Wenn die Unterdrückung an deine Tür klopft

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„Für mich zählt nicht, ob du mich unwissentlich diffamiert, mich grundlos angegriffen oder geschlagen hast, im Verlauf einer Schmähaktion gegen mich oder meine Lieben“, sagt Yoani Sánchez. (Screenshot)

Auf dem Bild ist Reinaldo Escobar zu sehen, der Ehemann von Yoani Sánchez, der bei einer Schmähaktion von regierungstreuen Bürgern attackiert wird; er blickt direkt in die Kamera.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 21. Juli 2021

Es ist etwas mehr als 10 Tage her; die gewaltsame Unterdrückung der Proteste war für viele Kubaner eine neue Erfahrung, eine Geschichte, die bisher andere erzählten, die man aber anzweifeln konnte, wenn dies Oppositionelle und unabhängige Journalisten taten. So war es, bis am 11.Juli einige Bürger am eigenen Leib erfahren haben, dass willkürliche Verhaftungen, Schläge, Wegnehmen der Kleidung und Demütigungen auf Polizeistationen oder das Schweigen der Behörden zum Aufenthaltsort eines Festgenommenen keine Hirngespinste von einigen Wenigen sind, geschweige denn Falschmeldungen.

Viele von denen, die vorher zweifelten oder den Opfern nicht glauben wollten und sagten, dass sie alles nur erfunden hätten, oder dass solches auf dieser Insel nicht vorkommen könne, haben jetzt einen Sohn oder eine Nichte in Haft, auf die ein summarisches Gerichtsverfahren wartet, nur weil sie auf die Straße gingen, „Freiheit!“ verlangten und versuchten, die öffentlichen Revolten mit der Kamera ihres Smartphone zu dokumentieren.

Immer mehr Zeugenaussagen kommen ans Licht; sie berichten von Exzessen, Beleidigungen, überlangen Verhören, Enge in den Arrestzellen und von Drohungen, von vielen Drohungen.

Nichts davon ist wirklich neu für einen Teil der kubanischen Bevölkerung, der seit Jahrzehnten solches Tun anzeigt. Aber manchmal sollte man dies am eigenen Leib spüren, um es zu glauben und um Empathie für ein anderes Opfer zu empfinden. Wenn man den Finger in die eigene Wunde legt, dann weiß man dass es stimmt. Das sollte aber nicht so sein.

Was mich betrifft, so ist es nicht die Mühe wert Misstrauen mit Misstrauen zu erwidern, Schwerhörigkeit mit Schwerhörigkeit und Sarkasmus mit Sarkasmus.

Was mich betrifft, so ist es nicht der Mühe wert Misstrauen mit Misstrauen zu erwidern, Schwerhörigkeit mit Schwerhörigkeit, Sarkasmus mit Sarkasmus. Es ist die Zeit sich zu engagieren und die neuen Opfer der direkten Repression zu unterstützen, egal ob sie je den Horror anzweifelten, den andere erlebten.

Zähle auf mich dass ich schreie, damit man deine Kinder freilässt. Es ist mir egal, wenn du es lustig gefunden hast oder nicht glauben wolltest, dass sie mich im November 2009 entführt und geschlagen haben; es ist mir egal, wenn du dich dazu hergegeben hast, meinen kleinen Sohn auf seinem Weg zur Schule zu überwachen und ihn anzuschreien, dass seine Mutter eine „Söldnerin“ wäre; es ist mir egal, wenn du dich über Leute erkundigt hast, die mich besuchten, und dass du gelacht hast, wenn ich viele Stunden in einer Arrestzelle verbracht habe. Es ist mir egal, wenn du an der Vernichtung meines Ansehens beteiligt warst, oder versucht hast meine soziale Stellung zu zerstören.

Für zählt nicht, ob du mich unwissentlich diffamiert, mich grundlos angegriffen oder geschlagen hast, im Verlauf einer Schmähaktion gegen mich oder meine Lieben. Ich glaube dir einfach.“

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Jetzt sind sie es, die uns fürchten

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„Freiheit passt nicht in einen Koffer“, schreiben viele in den Sozialen Netzwerken. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 16.Juli 2021

Niemand in der Warteschlange spricht. Eine Frau schaut auf ihre Schuhe und ein junger Mann trommelt mit den Fingern auf eine Wand. Es sind einige Tage vergangen seit die Kubaner auf die Straße gingen und protestierten; ein Protest, wie es ihn in den vergangenen 62 Jahren noch nie gab, bei dem die Empörung in jeden Winkel des Landes vordrang. Der allgemeine Zorn wächst in dem Maß, wie in den Medien Bilder von der Brutalität der Polizei auftauchen, wie es mehr Zeugnisse von Müttern gibt, deren Kinder seit jenem Sonntag verschwunden sind und wie sich Videos von Städten voller Militär verbreiten.

