern noch jemand war, der atmete… und den wir liebten!

Übersetzung: Dieter Schubert

Der Tag, als plötzlich wieder Frieden herrschte

„Es herrscht wieder Frieden!”, hörte ich einen weisen alten Mann an dem Tag sagen, als Barack Obama und Raúl Castro die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten bekannt gaben. Dieser Satz steht symbolisch für einen Moment, der auf einen Waffenstillstand nach einer so langen Zeit des Krieges hindeutet.

Drei Monate nach jenem 17. Dezember wissen die Soldaten nach Kriegsende nicht, ob sie die Waffen niederlegen, mit dem Feind anstoßen oder der Regierung all die Jahrzehnte eines unnützen Krieges vorwerfen sollen. Jeder geht mit dem Waffenstillstand auf seine Weise um. Eines ist jedoch sicher, dass die vergangenen Jahre unauslöschliche Spuren in der Geschichte der Insel hinterlassen haben. Die Kinder, die in den letzten Wochen das Licht der Welt erblickten, werden von dem Konflikt mit dem Nachbarland aus dem Norden nur in den Schulbüchern lesen und ihn nicht mehr als Hauptbestandteil der alltäglichen ideologischen Propaganda erleben. Das ist ein großer Unterschied. Sogar die Flagge der Vereinigten Staaten war dieser Tage in Havanna zu sehen, ohne dass sie von Revolutionären in einem antiimperialistischen Akt auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre.

Für viele Menschen auf der ganzen Welt ist dies ein Kapitel, das einen Schlussstrich unter den Kalten Krieg zieht. Für viele Kubaner ist es jedoch ein Rätsel, das noch nicht gelöst wurde. In Wirklichkeit geschieht alles viel langsamer, als es in den Schlagzeilen der Presse, die durch das Abkommen zwischen David und Goliath ausgelöst wurden, dargestellt wird. Die Auswirkungen der neuen diplomatischen Beziehungen sind weder auf den Tellern, noch in den Geldbeuteln, noch durch die Ausweitung der bürgerlichen Freiheiten zu sehen.

Wir leben mit zwei Geschwindigkeiten, unser Herz schlägt mit zwei unterschiedlichen Frequenzen. Einerseits die langsamen Änderungen im Alltagsgeschehen in einem Land, das im 20. Jahrhundert feststeckt. Andererseits die Hektik, mit der der Gigant aus dem Norden bereit zu sein scheint, die Sache anzugehen. Die am 16. Januar 2015 beschlossenen Maßnahmen vereinfachen Geldüberweisungen, die Reisen auf die Insel oder die Zusammenarbeit in der Telekommunikation und anderen Bereichen. Sie erwecken den Eindruck, dass die Regierung Obama weiterhin bereit zu sein scheint, mit Angeboten Druck auf die Gegenseite zu machen. Kuba wird so gezwungen, die weiße Fahne zu hissen, aufgrund der bevorstehenden materiellen und wirtschaftlichen Vorteile.

Durch den Eindruck, dass alles sich beschleunigen könnte, haben einige Menschen auf Kuba den Quadratmeterpreis ihrer Immobilien neu berechnen lassen. Andere planen schon, wo sich der erste Apple Store in Havanna befinden wird und nicht wenige haben in ihren Köpfen schon das Bild einer Fähre, die Kuba mit Florida verbinden wird. Diese Illusionen ließen jedoch die Migrationsströme Richtung Amerika nicht zurückgehen. “Warum sollte ich warten, bis die Amis hierher kommen, wenn ich in ihr Land gehen und sie dort kennen lernen kann.”, sagte ein Jugendlicher mit verschmitztem Gesichtsausdruck, der Ende Januar in der Schlange für ein Visum zur Familienzusammenführung vor dem Konsulat der Vereinigten Staaten am Stadtrand von Havanna stand.

 *Dieser Artikel wurde ursprünglich und in seiner vollen Länge im Magazin El País Semanal auf Spanisch veröffentlicht.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Die Einzigartigkeit von Robinson Crusoe

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Eine Illustration von Robinson Crusoe.

