Und jene? Auch sie waren keine „Söldner“

Im April 2003 – während des so genannten ‚Schwarzen Frühlings – wurden 75 kubanische Oppositionelle festgenommen; viele von ihnen waren Journalisten. (Archivo)

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YOANI SÁNCHEZ / 14ymedio.com / 6.Dezember 2020

Ich habe Freunde, die seit Tagen nicht mehr geschlafen haben; sie hängen am Telefon oder führen Selbstgespräche vor dem Spiegel, mit dem Kopfkissen oder unter der Dusche. Es sind einige der Künstler, die am vergangenen 27.November vor dem Ministerium für Kultur waren, um gegen die Verhaftung des Rapper Denis Solís zu protestierten; jetzt stehen sie im Mittelpunkt einer Diffamierungskampagne. Mehrere von ihnen wurden in den offiziellen Medien namentlich als „Söldner“ bezeichnet, als „finanziert vom Imperium“ oder als „Terroristen“.

Als die Beleidigungen anfingen, sagten mir mehrere von ihnen leichtgläubig, es ist sicher ein Irrtum. Aber schon nach drei Tagen wussten sie, dass es sich nicht um eine Verwechslung handelte, weil man sie im Fernsehen immer noch „Vandalen“ nannte. Schließlich entschlossen sie sich mich anzurufen und mir zu erklären, dass sich alles regeln ließe, wenn die Behörden nur ihre Biographien sorgfältiger anschauen würden. Schließlich seien sie „Linke“, „Kinder von revolutionären Eltern“, und früher wären sie sogar aktive Mitglieder bei den „Jungen Kommunisten“ gewesen, und das einzige, was sie getan hätten, wäre „Kuba zu lieben“.

Es gibt kaum etwas schwierigeres, als jemanden, der Opfer einer Verleumdungskampagne wurde, die Illusion zu nehmen, dass “ es sich um einen Irrtum handelt, den man korrigieren kann und er dann auf Dauer rehabilitiert bleibt“. Nur wenige hören hin, wenn man ihnen erklärt, dass es systemrelevant ist, auf Kritik mit dem bekannten Szenario zu antworten und dass sich die diffamierenden Gewehrkugeln bald in echte Splittergranaten gegen ihr Ansehen verwandeln könnten.

Am Wochenende hat sich dann die Tonlage am anderen Ende der Leitung geändert und einige Stimmen wurden wütend oder auch vulgär.

 „Wieso kommen sie dazu, das von mir zu sagen, wo ich doch eine Schublade voller Auszeichnungen für freiwillige Arbeitseinätze habe?“, sagte ein guter Bekannter zu mir. Er stand in jener Nacht vor dem Ministerium und verfolgt jetzt deprimiert die sektiererischen Berichte, die versuchen, die „San Isidro-Bewegung“ und den „27.November“ mit Sabotage und Gewalt in Verbindung zu bringen. In einem längeren Gespräch wiederholte er mir seine Biographie: Landschulen; Plan-Übererfüllung; Kunstwerke; er schenkte sie Hospitälern…

Während er sprach erinnerte ich mich daran, wie sie mich zum ersten Mal eine „Söldnerin“ und eine „Feindin“ meines Landes nannten. Auf diese Verleumdung reagierte ich dünnhäutig und wollte, genauso wie mein Freund, wissen lassen, dass dies ein kolossaler Irrtum sein musste. Ich versuchte auch auf meinen selbstlosen akademischen Werdegang hinzuweisen, auf meine Fähigkeiten Gespräche zu moderieren, auf mein Unvermögen auch nur einer Ameise zu schaden und auf meine Unkenntnisse in „Cyberkrieg“. Ich sprach von meiner Liebe zu dieser Insel, die − wie mein Herz − in meiner Brust schlägt. Das hat nichts genützt, so wie es jetzt auch den vielen Verleumdeten nichts nützen wird.

Es ist sinnlos sich gegen solche Anfeindungen zu wehren, geschweige denn zu denken, dass sich irgendein Funktionär geirrt hat, weil diese Beleidigungen nicht geglaubt sondern gefürchtet werden sollen. Sie richten sich nicht gegen das Opfer der Kampagne, sondern an die, die passiv diese Tiraden verfolgen. Die nämlich sollen wissen, was sie erwartet, wenn sie es denn wagen nachzufragen statt zu applaudieren. Im Fall des Falles werden sie ihre Gesichter in den wichtigsten TV-Nachrichten sehen, umringt von hässlichen Adjektiven. Es folgen Drohungen gegen ihre Familien, eine Überarbeitung ihrer Biographie, um diese an das Geschichtsbild der Staatsmacht anzupassen und außerdem Beleidigungen von jenen, die den pseudo-informativen Brei schlucken. Dazu kommt die eine oder andere Schmähkampagne, ihre Namen tauchen in Zeitungsartikeln, in Pseudo-Enzyklopädien und bei den Versammlungen zu Beginn des Unterrichts auf, wenn dort ein Feind zum Vorzeigen fehlt.