Wer auch immer die Insel nicht schon vor dem historischen 11.Juli kennengelernt hat, könnte jetzt sagen, dass es den Behörden gelungen ist, die Situation unter Kontrolle zu bringen und dass in den kubanischen Straßen wieder Ruhe herrscht. Aber in Wirklichkeit ist diese scheinbare Ruhe nur eine Mischung aus Entsetzen, Wut und Schmerz. In Havanna liegt die Anspannung in der Luft, denn überall gibt es Polizei, Militär und regierungsaffine Zivilisten mit allen Arten von Schlagstöcken in den Händen. In den Häusern wächst das Unbehagen und es fließen Tränen; nur wenige haben bis zum Morgen durchgeschlafen.

Tausende Familien suchen einen der Ihren auf Polizeistationen; ebenso viele erwarten, dass Uniformierte an die Tür klopfen, um ein Familienmitglied mitzunehmen, das verdächtigt wird an den Protesten teilgenommen zu haben. An verschiedenen Orten des Landes entstehen neue Brennpunkte der allgemeinen Unzufriedenheit; sie werden von Sonderkommandos − den gefürchteten „Schwarzen Wespen“ − mit Schlägen und Schüssen unterdrückt. Zahllose unabhängige Journalisten wurden festgenommen, andere unter Hausarrest gestellt, und der Zugang ins Internet wurde bei mehreren Anlässen gesperrt, als die ersten populären Demonstrationen begannen.

Tausende Familien suchen einen der Ihren auf Polizeistationen; ebenso viele erwarten, dass Uniformierte an die Tür klopfen, um ein Familienmitglied mitzunehmen, das verdächtigt wird an den Protesten teilgenommen zu haben.

Das kubanische Volk, das die Behörden in Gänze als systemtreu, fügsam und sanftmütig bezeichnen, … dieses Volk gibt es nicht mehr. Stattdessen gibt es ein Land mit schreienden Bewohnern, manche aus vollem Hals, andere stumm, sodass man nicht genau sagen kann, wann sie zu schreien beginnen. Das wirkliche Kuba hat sich immer mehr von der Nation entfernt, die die offizielle Presse vermittelt. Kuba fühlt, dass es seine bürgerliche Stimme zurückgewonnen hat, und hat dies massiv mit seiner Stärke auf den Straßen und seinen lauten Rufen nach „Libertad“ bewiesen. Dahingegen sprechen die kontrollierten Titelseiten der offiziellen Presse von Verschwörungen, die von außen ins Land getragen werden; von Splittergruppen, die sich manifestieren, und von Verbrechern die Märkte verwüsteten. Beide Darstellungen schließen sich gegenseitig aus und sie werden nicht mehr lange koexistieren können.

Miguel Díaz-Canel hat versucht seine ersten Worte abzuschwächen, gesprochen an diesem Sonntag vor einem Mikrofon, als man fast stündlich von einem neuen Protest-Brennpunkt erfuhr: „Der Befehl zum Kampf ist erteilt“ und „Wir sind zu allem bereit“, so drohte er damals, und das Gespenst eines Bürgerkriegs flog über den Archipel. Jetzt aber, ohne diese Worte zurückzunehmen, fügt er Begriffe wie „Harmonie“, „Frieden“ und „Freude“ hinzu; es gelingt ihm aber nicht zu überzeugen, weil gleichzeitig mit den süßen Worten hunderte von Omnibussen seine Stoßtruppen im ganzen Land absetzen, in Stadtvierteln und auf Plätzen.

Bis heute hat es eine einzige angekündigte flexibilisierende Maßnahme gegeben. Es war der Versuch den Protest einzudämmen und er bestand darin, die Obergrenze für Medikamente, Nahrungsmittel und Produkte der Körperpflege aufzuheben, die Reisende mit auf die Insel bringen können. Aber diese Maßnahme kam spät, erst nach jahrelangen Forderungen, und sie war − im Hinblick auf die viel weitergehenden Forderungen sozialer Art − nur ein Tropfen auf den heißen Stein, nämlich: dass das politische System demontiert wird, dass seine wichtigsten Figuren auf ihre Ämter verzichten und dass ein Übergang zur Demokratie sobald wie möglich eingeleitet wird. „Freiheit passt nicht in einen Koffer“, schreiben viele in den Sozialen Netzwerken, und dass eine Rebellion nicht vor einem Polizeischild halt macht. „Wir hatten so großen Hunger, dass wir unsere Angst gegessen haben“, kann man überall lesen. Aber jetzt haben wir so viel Wut im Bauch, dass sie es sind, die uns fürchten und man merkt es ihnen an.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle  für Lateinamerika veröffentlicht.