Ein junger Mann aus Panama berichtete mir haarklein alles über die zwei Wochen, die er in Havanna verbracht hatte. Er sprach über die Familie, die ihn hier aufnahm und über seine Verwunderung darüber, dass in einer Küstenstadt so wenig Schiffe liegen. Seine Schilderung ähnelt der von so vielen, die zum ersten Mal auf die Insel kommen, die von der Überraschung, zur Trauer und dann zur Freude übergehen.

Dennoch war sein verblüffenstes Fazit, dass er dank der fehlenden Anschlüsse im Land, in dieser Zeit ohne Internet leben konnte. Zwei Wochen ohne eine Email zu verschicken, ohne einen Tweet zu lesen und ohne sich um das Anklicken von „Gefällt mir“ auf Facebook sorgen zu müssen. Als er wieder in sein Land zurückkehrte, fühlte er sich, als wäre er eine Zeit lang in einer technologischen Entgiftungsklinik gewesen.

Richard Quest, dem bekannten Moderator von Business Traveller auf CNN, ist etwas Ähnliches passiert. Dieses Wochenende sahen wir den britischen Journalisten begeistert vor einem Cadillac aus dem Jahr 1959 stehen, den er als ein echtes „Wohnzimmer auf Rädern“ bezeichnete. Neben der Begeisterung für die Schönheit eines solchen Autos und seine exzellente Erhaltung weiß ich nicht, ob Quest klar ist, dass er vor einem Fahrzeug steht, das erhalten wurde, weil es für seinen Besitzer unmöglich ist ein moderneres Modell in einem Autohaus zu erwerben.

Robinson Crusoe, gestrandet auf einer Insel und weit entfernt von jedweder Entwicklung, hat sicher auch ein paar Teile seines gesunkenen Schiffes aufgehoben, aber er verdiente wie jeder andere Mensch auch den Zugang zur Moderne und zum Fortschritt.

Ich weiß nicht, ob die Welt bereit dazu ist, dass unser Land aufhört so auszusehen, wie eine Sepia-Postkarte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Wird sie akzeptieren, dass wir nun nicht mehr eine Nation aus schönen Ruinen sind, mit Menschen, die an den Straßenecken sitzen, weil es keinen Sinn ergibt, für so niedrige Gehälter zu arbeiten und einer Bevölkerung, die die Touristen freundlich anlächelt, unter anderem, weil diese Ausländer mit dem herbeigesehnten konvertiblen Peso* bezahlen? Wird die Welt zulassen, dass wir unsere Identität finden, ohne uns an dieser Einzigartigkeit von Robinson Cruseo festzuklammern?

Wird die Welt zulassen, dass wir unsere Identität finden, ohne uns an dieser Einzigartigkeit von Robinson Cruseo festzuklammern?

Ich richte diese Fragen nicht an die kubanische Regierung, sondern an die anderen Bewohner dieses Planeten, denn es ist bewiesen, dass eine Gesellschaft, die in der Anomalie einer beherrschten Vergangenheit gefangen ist, leichter zu kontrollieren ist. Meine Sorgen kreisen darum, dass Lateinamerika, die Vereinigten Staaten, Europa und der Rest des Planeten nicht bereit sind für ein modernes, wettbewerbsfähiges Kuba, das in die Zukunft schaut. Ein Land mit Problemen, wie jedes andere auch, aber ohne diesen 50er Jahre Touch, der die Nostalgiker und Liebhaber dieser Zeit so anzieht.

Es ist möglich, aufzuhören Robinson Crusoe zu sein, aber man muss sich fragen, ob die Welt dazu bereit ist, uns nach unserem Schiffbruch wieder auftauchen zu sehen.

Anm. d. Ü: *Der konvertible Peso, bekannt als CUC, ist neben dem Kubanischen Peso eine der beiden Währungen Kubas.

Übersetzung: Anja Seelmann

Hallo? Hallo?

