Sind wir Kubaner undisziplinierter als andere Völker?

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Ein Telefon mit herausgerissenem Hörer. (14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 30. September 2015 „Hier kümmert sich niemand um etwas“, tobte eine Frau in der Schlange vor der Ladenkasse einer staatlichen Metzgerei. Sie kritisierte die, die Kühlschränke offenlassen oder den Einkaufskorb auf die Glasscheibe der Ladentheke stellen. Dennoch bemerkte sie nicht, dass dem Laden eine Klimaanlage fehlte, auch nicht den Gestank, der aus ein paar Gefrierschränken kam, in denen die Ware angefangen hatte zu verderben und nicht die einzige Angestellte, die sich ums Bezahlen kümmerte, während die anderen mit verschränkten Armen zuschauten. Laut der kampferprobten Hausfrau trifft die Schuld dafür uns, die Kunden.

Die soziale Disziplinlosigkeit ist ein immer wiederkehrendes Thema in den Reportagen und Interviews der nationalen Medien geworden. Man schreibt das dem Vandalismus zu, angefangen mit den Problemen der Omnibusse im öffentlichen Nahverkehr, bis hin zum schlechten Zustand der Grünanlagen. Allerdings bemerken die offiziellen Journalisten nicht, dass, je mehr sie einen Finger anklagend gegen Plünderung erheben, auch das Bildungswesen und das politische System immer mehr in Verruf geraten, weil es die Bürger so geneigt zum Plündern und Zerstören werden ließ.

Das soziale Verhalten wird von der Umwelt beeinflusst. In einer makellosen Wohnung, auf einem sauberen Gehsteig, in einer gepflegten Stadt, imitieren viele das Milieu und werden vermeiden es zu verschmutzen, zu zerstören oder zu verwüsten. Zusammenhänge beeinflussen maßgeblich das Verhalten in öffentlichen Räumen und den Umgang mit gemeinschaftlichen Gütern. Wenn aber das Umfeld in einem dreckigen Zustand ist und aus Mangel an Pflege aggressiv wird, dann wird dies bei denen, die in einem solchen Umfeld wohnen, weder Respekt hervorrufen, noch den Sinn für Pflege.

Wir Kubaner sind nicht undisziplinierter als andere Menschen, und trotzdem und gerade jetzt sollte ein Park mit Spielgeräten für Kinder genauso überwacht werden wie eine Bank, damit man nicht die Bretter von Schaukeln stiehlt, sowie Eisenteile von Karussellen und Seile von Klettergeräten. In den nur wenig beleuchteten Stadtvierteln verrichten die Leute öffentlich ihre Notdurft; kleine Abwasserrinnen sieht man überall in den Straßenecken, und ein Schwall Schmutzwasser kann von einem beliebigen Balkon direkt auf die Fußgänger herunterstürzen.

Wenn das Umfeld in einem dreckigen Zustand ist und aus Mangel an Pflege aggressiv wird, dann wird dies bei denen, die in einem solchen Umfeld wohnen, weder Respekt hervorrufen, noch den Sinn für Pflege.

Diese Situation dauert nun schon so lange an, dass mittlerweile viele glauben, dass in unserer DNS der sorgfältige Umgang mit dem, was uns umgibt, nicht vorkommt. „Diese Stadt kann keine U-Bahn haben; stellen Sie sich vor, wie übel die Schächte riechen würden, bei all den Leuten, die ihre Bedürfnisse dort unten verrichten“, sagte kategorisch ein Herr mit dem Aussehen eines heruntergekommenen Funktionärs, während er vor der Haltestelle auf den Bus wartete.

Mit seinen Worten unterstellte der Herr, dass wir Kubaner uns nicht an den Wohltaten der Moderne und am Komfort erfreuen könnten, weil wir unfähig wären sorgfältig damit umzugehen. Wie auch immer, der „unheilbare Zerstörer“, der wir geworden sind, steigt in ein Flugzeug, fliegt nach New York oder Berlin, und in den zwei Wochen fern von Heim und Herd wirft er den Abfall in einen Mülleimer, zündet an einem öffentlichen Ort keine Zigarette an und putzt den Dreck von seinen Schuhen, ehe er ein Büro betritt.

Der Vandalismus ist ein Übel, das es in allen Gesellschaften gibt. Gesetze und Kontrollen dämmen ihn ein und halten ihn in Schach; aber hier ist er. Er ist Teil unserer Natur; es ist jener Augenblick des Zorns, der uns zu einer Klinge greifen lässt, um unseren Namen in eine frisch getünchte Wand einzuritzen oder den Überzug eines Kinosessels aufzuschlitzen. Geldstrafen und andere Formen der Bestrafung müssen dazu führen, dass das Raubtier, das in allen von uns steckt, nicht mit uns durchgeht.

