Der unterdrückte Protest

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Der Polizeieinsatz vor der Wohnungstür von Mónica Baró (M.B. / Facebook)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |1.Juli 2020

Es schien ein Dienstag wie jeder andere zu werden, mitten in der Zeit der Restriktionen, die Havanna wegen der Pandemie auferlegt wurden. Es ist ein Tag mit langen Warteschlangen um Nahrungsmittel zu kaufen, mit langen Wegen, weil es an öffentlichen Verkehrsmitteln fehlt und mit Anrufen bei Freunden, um zu wissen, ob sie bei guter Gesundheit sind und ob das Corona-Virus nicht an ihre Tür geklopft hat. Aber die staatliche Repression um einen friedlichen Protest zu vermeiden, sollte an diesem letzten Tag im Juni den Rahmen des Üblichen sprengen.

 Aktivisten verschiedener Richtungen hatten sich für 11Uhr morgens an der Straßenecke der Hauptstadt verabredet, die die linke Herzkammer von Havanna ist. Sie wollten sich aus verschiedenen Gründen Gehör verschaffen, besonders deshalb, weil in der letzten Woche ein junger Schwarzer durch die Hände der Polizei zu Tode gekommen war. Ein Schuss in den Rücken beendete das Leben von Hansel Ernesto Hernández Galiano. Zu diesem Totschlag kam noch die Verwirrung, dass die offizielle Presse davon kaum Notiz nahm und die Behörden das Ereignis als einen Akt der Selbstverteidigung des Polizisten rechtfertigten, indem sie Hernández als einen aggressiven Straftäter darstellten.

 Dieser Vorfall im Armenviertel Guanabacoa schürte den Volkszorn, der seit Jahrzehnten zunehmend Fuß fasst. Es handelt sich um ein soziales Übel, zu dem es aus unterschiedlichen Gründen gekommen ist. Polizeiexzesse und Rassendiskriminierung, die immer noch das Verhalten von manchen Uniformierten im Umgang mit den Bürgern kennzeichnen, sind Teil der Ursachen für diese Empörung. Hinzu kommt noch das Unbehagen an einer weiteren Verschärfung der Repression, die die Regierung praktiziert und sich dabei auf den Notstand im Gesundheitswesen wegen Covid-19 beruft. Ein Gefühl zu ersticken geht durch das Land, in dem sich die wirtschaftliche Situation in den letzte Monaten signifikant verschlechtert hat.

Es ist einfacher, den Splitter in einem fremden Auge anzuprangern, als den riesigen Balken im eigen zu sehen, der das Sehvermögen blockiert.

 Der Protest an diesem Dienstag wollte etwas von diesem Unbehagen aufzeigen, im nationalen Kontext, weil die offiziellen Medien den Tod des US-Bürgers George Floyd bis zum Überdruss ausgebeutet hatten und zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens die übertriebene Gewalt verurteilten, die im Fall des Afroamerikaners bei seiner Verhaftung in Minneapolis angewendet wurde. Dieselben informativen Kanäle und Stimmen auf der Insel, die bis vor wenigen Tagen ihre Unterstützung für die Bewegung Black Lives Matter nicht verhehlten, verharren jetzt in Schweigen und machen sich zu Komplizen, wenn es um die Kugel geht, die den jungen Kubaner traf. Es ist einfacher, den Splitter in einem fremden Auge anzuprangern, als den riesigen Balken im eigenen zu sehen, der das Sehvermögen blockiert.

 Zu der Stunde, als am 30.Juni der Protest in Havanna beginnen sollte, war der Ort des Treffens umgeben von Polizei-und Militärkräften. Die Häuser von mehreren Aktivisten wurden überwacht und man nahm mehrere Künstler und unabhängige Reporter fest. Mit diesem überproportionalen Aufmarsch unterdrückte das Regime eine Initiative, sodass nicht einmal einer der Teilnehmer an die vereinbarte Straßenecke kommen konnte. Zu den Verhaftungen gesellten sich Sperren von Telefonleitungen und verbale Drohungen. Mitten in der Versorgungskrise, die das in die Knie zwingt, sparen die Unterdrücker nicht mit Mitteln, um eine friedliche Demonstration zu verhindern.

 Stunden später begannen die ersten Freilassungen, aber der Dienstag hatte sich schon zum Schlechten gewendet.

Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika veröffentlicht.

 

Historische Revision und „unberührbare“ Kubaner

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Ein Flachrelief von Fidel Castro auf dem Platz der Revolution „Ignacio Agramonte“ in Camagüey. (Mi comarca/Aymee Amargós Gorrita)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 22. Juni  2020

Es sind Zeiten, in denen man Statuen von Plätzen entfernt, historische Namen hinterfragt und intensive Debatten über die Art und Weise führt, wie wir die Vergangenheit sehen, aber – wie bei so vielen anderen Tendenzen – kommt diese Kontroverse, die sich weltweit verbreitet, kaum nach Kuba. In einem Land mit zu vielen „unberührbaren“ öffentlichen Personen, ist es eine ferne Utopie, an einen Revisionsprozess der nationalen Ereignisse und Vorkommnisse im letzten halben Jahrhundert auch nur zu denken.

 Wir leben in einer Nation, wo eine Debatte über offizielle Gesichter und Kritik an Regierungsentscheidungen schon so lange verweigert wird, dass wir von festgefrorenen und sakrosankten Themen umgeben sind, die sich jeder Diskussion seitens der Zivilgesellschaft entzogen haben. Weil man nichts hinterfragen kann, können nicht einmal Humoristen Karikaturen über Parteiführer, Funktionäre oder Minister publizieren. Im Unterschied zu dem, was in anderen Teilen der Welt geschieht, wo man Büsten entfernt, sind wir hier von „lebenden Statuen“ umgeben, die nicht einmal ein Hauch von Kritik treffen darf.

 Trotzdem, dieses andauernde und obligatorische Schweigen zu so vielen wichtigen Fragen wird nicht verhindern, dass diese Diskussion eines Tages stattfindet; der verzögerte Beginn kann sogar stimulierend die Polemik befördern. Eine der dann intensivsten wird zweifellos die Person von Fidel Castro treffen, der in einem zukünftigen Kuba im Mittelpunkt von Schmähungen stehen wird. Es kann nicht sein, dass er diese Kontroverse und die unterschiedliche Beurteilung seines Handelns heil übersteht. Alle Versuche, ihn offiziell für sakrosankt zu erklären, um eine eingehende Prüfung zu vermeiden, werden so gut wie nichts nützen, wenn auf der Insel demokratische Winde wehen.

