Unterrichten mit Humor

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Ich hatte eine lange Diskussion mit einem Freund über die Genialität bzw. über deren Mangel bei einer bestimmten politischen Persönlichkeit. Er bestand darauf, dass die Fähigkeit, lange Texte zu zitieren, sich Daten und Namen historischer Figuren zu merken, der Beweis für die Glanzleistung der oben genannten Person wäre. Dennoch gab ich ihm zu verstehen, dass ich noch nie einen Witz oder eine gelungene Ironie von ihm gehört hätte. Außerdem fehlte es ihm an Humor, und Humor sei doch der Beweis für einen hohen Intellekt. Ich habe immer geglaubt, dass es viel schwieriger ist, andere Leute zum Lächeln zum bringen, als in ihnen einen Fanatismus zu erzeugen. Nicht nur im Fall öffentlicher Personen, sondern auch in der Bildung. Unterrichten auf lustige Art und Weise, kann zu einer besseren Zusammenarbeit mit den Schülern beitragen. Wir neigen dazu, uns viel besser das zu merken, was wir mit Spaß lernen, als das, was bis zur Erschöpfung voraussehbar ist.

So ist es auch bei den Kenntnissen über Computer-Sicherheit, die uns durch das neue Videospiel Espabilao vermittelt werden. Eine Gruppe kubanischer Entwickler hat uns Inselbewohnern dieses äußerst lehrreiche Unterhaltungsmedium zur Verfügung gestellt. Die Geschichte handelt von Pix, einem Roboter, der die persönlichen Daten seines Besitzers mit Namen Ale schützen muss, die dieser blauäugig im Netz verstreut hat. Die Aufgaben des Protagonisten konzentrieren sich hauptsächlich auf die Verbesserung von Passwörtern, das rechtzeitige Aufspüren von Webseiten, die persönliche Daten sammeln könnten, und das Minimieren von Risiken beim Surfen. Eine Geschichte mit Humor und Pfiffigkeit, aber auch mit jahrelanger Erfahrung von Internet-Surfern, Digital-Aktivisten und Nutzern des Cyberspace. Lernen mit Spaß und scheinbar spielerischer Herausforderung …, was jedoch einen notwendigen und wichtigen Effekt mit sich bringt.

Nachdem ich Quimbumbia* und sein neuestes Projekt Espabilao kennen gelernt habe, habe ich nun ein weiteres Argument meinen skeptischen Freund zu überzeugen. Siehst du, werde ich ihm jetzt sagen, der Scharfsinn muss nicht unbedingt einfallslos und schlicht sein, so wenig wie das Unterrichten einschläfernd sein muss. Er wird vermutlich bei seinen Beispielen von eloquenten Rednern und Staatsmännern, die mit Statistiken um sich werfen, bleiben. Ich bevorzuge jedoch den praktischen Einfall von Pix… dieses Lachen – dass das begleitet, was er uns sagen will – hinterlässt einen unauslöschlichen Eindruck in unserem Gedächtnis. Ich denke immer noch, dass Humor der beste Beweis für den menschlichen Intellekt ist… deswegen tun sich Mittelmäßige und Autoritäten so schwer damit.

* http://www.quimumbia.org ist eine Plattform im Internet, auf der – laut eigener Beschreibung – „internationale Entwickler einen Raum für Debatten über die Realität“ bieten. Es geht hier insbesondere um den Schutz persönlicher Daten im Internet. Durch Spiele, Videos und Texte werden die kubanischen Internet-User an dieses Thema herangeführt.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Die Zukunft, Probleme und Voraussagungen zum Zerschlagen

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Zehn Prognosen, zehn Misserfolge und zehn Voraussagungen, die es nicht einmal schafften auch nur im Ansatz umgesetzt zu werden. Das wäre das Ergebnis meines Dekalogs im Bezug auf die Zukunftsprognosen – persönliche oder nationale – gewesen, die ich im Jahr 2003 gemacht hätte. Da ich aber weiß, welche undurchschaubaren Wege die Ereignisse manchmal einschlagen können, versuche ich heute einfach nur mir die Überraschungen auszumalen, die das nächste Jahrzehnt für uns bereithält. Ich weiß, – zumindest das weiß ich – dass die Zukunft nicht einfach werden wird und, dass wir alle schwierige Momente durchleben werden. Vergesst die Idee, dass wir uns eines Abends, mit all den Problemen, die wir zurzeit haben, schlafen legen in dem Glauben, dass diese am nächsten Tag, wenn wir aufstehen nicht mehr existieren werden. Es ist sehr naiv zu glauben, dass sich, ist der Totalitarismus erst einmal abgeschüttelt, alles von selbst regeln wird. Nein, auf keinen Fall, denn dann wird es neue Probleme und neue Herausforderungen geben. Sind wir dafür bereit?

