Kuba 2021: Lebe wohl revolutionäre Maske

Viele haben die Geduld verloren, um noch zu investieren, erfolgreich zu sein und ihre Träume zu verwirklichen. Für einen echten Wandel ist es ein verlorenes Vierteljahrhundert. (EFE)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.Dezember 2020

Kuba erlebt eine schwierige Zeit. Das Problematische im vergangenen Dezember war nicht nur die wirtschaftliche Krise, infolge der das Bruttoinlandsprodukt um 11% zurückging, nicht der totale Lockdown und nicht das Leid, das die Pandemie verursachte. Das Jahr 2020 hat sich auf der Insel mit dunklen Tönen verabschiedet, vor allem wegen der Unsicherheit und somit der Unfähigkeit von 11 Millionen Kubanern, ihre Zukunft auf kurze und mittlere Sicht zu planen.

Dieser Sichtweise werden einige entgegnen, dass es in unserer jüngeren Geschichte schon schlimmere Momente gab. Während der Speziellen Periode (Período Especial) der 90er Jahre, als die Sowjetunion die Subventionen einstellte, gab es lange Stromausfälle, Einschränkungen im Transportwesen und eine Lebensmittelknappheit. Aber dennoch waren noch Reserven für einen Wechsel vorhanden, die Reformer hoffen ließen und die Träume der Bürger beflügelten. Mitten im Zusammenbruch hatte man das Gefühl, dass einige gute politische Entscheidungen ausreichen könnten, um produktive Kräfte freizusetzen und um den Menschen eine materielle Entlastung zu bringen. Es gab sogar Leute, die von einem Volksaufstand fantasierten, der das autoritäre Modell definitiv beerdigen sollte.

Obwohl, der einzige ‚Aufstand‘ den es gab, war der von tausenden verzweifelten Kubanern, die am Tag des Maleconazo*) versuchten von der Insel zu fliehen. Und auch die, die auf die ersehnten Flexibilisierungen hofften, irrten sich nicht. Als die Krise ihren Höhepunkt erreicht hatte, waren einige dieser Veränderungen bittere Pillen, die die Bürokratie schlucken musste: die Dollarisierung des Handels, die Existenz von Bauernmärkten frei von Rationierung, die Erlaubnis privatwirtschaftlich zu arbeiten und die Öffnung des Landes für ausländische Investitionen. Zum ersten Mal nach so langer Zeit kehrten Zwiebeln auf die Marktstände zurück, private Taxis füllten die Straßen und in den selbständig arbeitenden Restaurants, den Paladares, gab es wieder traditionelle kubanische Gerichte, deren Rezepte man für verloren hielt.

Heute, im Unterschied zu jener Zeit, sind die Fähigkeiten des Castrismus sehr begrenzt sich zu reformieren ohne daran zu zerbrechen, und eigentlich sind sie gleich null.

Jetzt, im Unterschied zu jener Zeit, sind die Fähigkeiten des Castrismus sehr begrenzt, um sich zu reformieren ohne daran zu zerbrechen, und eigentlich sind sie gleich null. Das System existiert seit fast 62 Jahren, ist in seinem politischen Kern ein Fossil, und es fehlt ihm jegliche Anziehungskraft für jüngere Gefolgsleute. Es hat sein Reformvermögen mit halbherzigen Veränderungen und lauwarmen Umstrukturierungen verschwendet, und Maßnahmen, die zunächst nach vorne wiesen, wurden anschließend wieder zurückgenommen. In der Zeit zwischen den beiden Krisen, der ersten, ausgelöst durch den Zusammenbruch des sozialistischen Lagers in Osteuropa und der aktuellen, haben viele Kubaner die Geduld verloren um noch zu investieren, erfolgreich zu arbeiten und ihre Träume zu verwirklichen. Für einen echten Wechsel ist es ein verlorenes Vierteljahrhundert.

Heute, in die Enge getrieben, plant die Obrigkeit ein Paket von Maßnahmen, um im Jahr 2021 das Staatsschiff wieder flott zu machen, aber bis heute orientieren sich die angekündigten Beschlüsse eher an einer Rücknahme von Subventionen und an Budgetkürzungen, als an der Entwicklung von Konzepten, die das Unternehmertum fördern, Verstaatlichungen einschränken und die Parteipolitik aus zentralen politischen Entscheidungen heraushalten. Aber solches Tun könnte auch den Fortbestand des Castrismus in große Gefahr bringen, obwohl, es nicht zu tun, würde nur das Datum seiner Beerdigung vorziehen.

Reaktionär und unbeweglich, ängstlich vor Neuem und misstrauisch gegen alles, was nicht aus den Laboratorien der Kommunistischen Partei kommt, zum Überleben ist dem derzeitigen kubanischen Modell nur die Unterdrückung geblieben. In diesem Jahr wird das System endgültig die Maske der Revolution und die der sozialen Gerechtigkeit ablegen, um sich als das zu zeigen, was es ist: eine Diktatur aus dem 20.Jahrhundert. Die Weltpolitik, der Zufall und die Angst haben es ermöglicht, dass das System bis hierher gekommen ist. Ohne Resultate bleibt ihm nur übrig die Zähne zu zeigen, und das macht irgendwelche Prognosen so schwierig.

