Von spontaner Führung und öffentlichen Protesten in Kuba

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„Lasst uns doch so leben, wie wir leben wollen“, fordert der Mann mit bloßem Oberkörper in der Bildmitte; er steht in El Cepem, Artemisa, vor Funktionären und Polizisten mit strengen Gesichtern. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31. August 2022

Ein Mann mit bloßem Oberkörper will Funktionäre und Polizisten daran hindern die Flöße zu beschlagnahmen, auf denen Bewohner von El Cepem das kubanische „sozialistische Paradies“ verlassen wollen. Eine Frau in Santiago de Cuba sitzt vor ihrem Mobiltelefon und übt scharfe Kritik an den Devisenläden. Ein alter Mann läuft schreiend durch die Straßen von San Antonio de los Baños und schimpft auf Miguel Díaz-Canel. Einige Stunden vorher hätte niemand geglaubt, dass aus solchen Aktionen Führer hervorgehen würden; niemand auf dieser Insel hätte sie als Anführer der allgemeinen Empörung bezeichnet.

Schon seit Jahrzehnten warten die Kubaner auf führende Personen, die sich berufen fühlen der Staatsmacht entgegen zu treten, und die − wie Jeanne d’Arc − bereit sind sich zu opfern, wenn es die Sache verlangen würde. In der Erwartung solcher Personen mit einem messianischen Sendungsbewusstsein haben viele Kubaner ihr eigenes Handeln als Bürger hintan gestellt. Der Ruf von innerhalb und außerhalb der Insel nach solchen entschlossenen und autoritären Führern, vom System gefürchtet, vom Volk geliebt, und zudem gute und faszinierende Redner,… solche Erwartungen haben den Wandel in diesem Land verzögert.

Das Leben hat gezeigt, dass Personen mit Führungsqualitäten dort auftreten, wo es die äußeren Umstände erzwingen, und dass Führung von einer Person zu einer anderen wechselt, wenn es die Realität erfordert.

Trotzdem, das Leben hat gezeigt, dass Personen mit Führungsqualitäten dort auftreten, wo es die äußeren Umstände erzwingen, und dass Führung von einer Person zu einer anderen wechselt, wenn es die Realität erfordert. Gerade jetzt bereitet der aktuelle Protagonist dem kubanischen Regime arge Kopfschmerzen, denn, sobald die Regierung die „Flammen der Rebellion“ in einer Region gelöscht hat, steht sie vor einem neuen „Feuer“, das raffinierter gelegt und gefährlicher ist. In El Cepem, einer armen Gemeinde in der Nähe von El Salado, tauchte an diesem Montag ein neues Problem für den Castrismus auf, weil dem Regime charismatische Figuren und Lösungen für nationale Probleme fehlen.

Ein Mann hält eine Rede, die sprachlich ein beachtliches Niveau hat. In seiner Ansprache vermeidet er jede Anzüglichkeit und trifft damit das kubanische Regierungssystem ins Mark:

„Wenn ihr uns nicht wollt, weil wir eine illegale Gemeinschaft sind; wenn wir nicht in dieses Land passen, weil unsere Löhne nicht reichen, um in Devisenläden einzukaufen; wenn es nicht genügend Treibstoff gibt, um die thermoelektrischen Kraftwerke am Laufen zu halten“, dann „lasst uns doch so leben, wie wir leben wollen“ − fordert der Vater eines acht Monate alten Baby, der vor strengen Gesichtern von Funktionären und Polizisten steht.*)

Er hat ein Mikrofon in der Hand, während ein anderer Bewohner von El Cepem ein Sprachrohr auf der Schulter trägt, sodass man die volle und feste Stimme gut hört. Der Mann setzt alle Künste eines wahren Führers ein: er überzeugt, vereint und beschützt, und er bietet jenen die Stirn, die seiner Gruppe und seinem Stadtviertel Schaden zufügen wollen. Wie heißt er? Wie kam er zu den Wahrheiten, die er wie argumentative Pfeile auf seine Widersacher wirft − sicher und unwiderlegbar? Man muss es nicht wissen. Schon bald wird die politische Polizei eine Vergangenheit für ihn erfinden und eine Verleumdungskampagne starten, um sein Ansehen zu vernichten, so, wie sie es seit mehr als 60 Jahren tut. Aber für ein paar Minuten war er der Führer der nationalen Verzweiflung, unbestreitbar.

„Hören wir nun seine Stimme“. Jeder von uns kann zu gegebener Zeit Stammesführer, Direktor, Rektor, General oder Präsident sein.

Ein Hinweis: Yoani Sánchez integriert ein Video in ihre Kolumne, das die im Abschnitt *) beschriebene Situation optisch und akustisch dokumentiert. Das obige Foto ist ein Standbild aus diesem Video.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Der Brand in Matanzas ist gelöscht, aber das Drama in Kuba geht weiter

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Im Anschluss an jede Tragödie häufen sich die Fragen, aber nur selten werden detaillierte Ergebnisse der nachfolgenden Untersuchungen auch veröffentlicht. (Prensa Latina)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 12.August 2022

Der Himmel über Havanna ist wieder blau, und am Terminal in Matanzas lodern die Flammen nicht mehr zum Himmel. Trotzdem geht die Tragödie weiter, und die Fragen, die wir alle uns stellen, bleiben ohne Antwort. Warum hat das Blitzableiter-System nicht funktioniert? Wer ordnete an, unerfahrene junge Männer, die ihren Wehrdienst leisten, zur Brandbekämpfung einzusetzen? Welche Reichweite hat die Umweltkatastrophe als Folge dieses Unfalls?

Im Anschluss an jede Tragödie häufen sich die Fragen, aber nur selten werden detaillierte Ergebnisse der nachfolgenden Untersuchungen auch veröffentlicht. Beim Absturz eines Flugzeugs im Mai 2018 wich man bei der Ursache auf Allgemeinplätze aus; wir mussten uns mit der vagen offiziellen Erklärung zufrieden geben, die die Verantwortung für den Unfall auf die Crew schob. Noch immer warten wir auf den Bericht der Sachverständigen zu der Explosion im Hotel Saratoga, die sich vor mehr als drei Monaten ereignete. Und bis heute erreichte uns keine sachliche Analyse, wie viele Menschen in Kuba auf dem Höhepunkt der Pandemie ihr Leben verloren, weil sie es ablehnten, sich gegen Covid-19 mit Covax Vakzinen impfen zu lasen.

Leider werden sich in Zukunft Katastrophen dieser Art häufen, weil das uneffektive und zentralistische Regierungsmodell, das in Kuba vor 60 Jahren an die Macht kam, den administrativen Herausforderungen von heute nicht gewachsen ist.

Der Mangel an Transparenz von Seiten des Regimes ist nur mit seiner Unfähigkeit zu vergleichen. Das politische System ist eine Mischung aus Geheimnistuerei und Ineffizienz, die für uns Kubaner tödlich ist: Die Verletzung von minimalen Sicherheitsvorschriften; der selbstherrliche Dünkel, der uns glauben lässt, „dass man es kann“, obwohl es nicht die geringsten Voraussetzungen dafür gibt; die Sturheit Projekte durchzuziehen, um welchen Preis auch immer ….Tag für Tag fordert das in diesem Land  Menschenleben. Leben, für die sich niemand verantwortlich fühlt, weil die Straflosigkeit der dafür Verantwortlichen absolut ist.

Leider werden sich in Zukunft Katastrophen dieser Art häufen, weil das uneffektive und zentralistische Regierungsmodell, das in Kuba vor 60 Jahren an die Macht kam, den administrativen Herausforderungen von heute nicht gewachsen ist. Sie schönen Zahlen, sie ändern Schlagzeilen der Presse, sie blähen Berichte über Produktivität auf, sie setzen sich über Sicherheitsbestimmungen hinweg, um ein Bauwerk früher einzuweihen, sie beschuldigen Dritte für den eigenen Pfusch, und sie verschanzen sich hinter ihrer Macht, um nicht für die vielen Katastrophen bezahlen zu müssen, die ihr miserables Handeln verursacht hat.

Es handelt sich nicht nur darum die Infrastruktur zu stärken, den Blitzschutz zu verbessern, die Fracht im Laderaum eines Flugzeugs sicher zu verstauen und die Gasleitung für ein Hotel zu prüfen. Um unser Leben zu schützen ist es wichtig, das politische System so schnell wie möglich abzuschaffen und so zu erreichen, dass die vielen unfähigen und unberührbaren Führer möglichst bald von ihren Sesseln Abschied nehmen.

Es war kein Blitzschlag, der den Unfall in Matanzas verursachte, sondern das tödliche Wesen dieses  kaputten und grausamen Systems.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Ein Montag, an dem Havanna Angst hatte

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Man kann nicht einmal sagen, dass es in Havanna Tag geworden wäre, weil es heute Morgen am Horizont nicht hell wurde. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 8.August 2022

Ich wachte mit Halsschmerzen auf, ging ins Bad um zu gurgeln und schaute aus dem Fenster. Am Osthimmel sah ich einen beunruhigenden Schein. In Matanzas, dem Terminal für Supertanker, brennt seit vergangenem Freitag ein Treibstofflager, ein Ereignis, das wir nicht nur im Fernsehen oder in den sozialen Netzen verfolgen. Es ist auch hier, in Havanna, wo eine dunkle Wolke mit Verbrennungsrückständen über der Stadt steht und die Menschen nach Antworten suchen, die sie nicht finden.

Meine Hündin Chiqui hebt die Schnauze, legt die Pfoten auf den Schwanz und verschwindet schließlich unter dem Sofa. Meine Mutter ruft mich an, weil sie das Haus verlassen muss und nicht weiß, welche Vorsichtsmaßnahmen sie treffen soll. Ich rate ihr eine Maske zu tragen und sich vor Nässe zu schützen, wenn es einen Wolkenbruch gibt. Im Hintergrund läuft das offizielle Fernsehprogramm; es zeigt Parteiführer bei einer Sitzung in einem klimatisierten Raum, sowie Nachrichtensprecher, die um jeden Preis zutreffende Wörter vermeiden. Man sagt nicht „Explosion“ oder „Alarm“, und man spricht nicht von „Gefahr“ oder „Bedrohung“.

Niemals glaubte ich, dass das politische Systems bei Bewältigung einer Katastrophe derart unfähig wäre, dass schlechtes Management, die Verletzung von Sicherheitsvorschriften, Nachlässigkeit und Selbstüberschätzung uns an Grenzen bringen würden.

Es gibt eine Realität und eine andere parallel dazu. Während man vor den Mikrophonen von „überwinden“ und „durchstehen“ spricht, schauen die Menschen in meinem Viertel zum Himmel und haben Angst. Man kann nicht einmal sagen, dass es in Havanna Tag geworden wäre, weil es heute Morgen am Horizont nicht hell wurde. Meine Augen brennen; wenn es einem Sonnenstrahl gelingt durch die dunkle Wolkendecke zu dringen, dann fällt auf den Terrassenboden ein eigenartiges gelbliches Licht, fast gespenstisch. Mein Kopf dröhnt; ich versuche möglichst viel Wasser zu trinken, von Trinkwasser-Reserven vor Ausbruch des Brands, weil die Regenfälle von Samstag bis heute die Reservoirs kontaminiert haben könnten.

Angesichts der Situation gehe ich meine Liste mit fragilen Personen durch. Die alte Frau um die Ecke, die seit dem frühen Morgen in der Warteschlange steht um Brot zu kaufen; der Freund, der eine Parzelle mit Gemüse hat und fürchtet, dass die vielen Rückstände in der Luft letztlich in Lebensmittel gelangen werden, und er sein Gemüse nicht mehr verkaufen kann. Dann fehlt ihm das Geld, um seine Familie und die Mutter des Sohns zu unterstützen, der seinen Wehrdienst leistet. Sie befürchtet, dass sie ihren Jungen in die Unfallzone schicken, obwohl er weder die Erfahrung noch das nötige Alter für die Bekämpfung dieses Brandmonsters hat.

Niemals glaubte ich, dass das politische Systems bei Bewältigung einer Katastrophe derart unfähig wäre, dass schlechtes Management, die Verletzung von Sicherheitsvorschriften, Nachlässigkeit und Selbstüberschätzung uns an Grenzen bringen würden. Optimistisch, wie ich von Natur aus bin, dachte ich, dass es sogar für offiziellen Pfusch eine Grenze geben müsse, oder wenigstens einen eingeschränkten Wirkungsspielraum, und dass sie nicht so vielen Menschen in so kurzer Zeit so viel Schaden zufügen könnten. Ich habe mich geirrt. Das System ist tödlich. Seine Unfähigkeit tötet, und es sind viele. Heute schreit der Himmel über meiner Stadt, dass das stimmt.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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„Hör mal zu, hier kannst du nicht durchgehen!“, schrie mich ein Wächter vor dem ‚Haus des Volkes‘ an

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Der Ort, den fast jeder Bewohner von Havanna mit einer Erinnerung verbindet, ist jetzt nur noch für Funktionäre und Wächter zugänglich. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 30.Juli 2022

Ich beeile mich. Das Sammeltaxi fuhr im Schneckentempo, ich steige aus; wenn ich nicht größere Schritte mache, werde ich zu spät zu meiner Verabredung kommen. Ich laufe durch den ‚Parque de La Fraternidad‘, überquere die Straße auf einem gesperrten Pfad, der zu den Ruinen des Hotels Saratoga führt, und komme schließlich in die Gärten des Kapitols von Havanna. „Hör mal zu, hier kannst du nicht durchgehen!“, schreit mich ein Wächter mit ernstem Gesicht an und fügt hinzu: „Zum Weitergehen musst du auf den Bürgersteig; in diesem Bereich ist der Durchgang verboten!“.

Es sind dieselben Gärten, in denen ich als Kind auf meinen ersten Rollschuhen trainierte; es ist die begrünte Esplanade, wo meine Freunde und ich uns niederließen und über unsere Zukunft sprachen, die die meisten von uns in einem anderen Teil der Welt suchten und fanden; es ist der Ort, an dem Reinaldo mit beispielloser Ausdauer fünf Stunden auf mich wartete und so unsere begonnene Beziehung besiegelte − 30 Jahre sind seitdem vergangen. Anders gesagt, es ist der Ort, den fast jeder Bewohner von Havanna mit einer Erinnerung verbindet; jetzt gehört er ausschließlich den Funktionären und Wächtern.

Es sind die Gärten, in denen ich als Kind auf meinen ersten Rollschuhen trainierte. (14ymedio)

Obwohl ich sehr in Eile bin, frage ich den Mann nach dem Grund dieses Verbots. „Ist das hier nicht das Parlament? Ist ein Parlament nicht ein Haus des Volkes? Warum ist dann der Zugang zu den Gärten für uns verboten?“. Ich frage vergebens, weil er weiter mit dem Finger auf den Bürgersteig zeigt. Nur auf dem kann ich weitergehen, wenige Meter entfernt von der leuchtenden Fassade eines Gebäudes, das jahrzehntelang verachtet wurde, inklusive Vernachlässigung, Fahrlässigkeit und Beschimpfungen von offizieller Seite. Nach seiner Instandsetzung und einer Blattgoldbeschichtung der Kuppel, ist die Regierung dazu übergegangen, das Gebäude exklusiv für sich in Anspruch zu nehmen.

Ich werde zu spät zu meiner Verabredung kommen; ich entferne mich vom Kapitol, seinem finsteren Bewacher und den exklusiven Gärten. Ich denke dabei an das Gefühl, das ich hatte, als ich zum ersten Mal Kuba verließ. Es war eine innere Unruhe, die mich fürchten ließ, dass auf irgendeinem Platz oder vor einer öffentlichen Sehenswürdigkeit ein Polizist auftauchen würde um mir zu sagen, dass ein Foto von diesem Standbild, eine Annäherung an diese Gedenktafel, oder das Berühren dieses antiken Steins ein Delikt wäre. Tage später, ohne dass ein Uniformierter gekommen wäre um mich zu beschimpfen, fiel die Last von mir ab, und ich wartete nicht mehr auf einen Pfiff, einen Schrei oder eine Geldstrafe wegen meines Verhaltens.

Gestern, am Freitagmorgen, sehnte ich mich nach dieser Leichtigkeit, als ich nicht mehr durch die gepflegten aber verbotenen Gärten des Kapitols gehen konnte.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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„Kaufe Nahrungsmittel!“, der verzweifelte Ruf, der ohne Antwort blieb

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Am vergangenen Dienstagmorgen ertönte in der Umgebung unseres Gebäudes die sonore Stimme eines Ausrufers. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 20.Juli 2022

Vorher aufgenommene und dann über Lautsprecher verbreitete Ausrufe gehören zur Geräuschkulisse im Kuba von heute. In unserem Viertel hört man jeden Tag eine bunte Vielfalt  davon: es beginnt mit dem Klassiker „Eis am Stiel!“, weiter mit „Repariere Matratzen!“, und überrascht mit „Kaufe leere Shampoo-Tuben!“. Dazu kommt, dass die aktuelle wirtschaftliche Krise ständig neue Varianten hervorbringt.

Am vergangenen Dienstagmorgen ertönte in der Umgebung unseres Gebäudes eine sonore Stimme: „Kaufe Lebensmittel!“ wiederholte ein Mann minutenlang, während er um den Häuserblock lief. Früher hätten wir die Rufe in den oberen Stockwerken unseres hässlichen Betonbaus nicht gehört, wegen des Lärms der nahen Avenue Boyeros; aber weil es an Treibstoff mangelt, hat sich der Verkehr dort verringert und damit das ständige Getöse. Also hörten wir klar und deutlich: „Kaufe Lebensmittel!“; der Ruf schmuggelte sich über Terrassen und Jalousien bei uns ein.

Kein Nachbar ging auf den Balkon um ihm zu sagen: „warten Sie doch, ich komme herunter und verkaufe ihnen etwas Brot, ein Säckchen Kartoffeln, oder einen Becher Joghurt“.

Im Verlauf einer halben Stunde bewegte sich der Rufer von der nahen Bahnlinie bis zum ständig wachsenden Müllberg an der Straßenecke Estancia und Santa Ana. Er machte Halt vor einem nahen Gebäude mit zwölf Stockwerken, wiederholte seine Rufe ein paar Meter entfernt vom weitläufigen Park des Ministeriums für Landwirtschaft, näherte sich der Warteschlage vor einem Geschäft mit rationierten Produkten, bis die verzweifelten Rufe schließlich verklangen, als der Mann in Richtung Tulipán-Straße weiterging.

Während der ganzen Zeit antwortet niemand auf sein Anliegen. Kein Nachbar ging auf den Balkon um ihm zu sagen: „warten Sie doch, ich komme herunter und verkaufe ihnen etwas Brot, ein Säckchen Kartoffeln oder einen Becher Joghurt“. Hätten andere ambulante Händler ihre Waren oder Dienstleistungen ausgerufen, wäre dies so geschehen.

Sie forderten ihn auch nicht auf Ruhe zu geben, weil bei ihnen im Haus ein Baby einschlafen sollte; nicht einmal eine Großmutter zeigte sich auf dem Balkon und schüttelte verneinend den Kopf. Es kamen auch nicht die „kampferprobten“ Aktivisten der Kommunistischen Partei, um diesen Ruf zu „bekämpfen“, der mehr Protest in sich trug, als in irgendeine Losung der Opposition.

„Kaufe Nahrungsmittel!“, wiederholte der Mann; und die Stille im Viertel sprach wortlos. Das Schweigen, in dem die Bewohner der Häuser verharrten, antwortet ihm: „Wir haben keine!“

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Erinnere dich an Sri Lanka

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Demonstrierende besetzen den Präsidentenpalast in Colombo, Sri Lanka. (EFE/EPA/Chamila Karunarathene)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 15.Juli 2022

Was hier fehlt ist ein Sri Lanka“, „erinnere dich an Sri Lanka“, „wir treffen uns am Pool…wie in Sri Lanka“ sind Sätze, mit denen in diesen Tagen Kubaner ihre Freunde begrüßen. Das asiatische Land zu erwähnen ist kein Zufall. Nach wochenlangen Protesten drangen mehrere tausend Personen in die luxuriöse Residenz des Präsidenten Gotabaya Rajapaksa ein, und zwangen ihn das Land zu verlassen.

Monatelang beschuldigten die Demonstranten die Exekutive, dass sie die wirtschaftliche Krise schlecht managen würde und verantwortlich sei, für die langen Stromausfälle und die Inflation im Land; es sind die drei Übel, die auch auf dieser Insel für Entrüstung sorgen. Es genügt, die Pressemitteilungen der ausländischen Agenturen zu lesen, die in Colombo akkreditiert sind, um die Parallelen zu sehen: den Frust der Bewohner der Hauptstadt von Sri Lanka, und den Verdruss, den man an jeder kubanischen Straßenecke hört.

Was uns betrifft, so ist der Hinweis auf Sri Lanka auch eine Form von Selbstkritik, weil wir zugeben müssen, dass es angesichts von Ineffizienz und Krisen Völker gibt, wo Menschen sich entscheiden zu schweigen und die Koffer zu packen, während andere bis ins Haus der Verantwortlichen vordringen und sie zwingen abzudanken. Es ist nicht das erste Mal, dass wir Kubaner ähnliches Geschehen in anderen Weltgegenden aufgreifen, um unsere Situation öffentlich zu machen, und nebenbei die Zensur zu umgehen.

Angesichts von Ineffizienz und Krisen gibt es Völker, wo Menschen sich entscheiden zu schweigen und die Koffer zu packen, während andere bis ins Haus der Verantwortlichen vordringen, und sie zwingen abzudanken.

Vor ein paar Jahren stand der Kabarettist Nelson Gudín mit einem Solo-Programm auf der Bühne; es hatte den Titel „Die Probleme auf Zypern“ und wurde zu einer witzigen Metapher für Kuba. Indem der Künstler auf Leitartikel in der offiziellen Presse verwies, die von politischen und wirtschaftlichen Probleme in anderen Breitengraden berichteten und die nationalen verschwiegen, machte er die Insel im östlichen Mittelmeer zu einem Synonym für Kuba.

Nach einer exzellenten Performance des Künstlers, wie man sie vom ihm erwartete wo immer er auftrat, genügte es „wie schlimm steht es doch um Zypern“ zu sagen, damit alle verstanden, dass von unserer eigenen Realität die Rede war. Bis heute haben sich in der Umgangssprache mehrere Sätze gehalten, die auf die „Situation in Zypern“ anspielen und ausländische Studenten verblüffen, die hier in Kuba ihre Spanisch-Kenntnisse perfektionieren und den Zusammenhang mit Nicosia nicht verstehen.

Jetzt ist Sri Lanka zu einem Symbol geworden, das Kuba hoffen lässt. Es ist die Macht eines Volkes, wenn seine Menschen zusammenfinden, und zugleich die Warnung an die Regierenden in olivgrün, dass kein Palast voller Annehmlichkeiten mehr sicher ist, wenn der Volkszorn ausufert. Das Wasser im präsidialen Pool wird nicht ausreichen, um die Unzufriedenheit zu besänftigen, die sich im Laufe von Jahrzehnten angesammelt hat, noch werden herrschaftliche Betten, die mit den weichen Kissen, einen massiven Protest verstummen lassen.

“ Wir sehen uns in Sri Lanka“, hat mir gestern ein Nachbar von gegenüber zugerufen. “ Wir alle sind Sri Lanka“, habe ich ihm geantwortet, während mehrere kleine Jungen auf Fahrrädern vorbeigefahren sind und den Namen des Landes wiederholt haben, den bis vor ein paar Wochen kaum jemand in Kuba kannte.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Der 11.Juli 2021 war der Tag, an dem wir die Angst hinunterschluckten

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Eine Gruppe von Demonstranten marschiert am 11.Juli durch Havanna. (Marcos Evora)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 11.Juli 2022

Niemand sah es voraus, kein Analyst nahm es in seine Prognose auf, und sogar die größten Optimisten hatten die Möglichkeit eines öffentlichen Protests auf Jahre hinaus verschoben. „Die Leute haben sich daran gewöhnt“, „die jungen Leute stürzen sich lieber ins Meer, als auf einer plaza zu demonstrieren“, „der Bürgersinn wurde amputiert“, „sie sind sanft und folgsam geworden“, das waren Sätze, die man zu uns von allen Seiten sagte. Aber der 11.Juli 2021 genügte, um alle diese Diagnosen als falsch zu entlarven, die uns als ein Volk hinstellten, unfähig seine Stimme zu erheben.

An jenem Sonntagmorgen zündete der Funke nicht in den zwei größten Städten des Landes, sondern in den Straßen von San Antonio de los Baños, in der Provinz Artemisa, in einer Gemeinde, die für ihren Humor bekannt ist, für ihre internationale Filmschule und für ihre langen Stromausfälle. Die frühesten Bilder der öffentlichen Empörung erreichten uns auf Facebook und Twitter, aber angesichts unserer Skepsis hielt sich unser Enthusiasmus in Grenzen; viele von uns dachten, dass es nur ein kleines, singuläres Ereignis wäre.

Dann erreichten die Proteste Palma Soriano in der Provinz Santiago de Cuba, Cárdenas in Matanza, und sie breiteten sich schließlich in Havanna und in vielen anderen Regionen aus. Was niemand prophezeit hatte, ereignete sich gerade. Für viele war dies einer der wichtigsten Tage in ihrem Leben, denn jeder von uns erinnert sich daran was er tat, als die Demonstrationen begannen. Wie an den Tag, an dem uns ein Sohn geboren wird, unser Vater stirbt oder sich eine Naturkatastrophe ereignet; dieser 11.Juli hat unserem Leben seinen Stempel aufgedrückt.