Castros Schicksal wird nicht die Zerstörung einer Bronzefigur sein, sondern ein historisches Urteil über eine Person und ein System.

 Weil er diesen öffentlichen Pranger vielleicht ahnte, zog es Castro vor, von Statuen Abstand zu nehmen, obwohl es auf zahlreichen Plätzen des Landes diverse Flachreliefs mit seinem Gesicht gibt. Deswegen wird sein Schicksal nicht die Zerstörung einer Bronzefigur sein, sondern ein historisches Urteil über eine Person und ein System. Es wird keine Bilder von verunstalteten Skulpturen geben, aber sehr wahrscheinlich wird man neue Ausgaben von Geschichtsbüchern drucken. Wissenschaftler werden sein politisches Testament zerreißen, und sogar die Progressisten von ehemals werden einen gesunden Abstand zwischen ihren Forderungen und jenen des Kommandanten herstellen. Auch die Diskussion über den Fortbestand seines Grabes – so nah an dem von José Martí – wird dann kommen und Leidenschaften aufleben lassen.

 Der härteste Schlag wird aber sein, wenn in Gesprächen und Erinnerungen an Castro wie selbstverständlich das Wort „Diktator“ fällt, zusammen mit „Diktatur“, um damit seine Zeit an der Macht zu bezeichnen. Diese Begriffe, dann üblich im Sprachgebrauch, verankert in der Erinnerung und bestätigt von Fachleuten, werden viele tausend Hämmer sein, die auf seine Statue schlagen, auf sein Vermächtnisses.

…Übersetzung: Dieter Schubert

Kubanische Nachrichten und die falsche Normalität

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Personen stehen weiterhin eng beieinander, ohne den nötigen Abstand einzuhalten. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 17. März 2020

Jeden Tag muss ich mich dazu überwinden, die offiziellen kubanischen Nachrichten anzuschauen. Meine Arbeit als Journalistin verpflichtet mich diese Nachrichtensendungen zu verfolgen, weil in einem Land mit einer vertikalen Nachrichtenkotrolle es Fakten und Verlautbarungen gibt, die ausschließlich über solche Fernseh-oder Rundfunkanstalten veröffentlicht werden. Obwohl ich mich immer mit reichlich Geduld wappne, wenn ich mich vor den Bildschirm setze, muss ich zugeben, dass man heute eine bittere Pille schlucken muss.

 Zur abendlichen Prime-Time sendet NTV einige gefährliche Falschmeldungen über das Coronavirus, verwandelt die Pandemie in einen ideologischen Kampf, benutzt die Katastrophe, um politisch zu konkurrieren, verneint die Fehler der „alten Weggefährten“ − während man die Erfolge demokratischer Ländern bei der Ausbreitung von Covid-19 minimalisiert oder falsch darstellt − und verbreitet Erklärungen von Funktionären, die sich mehr Sorgen um die Aufrechterhaltung der Normalität machen, als um den Schutz der Bevölkerung. All das, was Maduro und Ortega gegen die Pandemie unternehmen ist beispielhaft und sollte übernommen werden, während Merkel oder Macron ihre Länder vermutlich untergehen lassen, … so das plumpe Nachrichtenkonzept

 Der Nachrichtensprecher versichert, dass überall in Kuba „Ruhe und Disziplin“ herrschen. In seinen Reportagen und Schlagzeilen erreicht der Chauvinismus unerträgliche Höhen, wenn sich Dummheit, Arroganz, jedwedes Fehlen von Bescheidenheit und Unvernunft miteinander mischen. Auf Rechnung dieses offiziellen „informativen“ Systems geht auch der Schaden, den diese Krankheit in einem unvorbereiteten Kuba verursacht, wo man immer noch nicht die Grenzen schließt, den Unterricht nicht einstellt, Arbeitszeiten nicht verringert, Behörden nicht schließt und nicht überzeugend dazu aufruft, zu Hause zu bleiben.

   Übersetzung: Dieter Schubert

Der Käfig verkommt

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Gerade jetzt gibt es in dieser Stadt und in diesem Land viele tausend Familien, die abends ihre Kinder zu Bett bringen, ohne zu wissen, ob es für sie noch ein Morgen gibt. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ |La Habana | 4. Februar 2020

Ich wurde in einem Wohnblock im Zentrum von Havanna geboren und verbrachte dort einen Teil meiner Kindheit. Ich erinnere mich an jene Nächte, als ich zu Bett ging und den Staub von der Bettdecke schüttelte, der von der schadhaften Decke fiel. Ich erinnere mich auch, wie vorsichtig ich Treppen hinaufstieg, wenn ein Wandteil herunterzufallen drohte, auch an die Streben, die einige Bereiche abstützten und an den ständigen Geruch nach Feuchtigkeit und Abwasser, der aus den vernachlässigten Kanälen kam.

 Eine Unsicherheit, als Folge solcher Lebensumstände, bleibt ein Leben lang. Es ist ein Aufschrecken während du schläfst, mit einem Auge offen, weil Verputz von der Wand auf deinem Kopfkissen landen kann und du froh bist, wenn es dämmert und du noch atmest. Gerade jetzt gibt es in dieser Stadt und in diesem Land viele tausend Familien, die abends ihre Kinder zu Bett bringen, ohne zu wissen, ob es für sie noch ein Morgen gibt, weil ein tragendes Element nachgeben kann, eine Decke zusammenbrechen oder ein Querbalken herunterfallen kann.

 Die, die gern Politik und Alltag trennen − als ob das, was im „Palast“ geschieht, nicht auch jeden Aspekt der Gesellschaft beträfe −, muss man daran erinnern, dass viele dieser Gebäude ein ganz anderes Schicksal gehabt hätten, wenn man ihren Bewohnern schon vor Jahrzehnten erlaubt hätte, sich bei anderen als den offiziellen Stellen Hilfe zu holen, um Probleme zu beseitigen, die jeden Tag auftraten.