Übersetzung: Dieter Schubert

*)Anmerkung des Übersetzers: Die Unruhen, die am 5.August 1994 in Havanna ausbrachen, bekannt auch als  Maleconazo, waren der erste größere Volksaufstand in Kuba seit dem Sieg der Revolution im Jahr 1959. (Wikipedia)

Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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Und jene? Auch sie waren keine „Söldner“

Im April 2003 – während des so genannten ‚Schwarzen Frühlings – wurden 75 kubanische Oppositionelle festgenommen; viele von ihnen waren Journalisten. (Archivo)

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YOANI SÁNCHEZ / 14ymedio.com / 6.Dezember 2020

Ich habe Freunde, die seit Tagen nicht mehr geschlafen haben; sie hängen am Telefon oder führen Selbstgespräche vor dem Spiegel, mit dem Kopfkissen oder unter der Dusche. Es sind einige der Künstler, die am vergangenen 27.November vor dem Ministerium für Kultur waren, um gegen die Verhaftung des Rapper Denis Solís zu protestierten; jetzt stehen sie im Mittelpunkt einer Diffamierungskampagne. Mehrere von ihnen wurden in den offiziellen Medien namentlich als „Söldner“ bezeichnet, als „finanziert vom Imperium“ oder als „Terroristen“.

Als die Beleidigungen anfingen, sagten mir mehrere von ihnen leichtgläubig, es ist sicher ein Irrtum. Aber schon nach drei Tagen wussten sie, dass es sich nicht um eine Verwechslung handelte, weil man sie im Fernsehen immer noch „Vandalen“ nannte. Schließlich entschlossen sie sich mich anzurufen und mir zu erklären, dass sich alles regeln ließe, wenn die Behörden nur ihre Biographien sorgfältiger anschauen würden. Schließlich seien sie „Linke“, „Kinder von revolutionären Eltern“, und früher wären sie sogar aktive Mitglieder bei den „Jungen Kommunisten“ gewesen, und das einzige, was sie getan hätten, wäre „Kuba zu lieben“.

Es gibt kaum etwas schwierigeres, als jemanden, der Opfer einer Verleumdungskampagne wurde, die Illusion zu nehmen, dass “ es sich um einen Irrtum handelt, den man korrigieren kann und er dann auf Dauer rehabilitiert bleibt“. Nur wenige hören hin, wenn man ihnen erklärt, dass es systemrelevant ist, auf Kritik mit dem bekannten Szenario zu antworten und dass sich die diffamierenden Gewehrkugeln bald in echte Splittergranaten gegen ihr Ansehen verwandeln könnten.

Am Wochenende hat sich dann die Tonlage am anderen Ende der Leitung geändert und einige Stimmen wurden wütend oder auch vulgär.

 „Wieso kommen sie dazu, das von mir zu sagen, wo ich doch eine Schublade voller Auszeichnungen für freiwillige Arbeitseinätze habe?“, sagte ein guter Bekannter zu mir. Er stand in jener Nacht vor dem Ministerium und verfolgt jetzt deprimiert die sektiererischen Berichte, die versuchen, die „San Isidro-Bewegung“ und den „27.November“ mit Sabotage und Gewalt in Verbindung zu bringen. In einem längeren Gespräch wiederholte er mir seine Biographie: Landschulen; Plan-Übererfüllung; Kunstwerke; er schenkte sie Hospitälern…

Während er sprach erinnerte ich mich daran, wie sie mich zum ersten Mal eine „Söldnerin“ und eine „Feindin“ meines Landes nannten. Auf diese Verleumdung reagierte ich dünnhäutig und wollte, genauso wie mein Freund, wissen lassen, dass dies ein kolossaler Irrtum sein musste. Ich versuchte auch auf meinen selbstlosen akademischen Werdegang hinzuweisen, auf meine Fähigkeiten Gespräche zu moderieren, auf mein Unvermögen auch nur einer Ameise zu schaden und auf meine Unkenntnisse in „Cyberkrieg“. Ich sprach von meiner Liebe zu dieser Insel, die − wie mein Herz − in meiner Brust schlägt. Das hat nichts genützt, so wie es jetzt auch den vielen Verleumdeten nichts nützen wird.

Es ist sinnlos sich gegen solche Anfeindungen zu wehren, geschweige denn zu denken, dass sich irgendein Funktionär geirrt hat, weil diese Beleidigungen nicht geglaubt sondern gefürchtet werden sollen. Sie richten sich nicht gegen das Opfer der Kampagne, sondern an die, die passiv diese Tiraden verfolgen. Die nämlich sollen wissen, was sie erwartet, wenn sie es denn wagen nachzufragen statt zu applaudieren. Im Fall des Falles werden sie ihre Gesichter in den wichtigsten TV-Nachrichten sehen, umringt von hässlichen Adjektiven. Es folgen Drohungen gegen ihre Familien, eine Überarbeitung ihrer Biographie, um diese an das Geschichtsbild der Staatsmacht anzupassen und außerdem Beleidigungen von jenen, die den pseudo-informativen Brei schlucken. Dazu kommt die eine oder andere Schmähkampagne, ihre Namen tauchen in Zeitungsartikeln, in Pseudo-Enzyklopädien und bei den Versammlungen zu Beginn des Unterrichts auf, wenn dort ein Feind zum Vorzeigen fehlt.