Aber es reicht an jenen Sonntag im Sommer zu erinnern, um zu erkennen, dass wir Kubaner nicht mehr dieselben sind.

Und dann kam die Repression, angestoßen und vorangetrieben von Miguel Díaz-Canel, der vor den Kameras des nationalen Fernsehens den „Befehl zum Kampf“ gab. Wegen dieses Aufrufs könnte er eines Tages vor einem Gericht stehen und verurteilt werden, weil er zu Gewalt aufhetzte und das Militär gegen unbewaffnete Leute vorgehen ließ. Wir haben nicht nur Uniformierte gesehen, die wütend auf Jugendliche und Teenager einschlugen, sondern auch die offizielle Presse verfolgt − die zunächst kopflos war und nicht wusste, wie sie auf die Menschen in den Straßen reagieren sollte − dann aber begann, eine andere Darstellung der Ereignisse zu verbreiten, parallel zur Realität.

In diesem Narrativ, diktiert vom Platz der Revolution, gab es nur vereinzelt gewalttätige Proteste, angeführt von Kriminellen, Vandalen und Außenseitern. Um uns diese Fiktion aufzuzwingen, benutzte die Regierung ihr Monopol bei Fernsehen, Radio und den gedruckten Zeitungen, aber die Wahrheit des 11.Juli war schon ins Bewusstsein der Menschen vorgedrungen, dank der sozialen Netzwerke und der unabhängigen Presse. Die Bilder von vielen tausend Mobiltelefonen zeigten eine Bürgerschaft, die nach jahrelanger Knebelung ihre bürgerliche Stimme erprobte. Es war der Tag, an dem wir unsere Angst hinunterschluckten, an der wir lange gekaut haben und dann bemerkten, dass es in Kuba wesentlich mehr Nonkonformisten gibt als Unterdrücker.

Nach diesen hellen Stunden, in denen die Proteste ihren anarchistischen und massiven Charakter zeigten, begann die lange Nacht der Repression, die bis heute anhält. Aber es reicht an jenen Sonntag im Sommer zu erinnern, um zu erkennen, dass wir Kubaner nicht mehr dieselben sind. Wir haben auf den Straßen geschrien, haben im Chor „Freiheit“ gerufen und der Welt gezeigt, dass wir weder feige noch fügsam sind, sondern dass nur eine kalkulierende Diktatur uns lange Zeit verwehrt hat, unsere plazas in Besitz zu nehmen. Den nächsten Aufstand kann man weder vorhersehen noch vorhersagen; aber vielleicht ist es dann das letzte Mal, dass das Regime das allgemeine Unbehagen niederschlagen kann und mit Schlägen, Schüssen und Verurteilungen antwortet. Am 11.Juli haben wir begriffen, dass die Angst die Seite gewechselt hat.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle auf Spanisch publiziert.

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Weil Lösungen für gegenwärtige Probleme fehlen, karikiert die Bürokratie das republikanische Kuba

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Kuba vor 1959: Die Elektrifizierung des Landes erreichte einen des besten Werte in Lateinamerika. (CC)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 29.Juni 2022

In dem Maße wie die allgemeine Empörung zunimmt, wegen der ständigen Stromsperren in weiten Teilen Kubas, verbreiten die Behörden alle Arten von Rechtfertigung, um die Verantwortung für die Stromausfälle weit entfernt von ihrem Management zu halten. Auch fehlen nicht oft wiederholte Sätze, die dem nordamerikanischen Embargo die Schuld geben, oder den ausbleibenden sowjetischen Subventionen nach dem Fall des Kommunismus in Europa, und – wie zu erwarten – fehlen auch nicht Anspielungen auf die republikanische Epoche Kubas als eine finstere und erbärmliche Zeit.

‚Adelante‘, die lokale Zeitung von Camagüey, hat diese Woche versucht die Gemüter zu besänftigen, indem sie ihre Leser an die Zeit vor 1959 erinnerte, als “Kuba nur 397 Megawatt generierte, verteilt auf isolierte, unverbundene Systeme, und somit typisch für ein unterentwickeltes Land. Einen Stromanschluss hatten kaum 56% der Bevölkerung“. Folgt man Daten, die man in diesem Zusammenhang erwähnen muss, war die weltweite Elektrifizierung ein Prozess, der ein paar Jahrzehnte benötigte.

Ein rhetorischer Trick mit immer weniger Wirkung, weil es die Gesellschaft müde geworden ist, dass man ihr mit der Vergangenheit Angst macht.

Der Artikel der erwähnten Tageszeitung verschweigt nicht nur dieses Detail, sondern er vermeidet es auch zu erwähnen, dass in jenen Jahren der obige Indikator einer der besten in Lateinamerika war. Angesicht der aktuellen Probleme versucht der Text bei seinen Lesern ein Gefühl der Erleichterung zu erzeugen, indem er deren aktuelle Situation mit der ihrer Großeltern vergleicht. Ein rhetorischer Trick mit immer weniger Wirkung, weil es die Gesellschaft müde geworden ist, dass man ihr mit der Vergangenheit Angst macht. Weil Lösungen für gegenwärtige Probleme und Perspektiven für die Zukunft fehlen, bleibt dem Regime nur übrig, das Kuba zu karikieren wie es war, ehe Fidel Castro an die Macht kam.

Mit dieser törichten Strategie gelang es ihnen jahrzehntelang demokratische Forderungen zum Verstummen zu bringen, indem sie versicherten, dass mit einer Öffnung der Insel die Exzesse der früheren Diktatur zurückkehren würden.

Als die Klagen sich gegen die ineffiziente Produktion von Grundnahrungsmitteln richten, beginnen die Regierungssprecher daran zu erinnern, dass Gerichte aus Maismehl, ohne irgendwelche Beilagen, während der Regierungsjahre von Machado*) auf jedem Teller waren. Es gibt Funktionäre, die es gewagt haben zu sagen, dass eine Dissidentin oder eine unabhängige Journalistin als Prostituierte gearbeitet hätte, würde sie denn in dem Kuba der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts gelebt haben.

Alle diese verbalen Kunststücke, die früher einmal Angst und soziale Lähmung hervorrufen konnten, ernten heute nur noch Spott und gießen Öl ins Feuer des sozialen Unbehagens. Die Menschen haben längst aufgehört den Kopf zu senken und den Mund zu halten, wenn man sie mit solchen veralteten Statistiken konfrontiert. Nur ein System ohne ein Morgen kann glauben, dass es die Bevölkerung eines Landes gefügig machen kann, wenn es die Gespenster von gestern aus der Mottenkiste holt.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anmerkung des Übersetzers:

Gerardo Machado war von 1925 bis 1933 fünfter Präsident der Republik Kubas. Er entmachtete politische Institutionen und etablierte eine diktatorisch und aggressiv geführte Alleinregierung. Seine Politik rief immer heftigeren Widerstand hervor, der schließlich in der erfolgreichen Demokratischen Revolution von 1933 gipfelte.

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Die ‚Entbalkonisierung‘ von Havanna

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Im Unterschied zu Berlin, für die ‚Entbalkonisierung‘ von Havanna sind nicht die Bomben eines Kriegs verantwortlich. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 18.Juni 2022

Ein Mitglied einer Berliner Akademie war sehr glücklich, als seine kubanischen Freunde zu Besuch kamen und er mit ihnen eine lange und informative Rundfahrt durch Berlin machen konnte. Bei solchen Fahrten fehlte nie die Geschichte vom allmählichen Verschwinden der Balkone, der besonders den Sektor der Stadt betraf, der nach dem Zweiten Weltkrieg unter sowjetischer Verwaltung stand. Die Bombardierungen der Stadt während des Kriegs, die Tendenz Teile von betroffenen Gebäuden zuzumauern, anstatt sie zu renovieren als Frieden war, und eine sozialistische Architektur, die sich mehr an einer praktischen als an einer schönen Bauweise orientierte, führten zu einer ‚Entbalkonisierung‘ der Hauptstadt der DDR.

Nachdem der Professor davon in allen Einzelheiten berichtet hatte, sprach er von einem eigenartigen Konzept der Stadt. Er atmete tief durch und erläuterte dann ausführlich, wie nach dem Fall der Berliner Mauer der umgekehrte Prozess einsetzte, die ‚Rückbalkonisierung‘ der Stadt. Jetzt hielt er kurz inne und versicherte, dass er nur im Zusammenhang mit diesem architektonischen Detail diesen Neologismus verwenden könne. Bei keiner anderen Gelegenheit wäre dies möglich. Daher möchte er sich bei seinen geduldigen Zuhörern ausdrücklich bedanken, dass sie ihm die Gelegenheit dazu gegeben hätten.

Im Unterschied zu Berlin ist die ‚Entbalkonisierung‘ von Havanna nicht eine Folgeerscheinung von Bomben in einem Krieg. Nachlässigkeit, der fehlende Wille zu erhalten, und die materielle Not der Besitzer vieler Gebäude haben bewirkt, dass diese architektonischen Elemente zunehmend verloren gingen und gehen, aufgrund von Mauerrissen, Verbau oder Einsturz. Mehr und mehr sieht man Fassaden, an denen Stahlstreben herausragen, die früher eine schöne Terrasse trugen, die nach außen strebte.

Die kubanische Hauptstadt wurde ‚entbalkonisiert; sie hat aber auch ihre Gebäudesimse und die mit Blumen und Blüten geschmückten Kapitelle vieler Säulen verloren. (14ymedio)

Aber es fehlen nicht nur die hundert (vielleicht auch tausend) Balkone, die auf Straßen gefallen sind, oder auf die Köpfe der Vorbeigehenden, oder auf das darunter liegende Stockwerk. Viele andere sind nicht mehr zugänglich, oder werden von den Bewohnern nicht mehr genutzt, aus Angst abzustürzen wenn man sie betritt. Was früher einmal für die Angehörigen eines Hausstands ein Bauelement für Unterhaltung und Vergnügen war, oder auch nur eine Augenfreude für die Fußgänger, ist jetzt zu einem Panikobjekt verkommen. Die Leute fürchten diese rissigen, durchfeuchteten und von Schimmel befallenen Erker.

Die kubanische Hauptstadt wurde ‚entbalkonisiert‘; sie hat aber auch ihre Gebäudesimse und die mit Blumen und Blüten geschmückten Kapitelle vieler Säulen verloren. Früher konnte man durch die Straßen gehen, ohne sich nennenswert von den überdachten Portalen zu entfernen. Heute stößt man dabei auf heruntergefallene Dachteile, die dazu zwingen auf den Gehsteig auszuweichen und im Zickzack weiterzugehen. Dem ist hinzuzufügen, dass man bei den meisten Gebäuden, die in der Zeit der sowjetischen Subventionen gebaut wurden, auf Balkone verzichtete, obwohl die in einem tropischen Land ein wichtiges Bauelement sind. Graue Mauern, kleine Fenster, und nicht einmal eine Freifläche um Wäsche aufzuhängen, das ist harte Realität, wenn man in einem dieser Betonblöcke wohnt.

Ich träume von dem Tag, an dem mein akademischer Freund Havanna wieder besucht und dieser Albtraum des Verfalls dann nur noch eine Erinnerung an die schlimme Vergangenheit ist. Ganz sicher werde ich ihm dann sagen, dass die Demokratie nicht nur ermöglicht hat, alles sagen zu können was man denkt, ohne dafür bestraft zu werden, sondern dass sie auch der Impuls für den Bau von anderen Wohnungen war, weil sie viele emigrierte Architekten ins Land zurückkehren ließ. Diese talentierten Architekten planten kühlere Häuser, die die Meeresbrise nutzten und bei den Bewohnern nicht das Gefühl auslösten, in einer Streichholzschachtel eingesperrt zu sein.

Dann werde ich es genießen ihm noch zu sagen, dass die ‚Rückbalkonisierung‘ von Havanna, der Stadt meiner Geburt, schon begonnen hat. Vermutlich wird es eine der wenigen Gelegenheiten sein, bei denen ich dieses neue Wort verwenden werde.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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In Havanna stehen nicht zwei Männer vor Gericht, sondern ein Symbol

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Otero Alcántara und Maykel Castillo in Havanna, als sie noch in Freiheit waren. (Anamely Ramos)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.Mai 2022

Der letzte Montag im Mai beginnt in Havanna mit Nebel und Nässe. Dennoch, das Tagesgespräch dreht sich nicht um den möglichen Platzregen oder um die Schwierigkeiten, in einer Stadt mit einer Treibstoffkrise vorwärts zu kommen. Im Gericht in Mariano, einem Viertel im Osten von Havanna, findet an diesem Tag eine Verhandlung statt, die viele Tausend mit Augen und Ohren verfolgen. Der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara und der Rapper Maykel Castillo Osorbo sind die Angeklagten.

In den letzten Monaten kam es zu vermehrten Anhörungen jener, die an den öffentlichen Demonstrationen im vergangenen Juli teilnahmen, oder es ergingen Urteile gegen Bürger, die in den sozialen Netzen ihre Unzufriedenheit kundgemacht hatten. Trotzdem, der Prozess in dieser Woche markiert einen Höhepunkt der Unterdrückung in diesem Land. Otero Alcántara steht vor Gericht, weil er, von anderen „Vergehen“ abgesehen, sich tagelang in die kubanische Fahne hüllte. Dies war eine künstlerische Aktion, die der Bürokratie missfiel, weil sie nationale Embleme für ihren ideologischen und parteiischen Kreuzzug exklusiv beansprucht.

Was Osorbo betrifft, so wirft man ihm vor, dass er die Person des Staatspräsidenten Miguel Díaz-Canel beleidigt hat, und dass er den Ministerpräsidenten Manuel Marreo für ausbleibende Lieferungen an die Krankenhäuser verantwortlich macht. Beide Beschuldigungen, für die die Staatsanwaltschaft sieben bzw. zehn Jahre fordert, würden in demokratischen Ländern kaum eine kleine Geldstrafe nach sich ziehen, oder in einem Rechtsstaat schlechthin kein Delikt darstellen. Beide Angeklagten erwarten monatelange Gefängnisstrafen, weil sie jetzt vor einem Gericht stehen, dessen Urteile sich eher nach den Launen von mächtigen Leuten richten, als nach der Strenge des Rechts.

Wie bei einer heißen Kartoffel: hält man sie zu lange in der Hand, verbrennt man sich die Finger; lässt man sie fallen, fängt man an zu lachen. So ist es mit dem Castrismus, in dessen Hand jetzt das Leben der beiden jungen Menschen liegt.

Um Zeichen der Solidarität mit den Angeklagten zu verhindern, stand am Morgen die Umgebung des Gerichts unter starken Sicherheitsmaßnahmen von Polizeikräften. Die Telefonleitungen von vielen Aktivisten und unabhängigen Journalisten waren blockiert, und außerdem begann in den sozialen Netzwerken eine intensive Verteufelungs-Kampagne, die versuchte, jede Art von Unterstützung von Otero Alcántara und Osorbo schon im Vorfeld zu verhindern. Aber diese Offensive bewirkte offensichtlich das Gegenteil von dem, was das Regime beabsichtigte: Bürger, die nichts von dem Gerichtsverfahren wussten, gingen der Sache nach, weil so viele Uniformierte im Stadtteil waren; und die Hartnäckigkeit, mit der man in den sozialen Netzwerken beide Angeklagten als „Kriminelle“ darstellte, hat bei den Bürgern eher Sympathie als Ablehnung ausgelöst.

Wie bei einer heißen Kartoffel: hält man sie zu lange in der Hand, verbrennt man sich die Finger, lässt man sie fallen, fängt man an zu lachen. So ist es mit dem Castrismus, in dessen Hand jetzt das Leben der beiden jungen Menschen liegt, die das Scheitern des Systems repräsentieren. Sie kommen aus bescheidenen Verhältnissen, und man dachte, dass sie das politische Modell blind begrüßen würden, das sich vor mehr als 60 Jahren in Kuba etablierte. Beide gehören Schichten der Gesellschaft an, die, so die offizielle Propaganda, am meisten von der Revolution profitierten. Stattdessen haben sie die Lügen und die Willkür der Hierarchie in olivgrün öffentlich verurteilt, wie auch die Armut in San Isidro, ihrem Viertel, und die Straflosigkeit der Polizei.

Dass man sie verhaftet hat und vor Gericht stellt beweist, dass das System von den Bürgern absoluten Gehorsam erwartet, nicht aber Kritik oder Widerspruch. So wurden Otero und Osorbo zu einem Menetekel für die Schwäche einer Bürgerschaft, der man alle Wege hin zu einer friedlichen Änderung des Status quo versperrt hat.

In den nächsten Tagen werden wir das Urteil kennen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie verurteilt werden, weil man ein Exempel statuieren will. Aber das kubanische Regime hat diese Schlacht schon verloren. Es kann zwei Männer für Jahre wegsperren; es wird ihm aber nicht gelingen das Symbol hinter Gitter zu bringen, zu dem sie geworden sind.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch veröffentlicht.

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Die Zeitung ’14ymedio‘ hat Geburtstag

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Zwei plumeria rubra, Franchipani genannt, wachsen auf der Dachterrasse der Redaktion.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 21.Mai 2022

Ich habe in meinem Leben einige wichtige Entscheidungen getroffen, auf die ich stolz bin. Die Liste wäre sehr lang; hier stehen einige der wichtigsten, um an sie an diesem Tag zu erinnern.

  • Mit 16 Jahren: sich für ein Studium der Humanwissenschaften entscheiden, trotz eines starken Hangs zu Physik.
  • Mit 17 Jahren: einen „verrückten und langhaarigen“ Journalisten kennenlernen, mit Namen Reinaldo Escobar, und mit ihm zusammenleben.
  • Mit 19 Jahren: Teo auf die Welt bringen, obwohl die meisten meiner Freunde und Bekannten sagen, dass es noch zu früh wäre Mutter zu sein.
  • Mit 26 Jahren: emigrieren und die köstliche Freiheit genießen.
  • Mit 28 Jahren: in mein Land zurückkehren, und entgegen aller Prognosen meine kritische Stimme innerhalb der Inselgrenzen erheben.
  • Mit 31 Jahren: den ersten Artikel für meinen Blog ‚Generación Y’schreiben.
  • Mit 38 Jahren: die Tageszeitung ’14ymedio‘ gründen.
  • Mit 43 Jahren: den Podcasts ‚Cafecito informativo‘ starten.

Heute, am 21.Mai 2022, feiern unsere “Vierlinge“ ihren den achten Geburtstag. So nennen wir in der Redaktion ’14ymedio‘, denn seit unsere Zeitung am 21.Mai 2014 das Licht der Welt erblickte, gab es – wie bei 4 kleinen Kindern im trauten Heim – keine ruhige Morgenstunde mehr. Wenn die Nachrichten “schreien“, ist es mit der Ruhe vorbei. In den vergangenen Jahren war unser Leben den “informativen Notfällen“ ausgeliefert, dem Auf und Ab der Realität und dem Schwindelgefühl in den Räumen der Redaktion.

Kein Grund zu jammern; ich kann mir kein besseres Leben vorstellen.

Im Monat Mai habe ich schon acht Mal die Geburtstags-Kerzen für ’14ymedio’ausgeblasen; ich bin dankbar, dass ich von so vielen fähigen Reportern umgeben bin, von unentbehrlichen Journalisten und klugen Herausgebern.

Ihr seid meine Familie, bei euch sein zu können gehört zu den besten Entscheidungen in meinem Leben; ohne jeden Zweifel.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Ein Strafgesetzbuch, um uns Fesseln anzulegen

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Die schlimmsten Teile des neues Strafgesetzbuchs betreffen den Journalismus, der nicht von der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) kontrolliert wird. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 17.Mai 2022

Das neue Strafgesetzbuch, das die kubanische Nationalversammlung verabschiedet hat und das in den kommenden Tagen in Kraft treten wird, ist ein detailliertes Kompendium der wesentlichsten Ängste der Partei. Wie jedes autoritäre Modell, sieht sich das Regime der Insel dazu gezwungen, jedes Verbot aufzulisten und alle Strafen aufzuzählen. So versucht man neuen Formen von Konfrontation und Ablehnung durch die Bürgerschaft schon im Vorfeld zu begegnen.

Wenn man zwischen den Zeilen der neuen gesetzlichen Regelungen liest und das abtrennt, was vom vorigen Gesetzbuch bezüglich Bestrafung von häufigen Delikten übernommen wurde, dann erkennt man die Panik, die den Führenden den Schlaf raubt. Die unabhängige Presse, der Aktivismus, die öffentlichen Proteste gegen das Regime, wie die vom vergangenen 11.Juli, und die Möglichkeit, dass Personen in Initiativen zusammenfinden, um ihren Widerspruch zum politischen und wirtschaftlichen System zu artikulieren…dies steht im Zentrum der Ängste, die den Platz der Revolution erbeben lassen.

Die schlimmsten Teile im neuen Gesetzbuch betreffen den nicht von der PCC kontrollierten Journalismus, weil für diese Presse damit der Zugang zu Geldern, Ressourcen und Fonds internationaler Organisationen noch mehr verteufelt wird. In einem Land, in dem eine Gruppe von Männern öffentliche Mittel nach Gutdünken einsetzt, um ihre ideologischen Propaganda-Medien zu unterstützen, versuchen dieselben Personen den unabhängigen Zeitungen und Zeitschriften die finanzielle Luft abzuschneiden, die diese zum Überleben brauchen. Nur der PCC soll die Verbreitung von informativen Inhalten erlaubt sein, mit Überwachung und der Schere der Zensur, die bereit ist alles herauszuschneiden, was der Partei nicht nützt.

Das neue Gesetz kann man eher als eine Aktualisierung betrachten, mit Blick auf eine andere Realität, als den Beginn einer beispiellosen Razzia gegen den freien Fluss von Nachrichten.

Trotzdem, die aktuelle Drehung an der Schraube hatte im ‚Knebelgesetz‘ einen Vorläufer: im sogenannten ‚Schwarzen Frühling‘ 2003 gingen deswegen 75 Dissidenten ins Gefängnis; das Gesetz wurde nie außer Kraft gesetzt. So gesehen kann man das neue Gesetz eher als eine Aktualisierung betrachten, mit Blick auf eine andere Realität, als den Beginn einer beispiellosen Razzia gegen den freien Fluss von Nachrichten. Die wachsende Popularität von informativen Portalen, um die sich unabhängige Journalisten kümmern, hält eine Diktatur in Schach, die seit Jahrzehnten mithilfe Geheimniskrämerei und der absoluten Kontrolle über die Berichterstattung regiert.

Etwas Ähnliches bewirkt im neuen Gesetzbuch der Artikels 12o.1, der jeden bestraft, „der eigenmächtig ein in der Verfassung verankertes Recht oder eine dort gewährte Freiheit für sich in Anspruch nimmt und die konstitutionelle Ordnung in Gefahr bringt“. Da die PCC in der Verfassung als die höchste Macht im Staat und als gesellschaftsführend betrachtet wird, gilt der Versuch, dies zu ändern oder eine Alternative zu etablieren, als ein schweres Vergehen, ein sehr schweres. Ungeachtet dessen, eine ähnliche Zwangsjacke gab es schon mit der volkstümlich so genannten „konstitutionellen Mumifizierung“. Ohne auf die Forderungen nach einem Referendum einzugehen, in dem die Wähler sich für oder gegen den Vorschlag hätten entscheiden können, setzte man das Gesetz 2002 in Kraft.

Schlussendlich, wenn ein Gutteil dessen, was mit dieser Gesetzgebung bestraft wird, schon verboten ist, auf die eine oder andere Weise, mit Dekreten, Vorschriften und Beschlüssen, dann fragt man sich nach den Gründen, warum das neue Gesetz das Veto verstärkt und das Strafmaß erhöht. Alles weist darauf hin, dass es sich um einen Sieg der Ewiggestrigen handelt; wir stehen vor einem Bild mit jenen Brücken, die die Fortschrittsfeindlichsten sprengen, um zu verhindern, dass sich der demokratische Wandel von innen nach außen vollzieht, also bei den gewöhnlichen Leuten seinen Anfang nimmt. Das ist der eigentliche Terror des Castrismus und seiner verzweifelten Versuche, das zu bremsen, was auf jeden Fall kommen wird.

Das neue Strafgesetzbuch ist gedacht dazu uns zu fesseln; das beweist, dass es von einem System konzipiert wurde, das im Misstrauen der Gesellschaft untergegangen ist und Angst vor der Zukunft hat.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle im spanischen Original publiziert.

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Presse und Verantwortung angesichts der Tragödie

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Die Rauchwolke der Explosion beim Hotel ‚Saratoga‘ konnte man vom Platz der Revolution aus sehen. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 7.Mai 2022

Es klang wie ein Donnerschlag, aber als ich auf dem Balkon Ausschau hielt, war der Himmel wolkenlos. Ich schaute über die Stadt und sah einen Berg aus Rauch, der sich über den Bereich Alt-Havanna erhob. Instinktiv schaute ich auf die Uhr, es war am Morgen, 10:53 Uhr, Freitag der 6.Mai. Wir wussten nicht was geschehen war, aber es war ernst. In der Redaktion von 14ymedio verfassten wir in aller Eile eine Pressenotiz, die der Welt mitteilte, dass Havanna von einer Explosion erschüttert wurde; zunächst glaubten wir, dass der Bereich der Bucht davon betroffen wäre.

Wenig später erreichten uns die ersten Bilder, unsere Reporter näherten sich dem Ort und das Ereignis nahm Form an: Das Hotel ‚Saratoga‘ war eingehüllt von einer Staubwolke und die nähere Umgebung bedeckt mit Schutt. Die Leute machten Fotos mit ihren Mobiltelefonen; sie waren in der Nähe des Bauwerks und berichteten, dass von dem, was bis vor kurzem noch ein architektonisches Schmuckstück der Stadt war, nur eine große Ruine aus Eisenteilen und Steinen übrig geblieben war. Fast eine Stunde lang hat die offizielle Presse nicht reagiert.