Sind wir bereit für eine Gesellschaft in der die Verantwortung wieder auf unseren Schultern lastet und nicht auf dem Staat. Für ein Land, in dem wir selbst einen Präsidenten wählen können, der sich am Ende vielleicht auch als korrupt, verlogen und autoritär herausstellt. Werden wir fähig sein zu bemerken, dass es in diesem Fall, da wir nicht etwa einen „Vater“ wählen, sondern einen Volksvertreter, dann an uns liegen würde. Wie lange wird es dauern bis wir es schaffen den Argwohn gegenüber dem Wort „sozial“ oder den Gewerkschaften, die im Moment schlichtweg ein Mittel sind, um die Arbeiter zu kontrollieren, abzulegen? Sind wir dazu bereit tolerant zu sein? Können wir, trotz verschiedener Ideologien und politscher Gruppen, die zu den Mikrofonen greifen werden, um ihre Inhalte zu verbreiten, friedlich zusammenleben? Treibt uns unsere fehlende Erfahrung vielleicht in die Arme des nächsten Populisten? Sind wir uns dessen bewusst, dass wir –höchst wahrscheinlich- in einen Kuba leben werden, in dem es viele nostalgische Anhänger des Castrismus geben wird? Was werden wir tun, wenn sich in Wirklichkeit eigentlich nichts ändert und diejenigen, die den Ton angeben einfach nur ihre olivgrüne Uniform gegen Anzug und Krawatte eintauschen?

Wie werden wir auf die Einwanderung reagieren? Bis jetzt haben wir nur Erfahrungen mit denen gemacht, die Kuba verlassen und mit den Touristen, die hier nur für kurze Zeit bleiben, um unser Land zu besichtigen. Dennoch müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass, wenn wir es schaffen zu einem wohlhabenden Land zu werden, andere kommen werden, um sich hier niederzulassen. Wie werden wir sie empfangen? Welche Einfluss werden die vielen Jahre der Unterversorgung und des eingeschränkten Marktes auf das Konsumverhalten der Menschen haben? Werden die Familien sich bis über beide Ohren verschulden weil sie alles kaufen was im Fernsehen beworben wird? Wie werden wir das Problem des staatlichen Eigentums und der Privatisierung in den Griff bekommen? Werden wir die gut ausgebaute Infrastruktur im Bildungs- und Gesundheitswesen im gesamten Land aufrechterhalten können und schaffen wir es dabei diese zu verbessern, zu entideologisieren und ihre Angestellten angemessen zu entlohnen? Was wird mit dem riesigen Regierungs- und Verwaltungsapparat passieren, dessen Kosten, deren Ausmaß wir nicht mal kennen, dann auf uns zurückfallen werden.

Wie ihr also seht habe ich keine Gewissheiten, sondern nur Fragen. Und von diesen Fragen bin ich nahezu besessen wenn ich über die Zukunft Kubas rede. Zumindest ein paar Dinge sind mir klar: Ich werde in Kuba sein, ich werde alles tun um meinem Land zu helfen und ich werde – durch den Journalismus – versuchen all diese Zweifel auszuräumen oder sie so lange hervorheben bis sich jemand ihrer annimmt.