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Die Nachbarn steigen schwankend eine ramponierte Treppe hinauf, die aus den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts stammt und in einigen Bereichen abgestützt wird. (14ymedio)

 Aber wie ein strenger Vater will der kubanische Staat alles in der Hand behalten und für alles die Gewährleistung übernehmen. Das Resultat ist: seit einem halben Jahrhundert verkommen und verfallen die Gebäude, ohne dass man einem Bauunternehmer, einer Kooperative oder einer privaten Firma erlaubt hätte, dieses Debakel aufzuhalten, geschweige denn neue Gebäude zu errichten. Als sich bei diesem Monopol ein paar Ventile öffneten, war es schon zu spät. Darüber hinaus litten die kleinen Liberalisierungen auf dem Sektor des privaten Einzelhandels weiterhin an fehlender Autonomie, einer exzessiven Bürokratie und der staatlichen Allgegenwart, die nicht nachgab.

 All das, weil der „Große Bruder“, die Plaza de la Revolución, es für notwendig hielt, uns im Glauben zu lassen, man würde uns über den rationierten Markt nicht nur mit Vogelfutter versorgen − mit einer Zuteilung abhängig von politischen Privilegien und ideologischen Verdiensten − ,sondern uns auch ein Dach über den Kopf geben: einen elenden Käfig, der auseinanderfällt.

Übersetzung: Dieter Schubert


Die Mannschaft von 14ymedio engagiert sich für einen seriösen Journalismus, der die Realität in Kuba tiefgreifend wiedergeben möchte. Danke, dass Du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden Dich ein, uns auch weiterhin zu unterstützen, indem Du Mitglied unseres Journals wirst. Gemeinsam können wir den Journalismus in Kuba transformieren.

 

Die ‚Schwarze Liste‘ wurde aktualisiert

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Die Liste der ‚verbotenen‘ Seiten, diese Woche aktualisiert, beinhaltet auch die schon früher zensierten, unter ihnen die Tageszeitung ’14ymedio‘.

‚Radio Progreso‘
Für die Naiven, die Unwissenden, die Neulinge in den sozialen Netzen, für die, die immer noch glauben, dass der Medienkrieg gegen #Cuba eine Internet-Angelegenheit ist, für die, die das für wahr halten, was sie bei Facebook lesen,… ist dies die Liste der reaktionärsten Seiten. Seien Sie nicht überrascht, wenn Sie darunter eine Seite mit „Gefällt mir“ oder „Teilen“ finden. Das ist eine Mitteilung von ‚Radio Progreso‘, dem Sender für #Familia Cubana. Wenn Sie andere kennen, hinterlassen Sie sie uns in einer Mitteilung. 14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 20. Januar 2020

 Alle autoritären Staatsmodelle, die sich gegen den politischen Wandel sperren, hatten und haben ihre Listen mit verbotener Lektüre, mit zensierten Autoren und geächteten Texten. Seit der Inquisition, weiter mit dem Nationalsozialismus, bis hin zur strikten sowjetischen Zensur,… man brauchte Konzepte für die Kontrolle der Bürger, um dem allgemein zugänglichen Wissen Grenzen zu setzen und damit schlussendlich auch dem geschriebenen Wort. Auch dem Castrismus hat es in diesen sechs Jahrzehnten nicht an einer ‚Schwarzen Liste‘ gefehlt − seiner Beziehung zum Stigma − und es fehlte ihm auch nicht an einer Strafe für den, der sich gewissen Titeln näherte, welche aus dem ‚Pantheon des Vertrauenswürdigen‘ verbannt waren.

 So geschehen mit der Literatur, mit Autoren vom Format eines Guillermo Cabrera Infante oder Reinaldo Arenas, mit Musikern wie Paquito de Rivera und Celia Cruz…und natürlich auch mit unabhängigen Pressemedien. Diese Woche hat die Liste der Webseiten, die die kubanische Bürokratie ärgern, eine Erweiterung erfahren und betrifft jetzt auch El Toque, Periodismo de Barrio, La Joven Cuba und sogar Oncuba, neue Aufnahmen ins Glossar der verbotenen Seiten. Einige Radiostationen und Blogs ergänzen diese Information mit dem Hinweis: „Für die Naiven, die Unwissenden und für die, die immer noch glauben, dass der Medienkrieg gegen Kuba eine Internet-Angelegenheit wäre.“

Es ist für uns eine Ehre, auf dieser Liste zu stehen. Darüber hinaus gilt, dass die Behörden eine nicht enden wollende Dummheit begehen, wenn sie auf Medien hinweisen, die man nicht lesen soll. Nichts ist so attraktiv, wie das Verbotene.

 Denn für alle autoritären Systeme sind die Bürger naive Kinder, denen man sagen muss, was sie tun, lesen und essen sollen, und wie sie zu denken haben. Ein System, das − wie das kubanische − bevormundet und kontrolliert, kann nicht akzeptieren, dass Individuen die Art und Weise wählen, wie sie sich informieren. Dies als Realität anzuerkennen würde bedeuten, dass das System gescheitert ist, dass der ‚Neue Mensch‘, der in den Laboratorien für soziale Alchemie erschaffen, von klein auf indoktriniert und gezwungen wurde, sich wahlweise wie ein Soldat oder ein Mönch zu verhalten…dass dieser ‚Neue Mensch‘ heute selbst entscheiden will, was er lesen, hören und sehen will.

 Die Liste der verbotenen Seiten, diese Woche aktualisiert, beinhaltet auch die schon früher zensierten, unter ihnen die Tageszeitung ’14ymedio‘, die wir als kollegiale Gruppe in Kuba herausgeben. Es ist für uns eine Ehre, auf dieser Liste zu stehen. Darüber hinaus gilt, dass die Behörden eine nicht enden wollende Dummheit begehen, wenn auf Medien hinweisen, die man nicht lesen soll. Nichts ist so attraktiv, wie das Verbotene.

Jetzt haben die Leser ein detailliertes Register zur Hand, wo sie suchen müssen, bei welchen Kanälen sie sich informieren können, welche Webseiten sie aufrufen und welche Inhalte sie nicht versäumen sollten. Zensur ist schrecklich und gefährlich, aber auch dumm. Verbote verleihen Weihe, Verfolgung endet mit Legitimierung, Verbrennen von Büchern oder Blockieren von Webseiten bewirkt, dass man sie hervorhebt und sie damit sichtbarer und bekannter werden. Im Laufe der Geschichte ist dies oft geschehen, und es geschieht gerade auch mit dem Castrismus.