Die Journalisten der Stadt und die unabhängigen Medien gingen sehr verantwortungsvoll mit diesen langen Minuten um. Trotz der Gerüchte, die in den Straßen zirkulierten und eine Bombe oder Sabotage mutmaßten, bewahrten meine professionellen Kollegen die Ruhe und versuchten, jeden publizierten Hinweis zu überprüfen. Das war schwierig, denn als die offiziellen Zeitungen begannen von dem Vorfall zu berichten, vermischten sie oft Tatsachen mit Spekulation und Wahrheiten mit Lüge. Die schlimmsten Falschmeldungen gingen zu Lasten der Titelseiten, die von der Kommunistischen Partei kontrolliert worden waren.

Die Journalisten der Stadt und die unabhängigen Medien gingen sehr verantwortungsvoll mit diesen langen Minuten um.

Die Berichterstattung im Fernsehen war katastrophal. Die schlecht vorbereiteten Sprecher improvisierten, verwechselten das Hotel ‚Saratoga‘ mit dem Kapitol und erklärten jemand für tot, weil sie nur auf ihre Bildschirme starrten und sahen, wie ein Körper auf einer Bahre herausgetragen wurde, als ob sie Ärzte wären und entscheiden könnten, wer lebt und wer nicht. Die überall waltende Ideologie versuchte, die menschliche Solidarität für sich in Anspruch zu nehmen, indem sie die Hilfe, die Anwesende für die am meisten Betroffenen leisteten, als parteiisch motiviert bezeichnete.

Dazu kam noch, dass Miguel Díaz-Canel nicht auf die Gelegenheit verzichtete, sich vor den Mikrofonen mit den unabhängigen Medien anzulegen, die er beschuldigte, Gerüchte in die Welt zu setzen und Lügen über das Geschehen zu verbreiten. Anstatt angesichts der Tragödie an Eintracht und Solidarität zu appellieren, zog er es vor, diesen schmerzlichen Moment für seinen alten Kampf gegen ‚Abtrünnige‘ zu nutzen. Der mittelmäßige Mann, der er ist, zeigte wieder einmal, dass ihm jedwede Größe eines Staatsmanns fehlt.

Ohne unsere Arbeit und die von vielen Bürgern, die vor Ort informierten, hätte es viel länger gedauert, bis die Nachricht bekannt geworden wäre, und die solidarische Hilfe hätte sich um eine Zeitspanne verzögert, die entscheidend für die Opfer war. Die Presse zu beschuldigen, ist mitten in einer Tragödie ein hässlicher Akt von Parteipolitik, und der Versuch, Emotionen zu benutzen, um Journalisten herabzuwürdigen.

Der mittelmäßige Mann, der er ist, zeigte wieder einmal, dass ihm jedwede Größe eines Staatsmanns fehlt.

An diesem Freitagvormittag erreichte uns eine Nachricht, die uns erschütterte und uns zwang 24 Stunden ununterbrochen zu arbeiten. Keine Frage, auch wir hätten es vorgezogen, wenn die Nachricht froh und verheißungsvoll gewesen wäre. Aber angesichts einer Katastrophe bestimmen Transparenz, Professionalität und Respekt im Umgang mit Leidenden unsere Informationspolitik, ohne dass wir uns einbilden, ein Vorrecht darauf zu haben.

Machen Sie keinen Fehler, Díaz-Canel, in den ersten Stunden dieses bedauernswerten Ereignisses, war die unabhängige Presse unverzichtbar. Ohne es zuzugeben lest ihr uns, kopiert uns, und übernehmt sogar ganze Sätze aus unseren Artikeln. Während ihr uns von oben bis unten beleidigt, in euren klimatisierten Büros ergänzt ihr Berichte über das Drama mit vielen Details, die wir zusammengetragen haben.

Unsere Anteilnahme und unser Mitgefühl soll denen gehören, die einen geliebten Menschen verloren haben, auch denen, die einen Angehörigen haben, der jetzt in einem Hospital um sein Leben kämpft, oder dem, der noch unter den Trümmern eingeschlossen ist. Ihr sollt wissen, dass wir unseren informativen Auftrag nicht eher für beendet erklären werden, bis wir alle Details zu diesem Geschehen publiziert haben; wir bestehen auf einer transparenten Untersuchung ohne politische Manipulationen. Wir werden immer auf Seiten der Opfer sein.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Für das blaue Vögelchen beginnt eine neue Epoche; Flug oder Fall?

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Das Logo von Twitter; Archivbild. (EFE/EPA/JUSTIN LANE)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 30.April 2022

Wird es höher fliegen oder abstürzen? Diese Frage über die Zukunft von Twitter beschäftigt uns seit einiger Zeit, aber nach der Mitteilung von Elon Musk, dass er das soziale Netzwerk für etwa 44 Milliarden Dollar gekauft hat, hat die Frage an Bedeutung gewonnen. Es handelt sich nicht nur um einen virtuellen Raum für Prominente und Politiker; das Netzwerk ist auch ein Sprachrohr und ein Schutzschild für viele Tausend Aktivisten und Journalisten, weltweit.

Seit 14 Jahren habe ich ein Konto bei dem blauen Vögelchen; ich eröffnete es im Sommer 2008, als der mittlerweile legendäre Tweet von Jack Dorsey, in dem er schrieb „Just setting up my twttr“, als der erste Zweig für ein Nest gewürdigt wurde, das uns alle aufnehmen konnte. Seit damals, zunächst mit 140 Zeichen und heute mit den aktuellen 280, hat mich sein Zwitschern vor manchem Schrecken bewahrt, und hat mir geholfen, von meinem Land zu berichten.

Als die offizielle kubanische Presse zum ersten Mal Twitter erwähnte, erklärte sie den Kurznachrichtendienst als eine von der CIA, dem Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten, kreierte Technologie. Wie bei jedem neuen Phänomen eröffneten die Propagandisten des Castrismus das Feuer auf etwas, was sie zwar nicht verstanden, aber für kurzlebig hielten. Ihre Ablehnung von Twitter einerseits, und, auf der anderen Seite, die Notwendigkeit eines Tools für Aktivisten und unabhängige Journalisten, um unmittelbar publizieren können,…beides war kennzeichnend für den Flug des Vögelchens über diese Insel.

Twitter hat ein rebellisches und aufsässiges Naturell, von dem Tag an, als die Kubaner begannen die Plattform zu nutzen. Als der Platz der Revolution ihre wahre Bedeutung erkannte, hatten oppositionelle Gruppen, alternative Medien und eher kritische Bürger schon Monate oder Jahre Tweets verbreitet. Dann landete auch die Kommunistische Partei Kubas in dem Netz, das sie bis vor kurzem abgelehnt hatte.

Wie bei jedem neuen Phänomen eröffneten die Propagandisten des Castrismus das Feuer auf etwas, was sie zwar nicht verstanden, aber für kurzlebig hielten.

Die Ankunft von regierungstreuen Anhängern im Netz war markiert von förmlich wiederholten Losungen mit null Spontanität, der Schaffung von „bots“, die sich der Drangsalierung von Dissidenten widmeten, und der Bereitstellung einer ganzen Armee von Cyber-Polizisten, die den überwachten, der mit Kritik an der Regierung übertrieb. Solche Praktiken blieben bei dem „Riesen in San Francisco“ nicht unbemerkt; der häufig mit der Sperrung von Accounts zweifelhaften Ursprungs antwortete, sowie mit Verwarnungen aufgrund von offiziellen Bedrohungen wehrloser Bürger.

Die Geschichte, die ich gerade erzähle, wiederholt sich in fast allen Ländern mit autoritären Regimen, mit extremen Beispielen wie das von China, wo Twitter kaum „piep“ sagen kann, wegen der dort herrschenden eisernen Zensur. Andererseits sind manche Diktaturen von ihrer anfänglichen Ablehnung dazu übergegangen, den Dienst zum Zweck der Propaganda und Einschüchterung zu nutzen. Im Zusammenhang mit dem Besitzerwechsel im Unternehmen, bleibt die große Frage, ob es für tyrannische Staatsmodelle einfacher wird, ihr Ziel zu erreichen, oder ob sie, im anderen Fall, mit ihren schmutzigen digitalen Tricks nicht mehr weitermachen können.

Der reichste Mann der Welt steht vor einer Herausforderung. Er hat versprochen aus Twitter einen Raum für die Meinungsfreiheit zu machen, „besser als je“, aber er hat auch eine virtuelle Welt erworben, in der es mehr als 300 Millionen Identitäten gibt, viele davon real, ein Gutteil mit unsicherer Herkunft oder ersichtlich fiktiv. Jenseits von Prominenten, Multimillionären und Präsidenten − der Zweifel, der bei uns Nutzern als die verletzlichste Gruppe aufkeimt, ist, ob das blaue Vögelchen unsere Stimme weiterhin in „Höhen“ tragen wird, wo ein kurzer Tweet einen Staatsstreich aufhalten, die Riegel einer Gefängniszelle öffnen, oder einen Gnadenschuss verhindern kann.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika“ publiziert.

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Die Staatssicherheit glaubt, dass sie die Presse mit plumpen Fußtritten mundtot machen kann

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Wir handeln hier nicht mit Bargeld, sondern mit Geschichten, Nachrichten und alltäglichen Dramen. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 26. April 2022

Die „ruhelosen Burschen“ der politischen Polizei wissen nicht mehr, was sie erfinden sollen, um unsere journalistische Arbeit zu boykottieren. Heute kamen sie auf die Idee (und nicht zum ersten Mal), meine Mobiltelefonnummer und die meines Mannes in Kleinanzeigen auf mehreren Webseiten bekannt zu machen, zusammen mit dem falschen Hinweis, dass man unter diesen Nummern Dollars, Euros und andere Devisen kaufen kann.

Seitdem klingelt mein Telefon ununterbrochen, jeder eingehende Anruf kappt die Verbindung ins Internet und unterbricht meine Arbeit im Verlag; sogar Interviews  und Zeugenaussagen, die ich für meine Serie Die Mütter des 11.Juli sammle (#madresdel11j), bleiben bei dem Dauerklingeln von verzweifelten Anrufern auf der Strecke, die jeden Cent in Fremdwährung suchen, um dieser Insel entkommen zu können (#islaenfuga).

Das hier ist nur ein „Kinderspiel“ im Vergleich zu dem, was wir seit fast zwei Jahrzehnten bei unserer informativen Arbeit erleben mussten.

Wenn die Agenten der Staatssicherheit glauben, dass sie mit diesen groben Aktionen die Presse knebeln…dann verstehen sie nichts. Das hier ist nur ein „Kinderspiel“ im Vergleich zu dem, was wir seit fast zwei Jahrzehnten bei unserer informativen Arbeit erleben mussten. Ja, ich bedauere all jene, die mich unter der achtstelligen Nummer meines Mobiltelefons anrufen und damit hoffen, Banknoten zu bekommen, um in den infamen Geschäften einkaufen zu können, die nur konvertible Währungen akzeptieren, oder um ein Ticket zu kaufen, das sie an einen anderen Punkt der Weltgeographie bringt.

Sie alle tun mir leid, aber nein. Dieses Telefon ist nicht das einer öffentlichen Wechselstube, sondern das einer Zeitungsredaktion. Wir handeln hier nicht mit Bargeld, sondern mit Geschichten, Nachrichten und alltäglichen Dramen. Was von Wert ist wird hier nicht auf ein Stück Papier reduziert; es ist vielmehr unsere Fähigkeit, die wir als Team haben, über das wahre Kuba zu berichten.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Die „café con leche“-Kubanologen

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In der vergangenen Woche haben die Spanierin Ana Hurtado und der Mexikaner Jerómino Zarco Kuba besucht, auf Einladung des Regimes.(Twitter/@Ana_Hurtado86)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 30.März 2022

Man entdeckt sie, wenn sie reden. Kaum, dass sie aus dem Flugzeug gestiegen sind, fangen sie an Sätze von sich zu geben, wie: „Sie wissen nicht, was Sie hier haben“, „das Leben dort draußen ist viel härter“ oder „mit dieser Sonne, was wollen Sie mehr“. Während sie solche Sachen sagen, machen sie an touristisch stark abgenutzten Orten einige Fotos, trinken einen Mojito auf das Wohl eines Guerillero und stellen ein paar Fotos ins Netz, mit dem blauen Meer als Hintergrund.

Die „café con leche“-Kubanologen kommen, um uns unser Land zu erklären und uns zu überzeugen, dass wir hier das akzeptieren sollten, was sie nicht ertragen würden, geschähe es denn in ihrem Land. Mit ausländischem Akzent und akademischen Titeln, die niemand nachprüfen kann, erklimmen sie den Gipfel ihres Ego und sprechen mit uns, als ob wir kleine Ameisen wären, die nicht einsehen wollen, wie nötig es ist Opfer für ein höheres Ganzes zu bringen. Sie sagen uns ins Gesicht, dass uns diese Opfer möglicherweise schwerfallen würden, wobei sie auf eine Landkarte zeigen und sagen, dass diese Insel die Heimat von „Utopia“ geworden wäre.

Wenn aber eine abgemagerte Frau sie um etwas zu essen bittet, auf der Terrasse eines Luxus-Restaurants in Alt-Havanna, dann versichern sie ihr, dass Gluten sehr schlecht für die Gesundheit sei, und es besser wäre kein rotes Fleisch zu essen, während vor ihnen das T-Bone Steak über den Tellerrand reicht, mit Baguette frisch aus dem Backofen. Es sind dieselben, die die Demonstranten des 11.Juli beschuldigen Vandalen und Kriminelle zu sein, obwohl sie in ihren Städten dazu aufhetzen Polizeiautos in Brand zu setzen, und sie in ihrem Leben mehr Pflastersteine geworfen als Blumen überreicht haben.

Die besagten Kubanologen fragen uns, warum wir uns über Stromsperren beklagen, wo doch Stromausfälle dazu beitragen, das Leben unseres Planeten zu verlängern.

Die besagten Kubanologen fragen uns, warum wir uns über Stromsperren beklagen, wo doch Stromausfälle dazu beitragen, das Leben unseres Planeten zu verlängern. Sie regen sich darüber auf, dass wir auf einer Versorgung mit Trinkwasser bestehen, wo wir doch mit der hohlen Hand Wasser aus einem Fluss schöpfen und es trinken könnten. Sie wissen nicht, dass die meisten Flüsse in diesem Land kontaminiert oder ausgetrocknet sind. Sie werfen uns an den Kopf, dass wir Nörgler wären, weil wir Schuhe für unsere Kinder fordern, wo doch der Kontakt der Füße mit dem Boden so empfehlenswert ist, um Energie zu tanken und die Gesundheit zu erhalten, …und andere „Überzeugungen“ mehr.

Sie lieben die Nähe zur Macht. Sie sind besonders fasziniert, wenn man sie zu einem offiziellen Empfang einlädt, ihnen erlaubt im Audimax der Universität von Havanna zu sprechen, und man ihnen dann eine Auszeichnung ans Revers heftet. Diese sogenannten Experten behandeln uns wie fahrige und aus der Spur geratene Kinder, die nicht das wertschätzen was sie haben, und die eine harte Hand benötigen, eine sehr harte Hand. Es gefällt ihnen, dass die Diktatoren ihnen helfen, das bunte Bild von Kuba als Paradies aufrecht zu erhalten; ein Bild, das sie bei Facebook oder Tik Tok verbreiten.

Nichts ärgert einen solchen Kubanologen mehr, als dass sein Studienobjekt selbst dieses Bild widerlegt. So geschehen an jenem Tag, als die Menschen auf die Straße gingen und „Freiheit“ schrien; oder die wachsende Zahl derer, die bei einer Überquerung der Floridastraße ihr Leben riskieren, um dem System zu entkommen; oder wenn Patienten mit Bildern und Aussagen von Zeugen den um sich greifenden Verfall des staatlichen Gesundheitssystem attestieren. Das löst bei ihnen ein tiefes Unbehagen aus, denn sie haben ihre Dissertation nicht so konzipiert, dass sie mögliche Variable einbezieht; ihre Doktorarbeit ließ nur genau eine unbestreitbare Schlussfolgerung zu.

Die Zahl dieser Kubanologen hat sich verringert, aber sie werden immer pathetischer. Früher einmal waren es Nobelpreisträger, anerkannte Künstler und illustre Professoren. Aber im Laufe der Zeit wurde die Beschäftigung mit Kuba mühsam und unhaltbar; sie „desertierten“ zuhauf, hüllten sich in Schweigen oder lenkten ihr „Talent“ in Richtung anderer Geographien. Aber einige sind geblieben, genauso bedauernswert wie schädlich.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Die kubanischen Träger von Roben verstehen nichts von Gerechtigkeit

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Obwohl die Justitia eine Binde vor den Augen hat, muss das Handeln ihrer Fachleute transparent sein.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 23.März 2022

Die staatlichen kubanischen Juristen sind verärgert, sehr verärgert. Als Folge der Gefängnisstrafen bis zu 30 Jahren für hunderte von Demonstranten  bei den Protesten des 11.Juli, haben sich die Namen der Staatsanwälte und Richter in den sozialen Netzwerken verbreitet. Neben ihren Gesichtern findet man eine Strafanzeige, in der sie beschuldigt werden, dass sie Gerichte missbraucht hätten, um eine Terror-Botschaft auszusenden. Auf diese Anklage hin antworteten die Rechtskundigen mit verschiedenen Drohungen.

Eine Erklärung des Nationalen Juristenverbands mit Sitz in Havanna versichert, dass seine Mitglieder Opfer einer „Verleumdungskampagne“ geworden seien. Der Text warnt jeden, der sich dieser Kritik anschließt oder „auch nur Informationen darüber weitergibt“, dass ihn die volle Härte des Gesetzes treffen werde. Hinzugefügt ist, dass die betroffenen Juristen bereit sind, die Robe und das Podium gegen ein Gewehr und einen Schützengraben auszutauschen. Der Ton des Dokuments erinnert mehr an Kriegsrhetorik, als an die Sprache von Juristen.

Woher kommt diese jähzornige Reaktion? Wenn sie glaubten nach Recht und Gesetz gehandelt zu haben, wie erklärt sich dann ihr Grimm, dass man ihre Identität bekannt macht? Vielleicht hofften sie, dass die Angehörigen der Verurteilten die Urteile geheim halten und sich damit begnügen würden, ihre im Gefängnis schmachtenden Söhne und Töchter zu sehen? Halten sie sich für so abgehoben vom Volk, dass man ihr Tun nicht einmal mehr infrage stellen darf? Das Kommuniqué der Staatsanwälte und Richter kann man nur verstehen, wenn sie fürchten, dass die Tage des aktuellen politischen Systems gezählt sind. Es ist nur nachvollziehbar, wenn sie ahnen, dass die Möglichkeit, für ihre Taten zur Verantwortung gezogen zu werden, schon hinter der nächsten Straßenecke lauert.

Obwohl man die Justitia als Frau darstellt, deren Augen eine Binde bedeckt, muss das Tun ihrer Fachleute, die das Recht pflegen, transparent sein, denn mit ihrer Unterschrift bestätigen sie ihre Teilnahme an einem rechtmäßigen Verfahren.

Obwohl man die Justitia als Frau darstellt, deren Augen eine Binde bedeckt, muss das Tun ihrer Fachleute, die das Recht pflegen, transparent sein, denn mit ihrer Unterschrift bestätigen sie ihre Teilnahme an einem rechtmäßigen Verfahren. Es handelt sich nicht eine Bande von Gesetzlosen mit Masken, die bei Nacht in einem dunklen Wald mutmaßliche Schuldige exekutieren. Es sind Personen mit einem Hochschulabschluss in einem Fachgebiet, was beinhaltet, dass sie Verantwortung für ihre Entscheidungen und Fehler übernehmen.

Mit der einschüchternden Erklärung des Juristenverbands gerät die nicht unabhängige Justiz weiter in Verruf, weil sie sich dazu hergegeben hat, die Bürger in Angst zu versetzen und ihnen ihr Recht auf Protest zu nehmen.

Die Staatsanwälte und Richter haben mit ihrem Handeln, und jetzt auch mit ihren Worten, klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nicht auf der Seite von Verfahrensgarantien stehen, sondern auf der Seite der politischen Macht. Sie haben die Gerichte benutzt, um eine Ideologie zu stützen. Sie haben ihre Roben beschmutzt.

Obwohl ihr offizieller Text mit aggressiven Sätzen durchsetzt ist, zwischen den Zeilen liest man ihre Angst. Statt einer Rechtfertigung für ihren Umgang mit dem Recht, ist der Text genau genommen ein Kommuniqué von Leuten, die Furcht vor der Zukunft haben. Jedes Wort, das dort steht, zeigt die wachsende Angst in ihrem Inneren, jedes Mal, wenn sie sich vorstellen, eines Tages selbst vor Gericht zu stehen, vor Geschworenen, die nicht einer Partei sondern dem Gesetz verpflichtet sind.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch veröffentlicht.

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Manche halten ein Plakat, andere verlassen Kuba

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Der Moment, als Marina Ovsyannikova die Nachrichtensendung unterbricht und gegen den Krieg in der Ukraine protestiert. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 16.März 2022

Sie heißt Marina Ovsyannikova, und bis vor wenigen Tagen war sie Redakteurin bei Kanal 1 des russischen Staatsfernsehens. Aber nachdem sie den Mut hatte, bei einer Live-Nachrichtensendung mit einem Plakat gegen den Krieg in der Ukraine aufzutreten, wurde ihr Name zu einem Synonym für professionelle Standhaftigkeit und Kühnheit, und außerdem zu einem Symbol, das vielen in autoritär regierten Ländern eine Lehre sein sollte.

An dem Tag, an dem Ovsyannikova ihr Plakat zeigte, waren die sozialen Netzwerke in Kuba mit der x-ten Debatte über einen offiziellen Journalisten beschäftigt, der sich aus dem Staub gemacht hatte und in dem Land um Asyl nachsuchte, das bis vor kurzem noch im Mittelpunkt seiner Attacken stand. Wie bei jeder Polemik dieser Art, manche beschuldigen den Reporter ein Opportunist zu sein, andere appellieren an Mitgefühl, seine Flucht zu akzeptieren, und die meisten betrachten sein Verlassen des Landes als eine neue „Wasserscheide“, die Kubaner voneinander trennt.

Eine Frau, allein auf sich gestellt, mit einem von Hand beschriebenen Plakat, erschütterte die Polemik, die uns strapazierte.

Eine Frau, allein auf sich gestellt, mit einem von Hand beschriebenen Plakat, erschütterte die Polemik, die uns strapazierte. Ovsyannikova erreichte, dass die Argumente der beiden Seiten belanglos wurden. „Stoppt den Krieg, glaubt nicht der Propaganda“, stand auf dem Plakat, das sie hinter der Nachrichtensprecherin in die Kamera hielt. Ihre Geste verdient nicht nur großen Respekt; sie riskierte mit ihrer Verwegenheit vor Gericht zu enden, mit der Verurteilung zu einer langjährigen Gefängnisstrafe, wenngleich es bis jetzt bei einem Arrest und einer Geldstrafe blieb.

Ohne Absicht und ohne diese Insel im Hinterkopf zu haben, hat die junge Frau auch zu uns Kubaner gesprochen. Sie sagte zu jenen, die alle Personen ablehnen, die bei staatlichen Medien arbeiteten: eines Tages wird irgendein Angestellter in dieser Propaganda-Maschinerie eine Aufgabe übernehmen, und er wird viel mehr Zuhörer erreichen als ein Aktivist, der an einer Straßenecke schreit.

Die anderen, die zu Nachsicht im Umgang mit offiziellen Journalisten aufrufen, die bis gestern Oppositionelle diffamierten und heute froh sind, dass sie auf „freien Boden“ gekommen sind …diese anderen hat die junge Russin daran erinnert, dass man immer etwas tun kann. Jede Gelegenheit vor einem Mikrophon, jede Möglichkeit live zu sprechen und dabei die Diktatur nicht zu denunzieren, ist eine verpasste Gelegenheit. Es ist Zeit, die man dem autoritären System schenkt, das in dieser Hemisphäre am längsten an der Macht ist.

Ovsyannikova hat uns den Spiegel vorgehalten. Nicht alle, die für das staatliche Fernsehen arbeiten, sind mittelmäßige „Lautsprecher“ von Losungen; oft reicht der Spruch, dass „man nichts machen kann, weil alles kontrolliert wird“, um die bürgerliche Verantwortung hintan zu stellen. Wir müssen darüber wachen, dass diese Frau nicht im Gefängnis endet, nicht mit einer geheimnisvollen Substanz vergiftet oder ins Exil getrieben wird. Wir müssen aber auch dazu aufrufen, dass jeder Kubaner jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um diesen Horror von uns abzuschütteln.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Wir brauchen keine guten Ratschläge, sondern Freiheit, um Nahrungsmittel zu erzeugen

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Warum gibt mir der Weißkohl, den ich in einer alten Blechdose auf meinem Balkon ausgesät habe, mehr Hoffnung, als die kurzlebigen Pläne der Acopio? (Yoani Sánchez)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 11.März 2022

Zu uns nach Kuba kommen „Experten“, wie der brasilianische Dominikaner Frei Betto, und sie sagen uns was wir tun sollten, um die Souveränität auf dem Lebensmittelsektor zu garantieren…aber wir wissen das schon. Wir wissen es seit Jahrhunderten, seit die frühen Bewohner dieser Insel „casabe“ herstellten, Brot aus dem Mehl der Maniokwurzel; und seit meine Großeltern übriggebliebene große Maiskörner für ihre „tayuyos“ verwendeten, das sind Taschen aus Hüllblättern von Maiskolben, gefüllt mit allerlei Zutaten; und seit wir unseren kleinen Kindern „chícharo“ zu essen geben, einen pürierten Erbsenbrei, damit sie wegen ihrer dünnen Beine und der geringen Körpergröße wachsen sollen…das alles wissen wir schon.

