Operation Säuberung

Straße „Infanta und Vapor“, acht Uhr abends. Ein Gerüst knarrt unter dem Gewicht der Arbeiter. Die Gegend ist dunkel, aber immer noch streichen zwei Maler mit ihren Pinseln über verschmutzte Balkone, Fassaden und die hohen Säulen, die zur Straße zeigen. Die Zeit ist knapp; das zweite Gipfeltreffen der CELAC beginnt in wenigen Stunden, und bis dahin muss alles für die Gäste bereit sein. Die Straßen, über die die Karawane der Präsidenten zieht, werden ausgebessert, der Asphalt wird erneuert, Löcher werden aufgefüllt und die Armut versteckt. Das wahre Havanna verbirgt sich unter der Attrappe einer anderen Großstadt, so als würde sich über den Schmutz – der sich über Jahrzehnte angesammelt hat –  ein ebenso prächtiger wie vergänglicher Teppich legen.

Danach kommt die “menschliche Säuberung”. Die ersten Anzeichen für das Entstehen eines anderen Szenarios liefern uns die Mobiltelefone. Anrufe verlieren sich im Nichts, SMS-Nachrichten erreichen ihr Ziel nicht, beim Versuch mit einem Aktivisten zu kommunizieren ertönt ein nervendes „besetzt“-Zeichen. Dann kommt die zweite Phase, die physische. An bestimmten Straßenecken stehen vermehrt vermeintliche Paare, die aber nicht miteinander reden; Männer in karierten Hemden, die nervös an das Headset fassen, das an ihrem Ohr versteckt ist; Nachbarn, die sich als Wache vor die Tür derjenigen stellen, die sie gestern noch um ein wenig Salz gebeten haben. In der ganzen Gesellschaft gibt es ein Raunen, aufmerksame Augen –  und Angst, sehr viel Angst. Die Stadt ist angespannt, sie bebt, sie ist im Alarmzustand: Das Gipfeltreffen der CELAC hat begonnen.

Die letzte Phase bringt dann Verhaftungen, Drohungen und Hausarrest. Währenddessen lächeln die Moderatoren im staatlichen Fernsehen, kommentieren Pressekonferenzen, und Kameras werden zu den Gangways der zahlreichern Flugzeuge geschoben. Es gibt rote Teppiche, polierte Fußböden, Baumfarne im Palast der Revolution, Trinksprüche, Familienfotos, Verkehrsumleitungen; alle hundert Meter sieht man Polizisten, Bodyguards, die akkreditierte Presse, Diskussionen über die Öffnung des Landes, bedrohte Menschen, überfüllte Arrestzellen, Freunde mit unbekanntem Aufenthaltsort. Nicht einmal der Raffinerie Ñico López ist es erlaubt, ihren schmutzigen Rauch mittels Schornsteinen in die Luft zu blasen. Die retuschierte Postkarte ist fertig… aber es fehlt ihr an Leben.

Dann, dann ist alles vorbei. Jeder Präsident und jeder Kanzler kehrt in sein Land zurück. Feuchtigkeit und Dreck keimen unter der dünnen Farbschicht an den Fassaden. Nachbarn, die sich an der Operation beteiligt haben, gehen wieder ihrer Langeweile nach, und die Beamten der #OperationSäuberung werden mit All-Inclusive-Hotels belohnt. Die zur Eröffnung ausgesäten Pflanzen vertrocknen aus Mangel an Wasser. Alles kehrt wieder zur Normalität zurück oder dem völligen Fehlen von Normalität, dass das kubanische Leben charakterisiert.

Die inszenierte Momentaufnahme ist vorbei. Auf Wiedersehen zweites CELAC-Gipfeltreffen!

Anm. d. Übersetzerin:

* CELAC – Gemeinschaft der lateinamerikanischen und karibischen Staaten (alle souveränen Staaten Amerikas außer Kanada und den Vereinigten Staaten), gegründet am 23. Februar 2010.

Ziele: Reduzierung der sozialen Ungleichheiten, Zurückdrängung des Kolonialismus, Eindämmung des Einflusses der USA in der Region u.a.