Wenn meine Freunde aber diese Wüste hinter sich gelassen haben, dann fühlen sie sich erleichtert und ihre Haut ist widerstandsfähiger gegen Kränkungen geworden; sie werden aufhören zu erklären wer sie sind, und was jene von ihnen denken, stört sie kaum noch. Jene sind die, die nicht recherchieren, nicht weitergehend nachforschen und eine Version akzeptieren ohne sie zu hinterfragen. Abgesehen davon keimt in ihren Köpfen eine Frage auf, die immer wichtiger wird: „Wenn das, was sie von mir gesagt haben eine Lüge ist, und ich das sicher weiß, war das dann auch gelogen, was sie früher von anderen sagten?“

Angekommen an diesem Punkt beginnt das Gerüst aus Verleumdungen zu schwanken und die Schmähungen hören auf zu wirken. Wir, die seit einem halben Jahrhundert angeklagt werden, die seit drei Jahrzehnten belästigt und mit Beginn des neuen Jahrtausend mit Schmutz beworfen werden; wir, die in den letzten fünf Jahren verunglimpft wurden und die Schuldigen von heute sind…;wir stehen uns Auge in Auge gegenüber und verstehen uns. Kein politisches System kann das kollektive Bewusstsein von so vielen Diffamierten vernichten, oder?

Übersetzung: Dieter Schubert

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Die Besonderheit von San Isidro

Mitglieder der Kooperative San Isidro protestieren nach der Verhaftung von Denis Solís. (Facebook/Anamely Ramos)

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YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 26.November 2020

Die Verhaftung eines Rapper hat dazu geführt, dass mehrere Aktivisten in einen Hungerstreik getreten sind. Was wie ein Treffen von solidarischen Freunden begann, die die Freilassung von Denis Solís forderten, entwickelte sich zu einer Situation mit Sprengkraft.

Was macht den Hungerstreik dieser unabhängigen Oppositionellen und Künstler so einzigartig? Die Antwort auf diese Frage findet sich im Kontext und nicht in der Nahrungsverweigerung, mit diesem Vorgehen Forderungen durchzusetzen. In der neueren kubanischen Geschichte haben Bürger wiederholt den Körper eingesetzt, als ein Mittel um Klage einzureichen, weil ihnen legale demokratische Wege fehlen, auf denen sie Rechte einfordern und Ungerechtigkeiten anzeigen könnten. Der dramatischte Fall der letzten Jahre war zweifellos der von Orlando Zapata Tamayo, der im Februar 2010 starb, nachdem er 86 Tage die Nahrung verweigert hatte.

Aber eine Dekade nach seinem Tod, den man hätte vermeiden können, ist der politische und soziale Kontext ein völlig anderer. Das Land erlebt die schlimmste wirtschaftliche Krise des Jahrhunderts; die autoritäre Figur Fidel Castro ist Geschichte, und die Funktionäre, die in die höchsten Ämter aufgestiegen sind, werden von der Mehrheit der Bevölkerung als eine Bande von unnützen Opportunisten angesehen. Hinzu kommt die jüngste Öffnung der Devisen-Läden für Nahrungsmittel und Produkte zur Körperpflege, was eine Welle allgemeiner Entrüstung provozierte, weil man darin eine “ monetäre Apartheit“ sah, eine Spaltung der Gesellschaft in die mit Dollar und die ohne.

Die solidarische Geste der Aktivisten hat Bewusstsein geweckt; in den letzten Tagen gab es viele Beweise dafür, dass verschiedene Gruppierungen der Gesellschaft die Aktion unterstützen, sogar jene, die sich bis vor kurzer Zeit nicht gegen die Repression von Dissidenten stellten.

In diesem Szenario, das die Corona-Pandemie noch verschärft hat, hat sich eine Gruppe Jugendlicher entschlossen nicht mehr zu essen; sie fordern, dass die achtmonatige Gefängnisstrafe für den Rapper aufgehoben wird, weil Solís in einem Schnellverfahren wegen des vermuteten Delikts „Beleidigung eines Polizisten“ verurteilt wurde. Die solidarische Geste der Aktivisten hat Bewusstsein geweckt; in den letzten Tagen gab es viele Beweise dafür, dass verschiedene Gruppierungen der Gesellschaft die Aktion unterstützen, sogar jene, die sich bis vor kurzer Zeit nicht gegen die Repression von Dissidenten stellten.

Internationale Organisationen haben die Behörden der Insel gebeten Denis Solís freizulassen; etwa hundert Filmschaffende haben in einem offenen Brief die Streikenden von San Isidro unterstützt, und in den sozialen Netzwerken gibt es einen „Shitstorm“ mit Aufrufen, das Leben der jungen Leute mit einem Dialog zu retten, bei dem auch die Stimmen der Streikenden gehört werden sollten. Aber bis jetzt scheint der Platz der Revolution die Reputation der Streikenden vernichten zu wollen, indem man sie als „Randfiguren“ bezeichnet, oder als Kulturschaffende, „deren Werke niemand kennt“. Außerdem ist das Haus, in dem sie sich treffen, von einem Polizei-Kordon umstellt, der Freunden und Familienmitgliedern den Zugang verwehrt.

Mehrere leere Mägen und ein ramponiertes Haus im Armenviertel von Havanna stehen jetzt an vorderster Front im Kampf gegen ein verzweifeltes und gefährliches System.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika veröffentlicht.

Wo sind Arantxa und die übrigen nützlichen Dummköpfe?

 

Der Markt in der Straße 17, in Havanna, in den vergangenen Tagen. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 19.November 2020

In einem lässigem Tonfall und unter der Sommersonne Havannas hat die spanische Politologin Arantxa Tirado im vergangenen Jahr ein Video aufgenommen, in dem sie das Wunder der kubanischen Wirtschaft erklärte, das jedem Bürger drei Mahlzeiten am Tag erlaube und sogar eine Vesper, für nur 30 Euros im Monat. Heute ist der derselbe Markt, der ihr als Szenario für ihre Dissertation diente, praktisch leergefegt und uns fehlt die Protagonistin dieser Lobeshymne, um das andere Gesicht unserer Realität zu dokumentieren.