Man nennt es „Freiheit“ und ist die wichtigste „Zutat“ für jedes Gericht, jede landwirtschaftlichen Produktion, jede Ernte.

Es ist nur Weißkohl, und wir sind nur Menschen, die einen Krautkopf ernten, der weiß, dass die Erde uns viel mehr geben könnte.

Warum gibt mir der Weißkohl, den ich in einer alten Blechbüchse auf meinem Balkon ausgesät habe, wenige Meter entfernt vom Landwirtschaftsministerium, mehr Hoffnung, als die kurzlebigen Pläne des staatlichen Unternehmens Acopio? Weil dieser Kohlkopf in Freiheit wächst; weil er nicht antwortet, wenn man ihn fragt; und weil er den offiziellen Statistiken nicht gefallen muss, die irgendein Führer von einer Tribüne herab verkündet und sich damit brüstet.

Es ist nur Weißkohl, und wir sind nur Menschen, die einen Krautkopf ernten, der weiß, dass die Erde uns viel mehr geben könnte, der aber nicht auf Ideologien und Verstaatlichung reagiert und nichts von Parteien versteht. Hungernde Münder brauchen mehr Kohl, so wie er eben ist.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Die Invasion in die Ukraine diskreditiert die offizielle kubanische Presse

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Wer jetzt bei diesen grotesken Versionen bleibt, tut dies, weil er den informativen Brei mag und nicht nachforschen will. (Collage)

Die Überschriften im Bild: „Der Westen stellt sich in eine Reihe gegen Russland, das bei der Entmilitarisierung der Ukraine vorankommt“ / „Kiew verzögert Verhandlungen, während es Waffen aufstellt, warnt Russland“

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 26.Februar 2022

In diesen Tagen stellen die offiziellen kubanischen Medien ihren Charakter zur Schau, den von politischen Propagandisten, ohne die geringsten Mindestanforderungen für journalistische Information zu respektieren. Nebenbei zeigen sie dem Kreml ihre Unterwürfigkeit, wenn sie als „Entmilitarisierung“ das bezeichnen, was in Wirklichkeit eine grausame Invasion in ein anderes Landes ist, und außerdem ist die Regierung von Wolodymyr Selenskyj schuld am Einmarsch der russischen Truppen.

Zum Glück haben wir unabhängige Medien und den Zugang ins Internet, trotz der exorbitanten Preise und der vielen blockierten Seiten, an denen letzteres krankt. Hinzufügen muss man noch unser langes Training, alles zu suchen, was zensiert oder verboten ist, oder was in solchen Fällen geeignet ist, die Nachrichten zu vervollständigen, die die zwei offiziellen Zeitungen, die pathetische Granma und die toxische Cubadebate, nach Gutdünken manipulieren.

Glücklicherweise, aber vor allem weil wir die Mauer der Informationskontrolle überwunden haben, sind wir nicht mehr das Volk, das die vielen Lügen glaubt.

Glücklicherweise, aber vor allem weil wir die Mauer der Informationskontrolle überwunden haben, sind wir nicht mehr das Volk, das die vielen Lügen glaubt, die von den Medien der Kommunistischen Partei verbreitet werden. Weit liegt die Zeit hinter uns, in der Millionen Kubaner es hinnahmen, dass die Entsendung von Soldaten nach Afrika geschah, um eine „alte historische Schuld“ mit diesem Kontinent zu begleichen; oder dass die letzten Kubaner auf Grenada sich „eingehüllt in die Fahne“ geopfert hätten, …es gab noch mehr Angriffe auf das kubanische Selbstbewusstsein, die der Castrismus im Nachhinein benutzte, um den Schmerz eines Volkes zu manipulieren und die Freiheiten der Bürger noch weiter einzuschränken.

Glücklicherweise sind wir nicht mehr die, denen man die Lektüre einer unabhängigen Zeitung wie Novedades de Moscú (Nachrichten aus Moskau) verbieten kann; nicht mehr die, die man glauben lässt, dass der Nachbar im nächsten Häuserblock ein Agent der Nato war, und man ihn deswegen für lange Jahre ins Gefängnis werfen musste; oder nicht mehr die, denen man versichert, dass Wladimir Putin ein gutmütiger Führer ist, der nur die Sicherheit der Russen schützen will.

Wer jetzt bei diesen grotesken Versionen bleibt, tut dies, weil er den informativen Brei mag, und nicht nachforscht, hinterfragt oder weitergehend sucht. Wer jetzt noch nicht die Bilder von ausgebombten Gebäuden in Kiew gesehen hat, nicht die Bilder von russischen Panzern, die auf ihren Weg alles dem Erdboden gleich machen, und nicht die einer wehrlosen Bevölkerung, mit Kindern und ihren Maskottchen, die in den Schächten der Metro zittern, während oben Raketen heulen, dann tut er dies, weil er solche Bilder nicht sehen will, weil er sich weigert davon Kenntnis zu nehmen, und weil er angesichts der Wahrheit die Augen verschließt und sich die Ohren zuhält.

Wir sind nicht mehr dieselben, sie können uns nicht länger belügen, aber die offizielle Presse hat das noch nicht bemerkt.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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„Liebe Genossen“, war es in Nowotscherkassk oder in La Güinera?

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Der Film „Liebe Genossen“ erzählt die Geschichte von Ludmila, einer rigorosen lokalen KP-Funktionärin und Bewunderin von Stalin. (Fotogramm)

YOANI SÁNCHEZ / 14ymedio.com / 13.Februar 2022

Sie ist eine der Aktivistinnen die „zubeißen“, aber eines Tages beteiligt sich ihre Tochter an einer Demonstration und von da an erkennt sie die hässlichen Seiten des Systems: die Unterdrückung, die Verhaftungen und die Verheimlichung der Wahrheit. Seit dem 11.Juli 2021 könnte ihre Geschichte auch die einer kubanischen Mutter sein, aber ihr Name ist Ludmila Siomina, sie lebt in Nowotscherkassk, und die Demonstration, die ihr Leben veränderte, fand im Jahr 1962 statt.

In hartem schwarz-weiß erzählt der Film „Liebe Genossen“ die Geschichte einer strengen lokalen KP-Funktionärin, die Stalin bewundert und nostalgisch nach der harten Hand des Diktators ruft, der nach seinem Tod offiziell in Ungnade fiel. Sie ist streng und extremistisch; aber in dem Maß, wie die zwei Stunden des Films ablaufen, wird die Protagonistin wenigstens teilweise ihren Fanatismus und ihre Standhaftigkeit verlieren.

Bei Ludmila ist der Auslöser für diesen Wandel ein Massaker, das Agenten des KGB in Nowotscherkassk verüben, wo sie im Juni 1962 mit gezielten Schüssen eine Demonstration von Arbeitern auflösen, die in der Fabrik für Elektromotoren arbeiten. Drei Jahrzehnte lang blieb der Vorfall verborgen, unter der Decke von Drohungen, Geheimniskrämerei und Angst.

Ludmila Sionima lebt in Nowotscherkassk, und die Demonstration, die ihr Leben veränderte, fand im Jahr 1962 statt.

Der russische Regisseur Andrej Kontschalowski hat diesen Abschnitt sowjetischer Geschichte ausgewählt, und wir folgen einem Drama, das einer griechischen Tragödie gleicht: eine Mutter sucht ihre Tochter, sogar auf Friedhöfen, und im Verlauf der Nachforschungen zerbricht in ihr der blinde Glaube an ein gesellschaftliches Projekt. Der lange Weg vom Leichenschauhaus ins Hospital und auf den Friedhof erschüttert die radikale Funktionärin und zeigt ihr, wie verfault das Systems ist.

Ludmila, die zunächst die Klagen über steigende Preise für Lebensmittel und fallende Löhne nicht hören will, wird schließlich von der Welle der allgemeinen Unzufriedenheit mitgerissen. An der Umsetzung des wirtschaftlichen Modells wirkt sie mit. Die Produktionspläne werden in den Schlagzeilen der Presse und im Fernsehen übererfüllt, verurteilen aber Familien zu mageren Essensrationen und zwingen sie auf dem Schwarzmarkt einzukaufen.

Der Film von Kontschalowski porträtiert mit Bravour die Funktionäre der mittleren Führungsebene, die zu ihrem Amt gekommen sind, indem sie Befehle von oben befolgten und als Opportunisten die Karriereleiter hoch stiegen. Mit Ausbruch der Krise sind diese Marionetten, die nur wissen wie man Berichte abfasst und Versammlungen abhält, unfähig, auf die Forderungen der Streikenden zu reagieren, oder selbst die Initiative zu ergreifen. Sie wissen nur wie man flieht, und sie fürchten um ihren Hals.

Als Bevollmächtigte aus Moskau eintreffen, beginnt vor den „geliebten Genossen“ der Kampf um Punkte. Nikita Chruschtschow schickte seine Leute, um die Ordnung in der Stadt nahe Rostow wieder herzustellen. Die örtlichen Aktivisten bemühen sich, die Neuankömmlinge zufrieden zu stellen und schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Ludmila nutzt die Gelegenheit und fordert, gegen die Demonstranten mit harter Hand vorzugehen; sie weiß nicht, dass ihre Tochter unter ihnen ist.

Im Verlauf der Treffen setzen die Emissäre des Kremls eine gewaltsame Lösung durch, um die Bevölkerung zum Schweigen zu bringen; dabei zieht der KGB die Fäden. Man entwickelt auch ein Prozedere die Geschichte umzuschreiben, um den Akt der Rebellion gegen die Sowjetmacht auszuradieren. Es fehlt auch nicht das altbekannte Argument, dass alles von der CIA ausgeheckt wurde, oder eine Folge von Aufrufen in ausländischen Radiosendern war.

Gezwungen zu schweigen, unter Androhung von Haft und sogar Tod, beobachten die entsetzten Einwohner von Nowotscherkassk: dass Verhaftungen von Haus zu Haus erfolgen, dass der KGB Hospitäler übernimmt, um Heilung-Suchende zu verhaften, wenn sie denn Schusswunden haben, dass die Stadt abgeriegelt bleibt, bis alle Spuren des Massakers beseitigt sind. Die Maskerade hält bis 1992, bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion, als einige Opfer beginnen von dem Ereignis zu berichten.

Will man sich der Geschichte von Ludmila aus kubanischen Sicht nähern, dann muss man nach dem 11.Juli Parallelen finden, abgesehen von Unterschieden.

In einer schockierenden Filmszene wird der Platz, auf den Dutzende von Menschen zu Tode kamen, neu asphaltiert, weil das Blut sich wegen der Wärme mit dem Untergrund verband. Auf die neue Fläche stellt man ein Podium mit Musikern und tanzenden Paaren, die man aus anderen Dörfern holt, um Normalität und Lebensfreude zu zeigen. Der Terror wird mit einem Spektakel, Licht und falschem Lachen geschminkt.

***

Will man sich der Geschichte von Ludmila aus kubanischen Sicht nähern, dann muss man nach dem 11.Juli Parallelen finden, abgesehen von Unterschieden. Die rigorose russische Parteigenossin könnte auch in La Güinera leben und Mutter einer der jungen Frauen sein, die verhaftet und vor Gericht gestellt wurden, weil sie auf die Straße gingen und den demokratischen Wandel auf dieser Insel forderten. Wie Ludmila musste auch sie in Polizeistationen, Hospitälern und sogar in Leichenschauhäusern vorstellig werden, auf der Suche nach ihrer Tochter.

Nennen wir sie Yamila; der rote Ausweis, den sie früher voller Stolz bei sich hatte, drückt sie jetzt in dem kleinen Täschchen. Im inneren Kreis der PCC, der Kommunistischen Partei Kubas, schaut man sie jetzt von der Seite an, weil sie keine echte Revolutionärin großgezogen hat, und sie erhält Besuche von Agenten der Staatspolizei, die ihr sagen, dass sie den Mund halten sollte, weil „jede Mitteilung in sozialen Netzen“ schlecht für ihre Tochter wäre.

Yamila hat noch nie einen Gerichtssaal betreten, aber bis vor kurzem schwor sie Stein und Bein, dass die Anwälte verteidigen, die Richter Gerechtigkeit walten lassen und die Verurteilten Garantien haben. Nach einigen Tagen mit Anhörungen gelingt es ihr nicht mehr, diese Überzeugung gegenüber wem auch immer zu vertreten; nach den Berichten, die ihr ihre Tochter aus dem Gefängnis übermittelt, ist sie aus ihren Träumen von Umerziehung, Würde und Schutz in kubanischen Gefängnissen aufgewacht.

Einige Tage später, nachdem sich der Boden in La Güinera rot gefärbt hatte, mit dem Blut eines getöteten Demonstranten und dem aus den Wunden von so vielen anderen, kamen Männer einer Brigade und übermalten einige Fassaden, mit Kalk reinigten sie die Abflussrinne des Gehsteigs und stellten ein paar Lautsprecher auf, aus denen patriotische Lieder ertönten. Yamila betrachtete das vom Fenster ihres Hauses aus, mit denselben Augen, wie es Ludmilla vor 60 Jahren tat.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Das Gefängnis für politische Häftlinge, von Pepe bis Luisma

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Zwischen José Martí und Luis Manuel Otero Alcántara liegt mehr als ein Jahrhundert, aber ihre Geschichten ähneln sich sehr. (Collage)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 28.Januar 2022

#DiarioParaLuisma día 70

„Luisma“ ist der kubanische Performancekünstler Luis Manuel Otero Alcántara; „Pepe“ der kubanische Nationalheld José Martí. Es ist der 28.Januar und die jeweiligen Umstände sind so verworren, dass ich sie mir beide vereint und überzeugt vorstellen will. In meinem Kopf tauchen Bilder auf und verschwinden wieder; ich versuche, sie in schriftlicher Form für diese Zeitung festzuhalten, während ich Nachrichten von Freunden höre, die das Land verlassen, und von Räumen, die sich für uns in Kuba verschließen.

Er ist 17 oder auch 34 Jahre alt. Die Fußfesseln haben auf seinen Knöcheln Spuren hinterlassen, die ein Leben lang bleiben werden. Seine Telefonanrufe aus dem Gefängnis werden immer häufiger getrennt. Er wurde in San Isidro geboren, einem Stadtviertel von Havanna, hat eine breite Stirn und einen Schnauzbart. Es ist die Damas-Straße, könnte aber auch die Paula-Straße sein.

„Der Schmerz im Gefängnis zu sein ist brutal und zerstört dich“, schreibt er. Als er diese Worte kritzelt, ist er voller Hoffnung. Wie kann ein junger Mann diese Illusion aufrecht erhalten, wenn man ihn dazu zwingt, in den Steinbrüchen von Havanna Steine zu brechen? Vielleicht glaubt er, dass es in einem Kuba der Zukunft, für das er sich opfert, keine jungen Leute mehr geben wird, die im Gefängnis sind, weil sie Freiheit verlangten. Er irrt sich.

Sie nennen ihn Pepe. Wenn er jemanden kennengelernt hätte mit Namen Luis Manuel Otero Alcántara, vielleicht hätte er kurz innegehalten um zu erfahren, wer die sind, die solche Namen tragen, die wie Hammerschläge gegen eine Tür klingen. Aktion ist nicht seine Sache; aber in seinem kurzen Leben von nur 42 Jahren hat er Spuren hinterlassen, die sich tiefer eingegraben haben, als die von manchen „Kriegern“ mit gerunzelter Stirn. Seine Sache ist das Wort.

Seit Pepe ist mehr als ein Jahrhundert vergangen, seit Luisma einige Jahrzehnte. Es ist Freitag, der 28.Januar, ihre beiden Geschichten verflechten sich noch einmal.

Man hört Schläge auf einen alten Gaszylinder, es ist die Alarmglocke; die Gefangenen sollen aufwachen. In den frühen Morgenstunden träumte er, er würde eine leidenschaftliche Rede in Tampa halten und später in Havanna einen Knüppel gegen das Schaufenster eines sehr teuren Ladens werfen. Er kam zu der Überzeugung einen Hungerstreik zu beginnen, und hörte wenig später das Gelächter jener, die ihn hinter seinem Rücken den „Spinnen-Kapitän“ nannten.

Er versteht nicht, warum diese Bilder in seinem Kopf auftauchen; in einem seiner Tagträume sieht er sich, wie er für ein Foto posiert und dabei den zerschlissenen Ellenbogen seiner Jacke verbirgt. Er ist mager und stark; er ist Weißer, Mulatte, Kreole und alles andere. Schimpfwörter mag er nicht, wenn er aber solche verwendet, werden daraus Lieder. Was er jetzt am liebsten tun möchte, ist, wieder durch seine Stadt laufen, ohne Überwachung, durch die Stadt, in der er geboren wurde.

Er wacht auf, die Traumbilder verblassen im aufgeregten Schreien der Gefängniswärter. Man hört das Jammern von Lino Figueredo, fast leblos, infolge von Härten der Gefängnisordnung, und auch das Klagen von Yunieski, einem jungen Mann aus Romerillo, der nicht weiß, warum er hinter Gitter gekommen ist. Er hilft beiden beim Aufstehen; jetzt beginnt der schlimmste Teil des Tages im Gefängnis: wach zu sein.

Seit Pepe ist mehr als ein Jahrhundert vergangen, seit Luisma einige Jahrzehnte. Es ist Freitag, der 28.Januar; ihre beiden Geschichten verflechten sich noch einmal. „Ich werde euch weder hassen noch verfluchen“, erklären sie, und obwohl sie darauf setzen weiterzuleben, sollte es „ein Leben in Würde sein“. „Wenn ich jemanden hassen würde, würde ich mich selbst dafür hassen“, ergänzen sie. „Entweder seid ihr Barbaren, oder ihr wisst nicht, was ihr tut“, fügen sie noch hinzu.

Ganz sicher, es sind Barbaren. Die höchst mittelmäßige Staatsmacht in Kuba, die sie eingesperrt hat, besteht leider aus Barbaren.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Der Kalender trifft uns wieder mit dem 28.Januar

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Ein Einsatzkommando vor den Türen des Gerichts in Santa Clara, wo die Verhandlungen gegen die Demonstranten des 11.Juli stattfinden. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 24.Januar 2022

In den letzten Jahren sind dem 28.Januar, dem Geburtsdatum des Nationalhelden José Martí, tragische Ereignisse vorausgegangen. Am 27.Januar 2020 starben beim Einsturz eines Hauses drei Mädchen, und genau ein Jahr vorher fegte ein Tornado über Havanna hinweg. Am 28.Januar wurde Martí vor 169 Jahren geboren; in diesem Jahr geht an seinem Gedenktag eine Woche mit Urteilen gegen Demonstranten des 11.Juli zu Ende.

Die Verfahren, in denen man die aburteilt, die an jenem Tag protestierten, waren gekennzeichnet von Ungerechtigkeit und dem Versuch des Regimes, eine exemplarische Botschaft auszusenden. Die hohen Gefängnisstrafen, die die Staatsanwaltschaft für viele der Angeklagten fordert, zusammen mit den zu erwartenden Urteilen, lassen Schlimmes ahnen. Diese Zeiten hinter Gittern bedeutet für viele Angeklagte mehr Jahre im Gefängnis zu verbringen, als sie bisher schon gelebt haben.

Außerdem werden Familien zerstört, wenn sie einen Sohn oder eine Tochter im Gefängnis haben, und die Furcht vieler Kubaner, in eine ähnliche Situation zu geraten, spornt sie an, das Land so schnell wie möglich zu verlassen.

So viel Maßlosigkeit, um einen Akt von Bürgerprotest zu bestrafen, hinterlässt eine traurige Bilanz. Außerdem werden Familien zerstört, wenn sie einen Sohn oder eine Tochter im Gefängnis haben; und die Furcht vieler Kubaner, in eine ähnliche Situation zu geraten, spornt sie an, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Unter denen die weggehen sind nicht nur die, die an den besagten Demonstrationen teilnahmen, sondern vor allem die, die potentiell den nächsten sozialen Aufstand in die Wege leiten könnten.

Der Abschreckungseffekt geht einher mit Druck auf Angehörige, die die regelwidrigen Gerichtsverfahren anprangern, auch mit Drohungen gerichtet an jene, die in ihren sozialen Netzen die Maßlosigkeit der Staatsanwälte und Richter verbreiten und so eine Kampagne der sozialen Verteufelung von Verhafteten bekannt machen. Unfähig, wie die kubanische Bürokratie ist, hat sie nicht vorausgesehen, dass sich an jenem Sonntag die Straßen mit den Rufen „Freiheit“ füllen würden; jetzt will man diese eindrucksvollen Bilder verblassen lassen, mit den Mitteln Gefängnis und Angst.

Am 28.Januar, an dem José Martí zum ersten Mal weinte, werden fast 40 Urteile gegen Dutzende von Kubanern ergehen, die gleich ihm glaubten, dass Kuba ein freieres Land werden könnte, „zum Guten für alle“. Wegen dieser Haltung legte man dem 16-jährigen Martí eine Fußfessel an und später wurde er zu mehrjähriger Verbannung verurteilt. Eine beunruhigende Parallele zu dem, was sich diese Woche in Kuba ereignet.

Der Kalender setzt uns wieder vor den Spiegel unserer Geschichte. Die jungen Leute bleiben Verurteilte und werden auf dieser Insel ins Exil getrieben.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Der Kult um Fidel Castro wächst, um die Echos der Proteste in Kuba zu ersticken

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Eingeweiht in la Parra, Cienfuegos, das Monument für Fidel Castro. (Granma)

YOANI SÁNCHEZ / Panamá / 10.Januar 2022

Eine Skulptur in Form einer Hand, die aus dem Boden ragt, ein Ganzkörper-Relief, eine Pilgerfahrt mit seinem Foto und die Neuauflage eines Buchs mit Interviews, all dies gehört zur der neuen Welle des Personenkults um Fidel Castro. In dem Maß, wie sich das Regime mehr und mehr in die Seile gedrängt fühlt, verehrt es das Phantom eines Mannes, den die Kubaner in den letzten fünf Jahren ständig hinterfragt und zunehmend vergessen haben.

„Wer ist das, Mama?, fragte die 5-jährige Tochter eine Freundin, die das nationale Fernsehprogramm kaum einschaltet, die aber aus Versehen die Nachrichten weiter verfolgte, als auf dem Bildschirm das bärtige und gealterte Gesicht von Castro erschien, als er eine Rede zu Beginn des Jahrhunderts hielt. Bei der jungen Generation wächst die Ablehnung und die Gleichgültigkeit gegenüber Castro, und sie vergessen den Mann, der seine Person mit der Staatsidee verschmelzen wollte.

Diese Entfremdung verfolgen die aktuellen Führer mit Sorge. Weil es ihnen selbst an vorzeigbaren Ergebnissen fehlt, bleibt ihnen nur Castro auf eine mystische Ebene zu heben. Der Mann, der die Zerstörung der Altäre voran trieb, der das Tragen von religiösen Gewändern stigmatisierte und die Taufe ablehnte, jetzt wird er von seinen Schmeichlern wie eine Heiligenfigur behandelt, die man vom Altar herunternimmt und bei politischen Prozessionen mitführt.

Dem kubanischen System ist die Ideologie abhanden gekommen, und die Relikte von sozialer Gerechtigkeit haben sich längst in Luft aufgelöst. Die aktuellen Gesichter der Macht besitzen kein Charisma, einige von ihnen haben genau das Gegenteil davon: der mittelmäßige Miguel Dìaz-Canel, der schweigsame Luis Alberto Rodriguez López-Calleja oder der langweilige Bruno Rodríguez. Mit dieser Mannschaft aus grauen Leuten wird man in den Herzen der Menschen kein Feuer entzünden können.

Seine politischen Erben sind jetzt dabei ein Netz von Monumenten schaffen, die nicht nur im Widerspruch zu seinem letzten Willen stehen, sondern auch im Fadenkreuz des öffentlichen Zorns.

Deswegen haben die offiziellen Propagandisten einen Kreuzzug begonnen: er soll die öffentliche Unzufriedenheit zurückdrängen und die Echos der Proteste des 11.Juli ersticken. Dazu weihen sie Monumente ein, die an Fidel Castro erinnern, nennen Orte, die Schuhe von ihm zeigen und wiederholen seinen Namen bei allen öffentlichen Reden. Sie haben ihm sogar die Initiative zugeschrieben, die zur Entwicklung von Impfstoffen gegen Covid-19 führte.

Und sie greifen auf das Drehbuch zurück, das ihnen schon einmal taugte.

Trotzdem, es sind andere Zeiten. Castro kann keinen Schrecken mehr verbreiten, ein Umstand, den viele für die wichtigste „Gabe“ seiner Führerschaft hielten. Es waren nicht seine langen Stunden vor dem Mikrophon, in denen er sprach und sich schließlich widersprach; auch nicht seine Körpergröße, viel größer als die mittlere der Kubaner, und auf gar keinen Fall seine vermutete Klugheit − der Mythos entstand, weil er mutig über alles sprach und dabei auf Berater setzte, die ihm umfangreiche Resümees lieferten. Nein, der Einfluss Castros auf Millionen von Menschen beruhte auf Angst.

