Die nicaraguanische Presse im Auge des Wirbelsturms

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Die Unterdrückung der Presse findet inmitten einer sozio-politischen Kriese statt, die nach Demonstrationen gegen Ortega mehrere Hundert „politische Gefangene“ zurückließ. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 20. Dezember 2018

Es reichte ihnen nicht, die sozialen Proteste blutig niederzuschlagen und auch nicht hunderte Jugendliche zu verhaften, weil sie von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machten. Daniel Ortega und Rosario Murilla mussten noch weiter gehen.

Im Dezember dieses Jahres stürmte die nicaraguanische Polizei die Büros der Tageszeitung Confidencial und die der TV-Programme Esta Semana und Esta Noche, mit der Absicht, die Chronisten eines Landes zum Schweigen zu bringen, in dem die Meinungsfreiheit seit Jahren ernsthaft in Gefahr ist.

Weshalb dieser Hieb gegen die Medien? Welchen Sinn hat es, gegen Journalisten anzukämpfen und die einhellige Verurteilung durch die internationale Journalistengilde in Kauf zu nehmen? Teilweise, weil es für ein autoritäres Regime nichts Schlimmeres gibt, als gewissenhafte Berichterstattung über dessen Exzesse und genaue Informationen zu Gewalt gegen die Bevölkerung.

Ein Reporter ist für Tyrannen der Staatsfeind Nummer eins, da er es vermag Aspekte der Realität zu Papier zu bringen, die der Regierungspalast gerne unter den Teppich kehren und vor Blicken verbergen würde. Er ist der unbequeme Zeuge, bereit dazu, das zu verbreiten, was Einige nie an die Öffentlichkeit gelangen lassen wollten.

Ein Reporter ist für Tyrannen der Staatsfeind Nummer eins, da er es vermag Aspekte der Realität auf Papier zu bringen, die der Regierungspalast gerne unter den Teppich kehren und vor Blicken verbergen würde

Jetzt, nach einer weiteren Drehung an der Schraube, hat eine neue repressive Phase des „Systems Ortega“ begonnen. In dieser Etappe konzentriert sich sein Kontrollapparat darauf, jegliche Spuren von Unabhängigkeit, die der Zivilbevölkerung noch bleiben, zu zerstören. Daher bilden NGOs, zivilgesellschaftliche Gruppen und Tageszeitungen das Zentrum seiner Attacken. Alles, was der Bevölkerung dazu dienen könnte, ihre Kräfte zu vereinen und sich über die Geschehnisse auf dem Laufenden zu halten, soll vernichtet werden; zumindest ist das die Absicht des einstmaligen Guerilla-Kämpfers, der sich zu einem Tyrannen entwickelt hat.

Aus diesem Grund ist die Solidarität anderer Presseorgane und der Reporter in allen Teilen der Welt so entscheidend − vor allem in Lateinamerika. Eine Redaktion „auszuradieren“ und ihr die Arbeitsmittel zu nehmen, ist, als würde man viele Tausend Personen in einer Sekunde knebeln und hunderte Münder verschließen, damit sie kein Wort mehr sagen. In allen Redaktionen und Fernsehsendern dieser Region der Welt sollten wir diese Woche Trauerkleidung tragen, in Gedenken an unsere nicaraguanischen Kollegen und auch als Zeichen der Empörung über den gefährlichen Schritt Ortegas.

Aber vor allem müssen wir in allen digitalen Medien, gedruckten Zeitungen, Zeitschriften oder Fernsehsendern daran erinnern, dass in den instabilen lateinamerikanischen Demokratien – und sogar in den Ländern mit autoritären Regierungen – die Presse ein wichtiger Eckpfeiler war, um den Menschen eine Stimme zu geben und über das gewaltsame Vorgehen der Regierung zu berichten.

Die fragilen Republiken, die nach den Unabhängigkeitskriegen entstanden sind und die Freiheiten, die nach Militärdiktaturen wiederhergestellt wurden, wären ohne die Arbeit von Journalisten Eintagsfliegen gewesen.