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Öffentliche Telefone. (Silvia Corbelle)

Sie wählte die Nummer und wartete. Nichts, weder ein Freizeichen noch ein Besetztton. Sie versuchte es erneut und da meldete sich die Stimme einer Frau, die darum bat nicht aufzulegen und zu warten. Als ihr nach einigen Minuten klar wurde, dass es sich um eine betrügerische Abzocke durch Warteschleifen handeln musste, war das Guthaben ihrer Prepaid-Karte schon fast zur Hälfte aufgebraucht. Zu guter Letzt kam die Verbindung doch zustande, aber die Stimme ihrer Mutter klang so, als spräche sie unter Wasser. Sie schaffte es noch, ihr zu sagen, dass es ihr gut gehe, dass sie sie vermisse, dann brach die Verbindung ab und ihr Anruf nach Kuba war beendet.

Die Emigration bringt viele Dramen mit sich. Im Fall der Kubaner kommen noch die Schwierigkeiten hinzu, mit der Heimatinsel zu kommunizieren. Wir haben in Kuba die teuersten Tarife weltweit, für alle, die uns anrufen wollen. Nur vergleichbar mit Ländern im Kriegszustand oder Nationen, die aufgrund eines Konflikts lahmliegen. Während der letzten 50 Jahre brachten die Exil-Kubaner Milliardenbeträge dafür auf, um mit der Verwandtschaft in der Heimat zu telefonieren. Geld, das sie dann abzweigen mussten, als sie sich den Weg in ein neues Leben hart erarbeiteten.

Deshalb wurde die Nachricht von einer direkten Telekommunikationsverbindung zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten mit großer Hoffnung aufgenommen und als ein Zeichen dafür gewertet, dass Telefonieren vielleicht bald keine Absurdität mehr darstellen wird. Die unterzeichnete Vereinbarung zwischen dem US-Unternehmen IDT Telecom und unserem Staatsmonopol Etecsa öffnet die Tür zu anderen möglichen Übereinkünften in diesem so wichtigen Bereich. Es ist ein erster Schritt, dessen Auswirkungen bisher kaum merkbar sind, doch zweifellos ist es eine gute Nachricht für all die Menschen, die damit leben, dass die Zuneigung zu ihren Liebsten durch die Floridastraße¹ fragmentiert wird.

Die Vereinbarung zwischen Etecsa und IDT ist eine gute Nachricht für alle, die damit leben, dass die Zuneigung zu ihren Liebsten durch die Floridastraße fragmentiert wird

In Kuba konzentrieren sich die Erwartungen nicht nur darauf, direkt und nicht über Drittländer in die Vereinigten Staaten anrufen zu können. Die Augen der Menschen glänzen noch mehr bei der Vorstellung, über diesen Weg auch irgendwann Zugang zum Internet bekommen zu können. Eine Datenverbindung, verwaltet von nordamerikanischen Unternehmen, aber von Kuba aus zugänglich, ist zum größten gemeinsamen Traum derer geworden, die nicht noch ein weiteres Jahr darauf warten wollen, den Cyberspace des Internets zu betreten.

Jedoch wurde diese Möglichkeit von Etecsa bisher nicht erwähnt, da das Unternehmen nicht wirtschaftliche sondern ideologische Interessen verfolgt und es so vorzieht, das Internet zu zenzieren anstatt Geld zu verdienen. Das ist aber nur eine Momentaufnahme. Trotzdem ist es eine Erleichterung, dass den Kubanern, die in den Vereinigten Staaten im Exil leben oder dorthin ausgewandert sind, bald erste Steine aus dem Weg geräumt werden, um mit ihren Familien in Kuba zu telefonieren. Zum Telefon greifen, eine kubanische Nummer wählen und auf die Verbindung warten, all das wird bald kein Abenteuer mit ungewissem Ausgang mehr sein.

Anm. d. Ü.:
¹Meerenge zwischen Kuba und Florida

Übersetzung: Nina Beyerlein

Maduro weiß nicht wie man regiert

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Nicolás Maduro (CC)

Nie hätte ich gedacht, dass ich dies jemals sagen würde, aber Venezuela ist schlimmer als Kuba. Es stimmt, dass das südamerikanische Land in Zahl und Ausmaß unsere Unterversorgung mit Basisprodukten nicht übertroffen hat, nicht den wirtschaftlichen Kollaps, nicht die Überwachung durch die Polizei an der wir leiden; aber Venezuela ist schlimmer als Kuba. Der Ernst der Lage rührt daher, dass Venezuela jene verfehlte Vergangenheit wiederholt, der wir Kubaner geradezu entkommen versuchen.