 

Übersetzung: Valentina Dudinov

Sie heißen wie?

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Dutzende warteten vor jener alten Villa im Stadtteil Vedado, die eine Abraham-Lincoln-Statue im Garten hat. Die Sprachschule öffnete ihre Türen für neue Einschreibungen und während dieser Tage fanden Aufnahmeprüfungen für die Anwärter statt. Wir alle warteten nervös und dachten, dass sie uns hier nach unserer richtigen Aussprache … und dort nach der Beherrschung des Vokabulars bewerten würden. Zu unserer Überraschung ging es bei den Hauptfragen jedoch nicht um Sprache sondern viel mehr um Politisches. Am späten Vormittag warnte uns ein junges Mädchen, dessen Aufnahme abgelehnt wurde: „Sie fragen nach dem Namen des ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei der Stadt Havanna.“ Wir blieben mit offenem Mund zurück. Wer sollte denn so etwas wissen?

Vor einigen Jahrzehnten waren die Führungskräfte der sogenannten „politischen Organisationen und Massenorganisationen“ bekannte Figuren im ganzen Land. Ob aufgrund exzessiver Präsens in den öffentlichen Medien, der langen Amtszeit, oder aus purem Personenkult – jene Gesichter waren sogar für Grundschulkinder leicht identifizierbar. Unaufhörlich hörten wir, wie vom Sekretär der Union der Jungen Kommunisten gesprochen wurde, wie in jedem Nachrichtenprogramm verkündet wurde, wer den Vorsitz der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) in einer Provinz hat; oder wir wurden mit Erklärungen überfüttert, die irgendein Präsident der Studentischen Vereinigung der Universität abgab. Da waren sie eindeutig wiedererkennbar. Einige brachten es sogar zu Spitznamen und zahlreichen Witzen, wegen ihrer Marotten oder ihrer Ineffizienz.

Heute Morgen wurde Carlos Rafael Miranda, der nationale Koordinator des Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR) im Nationalfernsehen erwähnt. Und da ist mir aufgefallen, wie diese Amtsinhaber, die früher so viel Macht zu haben schienen und über so viele Schicksale entschieden, nur noch verschwommen wahrgenommen werden. Heute sind es unbekannte Personen, die diese Institutionen leiten, die jeden Tag bedeutungsloser werden und in Vergessenheit geraten. Führungskräfte, deren Untergebene sich nicht genau an deren Vor- und Nachnamen erinnern können. Personen, die zu spät kamen, um noch in die Blitzlichter der Kameras zu geraten und in die Analysen der Kubanologen……  oder wenigstens die Zielscheibe irgendeines Witzes wurden. Bloße Schatten eines Systems, dessen Charisma zunehmend schwindet.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Kapuściński und die Mauern

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Dieses Haus hat einen Zaun aus Eisen mit scharfen Spitzen; das nebenan hat ein riesiges Gitter mit einem zweifachen Schloss. Auf der Tür von gewissen Büros verwehrt uns ein Schild  „Nur für autorisierte Personen“ den Zugang, und in der Umgebung des Staatsrats stehen alle hundert Meter bewaffnete Wachen. Sich vor dem Anderen schützen, den Kontakt vermeiden, den Fremden fernhalten, das sind die Beweggründe für diese physischen wie legalen Barrieren. Eben solche beschrieb Richard Kapuscinski in seinem Artikel „Die hundert Blumen des Führers Mao“ während seiner Reise nach China.

In diesem anschaulichen und scharfsinnigen Text enthüllt der polnische Journalist Ryszard Kapuściński den menschlichen Wahn Hindernisse zu errichten, um uns von Andersartigem zu trennen. Als perfektes Beispiel dient ihm jene „Schlange“ aus Ziegeln, Steinen und anderem Material, die die Geografie des “großen asiatischen Riesen“ durchschneidet. Alles nur, um sich zu verteidigen, um sich abzuschotten von denen auf der anderen Seite der Mauer. Im Fall Kuba war die Sache einfacher, denn ein Streifen Salzwasser hat dem politischen Diskurs „vom belagerten Ort“, „vom Feind auf dem anderen Ufer“ auf wundersame Weise genützt. All das aus Angst, aus purer Angst vor der Verschiedenheit.