Die Marktstände an der Ecke der Straßen 17 und K bieten fast keine Waren mehr an. Die wenigen Produkte, die dort im vergangenen Monat sporadisch auftauchten, waren ein paar vergammelte Bananen, steinharte Orangen und Ingwerknollen. Dabei war dies einer der bestsortierten Märkte der Hauptstadt, der von Militärs und der „Jungen Arbeitsarmee“ (EJT) betrieben wurde. Die Zutaten, mit denen sich Arantxa Tirado nach eigenen Angaben versorgte, gibt es jetzt nur noch in der Erinnerung und auf den kurzen Bildszenen ihres Videos.

Als sich diese Bilder im vergangenen Januar viral in den kubanischen sozialen Netzwerken verbreiteten, lösten sie einen Sturm der Entrüstung aus. Ein Lawine von Kritik ergoss sich über die Politologin, die sich, nach nur wenigen Tagen Aufenthalt auf der Insel, für hinreichend unterrichtet hielt, über den kubanische Alltag aus wissenschaftlicher Sicht zu urteilen und die „Feinde“ des Systems über ihre Irrtümer aufzuklären. Wie viele von solchen nützlichen Dummköpfen haben wir nicht schon innerhalb und außerhalb unserer nationalen Grenzen gesehen? Warum kommen sie jetzt nicht zurück und sagen, was im Widerspruch zu ihren Argumenten steht?

Ich erinnere mich an ein paar Deutsche, die mir in der Berliner U-Bahn die enormen Vorteile des kubanischen Gesundheitssystems erklärten.

 Ich versuche die Zahnschmerzen zu unterdrücken, die die miserable Füllung eines Backenzahns verursacht, durchgeführt in der Poliklinik meines Stadtviertels und erinnere mich dabei an ein paar Deutsche, die mir in der Berliner U-Bahn die enormen Vorteile des kubanischen Gesundheitssystems erklärten. Eine Zahnbehandlung erreichte ich erst nach mehreren frustrierenden Tagen, weil es in der Klinik weder Wasser noch Elektrizität gab.

Ein anderes Mal versuchte ein Kanadier mich von der Zufriedenheit der kubanischen Arbeiter zu überzeugen, weil die nie auf die Straße gingen, um für bessere Löhne und eine Erhöhung ihrer Renten zu demonstrieren. Er fügte hinzu, dass er Menschen auf der Straße sehe, die sich völlig frei bewegten und dass dies ein Beweis für die Vorteile des politischen Systems der Insel sei. Während er argumentierte, umschwirrten uns im Zentralpark von Havanna mehrere Polizisten mit unfreundlichen Gesichtern, um festzustellen, ob ich eine Staatsbürgerin wäre, der man eine Geldstrafe wegen „Belästigung eines Touristen“ auferlegen könnte.

Die Liste ist lang; auf ihr finden sich Prediger von Utopien, Baumeister von Luftschlösser und Falschmünzer unserer Realität. Sie verkünden eine Geschichte in leuchtenden Farben, um ihre Zuhörer davon zu überzeugen, dass dieses Land das Beste aller möglichen ist und dass alle Kritik an seinen Behörden nur eine niederträchtige imperialistische Lüge wäre. Dieser teils illusionistische teils kämpferische Geist veranlasste eine spanische Touristin vor einer Kamera zu sagen, ohne rot zu werden, dass sie in einem Monat und nur für Nahrungsmittel den ganzen Lohn eines kubanischen Ingenieurs ausgegeben hätte.

Und jetzt, Arantxa Tirado? Wo bist du jetzt um zu sagen, dass weder die doppelte noch die dreifache Summe reichen würde, um deine Einkauftasche zu füllen. Planst du ein weiteres Video vom Markt an der Straße 17 in Havanna? Dann kümmere dich um deinen Geldbeutel und lerne besser zu lügen.

Übersetzung: Dieter Schubert

 

Die Maske, ein neues politisches Schlachtfeld

Masken wie diese, Design Rebeca Monzó, werden in staatlichen Einrichtungen und Schulen nicht geduldet. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 23.Oktober 2020

Dieses Stück Stoff, mit dem wir seit Monaten unser Gesicht bedecken müssen, droht, sich in ein neues politisches Schlachtfeld zu verwandeln. Die Maske ist schon in den Radar der Zensoren geraten, die damit beginnen Regeln für Design, Motive und Botschaften vorzuschreiben, die man auf den Masken sieht.

Das neue Kleidungsstück, bei dem alles darauf hindeutet, dass es uns noch für längere Zeit begleiten wird, hat in den letzten Monaten einen individuellen Gestaltungs-Prozess erfahren, bei Bürgern, die mehr über Mund und Nase tragen wollen, als nur ein Stück Stoff. Auf der Suche nach Verschiedenheit und ästhetischer Komponente, erscheinen jeden Tag verschiedene Modelle, die mehr oder weniger dem gesundheitlich notwendigen Standard genügen.

Es gibt Nasen-Mund-Schutz mit Fahnen, Pailletten, Familienwappen, aufgerissenen Mündern und Angst-machenden Reißzähnen…all das und mehr sieht man auf unseren Straßen. Aber in dem Maße, wie die staatlichen Betriebe zu den normalen Arbeitstagen zurückkehren und in mehreren Provinzen die Schulen die Klassenzimmer wieder öffnen, stoßen die Masken auf die üblichen offiziellen Restriktionen, die das Tragen von Kleidungsstücken einschränken.