Demnach muss der Zusammenhang von allem mit jedem dazu führen, dass sich die Leute um die Dinge kümmern. Es reicht nicht aus, an Disziplin und Erziehung zu appellieren; jeder Einzelne muss spüren, dass es der Mühe wert ist, das zu bewahren, was uns umgibt. Eine Straße voller Schlaglöcher, ein Omnibus, der verspätet und rappelvoll ankommt, ein in Finsternis getauchter Gehsteig, weil die einzige Laterne seit Jahren kaputt ist…, das sind ideale Komponenten für Verwüstung und Raub.

So wie die Frau, die sich in der Metzgerei beklagte, nehmen viele das Szenario der ständigen Verletzung von Bürger-und Konsumentenrechten nicht mehr wahr, weil es in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. Schon so gewöhnt an schlechte Behandlung, Ineffizienz, Brüche aller Art und enorm hohe Preise, gibt man die Schuld diesen „undisziplinierten Kubanern“, die „an keinem Ort leben können, ohne ihn zu zerstören“.

Übersetzung: Dieter Schubert

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Raul Castro, der Messdiener

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Papst Franziskus begrüßt Raúl Castro bei seiner Ankunft in Kuba. (EFE)

Generation Y, Yoani Sánchez, 22. September 2015 Der kubanische Regierungschef Raul Castro hat Papst Franziskus auf all seinen Messen durch Kuba begleitet. Angefangen mit der Messe auf dem Platz der Revolution in Havanna, bis hin zu den Worten, die in der Kathedrale von Santiago de Cuba gesprochen wurden. Wie jemand, der angesichts einer langen Liste von Sünden die Absolution sucht, so schloss sich auch der Präsident dem Gefolge des Pontifex an, von der Hauptstadt bis in den Osten der Insel.

Castro scheint auf diese Weise seine Warnung vom vergangenen Mai in Rom wahr werden zu lassen. Damals sagte er: „Wenn der Papst weiterhin so spricht wie er spricht, dann werde ich wieder anfangen zu beten und zur Kirche zurückkehren, und das sage ich nicht zum Spaß.“ Die Rückkehr zum Glauben scheint jedoch nicht nur ihn einzuschließen, sondern auch einen Teil seiner Familie, die ihn begleitete, sowie den Rest der kubanischen Regierung und die offizielle Presse.

Trotz der plötzlich aufgekommenen mystischen Frömmigkeit vermied es das nationale Fernsehen sorgfältig, Bilder des kubanischen Präsidenten zusammen mit Gläubigen zu zeigen, wenn diese beteten, sich „gegenseitig den Frieden“ wünschten oder ein Gebet nachsprachen, während der drei Gottesdienste, an denen Raúl Castro teilnahm. Die Kameras nahmen ihn nur beim Ankommen und Verlassen der Tempel und Plätze in den Fokus.

Tief in der Klemme steckten einige der bekannten Moderatoren der TV-Spezialausgabe, die während dieser drei Tage ausgestrahlt wurde. Verschiedene Gesichter, die für ihre bissigen ideologischen Ansprachen bekannt sind, mussten sich dieses Mal in ihrer Wortwahl zügeln, und ihre Sätze mit Psalmen, biblischen Anspielungen und Hochachtung vor religiösen Figuren ausschmücken.

Die Pirouetten, die jene Moderatoren und Journalisten machten, um Wörter wie  „Revolution“, „Kommunist“, oder „Genosse“ zu vermeiden, sind dem politischen Zirkus, den sie repräsentieren, auch angemessen gewesen. Es fehlte nur noch, dass sie mit Kruzifix und Bibel ins Studio gekommen wären, was aber nicht nötig war.

Die Weihrauch-Exzesse dieser Tage haben vielen nicht gefallen. „Das geht von der Verherrlichung ins Lächerliche über“, meinte ein 63-jähriger Mann, ein Mitglied der Kommunistischen Partei, der im gleichen Gebäude wohnt wie ich. „Vom Atheismus zur frommen Unterwürfigkeit“, fügte er hinzu und spielte damit auf die Haltung der kubanischen Autoritäten an, sowie auf die von den nationalen Medien in voller Länge übertragenen Messen.

Jetzt müssen wir nur noch überprüfen, ob Raul Castro bei seiner nächsten öffentlichen Rede auch das kämpferische „¡Patria o muerte!“* durch ein kurzes „Amen!“ ersetzt.