Übersetzung: Anja Seelmann

Der Traum von Farbe

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Ich kam von der Schule zurück und auf dem Boden saß ein Mann vor einem Fernsehgerät. Seine Fingerspitzen waren voller Farbe und um ihn herum lagen einige Ölfarbentuben verteilt. Es war der letzte Schrei im Viertel: ein farbiges Muster über jene langweiligen schwarz-weiß Bildschirme zu malen. Die erste, die dies machte, war die Nachbarin im Erdgeschoss, immer auf dem laufenden, was neue Trends betraf, welche Plakate mit Frauen in leichter Kleidung – die an der Wand klebten – beinhalteten und ein enormer Porzellantiger am Eingang zu ihrer Wohnung. Sie gab die Modetrends im gesamten Block an, folglich machten es ihr alle nach als sie ihre „Flimmerkiste“ in einen Regenbogen in Rot- und Blautönen verwandelte. Dem Krim 218 bei mir zuhause verabreichten sie einige Streifen und sogar einen mittigen Kreis aus verschiedenen Farbtönen. Aber das bedeutsamste ist, dass ich mich Jahre später an die Programme und Zeichentrickfilme, welche ich in jener „Erfindung“ sah, so erinnere, als hätte ich sie in ihrem vielfarbigen Original gesehen. Mein Gehirn hat wohl die Nuancen vereint und den Traum von Farbe konstruiert.

An diese persönliche Anekdote habe ich mich wieder erinnert als ich die neuesten Statistiken der Volks- und Wohnungszählung von 2012 las. Wissend, dass es in Kuba immer noch 700.000 Schwarz-Weiß-Fernseher gibt, kam ich nicht umhin mir die hoffnungserfüllten Nachbarn aus meiner Gegend ins Gedächtnis zu rufen, wie sie die Röhrenbildschirme mit ihren Fingerspitzen bemalten. Allerdings spiegeln sich in den aktuellen Daten nicht nur jene, welche die Fernsehprogramme immer noch in schwarz-weiß sehen … sonder auch, jene die in unserem Land finanziell am schlechtesten dran sind. Das sind jene, welche nicht genug Pesos Convertibles ansparen konnten für einen Sony oder LG. Jene die sehr wahrscheinlich keine Familie im Ausland haben, die nicht einen Weg gefunden haben um Staatseigentum abzuzweigen oder deren Privilegien zusammen mit der UDSSR endeten. Die armen Armen, die es nicht geschafft haben, in einer solch Fernsehorientierten Gesellschaft, die nötigen Mittel zusammen zu bringen um sich an den Farbtönen zu erfreuen.

Ich frage mich ob wohl noch einer dieser alten Fernseher überlebt hat, mit seinen grünen, violette und blauen Streifen … ob es wohl noch irgend ein Kind auf dieser Insel gibt, dass ebenso wie meine Schwester und ich im Geiste ein Stück Farbe hier und ein anderes dort zusammenfügten um uns Huckleberry Hound als den blauen Hund vorzustellen, der er war oder Tscheburaschka mit seinem graubraunem Fell.
Jetzt weiß ich nicht mehr, ich kann es in meiner Erinnerung nicht mehr unterscheiden, was mich Dank des genialen Einfalls den Bildschirm anzumalen, erreicht hat oder was ich Jahre später in Technicolor genossen habe.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Kubanische Flughäfen: eine Hürde auf der Abflugbahn

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Die Menschen stehen dicht zusammengedrängt, es ist unerträglich stickig, und manch einer hält ein Schild mit einem Namen in den Händen. Gerade eben landet im internationalen Flughafen José Martí eine Maschine aus Madrid voller Touristen und Kubanern, die sich auf der Halbinsel niedergelassen haben. Jeder einzelne muss nun mindestens 40 bis 60 Minuten warten, um letzten Endes durch die Ausgangstür treten zu können. Der Flughafen Havannas ist der wohl langsamste und am spärlichsten beleuchtete Flughafen der Welt und bietet seinen Reisenden den schlechtesten Service.

In einem Land, das jährlich fast 3 Millionen Touristen empfängt, ist die Instandhaltung der Flughafeneinrichtungen grundlegend für die Wirtschaft. Schafft man es nicht in diesen Einrichtungen der Insel einen internationalen Standard zu gewährleisten, so ist es unwahrscheinlich, dass Kuba – kurz- oder mittelfristig – mehr Touristen empfangen kann. Sich ihrer Schwächen bewusst, hat die ECASA mit dem Umbau einiger Ankunfts- und Abflughallen begonnen, doch mit ein paar Umstrukturierungen und Anpassungen lässt sich dieses Problem noch lange nicht lösen. Es mangelt jedoch nicht nur an Materiellem, auch die exzessiven Sicherheitskontrollen, der dürftige Komfort und die Einstellung des Personals bereiten große Schwierigkeiten.