 Mehrere Freunde und Bekannte haben mir berichtet, dass in ihren Betrieben neuerdings Warnungen im Umlauf sind, dass man Masken mit ausländischen Fahnen nicht dulden werde, insbesondere nicht die Fahne der Vereinigten Staaten.

 Mehrere Freunde und Bekannte haben mir berichtet, dass in ihren Betrieben neuerdings Warnungen im Umlauf sind, dass man Masken mit ausländischen Fahnen nicht dulden werde, insbesondere nicht die der Vereinigten Staaten. Als Design werden auch Botschaften aller Art untersagt, sowie Kritik am kubanischen Regime, politische Bilder und erotische Inhalte.

In einer Gesellschaft, in der die Schere der Zensur versucht alles zu kontrollieren, angefangen mit der Haarlänge von Studenten, bis hin zu der Art und Weise, wie und welche Hosen und Blusen man trägt, sind die Masken ein neues Teil, das man „zähmen“ muss. „Wir werden nicht zulassen, dass du mit einem beleidigenden Plakat im Gesicht daherkommst“, sagte der Geschäftsführer des Kubanischen Fonds für Kulturgüter zu einem jungen Mitarbeiter, der auf seine Maske das Wort „Wechsel“ geschrieben hatte.

„Diese roten Streifen und diese Sternchen dürfen nicht in dieses Klassenzimmer mitgenommen werden“, tadelte eine Lehrerin aus Holguín die Tochter einer Freundin. „Wie hätte ich zu einem anderen Mund-Nasen-Schutz kommen können, wenn der, den ich trage, der Einzige war, den ich selbst kaufen konnte?“, antwortete die Schülerin. Als Antwort bewegte die Lehrerin den Kopf von einer Seite zur anderen.  „Wer hat denn gesagt, dass dieses Teil zur Schuluniform gehört?“, insistierte die Frau. „Werden sie demnächst welche in olivgrün verteilen?“, fragte das Mädchen.

Der Puls steigt. Wir sollten nicht ausschließen, dass binnen weniger Wochen eine Klarliste vorliegt, die vorschreibt, welches Design oder welche Motive Masken tragen dürfen und welche anderen rundweg verboten sind. Kuba, Land der Verbote.

Übersetzung: Dieter Schubert

Rechnen Sie nicht mit mir

Vandalen in Miami haben die Statue von Kolumbus  beschmutzt. (Departamento de Policía de Miami-Dade)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 12.Oktober 2020 

Der 12.Oktober ist ein Tag mit verschiedenen Namen: der Tag der Rasse, der Tag der Entdeckung Amerikas, der Tag des Respekts vor der kulturellen Vielfalt. Jede Bezeichnung finde ich schön und lobenswert. Dieser Tag im Jahr 1492, an dem Cristóbal Colón in diesen Teil der Welt kam, hat der menschlichen Zivilisation die Form gegeben, die wir kennen, hat unseren Blick auf den Planeten verändert und die Kultur von Millionen von Menschen geprägt.

Augenblicklich gibt es Bewegungen und Tendenzen, die dieses Ereignis wahlweise hinterfragen, kritisieren oder preisen. In diesem vielstimmigen Chor, in den wir uns verwandelt haben, sollten alle eine Stimme haben. Aber die kleine Person − die ich bin − erwarb vor 20 Jahren einen akademischen Grad in spanischer Philologie, und ich habe einen Beruf, den ich nicht ausüben könnte, wenn der wagemutige Seefahrer Kolumbus nicht geglaubt hätte, dass er „Indien“ auch erreichen kann, wenn er den Bug seiner Schiffe nach Westen ausrichtet, also in Richtung unseres „Ozeanischen Meers“.

Ich hätte mich nicht nur in Spanisch graduieren können, auch meine Existenz wäre fragwürdig geworden, weil meine Vorfahren den Atlantik überquerten, viel später aber als die Niña, die Pinta und die Santa María.

 Ich hätte mich nicht nur in Spanisch graduieren können, auch meine Existenz wäre fragwürdig geworden, weil meine Vorfahren den Atlantik überquerten, viel später aber als die Niña, die Pinta und die Santa María. Sie bestiegen ein Schiff an einem Ort nah dem, wo der „verrückteste aller Seefahrer und der klügste aller Gründer“ die Anker lichten ließ. Und außerdem teile ich mein Leben mit einem Nachkommen der Taíno*) und mein Sohn ähnelt dem Kaziken Guamá mit kürzeren Haaren und einem modernen T-Shirt.

In meinem Haus begegnen sich jeden Tag Menschen unterschiedlicher Kulturen. Niemand erschrickt, niemand wundert sich. Niemand lehnt den anderen ab oder beabsichtigt seine Kultur zu „vernichten“. Blasse und kupferfarbene Hände finden zusammen. Im Schlaf kommt bei „ihm“ manchmal der Taíno-Priester zum Vorschein, während ich auf dem Jakobsweg unterwegs bin; „er“ liebt das kalte Wasser der Flüsse, wo seine Vorfahren badeten, während ich oft die salzige Brise rieche, die auch das Gesicht von Rodrigo de Triana**) berührt haben muss; „er“ träumt von Höhlen und ich vom tropischen Regenwald, der zum allerersten Mal mit seinen Farben und Gerüchen vor meinem Gesicht explodiert.