In beiden Nationen wurde das Fiasko maßgeblich von einer verfehlten Führung verursacht, die Schaden angerichtet hat. Kuba, mit einem Fidel Castro, der versuchte das Land “nach seinem Bilde” zu formen; er, der so geprägt ist vom Hang zu Autoritarismus, Intoleranz, Machtbesessenheit und der Unfähigkeit mit fremden Erfolgen umgehen zu können. Dem muss man noch eine schwere Paranoia hinzufügen, die ihn sogar gegen seinen eigenen Schatten misstrauisch werden ließ und die er anscheinend an seinen Gefolgsmann Nicolás Maduro weitergegeben hat.

Deswegen, als ich von der Verhaftung des oppositionellen Bürgermeisters Antonio Ledezma erfuhr, angeklagt einer vermuteten Verstrickung in Gewaltaktionen gegen die Regierung, musste mich dies daran erinnern, wie oft die Ängste unseres “Maximo Lider” das Berufsleben, das politische und physische Leben eines Kubaners beendet haben. Wie oft denn schon wurde eine politische Kehrtwende mit dem Vorwand eines Attentats auf den „Chefkommandanten“ gerechtfertigt? Wie viele dieser “Präsidentenmorde” erfand die eigene höchstoffizielle Propaganda, nur um die Aufmerksamkeit von anderen Themen abzulenken?

Das Schema “dort kommt der Wolf” erweist sich also so abgegriffen, dass man lachen könnte, wenn es nicht so verhängnisvolle Folgen für das Volk hätte. Vor laufenden Kameras spielt Maduro theatralisch das Opfer, das bereit ist, vor einer internationalen Verschwörung zu kapitulieren. Man sieht bei ihm die Strickweise der Farce, aber auch damit bleibt er gefährlich. Er glaubt die Nation zu verkörpern, weswegen er versucht – wenn er Komplotts und Intrigen mit der Absicht ihn zu töten ankündigt – sich einen Vorteil mit einem ebenso schäbigen wie vergänglichen Nationalismus zu verschaffen.

Seine Präsidentschaft ist eine Folge von vermuteten Staatsstreichen, von Verschwörungen, die außerhalb der Grenzen in Planung sind  – und von Feinden, die beabsichtigen, das Land zu destabilisieren.

Der Nachfolger von Chávez weiß nicht wie man mit Normalität umgeht; wie man mit Maß führt, er kann den Venezolanern keinen Entwurf für das Land bieten, der alle einschließt. Deshalb kann er nur mittels Angst regieren. Seine Präsidentschaft ist eine Folge von vermuteten Staatsstreichen, von Verschwörungen, die außerhalb der Grenzen in Planung sind – und von Feinden, die beabsichtigen, das Land zu destabilisieren. Er kennt keine andere Methode der politischen Führung, als die der ständigen politischen Verkrampfung.

Ledezma ist das letzte Opfer dieser politischen Paranoia. Leopoldo López1 hat gerade ein Jahr Gefängnis hinter sich; es ist sehr wahrscheinlich, dass im Verlauf der nächsten Monate sich noch andere Oppositionelle auf den Listen von Verhafteten und Angeklagten finden. Nicolás Maduro wird wieder Verschwörungen gegen ihn ankündigen, den vermuteten Schuldigen einen Putschversuch unterstellen und anklagend mit ausgestrecktem Finger auf das Weiße Haus zeigen.

Und all das nur um zu verbergen, dass er nicht weiß wie man regiert, dass er nur das ein miserables Modell nachahmen kann, das ihm sein Mentor vom Platz der Revolution vererbt hat. Das Resultat ist eine schlechte Kopie des kubanischen Modells, ein grober Abklatsch, bei dem die Ideologie das Feld komplett dem Wahn eines Mannes überlassen hat.