Der Ausreisebereich – zwischen Einschränkungen und Ineffizienz

Alina trifft drei Stunden im Voraus am Flughafen von Havanna ein. Dennoch kann es sein, dass dies nicht ausreicht. Der Check-In kann nur am Schalter der Fluggesellschaft erfolgen, da es keine Automaten gibt, an denen man selbstständig einchecken kann. Eine Einschränkung, die die Warteschlangen in die Länge zieht, die Beschaffung des Boarding Passes bremst und dem Flughafen José Martí, den für ihn so typischen Anschein einer immer überfüllten Empfangshalle gibt.

Da Alina dank ihres neuen europäischen Passes häufig nach Spanien reist, ist sie bereits auf einen zermürbenden und chaotischen Ablauf vorbereitet. Sie fliegt von Terminal 2 ab, denn in Terminal Nummer 3 – welches moderner und größer ist – ist vor kurzem ein Feuer ausgebrochen und es befindet sich derzeit im Umbau. Sie hat auch ein wenig Reiseproviant von Zuhause mitgebracht, denn sie weiß, dass die Preise hier der reinste Wucher sind und das Angebot eher knapp ausfällt.

Die schlechte Ausschilderung setzt dem Ganzen noch die Krone auf. 10 Minuten lang sucht die frustrierte Passagierin eine Toilette, doch es gibt wenige Hinweisschilder und diese sind noch dazu kaum sichtbar. Nur wenige Deckenleuchten sind in Betrieb, wodurch einige Bereiche der Empfangshalle im Halbdunkel liegen. Nichtsdestotrotz muss jeder Reisende eine Flughafensteuer zahlen. Dort, wo man Schlange steht, um die 25 Pesos convertibles (28 Dollar) zu bezahlen, hört man Touristen, die über Preise klagen, die in keinem Verhältnis zu den Leistungen des Flughafens stehen. Die kubanischen Reisenden jedoch schweigen, denn das letzte was sie wollen, sind Schwierigkeiten ausgerechnet am Tag ihrer Ausreise.

Ohne einen Wi-Fi-Zugang ins Internet verliert jeder moderne Flughafen etliche Punkte im Airline-Ranking. Was die Kommunikation anbetrifft, so ist kein kubanischer Flughafen konkurrenzfähig, nicht einmal der Varadero-Flughafen. Die wenigen öffentlichen Telefone und der Mangel eines Funknetzes, das den Zugang ins Internet ermöglicht, vermindern die Möglichkeiten zu kommunizieren. Hinzu kommt noch, dass alberne touristische Ankündigungen über die Bildschirme flimmern, oder auch stramm ideologische Programme, wie der „Runde Tisch“ des kubanischen Fernsehens. Es gibt auch keine Theken, wo man Zeitschriften oder Zeitungen kaufen könnte, es sei denn Souvenir-Kioske, wo man die Werke von Ernesto Guevara vermarktet oder die Reden von Fidel Castro.

Auch Alina hat sich vorbereitet, um sich nicht während der Wartezeit zu langweilen; sie hat Kopfhörer mitgenommen und etwas Musik auf ihrem Mobiltelefon. Sie wartet vor einem Gate – es gibt nur zwei: A und B – bis eine Angestellte aus vollem Hals ruft, dass man den Flug gerade checkt.

Ankunft oder der Zusammenstoß mit der Realität

Humberto kehrt von einer Reise in die Vereinigten Staaten zurück. Es war seine erste Auslandsreise, und er ist immer noch überwältigt von der Größe des Flughafens in Miami. Während des Rückflugs nach Kuba hat er ein Zollformular ausgefüllt; in seiner Tasche hat er eine Kopie der Bordkarte, die er beim Abflug erhalten hat. Er stellt sich bei der langen Schlange „Einreise“ an. Dann muss er eine kurze medizinische Befragung über sich ergehen lassen, die er auch unterschreiben muss. Ein paar Schritte weiter entfernt erwartet ihn das Gepäckband; das ist der langsamste Vorgang beim Betreten des in kubanischen Territoriums. Jedes Gepäckstück wird zuerst einer Scanner-Kontrolle unterzogen, die den Inhalt untersucht.

