Das Kuba von Humboldt und Ruiz Urquiola

Humbold-Universität Berlin (2)

Dem zweiten Entdecker von Kuba / Die Universität von Havanna 1939

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 5. Juli 2018

Vor dem Eingang der Humboldt-Universität in Berlin erinnert die spanische Inschrift an der Statue von Alexander von Humboldt daran, dass sie ein Geschenk der Universität von Havanna ist, eine Hommage an den deutschen Wissenschaftler, den man auch „den zweiten Entdecker Kubas“ nennt. An seinem Standbild, mit dem gelassenen Gesichtsausdruck, ist der Biologe Ariel Ruiz Urquiola wahrscheinlich oft vorbeigegangen, als er Mitarbeiter an dieser Hochschule war.

In den letzten Tagen füllte der Fall des jungen Forschers, er ist erst 42 Jahre alt, die Titelseiten zahlreicher internationaler Medien, weil er für mehr als zwei Wochen im Hungerstreik war. Mit dem strengen Fasten forderte er seine Freilassung, nachdem er zu einem Jahr Gefängnis wegen angeblicher „Verleumdung“ verurteilt worden war –  in einem „verzerrten“ Rechtsfall voller Unregelmäßigkeiten. Damit setzte der Wissenschaftler sein Leben aufs Spiel, indem er seinen Körper nutzte, um die Revision eines Urteils zu erzwingen, das er für eine Ungerechtigkeit hielt.

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Ariel Ruiz Urquiola und seine Familie sind davon überzeugt, dass es die Absicht des Staates ist, ihre Finca in Pinar del Rio zu übernehmen und ihn so für seinen Widerstand gegen die Regierung zu bestrafen. (Facebook)

Diesen Mittwoch gaben die kubanischen Behörden nach und setzten Ruiz Urquiola auf freien Fuß. Sie erteilten ihm die Genehmigung, das Gefängnis aus gesundheitlichen Gründen zu verlassen, was allerdings keine völlige Aufhebung seiner Strafe bedeutet. Man erlaubt ihm in sein Haus zurückzukehren und das agro-ökologisches Projekt wieder aufzunehmen, das er in Viñales leitet. Obwohl es ihm mit seiner Hartnäckigkeit gelungen ist, diese Schlacht zu gewinnen, weiß er, dass ihn die Augen der Regierung auf Schritt und Tritt verfolgen werden. Man hofft so, dass man ihn doch noch zur Rechenschaft ziehen kann, weil er öffentlich protestiert und die Regierung angegriffen hat; vor allem aber dafür, dass er die ökologischen Schäden in einem Naturschutzgebiet im Westen Kubas angeprangert hat, für die die Regierung verantwortlich ist.

Obwohl es ihm mit seiner Hartnäckigkeit gelungen ist diese Schlacht zu gewinnen, weiß er, dass ihn die Augen der Regierung auf Schritt und Tritt folgen werden. Man hofft so, dass man ich doch noch zur Rechenschaft ziehen kann.

Wenn Humboldt in einer Zeit der Entdeckungen und Forschungsreisen lebte, dann erlebt Ruiz Urquiola heute eine harte Zeit der Komplizenschaft. Der deutsche Wissenschaftler verhalf mit seinen Arbeiten zu Geographie, Flora, Fauna und sogar Topographie die Kenntnisse über ein Land zu mehren, das seine Bewohner selbst noch kaum kannten. Zwei Jahrhunderte später lebt die Gemeinschaft kubanischer Wissenschaftler in einer Zwickmühle von fehlenden finanziellen Mitteln und exzessiven Kontrollen durch den Staat. Unsere Forscher werden heute nicht mehr nach ihren wissenschaftlichen Fähigkeiten bewertet, oder nach den Resultaten ihrer Projekte, sondern vorzugsweise aufgrund ihrer ideologischen Treue.

Daher überrascht es nicht, dass während der Tage des Hungerstreiks  keiner der Beamten, Funktionäre oder Mitarbeiter des Ministeriums für Naturwissenschaft, Technologie und Umwelt sich mit ihm solidarisierte, oder wenigsten einen Aufruf an die Regierung richtete, man möge seinen Fall noch einmal überprüfen. Keine Körperschaft, die mit der landwirtschaftlichen Produktion, dem Schutz des Ökosystems oder mit Studien zu Flora und Fauna verbunden ist, hat ihre Stimme erhoben um zu fordern, man möge bei Ruiz Urquiola Gerechtigkeit walten lassen.

Im Gegensatz zum Schweigen der Gemeinschaft kubanischer Wissenschaftler, fanden sich Kollegen aus anderen Teilen der Welt unter #FreeAriel zusammen.

Auch die offiziellen Medien erwähnten den Fall nicht, obwohl die sozialen Medien wegen der Fülle von Mitteilungen schier „überliefen“, in denen man seine sofortige Freilassung forderte und sein Gesicht aus den alternativen Netzwerken kaum mehr wegzudenken war. Im Gegensatz zum Schweigen der Gemeinschaft kubanischer Wissenschaftler, fanden sich Kollegen aus anderen Teilen der Welt unter #FreeAriel zusammen.

Mehr als 200 Jahre nach Humboldt, der auf ein Land stieß um von ihm zu berichten, lebt Urquiola heute in einem Land, in dem die Forscher ihre Worte sehr sorgsam wählen und es vorziehen zu schweigen.

                 Übersetzung: Dieter Schubert


Dieser Text erschien ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle.

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Erneuerung der Gelübde: Das rote Halstuch

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Kubanische Kinder bei der Zeremonie der Vergabe des Halstuchs (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 14. Juni 2018 

Drei Jahrzehnte später steht die Frau vor einer vertrauten Szene. Eine Reihe von Kindern in Grundschuluniform erhält das neue rote Halstuch, das das blaue Halstuch ersetzt, das sie vorher um den Hals trugen. Wie in einem déjà-vu hört sie ihre Tochter die gleiche Parole rufen, die auch sie in ihrer Kindheit schrie. Das auf dem Boden kniende Mädchen schwört, dem Beispiel von Ernesto Che Guevara zu folgen, so wie es ihre Mutter vor langer Zeit versprochen hat.

 Der Schultag begann sehr früh am Donnerstag den 14. Juni − der Tag, der für die Einführung der Schüler gewählt wurde, die die dritte Klasse abschließen. Jetzt sind sie Teil der Organisation José-Martí-Pioneros und haben einen Weg eingeschlagen, auf dem ideologische Exzesse und politische Manipulation sie für immer begleiten werden. Die Zeremonie gleicht einer religiösen Weihe, fast mystisch, obwohl es sich um einen atheistischen Guerillakämpfer handelt, der genau an diesem Tag 90 Jahre alt geworden wäre.

 Zum Abschluss dröhnt aus den Lautsprechern in voller Lautstärke ein Song, der Fidel Castro gewidmet ist. „Lauter, noch lauter!“, ruft der Schulleiter den Schülern zu, die das langweilige Lied Vers für Vers singen müssen. „Lauter, noch lauter, damit man es da oben hören kann!“, wiederholt er und zeigt dabei zum Himmel, wo er glaubt, dass sein Chefkommandant angekommen sein muss.

 Die Musik endet, die Kinder rufen die Parole, die sie in den nächsten Jahren wieder und wieder aufsagen werden: „Pioniere für den Kommunismus, wir werden wie der Che sein“. Sie verlassen die Reihen und kehren zu den üblichen ungestümen Spielen von Kindern zurück. “Die Erneuerung der politischen Gelübde” ist zu Ende.

            Übersetzung: Berte Fleißig

 


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