Anmerkung des Übersetzers:

1Leopoldo López (*29.4.1971) ist ein venezolanischer Politiker und Ökonom. Er führte die Proteste 2014 in Caracas an und wurde daraufhin wegen Brandstiftung, Terrorismus und Mord festgenommen.

Übersetzung: Dieter Schubert

Die Unabhängigen der Unabhängigen

ADSL-Kabel

ADSL-Kabel

„Weder über Politik noch Religion sprechen“, so lautet die erste Regel des größten kubanischen Datennetzwerks. Für Diejenigen, die sich in dieses Spinnennetz aus Routern und Antennen, aus denen SNet besteht, „einweben“ möchte, ist das Akzeptieren dieser Regeln eine Frage des Überlebens. Wer Teil dieses Netzwerks wird, wird Teil einer Brüderschaft, die von jedem Mitglied geschützt und bedeckt gehalten wird. Obwohl es starken Einschränkungen unterliegt, ist es dennoch eine Erfahrung wert, sich mithilfe des internen Chatservices mit Anderen in Verbindung zu setzen und dabei das schwindelerregende Gefühl online zu sein, zu genießen, obgleich uns traurigerweise bewusst ist, dass wir eigentlich offline sind. Eine Illusion von Internet der wir, solange der WLAN-Empfänger unseres Computers eingeschaltet ist, unterliegen.

Genauso ist es auch mit den audiovisuellen Paketen. Zwischen den Dutzenden von heruntergeladenen Ordnern von Serien und Filmen findet man auch einige Nachrichtensendungen und Zeitschriften. Mit einem Klick kann man feststellen, dass nur wenige es riskieren wollen für das Verbreiten von kritischem Material Schwierigkeiten mit der Regierung zu bekommen, so dass die Verteiler des sogenannten Combos die nötigen Mautgebühren zahlen, indem sie auch Kopien der Tageszeitung Granma, Nachrichten aus dem kubanischen Fernsehen und Kopien von digitalen Artikeln von Provinzzeitschriften hinzufügen. Doch… wie schon einmal ein Filmschauspieler sagte: „auch im trockenen Laub findet man Goldklümpchen“. In diesem Sammelsurium gibt es auch etwas von der Musik, der Comedy und dem privaten Sektor gewidmeten unabhängigen Veröffentlichungen, deren neue Ausgabe von den Zuschauern jedes Mal sehnsüchtig erwartet wird.

Diejenigen, die schon das Kuba der Zukunft vor sich sehen, würden gut daran tun in dieses Kuba der Gegenwart einzutauchen.

Achtung! Eine Möglichkeit einer großen Zahl Kubanern eine Idee zu vermitteln, liegt darin, sich in das Paket einzuschleichen, das Hochglanzmagazine – die Unabhängigsten der Unabhängigsten – enthält, und sich auf ein Publikum konzentriert, die sich beim bloßen Lesen schon ein ganz anderes Land vorstellen. Deshalb findet man dort viele lebhafte Farben, ein sorgfältiges Design, Bilder von köstlichen Gerichten, die in exklusiven Restaurants serviert werden oder Interviews mit bekannten Sängern. Es wird in keinem der Artikel über Politik gesprochen und doch verneint jeder einzelne veröffentlichte Artikel die Ideologie der Machthaber. Veröffentlichungen wie „Wie werde ich zu einem Unternehmer“, bis hin zu Leitfäden zum Unternehmenserfolg über einfache Anleitungen, um die besten Churros im Stadtviertel zu machen, vervollständigen die Auswahl an Veröffentlichungen, die immer mehr Platz in dem Paket einnehmen.

Diejenigen, die schon das Kuba der Zukunft vor sich sehen, würden gut daran tun in dieses Kuba der Gegenwart einzutauchen. Eine Wirklichkeit, die in mehr als einem Terabyte an Daten steckt und von Tür zu Tür gereicht wird. Und Rundgang durch das, was wir nicht vorgeben zu sein, sonder wirklich sind.

Übersetzung: Katrin Vallet

Was machen wir mit der Hoffnung?