*Anm. d. Übersetzerin:  zu Deutsch: Vaterland oder Tod

Übersetzung: Nina Beyerlein

Generation Y hinter Gittern

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Männer in Handschellen (Foto Luz Escobar/14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 17. September 2015 Mit der Veröffentlichung des Gesetzesanhangs Nr. 31 wurden viele verschiedene Meinungen geäußert bezüglich der Begnadigung von 3522 Häftlingen im Vorfeld des Besuchs von Papst Franziskus. Der Großteil der kritischen Stimmen störte sich daran, dass sich unter den Begnadigten keine Häftlinge befinden, die wegen Vergehen „gegen die Staatssicherheit“ im Gefängnis sitzen. Aber wenn man einen genaueren Blick auf die Liste der entlassenen Häftlinge wirft, fällt einem ein anderes Detail ins Auge.

Mindestens 411 der Begnadigten haben einen Vornamen, der mit “Y” anfängt, was somit mehr als 11 Prozent ausmacht. Das könnte darauf hinweisen, dass es sich um Menschen zwischen 20 und 45 Jahren handelt, da es von Anfang der siebziger Jahre bis weit in die neunziger Jahre in Mode war, seinen Kindern einen Namen zu geben, der mit dem vorletzten Buchstaben des Alphabets beginnt. Wir befinden uns daher in der Zeit des „neuen Menschen“,  einem Wesen, das in einer Gesellschaft geboren und großgezogen wurde, die sich als Teil dieser „Utopie“ fühlte und unter dem Mantel sowjetischer Unterstützung und exzessiver ideologischer Indoktrination lebte. Wie ist es möglich, dass so viele von ihnen hinter Gittern gelandet sind?

Wie ist es möglich, dass so viele von ihnen hinter Gittern gelandet sind?

Futter für das Soziallaboratorium und gefangen im eigenen Körper, die Generation Y ist weit von dem entfernt, was für sie vorgesehen war. Sie musste ein Land erleben, das nicht so war, wie es ihr versprochen wurde; und um in diesem Chaos zu überleben, musste sie das genaue Gegenteil von dem tun, was ihr beigebracht wurde. Obwohl auf der Liste der freigelassenen Häftlinge nicht die Verbrechen auftauchen, für die sie jeweils verurteilt wurden, ist es nicht schwer zu mutmaßen, was bei vielen Männern und Frauen dieser „Utopie“ dazu führte, in einer Zelle zu enden.

Vielleicht ist unter ihnen Yoandis, der eine Kuh tötete, um Essen für seine Familie zu beschaffen, oder Yuniesqui, der bei einer Firma Brennstoff mitgehen ließ, um ihn auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen und so seinen Hungerlohn aufzubessern. Wer weiß, ob sich eine gewisse Yordanka auf dieser Liste befindet; sie, die die häusliche Gewalt dazu brachte, sich an ihrem Ehemann zu rächen. Oder Yusimí, die schon von klein auf zu Hause lernte, dass es besser ist als Erste zuzuschlagen, als zurückzuschlagen. Von kleinen Pionieren mit bunten Halstüchern wurden sie zu Angeklagten in grauer Uniform; von einem Kuba mit den Handbüchern des Marxismus fielen sie in die harte Realität.

Es ist eine Generation, die durch die Umstände gefangen ist, oftmals zu Verbrechen gezwungen, andere Male zur Flucht gedrängt und zur Perspektivlosigkeit verdammt. Die 411 Familien der Begnadigten dieses kubanischen Experiments werden an diesen Tagen erleichtert sein, dass sie zurückkehren, genauso wie die Angehörigen der anderen Freigelassenen. Aber die Gesellschaft, in die sie beim Verlassen des Gefängnisses kommen, steht immer noch im Widerspruch zu dem, was ihnen einst an der Tafel und in den Morgenversammlungen erklärt wurde. Das Gefängnis war Teil der sozialen Alchimie, mit der sie in Berührung gekommen sind.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Leopoldo López: der freiste Gefangene der Welt

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Leopoldo López grüßt aus einem Fenster im Militärgefängis Ramo Verde in Caracas. (EFE)

Generation Y, Yoani Sánchez, 11. September 2015 Ich lernte ihn kennen und es war unmöglich, ihn nicht zu bemerken: Er ragte unter allen hervor: jung, mit beeindruckender Energie und Intelligenz, die voraussehen ließ, dass er es weit bringen würde. Gestern wurde er von einem ebenso parteiischen wie übel gesinnten Gericht zu 13 Jahren und 9 Monaten verurteilt. Als ich das Urteil hörte, rechnete ich aus, wie alt seine zwei Kinder sein würden, wenn ihr Vater aus dem Gefängnis käme, aber ich hielt plötzlich inne. Leopoldo López wird diese Jahre nicht hinter Gittern verbringen, sagte ich mir, genauso wie auch mein erster Eindruck von ihm nicht trügen wird.