Die Leute fürchteten, er würde eines Morgens aufwachen und Maßnahmen treffen, um einem bestimmten Markt-Typ den Garaus zu machen; fürchteten, er würde große Landgebiete beschlagnahmen, oder eine Offensive starten, um die letzten Reste des unabhängigen Unternehmertums zu beseitigen. In den Häusern zitterte man, weil ein Satz am falschen Ort den Sohn oder die Mutter ins Gefängnis bringen konnte, wo die „revolutionäre Justiz“ − von Castro mitleidlos durchgesetzt − ihr Leben zerstören würde. Der Schrecken war so groß, dass man zahllose Spitznamen erfand um nicht „Castro“ sagen zu müssen, und in Gesprächen war sogar das Pronomen „Er“ für ihn reserviert, was die Panik reduzierte seine elf Buchstaben aussprechen zu müssen.

Nein, diese Angst kommt mit den Plakaten und Skulpturen nicht zurück, die an ihn erinnern. Die Angst ist Teil der Vergangenheit; der aktuelle „Anfall“ der Regierung hat den Personenkult um Fidel Castro wiederbelebt, löst aber nur Spott und Überdruss aus. Seine politischen Erben sind jetzt dabei ein Netz von Monumenten zu schaffen, die nicht nur im Widerspruch zu seinem letzten Willen stehen, sondern auch schon im Fadenkreuz des öffentlichen Zorns.

Die Menschen freut es, jene von den Altären herunter zu nehmen, die sie für würdig halten, auf Altären zu stehen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Zurück an die Schule und die Rückkehr zur Maske

Hervorgehoben

Vergangenen November, Schulbeginn an einer Grundschule in Granma. (Facebook)

YOANI SÁNCHEZ / Panamá / 31.Dezember 2021

Der Lehrer von Ana Laura hat ihre Mutter zu einem Gespräch aufgefordert, um sich über das Verhalten der Tochter zu beklagen. Die 14-jährige Jungendliche ist zurückgekommen in ihr Klassenzimmer in Havanna, nachdem sie ein Jahr lang keinen Unterricht hatte, und jetzt spürt sie, dass sie nicht mehr hierher gehört. Sie folgt nicht mehr den Lerninhalten und will im Unterricht auch nicht mehr mitschreiben. „Das betrifft mehr als die Hälfte ihres Jahrgangs“, beklagt sich der Lehrer. Eine Rückkehr an die Schule ist weltweit eine Herausforderung, aber die Situation verschlimmert sich in Kuba, wo Exzesse von ideologischer Indoktrinierung dazu beitragen, dass Schüler die Schule ablehnen.

Zu Beginn des Lockdowns glaubte die Schulbehörde, dass es genügen würde Distanzunterricht zu erteilen: man setze einen Lehrer vor eine Kamera und verteile Hausaufgaben über einen Messenger-Dienst. Aber die Monate ohne Morgenfeiern mit flammenden politischen Losungen haben ihren Tribut gefordert, dies betrifft die Einflussnahme auf Kinder und Jugendliche von Seiten des kubanischen Regimes. Für lange Zeit mussten Schüler nicht in Klassenräume gehen, wo sich Kreide auf der Wandtafel und Bilder von Parteiführern abwechseln; sie mussten auch nicht an Aktionen der „revolutionären Bestätigung“ teilnehmen, in die man Schüler und Studenten häufig einbezieht.

Nicht überraschend ist, dass die historischen Proteste des 11.Juli stattfanden, als die Schulen für fast mehr als ein Jahr geschlossen hatten. Als ob der Bann seine Wirkung verloren hätte, weil man nicht jeden Tag die entsprechenden Worte wiederholen konnte, die in einen Zustand unterwürfiger Zustimmung versetzen;…jetzt sind die jungen Leute als Bürger aufgewacht. Unter den mehr als tausend Festgenommenen an jenem 11.Juli ist ein Gutteil jünger als 20 Jahre, viele sind kaum älter als 16, das Alter der Volljährigkeit in Kuba.

Diese Kinder und Jugendlichen erneut in eine Form von Indoktrination zu pressen, ist so unmöglich, wie den Schwestern von Aschenputtel den zu kleinen Schuh anzuziehen.

Für jene, die nicht hinter Gittern endeten obwohl sie öffentlich demonstrierten, hat die Rückkehr an die Schule einen bitteren Beigeschmack. In den Klassenzimmern fehlen Mitschüler von ihnen, und sie hören überall Geschichten von Schnellverfahren und Gerichten, wo man Strafen von mehr als zehn Jahren verlangt, wenn jemand das Recht zu protestieren für sich in Anspruch nimmt. Aber auch die, die in die Schule zurückkommen, sind nicht mehr die, deren Unterricht im Frühling 2020 endete, als die Inzidenzrate von Covid-19 anzusteigen begann. Sie haben sich deutlich verändert.

Diese Kinder und Jugendlichen erneut in eine Form von Indoktrination zu pressen, ist so unmöglich, wie den Schwestern von Aschenputtel den zu kleinen Schuh anzuziehen. Sie passen nicht mehr in das ideologische Gefängnis der Schule, obwohl sie im Lockdown mit „Bleibe im Haus“ Prüfungen versäumten, vor Schulbüchern seufzten und sogar Unterrichtsstunden voller mathematischer Formeln und vorfabrizierter Sätze idealisierten. Sie haben genug vom Personalkult, von Losungen mit Brand-Rhetorik und von der Doppelmoral, die all das provoziert.

Während der Lehrer von Ana Laura klagt, dass die Schülerin kein Interesse mehr am Unterricht zeigt, glaubt die Mutter, dass es sich bei der Tochter um eine altersgemäße Rebellion handelt oder um mangelnde Unterrichtspraxis des Lehrers. Und sie geht darüber hinaus: in diesem letzten Jahr habe ihre Tochter gelernt, wie man ohne „eiserne Maske“*) lebt und jetzt wolle sie die nicht mehr tragen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Eine Vermutung des Übersetzers:

Mit der „eisernen Maske“ könnte Y.Sánchez auf das Gerücht anspielen, dass ein Zwillingsbruder von Ludwig XIV. eine eiserne Maske tragen musste, ohne die er zu einer Gefahr für den König geworden wäre.

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Das Wort des Jahres und die schwierige Aufgabe einen Moment zu benennen

Hervorgehoben

Auf dem Bild ein Begräbnis in der Provinz Pinar del Río. (Ronald Suárez/Facebook)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 23.Dezember 2021

Die Fundéu, die gemeinnützige Stiftung zur Förderung der spanischen Sprache, hat schon die 12 Kandidaten bekannt gegeben, die sich 2021 um den Titel „Wort des Jahres“ streiten. Die Konkurrenz ist groß, weil das Jahr tiefe Gefühle bei den Millionen Menschen hinterlassen hat, die dieses schöne Idiom sprechen, und weil sich im Verlauf der 12 Monate eine gesellschaftliche Debatte an Wörtern wie wissenschaftliche Erfolge, politische Konflikte und wirtschaftliche Nöte entzündet hat. Die Wahl könnte im spanischen Sprachraum eine Spur von Unzufriedenheit hinterlassen, einen vielstimmigen Chor in den 20 Ländern, in denen Spanisch die offizielle Sprache ist, und auch darüber hinaus.

Impfung, Kryptowährung, Unterversorgung, Variante, Metaversum und Taliban finden sich unten den Begriffen, die sich um die Krone streiten, die die Fundéu seit 2013 vergibt. Trotzdem, obwohl diese Begriffe bei zahllosen Gelegenheiten geschrieben, gesendet und gesprochen wurden, denke ich, dass es der Akt Abschied zu nehmen ist, mental oder physisch, dem wir am Ende dieses schwierigen Jahres den Vorzug geben sollten. Das Wort „adiós“ hat unsere Tage markiert, unseren Lebensweg neu definiert und uns gezwungen, die Prioritäten unserer Existenz neu zu konzipieren.

Wir mussten dieses spitze Wort noch einmal verwenden, als uns klar wurde, dass die Pandemie nicht etwas Vorübergehendes ist, sondern einen neuen Status quo darstellt, mit dem wir noch lange Zeit leben müssen. In diesem Jahr haben wir unaufhörlich „adiós“ gesagt.

Wir sagten „adiós“ zu den vielen tausend Verstorbenen, die uns in der zweiten und dritten Welle verlassen haben, als wir glaubten, dass wir das Schlimmste schon überstanden hätten. Wir haben dieses Wort verwendet, als wir begriffen hatten, dass die Art, wie wir soziale Kontakte, Begegnungen mit anderen Menschen und das Berufsleben erlebt haben, so nicht wiederkommen würde; wir mussten dafür neue Formen schaffen. Dann mussten wir dieses spitze Wort noch einmal verwenden, als uns klar wurde, dass die Pandemie nicht etwas Vorübergehendes ist, sondern einen neuen Status quo darstellt, mit dem wir noch lange Zeit leben müssen. In diesem Jahr haben wir unaufhörlich „adiós“ gesagt.

Aber jedes Mal, wenn wir eine Hand oder unseren Kopf schüttelten, um ein Kapitel abzuschließen oder einem Verstorbenen „auf Wiedersehen“ zu sagen, sagten wir auch „Hallo“ oder „Willkommen“, weil das Jahr 2021 uns jeden Morgen zwang aufzustehen und dankbar zu sein, dass die Lunge noch funktionierte; wir sprangen umher wie kleine Kinder, wenn das Test-Ergebnis negativ war; wir umarmten einander nur mit der Ecke des Ellenbogens, und auch so spürten wir, wie es mit dem ganzen Körper gewesen wäre; wir ließen die Badesachen in der Kommode, weil die Strände gesperrt waren; wir hängten keine Girlanden auf, weil Weihnachten nicht so war um zu feiern. Das brachte uns dazu Überflüssiges zu entsorgen und Wesentliches zu behalten.

Nachdem wir all das überlebt haben, ringen wir uns ein kleines Lächeln ab und erinnern uns daran, dass die Fundéu im Jahr 2014 das Wort „Selfie“ wählte, selbstverliebt und unbekümmert, oder dass 2019 die Entscheidung zugunsten der sympathischen „Emojis“ ausfiel. Die Sprache war damals beladen mit einer heute überholten und überhasteten Sorglosigkeit; wir ahnten damals natürlich nicht, dass eine Pandemie über uns kommen würde.

Am 29.Dezember wird die Stiftung Fundéu, die von der Nachrichtenagentur EFE und der Königlich Spanischen Akademie gefördert wird, das Wort des Jahres bekannt geben; aber viele von uns kennen es schon. Es sind die zwei kurzen Silben, die wir die ganze Zeit wiederholt haben: „adiós“.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Der kubanische Kalender hat sich mit Tagen der Menschenrechte gefüllt

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Nach Jahren, in denen dieses Datum alarmierend für den Castrismus war, haben sich die widrigen Tage vermehrt.

Mehrere Polizisten verhaften einen Mann, als er am 11.Juli in Havanna demonstriert. (EFE/Ernesto Mastrascusa)

YOANI SÁNCHEZ / Panamá / 10.Dezember 2021

Am 10.Dezember 1989 fand in einem Park in Lawton eine Schmähaktion gegen Aktivisten statt. Was wurde aus jener Schülerin, die diese Aktion vehement rechtfertigte? Eine Woche lang waren ihre kampferprobten Mitschülerinnen und sie das junge Gesicht der revolutionären Unnachgiebigkeit; sie prahlten sogar damit, eine Kamera der ausländischen Presse zertrümmert zu haben.

Fast ein Vierteljahrhundert später sind vermutlich viele von denen, die damals dabei waren, heute schon emigriert; sie wurden vom System enttäuscht oder überleben dank korrupter Praktiken. Das Regime aber, das sie als Stoßtrupp missbrauchte, bleibt entschlossen sich den Tag der Menschenrechte einzuverleiben. Es erlaubt keine öffentlichen Forderungen von Seiten der Bürgerschaft und vernichtet denjenigen, der es wagt, die Freilassung der politischen Gefangenen offen zu fordern.

Autoritäre Regime wissen, dass sie immer Menschen finden werden, die bereit sind andere zu attackieren, und sie sind geschickt darin niedere menschliche Instinkte für sich zu nutzen. Sicher ist aber auch, dass man bei offiziellen Aufrufen die Abneigung der Kubaner bemerkt, dem „Feind die Stirn zu bieten“. Obwohl es jene gibt, die mit einem Schlagstock in der Hand Fotos machen, und auch jene, die so tun, als ob sie auf einen Kontrahenten schießen würden, obwohl sie nicht einmal wissen, wie man mit einem Gewehr umgeht.  Aber die überwiegende Mehrheit vermeidet es, sich in diese repressive Maschinerie hineinziehen zu lassen.

Wenn vor einigen Jahrzehnten jene Schülerin in obligater Schuluniform im Fernsehen damit prahlte, einen oppositionellen Marsch mit Schreien und Schlägen aufgelöst zu haben, dann könnten heute ihre Kinder zu denen gehören, die betont lässig laufen, wenn man sie von der Schule zu einem „falschen Volksfest“ bringt, in einen Park, in dem kurz vorher dazu aufgerufen wurde, gegen den Mangel an Freiheit zu protestieren. Ihren Enthusiasmus hat die Realität abgekühlt, deren Apathie ist eine Form von Rebellion.

Trotz der geringen Begeisterung der Gefolgsleute, hat die regierungshörige Bürokratie wieder ihre alte Propaganda – und Polizeimaschinerie in Bewegung gesetzt, und zwar am Tag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Trotz der geringen Begeisterung der Gefolgsleute, hat die regierungshörige Bürokratie wieder ihre alte Propaganda – und Polizeimaschinerie in Bewegung gesetzt, und zwar am Tag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, im schon weit zurückliegenden Jahr 1948. Das „Maßnahmen-Paket“ der Regierung versucht ein Konzept umzusetzen: die Presse mit den angeblichen sozialen Erfolgen des Systems zu überschwemmen, die Kontrolle über kritische Hashtags (#) in sozialen Netzwerken zu gewinnen, dreiste Praktiken bei Verhaftungen anzuwenden, Hass-Meetings zu veranstalten und die Telefonleitungen von Oppositionellen zu sperren.

Aber der Kalender wurde zu einem Problem für den Castrismus. Wenn das Regime früher vermehrt seine Anstrengungen bezüglich Überwachung und Kontrolle auf den Tag der Menschenrechte konzentrieren musste, dann sind heute überall im Land solche Tage hinzugekommen. Die öffentlichen Proteste am vergangenen 11.Juli haben gezeigt, dass die Kubaner ihr bürgerliches Bewusstsein wiedererlangt haben und zwar in dem Maße, wie das soziale Unbehagen überhandnahm. Die Militarisierung des Landes, um den Bürgermarsch am 15.November zu verhindern, markiert einen weiteren Tag im Kalender.

Das Regime muss jeden Tag mit dem Schrecken leben, den dieser Dezembertag vor ein paar Jahren bei ihm auslöste. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang folgte das Regime der verschleißenden Strategie, aufkeimenden Non-Konformismus zu ersticken, Tumulte niederzuhalten, potentielle Demonstranten einzuschüchtern, die eigenen Anhänger davon zu überzeugen, dass die Kommunistische Partei bis ans Ende aller Tage das Staatsruder in der Hand behalten wird, Haushaltsmittel freizugeben, um die politische Polizei zu verstärken und zu beten…, ja, auch beten, dass das Volk nicht erneut auf die Straße gehen möge.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Die neue Fluchtroute der Kubaner heißt „Nicaragua“

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Viele Kubaner warten vor dem Büro von Copa Airlines in Havanna und hoffen auf ein Ticket nach Managua. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 27.November 2021

Eine meiner frühesten Erinnerungen geht zurück auf das Jahr 1980, als ich noch keine 5 Jahre alt war. Im Mietshaus in Havanna, wo ich wohnte, hörte ich Schreie von mehreren Nachbarn und ich ging auf den Flur. Eine größere Gruppe von Mietern überhäufte einen jungen Mann mit Beleidigungen, weil er sich entschlossen hatte, das Land über den Hafen von Mariel zu verlassen. In meinem Gedächtnis hat sich diese Explosion von Schimpfwörtern und verzerrten Gesichtern unauslöschlich eingegraben.

Gerade erleben wir wieder eine Massenflucht, aber im Unterschied zu jenen Jahren, als der russische Bär zahlreiche Ressourcen nach Kuba schickte, werfen die offiziellen Trupps jetzt keine Eier an die Tür von Ausreisewilligen und beschmieren nicht die Hauswände mit Parolen. Stattdessen scheinen die Behörden Gefallen daran zu finden, den Druck aus dem sozialen Kessel zu nehmen, indem sie die neuen Emigranten in die Liste jener aufnehmen, die Geldbeträge nach Kuba überweisen.

Statt sich dazu durchzuringen, eine Schiffsanlegestelle für jene zu öffnen, die kommen möchten um nach ihrer Familie zu sehen, oder die Sperrung der Grenzen aufzuheben, damit Tausende auf miserablen Flößen die Meerenge von Florida überqueren können −  wie es 1994 der Fall war − ,ist den Behörden ein Vorgehen eingefallen, wie sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können. Dank der Unterstützung ihres Alliierten Daniel Ortega, haben sie diese Woche angekündigt, dass Kubaner für Nicaragua kein Visum mehr benötigen.

Das mittelamerikanische Land wird so zur Hoffnung all jener, die die materiellen Einschränkungen und den Mangel an Freiheit nicht mehr ertragen.

Das mittelamerikanische Land wird so zur Hoffnung all jener, die die materiellen Einschränkungen und den Mangel an Freiheit nicht mehr ertragen. Aber Managua ist nicht ihr Endziel, sondern nur der erste Schritt, um sich auf den Weg zur Südgrenze der Vereinigten Staaten zu machen. Der Platz der Revolution kennt diese Absichten und kalkuliert, dass in ein paar Monaten viele tausend kubanische Staatsbürger sich an den Grenzübergängen zusammendrängen werden und die Einreise fordern.

Mit diesen üblen Maßnahmen, die man gerade praktiziert, vergewissert sich das kubanische Regime, dass Joe Biden sehr bald Kopfschmerzen bekommen wird und eine große interne Diskussion beginnt, angesichts der stark zunehmenden Zahl von Migranten, die von der Insel kommen. Nebenbei bemerkt, auf dem nationalen Territorium befreit sich das Regime auf diese Weise von Nonkonformisten und Rebellen, die die nächste soziale Explosion anführen könnten, wie am vergangenen 11.Juli geschehen.

Aber diese Massenflucht ist ein zweischneidiges Schwert. Die US-Administration könnte die Angelegenheit ganz anders behandeln, als es sich Havanna vorstellt. Auch könnte die Flucht vieler Kubanern Effekte in einer alternden Gesellschaft verursachen. Wenn Kuba in den nächsten Monaten einen Teil seiner jungen Leute verliert, seine Fachleute und solche mit genügend Selbstwertgefühl, die glauben, dass sie auch in einem Umfeld mit Wettbewerb erfolgreich sein könnten, dann verzögert sich nicht nur der demokratische Wandel, sondern auch die wirtschaftliche Erholung und die Entwicklung des Landes.

Mit der Migrations-Alchemie spielen, könnte auch für den Castrismus bittere Überraschungen bringen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Der Tag, an dem das kubanische Regime allein lief…und nicht gewann

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Am vergangenen 14.November platzierten die kubanischen Behörden einen Omnibus so, dass er die Straße von Yunior García blockierte; anderntags wollte García in weißer Kleidung und mit einer Rose auf die Straße gehen. (EFE)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 19.November 2021

Sie sagen, dass das Pferd allein auf der Rennbahn lief und die Ziellinie als Erster erreichte. Eingesperrt in ihren Ställen und angebunden an Ketten waren bei diesem Rennen die möglichen Konkurrenten. Der Sieger konnte seine Arroganz nicht unterdrücken und lobte die Beine, als ob die ihn zum Sieg getragen hätten und nicht seine Tricks. Sie sagen, dass es ein 15.November war, ein Tag, an dem man dem Publikum verboten hatte beim Rennen dabei zu sein.

In einem Interview mit dem russischen Sender RT hat der Kanzler Bruno Rodríguez den Aufruf zum Bürgermarsch als gescheitert eingestuft. „Die Realität, die tatsächlich in Kuba existierende, zeigt, dass sich in diesem Land nichts ereignet hat“, brüstete sich der Minister, und um dies zu bekräftigen sagte er zu dem ihm wohlgesonnenen Journalisten: „Sie haben sich frei bewegen können, sie wissen genau was geschah, sie haben es zusammen mit den Kubanern erlebt, und sie wissen auch was sich nicht ereignet hat“.

Um Szenen auf den Straßen mit weiß gekleideten Menschen und einer Rose zu vermeiden, hat die Bürokratie Meter für Meter die größte Kontroll-Aktion in die Wege geleitet, wie es sie in der Erinnerung vieler Kubaner so noch nie gab. Die bitteren Überraschungen, die die Spontanität der Proteste am 11.Juli der Regierung bescherten, veranlasste sie sich vorzubereiten, damit es nicht wieder einen Strom von Menschen gäbe, der „Freiheit “ ruft und den Rücktritt von Miguel Díaz-Canel verlangt. Um dies zu gewährleisten, hat Díaz-Canel dieses Mal die ganze Insel lahmgelegt.

Polizeieinsätze, ein Aufgebot von Agenten der Staatssicherheit in Zivil, Schmähaktionen, Bedrohungen und selektive Sperren von Telefonverbindungen.

Polizeieinsätze, ein Aufgebot von Agenten der Staatssicherheit in Zivil, Schmähaktionen, Bedrohungen und selektive Sperren von Telefonverbindungen…, er verwendete eine feige Taktik aus dem Handbuch für Autoritäre und missbrauchte seine Macht. Was er selbst vom Castrismus geerbt hat, fügte er noch hinzu: Experte im Lügen und die Verwendung von Dekor. Genau so hat er jahrelang versucht, die Leistungsfähigkeit Kubas auf dem medizinischen Sektor glaubhaft zu vermitteln, ehe sie aufgrund der Pandemie zu Bruch ging. Für 15N wählte er die Inszenierung „Frieden und Ruhe“.

Das Ergebnis glich mehr dem Drehbuch für eine Bestattung: leere Straßen; gemurmelte Gespräche in den Warteschlangen, wo bis vor zwei Tagen noch pure Lebensfreude herrschte; zitternde Hände, die versuchten unter dem einschüchternden Blick der Polizei ein Smartphone aus der Tasche zu ziehen; weinende Mütter, die ihre Kinder anflehten, dass sie an diesem Montag das Haus nicht verlassen sollten. Ein weißes Betttuch über einem Wäscheständer konnte den Nachbarn im nächsten Haus aus Furcht lähmen; sogar die Blumenverkäufer versteckten sich oder boten nur gelbe Sonnenblumen und sehr rote Rosen an. An diesem Tag spielte der Terror die Hauptrolle.

Und dann fühlte sich das Regime stark, schüttelte die Mähne, stellte seine Kruppe zur Schau und zeigte die Zähne. Jetzt wollen sie der öffentlichen Meinung, national und international, glaubhaft machen, dass man ihnen eine Medaille für ihre Fähigkeiten umhängen sollte, auch für die Unterstützung aus ihrem Volk. Die Regierung weiß aber, dass alles eine Lüge ist. Wenn sie nicht die größte und kostspieligste Unterdrückungs-Aktion der letzten 25 Jahre durchgeführt hätte, dann hätten die Kubaner den Regierenden erneut ihren Überdruss am aktuellen System gezeigt.

Das Regime wird auch nicht verhindern können, dass man das Wiehern der eingesperrten Pferde hören wird, denn Regeln im politischen Spiel werden nicht respektiert. Wenn man Konkurrenten eliminiert, oder Dissidenten daran hindert ihre Fähigkeiten zu zeigen, dann entwertet man damit das Rennen, die Schiedsrichter und die zu vergebenden Medaillen. Man zwingt ein Volk dazu, andere Wege zu finden um aufs Podium zu kommen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Überwachung und Schmähaktionen knebeln 15N in Kuba

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Yunior García Aguilera hält eine Hand mit einer weißen Rose aus dem Fenster. (EFE)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 16.November 2021

Die Straßen fast leer, in der Luft liegt Spannung. So erlebte man Havanna am letzten Montag, am Tag, an dem unabhängige Gruppen zu einem Bürgermarsch aufgerufen hatten, für die Freilassung der politischen Gefangenen und für einen demokratischen Wechsel auf der Insel. Auf den Boulevards und in den Geschäften, die vor zwei Tagen noch voll von Leuten waren, gab es an diesem 15. November nur Polizei, uniformiert oder in Zivil.

Einen Tag vorher wurde der Dramaturg Yunior García Aguilera − einer der wichtigsten Organisatoren des friedlichen Protests − in sein Haus eingesperrt, mit einem offiziellen und schreienden Mob vor seiner Tür. Obwohl die Unterdrücker ihn daran hinderten sein Haus zu verlassen, konnten sie nicht verhindern, dass er der kubanischen Geschichte ein wirkmächtiges Bild von Bürgersinn schenkte: Ein Mann, eingesperrt in sein eigenes Haus, hält eine Hand mit einer weißen Rose aus dem Fenster.

Der exzessive und repressive Polizeiaufmarsch, den das kubanische Regime losgetreten hat, hat nicht nur die betroffen, die an diesem Montag Opfer von Schmähaktionen wurden, sondern auch die, die unter der Sperre der Internetdienste litten und verhaftet wurden, wenn sie versuchten auf die Straße zu gehen. Die Hauptschuld geht zu Lasten des eigenen Behördenapparats, der einer Bürgerschaft sein hässliches Gesicht zeigte. Die Bürger sind der exzessiven Kontrollen müde geworden, die nach den Protesten des 11.Juli signifikant zugenommen haben.