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Eine Heuschrecke, die man in Kuba ‘Esperanza’ (Hoffnung) nennt. (Silvia Corbelle)

„Die Frustration entsteht immer aus einer übersteigerten Erwartungshaltung“, erklärte ich besorgt den US-Abgeordneten, die im Januar Kuba besuchten. Dieser Satz sollte ihnen aufzeigen welche großen Hoffnungen in der Bevölkerung seit dem 17. Dezember aufgekommen sind. Die Bekanntgabe der Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten hatte zur Folge, dass ein Gefühl in unser Land zurückkehrte, das Jahrzehnte lang verschollen war: die Hoffnung.

Die Erwartungen sind dagegen so hoch und schwierig zu erfüllen, dass viele wohl in kürzester Zeit wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden könnten. In der Realität ist es unmöglich solch übersteigerte Fantasien der Veränderung umzusetzen. Um die derzeitige schlechte Situation Kubas zu überwinden, benötigt man gewaltige Mittel und dringende Veränderungen. Die Zeit drängt, aber die kubanische Regierung hat noch keinen wirklich politischen Willen gezeigt, damit die neue Situation einem großen Teil der Bevölkerung zu Gute kommt.

Nach dem 17. Dezember hat sich jeder Einzelne auf die Wünsche für seine Bedürfnisse und Interessensgebiete konzentriert. Ein alter Lokführer, der zusah wie die Eisenbahn, von der er einst mit so viel Stolz redete, auseinanderfiel, versichert nun: „Du wirst sehen…wir werden dann sogar einen Hochgeschwindigkeitszug bekommen. Wenn man ihn dann fragt, woher er so viel Überzeugung nimmt, versichert er: „Sobald die vielen Ausländer anfangen hierher zu kommen wird man die öffentlichen Transportmittel verbessern müssen und dann können wir uns vor den vielen Investitionen, um die Linien zu verbessern und die neusten Waggons zu kaufen, sicher nicht mehr retten“. Seine Hoffnungen haben die Form einer eisernen Schlange, die flink und funkelnd die ganze Insel durchschlängelt.

Die Erwartungen sind dagegen so hoch und schwierig zu erfüllen, dass viele wohl in kürzester Zeit wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden könnten.

Es gibt andere, bei denen nehmen die Hoffnungen die Form eines Kilobytes an. Eine junge Zwanzigjährige, die das Internet nur aus den wenigen Onlinestunden in den langsamen und teuren Internetcafés der Telekommunikationsfirma Nauta kennt, bestätigt, dass wir vor Ende des Jahres „mobile Daten auf unserem Handy haben werden“. Ihre Überzeugung basiert nicht etwa auf einer vertrauenswürdigen Information zu der sie Zugang hatte, sondern auf folgender Erklärung: „Obama hat das schon gesagt, Telekommunikationsfirmen könnten mit Kuba verhandeln, es fehlt also nichts… nichts mehr dazu, dass ich den ganzen Tag auf Facebook und in Skype bin.”

Eine große nationale Besessenheit, nämlich das Essen, hat natürlich auch seinen Platz in den Träumereien der letzten Wochen gefunden. Eine Hausfrau, die sich selbst als „müde davon, immer das Gleiche zu kochen, weil es nicht anderes gibt“ beschreibt, hat ihre Hoffnungen auf eine Lieferung von Waren aus dem Norden gerichtet. „Einige Produkte wird es wieder geben und die Gefriertruhen in den Geschäften werden nicht mehr leer sein.” Ihre klaren und direkten Vorstellungen haben diesen fast schon vergessenen Geschmack von Rindfleisch, die Form von Öl und den Geruch von einer Zwiebel, die in der Pfanne goldbraun wird.

Auch die Kleinunternehmer stehen in nichts nach. Für den Besitzer eines Luxusrestaurant im Stadtteil Vedado in Havanna hat die Hoffnung die Konturen einer Fähre, die Havanna mit Florida verbindet. „Es wird bald soweit sein und dann haben wir Autos, große Importe.und frische Zutaten für unser Menü“, erklärt er mit einer solchen Überzeugung, dass es schon fast weh tut das Gegenteil zu behaupten. Es wirkt so als ob ein komplett ausgestatteter Saal, mit Gläsern, Weinflaschen und Lampen mit gedämpften Licht das Wasser überqueren würde, um zu dem neuen Restaurant zu kommen, das er gerade neben dem Anderen baut.