Nach der Überprüfung jedes Gepäckstücks, jedes Koffers, bringt man einige “Markierungen“ auf jenen an, die eine Untersuchung „benötigen“. Eine kleine rote Lasche – an den Griff eines Gepäckstücks geknotet – kann bedeuten, dass dieses irgendein elektrisches Haushaltsgerät enthält, oder einen Computer. Wenn stattdessen eine externe Festplatte vorliegt, schreibt man einige Zeichen auf die Banderole, die den Flug identifiziert. Es gibt keine Möglichkeit, diesem Verfahren zu entgehen. Die Zöllner sind darauf trainiert, die auf einer langen Liste aufgeführten Gegenstände nicht passieren zu lassen.

Humbertos Enkelinnen – die in Coral Gables (Florida) geboren wurden – haben ihm ein Laptop und ein intelligentes Telefon geschenkt; deswegen muss er an den Tisch herantreten. Dort öffnen sie seinen Koffer und kontrollieren minuziös den Inhalt. Sie bringen den Computer in ein Büro, wo sie vermutlich die Dateien inspizieren oder auch Kopien von ihnen machen. Vor eineinhalb Stunden ist das Flugzeug gelandet, und wahrscheinlich wird es noch etwas länger dauern. Während sie seine Habseeligkeiten auflisten, sagen sie ihm, dass er mit seinem Mobiltelefon niemand anrufen darf. „Willkommen in Kuba“, sagt er zu sich selbst, als eine Diensthabende ihn fragt, was diese zu einem Ballen zusammengedrückten „Baumwollsachen“ seien. „Tampons für meine Tochter“, antwortet er mürrisch.

Zwei Stunden nach der Ankunft in seinem Land, geht Humberto durch die Ausgangstür des Terminals 2. Genau jetzt sitzt Alina schon in einem Flugzeug, das den Atlantik überquert. Sie schaut aus dem kleinen Kabinenfenster und murmelt leise: „Leb wohl, du Flughafen von La Habana; ich hoffe dich nicht so bald wiederzusehen!“

Übersetzung: Katrin Vallet, Dieter Schubert

Mein Kätzchen „Vinagrito“

In Gedenken an Teresita Fernández

Warum erwärmte uns dieses Lied des Kätzchens Vinagrito so sehr das Herz? Ich glaube nicht, dass der Grund dafür die karge Fernsehlandschaft ist, die unsere Kindheit in den 70er und 80er Jahren unter anderem prägte, und die fast ausschließlich aus Produktionen der UdSSR und anderen osteuropäischen Ländern bestand. Es sind auch nicht die indirekten Anspielungen auf die Suche des Menschen nach Anerkennung, die bereits im „hässlichen Entlein“ von Hans Christian Andersen so meisterhaft beschrieben wird. Nein, es lag nicht nur daran, obwohl dies natürlich auch Gründe sind, die man dafür aufzählen kann, diesen Refrain, der einem nicht mehr aus dem Ohr geht, zu wiederholen.

Die Geschichte des Kätzchens Vinagrito, welches vor dem Leben auf der Straße gerettet wurde, hatte diesen sensiblen und niedlichen Touch, der vielen Zeichentrickfilmen aus der sozialistischen Welt fehlte. Denn letztere waren oft eher nüchtern, tragisch oder lehrreich, während ihnen dieses Melodramatische, mit einer gewissen Prise Humor und Lächerlichkeit, das die kubanische Identität ausmacht, komplett fehlte. Schon allein mit seinem Namen – dem Diminutiv eines Essigs, den wir in der Küche verwenden – schafft es das Kätzchen mit dem zerzausten Fell, dass wir es gleichzeitig lieben und uns über es lustig machen. Es ist eine Geschichte, die unter anderem von Zurückweisung, Befreiung und Verwandlung handelt, und in der es Vinagrito am Ende schafft, zu etwas zu werden, was keiner von ihm erwartet hätte: ein niedliches und glückliches Haustier, das die Schnurrhaare zufrieden in seiner Milch verschwinden lassen kann.