Übersetzung: Dieter Schubert


Die Mannschaft von 14ymedio engagiert sich für einen seriösen Journalismus, der die Realität in Kuba tiefgreifend wiedergeben möchte. Danke, dass Du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden Dich ein, uns auch weiterhin zu unterstützen, indem Du Mitglied unseres Journals wirst. Gemeinsam können wir den Journalismus in Kuba transformieren.

‚Es ist opportun, über Opportunismus zu sprechen‘ und über andere alltägliche Masken

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In einer Gesellschaft, in der viele Angst haben, sich offen zu verhalten und frei zu sprechen, ist Opportunismus zu einer Technik der Besitzstandwahrung geworden. (Thinkstok)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 19. Dezember 2019

Masken, Tarnung und Heuchelei… in einer Gesellschaft, in der viele Angst haben, sich offen zu verhalten und frei zu sprechen, ist Opportunismus zu einer Technik der Besitzstandwahrung geworden, zu einer wahrhaften Strategie für das soziale, berufliche und politische Überleben. Vor zweiunddreißig Jahren schrieb der Journalist Reinaldo Escobar, damals Kolumnist der Zeitung ‚Juventud Rebelde‘, einen Text, der noch immer schmerzhaft lebendig ist. Sein Artikel mit dem Titel: ‚Es ist opportun, über Opportunismus zu sprechen‘, beschreibt detailliert, wie schädlich diese Praxis ist und wie weitverbreitet sie in der kubanischen Gesellschaft ist.

Escobar definiert drei Stufen, die der Opportunist durchläuft. Die erste ist der Reifeprozess, in der er das Vertrauen seiner Vorgesetzten gewinnen muss, und um dies zu erreichen, wird er zahlreiche Dinge tun müssen, die ihn als einen in der Sache treu Ergebenen zeigen, als einen disziplinierten Kämpfer und gefügigen Verteidiger der offiziellen Linie. Solche Personen kennen wir gut. Sie sind in unserer Nachbarschaft und verraten einen Nachbarn, weil er einen Sack Zement auf dem Schwarzmarkt gekauft hat. Sie beobachten, was andere im Korb haben, nachdem sie auf dem Markt waren; sie applaudieren lautstark bei Versammlungen und Amtshandlungen, oder sie hetzen bei einer „Ablehnungsaktionen“ gegen einen Dissidenten so laut, dass es scheint, als würden ihre Venen am Hals platzen.

Die zweite Stufe des Opportunisten tritt ein, wenn er beginnt, die Früchte seines unterwürfigen Verhaltens zu ernten, wenn er eine Position oder Verantwortung erhält, von der aus er seinen Chefs absolute Bewunderung zeigen wird.

Die zweite Stufe ist erreicht, wenn der Opportunist beginnt die Früchte seines unterwürfigen Verhaltens zu ernten, wenn man ihm ein Amt gibt oder eine Verantwortung, von der aus er seinen Chefs seine uneingeschränkte Bewunderung zeigen wird. Dann wird er zu dem werden, was man im kubanischen Volksmund schlicht und einfach als „guatacón“ (Lakai) oder „chicharrón“ (Schleimer) seines Vorgesetzten bezeichnet. Jetzt wird der Opportunist gefährlicher, denn, um Punkte zu sammeln und um die Anerkennung eines Oberen zu gewinnen, wird er zu vielem bereit sein: zu Beweisen von maßloser Intoleranz, zu exzessiver und vernichtenden Kritik und zu niederträchtigen Aktionen, wie jemand verpfeifen, denunzieren oder verraten.

Sobald dieser Schritt getan ist, beginnt der Opportunist die Ernte einzufahren, als Ergebnis und Prämie für so viel Unterwürfigkeit, so viel „Ja“-sagen und so viel Applaus. Wenn er in eine Machtposition berufen wird, in der er Untergebene hat, denen er befiehlt, und er Vorrechte hat, um sie zu genießen, erreicht er eine Position, die er um jeden Preis erhalten will. Es spielt keine Rolle, wie viel Doppelmoral oder Unsinn es in seinen Worten gibt, die einerseits Opfer predigen, während er andererseits in unmäßigem Komfort lebt. Er ist leicht zu erkennen, denn er ruft seine Mitarbeiter zu Sparsamkeit auf, während sein Haus voll von Waren und Haushaltsgeräten ist, die er bei seinen vielen Reisen importiert hat.

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Die Zeichnung des Karikaturisten Carlucho, die zusammen mit dem Text des Journalisten Reinaldo Escobar in der Zeitung ‚Juventud Rebelde‘ veröffentlicht wurde. (Archiv)

Das Problem ist, dass nach so vielen Jahren mit Vortäuschen, Schweigen und Andere zum Schweigen bringen, die Maske am Ende sein eigenes Gesicht ersetzt. Wenn es bei ihm jemals etwas wie Reform, Kritik oder Skepsis gab, dann werden zu viele Jahre des Täuschens diesen Geist ausgelöscht haben. Aber… ist der Opportunismus ein Übel, das es in Kuba nur bei Funktionären, Sachbearbeitern, Ministern, Parteiführern oder hohen Beamten gibt? Ganz und gar nicht, es ist eine Geißel, die weit darüber hinausgeht.

Viele von uns waren in einem Moment unseres Lebens Opportunisten, auf die eine oder andere Weise, weil wir die Maske oder das Schweigen benutzt haben, um soziale Stigmatisierung zu umgehen.

Viele von uns waren in einem Moment unseres Lebens Opportunisten, auf die eine oder andere Weise, weil wir die Maske oder das Schweigen benutzt haben, um soziale Stigmatisierung, eine Abmahnung, eine Strafe oder sogar das Gefängnis zu umgehen. Zu begreifen, dass wir alle für ein gelegentliches Vortäuschen oder einen „Biss“ verantwortlich sind, kann uns helfen, dieses Verhalten zu entlarven. Wir sollten uns nicht über andere stellen und den ersten Stein werfen, denn aus dieser Position wird es sehr schwierig, gegen dieses soziale Übel anzugehen.