Kapuściński dachte über die menschlichen und materiellen Kosten für die Errichtung solcher Mauern nach. Dieselben Überlegungen könnten auch wir für unser Land anstellen. Wie viel hat uns unsere Isolierung gekostet? Wie viele Ressourcen haben wir für Schützengräben und Kriegstunnel verschwendet, für aggressive diplomatische Kampagnen, für schulische Indoktrination, um so die Idee eines äußeren Feindes zu befördern? Wie viele Leben wurden zerstört, entwürdigt, oder endeten auf Grund jener Mauern, errichtet zum Nutzen einiger weniger. „Eine Mauer dient nicht nur dazu sich selbst zu verteidigen… sie gestattet auch das zu kontrollieren, was in ihrem Inneren geschieht“.So liest man es im Buch “Reisen mit Herodot“; und es schmerzt, dass nach 60 Jahren dies immer noch Realität an so vielen Orten ist.

 

Anm. d. Übersetzers:

Ryszard Kapuściński, * 4. März in Pínsk (Weißrussland), + 23. Januar 2007 in Warschau, war ein polnischer Reporter, Journalist und Autor. Er ist einer der am häufigsten übersetzten Autoren Polens.

 

Übersetzung: Dieter Schubert

II. Gipfel der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC)

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Gestern rief mich ein Freund an. Er war aufgeregt. In der Nähe seines Hauses machte die Polizei gerade eine Razzia. Grund zur Aufregung hatte er genug, denn als Rentner ohne Rentenzahlungen, hält er sich mit Hilfe einer illegalen Satellitenschüssel über Wasser, mit der er mehreren Haushalten Fernsehempfang zur Verfügung stellt. Wenn nun also die Ordnungskräfte Strenge walten lassen, muss mein Freund Kabel abschneiden, die Schüssel verstecken und auf das Geld, das er in diesem Zeitraum verdient hätte, verzichten. Dies bedeutet ein wahrhaftiges finanzielles Fiasko für ihn. Hört er von einem internationalen Gipfeltreffen, einer Veranstaltung mit internationalen Gästen, dem Besuch eines, aus dem Ausland eingereisten Würdenträgers, bangt er jedes Mal um sein Geschäft. Er weiß, dass jede dieser Veranstaltungen eine hartnäckige polizeiliche Durchsuchung mit sich bringt.

Als Benedikt XVI. die Insel besuchte, wurden Hunderte von Bettlern, Prostituierten und Andersdenkenden „aus dem Verkehr gezogen“. Auch die Telefongesellschaft Cubacel trug ihren Teil dazu bei, indem sie mehr als einer halben Milliarde Nutzern im ganzen Land den Anschluss sperrte. Nun steht der zweite Gipfel der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC), der Ende Januar in Havanna stattfinden wird, vor der Tür. Man kann bereits die Lieferwägen voller Blumenschmuck bewundern, der in den nächsten zwei Wochen kaum gegossen werden und die großen Avenuen schmücken wird. Im Zentrum werden in einigen Straßen Gerüste aufgebaut, auf denen Maler die mit der Zeit rissig und schwarz gewordenen Mauern streichen. Auch die Verkehrsschilder auf der Strecke, die die Gäste zurücklegen werden, bekommen einen neuen Anstrich und die alten Zäune, von denen bereits die Farbe abbröckelt, werden durch neue ersetzt.