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Die Straßen in Kuba haben laut und deutlich gesprochen

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Demonstranten in Santiago de Cuba, an diesem 11.Juli. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / 14ymedio.com / 12.Juli 2021

Es war nur eine Frage der Zeit. Frustration und Hoffnungslosigkeit hatten sich angehäuft und an diesem Sonntag explodierten die Straßen. Tausende Kubaner verließen ihre Häuser, um ihr Recht auf bürgerlichen Protest auszuüben; ein Recht, das man ihnen für mehr als ein halbes Jahrhundert genommen hatte. Mit ihren Rufen „Nieder mit der Diktatur“ ließen sie keinen Zweifel daran, dass auf dieser Insel weder die Indoktrinierung noch die Furcht es vermocht haben, den Wunsch nach Freiheit  einzudämmen.

Auf die Straße gingen junge Leute, die mit dem dualen Währungssystem aufwuchsen, mit einem Mangel an Träumen, mit Stromausfällen und der ständigen Gehirnwäsche in den Schulen. Auf die Straße gingen Hausfrauen, mit Pfannen in der Hand, um damit wenigstens die Kochtöpfe erklingen zu lassen, für die es kaum noch etwas zu kochen gibt. Auf die Straße gingen Familienväter mit ihren Enkeln; die ersten als Teil einer Generation, die half, das aktuelle autoritäre System zu konsolidieren; die zweiten als potentielle Bootflüchtlinge über die Meeresenge in Richtung Florida. Die Menschen gingen auf die Straße.

Am 11.Juli haben wir der Welt und uns selbst gezeigt, dass wir viel zahlreicher sind als jene, die uns zerdrücken wollen.

Neuartige und wunderbare Szenen überall im Land, als ob der Funke von San Antonio de los Baños das trockenen Gras der sozialen Unzufriedenheit in Brand gesetzt hätte. Das Kapitol von Havanna erzitterte unter den Rufen „Libertad“; in den Straßen von Cárdenas war ein menschlicher Sperrgürtel eine Herausforderung für den Stoßtrupp der Regierung; Palma Soriano schwankte unter den Demonstrationen; Alquízar stürzte sich in die nicht asphaltierten Gassen, und in Camagüey strömten Menschen durch die Straßen zu den öffentlichen Plätzen.

Am 11.Juli haben wir der Welt und uns selbst gezeigt, dass wir viel zahlreicher sind als jene, die uns zerdrücken wollen, dass, wenn wir uns vereinen und handeln, sie uns drohen oder ins Gefängnis bringen oder sogar töten können, uns aber nicht überzeugen werden, unser Joch weiter zu dulden. Jetzt wird das Regime seine eigene Version der Ereignisse verkünden und den Nachbarn im Norden beschuldigen, aber wir alle wissen: kennzeichnend für diese Proteste waren ihre Spontanität und ihre Massivität.

Man sah es kommen; man musste nur ein aufmerksames Ohr für unsere Realität haben, um den zunehmenden internen Lärm zu hören, und gestern haben wir den Knebel abgeschüttelt.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Wenn da nicht die Mango wäre

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Leere Verkaufsflächen auf dem Markt der Straßen 17 und K in El Vedado, Havanna. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 6. Juli 2021

Bei all dem Horror, den wir in Kuba während der Krise in den 90er Jahren erlebten, gab es ein Szenario, das sich als möglich ankündigte, aber dann doch nicht eintrat: die gefürchtete Option Null*), bei der das Land mangels Treibstoff vollständig zum Stillstand gekommen wäre; die Familien wären in Camps umgesiedelt worden und eine kollektive Suppenküche wäre der einzige Lieferant der wenigen Nahrung gewesen, die es für uns noch gegeben hätte.

Als Jugendliche stellte ich mir eine Zukunft mit abgemagerten Menschen vor, rund um ein Lagerfeuer sitzend, über dem Fleischfetzen in einem Topf köchelten, während die Lautsprecher ständig die Reden eines mit sich zufriedenen Fidel Castro übertrugen, sowie seine Aufrufe zu realitätsferner Opferbereitschaft. Glücklicherweise, ehe es zu diesem Szenario kam − im schlimmsten Kambodscha-Stil**) − gab es eine vorsichtige wirtschaftliche Öffnung, die uns vor der gemeinsamen Suppenküche bewahrte. Aber mit den flexibilisierenden Maßnahmen endeten nicht die Ängste, sie wurden zeitlich nur nach hinten verschoben.