Ein Opportunismus ist auch der junge Mann, der sagt: „Ich spreche nicht über Politik“ und sich in seinem Haus einschließt, um seine Zeit mit Videospielen zu verbringen und den Inhalt des wöchentlichen Medienpakts zu konsumieren, während das Kuba vor seiner Tür auseinanderfällt und er ein paar Krümel Subventionen genießt. Ein Opportunist ist der Selbstständige, der am 1. Mai mit einem Schild auf den ‚Platz der Revolution‘ marschiert und das Regime hochleben lässt, um Probleme mit den Inspektoren zu vermeiden, die sein Pizza- oder Eisgeschäft kontrollieren und überwachen.

Opportunisten sind die Patienten und ihre Familien, die schweigend die schlechten Bedingungen in einem Krankenhaus akzeptieren und lieber unter dem Tisch für eine Dienstleistung oder eine bessere Versorgung bezahlen, als laut das zu fordern, was ihnen bei einem öffentlichen Gesundheitsdienst zusteht, den wir alle aus der eigenen Tasche bezahlen. Ein Opportunist ist der Rentner als immer noch militantes Mitglied der Kommunistischen Partei, der sich in den Sitzungen seiner Organisation nicht darüber beklagt, dass seine Rente ihn zum Betteln verurteilt.

Ein Opportunist ist der, der ein Visum in seinem Pass hat, um das Land zu verlassen, der aber nicht in „Schwierigkeiten geraten“ will. Also klagt er nicht über den schlechten Zustand der Straßen und Wege, damit seine Reise nicht noch annulliert wird.

Ein Opportunist ist der, der ein Visum in seinem Pass hat, um das Land zu verlassen, der aber nicht in „Schwierigkeiten geraten“ will. Also klagt er nicht über den schlechten Zustand der Straßen und Wege, damit seine Reise nicht noch annulliert wird und sie ihn ohne Probleme ausreisen lassen. Aber es ist auch opportunistisch, wenn ein Emigrant zurückkehrt, „sich gut benimmt“, während er einige Tage bei seiner Familie verbringt, still ist und alles akzeptiert,…damit nicht passiert, dass sie ihn womöglich nicht wieder in das Land zurückkehren lassen, in dem er seinen neuen Wohnsitz hat.

Eine Opportunistin ist die Mutter, die zu ihrem Sohn sagt, er solle in der Schule nicht erzählen, dass man das verbotene Fernsehen aus Miami zu Hause über eine illegale Satellitenschüssel empfängt, während sie gleichzeitig am politischen Wandbild an ihrem Arbeitsplatz weiterarbeitet. Ebenso opportunistisch ist der Neffe des Kommandanten, des Generals oder des Ministers, der auf Kreuzfahrtschiffen oder Yachten die Welt bereist und eine Ché Guevara-Mütze trägt. Wie Sie sehen ist Opportunismus weiter verbreitet, als wir wahrhaben wollen und er berührt fast alle von uns.

Solange es die Furcht vor Repressalien oder Gefängnis gibt, weil man seine Meinung frei äußert, wird es Opportunisten geben. Solange das System den belohnt der sich verstellt, und den bestraft der kritisiert, wird Kuba eine riesige Farm bleiben, auf der Tausende, Millionen von Opportunisten ausgebrütet werden, jeden Tag.

Übersetzung: Lena Hartwig


Die Mannschaft von 14ymedio engagiert sich für einen seriösen Journalismus, der die Realität in Kuba tiefgreifend wiedergeben möchte. Danke, dass Du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden Dich ein, uns auch weiterhin zu unterstützen, indem Du Mitglied unseres Journals wirst. Gemeinsam können wir den Journalismus in Kuba transformieren.

 

Lazarus, der mit den Hunden

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Die kubanischen Behörden bereiten ein Gesetzesprojekt zum Schutz der Tiere vor. (Barry)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |17. Dezember 2019

Er hält an, schöpft Atem und zieht dann erneut seinen Stein hinter sich her. Der Pilger ist einer von Hunderten, die am Montag ihren mühsamen Weg antraten, von Havanna aus zum Heiligtum Rincón. Sie setzen sich in Bewegung wegen ihrer Verehrung des heiligen Lazarus*), des Beschützers der Kranken und Hilflosen. Auf ihrem Weg werden sie auf Dutzende von verlassenen und misshandelten Tieren treffen, die die ganze Gegend bewohnen. Wieviele der Gläubigen werden ihr Brot oder ihr Wasser mit diesen Hunden teilen, die den Begleitern des verehrten Abbildes des alten Leprakranken so ähnlich sind?

 Am Abend dieses 17. Dezembers kündigten die offiziellen kubanischen Medien an, dass ein Gesetzesprojekt zum Schutz von Tieren vorbereitet werde. Die neuen Verordnungen beinhalten die Bestrafung von Misshandlung, außerdem die Registrierung, Überwachung und Identifizierung von Haustieren und die Kontrolle ihrer Vermarktung. Eine langersehnte Nachricht, die die Aktivisten mit gemischten Gefühlen aufgenommen haben.

Die neuen Verordnungen beinhalten die Bestrafung von Misshandlung, außerdem die Registrierung, Überwachung und Identifizierung von Haustieren und die Kontrolle ihrer Vermarktung.

 Nach so vielen Jahren von Forderungen und Klagen, verstärkt während der letzten Monate dank der sozialen Medien, bedeutet die Vorbereitung eines Gesetzes zum Schutz der Tiere in Kuba zweifellos einen Sieg des Tierschutzvereins. Er hat nicht nur unermüdlich Forderungen gestellt, sondern sich auch organisiert, um das Leid von vielen verlassenen, kranken und überfahrenen Hunden und Katzen zu lindern, denen sie das Leben gerettet und für die sie ein Heim gefunden haben.

 Obwohl sie ihre Arbeit ohne rechtliche Anerkennung durchführten, gelang es diesen Gruppen kleine Refugien zu schaffen, Sterilisationen vorzunehmen und Tieradoptionen anzubieten, für unzählige Haustiere, die andernfalls unter den Rädern eines Fahrzeugs geendet und langsam auf der Straße gestorben wären, unter den gedankenlosen Blicken der Vorübergehenden oder grausam geopfert im staatlichen Programm der Tierkrankheitsbekämpfung. Jetzt besteht Hoffnung, dass unabhängige Organisationen wie „Kubaner verteidigen Tiere“ (CEDA) und „Tierschutz in der Stadt“ (PAC) die künftigen gesetzlichen Rahmenbedingungen nutzen können, um ihre Arbeit mit größerer Effektivität und Tragweite durchzuführen.