Niemand möge darauf zählen, dass ich mich in eine Zeitmaschine setze und verhindere, dass Colón in dieser Hemisphäre ankommt. Ich weiß um den Schmerz, der diesem Ereignis folgte, ich weiß um die Toten und um die Unterdrückung und das Leid; aber für mich zählen auch die Lichter: die Poesie, die in wechselseitigen Begegnungen entstanden ist; die Liebe zwischen so verschiedenen Menschen; die Kinder, die aus solchen Verbindungen hervorgegangen sind; ich kenne die Kraft der Erde. Nein, ich will nicht zurück zum 12.Oktober 1492 um zu verhindern, dass Kolumbus an Land geht, weil dies bedeuten würde, dass ich meine Freunde von heute töte, das Leben meiner Nachkommen einschränke, mit einem einzigen Hieb meinen Stammbaum fälle und die Sprache verliere, die mein Leben ist. Rechnen Sie also nicht mit mir!

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkungen des Übersetzers:

*) Die Taíno waren ein indigenes Volk, das auf den Großen Antillen lebte.

**) Rodrigo de Triana war einer der Juden, die Kolumbus anheuerte, um sie vor der Inquisition zu retten.

Für einen Basiskorb mit Technologie und Freiheit

 

Die größten Schwierigkeiten werden die unterschiedlichen nationalen Gesetze machen, die versuchen, den Bürgern in ihrem virtuellen Dorf einen Maulkorb zu verpassen. (EFE)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 30.September 2020

Die Wände sind aus rohen Ziegelsteinen, durch die Löcher im Dach dringt Sonnenlicht, eine junge Frau sitzt nah am Fenster und hält ein Smartphone der letzten Generation in ihren Händen, mit dem sie Minute für Minute in sozialen Netzen unterwegs ist. Das könnte sich so in einem Dorf oder in einer Stadt ereignen, irgendwo in Lateinamerika, wo bis heute der Zugang zu neuen Technologien von gesellschaftlichen Gegensätzen gekennzeichnet ist, die in den kommenden Jahren noch zunehmen werden.

Im vergangenen August hat Alicia Bárcena, die geschäftsführende Sekretärin der CEPAL − der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik − einen Bericht zu den Auswirkungen von Covid-19 in der Region vorgestellt. Mit ihrem dringenden Appell hat die Mexikanerin die Regierungen dazu aufgerufen, den Zugang zu digitalen Technologien zu vereinheitlichen, um den tief greifenden Schäden die Stirn zu bieten, die die Pandemie der Wirtschaft des Kontinents zugefügt hat. Dann sagte Alicia Bárcena, dass man einen Basiskorb mit Technologien für Information und Kommunikation garantieren sollte.

Bárcena zufolge sollte in einem Notebook, einem Smartphone und einem Tablett ein unverzichtbares Modul integriert sein, sowie ein Anschlussplan für Haushalte, die immer noch keinen Zugang ins Internet haben. Dieses Modul wäre so etwas wie „ein Kit für das technologische Überleben“, das den Bürgern erlauben würde informiert zu bleiben, sich für Fernunterricht zu entscheiden, in Home Office zu arbeiten, sich beruflich neu zu orientieren, Zugang zum Internethandel zu haben und einen Gutteil der Bürgerrechte und-pflichten auf der Tastatur erledigen zu können, mit einem Click oder einer Videokonferenz.

Aber die CEPAL berührte nur einige der vielen Hürden bei der Vernetzung. Es reicht eben nicht, ein modernes Gerät und einen Zugang ins große weltweite Netz zu haben, wenn die Zensur den Nutzer einschränkt, die digitale Polizei ihn überwacht und ihm androht, vor Gericht oder im Gefängnis zu landen, weil er in den sozialen Netzen Funktionäre und Politiker kritisiert hat. Der Basiskorb mit Infrastruktur ist wenig bis nichts wert, wenn er nicht von einer Reihe von garantierten Rechten begleitet wird, wie z.B. das Recht, sich frei zu äußern und uneingeschränkt zu informieren.

Es reicht eben nicht, ein modernes Gerät und einen Zugang ins große weltweite Netz zu haben, wenn die Zensur den Nutzer einschränkt.

Leider leben wir in einer Region, wo beide „Warenkörbe“ recht unvollständig sind. Die hohen Preise für Technologie, die mangelnden Schulkenntnisse im Umgang mit den Geräten, um neue Kenntnisse zu erwerben, die Schwierigkeiten beim Zugang ins Netz in abgelegenen Gebieten oder in solchen mit ungünstiger Infrastruktur, all das verhindert ein Szenario, das es Lateinamerika ermöglichen würde, die Corona-bedingten Restriktionen zurückzufahren und mittels Displays und Schaltkreisen den wirtschaftlichen Sumpf zu verlassen.

Aber die größten Schwierigkeiten werden die unterschiedlichen nationalen Rechtsverordnungen machen, die versuchen, den Bürgern im „virtuellen Dorf“ einen Maulkorb zu verpassen. Ein Basismodul mag Teil des allerneuesten Mobiltelefons sein, das der Markt anbietet. Wenn aber sein Benutzer mit zensierten Seiten kämpft, gegen Institutionen, die die Bürger im Netz angreifen und auch gegen ein Heer von Trollen, die meistens von Regierungen beschäftigt und finanziert werden, um Kritik zum Schweigen zu bringen…,dann wird man wenig erreichen.

In einem Kontinent, wo sich−weltweit gesehen − einige der schlimmsten Regime an der Macht halten, die mit Information und Presse nach Belieben umgehen, könnte ein Mobiltelefon ein Sprungbrett sein, mit dem wir in die bewegten und erfrischenden Wellen des Cyberspace springen könnten, aber auch direkt und schutzlos in den offenen Rachen der Zensur.