Wenn die letzten Früchte von den Ästen fallen, womit füllen wir dann die Lücke, die diese gelben und süßen Scheiben hinterlassen werden, die wir jetzt noch auf den Teller legen?

Am Dienstag bin ich über verschiedene Märkte in Havanna gelaufen. Die Verkaufsflächen waren fast leer und die langen Gesichter der Kunden haben meine Ängste wieder aufleben lassen. Stehen wir jetzt vor der Option Null? “ Wenigstens sind uns die Mangos geblieben“, antwortete ein Nachbar, als ich ihm meine Befürchtungen mitteilte. Mit Beginn des Sommers und der Regenzeit hängen viele dieser Früchte an den Bäumen, da es „dem Castrismus nicht gelungen ist, sie zu vernichten“, ergänzte der Mann noch.

Trotzdem, die Saison der Mangos dauert nur einige Wochen. Wenn die letzten Früchte von den Ästen fallen, womit werden wir dann die Lücke füllen, die diese gelben und süßen Scheiben hinterlassen werden, die wir jetzt noch auf den Teller legen? Ich befürchte, dass die humanitäre Krise, die seit Monaten über uns schwebt, schon da ist. Jeder Tag der vergeht, ohne dass die Behörden den Ernst der Lage anerkennen, kostet Menschenleben; nicht nur wegen eines Wiederaufflammen von Covid-19, das den Händen der Regierung entglitten ist, sondern wegen des Mangels an Nahrungsmitteln und Medikamenten.

Es ist an der Zeit, die Arroganz und den politischen Hochmut abzulegen und um dringend benötigte internationale Hilfe zu bitten, die geschönten Schlagzeilen aufzugeben und einen Schlusspunkt unter die Taktik der aufgeblähten Produktions-Statistiken zu setzen. Der Countdown hat begonnen und uns bleibt kaum die Zeit für die letzten Mangos, die noch an den Zweigen hängen und reifen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkungen des Übersetzers:

*) Option Null: In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, kam es auf Kuba zu einem drastischen Energiemangel, weil die russischen Treibstofflieferungen ausfielen.

**) Die Roten Kmer waren eine maoistisch-nationalistische Guerillabewegung, die 1975 unter Führung von Pol Pot in Kambodscha an die Macht kam.

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Was diskreditiert den kubanischen Peso mehr?

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Die Regierung hat ein System geschaffen, in dem Kubaner getrennt voneinander leben, abhängig von der Währung, über die sie verfügen. (Screenshot)

Text im Bild: In diesem Geschäft werden Waren angeboten, deren Bezahlung ausschließlich mittels Magnetstreifenkarten erfolgt, die von einer frei konvertierbaren Währung gedeckt sind. Die Preise sind in US-Dollar angegeben.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 2.Juli 2021

Schon ehe er festgenommen und in die Kaserne der Staatssicherheit gebracht wurde, haben offizielle Stimmen den Künstler Hamlet Lavastida beschuldigt, dass er das Beschriften von Banknoten des kubanischen Peso (CUP) unterstützt habe, die auf der Insel im Umlauf sind. Jetzt, eingesperrt in Villa Marista, versuchen die Ermittler die Beschuldigung in eine Straftat umzuwandeln, die Lavastida hinter Gitter bringen würde. Aber die Anschuldigung lahmt aus mehreren Gründen, die teils rechtlicher, teils ethischer, aber vor allem geldpolitischer Art sind.

Die nationale Währung, deren Geldscheine das Gesicht verschiedener Helden aus dem Unabhängigkeitskrieg zeigen, wurde systematisch von den Behörden selbst befleckt, die sie auch herausgegeben haben. Der Peso wurde entehrt, als man ihn − vor mehr als einem Vierteljahrhundert − zu einer Zweitwährung verurteilte, die nicht dazu taugte, in gutsortierten Geschäften einzukaufen − in den sogenannten shoppings, die mitten in der Krise öffneten. Eine Währung, herabgestuft von ihrem geringen Wert, verurteilte den zu Armut, der sie im Geldbeutel hatte.

Ich erinnere mich daran, Arbeiter in verschlissener Kleidung gesehen zu haben, die, als sie an die Kasse eines Marktes kamen, die mitgebrachte Ware nicht bezahlen konnten. „Das ist in Dollar“, sagte ihnen die Kassiererin in einem gewissen Unterton. Unser Geld war auch nicht geeignet, um einen Vertrag für ein Mobiltelefon abzuschließen, eine Nacht in einem Hotel zu bezahlen oder ein Ticket für eine Auslandsreise zu kaufen. Sie haben den Peso soweit herabgewürdigt, dass, zieht man einen solchen Schein aus der Tasche, dies immer noch mehr ein Zeichen von Scham ist, als eines von Stolz.