              Übersetzung: Lena Hartwig

Diese Kolumne wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

 

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Kampf um Kampf

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Díaz-Canel verwendet Kriegsrhetorik, wenn er von der Wirtschaft spricht. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |18.Dezember 2018

Miguel Díaz-Canel hat vor der Nationalversammlung versichert, dass „der grundlegende Kampf Kubas ein wirtschaftlicher ist“. Ein Satz, der sich einer abgedroschenen kriegerischen Metapher bedient, die im offiziellen kubanischen Diskurs der letzten 60 Jahre so sehr strapaziert wurde. Seine Worte sind Teil einer Strategie, jeden Aspekt der Realität als Schlacht, Konfrontation und ewiges Gefecht anzugehen, sei es gegen den politischen Feind, einen Hurrikan oder in diesem Fall die Wirtschaft.

Was würde passieren, wenn kubanische Beamte, sich anstelle von ständig wie Raufbolde zu verhalten, Produktion, Markt und Unternehmertum als Verbündete sehen würden, um zu helfen, zu ermutigen und zu fördern? Wie viel würde man in unserem Leben davon bemerken, wenn sie die „Waffen“ der Beschränkungen beiseitelegen, die „Gräben“ so vieler bürokratischer Absurditäten zuschütten, die „weiße Flagge“ hissen und öffentlich anerkennen würden, dass dieses System nicht funktioniert?

Der einzige Krieg, der es wert ist, in diesem Fall geführt zu werden, ist derjenige, der mit dem bedingungslosen Verzicht auf so viele gescheiterte Managementmethoden endet, die diese Insel in einen dauerhaften Konkurs gebracht haben, sie finanziell zu einer Bittstellerin machten und eine massive Flucht ihrer Kinder ausgelösten, die auf der Suche nach Wohlstands die Insel verließen. Es ist an der Zeit, einen wirtschaftlichen „Waffenstillstand“ zu beschließen, einen täglichen Frieden, der es ihnen ermöglicht, dass es keinen permanenten, harten oder anstrengenden Kampf mehr darstellt, leben zu können, mit der Eisenbahn zu reisen oder an eine Zeitung zu kommen, die nicht nur Slogans wiederholt.

             Übersetzung: Berte Fleißig

Wir, die Übersetzergruppe von Generación Y, wünschen allen unseren Lesern ein glückliches und erfolgreiches Jahr 2019.

Anja, Berte, Lena und Dieter


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Und der Tag ist gekommen…

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Es gibt nicht wenige, die in der Ankunft des Internets einen Trick der Regierung sehen, um von den gravierenden Problemen abzulenken. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 7. Dezember 2018

Pessimismus findet immer einen Platz, denn er schleicht sich überall ein. Nach sechs Jahrzehnten leerer Versprechungen, haben viele Kubaner die Ankunft des mobilen Navigierens mit Skepsis aufgenommen, und sie haben damit teilweise recht − nach so vielen Jahren der Verzögerung. Schuld daran ist das staatliche Unternehmen für Telekommunikation, die Etecsa. Es ist normal, dass sich die Begeisterung in Grenzen hält.

 Außerdem sind die stolzen Preise eine kalte Dusche und dämpfen die Freude. Seit Donnerstag dieser Woche hat das staatliche Monopol für Telekommunikation damit begonnen Datenpakete von 600 Megabyte bis 4 Gigabyte zu vermarkten, die 25% bis 100% eines mittleren Einkommens kosten. Das ist zu viel.

  Und dann gibt es die, die in der Ankunft des Internets einen Trick der Regierung sehen, um von den gravierenden Problemen abzulenken, unter denen das Land aktuell leidet: die Wirtschaft vor dem Bankrott, der private Sektor empfindlich von den regulierenden Maßnahmen gestört, die am 7.Dezember in Kraft getreten sind, und die Behörden, unfähig einen Plan für die Zukunft vorzulegen, als ob die Zukunft nicht schon durch die rigiden Artikel einer Verfassung eingeschränkt wäre, die „die da oben“ ausgebrütet haben.