Ja zu einem Basiskorb mit Technologie, aber in ihm sollte das Brot der Freiheit nicht fehlen.

Übersetzung: Dieter Schubert

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Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert

Die Unberührbaren

Eine Parodie auf die ‚Social-Media-Scharlatane‘, die ‚Trolle‘, die die kubanische Regierung unterstützen. (Observatorio Cubano de Conflictos)

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YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 21.September 2020

In einem Circus als Szene, mit grell geschminktem Gesicht und schriller Stimme, bis vor kurzem repräsentierten ein paar offizielle Comic-Figuren verschiedene Personen der kubanischen Opposition oder der unabhängige Presse. Es war die Zeit, in der der Zugang ins Internet so sehr eingeschränkt war, dass die Sozialen Netze von Profilen der Staatssicherheit überschwemmt waren. Deren Präsenz hat sich kaum verringert, aber jetzt sind auch wir da.

Während mehr als einer Dekade und mit völliger Straflosigkeit haben die Websoldaten uns Aktivisten in Verruf gebracht, indem sie mit falschen Accounts versuchten, das Prestige von Dissidenten zu zerstören, oder eine erbitterte Treibjagd auf Blogger eröffneten, die − wie wir −sich der Kontrolle durch die Plaza de la Revolución entzogen hatten. Alles war ihnen erlaubt. Sie starteten sogar eine frauenfeindliche Attacke, die eine offensichtliche Drohung gegen die Familie des Verleumdeten war, oder sie enthüllten intime Details, um ihn verletzbarer zu machen.

Ich erinnere mich nicht daran, dass es uns in den Jahren zwischen 2007 und Anfang 2019 möglich gewesen wäre, irgendeinen legalen Vorgang in die Wege zu leiten, um unsere Reputation wieder herzustellen, oder die zu lokalisieren, die uns diffamierten. Ganz bestimm aber erinnere ich mich, dass solche Gemeinheiten uns oft nur lächeln ließen, weil wir uns an die Propagandamaschine des Systems gewöhnt hatten. Schließlich waren die öffentlichen Angriffe, sogar verletzende, eine ausgezeichnete und kostenlose Reklame für uns, um unsere Arbeit innerhalb und außerhalb Kubas bekannt zu machen. Nichts ist attraktiver als das Verbotene.

Bei irgendeinem Wortwechsel, sei’s im Ernst oder im Scherz, setzen sie ihre Truppen aus „Internetkämpfern“ in Bewegung und rufen nach internationaler Solidarität, um „dem Angriff in den Sozialen Netzen“ die Stirn zu bieten.

Jetzt, nachdem die Mobilgeräte Zugang ins Internet haben, verfügen wir Bewohner der Insel über ein viel breiteres Angebot an Information − trotz der Zensur und der hohen Preise. Es gelingt uns, unsere Anklagen unmittelbar zu veröffentlichen, und an Humor, dem Werkzeug für politische Kritik, die aus Kuba oder von der „Community im Exil“ stammt, fehlt es uns auch nicht. Mittlerweile sind Dutzende von Parodien über kubanische Funktionäre erschienen und deren Überreaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Wo wir über die wütenden Attacken besagter Institutionen lächelten, toben die Verspotteten von heute und reden von einer Staatsaffäre, die versuche, das „Ansehen von Amtspersonen zu zerstören“. Sie haben eine so empfindliche Haut, wie die äußere Schale jener Zwiebeln, die seit Monaten von den kubanischen Marktständen verschwunden sind. Bei irgendeinem Wortwechsel, sei’s im Ernst oder im Scherz, setzen sie ihre Truppen aus „Internetkämpfern“ in Bewegung und rufen nach internationaler Solidarität, um „dem Angriff in den Sozialen Netzen“ die Stirn zu bieten.

Passenderweise vergessen sie, dass sie es waren, die solches ausbrüteten und das unaufhaltsame „Kubanische Monster“ zum Leben erweckten: die Zerstörung der Reputation mittels Internet. Eine Kreatur, die ihnen selbst jetzt mit den Zähnen an die Gurgel geht.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Der grantige Staat und die Schuld der Bürger

Es gibt keinen Raum für Selbstkritik, für die Fehler, die die Behörden begangen haben, noch Verständnis für den schwierigen Umgang mit Covid-19. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 9.September 2020 

Ich schalte den Fernsehapparat ein. Es war ein schwieriger Tag. Mehrere Nachbarn, Angestellte des Kubanischen Instituts für Radio und Fernsehen, sind wegen eines lokalen Corona-Ausbruchs in Quarantäne, während bei uns ein naher Tod Fragen aufwirft. Aber vor dem Bildschirm finde ich keine Ruhe. Die ersten Minuten der Nachrichten klingen wie Schelte: die Verantwortlichen sind wir Bürger, unsere Disziplinlosigkeit hat die Situation außer Kontrolle geraten lassen und der Finger, der einen Schuldigen sucht, zeigt auf uns.

Autoritäre Regime erkennt man nicht nur an Unterdrückung und exzessiver Kontrolle, sondern auch an der Art, wie sie mit der Gesellschaft sprechen. Durchdrungen vom Dünkel unsere Väter zu sein, lassen kubanische Funktionäre keine Gelegenheit aus, uns wie aus der Spur geratene Kinder zu behandeln, die mit ihrer Nachlässigkeit den aktuellen Anstieg der Corona-Infektionen in mehreren Teilen des Landes provoziert haben. Es war unsere Unvernunft, so der Nachrichtensprecher, die die aktuelle Situation verursacht hat. Im Nachhinein werden sogar die Verstorbenen in den offiziellen Medien vermahnt.