Unser Geld war nicht geeignet, um einen Vertrag für ein Mobiltelefon abzuschließen, eine Nacht in einem Hotel zu bezahlen oder ein Ticket für eine Auslandsreise zu kaufen.

Es reicht, dass man die drei Buchstaben CUP liest, um zu wissen, dass wir jetzt einen minderwertigen Service zu erwarten haben, eine viel schlechtere Behandlung als Kunde und eine Ware von geringer Qualität. Unseren Peso für jeden Tag hat die kubanische Zentralbank diskreditiert, weil sie einen Rivalen schuf, den CUC − den konvertierbaren Peso − der bunter und mächtiger ist, und seit mehr als 25 Jahren einen Schatten auf den kubanischen Peso wirft, wo der doch die wichtigste Währung des Landes sein sollte. Diese gemeinhin chavitos genannten Geldscheine sind eine größere Beleidigung für die nationale Währung, als irgendein ein Satz oder gar ein Schimpfwort, das ein empörter Bürger auf das Wasserzeichen druckt.

Die Idee von Lavastida neben das Gesicht von José Martí 27N*) zu schreiben, ist nicht das, was eine Banknote in Verruf bringt oder sie gar beleidigt. Es war das wirtschaftliche Missmanagement, die historische und offizielle Verachtung des kubanischen Peso und die Trennung von Bürgern, die in Geschäften mit frei konvertierbarer Währung einkaufen können, von jenen anderen, die nur über den CUP verfügen. Außerdem gibt es Aushänge an den Türen gewisser staatlicher Ämter „Bezahlung nur mit Master-oder Visa Card“, die jede CUP-Banknote mit Dreck und Blut besudeln. Das ist tatsächlich eine Beleidigung des Peso und eine enorm strafbare Handlung.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung des Übersetzers:

*) 27N ist eine Gruppe von Künstlern, Intellektuellen, Cineasten, Aktivisten und unabhängigen Journalisten, die Meinungsfreiheit und das Ende der Zensur fordert.

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Die Kubanische Baseball Föderation leidet an historischer Amnesie

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Kiele Alessandra Cabrera dringt im Palm Beach Stadion auf den Platz vor, während des Baseball-Spiels Kuba gegen Venezuela. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 1.Juni 2021

Der Schriftsteller Eliseo Alberto Diego, Lichi genannt, sagte, dass „Geschichte eine Katze wäre, die immer auf die Füße fällt“. Man sollte die Kubanische Baseball Föderation vor der Fähigkeit warnen, dass Vergangenheit wieder auftauchen und sich über Schweigen und Manipulation hinwegsetzen kann.

Am vergangenen Montag fand ein vor-olympisches Baseballspiel Kuba gegen Venezuela statt und die offizielle kubanische Körperschaft hat dann gegen Vorkommnisse während des Spiels protestiert. In einer exaltierten Note bezeichnet sie es als „inakzeptabel, dass Personen, die dem Wesen eines Sportereignisses ablehnend gegenüberstehen, die Konzentration der Mannschaft schwächen“.

Dieser Wutanfall wurde ausgelöst von Plakaten mit den Slogans „Vaterland und Leben“, „Freies Kuba“, verbunden mit Kritik an Miguel Díaz-Canel, zu sehen auf den Rängen des Palm Beach Stadions während der TV-Übertragung; das offizielle Fernsehen konnte nicht verhindern, dass sich die Übertragung auch in den Sportkanal Tele Rebelde einschmuggelte. Es zeigt sich, dass das Geschehen vom Montag der bürgerlichen Tradition folgt Protest auf Spielfelder zu tragen. Solche Aktionen hat das Regime gepriesen, als sie noch im republikanischen Kuba stattfanden.

Am 4.Dezember 1955 stürmte eine Gruppe Jugendlicher auf den Platz des Cerro-Stadions in Havanna, mitten in einer Begegnung der Mannschaften von Havanna und Almendares. Sie trugen ein Tuch mit Forderungen an die Diktatur von Fulgencio Batista. Dieser Moment wurde von den TV-Kameras festgehalten und die Bilder gelangten auf die Bildschirme von Millionen von Zuschauern auf der ganzen Insel.

Der offiziellen kubanischen Sichtweise zufolge war diese Aktion mehr als gerechtfertigt und an sie wird ohne Ende erinnert, weil es sich um eine „revolutionäre Heldentat“ handelte. Für das aber, was am Montag geschah, machte man die Stadionwächter in Florida verantwortlich, weil sie nicht handelten, „wie im Protokoll für Sicherheit vorgeschrieben“…

Es ist nichts weiter als die Geschichte einer Katze mit einem durchdringenden Blick, die einen Salto macht und mit ihren Krallen auf der empfindlichen Haut von jenen landet, die die Geschichte verbergen und verdrehen wollen.