 Trotzdem, obwohl alle Pessimisten und viele Skeptiker gute Gründe haben sich hinsichtlich des neuen Zugangs ins Netz reserviert zu verhalten, wäre es wichtiger und effektiver das Potential zu sehen, das sich für uns Bürger auftut. Es ist kein Brotkrumen, den sie uns da hingeworfen haben, es ist der Sieg einer Forderung, der seit langer Zeit ersehnt wurde und für den wir uns abgerackert haben.

 Es ist mehr als zehn Jahre her, dass ich mit meinem Blog Generación Y begonnen habe. Wir, die damals in die wenigen Internet-Cafés auf der Insel gingen, die ersten Weblogs eröffnet hatten und es wagten einen Twitter-Account zu erstellen, wir wurden sogleich als „Cyber-Söldner“ gebrandmarkt. Es war die Zeit, in der das Netz in der offiziellen Presse als Werkzeug der CIA bezeichnet wurde, und ein „gestörter“ Angehöriger des Militärs dazu aufrief, den „wilden Hengst Internet“ zu zähmen“.

 Auf der anderen Seite, auf der der Opposition, betrachtete man uns Blogger als „muchachos“, die es sich leicht machten, weil sie mit einem Keyboard schrieben und sich anschickten, die Insel Tweet für Tweet zu verändern. Naive „Kids“, mit einem Telefon in der Hand, die davon träumten, den Schlag eines Unterdrückers parieren zu können oder dem Platz der Revolution (Regierung) Paroli bieten zu können. Nicht wenige nannten uns „Agenten der Staatssicherheit“, nur weil die uns „erlaubte“ im Netz zu publizieren.

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Um mit einem Mobiltelefon ins Internet zu kommen, musste man zu  einem Ort mit wifi-Verbindung gehen. (14ymedio)

 Diese Zeit ist vorbei und wir haben gewonnen. Heute hat die Mehrzahl der Minister einen Twitter-Account, ohne viel darüber zu reden, und der Präsident Miguel Díaz-Canel füllt Tag für Tag seine Zeitleiste mit Slogans auf   ̶  und das im Netzwerk mit dem blauen Vögelchen. Die Etecsa, der technologische Arm des Systems, musste einen mobilen Navigationsdienst installieren, nach mehreren krachend gescheiterten Versuchen mit einem Prototyp und einer Flut von Klagen seitens seiner Kunden.

 Und heute? Ein Teil des Geldes, das die ineffiziente Etecsa mit ihrem Navigationsdienst einnimmt, wird vermutlich verwendet um Polizeiunformen zu kaufen und um offizielle „Mitarbeiter“ zu ernähren, die planen Oppositionelle und Aktivisten zu überwachen;.wir werden dennoch gewinnen.

 Sie riskieren nämlich, dass es an jeder Ecke, in jedem Dorf jemand mit einem Mobiltelefon gibt, mit dem Finger auf der Tastatur, um von einer Ungerechtigkeit zu berichten, einen korrupten Funktionär anzuzeigen oder um von unserer Realität zu erzählen, die sich so sehr von der der offiziellen Medien unterscheidet. Wir Bürger haben jetzt Zugang zu einer anderen Art von Information, die weit über die langweiligen Seiten der Granma (offizielles Presseorgan) hinausgeht.

 Ich kann mir vorstellen, dass binnen kurzem auch Kommunikation von Kubanern verschlüsselt im Internet auftauchen wird; Chat-Foren werden zu Räumen für Debatten, weil diese uns in der realen Welt fehlen. Die Staatssicherheit wird neue Überwachungs-Techniken entwickeln müssen, neue Methoden, um Millionen von Kubanern auf ihren Pfaden im Cyberspace folgen zu können.

 Auch die Privatwirtschaft wird profitieren: der Handel, im Internet einkaufen, Lieferungen ins Haus, all das wird stark zunehmen, wenngleich nicht zu erwarten ist, dass die neuen mobilen Dienste das Land aus der aktuell tiefen Krise herausführen werden; sie werden aber das Leben von vielen tausend Familien erleichtern. Wissen erwerben, Bildung via Netz, an Internet-Foren teilnehmen wird zu unserem Lebensalltag gehören  ̶  ganz allmählich jedenfalls.