 Es gibt jedoch eine Sache, die diesen Optimismus trübt: der Mechanismus, um eine Gesetzesvorlage in trockene Tücher zu bringen und zu genehmigen, ist beklemmend langsam und mit vielen bürokratischen Hürden versehen, doch genau jetzt gibt es Tausende von leidenden Tieren in diesem Land, für die die neuen Regularien zu spät kommen werden. Hinzu kommt noch, dass in einem ziemlich großen Teil der Bevölkerung eine tiefe Geringschätzung des Lebens von Pferden, Maultieren, Schweinen, Hunden, Katzen und anderen Tieren, die es in der Natur gibt, vorherrscht. Weder im Schoß vieler Familien noch in den Schulen gibt es eine Kultur, die den Respekt vor diesen Lebewesen fördert.

 Man sieht häufig Kinder, die von klein auf die Zweige eines Baumes mutwillig abreißen, ohne dass jemand davon Notiz nähme, Katzen mit Steinen bewerfen, streunende Hunde quälen, Eidechsen zerquetschen, Vogelnester zerstören und sich brüsten, mehrere Frösche auf einen Streich getötet zu haben. Gewalt gegen und Misshandlung von Tieren, die man in Kuba zu sehen bekommt, offenbaren die Unmenschlichkeit und den Verlust von ethischen Werten, der sich in den letzten Jahrzehnten verschlimmert hat, mit den sozialen Experimenten zur Schaffung eines neuen Menschen. Das führte dazu, dass der in den meisten Fällen keinen Respekt mehr vor der Natur hatte und unfähig war, sensibel zu reagieren, wenn ein Hund oder eine Katze sie „mit Tränen in den Augen um ein liebes Wort bittet“, wie der Schriftsteller Jorge Zalamea sagen würde.

Das merkt man bei Leuten, die fähig sind, ein Tier auf der Straße auszusetzen, weil sie in den Urlaub fahren und es nicht mehr brauchen können, als wäre ein Hund wie ein Paar Schuhe, die man in den Müll wirft, wenn sie nicht mehr taugen.

 Einen Teil unserer Menschlichkeit haben wir auf dem Weg eingebüßt. Das merkt man bei Leuten, die fähig sind, ein Tier auf der Straße auszusetzen, weil sie in den Urlaub fahren und es nicht mehr brauchen können, als wäre ein Hund wie ein Paar Schuhe, die man in den Müll wirft, wenn sie nicht mehr taugen. Das sind dieselben Leute, die ihre Katze, die sie ihr ganzes Leben begleitet hat, mitten auf dem Land aussetzen, weil sie nun alt ist. Das tun sie vor ihren Kindern, die, sobald sie erwachsen sind und ihr Vater alt ist, einen Platz suchen werden, wo sie ihn lassen können und sich nicht um ihn kümmern müssen.

Ein Großteil der Pilger, die sich diesen Dienstag, dem Tag des frommen Sankt Lazarus oder Babalú Ayé, auf den Weg machen, werden Kerzen anzünden oder große Beträge ausgeben, um für ein Gelübde zu zahlen. Sie ziehen kilometerweit schwere Steine hinter sich her, ohne zu bemerken, dass die Fütterung und die Aufnahme eines zurückgelassenen Hundes vielleicht eine bessere Ehrerbietung wäre, für den Alten mit den Krücken und mit den Straßenhunden, die ihm die offenen Wunden lecken.

       Übersetzung: Iris Wißmüller

Anmerkung der Übersetzerin:
In der Bibel findet man 2 Personen mit Namen Lazarus: Den „Lazarus von Bethanien“, der von Jesus von den Toten auferweckt wurde, und den leprakranken Lazarus im „Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus“.


Die Mannschaft von 14ymedio engagiert sich für einen seriösen Journalismus, der die Realität in Kuba tiefgreifend wiedergeben möchte. Danke, dass Du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden Dich ein, uns auch weiterhin zu unterstützen, indem Du Mitglied unseres Journals wirst. Gemeinsam können wir den Journalismus in Kuba transformieren.

 

Nostalgie, die unverzichtbare Zutat zur kubanischen Weihnachtszeit

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Nostalgie empfinden wir für die, die uns fehlen; für das, was wir nicht auf dem Tisch haben und für das, was sie uns genommen haben. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 25. Dezember 2019

Wenn ich eine unverzichtbare Zutat zur kubanischen Weihnachtszeit wählen sollte, dann wäre es die Nostalgie. Nostalgie für die, die ausgewandert sind und nicht mehr am Familientisch sitzen, Nostalgie für eine verlorene, weit zurückliegende Zeit, an die sich Hochbetagte in diesen Tagen erinnern, Nostalgie sogar für jene, die wie wir in einem Kuba geboren wurden, in dem ein extremer Atheismus herrschte. Wir verloren für lange Jahre die Feiertage, und heute spüren wir sogar Nostalgie für das, was sie uns in unserer Kindheit geraubt haben.

Für die Kubaner war das Jahr 2019 ein schwieriges Jahr. Die Wirtschaft stagnierte und versank im September außerdem in einer Energiekrise, die die Bürokratie als „konjunkturbedingt“ bezeichnete, die uns aber ständig Alltagsprobleme bescherte: bei Transportmitteln, bei der Lieferung und Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und bei der landwirtschaftlichen Produktion. Daher konnten viele von uns während der Weihnachtszeit nicht in eine andere Provinz reisen, um dort Heiligabend mit ihren Verwandten zu feiern, wie sie es traditionell jedes Jahr tun.

Auch die Preise für Nahrungsmittel sind gestiegen, trotz der offiziellen Anstrengungen die Preise stabil zu halten, oder Höchstpreise für bestimmte Produkte festzulegen.

Auch die Preise für Nahrungsmittel sind gestiegen, trotz der offiziellen Anstrengungen die Preise stabil zu halten, oder Höchstpreise für bestimmte Produkte festzulegen. Derart, dass das traditionelle Weihnachtsessen mit Schweinebraten, Reis, Maniok mit Mojo und Salat für den Geldbeutel vieler Familien unerschwinglich wurde und sie sich mit bescheideneren Gerichten zufrieden geben mussten. Aber ein Gutteil der kubanischen Bevölkerung konnte am Weihnachtsabend auf besondere Art und Weise essen (und wird es auch an Silvester tun können), dank eines emigrierten Familienangehörigen, der die Rechnung für die Feiern bezahlt hat.