Dieses illegale und nicht vorzeigbare Havanna wurde dazu aufgerufen sich still zu halten, ganz still. Bettler werden bis zum Ende des Gipfels weggesperrt, die Zuhälter werden darauf hingewiesen ihre Mädels und Jungs unter Kontrolle zu halten, während Mitglieder der politischen Polizei, den Staatsgegnern „Hausbesuche“ abstatten. Auch der Schwarzmarkt liegt lahm. „Ruhig, ganz ruhig“, wiederholen die Polizisten in drohendem Ton ohne jemals auch nur eine schriftliche Notiz zu hinterlassen. Deswegen hat mein Freund heute Morgen damit begonnen all seine Geräte auszustecken und mich noch einmal angerufen, um mir zu versichern, dass er nicht vor habe am 28. und 29. Januar einen Fuß vor die Türe zu setzen. „Wie käm’ ich darauf? Denkst du ich habe Lust eine Nacht in einem Kerker zu verbringen?“, sagte er bevor er auflegte, um seine Antenne in Sicherheit zu bringen.

Übersetzung: Katrin Vallet

Ein Jahr nach der Migrationsreform: Was hat sich geändert?

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Terminal 3 des Internationalen Flughafens José Martí

Dieses Mal konnte sie nicht mit in den Terminal, um ihn abfliegen zu sehen. Ein Schild weist darauf hin, dass zum Inneren des Flughafens José Martí nur die Reisenden Zutritt haben und nicht ihre Begleiter. Deshalb hat sie sich von ihm an der Tür verabschiedet. Das ist der zweite Sohn, der nun geht, seit vor einem Jahr die Migrationsreform in Kraft getreten ist. Für sie, so wie für viele Kubaner, war dies ein Jahr der Abschiede.

In den ersten 10 Monaten von 2013 machten sich 184.787 Personen auf die Reise fernab der Insel. Viele von ihnen zum ersten Mal. Obwohl die offiziellen Erklärungen die Tatsache leugnen wollen, dass es eine Landflucht gibt, so sind doch mehr als die Hälfte der Reisenden bis Ende November noch nicht zurückgekehrt. Aber Ziffern sind eigentlich nicht nötig. Es ist aureichend, wenn jeder von uns sich im eigenen Kreise umblickt, um die Abwesenheiten in Zahlen zu beschreiben.

Aus meinem ganz persönlichen und familiären Gesichtspunkt betrachtet, kann jede Reise ein Leben verändern. Sei es, um entültig aus einem Land zu verschwinden, in dem man nicht mehr leben möchte, das kennen zu lernen, was es auf der anderen Seite gibt, sich mit Familienangehörigen wieder zu vereinigen oder sich einfach nur Zeit und Abstand von der täglichen Routine zu nehmen. Die Frage ist, ob das Ergebnis dieser vieler individueller Verwandlungen dazu dient, eine Nation zu verändern. Die Antwort – wie viele Dinge in diesem Leben – kann sowohl „Ja“ als auch „Nein“ lauten.

Im Falle von Kuba haben die Ausreisen zum Teil als Überdruckventil des Zerwürfnisses agiert. Der rebellischste Teil der Gesellschaft hat die Koffer gepackt, um für kurze oder lange Zeit zu verreisen. Die Regierung hat sich dies zu Nutzen gemacht, ebenso wie die materiellen Gewinne der Reisen, welche sich durch noch mehr Geldsendungen, mehr importierten Konsumgütern und mehr kassierten Flughafengebühren konkretisieren. Die schornsteinlose Industrie der Völkerwanderung.

Für die Aktivisten aus der zivilen Bevölkerung, welche internationale Termine wahrnahmen, war die Gelegenheit außergewöhnlich. Ihre Stimmen dort zu verbreiten, wo vorher nur die Offiziellen zu hören waren, das war schon ein grosser Schritt nach vorne. Sie konnten sich den aktuellen Debatten aus aller Welt nähern und dies hat ihnen geholfen Ansätze zu modernisieren, ihre bürgerliche Rolle besser zu definieren und sich in Tendenzen einzubringen, die über die nationalen Grenzen hinaus gehen. Das Ergebnis ist nicht magisch und auch nicht unverzüglich, aber auf jeden Fall positiv.