Es ist schwierig, sich nicht mit dem „hässlichen und dürren“ Kätzchen zu identifizieren, das von der Straße aufgelesen wurde, da viele von uns das Gefühl hatten, dass unsere „Außenwelt“ den Verlust der eigenen Persönlichkeit und der Individualität bedeutete. Vinagrito schaffte es – stellvertretend für uns alle- ein Zuhause zu finden, in den warmen Schoß einer Familie zu kommen, die ihn mit Aufmerksamkeit überhäufte. Er wurde gerettet, während wir immer weiter verloren gingen. Er fand am Ende ein Zuhause, während viele von uns in Unterkünften, Lagern oder der Armee landeten. Er miaute den Mond an, während wir anderen einer Ideologie der Illusionen folgten.

Es war gut, auf sein Schwänzchen und seine Vorliebe für Fisch zählen zu können, denn sonst wäre alles viel langweiliger gewesen.

Übers: Anja Seelmann

Vom Hauseingang zum Katalog

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In einem Hochzeitsalbum finden sich Fotos von Blusen, Hosen und Schuhen. Es sind keine guten Bilder, aber man kann die Labels und Marken erkennen – das ist das wichtigste für die Käufer. Es gibt alles: Abendkleider, Sportschuhe, Strumpfhosen für Jugendliche, Sportbekleidung und Unterwäsche. Der Großteil der Ware kommt aus Panama und Ecuador, aber auch aus dem Terminal zwei des internationalen Flughafens. Die so genannten „Maultiere“* bringen die aus Miami stammende Ware über Nassau und die Cayman Inseln. Schnelllebige Mode, Farben für den Augenblick, synthetische Stoffe und große Namen von Firmen, mit denen die Kleidungsstücke bemalt sind, füllen den prekären Katalog, der vor jeder Tür ausgelegt wird.

Die so genannten privaten „Boutiquen“ oder „Trapi-Shopping“ mussten in den letzten Wochen einen harten Schlag durch die Justiz einstecken. Nachdem sie sich zu einem wachsenden Phänomen an den Haustüren und den zentralsten Straßen des Landes entwickelt haben, hat man ihnen jetzt ein Ultimatum gesetzt, ihre Ware auszuverkaufen. Bis zum 31. Dezember können sie den Bestand, den sie in ihren Läden haben, verkaufen, aber 2014 wird ein „Jahr, das vom Verkauf importierter Kleidung durch Privatunternehmer frei ist“. Dieses Privileg wird dann nur den staatlichen Geschäften vorbehalten sein, in denen ein Badeanzug so viel kosten wird wie das Gehalt eines ganzen Quartals. Mit veralteter, altmodischer und qualitativ schlechter Mode konnten die Läden der Regierung nicht mit dem moderneren und günstigeren Angebot des privaten Sektors konkurrieren.

Sich aus dem Wettbewerb entziehend – oder einfach nicht in der Lage zu konkurrieren – hat der Kubanische Staat dem Geschäft des „Trapi-Shoppings“ ein Ende gesetzt. Einige der bekanntesten und am besten ausgestatteten Lokale, haben ihre Türen bereits für die Öffentlichkeit geschlossen. Andere, die in ihre Wohnzimmer investiert haben, um Kunden zu empfangen, haben gemerkt, dass die Tage ihres aufblühenden Geschäftes gezählt sind. Dennoch – wie es in einem Land mit so vielen Verboten vorkommt – haben einige bereits nach einer Lösung aus der gegenwärtigen Krise gesucht. Im Moment geht es darum, vom Hauseingang zum Katalog zu wechseln; von dem Verkauf an einer Stelle hin zu dem Angebot, das nach Hause geliefert wird. Kein Gesetz kann verhindern, dass die Menschen danach suchen, was sie brauchen. So wird im Untergrund sichergestellt, dass man sich Röcke, Unterhosen und Sandalen kaufen kann… mit dieser so attraktiven Aura des Neuen und Verbotenen.

Übersetzung: Verena Dudinov
*Anm. d. Ü. Das Konzept des „Maultieres“ bezieht sich im Rest der Welt auf den Transport von Drogen, in Kuba dagegen bezieht es sich auf Lieferungen – vor allem aus den Vereinigten Staaten – die meistens Kleidung, Schuhe, Konserven mit Nahrungsmitteln, elektrische Haushaltsgeräte, Fertigprodukte, Medikamente und Haushaltsgegenstände enthalten. Das „Maultier“ erhält eine Bezahlung für seine Arbeit als Bote und auch die Kosten für das Ticket zur Insel werden bezahlt als ein Teil der Abmachung, die er mit der ihn anheuernden Agentur trifft.