Wer über konvertible Geldmittel verfügt, wer Geldüberweisungen erhält, wer ein privates Geschäft hat oder häufiger ins Ausland reisen kann, wird die Festtage mit traditionellem Nougat, einer Flasche Wein und sogar einigen Weintrauben bereichern können. In den Häusern von hohen Funktionären und den Mächtigen der kommunistischen Partei wird es vermutlich Bankette geben, Rum und Bier werden fließen; man entkorkt die eine oder andere Flasche Champagner und lässt die „mehr als 60 Jahre an der Macht“ hochleben.

Aber auch das, in vielen kubanischen Häusern ereignet sich in der Nacht des 24. Dezembers nichts Besonderes, weil, nach einer jahrzehntelangen Unterbrechung der Weihnachtsfeiern, viele Familien die Feierlichkeiten auf den 31. Dezember verschieben, den Tag des Hl. Silvester. Wenn eine Tradition verdrängt, unterbrochen und eingeschränkt wird, dann dauert es viele Jahre, um sie neu zu beleben oder wieder ins Leben der Menschen zu integrieren. Der Fall Weihnachten 1997: nur in diesem Jahr bekamen wir Kubaner den 25.Dezember als Feiertag zurück, wenige Tage bevor Papst Johannes Paul II zu einem historischen Besuch auf die Insel kam. Nur 22 Jahre sind seitdem vergangen, wenig Zeit dafür, dass sich eine Tradition wieder verwurzelt.

Dennoch, einige Bräuche zum Jahresende sind geblieben: am 31. Dezember schüttet man um Mitternacht Wasser von Balkonen, aus Fenstern, aus Türen und von Terrassen.

Dennoch, einige Bräuche zum Jahresende sind geblieben: am 31. Dezember schüttet man um Mitternacht Wasser von Balkonen, aus Fenstern, aus Türen und von Terrassen; damit will man das zu Ende gehende Jahr von allem Bösen reinigen, damit das neue Jahr frei von Problemen beginnen kann. Für 2020 wird uns dazu viel Wasser fehlen, weil die wirtschaftlichen Prognosen für das Land nicht schmeichelhaft sind und der Starrsinn der Regierenden darauf hinweist, dass sie die staatliche Kontrolle über viele produktive Sektoren aufrecht erhalten werden, genauso wie die erwiesene Ineffizienz dieses Staatsmodells. Die politische Unterdrückung wird weitergehen, denn nur mit Knebel und Strafe kann sich eine Partei an der Macht halten, die sich uns mit Gewalt aufgedrängt hat und die versucht, die Pluralität von Trends und Stimmen zu unterdrücken, die es auf der Insel gibt.

Andere verbrennen am 31. Dezember eine Puppe aus alten Kleidern und Stroh, ein symbolischer Akt für die Vernichtung des Negativen und Alten, ehe denn das neue Jahr beginnt. Aber in den letzten Jahren hat sich ein anderer Brauch verbreitet: man verlässt das Haus mit einem Koffer, dreht eine Runde um den Wohnblock, oder macht einen Streifzug durch die Straßen oder das Stadtviertel, in dem man wohnt. Es ist ein Ritual; es soll eine Reise anlocken, oder ein Visum, oder eine Einladung, um das Land verlassen zu können und um − vermutlich − nicht zurückzukehren. Auf dieser Insel, die auf der Flucht ist, sehen wir immer mehr Menschen, die in der letzten Nacht des Jahres dieses Gepäckteil herumtragen.

Zu diesem Dezember gesellt sich noch, dass wir im Countdown sind, für eine einheitliche Währung.

Zu diesem Dezember gesellt sich noch, dass wir im Countdown sind: eine Vereinheitlichung des Währungssystems steht an, eine Lohnreform und das Ende von verschiedenen Beihilfen, was für die ärmsten Familien Reserven ein harter Schlag sein wird. Deswegen ist „Unsicherheit“ das entscheidende Wort für das jetzt beginnende Jahr. Das Gefühl, zu viele Frage und zu wenige Antworten zu haben, ist für viele Familien während dieser Weihnachtszeit bedrückend. Aber, ich wiederhole mich, Nostalgie ist die wichtigste Zutat für die Festtage; Nostalgie ist ein unerwünschter Gast und das wichtigste Thema an den Feiertagen.

Nostalgie empfinden wir für die, die fehlen; für das, was wir nicht auf dem Tisch haben und für das, was sie uns genommen haben. Nostalgie spüren wir auch bei dem, was wir sein könnten.

       Übersetzung: Dieter Schubert

Weihnachtsferien, ein Sieg der kubanischen Studenten

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Noch vor ein paar Jahrzehnten wäre es in Kuba undenkbar gewesen, dass man den Lernenden an Weihnachten eine Pause von fast zwei Wochen gewähren würde. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 14. Dezember  2019

Es gibt Erfolge, die man lautstark feiert, mit Gesten voller Stolz über den erreichten Sieg und öffentlichem Jubelgeschrei. Andere Erfolge feiert man eher leise, um zu vermeiden, dass sie rückgängig gemacht werden oder abhandenkommen. Zu letzteren gehört die Wiedereinführung der Weihnachtsferien, ohne Fanfaren und Beifall, wie es die kubanischen Studenten in den letzten Jahren erreicht haben.

Freitag, der 20.Dezember, war ein besonderer Tag, weil in nur wenigen Klassenzimmern und Hörsälen der Insel Unterricht stattfand. Man zog die Feiern zum „Tag des Lehrers“ vor, geplant für den 22.Dezember, der heuer aber auf einen Sonntag fällt. Mit Geschenken für Lehrer und Professoren im Rahmen von Festveranstaltungen, die aus Geldmitteln der Eltern organisiert wurden, verabschiedeten sich auch die Schüler bis Neujahrsanfang von ihren Klassenkameraden.

Noch vor ein paar Jahrzehnten wäre es in Kuba undenkbar gewesen, dass man den Lernenden an Weihnachten eine Pause von fast zwei Wochen gewähren würde. Wir, die wir in den 70er, 80er und auch 90er Jahren zur Schule gingen, konnten uns nie an einer echten Zeit der Erholung während der Feiertage erfreuen. Allenfalls erreichten wir ein Fernbleiben vom Unterricht, wenn wir wegen einer oft nur erfundenen Krankheit ein ärztliches Attest hatten, oder auch wenn wir Dokumente für eine unaufschiebbare Reise in eine andere Provinz vorlegten.