Autoritäre Menschen lernen nichts dazu. Sie sind sich der Tatsache nicht bewusst, dass Gitterstäbe einen politischen Führer an Größe gewinnen lassen, und dass der im Kerker erfahrene Schmerz sich ihm wie eine auf dem blutigsten Schlachtfeld gewonnene Medaille um den Hals hängt. Leopoldo wird gestärkt aus dem Gefängnis herausgehen, während auf der anderen Seite ein ängstlicher Nicolás Maduro nicht wissen wird, was er mit dem freisten Gefangenen der Welt anfangen soll.

Jeder Tag, den der Venezuelaner hinter Gitter verbringt, wird wie eine schändliche Last am Chavismus hängen, der mit dem Tode ringt.

Ich erinnere mich auch an den Moment, als ich Lilian Tintori kennen lernte. Eine Frau, die ihre eigenen Ängste überwinden musste, um zu der Bürgerin zu werden, die gestern Abend nach der ungerechten Verurteilung die Nachricht ihres Ehemanns las. Bei Lilian Tintori gab es eine Unerschütterlichkeit, die ich bei unserem ersten Wortwechsel in Madrid niemals vermutet hätte. Dennoch hat die Absurdität, die sie erlebt hat, ihre Stärke nochmals hervorgehoben und sie in ihrer Entschlossenheit bestärkt.

Autoritäre Menschen wissen nicht, was sie tun.

Leopoldo wird zurückkommen – jung, voller Energie und vom Schmerz geprägt. Lilian ist schon hier mit jener Bestimmtheit, die dazu führt, dass wir uns alle fragen: Wären wir bereit, das Gleiche für unsere Familien und unser Land zu tun?

Übersetzung: Berte Fleissig

Die heilige Route

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Calle Reina, eine Straße im Zentrum Havannas. (14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 8. September 2015 Die Farbe kommt über die Risse, die Löcher und den Rost des stark beschädigten Metalles der Säulen und Decken. Eine bunte Schicht, die Spinnweben, Spalten und Schmutz versteckt, so wie Schminke, die Falten und Narben überdeckt. Havanna putzt sich für den Besuch von Papst Franziskus heraus. Sie werden retuschiert, die Fassaden in jenen Straßen, durch die der Bischof von Rom kommen wird und die der Volksmund schon spöttisch in die „heilige Route“ umgetauft hat. Es ist ein flüchtiges, eilig aufgetragenes Rouge, das der Regen und die kommenden Monate schon bald wieder wegspülen werden.

Die Menschen konnten sie trotzdem nicht mit einer Schicht Optimismus überziehen. Ihre Haut und ihre Sorgen können die Maler, die einen Zeitplan einhalten müssen, nicht einfach mit ihren  groben Pinselstrichen übermalen. Schon seit den frühen Morgenstunden verlassen die Bewohner Havannas mit über den Schultern baumelten Tüten ihre Häuser auf der Suche nach etwas Essbarem. „Nicht einmal wenn der Papst kommt, gibt es mehr in den Läden“, beschwert sich eine Frau an der Ecke zwischen den Straßen Marinque und Salud, während eine Freundin in Richtung der Avenida Galiano zeigt. „Dort gibt es jetzt heiße Hotdogs, und zwar die richtig Guten“, versichert sie.

Sie werden den Papst nicht in die Nähe der leeren Kühltruhen kommen lassen und deshalb beinhaltet dieses Prozedere nicht den Versuch vorzutäuschen es gäbe genug Lebensmittel oder das Verbergen der allgemeinen Knappheit. So haben wir uns vor den Hähnchenschenkeln aus Karton und dem Milchpulver aus Sand gerettet! Es gibt keine Kosmetika, die das wirtschaftliche Debakel, in dem wir leben überdecken können. So bleiben also die Verkaufstische und die Regale der Märkte hinter geschlossenen Türen, weit weg vom pompösen päspstlichen Gefolge.

Unsere heilige Route ist hohl, ein reines  Bühnenbild, das das Gröbste und das Unglaublichste versteckt.

Übersetzung: Anja Seelmann