….Übersetzung: Dieter Schubert

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Der am besten bewachte Patient der Welt

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Angehörige der Staatssicherheit patrouillieren vor der Klinik, in die Luis Manuel Otero Alcántara eingeliefert wurde. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 26.Mai 2021

Es ist einfach sie zu erkennen: sie tragen ihr Haar kurz und beobachten jeden genau, der nah an der Klinik Calixto García in Havanna vorbeigeht. Es sind Angehörige der Staatssicherheit, die vor der Klinik patrouillieren, in die am 2. Mai der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara eingeliefert wurde; er ist der am besten bewachte Patient der Welt. Seit er hier interniert wurde, hat man ihn nur noch auf ein paar schlecht gemachten und stark bearbeiteten Videos gesehen, die die politische Polizei selbst veröffentlicht.

Die Freunde von Otero Alcàntara bestehen darauf, direkt mit ihm zu sprechen zu können, aber man hat ihnen nicht erlaubt ihn zu besuchen; der Künstler hat auch keinen Zugang zu einem Telefon, um ohne Vermittler zu kommunizieren. Die Tage vergehen und die offizielle Version wird immer unerträglicher, dass dieser 33 Jahre alte Habanero, der aus Protest gegen Unterdrückung seit mehr als einer Woche weder feste noch flüssig Nahrung zu sich genommen hat, in perfektem gesundheitlichen Zustand in die Klinik gebracht wurde, mit Anzeichen einer beneidenswerten Gesundheit.

Wenn er in guter physischer Form ist, warum behält man ihn dann dort mehr als zwei Wochen? Was geschieht wirklich mit ihm während der langen Tage, die der Künstler in den vier Wänden eines Krankenzimmers verbringt? Alle Antworten, die mir bei diesen Fragen durch den Kopf gehen, sind mindestens beunruhigend. Die Komplizenschaft des offiziellen Ärzteverbands hinsichtlich Unterdrückung hat auf dieser Insel eine lange Geschichte. Die Veröffentlichung der Krankengeschichten von Dissidenten in offiziellen Medien− ohne Rücksprache mit den Betroffenen − und die Verwahrung in Nervenheilanstalten von Personen, die auf der Straße friedlich protestierten, sind ein Teil von solchen beunruhigenden Absprachen.

Die Veröffentlichung der Krankengeschichten von Dissidenten in offiziellen Medien− ohne Rücksprache mit den Betroffenen − und die Verwahrung in Nervenheilanstalten von Personen, die auf der Straße friedlich protestierten, sind ein Teil von solchen beunruhigenden Absprachen.

Wenn dazu nun noch die strenge Überwachung einer Abteilung der Klinik kommt, seit Otero Alcántara dort ist…, wenn mehrere Aktivisten verhaftet werden, die versucht haben sich ihm zu nähern, dann wird die Beunruhigung noch größer. Zu denen, die zu ihm vordringen könnten, versehen mit einer gewissen Sicherheit, gehören die einflussreichsten Personen der Katholischen Kirche, die Mitglieder des ausländischen diplomatischen Korps und die Korrespondenten von ausländischen Medien, deren Arbeit es ist darüber zu berichten, was sich auf der Insel ereignet. Aber bis jetzt haben sie nichts unternommen.

Bis jetzt weiß man nicht, ob sich einer von ihnen bemüht hat einen Zugang zu dem Raum zu erhalten, in dem der Künstler seine Tage verbringt; aber vermutlich hat Mehrzahl der Bischöfe, der Botschafter und der akkreditierten Reporter den Preis sorgfältig kalkuliert, der bei einer Anfrage dieser Art bei den kubanischen Behörden fällig würde. Im Augenblick deutet ihre Lähmung darauf hin, dass sie die Kosten von „intervenieren“ oder „über die Situation von Otero Alcántara informieren“ evaluiert haben, und dass sie sich nach der Bewertung von „pro“ und „kontra“ entschlossen haben auf Distanz zu bleiben und den „Platz der Revolution“ nicht zu verärgern.

Solange die Komplizen schweigen und die Unentschlossenen im Schatten bleiben, kann das Leben eines Mannes, der bis vor kurzem noch voller Energie war, aus den Fugen geraten und in einen dunklen Abgrund stürzen. Der respektlose Künstler, der eine Biennale für unabhängige Kunst organisierte, der aus Protest die Büste eines kommunistischen Führer entfernte, der tagelang die kubanische Fahne auf seinem Körper trug…er ist verstummt. Auf Bildern, die die Bürokratie passieren lässt, sieht man ihn abgemagert: ein Patient mit erloschenem Blick und geschwächtem Körper.

    Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Sieben Jahre mit ’14ymedio‘: das Alter der Pesete

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Anmerkung des Übersetzers: „Das Alter der Pesete“ bezeichnet auf Kuba die vorpubertäre Periode zwischen sieben und elf Jahren.

Die erste Titelseite von ’14ymedio‘ am 21.Mai 2014. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 21.Mai 2021

 Heute sind sieben Jahre nach Erscheinen der ersten Titelseite der 14ymedio vergangen. Bedauere ich es, eine Tageszeitung gegründet zu haben, zusammen mit einer Gruppe Kollegen? Nein… überhaupt nicht! Deswegen sind unsere frühen Morgenstunden genauso interessant und vielstimmig, wie die am Mittag; darüber hinaus muss man sagen, dass dieser Beruf die schlechteste Option dafür ist, „sich Freunde zu machen“, und dass er gegebenenfalls einen hohen Tribut fordert, wenn es manchen Leuten „in den Kram passt;… in der Redaktion ist der jähe Schrecken der übliche Gemütszustand;… das Leben wird vorangetrieben von Überschriften und der „letzten Minute“; die Philologin, die ich einmal war, wurde von der Reporterin und Herausgeberin vollständig absorbiert;… es gibt weder Ruhe noch Frieden… und auch keine Möglichkeit zurückzuweichen;… die Politiker betrachten uns mit Widerwillen und die Bürger beklagen sich; das Telefon in der Redaktion läutet ununterbrochen, und von den Geschichten, die uns erreichen, können wir nur einen Teil publizieren; unsere digitale Seite wird weiterhin von nationalen Servern blockiert, und gestern „verdunkelte“ sich sogar ein Teil unserer technischen Ausstattung, weil sie uns die Verbindung ins Internet kappten.

 Kurz und gut, lasst uns heute auf diese Zeitung anstoßen, die unseren Kortison und Adrenalin-Spiegel steigen lässt und die bei denen unbeliebt ist, die sich den Knebel, das mitschuldige Schweigen und den unterwürfigen Applaus wünschen. Unsere Zeitung ist eine Zielscheibe für Repressionen, aber auch für motivierende Worte, was für uns Sinn macht hier zu sein und jetzt. Kurzum, es hält uns davon ab die Koffer zu packen und unser Land zu verlassen − wir bleiben im Land, aber wir werden nicht den Mund halten.

…Übersetzung: Dieter Schubert

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Camilo, ein Unterdrücker, „disqualifiziert von der Geschichte“

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Der Agent beteiligte sich im Jahr 2009 an der Schmähaktion gegen Reinaldo Escobar. (Collage)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 1.Mai 2021

 Es ist ein langer Werdegang in Sachen Unterdrückung, der diesen Agenten der Staatssicherheit begleitet; er nennt sich „Camilo“. Der Mangel an Kreativität, sich ein Pseudonym zuzulegen, ist kennzeichnend für eine Person, die für die politische Polizei arbeitet. Er war und ist einer der aktivsten Unterdrücker der alternativen Bloggersphäre auf dieser Insel, und er war besonders aktiv gegen den Journalisten Reinaldo Escobar und seine Helferin.

Er war und ist einer der aktivsten Unterdrücker der alternativen Bloggersphäre auf dieser Insel.

 Im weit zurückliegenden Jahr 2008 zitierte er uns auf die Polizeiwache in Vedado, einem Stadtviertel in Havanna, um uns zu bedrohen. Jetzt haben wir ihn wiedergesehen(mit mehr grauen Haaren, mehr Bauch und weniger Schamgefühl), als er am letzten Freitag junge Leute zurückdrängte, die in der Obispo-Straße protestierten. Er beteiligte sich im Jahr 2009 an der Schmähaktion gegen Escobar, an der Ecke der Straßen 23 und G, und er war auch bei unserer Festnahme dabei, in Bayamo im Jahr 2012. Es genügt ein Bild von ihm zu betrachten, dass ich seine Fingerknochen auf meiner Haut spüre und seinen üblen süß-sauren Schweiß rieche, der an meinem Gesicht klebt.

 Oh Camilo…Erinnerst du dich daran, als du mir und meinem Mann sagtest, dass wir uns mit „diesem Dialog disqualifiziert hätten“? Von welchem „Dialog“ sprachst du damals? Von dem „Gespräch“ zwischen einer Person, die schrie, und einer anderen, die mundtot gemacht wurde? Von der Kakophonie einer einzigen Stimme? Von dem eintönigen Redeschwall aus nur einer Kehle?