Diesen Terror-Zustand für lange Zeit aufrecht zu erhalten, ist für den Platz der Revolution fast unmöglich.

Weil es ein Missverhältnis der Kräfte gibt, nehmen auf den Straßen Unwille und Empörung zu. Wehrlose Bürger stehen offiziellen Einsatzkräften gegenüber, die bereit sind, „jeder Aktion die Stirn zu bieten“, so, wie der Regierende Miguel Díaz-Canel es am vergangenen Freitag angekündigt hat. Die Wut wächst, und obwohl die Angst noch viele Kehlen abschnürt, verliert der Castrismus jeden Tag Anhänger, innerhalb der Familien, unter Nachbarn und bei Freunden von denen, die unterdrückt werden.

Diesen Terror-Zustand für lange Zeit aufrecht zu erhalten, ist für den Platz der Revolution fast unmöglich. Obwohl die Führer der Kommunistischen Partei den Wunsch hegen, die Überwachung jeder Straßenecke über Monate hinaus auszudehnen, mit Posten der politischen Polizei, die vor den Häusern von Dissidenten lauern und lautstarken Hass-Kundgebungen in der Nähe von Wohnungen der Aktivisten…, für all das fehlen die Mittel. Dieses System hat sich daran gewöhnt Loyalität zu kaufen, auch wenn es mit Brotkrumen wäre, von denen keine mehr übrig geblieben sind.

Das Land ist bankrott und den Leuten reicht es. Weder die ökonomische Krise noch das allgemeine Unbehagen können auf kurze oder mittlere Sicht rückgängig gemacht werden. Obwohl es ihnen am 15.November gelungen ist den Bürgermarsch zu ersticken, indem sie Zuflucht zu den alten Methoden der Einschüchterung nahmen; in den klimatisierten Büros der Staatsmacht wissen sie, dass sie so nicht mehr lange regieren können. Sie wissen auch, dass sie den Zugang zu den Herzen des Volkes verloren haben; sie wissen, dass auf dieser Insel die Angst die Seiten gewechselt hat und dass es jetzt sie sind, die uns fürchten.

Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Facebook, autoritäre Regime und der Daumen nach unten

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Als in Kuba am vergangenen 11.Juli die Proteste begannen, waren Konten bei Facebook und die Möglichkeit Demonstrationen live zu übertragen, die wesentlichen Elemente dafür, dass eine geknebelte Bevölkerung zu ihrer Stimme fand. (Marcos Evora)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.10.2021

Der Riese ist verwundet und es gibt viele Gründe, sich an seinem Ungeschick zu ergötzen. Facebook ist wieder einmal in einen Skandal verwickelt, der das soziale Netzwerk hinterfragt: seine Arbeitsmethoden, die Verwendung von persönlichen Daten seiner Nutzer und sogar seine enorme Macht, die es über Regierungen, lokale Gesetzgebungen und ethische Normen erlangt hat. Nichts Neues in den mehr als 15 Jahren seiner Existenz.

Trotzdem, unter seinen Kritikern finden sich nicht nur Leute, die besorgt um die Anhängigkeit sind, die die Werkzeuge oder Fallstricke seines Algorithmus generieren. Zu den Kritikern zählen auch mehrere autoritäre Regime, die das Bürgerforum nicht mehr ertragen, zu dem das Geschöpf von Mark Zuckerberg geworden ist. Sie reiben sich die Hände, wenn sie sehen wie die Beleidigungen auf den US-Konzern herunter regnen, der seit kurzem beschuldigt wird, seinem Gewinn mehr Priorität einzuräumen als der Netzsicherheit.

Zweifelsohne bleibt die allgemeine Beurteilung positiv, gemessen an der Gefräßigkeit dieses technologischen Mastodonten, der Wahlausgänge beeinflussen, Ansehen vernichten und wichtige Sachverhalte beerdigen kann, mit Gewinn aus Banalitäten. Es sind nicht diese Gründe, derentwegen Diktaturen Facebook verabscheuen. Es sind auch nicht die Probleme mit Sicherheitslücken oder Abhängigkeiten eines Netzwerks mit „gefällt mir“, die hinter den Angriffen der Unterdrücker auf das Unternehmen stehen.

Wenn sich die Regierung in Havanna über die medialen Prügel freut, die Facebook bezieht, dann denkt sie nicht daran uns zu schützen, sondern uns mundtot zu machen.

Als in Kuba die Proteste des 11.Juli begannen, waren Konten bei Facebook und die Möglichkeit, die Demonstrationen live zu übertragen, die fundamentalen Elemente dafür, dass eine seit mehr als einem halben Jahrhundert geknebelte Bevölkerung ihre Stimme fand. Der Zusammenschluss vollzog sich im Internet. In einem Land, in dem das Versammlungsrecht stark eingeschränkt ist, brach ein Bollwerk aus Misstrauen und Angst, das die Bürger bis dahin gelähmt hatte.

Trotz der Internetsperren, die auch in den darauffolgenden Tag anhielten, blieben die sozialen Netzwerke und die Messenger-Dienste die wichtigsten Szenarien der Rebellion. Die Plattform der Gruppe Archipiélago hat zu einem Bürgermarsch am kommenden 15.November aufgerufen und die digitale Gruppe hat ihr Potential genutzt, um mehr als 30.000 Mitglieder zu vereinen. Für diese ist Facebook die einzige Möglichkeit sich zu begegnen und zu diskutieren.

In eben diesem Land, in dem die Lehrbücher der Schulen eine Unmenge an Indoktrinierung enthalten und der Bildschirm − wie bei Orwell − eine naive Karikatur der politischen Polizei ist, freuen sich die offiziellen kubanischen Medien über die Fragen, die in demokratischen Ländern bei Tagungen und in der Presse an Zuckerberg gestellt werden. Sie begrüßen es, dass man den Werkzeugen des sozialen Netzwerks Grenzen setzen will, nicht aber, um die Privatsphäre der Nutzer zu wahren, noch um sie vor Exzessen der Werbung zu schützen. Sie tun es, denn es könnte ihnen gefallen wenn Facebook fällt, um die Lücke zu schließen, die sich bei ihren strengen internen Kontrollen geöffnet hat.

Wenn sich die Regierung in Havanna über die medialen Prügel freut, die Facebook bezieht, dann denkt sie nicht daran uns zu schützen, sondern uns mundtot zu machen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Artikel wurde ursprünglich von DW-Español publiziert.

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Kuba, die Spannung steigt, je näher der 15.November kommt

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Diese Woche, Militärfahrzeuge in den Straßen von Havanna. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 14.Oktober 2021

Sie tragen zivil und simulieren, sie würden auf den Bus warten oder an einer Straßenecke miteinander reden, aber jeder weiß, dass es Segurosos sind, das übliche Wort für die gefürchtete politische Polizei. Ihre Präsenz hat auf den kubanischen Straßen seit den Protesten am 11.Juli zugenommen und man erwartet, dass sie noch weiter zunehmen wird, in dem Maße wie der 15. November naht. Diesen Tag wählten Aktivisten der Plattform „Archipel“, um einen friedlichen Marsch zu veranstalten.

Sie beziehen sich dabei auf geltendes Recht mit für sie günstiger Gesetzeslage. Mehrere junge Leute haben bei lokalen Behörden Anträge gestellt, in wenigstens sechs Provinzen, um am kommenden 20.November zu demonstrieren. Die Verfasser des Textes beriefen sich auf Garantien, die die Verfassung gewährt, nämlich das Recht sich zu versammeln, zu demonstrieren und sich zu vereinigen. Außerdem ersuchten sie die Behörden zu verfügen, dass die Ordnungskräfte des Landes die Protestierenden „angemessen schützen“ sollen. Dieses Schreiben glich einem Stich in ein Wespennest.

Sogleich begannen offizielle Stimmen die Organisatoren des Marsches als „Söldner des Imperiums“ zu bezeichnen; einige von ihnen wurden von der Staatssicherheit bedroht, ihre Mobilfunkdienste unterbrochen und die Umgebung ihrer Häuser überwacht. Diese jungen Leute trafen alle denkbaren Geschosse zur Vernichtung ihrer Reputation und auf nahe Familienangehörige wurde dahingehend Druck ausgeübt, ihnen zu raten, ihr Unterfangen nicht weiter zu verfolgen.

Der Platz der Revolution hat sich entschlossen nicht mal einen Millimeter Meinungsverschiedenheit zuzulassen; das Regime will seine Zeit über diese 62 Jahre hinaus verlängern, ohne legale Märsche von unzufriedenen Bürgern.

Ein paar Tage nach der Übergabe des Schreibens schüttelte die Bürokratie die Ankündigung aus dem Ärmel, dass an dem vorgeschlagenen Tag eine nationale Militärübung stattfinden würde, offensichtlich die Antwort auf das Gesuch der Aktivisten. Aber diese ließen sich nicht einschüchtern, verlegten den Aufruf vor auf den 15.November und übergaben noch einmal die Dokumente an die lokalen Gouverneure. Am Dienstag war dann die Antwort der Regierung kategorisch: man betrachte die Initiative als „illegal“ und sehe in ihr eine „Provokation für einen Regimewechsel“.

So gesehen handelte die Bürokratie wie erwartet, nahm aber eine gefährliche Position ein. Der Platz der Revolution hat sich entschlossenm nicht mal einen Millimeter Meinungsverschiedenheit zuzulassen; das Regime will seine Zeit über diese 62 Jahre hinaus verlängern, ohne legale Märsche von unzufriedenen Bürgern, ohne Arbeiter auf der Straße, die einen höheren Lohn fordern und auch ohne oppositionelle Politiker, die auf einem Platz ihre Kritik an der Exekutive verbreiten. Der Castrismus hat entschieden sich auch weiterhin unerschütterlich zu zeigen.

Trotzdem, ein japanisches Sprichwort sagt, dass „der Bambus, der sich biegt, stärker ist als die Eiche, die standhält“. Nicht nachgeben, den Marsch nicht erlauben und sich in Unnachgiebigkeit einigeln kann einer der größten Fehler sein, den die Führer eines Systems begehen können, das in den letzten Zügen liegt. Nach der Demonstration der weitverbreiteten Erschöpfung, die die Kubaner im Sommer auf offener Bühne zeigten, jetzt mit harter Hand und Repression zu reagieren, ist wie ein Schuss ins eigene Knie. Das könnte ihren Sturz beschleunigen und im schlimmsten Fall das Land in einen Bürgerkrieg führen. Schließlich wissen sie nicht, was sie tun.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Die Insel flieht in einem Koffer

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Tag für Tag entscheiden sich viele Kubaner das Land zu verlassen; sie besteigen ein Flugzeug und blicken nicht zurück. (EFE)

YOANI SÁNCHEZ / 14ymedio / 3.Oktober 2021

In einer Schublade habe ich eine Schachtel mit Fotos, die ich nicht anschauen will. Sie zeigen Gesichter von Menschen, die fortgegangen sind; viele hundert  Freunde, Kollegen und Familienmitglieder, die nicht mehr auf der Insel leben. Die Flucht von Sportlern, Künstlern, „Balseros“ (Bootsflüchtlingen) oder Funktionären beschleunigt sich in dem Maße, wie das Land untergeht. Gerade jetzt erleben wir Zeiten eines lauten Zusammenbruchs und des ständigen Abschiednehmens.

Die Flucht von 11 kubanischen Spielern während der U23-Baseball-Weltmeisterschaft im mexikanischen Bundesstaat Sonora war das jüngste Kapitel im Zusammenhang mit diesem Aderlass; jeden Tag entscheiden sich auch viele andere Kubaner wegzugehen, sie besteigen ein Flugzeug ohne zurückzublicken, schlagen sich durch den Urwald oder überqueren das Meer. Mit ihren Füßen drücken sie aus, was sie sich nicht laut zu sagen trauen: das politische System ist ein Fiasko und das Land wird unbewohnbar.

Das endgültige Ziel der Reise kann irgendein Ort sein. Gestern kündigte eine Freundin an, dass sie nach Island gehen wolle, auch eine Insel, „von der sie nur weiß, dass sie weit entfernt von Kuba ist und sie dort keinen Sozialismus aufbauen“. Der Nachbar um die Ecke hat seinen Mitgliedsausweis der Kommunistischen Partei zerrissen und arbeitet jetzt in einer Putzkolonne in Miami; eine Freundin aus der Kindheit organisiert gerade eine Scheinehe, um nach Italien zu emigrieren.

Die Flucht von 11 kubanischen Spielern während der U23-Baseball-Weltmeisterschaft im mexikanischen Bundesstaat Sonora, war das jüngste Kapitel bei diesem Aderlass; jeden Tag entscheiden sich auch viele andere Kubaner dafür wegzugehen, sie besteigen ein Flugzeug ohne zurückzublicken.

Einige beklagen sich, so lange gewartet zu haben. „Meine Schwester warnte mich und ich dachte, dass es sich bessern würde, aber es geht wieder zurück, im Krebsgang“, sagte mir die Angestellte in einem nahen Bauernmarkt. „Ich möchte lieber an irgendeinem Ort bei null anfangen, als hier den Rest meines Lebens zu verbringen“, sagte sie noch. Zwei Kunden, die ein Glas Fruchtsaft schlürfen und ihr zuhören, nicken zustimmend mit dem Kopf.

Alle, die zu der Überzeugung kommen, dass „man das Land verlassen sollte und zwar jetzt“, haben jenen Blick der unumkehrbaren Entscheidung, den Blick von Menschen in Wendepunkten ihres Lebens. Ich habe diese Härte bei Witwen bemerkt, bei Familien, die nach einem Brand alles verloren haben, und sogar bei Gefangenen, die zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Es ist so, als ob sie nach dem Verlust von Allem verstehen würden, dass ihnen nur noch eine letzte Befugnis bleibt: die Macht über ihren Körper.

Und diese Fähigkeit zu entscheiden und auf Distanz zu gehen, physisch oder mental, zwischen dem was ärgert und dem was schmerzt, nutzen Tausende von Kubanern, die jedes Jahr emigrieren. Weder die triumphierenden Schlagzeilen der offiziellen Presse, noch die Morgenrufe an den Schulen mit flammenden Losungen, noch die Versprechungen eines „erfolgreichen und nachhaltigen“ Modells, das schon hinter der nächsten Straßenecke wartet, können sie umstimmen. Es reicht ihnen einfach.

Anfangs verurteilte die kubanische Bürokratie die Flucht und bezeichnete Bürger, die ins Exil gingen, als „Bourgeois“, nachdem ihr Vermögen und ihre Betriebe und Geschäfte  konfisziert wurden. Später nannte man sie „Schlacke“, weil sie Abfallprodukte beim „Guss des Neuen Menschen“ wären. Auch heute noch hält man sie für schwache Personen, die dem „Sirenengesang des Kapitalismus“ erliegen.

Anfangs verurteilte die kubanische Bürokratie die Flucht und bezeichnete Bürger, die ins Exil gingen, als „Bourgeois“, nachdem ihr Vermögen und ihre Betriebe und Geschäfte  konfisziert wurden.

Nicht ungeschickt hat der Castrismus die Emigration auch als Ventil genutzt, um den sozialen Druck zu mindern. Es ist kein Zufall, dass den großen Migrationswellen schwere wirtschaftliche Krisen und eine zunehmende soziale Unzufriedenheit vorausgingen. So geschehen 1980 bei der Massenflucht  im Hafen von Mariel*), und im Sommer 1980 bei der von den „Balseros“ ausgelösten Krise. Auch als Folge der populären Proteste des 11.Juli wird eine Flucht einsetzen, die wir heute schon erleben.

Die Schande, dass bei einer Weltmeisterschaft fast die Hälfte der kubanischen Delegation in Mexiko bleibt, wird nicht durch die umfangreichen Dollar-Überweisungen kompensiert werden, die die Emigrierten später senden. Dieses Phänomen kommt nur in Gefängnis-Ländern vor, wie in den ehemaligen kommunistischen Ostblockstaaten, in Nordkorea mit der dynastischen Kim-Diktatur, in Belarus….und in Kuba. Wir stehen auf der Liste von Nationen mit Bürgern hinter Gittern, von Systemen, die als Käfige erlebt werden.

Uns erwarten Monate, in denen wir jeden Tag „Adiós!“ sagen werden, weil sie nicht hinter jeden Kubaner, der in einer offiziellen Delegation reist, einen Polizisten stellen können. Diese Fluchtbewegung wird vielleicht auch auf hohe Instanzen der Staatsmacht übergehen, weil die Ratten ein sinkendes Schiff verlassen; nicht weil sie „Ratten“ sind, sondern weil sie intelligent sind. Sie spüren, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Wogen des Wandels die leere Hülle dieses Systems unter sich begraben werden.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anmerkung des Übersetzers:

Während de Mariel-Bootskrise flüchteten 1980 circa 125.000 Kubaner nach Florida. (Wikipedia)

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Es riecht nach Metall auf Metall, das Leben hat das Aroma von Roheisen

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Die Kubanische Eisenbahn brach schließlich zusammen; die Lokomotive unseres Lebens stand still. (Archivo)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 18.September 2021

Ich hielt den Zug an. Das ist keine Metapher. Bei Tagesanbruch kam ich mit meiner Mutter und meiner Schwester auf den Bahnsteig. Die Angestellten der Station und der Weichensteller sagten uns, dass es keine festen Abfahrtszeiten gäbe. Das galt für die anderen, wir aber waren keine gewöhnlichen Sterblichen: mein Vater war der Lokomotivführer, er fuhr die Lokomotive, er lenkte die Schlange aus Eisen, die schließlich dienstbeflissen bremsend vor unseren Füßen zum Stehen kam.

Ich war die Tochter eines Helden. Er trug keine Flinte, sondern steuerte das Monster aus Metall, das die Fantasie aller Kinder beflügelte. Der Unterschied war, dass ich ihn zu Hause hatte, ich brauchte nicht zu fantasieren. Jene träumten von einem Lokführer, ich erlebte ihn jeden Tag: seine langen und zermürbenden Arbeitstage, wenn er nicht nach Hause kam, das Fest bei seiner Rückkehr und die Furcht, dass er an einem gefährlichen Knotenpunkt sein Leben verlieren würde.

Um vier Uhr morgens auf einem Bahnsteig gibt es niemand. Nur dich und den Glauben, dass jemand kommt um dich mitzunehmen. Aber daran zweifelten wir nicht. Was auch immer passiert, was immer sie auch sagen…bald wird ein schnaubendes Monster hier auftauchen. Wer ließ uns dies glauben? Mein Vater; er versicherte uns, dass er da sein würde, trotz der beinahe-Zusammenstöße, unerwarteter Vorkommnisse und möglicher Entgleisungen. Wir hatten Vertrauen zu ihm.

Jene träumten von einem Lokführer, ich erlebte ihn jeden Tag: seine langen und zermürbenden Arbeitstage, wenn er nicht nach Hause kam, und das Fest bei seiner Rückkehr.

Hier waren wir, ohne zu zweifeln. Meine Mutter meine Schwester und ich hielten uns an den Händen, inmitten dieser Mischung aus Feuchtigkeit und Zirpen der Zikaden, wie es Bahnstationen „im kubanischen Nichts“ sind. Wir wussten, dass das Schicksal uns unseren eigenen Titan aus Eisen und Stahl und einem Signalhorn geschenkt hatte.

Zunächst war es nur der feste Glauben; dann kam ein leichter Wind, der die Haare hinter die Ohren wehte und uns in ein Aroma hüllte. Es roch nach Roheisen. So nennt man den „Duft“, den die Reibung von Metall auf Metall verströmt, wenn ein Konvoi mit vielen Waggons auf den Schienen zum Stehen kommt. Es riecht nach Roheisen; ein Wort, das die Gilde der Bahnleute gut kennt, obwohl es für viele Menschen merkwürdig und neuartig klingt.

Meine Großmutter mütterlicherseits kannte das Wort gut, weil sie ständig die Uniformen ihres Mannes waschen musste, auch er ein Eisenbahner.

Ana kannte den „Mief“ gut, der entsteht, wenn jemand in der Führerkabine die Bremse einer Lokomotive zieht, die Dutzende von Waggons schleppt und die dann auf den Schienen kreischen. Das erzeugt außerdem eigenartige kleine Körnchen, sie sind schwarz und fühlen sich hart an, wenn man sie mit den Fingern vom Gesicht abstreift. Es handelt sich um ein Abfallprodukt der Eisenbahn am menschlichen Körper.

Es war die Zeit, in der man Wäsche stärkte und Ana machte das sehr gut. Sie war darin die Beste. Sie stärkte die Ränder der Hemden für meinen Großvater und meinen Vater. Beide hatten ein Emblem auf ihrer Tasche aus grauem Tuch, das uns faszinierte; es war ein weißes Rechteck mit einer in schwarz darauf gestickten Lokomotive, die Rauch ausstieß. Ich wollte immer einen Zug führen (und mehrmals tat ich es auch).

Mein Großvater hatte die „Hand einer Puppe“. Einmal, bei einem bevorstehenden Zusammenstoß, sprang er von der Lokomotive ab, aber sein Ring blieb an einem abstehenden metallischen Teil hängen. Später zeigte er uns wie ein Zauberer seine Hand mit vier Fingern und wir, naive Kinder, lachten darüber. Es waren Kriegsverletzungen unserer Leute, bleibende Schäden des Eisenbahner-Clans.

Seine Lokomotive hatte eine Ziegenherde überfahren; er konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Wir, seine Töchter, stürzten uns auf das Festmahl; wir hatten großen Hunger und er wusste es.

Aber nicht alles waren Scherze oder Anekdoten. Eines Tages riefen uns Nachbarn an, um uns ihr Beileid auszusprechen. Offensichtlich war ich bei einem Zugunfall zu Tode gekommen. Es war mein Vor-und Nachname, aber es war nicht ich, sondern ein Cousin identisch gleichen Namens und jünger als ich; er hatte bei einem Zusammenstoß sein junges Leben verloren, wie auch sein Vater der Lokführer. Bei uns vermehrten sich die Narben.

Mitte der neunziger Jahre kam mein Vater nach Hause, machte ein mürrisches Gesicht und seine Weste roch nach Blut. Seine Lokomotive hatte eine Ziegenherde überfahren; er konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Wir, seine Töchter, stürzten uns auf das Festmahl; wir hatten großen Hunger und er wusste es. Er war ein fürsorglicher Vater; mit diesen Fleisch-und Knochenteilen brachte er uns seinen letzten „Jagderfolg“. Wenig später beendete die Kubanische Eisenbahn endgültig ihr Dasein und die Lokomotive unseres Lebens stand still.

Dennoch, der Geruch bleibt. Meine Familie riecht nach Roheisen. Mein Vater starb kaum eine Woche später und ich ging zurück auf den symbolbeladenen Bahnsteig und wartete. Zunächst kam der Wind und schüttelte meine kurzen Haare. Die Tochter eines Eisenbahners kennt nur einen Duft, den Balsam ihrer Existenz. Den hatte ich wahrgenommen als ich im Morgengrauen vor den Gleisen stand und unbekannte Stimmen mir versicherten, dass der Zug nicht halten würde, aber ich wusste, dass er dies tun würde: ich konnte sein Kommen schon riechen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Díaz-Canel in Mexiko; eine Einladung, die niemals hätte erfolgen sollen

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Der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel zusammen mit Andrés Manuel López Obrador, dem Präsidenten von Mexiko, anlässlich eines früheren Besuchs im Jahr 2019. (Presidencia de Cuba)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 15.September 2021

Salsa tanzen oder mit mehreren Hollywood-Schauspielern lachen, so sah man Miguel Díaz-Canel bei einem Besuch in New York vor drei Jahren; jetzt wird er von Strafanzeigen in die Enge getrieben. Nachdem er die Proteste vom 11.Juli gewaltsam niedergeschlagen hat, ist Kubas Regierender auf dem internationalen Parkett isoliert; eine Schmach, die er mit einer Einladung nach Mexiko von Andrés Manuel López Obrador loswerden will.

Wenn die Bürger des Nachbarlandes am Donnertag den Tag des Grito de Dolores*) feiern, wird eine grauhaarige und spröde Person unter denen sein, die zu der Gedenkfeier geladen wurden: Miguel Díaz-Canel. In nur zwei Monaten ist sein Image eines pragmatischen Ingenieurs zu Bruch gegangen, ein Bild von ihm, das uns die offizielle Propaganda aufzwingen wollte. Im nationalen Fernsehen hatte er dazu aufgerufen, die Proteste vom 11.Juli niederzuschlagen und dabei versichert, dass er „zu allem bereit“ und „der Befehl zum Kampf erteilt wäre“.

Wie auch, seit Díaz-Canel auf dem Präsidentenstuhl Platz genommen hat, war er umgeben von der Kritik, dass er nicht in einem Urnengang gewählt worden wäre, obwohl er sich der Sympathie derer erfreute, die versicherten erleichtert zu sein, dass er wenigsten nicht mehr den Namen „Castro“ tragen würde. Politische Cliquen bezeichneten ihn als den Mann einer Generation mit weniger Schuld und „ohne Blut an den Händen“, im Gegensatz zu seinen Vorgängern.

Trotzdem, die Titelseiten der Zeitungen, die bis vor kurzem in ihm nur eine „Atempause“ für die Familiendynastie sahen, die die Insel mehr als ein halbes Jahrhundert kontrollierte,… ebendiese Zeitungen verbreiten heute Bilder von Polizisten, die auf wehrlose Bürger einschlagen und zeigen Menschen, die mit erhobenen Fäusten „Freiheit“ schreien. Diese Bilder verbreiteten sich im ganzen Land und auch solche von weinenden Müttern mit Kindern in Arrestzellen, ohne irgendeine Aussicht auf ein rechtmäßiges juristisches Verfahren.