In einer solchen Schelte gibt es keinen Raum für Selbstkritik, für die Fehler, die die Behörden begangen haben. Es gibt auch kein Verständnis für die schwierigen Bedingungen mit Covid-19, wie die langen Warteschlangen, die Unterversorgung und die wirtschaftliche Krise.

In einer solchen Schelte gibt es keinen Raum für Selbstkritik, für die Fehler, die die Behörden begangen haben. Es gibt auch kein Verständnis für die schwierigen Bedingungen mit Covid-19, wie die langen Warteschlangen, die Unterversorgung und die wirtschaftliche Krise, die uns schon im Nacken saß, ehe noch der erste Corona-positive Fall im Land bestätigt wurde. Für eine Politik die Rügen erteilt gibt es nur einen Rechtsbrecher, nämlich das Individuum, das sich nicht an die Vorschriften gehalten hat. Das ungünstige Umfeld, in dem wir leben, wird kurzerhand ausgeblendet; abwegige Beschlüsse von höherer Warte werden mit „Null multipliziert“.

Folgt man dieser Logik des strafenden Vaters, dann sind die Regierenden nicht verantwortlich für die späte Schließung der Grenzen und auch nicht für die Reisehinweise für internationale Touristen, die aus der Insel eine sichere Destination machten − zu einer Zeit, als zahllose Länder ihre Grenzen schon dicht gemacht hatten. Die Verzögerung, den Unterricht einzustellen, das Versäumnis, die Zahl der öffentlichen Veranstaltungen mit Fahnenschwingen und ideologischen Ansprachen zu reduzieren, die Öffnung in einer Stadt anzuordnen, die offensichtlich nicht darauf vorbereitet war sie umzusetzen…, auch dafür trifft „jene“ keine Schuld.

Jetzt muss man sie hören, wie sie unserer harten Lebenswirklichkeit diese Lawine von Ermahnungen, Verwarnungen und medialen Fußtritte anhängen. Es sind öffentliche Reden bar jeder Empathie, gerichtet an eine verletzte Bevölkerung. Man wird eher an Hunde erinnert, die ein weidwundes Tier verbellen, als daran, wie Erklärungen von Staatsdienern sein sollten, die über unser Wohlbefinden wachen. Mit dieser Art von Beschuldigungen vermehren sie nur die Unsicherheit und das Unwohlsein in einem Land mit seinem jetzt schon schwierigen Alltag − und außerdem zeigen sie wenig Sensibilität für den Schmerz derer, die einen geliebten Menschen verloren haben.

Nach 10 Minuten Schelte schalte ich das Fernsehgerät aus. Auch das Virus des Autoritarismus ist sehr gefährlich.

Übersetzung: Dieter Schubert

 

Die Madeleine von Proust und der Käse aus Artemisa

Die Madeleine ist ein französisches Feingebäck in Form einer Jakobsmuschel. Artemisa ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

Fotos von der Polizeiaktion bei einem Bauern in Artemisa. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.August 2020

Wir alle haben einen Bissen im Mund und er ist der Beste, den wir je gegessen haben; ein Moment, in dem alle Geschmackpapillen vor Genuss explodieren und einen unvergesslichen Eindruck in unserem Gedächtnis hinterlassen. Bei mir war es in Juchintán de Zaragoza, einer Stadt auf der Landesenge von Tehuantepec, Mexiko. Er war ein kleiner Rinderzüchter, der in einem armseligen Stall seine Arme in eine weiße Masse tauchte; ich eine ungeduldige Kubanerin, die sein Produkt probieren wollte.

Mit seinen Händen nahm er Stück Frischkäse heraus und bot es mir an. Mücken schwirrten herum, ein paar dürre Hunde betrachteten mich, der weiße Brocken war vor meinen Augen und meiner Nase. Einen Augenblick später biss ich hinein. Seit damals habe ich nie wieder einen so intensiven Geschmack gespürt. Man kann sich auch an einen Geschmack erinnern, der zurückkehrt und zugleich traurig macht −fragen Sie dazu Marcel Proust*)

Traurigkeit, weil sich in meinem Land das Ereignis nicht wird wiederholen können, dass ein Rinderzüchter mir stolz ein Stück Käse reicht.

 Traurigkeit, weil sich in meinem Land das Ereignis nicht wird wiederholen können, dass ein Rinderzüchter mir stolz ein Stück Käse reicht. Traurigkeit, weil ein privater Produzent zehnmal am Tag gegen kubanische Gesetze verstoßen müsste, um ein Produkt zu erzeugen, das auf dem Teller und in der Erinnerung beeindruckt. Traurigkeit, weil sich der Staat der Rinderhaltung bemächtigt hat und diesen Sektor mit trockenen Eutern und leeren Futterkrippen zurückgelassen hat.

Unter anderen Bedingungen hätte man dem Bauern aus Artemisa, den das Fernsehen vor einigen Tagen als Kriminellen hinstellte, eine Medaille umhängen müssen, sein Tun unterstützen und seine Rezepte kopieren können. Denn ihm ist es gelungen − trotz der vielen Einschränkungen − in einem Land mit ausgehungerten Kühen und drakonischen Strafen Käse zu machen. Wenn ich die Bilder vom Polizeieinsatz sehe, dann läuft mir das Wasser im Mund zusammen, wie damals an jenem Tag im dunklen Kuhstall in Mexiko.

Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anm.d.Übersetzers: In seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ widmet der Schriftsteller Marcel Proust der Madeleine mehrere Seiten.