 Es wird lange dauern, aber wir haben uns auf den Weg gemacht. Es hängt von uns ab, ob wir jetzt einen Trick der Regierung sehen wollen, oder ob wir weiter voranschreiten, mit dem Mut, das Internet vorteilhaft für uns zu nutzen, um so der Freiheit ein Stück näher zu kommen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

 


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Kuba -Brasilien: der Kampf der „Weißen Kittel“

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Die Ärzte, die sich entschlossen haben in Brasilien zu bleiben, können für acht Jahre nicht nach Kuba zurückkehren.

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |19. November 2018

 Der Konflikt war vorhersehbar. Seit Jair Bolsano die Wahlen in Brasilien gewonnen hat, nimmt die offizielle kubanische Rhetorik an Schärfe gegen ihn zu und stimmt die öffentliche Meinung auf einen sich anbahnenden Bruch ein.

 Der Tropfen, der für den Platz der Revolution (Regierung) in Havanna das Fass zum überlaufen brachte, waren Verlautbarungen des gewählten Präsidenten, in denen er darauf hinwies, dass er die vereinbarten Rahmenbedingungen für die mehr als 3.500 kubanische Ärzte ändern werde, die im Mais Médicos Programm in Brasilien arbeiten. In der vergangenen Woche erreichte die Spannung einen Höhepunkt, als das kubanische Gesundheitsministerium ankündigte, man würde den Vertrag kündigen und die kubanischen Experten aus dem südamerikanischen Land zurückholen. Diese offizielle Mitteilung, die in allen Nachrichtensendungen verbreitet wurde, sprach davon, dass man die Drohungen von Bolsonaro nicht hinnehmen würde; man vermied aber geschickt Bolsonaros Wortlaut in vollem Umfang wiederzugeben, besonders jenen Teil, in dem der ultrarechte Führer Brasiliens darauf bestand, dass die Ärzte ihr Gehalt in vollem Umfang erhalten sollten und ihre Familien ins Land mitnehmen könnten –  in der Zeit, in der sie im Programm tätig wären.

 Die kubanische Regierung hat aus der Entsendung von medizinischem Fachpersonal ein lukratives Geschäft gemacht. Fachleute, die man in mehr als 60 Länder entsendet, bilden die wichtigste Devisenquelle für das Land. Man schätzt, dass es sich dabei jährlich um mehr als 11.000 Dollar handelt. Im Fall Brasilien steckt Havanna 75% der 3.300 Dollar, die Brasilien jedem Arzt als Gehalt bezahlt, in die eigene Tasche; die Ärzte selbst erhalten nur den vierten Teil des Betrags. Auf ein kubanisches Bankkonto, auf das sie nicht zugreifen können, überweist man ihnen ein „monatliches Gehalt“, das etwa 60 Dollar entspricht, über das sie aber nur verfügen können, wenn zurückkehren.

 Wer aus freien Stücken das Programm Mais Médicos verlässt, wird als Deserteur betrachtet und man untersagt ihm für acht Jahr die Einreise nach Kuba. In den Jahren, in denen die Arbeiterpartei (PT, Partido de los Trabajadores) regierte, wurden Ärzte, die das Programm verlassen hatten, von der Polizei gesucht und sie konnten auf die Insel zurückgeschickt werden – wenn man denn ihrer habhaft wurde. Kein Arzt durfte seine Familie mitnehmen, um während der Mission mit ihr zusammen zu sein, und oft wohnte er in dieser Zeit in einer überfüllten Herberge, zusammen mit Arztkollegen, Krankenschwestern und medizinisch-technischem Personal.

Im Fall Brasilien steckt Havanna 75% der 3.300 Dollar, die Brasilien jedem Arzt als Gehalt bezahlt, in die eigene Tasche; die Ärzte selbst erhalten nur den vierten Teil des Betrags.

 Trotz all dieser Schwierigkeiten und trotz des geringen Verdienstes waren die Auslandsmissionen sehr begehrt, weil man Waren einkaufen konnte, die es auf den Märkten der Insel nicht gab. Darüber hinaus konnte man Kontakte knüpfen, eventuell einen Arbeitsvertrag in einer Klinik erhalten und so später privat nach Brasilien zurückkehren.