Das ganze Werbe-Arsenal, das darauf abzielte ihn als einen effektiven, populären und modernen Macher zu zeigen, versagte nach jenem 11.Juli, der die neuere Geschichte des Landes in ein vorher und ein nachher teilt. Die Mandatsträger, die ihm vorher die Hand gaben, mit ihm auf einem Foto für die Familie lächelten, oder ihm bei Treffen von internationalen Organisationen auf die Schulter klopften, jetzt meiden und rügen sie ihn.

Nur López Obrador war in der Lage diesen Regierenden einzuladen, zu dem sein Volk klar und deutlich sagt, dass „es ihn nicht will“, und der mit der ihm eigenen Arroganz darauf antwortet, dass er sich nicht entschuldigen müsse.

Nur López Obrador war in der Lage diesen Regierenden einzuladen, zu dem sein Volk klar und deutlich sagt, dass „es ihn nicht will“, und der mit der ihm eigenen Arroganz darauf antwortet, dass er sich nicht entschuldigen müsse, seinen politischen Kurs nicht ändern wolle oder sein Amt an einen anderen übergeben werde. Worum geht es bei dieser Geste von López Obrador? Vielleicht um die Begleichung einer alten ideologischen Schuld? Versucht er seine politischen Gegner oder eine Regierung in einem Nachbarland in Verlegenheit zu bringen? Vielleicht gab es eine Anfrage von der Plaza de la Revolución in Havanna und der Mexikaner konnte dazu nur „ja“ sagen?

Als Kenner der Lage weiß Díaz-Canel, dass seine Reise Kritik und Argwohn auslösen wird, denn er, der auch der Sekretär der kubanischen Kommunistischen Partei ist, hat es vorgezogen, Einzelheiten der Tagesordnung unter Verschluss zu halten. Wir haben nicht einmal Informationen zu Ort und Zeit, wo und wann er als Redner im Rahmen der nationalen Feierlichkeiten auftreten wird. Eine Geheimnistuerei, die eine öffentliche Verurteilung verhindern soll. Nicht nur die von hunderten von emigrierten Kubanern, die sich schon organisieren um seinen Besuch abzulehnen, sondern auch die von vielen Mexikanern, die sich mit der Sache des demokratischen Wandels auf der Insel solidarisieren.

Aufgrund der großen Beachtung und der neuen Erkenntnisse zu seiner Tour vor zwei Jahren nach Russland, Belarus und Irland, wird Díaz-Canel Journalisten meiden, öffentlichen Präsentationen aus dem Weg gehen und akrobatische Verrenkungen machen, um ein lästiges Bild mit einem anderen Eingeladen zu verhindern, der seinen Gruß nicht erwidert oder ihn mit ausgestreckter Hand stehen lässt. Eine gefährliche Choreographie, denn Ablehnung und Protest können überall lauern.

Wie viel menschliche Wärme und Sympathie ihm sein Gastgeber entgegen bringt, wird viel über diese Reise verraten: ob es sich nur um eine simple Formalität handelt oder um einen lauten politischen Ritterschlag für einen Diktator, den sein Volk ablehnt; einen Mann, der sich eines Tages für seine Taten vor nationalen oder internationalen Gerichten wird verantworten müssen −hoffen wir es. Die Zahl der Schritte, die beide Regierenden beim Staatsakt voneinander trennt, ob López Obrador seinen kubanischen Gast erwähnt oder nicht, sogar die Stunden, die der auf mexikanischem Boden verbringt, all dies wird sehr enthüllend sein. Wir werden bei allen Ritualen genau hinsehen.

Aber auch; während der Abwesenheit von Díaz-Canel müssen wir die Insel im Auge behalten. Seine Unbeliebtheit ist den „Wölfen des Rudels“, die sich um die Macht streiten, nicht unbekannt. Wenn sie spüren, dass ihn auf dem Präsidentenstuhl zu halten die Kontrolle über das Land in Gefahr bringt, werden sie auf diesen Ingenieur verzichten, der keine drei zusammenhängenden Sätze zustande bringt, ohne dass die wie eine langweilige Litanei klingen, die andere ihm diktiert haben.

Diese Reise war dazu gedacht sein Erscheinungsbild außerhalb der nationalen Grenzen zu säubern, aber man riskierte auch, dass die Dinge im Innern des Hauses der Kontrolle entgleiten. Wie dem auch sei; López Obrador hat die traurige Rolle übernommen einen Mann zu stützen, der in die kubanische Geschichte als Marionette eingehen wird, der an dem Tag, als er die Fäden hätte durchschneiden und mit der Würde eines Staatsmanns hätte handeln können, die Repression vorzog…Die alte Praxis der Castros mit Schlägen und Knebel.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Eine historische Anmerkung des Übersetzers:

Der vom Priester Miguel Hidalgo in den frühen Morgenstunden des 16.Septembers 1810 in der Stadt Doleres artikulierte Grito de Dolores (Schrei von Dolores) markiert den Beginn des Mexikanischen Unabhängigkeitskrieges. An der Schwelle der Kirche rief Hidalgo zum Kampf gegen die spanischen Besatzer auf.

Nach Erreichen der Unabhängigkeit im Jahr 1821 wurde der 16.September als mexikanischer Nationalfeiertag festgesetzt. (Quelle: Wikipedia)

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Geräusche der kubanischen Krise

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Es gibt einen ‚Soundtrack‘ den man kaum wahrnimmt, der uns aber überall umgibt.(14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 24.August 2021

Es wird Tag und im ganzen Viertel hört man das Gackern der Hühner in einem nahen Hinterhof; wenn es Mittag wird hört man die Rufe einer Nachbarin, die meldet, dass es im Markt in der Tulipán-Straße Bananen gibt; am Nachmittag dringt das Quietschen einer Schubkarre durch die Fenster, beladen mit zwei kleinen Jungen, die sich nach einem Freizeitpark sehnen. Es sind Laute der Krise auf Kuba.

Obwohl man auf Bildern meist die langen Warteschlangen, die freudlosen Gesichter und die leeren Einkaufstaschen sieht…, wenn man die aktuelle Lage auf der Insel beschreiben will, dann gibt es dafür den ‚Soundtrack‘ des Desasters, den man kaum wahrnimmt, der uns aber überall umgibt. Einige dieser Töne sind Echos von jenen, die wir in den 90-er Jahren während der Speziellen Periode hörten, so, als ob die Nadel des Plattenspielers unseres Lebens zurückgesprungen wäre und dieselbe Musik noch einmal ertönen würde.

Die letzten Tage erinnern mich an die Epoche, als Nachbarn in unserem Gebäude ein Schwein in ihrem Badezimmer mästeten.

Die letzten Tage erinnern mich an die Epoche, als Nachbarn in unserem Gebäude ein Schwein in ihrem Badezimmer mästeten, und, weil das Tier nicht zu sehr stören sollte, ihm die Stimmbänder herausgeschnitten hatten. Schlussendlich stieß das Tier raue, kehlige Laute aus, die viel beunruhigender waren als sein bodenständiges Grunzen. Jetzt, auf einem nahen Balkon, hält jemand mehrere Truthühner in einem Käfig, die den ganzen Tag glucken; vermutlich eine Maßnahme, um etwas Protein für die Familie zu sichern, weil man befürchtet, dass schlechtere Zeiten kommen werden.

Es gibt aber auch einen Dauerton, den der Gereiztheit. Man hört Schimpfwörter bei häuslichen Auseinandersetzungen, hervorgerufen von fehlenden Ressourcen und erzwungenen Restriktionen; Folgeerscheinungen der Pandemie für Familien mit Covid-19 positiven Fällen. Man hört das Weinen der Kinder, die nicht verstehen, warum sie nicht zum Spielen auf die Straße gehen können, und das Schluchzen des Sohns, der seine Mutter verloren hat, weil es keinen Sauerstoff und keine Medikamente für sie gab.

Ein niederschmetternder Widerhall; es ist der Chor einer Stadt und eines verzweifelten Landes.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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„Gebt diesem Kind einen richtigen Namen!“

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„Am 11.August 1995 hielt ich dich endlich in meinen Armen und beschnupperte dich ausgiebig .“ (Mit freundlicher Genehmigung der Familie)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 10.August 2021

Ich wusste schon immer, dass du Teo heißen würdest. Es ist eine lange Kindheitsgeschichte, Literatur, ein imaginärer Freund und das Vertrauen darauf, dass du hinter der nächsten Straßenecke wärst und wir uns nur begegnen müssten. Am 11.August 1995 hielt ich dich endlich in meinen Armen und beschnupperte dich ausgiebig. Ich bin eine jener Personen, die jemanden, der sich mir zum ersten Mal nähert, mit der Nase wahrnimmt.

Ganz sicher, dieses kleine Wesen in meinen Armen roch nach Teo. So, wie ich immer von ihm geträumt hatte, einer Mischung aus Bruce Lee und Diogenes. Fragen Sie mich nicht, warum ich dich so nannte; aber jeder der dich kennt weiß die Antwort. Als wir dich im engsten Familienkreis präsentierten, fehlte es nicht an Antworten wie: „Gebt diesem Kind einen richtigen Namen!“ − aber wie anders hätten wir dich nennen sollen.

Du bist ungewöhnlich und geistreich, du sprichst wenig, aber mit einem Satz kannst du vernichten oder aufrichten. Als du in der Schule zum ersten Mal „Pioniere für den Kommunismus; wir werden sein wie der Ché“ rufen musstest, hast du dich geweigert. Du sagtest damals, dass Guevara tot wäre und du „es nicht sein willst“. Das erste Schimpfwort, das du lerntest, war „Dreckskerl“; ein Wort, das wir jahrelang von dir hören mussten, bis du dann andere, noch schlimmere Wörter verwendet hast.

 Mit fünf Jahren hast du den kubanischen Dichters Heberto Padilla zitiert; von ihm stammt der Satz: „Sag die Wahrheit, sag wenigstens deine Wahrheit“.

Bei einer Reise nach Camagüey, dem Geburtsort deines Vaters, fragten sie dich, ob du von der „Halbinsel jenseits des Atlantiks“ kommen würdest, weil du bei allen Wörtern alle Buchstaben mitgesprochen hast. Dort in Camagüey spricht man nämlich das beste Spanisch, dies behaupten zumindest seine Bewohner. Mit fünf Jahren hast du den kubanischen Dichters Heberto Padilla zitiert; von ihm stammt der Satz: „Sag die Wahrheit, sag wenigstens deine Wahrheit“. Mit sechs hast du Deutsch gelernt, hast Schnee kennengelernt und wurdest universell; ein Naturell, dass dir bis heute geblieben ist.

Teo, du hast bei vielen Personen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Mit vier Worten erklärst du etwas, wozu wir, dein Vater und ich (formvollendete Schwätzer) eine halbe Stunde brauchen. Du sagst einen Satz, der wie eine Röntgenaufnahme Strukturen sichtbar macht, oder eine bissige Bemerkung, die im Kopf hängen bleibt. Es gibt Leute, die sich vor so viel Aufrichtigkeit fürchten und dir aus dem Weg gehen, und es gibt auch Leute, die dich nicht ertragen. Das ist so, mein Sohn, weil du ein freier Mensch bist; frei von innen nach außen, was die beste Art ist dies zu sein.

Im November 2009 musstest du dich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass deine Eltern verhaftet wurden, du warst damals gerade 14 Jahre alt, aber du hast dich wie ein Erwachsener verhalten: du hast telefoniert, Anzeige erstattet, hast im Radio gesprochen und abgewartet. Das Wiedersehen glich dem eines Großvaters, der mit Liebe und Zärtlichkeit seine beiden verloren gegangenen Enkel willkommen heißt…jeder der dich kennt weiß, dass ich nicht lüge. So bist du.

Du sagst einen Satz, der wie eine Röntgenaufnahme Strukturen sichtbar macht, oder eine bissige Bemerkung, die im Kopf hängen bleibt.

Seit damals musstest du mit all dem leben und hast dies stoisch ertragen, wie jemand der weder Applaus noch Mitleid sucht. Du hast es einfach so getan, wie ein Vater deiner Eltern, etwas was nicht sein sollte…niemals sein sollte; aber du hast es angenommen ohne zu klagen. In diesen vier Jahrzehnten meines Lebens habe ich niemanden kennengelernt, der so reif, so gelassen und selbstsicher ist wie du.

Teo, du musstest schnell erwachsen werden, dich vor Informanten und falschen Freunden schützen, die in dir eine Möglichkeit sahen zu uns vorzudringen. Du musstest dich vor überall lauernden Denunzianten in Acht nehmen, und vor Mitschülern, die ein paar Punkte einheimsen wollten, wenn sie dir das Leben schwer machen würden, dem Sohn von Dissidenten. Trotzdem wurdest du − wie Antonio Machado in einem Vers sagt − eine „ruhige Quelle“, was „im guten Sinn des Wortes gut ist“.*)

Mode, mit materiellen Gütern prahlen, angesagte Marken, Unwägbarkeiten des Lebens…bekommen in dir nur eine Antwort, sehr ähnlich der am Ende des Romans „Das Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse, wenn ein Protagonist zum anderen sagt: „Beruhe dich, Josef“, weil letzterer ihn herausfordern und provozieren will.

Für dich wiederhole ich: kaum warst du da, warst du schon immer da, und wir waren nur ein bescheidener Hort, damit du weiterleben konntest.

Jeder der versucht dich zu belästigen oder zu verunsichern, wird sich daran verschleißen, denn du bist aus hartem Holz. Du gehörst zu einer Generation, die lebt um zu erreichen, dass das Kuba der Zukunft möglichst bald kommt. Du hast keine Schulden und keine offenen Rechnungen mit der Vergangenheit.

¿ Haben wir einen solchen Sohn verdient? Waren es die Umstände, denen wir einen so außergewöhnlichen Menschen verdanken? Wahrscheinlich nicht; aber wie glücklich sind wir dein schützender Mantel gewesen zu sein, deine Leiter für den Aufstieg, dein Stab um damit zu springen. Wir sind wie Holz, bestimmt dazu sich im Feuer deiner Existenz zu verzehren.

Teo, 26 Jahre sind vergangen, seit ich dich zum ersten Mal auf meinen Armen getragen und dich mit dieser viel zu großen Nase ausgiebig beschnuppert habe. Für dich wiederhole ich: kaum warst du da, warst du schon immer da, und wir waren nur ein bescheidener Hort, damit du weiterleben und an Kraft zunehmen konntest… und dass dein kluger Kopf sich über so viel Gereiztheit und so viel Dummheit hinwegsetzen kann.

Teo, wusstest du das?

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anmerkung des Übersetzers: Y.Sánchez zitiert aus dem Gedicht „Portrait“ des spanischen Lyrikers Antonio Machado (1875 – 1939). Der Vers lautet:

In meinen Adern sind Tropfen von Jakobinerblut, / aber mein Vers fließt aus einer ruhigen Quelle; / und mehr als ein gewöhnlicher Mann, der ihre Lehre kennt, / bin ich im guten Sinn des Wortes gut.

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Wenn die Unterdrückung an deine Tür klopft

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„Für mich zählt nicht, ob du mich unwissentlich diffamiert, mich grundlos angegriffen oder geschlagen hast, im Verlauf einer Schmähaktion gegen mich oder meine Lieben“, sagt Yoani Sánchez. (Screenshot)

Auf dem Bild ist Reinaldo Escobar zu sehen, der Ehemann von Yoani Sánchez, der bei einer Schmähaktion von regierungstreuen Bürgern attackiert wird; er blickt direkt in die Kamera.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 21. Juli 2021

Es ist etwas mehr als 10 Tage her; die gewaltsame Unterdrückung der Proteste war für viele Kubaner eine neue Erfahrung, eine Geschichte, die bisher andere erzählten, die man aber anzweifeln konnte, wenn dies Oppositionelle und unabhängige Journalisten taten. So war es, bis am 11.Juli einige Bürger am eigenen Leib erfahren haben, dass willkürliche Verhaftungen, Schläge, Wegnehmen der Kleidung und Demütigungen auf Polizeistationen oder das Schweigen der Behörden zum Aufenthaltsort eines Festgenommenen keine Hirngespinste von einigen Wenigen sind, geschweige denn Falschmeldungen.

Viele von denen, die vorher zweifelten oder den Opfern nicht glauben wollten und sagten, dass sie alles nur erfunden hätten, oder dass solches auf dieser Insel nicht vorkommen könne, haben jetzt einen Sohn oder eine Nichte in Haft, auf die ein summarisches Gerichtsverfahren wartet, nur weil sie auf die Straße gingen, „Freiheit!“ verlangten und versuchten, die öffentlichen Revolten mit der Kamera ihres Smartphone zu dokumentieren.

Immer mehr Zeugenaussagen kommen ans Licht; sie berichten von Exzessen, Beleidigungen, überlangen Verhören, Enge in den Arrestzellen und von Drohungen, von vielen Drohungen.

Nichts davon ist wirklich neu für einen Teil der kubanischen Bevölkerung, der seit Jahrzehnten solches Tun anzeigt. Aber manchmal sollte man dies am eigenen Leib spüren, um es zu glauben und um Empathie für ein anderes Opfer zu empfinden. Wenn man den Finger in die eigene Wunde legt, dann weiß man dass es stimmt. Das sollte aber nicht so sein.

Was mich betrifft, so ist es nicht die Mühe wert Misstrauen mit Misstrauen zu erwidern, Schwerhörigkeit mit Schwerhörigkeit und Sarkasmus mit Sarkasmus.

Was mich betrifft, so ist es nicht der Mühe wert Misstrauen mit Misstrauen zu erwidern, Schwerhörigkeit mit Schwerhörigkeit, Sarkasmus mit Sarkasmus. Es ist die Zeit sich zu engagieren und die neuen Opfer der direkten Repression zu unterstützen, egal ob sie je den Horror anzweifelten, den andere erlebten.

Zähle auf mich dass ich schreie, damit man deine Kinder freilässt. Es ist mir egal, wenn du es lustig gefunden hast oder nicht glauben wolltest, dass sie mich im November 2009 entführt und geschlagen haben; es ist mir egal, wenn du dich dazu hergegeben hast, meinen kleinen Sohn auf seinem Weg zur Schule zu überwachen und ihn anzuschreien, dass seine Mutter eine „Söldnerin“ wäre; es ist mir egal, wenn du dich über Leute erkundigt hast, die mich besuchten, und dass du gelacht hast, wenn ich viele Stunden in einer Arrestzelle verbracht habe. Es ist mir egal, wenn du an der Vernichtung meines Ansehens beteiligt warst, oder versucht hast meine soziale Stellung zu zerstören.

Für zählt nicht, ob du mich unwissentlich diffamiert, mich grundlos angegriffen oder geschlagen hast, im Verlauf einer Schmähaktion gegen mich oder meine Lieben. Ich glaube dir einfach.“

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Jetzt sind sie es, die uns fürchten

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„Freiheit passt nicht in einen Koffer“, schreiben viele in den Sozialen Netzwerken. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 16.Juli 2021

Niemand in der Warteschlange spricht. Eine Frau schaut auf ihre Schuhe und ein junger Mann trommelt mit den Fingern auf eine Wand. Es sind einige Tage vergangen seit die Kubaner auf die Straße gingen und protestierten; ein Protest, wie es ihn in den vergangenen 62 Jahren noch nie gab, bei dem die Empörung in jeden Winkel des Landes vordrang. Der allgemeine Zorn wächst in dem Maß, wie in den Medien Bilder von der Brutalität der Polizei auftauchen, wie es mehr Zeugnisse von Müttern gibt, deren Kinder seit jenem Sonntag verschwunden sind und wie sich Videos von Städten voller Militär verbreiten.

Wer auch immer die Insel nicht schon vor dem historischen 11.Juli kennengelernt hat, könnte jetzt sagen, dass es den Behörden gelungen ist, die Situation unter Kontrolle zu bringen und dass in den kubanischen Straßen wieder Ruhe herrscht. Aber in Wirklichkeit ist diese scheinbare Ruhe nur eine Mischung aus Entsetzen, Wut und Schmerz. In Havanna liegt die Anspannung in der Luft, denn überall gibt es Polizei, Militär und regierungsaffine Zivilisten mit allen Arten von Schlagstöcken in den Händen. In den Häusern wächst das Unbehagen und es fließen Tränen; nur wenige haben bis zum Morgen durchgeschlafen.

Tausende Familien suchen einen der Ihren auf Polizeistationen; ebenso viele erwarten, dass Uniformierte an die Tür klopfen, um ein Familienmitglied mitzunehmen, das verdächtigt wird an den Protesten teilgenommen zu haben. An verschiedenen Orten des Landes entstehen neue Brennpunkte der allgemeinen Unzufriedenheit; sie werden von Sonderkommandos − den gefürchteten „Schwarzen Wespen“ − mit Schlägen und Schüssen unterdrückt. Zahllose unabhängige Journalisten wurden festgenommen, andere unter Hausarrest gestellt, und der Zugang ins Internet wurde bei mehreren Anlässen gesperrt, als die ersten populären Demonstrationen begannen.

Tausende Familien suchen einen der Ihren auf Polizeistationen; ebenso viele erwarten, dass Uniformierte an die Tür klopfen, um ein Familienmitglied mitzunehmen, das verdächtigt wird an den Protesten teilgenommen zu haben.

Das kubanische Volk, das die Behörden in Gänze als systemtreu, fügsam und sanftmütig bezeichnen, … dieses Volk gibt es nicht mehr. Stattdessen gibt es ein Land mit schreienden Bewohnern, manche aus vollem Hals, andere stumm, sodass man nicht genau sagen kann, wann sie zu schreien beginnen. Das wirkliche Kuba hat sich immer mehr von der Nation entfernt, die die offizielle Presse vermittelt. Kuba fühlt, dass es seine bürgerliche Stimme zurückgewonnen hat, und hat dies massiv mit seiner Stärke auf den Straßen und seinen lauten Rufen nach „Libertad“ bewiesen. Dahingegen sprechen die kontrollierten Titelseiten der offiziellen Presse von Verschwörungen, die von außen ins Land getragen werden; von Splittergruppen, die sich manifestieren, und von Verbrechern die Märkte verwüsteten. Beide Darstellungen schließen sich gegenseitig aus und sie werden nicht mehr lange koexistieren können.

Miguel Díaz-Canel hat versucht seine ersten Worte abzuschwächen, gesprochen an diesem Sonntag vor einem Mikrofon, als man fast stündlich von einem neuen Protest-Brennpunkt erfuhr: „Der Befehl zum Kampf ist erteilt“ und „Wir sind zu allem bereit“, so drohte er damals, und das Gespenst eines Bürgerkriegs flog über den Archipel. Jetzt aber, ohne diese Worte zurückzunehmen, fügt er Begriffe wie „Harmonie“, „Frieden“ und „Freude“ hinzu; es gelingt ihm aber nicht zu überzeugen, weil gleichzeitig mit den süßen Worten hunderte von Omnibussen seine Stoßtruppen im ganzen Land absetzen, in Stadtvierteln und auf Plätzen.

Bis heute hat es eine einzige angekündigte flexibilisierende Maßnahme gegeben. Es war der Versuch den Protest einzudämmen und er bestand darin, die Obergrenze für Medikamente, Nahrungsmittel und Produkte der Körperpflege aufzuheben, die Reisende mit auf die Insel bringen können. Aber diese Maßnahme kam spät, erst nach jahrelangen Forderungen, und sie war − im Hinblick auf die viel weitergehenden Forderungen sozialer Art − nur ein Tropfen auf den heißen Stein, nämlich: dass das politische System demontiert wird, dass seine wichtigsten Figuren auf ihre Ämter verzichten und dass ein Übergang zur Demokratie sobald wie möglich eingeleitet wird. „Freiheit passt nicht in einen Koffer“, schreiben viele in den Sozialen Netzwerken, und dass eine Rebellion nicht vor einem Polizeischild halt macht. „Wir hatten so großen Hunger, dass wir unsere Angst gegessen haben“, kann man überall lesen. Aber jetzt haben wir so viel Wut im Bauch, dass sie es sind, die uns fürchten und man merkt es ihnen an.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle  für Lateinamerika veröffentlicht.

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Die Straßen in Kuba haben laut und deutlich gesprochen

Hervorgehoben

Demonstranten in Santiago de Cuba, an diesem 11.Juli. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / 14ymedio.com / 12.Juli 2021

Es war nur eine Frage der Zeit. Frustration und Hoffnungslosigkeit hatten sich angehäuft und an diesem Sonntag explodierten die Straßen. Tausende Kubaner verließen ihre Häuser, um ihr Recht auf bürgerlichen Protest auszuüben; ein Recht, das man ihnen für mehr als ein halbes Jahrhundert genommen hatte. Mit ihren Rufen „Nieder mit der Diktatur“ ließen sie keinen Zweifel daran, dass auf dieser Insel weder die Indoktrinierung noch die Furcht es vermocht haben, den Wunsch nach Freiheit  einzudämmen.

Auf die Straße gingen junge Leute, die mit dem dualen Währungssystem aufwuchsen, mit einem Mangel an Träumen, mit Stromausfällen und der ständigen Gehirnwäsche in den Schulen. Auf die Straße gingen Hausfrauen, mit Pfannen in der Hand, um damit wenigstens die Kochtöpfe erklingen zu lassen, für die es kaum noch etwas zu kochen gibt. Auf die Straße gingen Familienväter mit ihren Enkeln; die ersten als Teil einer Generation, die half, das aktuelle autoritäre System zu konsolidieren; die zweiten als potentielle Bootflüchtlinge über die Meeresenge in Richtung Florida. Die Menschen gingen auf die Straße.