Nur im Dezember 1997, wenige Tage vor dem Besuch von Papst Johannes Paul II auf der Insel, erklärte Fidel Castro den 25.Dezember zum Feiertag, zum ersten Mal nach Jahrzehnten.

Nur im Dezember 1997, wenige Tage vor dem Besuch von Papst Johannes Paul II auf der Insel, erklärte Fidel Castro den 25.Dezember zum Feiertag, zum ersten Mal nach Jahrzehnten. Danach, ganz langsam und wie Eroberer, die sich klammheimlich ein Territorium aneignen, indem sie Nacht für Nacht ein paar Zentimeter vorrücken, haben wir Kubaner eine zeitlich befristete Ruhepause erzwungen. Dahingehend, dass es an den Schulen eine stillschweigende Übereinkunft gibt, dass Schüler vom vorletzten Freitag im Dezember bis zum ersten Montag im Januar unterrichtsfrei haben – falls der nicht auf einen Feiertag fällt.

Welche gesellschaftliche Gruppe spielte bei der Wiedereinführung der Weihnachtsferien die Hauptrolle? Keine. Wurde in irgendeinem offiziellen Medium verlautbart, dass eine zweiwöchige Pause für alle Schularten im Land angeordnet wurde? Nein. Ist irgendwer auf die Straße gegangen, um zu feiern, dass er jetzt nicht zur Schule gehen muss, sondern die Festtage im Kreis seiner Familie genießen kann? Nein.

So, wie die Siege, die niemand für sich in Anspruch nimmt und über die man sich still freut, sind die Weihnachtsferien in die kubanischen Schulen zurückgekehrt. Auf diese Weise haben wir auch noch andere Erfolge angehäuft, ohne Getöse, aber unumkehrbar.

        Übersetzung: Dieter Schubert

Wir, die Übersetzergruppe von Generación Y wünschen allen unseren Lesern ein Frohes Weihnachtsfest und ein erfolgreiches Neues Jahr 2020.
Berte, Iris, Lena und Dieter

Presse oder Propaganda?

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Mehrere Generationen von Kubanern haben sich daran gewöhnt, in den nationalen Medien nur eine mögliche Version der Realität wiederzufinden. (Wikipedia)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 5. Dezember 2019

Seit Jahrzehnten leben wir Kubaner unter einem strikten Informationsmonopol, das die öffentlichen Medien in Resonanzböden der Kommunistischen Partei verwandelt hat. Anstelle von Journalismus ist das, was jeden Tag in den nationalen Zeitungen publiziert oder von Fernsehen und Rundfunk verbreitet wird, wesentlich näher an ideologischer Propaganda.

So gesehen haben mehrere Generationen sich daran gewöhnt, in den nationalen Medien nur eine mögliche Version der Realität wiederzufinden, einen eingeschränkten Teil der täglichen Geschichten und nur eine einzige „Stimme“, die versucht, über ein mehrstimmiges und vielfältiges Land zu berichten. Aus gutem Grund hat die Plaza de la Revolución die Informationsvielfalt ausgeschlossen und so die gesamte Bevölkerung zu Diskussionen ohne Nuancen verurteilt.

Aber, ist das wirklich noch Presse, oder ist es politische Werbung, die von Mikrofonen und nationalen Zeitungsseiten Besitz ergriffen hat? Zweifellos kann man das nicht mehr als „Journalismus“ bezeichnen, weil jede journalistische Arbeit unterschiedliche Quellen, Meinungen und Kriterien in Betracht ziehen und beleuchten muss, was weit über das hinausgeht, was eine einzelne Person, eine Gruppe oder die einzige Partei denkt oder erlebt.

Wir Kubaner haben so lange mit dieser „Pseudopresse“ gelebt, dass eine völlige Demontage dieses journalistischen Übels ein notwendiger Prozess ist, um informierende Medien fordern und fördern zu können, die pluralistisch, umfassend und wahrheitsgetreu berichten. Die ersten Schritte um dies zu erreichen sind: vielfältige Kriterien zu berücksichtigen, den Lesern auch andere Blickwinkel auf ein Ereignis zu vermitteln und Fakten für wichtiger als Worte zu halten.

Aber auch wir Leser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer müssen lernen, die Meinungsvielfalt zu respektieren, die eine Situation, ein Vorschlag oder eine öffentliche Person hervorrufen können.

Aber auch wir Leser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer müssen lernen, die Meinungsvielfalt zu respektieren, die eine Situation, ein Vorschlag oder eine öffentliche Person hervorrufen können. Unterschiedliche Meinungen schränken niemals ein, sondern sie geben den Beteiligten die Fähigkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden und ein Ereignis umfassender, besser durchdacht und gelassener zu beurteilen.

Presse darf nicht Propaganda im Dienst von einigen Wenigen sein und sich auch nicht wie die Puppe eines Bauchredners verhalten, die von einer Gruppe manipuliert wird und deren Losungen wortgetreu und pflichtschuldig wiederholt. Journalismus kann − wenn er gut ist − auch schmerzhaft, unbequem und ärgerlich sein. Versuchte man ihn lammfromm und formbar zu machen, nähme man ihm das, was Journalismus vom Pamphlet unterscheidet.

Wenn wir jetzt eine freie und demokratische Presse fordern, mit professionellen Standards, dann sollten wir uns darauf gefasst machen, dass dort oft über Themen publiziert wird, die uns ärgern, über Meinungen, mit denen wir nicht übereinstimmen, und dass man Stellungnahmen Raum geben wird, die unserem Standpunkt widersprechen. Es wird Tage geben, an denen wir beim Lesen der Zeitung lächeln und andere, an denen uns ein bitterer Geschmack im Mund zurückbleibt und wir Lust bekommen, darauf zu antworten und uns zu beklagen. Was wir von einem guten Journalismus erwarten dürfen, ist: dass es uns mobilisiert, uns wachrüttelt, uns über unser Urteilsvermögen nachdenken lässt und das Anderer bewertet. Wollte man der Presse diese Dornen nehmen, würde man sie auf simple Propaganda reduzieren

            Übersetzung: Dieter Schubert


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