Weit über die medizinische Versorgung hinaus, die die Existenz von Mais Médicos für viele Brasilianern in den Armenvierte sicherte, versteckte sich hinter dem Programm eine politische Operation der kubanischen Regierung, mit der Absicht, der PT zu helfen und ihr die Stimmen der unteren Klassen zu garantieren. Es war klar, dass diese Art von Unterstützung mit Bolsonaro nicht weitergehen würde. So gesehen war es nur eine Frage der Zeit, bis der Castrismus seine Gesundheitsexperten aus Brasilien abziehen würde. Bleibt die Frage, wie viele von ihnen jetzt zurückkommen.

Der Präsident Brasiliens hat angekündigt, dass er allen Ärzten politisches Asyl gewähren werde, wenn sie es beantragen; es ist absehbar, dass eine ansehnliche Zahl mit Freuden davon Gebrauch machen wird. Die es tun verlieren für acht Jahre das Recht in ihr Land zurückzukehren, man wird sie Verräter nennen, und ihre Familien auf der Insel wird man vermutlich unter Druck setzten. Der Kampf der „Weißen Kittel“ hat gerade erst begonnen.

Übersetzung: Dieter Schubert

 


Dieser Text wurde ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle publiziert.

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Private kontra Staat, von Neuem und Ausgedientem

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Die Hausordnung in der alten Villa in Miramar, Havanna (14ymedio)

Hausordnung (gekürzt):

    1. Jugendlichen unter 18 Jahren ist der Zutritt verboten
    2. Es wird um angemessene Kleidung gebeten
    3. Mitgebrachte Speisen und Getränke werden beschlagnahmt
    4. Keine Haustiere
    5. Fotografieren und Filmen bedürfen der Zustimmung des Hauses
    6. Wer gegen ethische Prinzipien verstößt erhält Hausverbot

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 8. November 2018

Es trennen sie hundert Meter und ein Abgrund: das Restaurant im Herrenhaus 3.Avenida, Straße 8 im Viertel Miramar, Havanna, und – ganz in der Nähe – ein Lokal, das von Selbstständigen geleitet wird, ein Paladar. Beide servieren Gerichte und sind in wunderschönen Gebäuden mit Bögen und Säulen untergebracht, aber sie unterscheiden sich so tiefgreifend, dass sie wie zwei verschiedene Welten wirken. Das erste Restaurant wird staatlich geführt, das zweite „privat“ – ein Wort, das die Behörden vermeiden.

 In dem Kuba, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, war alles in staatlicher Hand: Cafés, Pizzerien, Zeitungskioske und Bestattungsunternehmen. Die meisten dieser Einrichtungen werden weiterhin von der Regierungsebene aus geführt; es sind sozialistische Unternehmen unter wenig effizienter Leitung. Im Bereich der Gastronomie hingegen hat sich in den letzten Jahren ein bedeutender und positiver Wandel vollzogen. Dort, wo einst der Minister für Binnenhandel den Ton angab, leiten jetzt Selbstständige den Sektor.

 Auf dieser Insel leben sie derzeit zusammen: die ansässigen „Fossilien“ der sowjetischen Ära und die Geschäfte, die auch in New York, Berlin oder Madrid wettbewerbsfähig wären. Die staatlichen Dienste, die sich nicht an die neuen Anforderungen anpassen können, befinden sich Tür an Tür mit privat geführten Betrieben. Diese versuchen sich auch ohne Großhandel über Wasser zu halten, trotz höherer Steuern und trotz der Abneigung seitens der Bürokraten der kommunistischen Partei.

 Der Untergang der staatlichen Unternehmen ist mit all seiner Brutalität im Restaurant in der alten Villa spürbar, wo eine Frau vor den Toiletten mit ein paar Münzen klimpert: eine Geste, um Trinkgeld von den Gästen zu verlangen, die den Mut haben den übel riechenden kleinen Raum zu betreten, ohne Toilettenpapier, ohne Wasser. Mehr als die Hälfte aller Gerichte auf der Speisekarte können nicht bestellt werden, ein Mangel, den die Bedienung mit der Begründung rechtfertigt, dass noch keine neuen Lieferungen von Geflügel und Pizza angekommen seien. Es gibt keine Servietten auf den Tischen und in der Küche stehen fünf überflüssige Angestellte, die mit gelangweiltem Gesicht dahinvegetieren und sich lauthals unterhalten.