Dennoch wurde während dieser ganzen Zeit den ehemaligen Gefangenen des „Schwarzen Frühlings“ die Ausreise verwehrt. Ebenso hat die Zahl der im Exil lebenden Personen, die an der Einreise nach Kuba gehindert wurden, stetig zugenommen. Leider hat dieses Drama – nach den großen Schlagzeilen, welche den Gesetzeserlaß 302 ankündigten – nicht genug Echo in den internationalen Medien und Regierungsstellen gefunden.

Ein großer Teil der Bevölkerung kann sich immer noch keinen Reisepass leisten. Für all diese Kubaner hat die Migrationsreform nur in den Leben anderer, auf den Bildschirmen der Fernseher und den Seiten der Zeitungen, stattgefunden. Übereinstimmender Weise ist es derselbe Teil der Gesellschaft, der sich immer noch keine Handynummer zulegen oder in einem Hotel übernachten konnte, geschweige denn, dass er auf dem Immobilien- oder Gebrauchtwagenmarkt erscheint. Es sind die Kubaner ohne konvertiblen Peso.

So war 2013 eine Mischung aus Koffern, Abschied, Rückkehr, aus auf Telefonlisten gestrichenen Namen, Seufzern, langen Schlangen vor den Konsulaten, Wiedersehen, Verkaufsanzeigen von Häusern um sich aus dem Erlös Flugtickets zu kaufen … Ein Jahr zum Verabschieden und ein Jahr zum Bleiben.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Die zehn beliebtesten Android Apps auf Kuba

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Es gibt einen grünen Roboter mit Antennen der einfach überall ist. Auf den Aushängen der Handy-Reparaturwerkstätten, auf diesen netten T-Shirts und sogar von den Windschutzscheiben einiger Autos blickt er uns entgegen.

Nicht nur dem Markenzeichen von Android läuft man auf Kuba überall über den Weg. Auch das eigene Betriebssystem von Google hat in den letzten Jahren an Beliebtheit gewonnen. Diese von Linux abgeleitete Kreatur, findet sich auf einem Großteil der Smartphones, die auf legalem oder illegalem Weg ins Land gelangen, wieder.

Wenn wir mal einen Blick auf die auf den Smartphones installierten Programme werfen, dann erkennen wir, dass die Applikationen, die offline ausgeführt werden, einen großen Teil ausmachen. Die User bevorzugen Apps, die ohne Internetzugang funktionieren, um die Einschränkungen auf „ der Offline-Insel“ zu vertuschen.

Es herrscht eine große Nachfrage nach Landkarten von ganz Kuba, Enzyklopädien mit Bildern, Übersetzungsprogrammen in verschiedene Sprachen, Rollenspielen und nützlichen Anwendungen für den Alltag.
Nach Befragung verschiedener Nutzer und Handywerkstätten, kann man eine Liste der zehn beliebtesten Android Apps auf Kuba erstellen.