Am 11.Juli haben wir der Welt und uns selbst gezeigt, dass wir viel zahlreicher sind als jene, die uns zerdrücken wollen.

Neuartige und wunderbare Szenen überall im Land, als ob der Funke von San Antonio de los Baños das trockenen Gras der sozialen Unzufriedenheit in Brand gesetzt hätte. Das Kapitol von Havanna erzitterte unter den Rufen „Libertad“; in den Straßen von Cárdenas war ein menschlicher Sperrgürtel eine Herausforderung für den Stoßtrupp der Regierung; Palma Soriano schwankte unter den Demonstrationen; Alquízar stürzte sich in die nicht asphaltierten Gassen, und in Camagüey strömten Menschen durch die Straßen zu den öffentlichen Plätzen.

Am 11.Juli haben wir der Welt und uns selbst gezeigt, dass wir viel zahlreicher sind als jene, die uns zerdrücken wollen, dass, wenn wir uns vereinen und handeln, sie uns drohen oder ins Gefängnis bringen oder sogar töten können, uns aber nicht überzeugen werden, unser Joch weiter zu dulden. Jetzt wird das Regime seine eigene Version der Ereignisse verkünden und den Nachbarn im Norden beschuldigen, aber wir alle wissen: kennzeichnend für diese Proteste waren ihre Spontanität und ihre Massivität.

Man sah es kommen; man musste nur ein aufmerksames Ohr für unsere Realität haben, um den zunehmenden internen Lärm zu hören, und gestern haben wir den Knebel abgeschüttelt.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Wenn da nicht die Mango wäre

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Leere Verkaufsflächen auf dem Markt der Straßen 17 und K in El Vedado, Havanna. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 6. Juli 2021

Bei all dem Horror, den wir in Kuba während der Krise in den 90er Jahren erlebten, gab es ein Szenario, das sich als möglich ankündigte, aber dann doch nicht eintrat: die gefürchtete Option Null*), bei der das Land mangels Treibstoff vollständig zum Stillstand gekommen wäre; die Familien wären in Camps umgesiedelt worden und eine kollektive Suppenküche wäre der einzige Lieferant der wenigen Nahrung gewesen, die es für uns noch gegeben hätte.

Als Jugendliche stellte ich mir eine Zukunft mit abgemagerten Menschen vor, rund um ein Lagerfeuer sitzend, über dem Fleischfetzen in einem Topf köchelten, während die Lautsprecher ständig die Reden eines mit sich zufriedenen Fidel Castro übertrugen, sowie seine Aufrufe zu realitätsferner Opferbereitschaft. Glücklicherweise, ehe es zu diesem Szenario kam − im schlimmsten Kambodscha-Stil**) − gab es eine vorsichtige wirtschaftliche Öffnung, die uns vor der gemeinsamen Suppenküche bewahrte. Aber mit den flexibilisierenden Maßnahmen endeten nicht die Ängste, sie wurden zeitlich nur nach hinten verschoben.

Wenn die letzten Früchte von den Ästen fallen, womit füllen wir dann die Lücke, die diese gelben und süßen Scheiben hinterlassen werden, die wir jetzt noch auf den Teller legen?

Am Dienstag bin ich über verschiedene Märkte in Havanna gelaufen. Die Verkaufsflächen waren fast leer und die langen Gesichter der Kunden haben meine Ängste wieder aufleben lassen. Stehen wir jetzt vor der Option Null? “ Wenigstens sind uns die Mangos geblieben“, antwortete ein Nachbar, als ich ihm meine Befürchtungen mitteilte. Mit Beginn des Sommers und der Regenzeit hängen viele dieser Früchte an den Bäumen, da es „dem Castrismus nicht gelungen ist, sie zu vernichten“, ergänzte der Mann noch.

Trotzdem, die Saison der Mangos dauert nur einige Wochen. Wenn die letzten Früchte von den Ästen fallen, womit werden wir dann die Lücke füllen, die diese gelben und süßen Scheiben hinterlassen werden, die wir jetzt noch auf den Teller legen? Ich befürchte, dass die humanitäre Krise, die seit Monaten über uns schwebt, schon da ist. Jeder Tag der vergeht, ohne dass die Behörden den Ernst der Lage anerkennen, kostet Menschenleben; nicht nur wegen eines Wiederaufflammen von Covid-19, das den Händen der Regierung entglitten ist, sondern wegen des Mangels an Nahrungsmitteln und Medikamenten.

Es ist an der Zeit, die Arroganz und den politischen Hochmut abzulegen und um dringend benötigte internationale Hilfe zu bitten, die geschönten Schlagzeilen aufzugeben und einen Schlusspunkt unter die Taktik der aufgeblähten Produktions-Statistiken zu setzen. Der Countdown hat begonnen und uns bleibt kaum die Zeit für die letzten Mangos, die noch an den Zweigen hängen und reifen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkungen des Übersetzers:

*) Option Null: In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, kam es auf Kuba zu einem drastischen Energiemangel, weil die russischen Treibstofflieferungen ausfielen.

**) Die Roten Kmer waren eine maoistisch-nationalistische Guerillabewegung, die 1975 unter Führung von Pol Pot in Kambodscha an die Macht kam.

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Was diskreditiert den kubanischen Peso mehr?

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Die Regierung hat ein System geschaffen, in dem Kubaner getrennt voneinander leben, abhängig von der Währung, über die sie verfügen. (Screenshot)

Text im Bild: In diesem Geschäft werden Waren angeboten, deren Bezahlung ausschließlich mittels Magnetstreifenkarten erfolgt, die von einer frei konvertierbaren Währung gedeckt sind. Die Preise sind in US-Dollar angegeben.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 2.Juli 2021

Schon ehe er festgenommen und in die Kaserne der Staatssicherheit gebracht wurde, haben offizielle Stimmen den Künstler Hamlet Lavastida beschuldigt, dass er das Beschriften von Banknoten des kubanischen Peso (CUP) unterstützt habe, die auf der Insel im Umlauf sind. Jetzt, eingesperrt in Villa Marista, versuchen die Ermittler die Beschuldigung in eine Straftat umzuwandeln, die Lavastida hinter Gitter bringen würde. Aber die Anschuldigung lahmt aus mehreren Gründen, die teils rechtlicher, teils ethischer, aber vor allem geldpolitischer Art sind.

Die nationale Währung, deren Geldscheine das Gesicht verschiedener Helden aus dem Unabhängigkeitskrieg zeigen, wurde systematisch von den Behörden selbst befleckt, die sie auch herausgegeben haben. Der Peso wurde entehrt, als man ihn − vor mehr als einem Vierteljahrhundert − zu einer Zweitwährung verurteilte, die nicht dazu taugte, in gutsortierten Geschäften einzukaufen − in den sogenannten shoppings, die mitten in der Krise öffneten. Eine Währung, herabgestuft von ihrem geringen Wert, verurteilte den zu Armut, der sie im Geldbeutel hatte.

Ich erinnere mich daran, Arbeiter in verschlissener Kleidung gesehen zu haben, die, als sie an die Kasse eines Marktes kamen, die mitgebrachte Ware nicht bezahlen konnten. „Das ist in Dollar“, sagte ihnen die Kassiererin in einem gewissen Unterton. Unser Geld war auch nicht geeignet, um einen Vertrag für ein Mobiltelefon abzuschließen, eine Nacht in einem Hotel zu bezahlen oder ein Ticket für eine Auslandsreise zu kaufen. Sie haben den Peso soweit herabgewürdigt, dass, zieht man einen solchen Schein aus der Tasche, dies immer noch mehr ein Zeichen von Scham ist, als eines von Stolz.

Unser Geld war nicht geeignet, um einen Vertrag für ein Mobiltelefon abzuschließen, eine Nacht in einem Hotel zu bezahlen oder ein Ticket für eine Auslandsreise zu kaufen.

Es reicht, dass man die drei Buchstaben CUP liest, um zu wissen, dass wir jetzt einen minderwertigen Service zu erwarten haben, eine viel schlechtere Behandlung als Kunde und eine Ware von geringer Qualität. Unseren Peso für jeden Tag hat die kubanische Zentralbank diskreditiert, weil sie einen Rivalen schuf, den CUC − den konvertierbaren Peso − der bunter und mächtiger ist, und seit mehr als 25 Jahren einen Schatten auf den kubanischen Peso wirft, wo der doch die wichtigste Währung des Landes sein sollte. Diese gemeinhin chavitos genannten Geldscheine sind eine größere Beleidigung für die nationale Währung, als irgendein ein Satz oder gar ein Schimpfwort, das ein empörter Bürger auf das Wasserzeichen druckt.

Die Idee von Lavastida neben das Gesicht von José Martí 27N*) zu schreiben, ist nicht das, was eine Banknote in Verruf bringt oder sie gar beleidigt. Es war das wirtschaftliche Missmanagement, die historische und offizielle Verachtung des kubanischen Peso und die Trennung von Bürgern, die in Geschäften mit frei konvertierbarer Währung einkaufen können, von jenen anderen, die nur über den CUP verfügen. Außerdem gibt es Aushänge an den Türen gewisser staatlicher Ämter „Bezahlung nur mit Master-oder Visa Card“, die jede CUP-Banknote mit Dreck und Blut besudeln. Das ist tatsächlich eine Beleidigung des Peso und eine enorm strafbare Handlung.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung des Übersetzers:

*) 27N ist eine Gruppe von Künstlern, Intellektuellen, Cineasten, Aktivisten und unabhängigen Journalisten, die Meinungsfreiheit und das Ende der Zensur fordert.

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Die Kubanische Baseball Föderation leidet an historischer Amnesie

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Kiele Alessandra Cabrera dringt im Palm Beach Stadion auf den Platz vor, während des Baseball-Spiels Kuba gegen Venezuela. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 1.Juni 2021

Der Schriftsteller Eliseo Alberto Diego, Lichi genannt, sagte, dass „Geschichte eine Katze wäre, die immer auf die Füße fällt“. Man sollte die Kubanische Baseball Föderation vor der Fähigkeit warnen, dass Vergangenheit wieder auftauchen und sich über Schweigen und Manipulation hinwegsetzen kann.

Am vergangenen Montag fand ein vor-olympisches Baseballspiel Kuba gegen Venezuela statt und die offizielle kubanische Körperschaft hat dann gegen Vorkommnisse während des Spiels protestiert. In einer exaltierten Note bezeichnet sie es als „inakzeptabel, dass Personen, die dem Wesen eines Sportereignisses ablehnend gegenüberstehen, die Konzentration der Mannschaft schwächen“.

Dieser Wutanfall wurde ausgelöst von Plakaten mit den Slogans „Vaterland und Leben“, „Freies Kuba“, verbunden mit Kritik an Miguel Díaz-Canel, zu sehen auf den Rängen des Palm Beach Stadions während der TV-Übertragung; das offizielle Fernsehen konnte nicht verhindern, dass sich die Übertragung auch in den Sportkanal Tele Rebelde einschmuggelte. Es zeigt sich, dass das Geschehen vom Montag der bürgerlichen Tradition folgt Protest auf Spielfelder zu tragen. Solche Aktionen hat das Regime gepriesen, als sie noch im republikanischen Kuba stattfanden.

Am 4.Dezember 1955 stürmte eine Gruppe Jugendlicher auf den Platz des Cerro-Stadions in Havanna, mitten in einer Begegnung der Mannschaften von Havanna und Almendares. Sie trugen ein Tuch mit Forderungen an die Diktatur von Fulgencio Batista. Dieser Moment wurde von den TV-Kameras festgehalten und die Bilder gelangten auf die Bildschirme von Millionen von Zuschauern auf der ganzen Insel.

Der offiziellen kubanischen Sichtweise zufolge war diese Aktion mehr als gerechtfertigt und an sie wird ohne Ende erinnert, weil es sich um eine „revolutionäre Heldentat“ handelte. Für das aber, was am Montag geschah, machte man die Stadionwächter in Florida verantwortlich, weil sie nicht handelten, „wie im Protokoll für Sicherheit vorgeschrieben“…

Es ist nichts weiter als die Geschichte einer Katze mit einem durchdringenden Blick, die einen Salto macht und mit ihren Krallen auf der empfindlichen Haut von jenen landet, die die Geschichte verbergen und verdrehen wollen.

….Übersetzung: Dieter Schubert

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Der am besten bewachte Patient der Welt

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Angehörige der Staatssicherheit patrouillieren vor der Klinik, in die Luis Manuel Otero Alcántara eingeliefert wurde. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 26.Mai 2021

Es ist einfach sie zu erkennen: sie tragen ihr Haar kurz und beobachten jeden genau, der nah an der Klinik Calixto García in Havanna vorbeigeht. Es sind Angehörige der Staatssicherheit, die vor der Klinik patrouillieren, in die am 2. Mai der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara eingeliefert wurde; er ist der am besten bewachte Patient der Welt. Seit er hier interniert wurde, hat man ihn nur noch auf ein paar schlecht gemachten und stark bearbeiteten Videos gesehen, die die politische Polizei selbst veröffentlicht.

Die Freunde von Otero Alcàntara bestehen darauf, direkt mit ihm zu sprechen zu können, aber man hat ihnen nicht erlaubt ihn zu besuchen; der Künstler hat auch keinen Zugang zu einem Telefon, um ohne Vermittler zu kommunizieren. Die Tage vergehen und die offizielle Version wird immer unerträglicher, dass dieser 33 Jahre alte Habanero, der aus Protest gegen Unterdrückung seit mehr als einer Woche weder feste noch flüssig Nahrung zu sich genommen hat, in perfektem gesundheitlichen Zustand in die Klinik gebracht wurde, mit Anzeichen einer beneidenswerten Gesundheit.

Wenn er in guter physischer Form ist, warum behält man ihn dann dort mehr als zwei Wochen? Was geschieht wirklich mit ihm während der langen Tage, die der Künstler in den vier Wänden eines Krankenzimmers verbringt? Alle Antworten, die mir bei diesen Fragen durch den Kopf gehen, sind mindestens beunruhigend. Die Komplizenschaft des offiziellen Ärzteverbands hinsichtlich Unterdrückung hat auf dieser Insel eine lange Geschichte. Die Veröffentlichung der Krankengeschichten von Dissidenten in offiziellen Medien− ohne Rücksprache mit den Betroffenen − und die Verwahrung in Nervenheilanstalten von Personen, die auf der Straße friedlich protestierten, sind ein Teil von solchen beunruhigenden Absprachen.

Die Veröffentlichung der Krankengeschichten von Dissidenten in offiziellen Medien− ohne Rücksprache mit den Betroffenen − und die Verwahrung in Nervenheilanstalten von Personen, die auf der Straße friedlich protestierten, sind ein Teil von solchen beunruhigenden Absprachen.

Wenn dazu nun noch die strenge Überwachung einer Abteilung der Klinik kommt, seit Otero Alcántara dort ist…, wenn mehrere Aktivisten verhaftet werden, die versucht haben sich ihm zu nähern, dann wird die Beunruhigung noch größer. Zu denen, die zu ihm vordringen könnten, versehen mit einer gewissen Sicherheit, gehören die einflussreichsten Personen der Katholischen Kirche, die Mitglieder des ausländischen diplomatischen Korps und die Korrespondenten von ausländischen Medien, deren Arbeit es ist darüber zu berichten, was sich auf der Insel ereignet. Aber bis jetzt haben sie nichts unternommen.

Bis jetzt weiß man nicht, ob sich einer von ihnen bemüht hat einen Zugang zu dem Raum zu erhalten, in dem der Künstler seine Tage verbringt; aber vermutlich hat Mehrzahl der Bischöfe, der Botschafter und der akkreditierten Reporter den Preis sorgfältig kalkuliert, der bei einer Anfrage dieser Art bei den kubanischen Behörden fällig würde. Im Augenblick deutet ihre Lähmung darauf hin, dass sie die Kosten von „intervenieren“ oder „über die Situation von Otero Alcántara informieren“ evaluiert haben, und dass sie sich nach der Bewertung von „pro“ und „kontra“ entschlossen haben auf Distanz zu bleiben und den „Platz der Revolution“ nicht zu verärgern.

Solange die Komplizen schweigen und die Unentschlossenen im Schatten bleiben, kann das Leben eines Mannes, der bis vor kurzem noch voller Energie war, aus den Fugen geraten und in einen dunklen Abgrund stürzen. Der respektlose Künstler, der eine Biennale für unabhängige Kunst organisierte, der aus Protest die Büste eines kommunistischen Führer entfernte, der tagelang die kubanische Fahne auf seinem Körper trug…er ist verstummt. Auf Bildern, die die Bürokratie passieren lässt, sieht man ihn abgemagert: ein Patient mit erloschenem Blick und geschwächtem Körper.

    Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Sieben Jahre mit ’14ymedio‘: das Alter der Pesete

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Anmerkung des Übersetzers: „Das Alter der Pesete“ bezeichnet auf Kuba die vorpubertäre Periode zwischen sieben und elf Jahren.

Die erste Titelseite von ’14ymedio‘ am 21.Mai 2014. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 21.Mai 2021

 Heute sind sieben Jahre nach Erscheinen der ersten Titelseite der 14ymedio vergangen. Bedauere ich es, eine Tageszeitung gegründet zu haben, zusammen mit einer Gruppe Kollegen? Nein… überhaupt nicht! Deswegen sind unsere frühen Morgenstunden genauso interessant und vielstimmig, wie die am Mittag; darüber hinaus muss man sagen, dass dieser Beruf die schlechteste Option dafür ist, „sich Freunde zu machen“, und dass er gegebenenfalls einen hohen Tribut fordert, wenn es manchen Leuten „in den Kram passt;… in der Redaktion ist der jähe Schrecken der übliche Gemütszustand;… das Leben wird vorangetrieben von Überschriften und der „letzten Minute“; die Philologin, die ich einmal war, wurde von der Reporterin und Herausgeberin vollständig absorbiert;… es gibt weder Ruhe noch Frieden… und auch keine Möglichkeit zurückzuweichen;… die Politiker betrachten uns mit Widerwillen und die Bürger beklagen sich; das Telefon in der Redaktion läutet ununterbrochen, und von den Geschichten, die uns erreichen, können wir nur einen Teil publizieren; unsere digitale Seite wird weiterhin von nationalen Servern blockiert, und gestern „verdunkelte“ sich sogar ein Teil unserer technischen Ausstattung, weil sie uns die Verbindung ins Internet kappten.

 Kurz und gut, lasst uns heute auf diese Zeitung anstoßen, die unseren Kortison und Adrenalin-Spiegel steigen lässt und die bei denen unbeliebt ist, die sich den Knebel, das mitschuldige Schweigen und den unterwürfigen Applaus wünschen. Unsere Zeitung ist eine Zielscheibe für Repressionen, aber auch für motivierende Worte, was für uns Sinn macht hier zu sein und jetzt. Kurzum, es hält uns davon ab die Koffer zu packen und unser Land zu verlassen − wir bleiben im Land, aber wir werden nicht den Mund halten.

…Übersetzung: Dieter Schubert

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Camilo, ein Unterdrücker, „disqualifiziert von der Geschichte“

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Der Agent beteiligte sich im Jahr 2009 an der Schmähaktion gegen Reinaldo Escobar. (Collage)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 1.Mai 2021

 Es ist ein langer Werdegang in Sachen Unterdrückung, der diesen Agenten der Staatssicherheit begleitet; er nennt sich „Camilo“. Der Mangel an Kreativität, sich ein Pseudonym zuzulegen, ist kennzeichnend für eine Person, die für die politische Polizei arbeitet. Er war und ist einer der aktivsten Unterdrücker der alternativen Bloggersphäre auf dieser Insel, und er war besonders aktiv gegen den Journalisten Reinaldo Escobar und seine Helferin.

Er war und ist einer der aktivsten Unterdrücker der alternativen Bloggersphäre auf dieser Insel.

 Im weit zurückliegenden Jahr 2008 zitierte er uns auf die Polizeiwache in Vedado, einem Stadtviertel in Havanna, um uns zu bedrohen. Jetzt haben wir ihn wiedergesehen(mit mehr grauen Haaren, mehr Bauch und weniger Schamgefühl), als er am letzten Freitag junge Leute zurückdrängte, die in der Obispo-Straße protestierten. Er beteiligte sich im Jahr 2009 an der Schmähaktion gegen Escobar, an der Ecke der Straßen 23 und G, und er war auch bei unserer Festnahme dabei, in Bayamo im Jahr 2012. Es genügt ein Bild von ihm zu betrachten, dass ich seine Fingerknochen auf meiner Haut spüre und seinen üblen süß-sauren Schweiß rieche, der an meinem Gesicht klebt.

 Oh Camilo…Erinnerst du dich daran, als du mir und meinem Mann sagtest, dass wir uns mit „diesem Dialog disqualifiziert hätten“? Von welchem „Dialog“ sprachst du damals? Von dem „Gespräch“ zwischen einer Person, die schrie, und einer anderen, die mundtot gemacht wurde? Von der Kakophonie einer einzigen Stimme? Von dem eintönigen Redeschwall aus nur einer Kehle?

 Oh Camilo…Ganz bestimmt wird dich „die Geschichte disqualifizieren“ und dir den Platz zuweisen, den du verdienst: den eines Werkzeugs, benutzt und weggeworfen von seinen Vorgesetzten.

   Übersetzung: Dieter Schubert

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Kongress oder Beerdigung? In Kuba weiß man das nie

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Raúl Castro und Miguel Díaz-Canel während des 8.Kongresses der Kommunistischen Partei Kubas. (Estudios Revolución)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 20.April 2021

In der illegalen kubanischen Lotterie bedeutet die Zahl 8 den Tod, dieselbe Zahl steht vor dem Kongress der Kommunistischen Partei (PCC), der am Montag in Havanna zu Ende ging. Dieses Konklave hatte für eine Generation, die sich von ihren hohen Ämtern verabschiedet, die Feierlichkeit eines politischen Begräbnisses, hat aber für das Land, das sich in der schlimmsten Krise des Jahrhunderts befindet, nur wenige optimistische Signale ausgesendet.

Der Abschied Raúl Castros vom Sekretariat der mächtigsten Organisation des Landes kommt nicht überraschend. Der unabänderlich voranschreitende biologische Prozess veranlasste ihn zur Seite zu treten, wenigstens öffentlich. Trotzdem, obwohl nun an der Parteispitze niemand mehr den Namen des Familienclans trägt, wäre es naiv zu denken, dass die Sippe aus den Dörfchen Birán nicht weiterhin versuchen würde, das nationale Schicksal zu kontrollieren.

Um das Steuer des Staatsschiffs in Händen zu behalten, entwarf Raúl Castro vorausschauend einen Plan, den er methodisch und diszipliniert umsetzte, getreu seinem Motto: „Ohne Eile, aber ohne Pause“. Die Berufung an die vorderste Parteifront von Miguel Díaz-Canel, einem Benjamin, der aufgebaut wurde, um die Kontinuität des Systems um jeden Preis zu gewährleisten, war dabei der entscheidende Schritt bei der Übergabe von öffentlicher Verantwortung.

Der unabänderlich voranschreitende biologische Prozess veranlasste Raúl Castro zur Seite zu treten, wenigstens öffentlich.

Die Berufung ins Polit-Büro von Luis Alberto Rodriguez López-Calleja, Ex-Schwiegersohn von Castro und Chef des Militärkonsortiums, das einen Großteil des Tourismus-Geschäfts kontrolliert, deutet darauf hin, dass es für den ausscheidenden Parteiführer extrem wichtig ist zu vermeiden, dass ein Reformkurs das System zusammenbrechen lässt und seine Familie so den Zugriff auf „die besten Stücke des nationalen wirtschaftlichen Kuchens“ verliert.

Das ist der Fahrplan, den der General aufgestellt hat, um seine letzten Tage sicher vor Tribunalen und Gefängnismauern verbringen zu können, aber das ist nicht genug. In dem Land, das er − wenigstens nominell − transferiert hat, gibt es jetzt eine große allgemeine Unzufriedenheit mit dem politischen und wirtschaftlichen System. Absurde Verbote und der Zentralismus, mit seiner geringen wirtschaftlichen Produktivität, haben einen materiellen Schaden verursacht, der durch die Pandemie im letzten Jahr noch vergrößert wurde.

Öffentliche Demonstrationen, als Ausdruck von Unbehagen, sind nicht mehr nur die von Oppositionellen; es vergeht kaum eine Woche, in der nicht in den sozialen Netzen von Straßenprotesten, Konfrontationen mit der Polizei und Übergriffen der Staatssicherheit berichtet wird. Die gesamte Nation gleicht einer ausgedehnten verdorrten Weide, unter einer unbarmherzigen Sonne von Armut und Unterdrückung, die mit einem kleinen Funken Feuer fangen kann, oder es folgt eine weitere Migrationskrise, eine der vielen, die wir Kubaner regelmäßig erlebt haben.

Mit diesem 8.Kongress wollten die abtretenden Partei-Oberen die Botschaft von der Nachhaltigkeit des eingeschlagenen Wegs aussenden und nicht die Fahne der Wende hissen. Sie entschieden sich für ein Drehbuch, in dem der ideologische Stab von einem Läufer an den nächsten weitergegeben wird, zum Nachteil eines Plans für Öffnungen, auf die ein Teil der Bevölkerung schon seit langem wartet. In den nächsten Wochen, in dem Maß wie Einzelheiten zu diesem Ereignis bekannt werden, wird es einige Bürger geben, die sich die Hände reiben, viele werden dann ein Floß ausrüsten, um zu emigrieren, und noch andere werden eine Kerze anzünden, für eine Nation in Agonie.

…Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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