Der Übergang von dem Kuba von gestern in das Kuba von morgen gleicht einem Weg von einem gescheiterten Modell hin zu einem anderen möglichen und ersehnten.

 Im Innenhof des Herrenhauses mit seinen Palmen und Baumfarnen steht ein Metallcontainer, der einen Lagerraum ersetzt. Die Pflanzen in den Beeten wirken vernachlässigt. Auf dem Zettel an einer Tür steht, dass in einem Raum im Obergeschoss Videos gezeigt werden, aber keine Filme. Auf den Tischdecken im Restaurant sieht man hier und da Flecken von Essensresten und im Fernsehen über den Tischen läuft ein Horrorfilm mit ausgeweideten Menschen, während die Stammgäste ihre Zähne in einem Hamburger versenken.

 Wenn die Gäste glauben es könne nicht schlimmer werden, veranstalten die Verantwortlichen ein „Blitzmeeting“ mit den Köchen und Angestellten, die dann die Arbeit einstellen, was einen Stau an der Theke bewirkt. Einige der Gäste beschließen – aufgrund der langen Wartezeit und der kleinen und faden Gerichte – die Straße zu überqueren und in den Paladar zu gehen, der spanische Tapas anbietet. Der Übergang von dem Kuba von gestern in das Kuba von morgen gleicht einem Weg von einem gescheiterten Modell hin zu einem anderen möglichen und ersehnten.

 “Wir haben alles was auf der Karte steht vorrätig“, sagt der Kellner stolz zu den ungläubigen Gästen, die aus dem staatlichen Restaurant geflohen sind. Keiner kann wirklich erklären, wie sie die regelmäßigen Lieferungen von Schweinefleisch, Rind und Fisch sicherstellen können, in einem Land, in dem sich im vergangenen Jahr die Unterversorgung weiter verschärft hat. Allerdings wissen alle, dass in den Koffern unzähliger Reisender ein Teil der Zutaten transportiert wird und weitere auf dem Schwarzmarkt beschafft werden. „Möchten sie die Paella mit Meeresfrüchten, Kaninchen oder Gemüse?”, fragt der Angestellte. Zwei Touristen fotografieren sich gegenseitig vor einem Plakat mit Kampfstieren; ein anderer wagt es ein veganes Gericht zu bestellen, das innerhalb von wenigen Minuten an seinen Tisch gebracht wird: abwechslungsreich und ohne eine Spur von tierischem Eiweiß.

 Ich befürchte, dass das Restaurant in der alten Villa noch viele Jahre vor sich hat, mit seiner schlechten Küche, dem schrecklichen Service und den geschmacklosen Gerichten. Ich weiß aber nicht, ob das Paladar in der Nähe überleben wird, da es die gigantische Nutzlosigkeit des ganzen Systems deutlich gemacht hat. Das kommt teuer zu stehen.

         Übersetzung: Lena Hartwig


Dieser Text wurde ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle publiziert.

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Bolsonaro und der Schatten von Lula

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In der Stichwahl hat Haddad für die Korruption bezahlt, die mit dem Namen Lula verbunden ist; Lula war sein Mentor. Davon profitierte Bolsonaro. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ |La Habana | 26. Oktober 2018

Alles ist so eigetreten, wie es die Umfragen vorhergesagt haben; der ultrarechte Jair Bolzonaro ist triumphal aus dem zweiten Wahlgang der brasilianischen Präsidentschaftswahlen hervorgegangen.

Dieser Sieg ist nicht nur auf den Überdruss von Teilen der brasilianischen Bevölkerung zurückzuführen, angesichts von Korruption und Ineffizienz der politischen Klasse, sondern auch wegen der Nähe des Kandidaten Fernando Haddad zu Luiz Inácio Lula da Silva, die zu einem Ballast für ihn wurde.