 Oh Camilo…Ganz bestimmt wird dich „die Geschichte disqualifizieren“ und dir den Platz zuweisen, den du verdienst: den eines Werkzeugs, benutzt und weggeworfen von seinen Vorgesetzten.

   Übersetzung: Dieter Schubert

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Kongress oder Beerdigung? In Kuba weiß man das nie

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Raúl Castro und Miguel Díaz-Canel während des 8.Kongresses der Kommunistischen Partei Kubas. (Estudios Revolución)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 20.April 2021

In der illegalen kubanischen Lotterie bedeutet die Zahl 8 den Tod, dieselbe Zahl steht vor dem Kongress der Kommunistischen Partei (PCC), der am Montag in Havanna zu Ende ging. Dieses Konklave hatte für eine Generation, die sich von ihren hohen Ämtern verabschiedet, die Feierlichkeit eines politischen Begräbnisses, hat aber für das Land, das sich in der schlimmsten Krise des Jahrhunderts befindet, nur wenige optimistische Signale ausgesendet.

Der Abschied Raúl Castros vom Sekretariat der mächtigsten Organisation des Landes kommt nicht überraschend. Der unabänderlich voranschreitende biologische Prozess veranlasste ihn zur Seite zu treten, wenigstens öffentlich. Trotzdem, obwohl nun an der Parteispitze niemand mehr den Namen des Familienclans trägt, wäre es naiv zu denken, dass die Sippe aus den Dörfchen Birán nicht weiterhin versuchen würde, das nationale Schicksal zu kontrollieren.

Um das Steuer des Staatsschiffs in Händen zu behalten, entwarf Raúl Castro vorausschauend einen Plan, den er methodisch und diszipliniert umsetzte, getreu seinem Motto: „Ohne Eile, aber ohne Pause“. Die Berufung an die vorderste Parteifront von Miguel Díaz-Canel, einem Benjamin, der aufgebaut wurde, um die Kontinuität des Systems um jeden Preis zu gewährleisten, war dabei der entscheidende Schritt bei der Übergabe von öffentlicher Verantwortung.

Der unabänderlich voranschreitende biologische Prozess veranlasste Raúl Castro zur Seite zu treten, wenigstens öffentlich.

Die Berufung ins Polit-Büro von Luis Alberto Rodriguez López-Calleja, Ex-Schwiegersohn von Castro und Chef des Militärkonsortiums, das einen Großteil des Tourismus-Geschäfts kontrolliert, deutet darauf hin, dass es für den ausscheidenden Parteiführer extrem wichtig ist zu vermeiden, dass ein Reformkurs das System zusammenbrechen lässt und seine Familie so den Zugriff auf „die besten Stücke des nationalen wirtschaftlichen Kuchens“ verliert.

Das ist der Fahrplan, den der General aufgestellt hat, um seine letzten Tage sicher vor Tribunalen und Gefängnismauern verbringen zu können, aber das ist nicht genug. In dem Land, das er − wenigstens nominell − transferiert hat, gibt es jetzt eine große allgemeine Unzufriedenheit mit dem politischen und wirtschaftlichen System. Absurde Verbote und der Zentralismus, mit seiner geringen wirtschaftlichen Produktivität, haben einen materiellen Schaden verursacht, der durch die Pandemie im letzten Jahr noch vergrößert wurde.

Öffentliche Demonstrationen, als Ausdruck von Unbehagen, sind nicht mehr nur die von Oppositionellen; es vergeht kaum eine Woche, in der nicht in den sozialen Netzen von Straßenprotesten, Konfrontationen mit der Polizei und Übergriffen der Staatssicherheit berichtet wird. Die gesamte Nation gleicht einer ausgedehnten verdorrten Weide, unter einer unbarmherzigen Sonne von Armut und Unterdrückung, die mit einem kleinen Funken Feuer fangen kann, oder es folgt eine weitere Migrationskrise, eine der vielen, die wir Kubaner regelmäßig erlebt haben.

Mit diesem 8.Kongress wollten die abtretenden Partei-Oberen die Botschaft von der Nachhaltigkeit des eingeschlagenen Wegs aussenden und nicht die Fahne der Wende hissen. Sie entschieden sich für ein Drehbuch, in dem der ideologische Stab von einem Läufer an den nächsten weitergegeben wird, zum Nachteil eines Plans für Öffnungen, auf die ein Teil der Bevölkerung schon seit langem wartet. In den nächsten Wochen, in dem Maß wie Einzelheiten zu diesem Ereignis bekannt werden, wird es einige Bürger geben, die sich die Hände reiben, viele werden dann ein Floß ausrüsten, um zu emigrieren, und noch andere werden eine Kerze anzünden, für eine Nation in Agonie.

…Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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