Wenn meine Freunde aber diese Wüste hinter sich gelassen haben, dann fühlen sie sich erleichtert und ihre Haut ist widerstandsfähiger gegen Kränkungen geworden; sie werden aufhören zu erklären wer sie sind, und was jene von ihnen denken, stört sie kaum noch. Jene sind die, die nicht recherchieren, nicht weitergehend nachforschen und eine Version akzeptieren ohne sie zu hinterfragen. Abgesehen davon keimt in ihren Köpfen eine Frage auf, die immer wichtiger wird: „Wenn das, was sie von mir gesagt haben eine Lüge ist, und ich das sicher weiß, war das dann auch gelogen, was sie früher von anderen sagten?“

Angekommen an diesem Punkt beginnt das Gerüst aus Verleumdungen zu schwanken und die Schmähungen hören auf zu wirken. Wir, die seit einem halben Jahrhundert angeklagt werden, die seit drei Jahrzehnten belästigt und mit Beginn des neuen Jahrtausend mit Schmutz beworfen werden; wir, die in den letzten fünf Jahren verunglimpft wurden und die Schuldigen von heute sind…;wir stehen uns Auge in Auge gegenüber und verstehen uns. Kein politisches System kann das kollektive Bewusstsein von so vielen Diffamierten vernichten, oder?

Übersetzung: Dieter Schubert

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Die Besonderheit von San Isidro

Mitglieder der Kooperative San Isidro protestieren nach der Verhaftung von Denis Solís. (Facebook/Anamely Ramos)

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YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 26.November 2020

Die Verhaftung eines Rapper hat dazu geführt, dass mehrere Aktivisten in einen Hungerstreik getreten sind. Was wie ein Treffen von solidarischen Freunden begann, die die Freilassung von Denis Solís forderten, entwickelte sich zu einer Situation mit Sprengkraft.

Was macht den Hungerstreik dieser unabhängigen Oppositionellen und Künstler so einzigartig? Die Antwort auf diese Frage findet sich im Kontext und nicht in der Nahrungsverweigerung, mit diesem Vorgehen Forderungen durchzusetzen. In der neueren kubanischen Geschichte haben Bürger wiederholt den Körper eingesetzt, als ein Mittel um Klage einzureichen, weil ihnen legale demokratische Wege fehlen, auf denen sie Rechte einfordern und Ungerechtigkeiten anzeigen könnten. Der dramatischte Fall der letzten Jahre war zweifellos der von Orlando Zapata Tamayo, der im Februar 2010 starb, nachdem er 86 Tage die Nahrung verweigert hatte.

Aber eine Dekade nach seinem Tod, den man hätte vermeiden können, ist der politische und soziale Kontext ein völlig anderer. Das Land erlebt die schlimmste wirtschaftliche Krise des Jahrhunderts; die autoritäre Figur Fidel Castro ist Geschichte, und die Funktionäre, die in die höchsten Ämter aufgestiegen sind, werden von der Mehrheit der Bevölkerung als eine Bande von unnützen Opportunisten angesehen. Hinzu kommt die jüngste Öffnung der Devisen-Läden für Nahrungsmittel und Produkte zur Körperpflege, was eine Welle allgemeiner Entrüstung provozierte, weil man darin eine “ monetäre Apartheit“ sah, eine Spaltung der Gesellschaft in die mit Dollar und die ohne.

Die solidarische Geste der Aktivisten hat Bewusstsein geweckt; in den letzten Tagen gab es viele Beweise dafür, dass verschiedene Gruppierungen der Gesellschaft die Aktion unterstützen, sogar jene, die sich bis vor kurzer Zeit nicht gegen die Repression von Dissidenten stellten.

In diesem Szenario, das die Corona-Pandemie noch verschärft hat, hat sich eine Gruppe Jugendlicher entschlossen nicht mehr zu essen; sie fordern, dass die achtmonatige Gefängnisstrafe für den Rapper aufgehoben wird, weil Solís in einem Schnellverfahren wegen des vermuteten Delikts „Beleidigung eines Polizisten“ verurteilt wurde. Die solidarische Geste der Aktivisten hat Bewusstsein geweckt; in den letzten Tagen gab es viele Beweise dafür, dass verschiedene Gruppierungen der Gesellschaft die Aktion unterstützen, sogar jene, die sich bis vor kurzer Zeit nicht gegen die Repression von Dissidenten stellten.

Internationale Organisationen haben die Behörden der Insel gebeten Denis Solís freizulassen; etwa hundert Filmschaffende haben in einem offenen Brief die Streikenden von San Isidro unterstützt, und in den sozialen Netzwerken gibt es einen „Shitstorm“ mit Aufrufen, das Leben der jungen Leute mit einem Dialog zu retten, bei dem auch die Stimmen der Streikenden gehört werden sollten. Aber bis jetzt scheint der Platz der Revolution die Reputation der Streikenden vernichten zu wollen, indem man sie als „Randfiguren“ bezeichnet, oder als Kulturschaffende, „deren Werke niemand kennt“. Außerdem ist das Haus, in dem sie sich treffen, von einem Polizei-Kordon umstellt, der Freunden und Familienmitgliedern den Zugang verwehrt.

Mehrere leere Mägen und ein ramponiertes Haus im Armenviertel von Havanna stehen jetzt an vorderster Front im Kampf gegen ein verzweifeltes und gefährliches System.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika veröffentlicht.