Während sich Bolsonaro über alle beschwerte, einen Feldzug gegen jedermann führte und dann bei seinen Reden ein paar Grad herunter drehte, fühlte sich Fernando Haddad in Treue mit Lula verbunden, der ihm wie ein Klotz am Bein hing. Die Irrtümer, für die der inhaftierte Ex-Präsident und auch Dilma Russeff verantwortlich waren, folgten dem Kandidaten der Arbeiterpartei (PT; Partido de los Trabajadores) wie sein Schatten.

Haddad, gefangen in der Nähe zu seinem Mentor, konnte die frühere Amtsführung der PT nicht kritisieren und somit auch keinen radikalen Wechsel versprechen. Ebenso wenig konnte er sich von der Person lossagen, die ihm den Weg zu den Präsidentschaftswahlen geebnet hatte.

Vor der Wahl hat Bolzonaro, der Sympathisant der Militärdiktatur, eine kleine Wendung in Richtung Mitte gemacht, um Ängste zu zerstreuen und um mehr Wähler aus jenen Bevölkerungsschichten für sich zu gewinnen, die es bis vor kurzem noch ablehnten, seinen Namen auf dem Stimmzettel anzukreuzen. Seine Reihen wuchsen jeden Tag mit Leuten, die die PT nicht mehr wollten und entschlossen waren, die Regierungsführung einer Gruppe an den Urnen abzustrafen, weil die anfangs eine neue Politik versprochen hatte und im Sumpf von Korruption, Vetternwirtschaft, Vorteilsgewährung und ideologischen Rowdytum endete.

Haddad, gefangen in der Nähe zu seinem Mentor, konnte die frühere Amtsführung der PT nicht kritisieren und somit auch keinen radikalen Wechsel versprechen. Ebenso wenig konnte er sich von der Person lossagen, die ihm den Weg zu den Präsidentschaftswahlen geebnet hatte. Die Strippen, an denen er hing, wurden zu offensichtlich im Gefängnis von Curitiba gezogen, und der Verdacht, dass ein Haddad auf dem Präsidentenstuhl per Dekret Lula da Silva amnestieren und in Freiheit setzen könnte, hat viele davon abgehalten ihn zu unterstützen.

Brasilien hat nicht nur einen neuen Präsidenten gewählt. Mit der Wahl von Bolsonaro versetzten die Bürger der zu autoritären Linken einen verheerenden Schlag, die in vielen Ländern Lateinamerikas vor zwei Jahrzehnten mit dem Aufstieg in höchste Regierungsämter begonnen hatte. Die Epoche, in der Lula auf einem Foto mit der Familie Cristina Fernández de Kirchner posierte, mit Hugo Chavez, Evo Morales Daniel Ortega, Rafael Correa und vielen anderen, diese Epoche erhielt an den Urnen des südamerikanischen Riesen den Todesstoß.

Bei einem so unkalkulierbaren und extremistischen Mann im Präsidentenamt, werden die Analysten nicht aufhören Alarmsignale zu senden.

Die große Frage ist, was jetzt kommt, wenn die „Abstrafung“ Geschichte ist und zum Untergang der PT geführt hat. Wird Bolsonaro sein Verhalten mäßigen können und ein Präsident für alle Brasilianer sein? Wird er Ablehnung und Dogmatismus aus seinen Reden verbannen, um zu vermeiden, dass sich die brasilianische Gesellschaft noch mehr polarisiert? Wird es ihm gelingen, die Arbeitslosigkeit zu verringern und das Land zu seiner früheren wirtschaftlichen Stärke zurückzuführen? Wird sein Mandat dazu beitragen, neue Bündnisse in Lateinamerika zu schließen, bei denen das Wohl der Bürger im Vordergrund steht und nicht Ideologien?

Die Antwort auf alle diese Fragen ist die große Unbekannte. Bei einem so unkalkulierbaren und extremistischen Mann im Präsidentenamt, werden die Analysten nicht aufhören Alarmsignale zu senden. Was immer auch passiert, ein Gutteil der Verantwortung fällt auf die Schultern von Lula.

              Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle publiziert.