Während die Erwartungen immer weiter wachsen, wie ein Ballon, der kurz vorm Platzen ist, beteiligen sich wieder Andere mit Projekten im künstlerischen und kreativen Bereich. Ein Freund, ein privater Filmproduzent, glaubt, dass „Hollywood bald hier filmen könnte und dass die talentierten kubanischen Filmemacher bald die Mittel für große Produktionen haben werden“. Für diesen Künstler des Celluloids ist „alles was fehlt ein Fingerschnippen, damit die unabhängigen  Produktionsfirmen autorisiert werden und wir Investitionen aus den USA erhalten können“.

Bei den Andersdenkenden und in der Zivilgesellschaft gibt es nicht Wenige, die sich darauf vorbereiten auch nur die kleinste Chance zu ergreifen, ihre Gruppen oder Parteien zu legalisieren. Unter all denen, die hoffen sind sie die vorsichtigste Gruppe, da sie wissen, dass die politischen Freiheiten immer die letzten sind, die ins Rollen kommen… wenn sie das überhaupt tun. Sie entwerfen ihren eigenen Übergang der „illegalen, heimlichen und heldenhaften“ Phase in eine neue Etappe einer „legalen, öffentlichen und intelligenten“ Opposition. Man darf auch nicht vergessen, dass die Hoffnungen wahrscheinlich bereits die kubanischen Akademien, Lernzentren und offizielle Institutionen erreicht haben, mit Menschen, die nun wieder ihre alte Idee, in die Politik zu gehen sobald das Einparteisystem nur noch eine böse Erinnerung ist, aus der staubigen Schublade hervorholen.

 Wenn diese Traumblase platzt

und die überschraubten Erwartungen zu einer kollektiven

 Frustration führen… Was passiert dann?

All diese Erwartungen, geboren am Tag des heiligen Lazarus und genährt von den Besuchen Abgeordneter und Vermittler aus den USA auf Kuba ,sind nun für die Regierung der Insel ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seiten verschaffen ihr diese Illusionen Zeit und die Möglichkeit, diese Ziele ans Ende eines langen Prozesses mit vielen Gesprächen zwischen den beiden Regierungen, der sich über Jahre hinziehen könnte, zu setzen. Auf der anderen Seite wird die Enttäuschung über die Nichterfüllung oder den Aufschub dieser Träume direkt auf dem Platz der Revolution in Havanna enden.

Nicht Obama wird die Wut über das Unerreichte treffen, sondern Raúl Castro. Er weiß das und in den letzten Wochen haben seine Sprecher immer wieder darauf gepocht die Hoffnungen, die durch die Straßen des ganzen Landes strömen, zurückzuschrauben. Sie versuchen vorwegzunehmen, dass alles mehr oder wieder gleich bleiben wird und man keine übersteigerten Erwartungen haben sollte. Aber nichts ist so schwer aufzuhalten wie die Träume. Der symbolische Wert, den die nun begonnene Annäherung zwischen David und Goliath hat, kann nicht in Aufrufe zur Ruhe und energische Reden, die auf eine Verlangsamung der Verhandlungen abzielen, münden.

Wenn die Monate vergehen und der Hochgeschwindigkeitszug nicht ankommt, das Internet weiterhin nicht im Bereich des Unmöglichen liegt, die Gefriertruhen in den Geschäften immer noch so leer sind, die Zölle die private Einfuhr von Produkten verbieten, das Kubanische Institut für Filmkunst und Filmindustrie (ICAIC) das Monopol der Filmproduktion behält und die Mitgliedschaft in einer Oppositionspartei noch immer Unterdrückung und ideologische Stigmatisierung zur Folge hat…wenn diese Traumblase platzt und die überschraubten Erwartungen zu einer kollektiven Frustration führen… was passiert dann? Vielleicht wird ja in diesem Moment die Kraft geboren, um die Veränderung voranzutreiben.

Übersetzung: Anja Seelmann