 


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Pöbel bei den Vereinten Nationen

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Die kubanische Delegation bei der UNO sabotierte die Kampagne der Vereinigten Staaten zugunsten der politischen Gefangenen auf der Insel. (CubaONU)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana| 17. Oktober 2018

Anfangs mag folgende Szene vielleicht sogar nett erscheinen: eine Klassenkameradin aus der Grundschule, die beim Schreien wild mit den Armen rudert. Dann kommt die Grobheit im Gesichtsausdruck, bevor die Verkäuferin mit verzogenem Mund sagt: „Mädchen, aber warum hast du das aus dem Regal genommen, wenn wir den Artikel noch nicht mit dem Preis ausgezeichnet haben?“ Ebenso das Militär, das in der „Avenida de la Independencia“ Übungen veranstaltet, singt eine Parole, die mit dem vulgären Ausspruch „y nos roncan los cojones“ endet.

So sind mehrere Generationen von Kubanern mit der Idee aufgewachsen, dass Schreien, schlechte Worte verwenden, Andere beleidigen, verspotten und nicht sprechen lassen uns mutig, überlegen und wie „Machos“ aussehen lässt. Dazu hat zweifellos das beigetragen, was man „revolutionäre Pöbelei“ nennen kann; diese Unverschämtheit im Sprachgebrauch und in den Umgangsformen, die uns proletarischer und ärmlicher machen musste.

Innerhalb des Kodexes der sozialistischen Moral und kubanischer Grobheit wird es akzeptiert und als gut angesehen die Stimmbänder in voller Lautstärke zu benutzen, um sich in einer Diskussion durchzusetzen. Wenn noch dazu derjenige, der am lautesten brüllt einige Schimpfwörter im Zusammenhang mit den männlichen Geschlechtsorganen einbringt, wird er als Gewinner der Debatte gelobt und dafür gehuldigt, ein echter Kubaner zu sein.

Allerdings ist es einer der größten Fehler, die dieses System uns eingeflößt hat, Vulgarität mit Demut in Verbindung zu bringen. Meine Großmutter lebte ihr ganzes Leben lang in Cayo Hueso, im Zentrum von La Habana, und ich erinnere mich nicht daran, von ihr jemals ein schlechtes Wort gehört zu haben. Ich kenne unzählige Beispiele von Menschen, die nur einmal am Tag essen und ihren Kindern immer wieder Maximen wie „arm aber ehrlich“, „arm aber sauber“, „arm aber anständig“ wiederholen.

Bei mehreren Gelegenheiten musste ich das traurige Schauspiel von „Verstoβungsaktionen“ über mich ergehen lassen, bei denen ich mit wütenden Gesten und Beschimpfungen niedergeschrien wurde.

Bei mehreren Gelegenheiten musste ich das traurige Schauspiel von „Verstoβungsaktionen“ über mich ergehen lassen, bei denen ich mit wütenden Gesten und Beschimpfungen niedergeschrien wurde. Diese Situation als Individuum zu erleben ist eine Sache, die jeder auf seine Weise handhabt (ich habe viel über jene gelacht; das gebe ich zu); aber eine andere Sache ist, den Namen des Landes, in dem man lebt, mit solch rüpelhaften Verhaltensweisen verbunden zu sehen.

Ich schäme mit weiterhin für das bedauerliche Schauspiel der kubanischen Delegation bei den Vereinten Nationen. Ich weiß, dass die Delegation nicht alle Kubaner vertritt – nicht einmal die Mehrheit – aber ich kann nicht umhin daran zu denken, dass für die Anwesenden in diesem Raum und für alle jene, die die Schreie und die Schläge auf die Tische hörten und die von Zorn verzerrten Gesichter dieses „Stoßtrupps“ sahen, das das „Kuba“ ist.

Ich möchte mich für sie entschuldigen, auch wenn ich keine Spur von Verantwortung für das Geschehene habe. Ich missbillige solche Praktiken und auch das Verhalten der Regierung, die sie veranlasst hat. Ich muss mich jedoch entschuldigen, weil wir es zugelassen haben, dass diese Insel in den Händen von Menschen bleibt, die nicht die moralische Überlegenheit oder den Anstand haben, uns zu vertreten.

                Übersetzung: Berte Fleißig

 


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