  • WikiDroyd: Eine Version der interaktiven Enzyklopädie Wikipedia, die nicht nur den Text der Einträge enthält, sondern auch die Bilder. Das Programm arbeitet ohne Internetverbindung, man muss sich allerdings die Datenbank auf das Handy herunterladen. Auf Nachfrage beim Anbieter, beinhaltet die Anwendung auch die neueste Version auf Spanisch, die beinahe zwei GB umfasst.
  •  EtecsaDroyd: Eine Raubkopie des Telefonbuches der Firma ETECSA. Sie enthält den vollständigen Namen, die Ausweisnummer und sogar die Adresse aller Abonnenten. Obwohl diese Information eigentlich geschützt und nicht für den öffentlichen Gebrauch zugänglich sein sollte, sickert sie jedes Jahr wieder durch und landet auf den Rechnern und Telefonen von Tausenden von Personen. Ein weiteres Beispiel für die verbotenen Dinge, die so viele Kubaner machen.
  •  WiFiHacker: Eine Anwendung, mit der man sich in fremde WLAN-Netzwerke hacken und somit einen kostlosen Internetzugang nutzen kann. Diese Anwendung scheint in einem Land, in dem es nur wenige kabellose Internetanschlüsse gibt, nutzlos zu sein, aber man weiß ja nie.
  •  Revolico: Eine nicht autorisierte App der bekannten Internetseite für Werbeanzeigen Revolico.com. Mit ihrer einfachen Benutzeroberfläche bietet diese Anwendung dem Nutzer die Möglichkeit sich Kauf- und Verkaufsanzeigen verschiedener Kategorien herunterzuladen. Ihr Gebrauch hat sich aufgrund der stark wachsenden illegalen oder alternativen Märkte, die zum Nachteil der teuren und schlecht ausgestatteten staatlichen Märkte entstehen, schnell verbreitet.
  • Go SMS Pro: Ein wundervolles Nachrichtenprogramm für das Verwalten von SMS und MMS. Es ist um einiges besser als die ursprünglich für diese Zwecke gedachte Anwendung von Android. Sie bietet einen übersichtlichen Hintergrund, eine Auswahl von verschieden Profilen für die grafische Benutzeroberfläche, eine Rechtschreibprüfung und eine nette Konfiguration für Pop-ups, die auf neue Nachrichten aufmerksam macht.
  • ASTRO File Manager: Diese Applikation erlaubt es die auf dem Handy oder Tablet-PC gespeicherten Daten zu verwalten. Für diejenigen, die gerne in ihren Ordnern und Adressbüchern stöbern, ist diese Anwendung besonders hilfreich. Mit ein paar Klicks kann man Löschen, Kopieren, Umbenennen oder bestimmte Dateien finden.
  • Photo Studio: Das Zuschneiden und die Bearbeitung von Bildern sowie die Anwendung eines guten Farbfilters war noch nie so einfach. Das Programm erlaubt es ein hoch aufgelöstes Bild auszuwählen und dieses auf eine Dateigröße, die man per MMS (Multimedia Messaging System) verschicken kann, zu minimieren. Die mögliche Dateigröße ist auf Kuba auf rund 300 KB pro Nachricht beschränkt.
  • OfficeSuite Pro: Für diejenigen, die ihr Büro überall bei sich haben, ist dies eine wunderbare Anwendung um die Ideen festzuhalten, die einem an den erstaunlichsten Orten in den Sinn kommen. Sie bietet außerdem die Möglichkeit Excel, Power Point und Adobe Reader Dateien zu lesen und zu erstellen.
  • Tiny Flashlight: In dunklen Kinos ohne Platzanweiser und in Treppenhäusern ohne Licht kann uns etwas so simples wie eine Taschenlampe vorm Stolpern bewahren. Anhand solcher Funktionen zeigt sich, wie einfach gestrickt und doch unverzichtbar die Anwendungen dieser Handys sein können.
  • OsmAnd: Diese gehört zu einer Reihe von beliebten Anwendungen, die Landkarten ohne Internetverbindung zur Verfügung stellen, wie zum Beispiel auch OruxMaps, City Maps 2Go, MapDroyd und Soviet Military Pro. Obwohl keine Verbindungen zu einem GPS-Satelliten hergestellt werden kann, funktioniert die Standortbestimmung, durch die Triangulation der Antennen der Mobiltelefongesellschaft, ziemlich gut. Die App bietet sehr detaillierte Stadtpläne der wichtigsten kubanischen Städte, in den ländlichen Gebieten ist die Wegbeschreibung allerdings weniger genau. In einem Land in dem die Straßen unzureichend ausgeschildert sind, ist diese Anwendung fast schon ein kleines Wunder.

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Übersetzung: Anja Seelmann

Alchemie und Lügen

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„Der Alchimist“ Ölgemälde von Mattheus van Hellemont

Wir leben in einer Gesellschaft der Alchemisten. Sie können Eisen nicht in Gold verwandeln, aber sie sind in der Lage, Ingredienzien auszutauschen und fast alles zu panschen. Ihr Ziel ist es, irgendwelche Kunden zu betrügen, oder den Staat selbst auszunehmen. Um dies zu erreichen, breiten sie sogar das Periodische System nach Mendelejew aus, auf der Suche nach Elementen, die durch billigere ersetzt werden können.

Einige dieser “genialen“ Formeln könnten einen Anti-Nobelpreis für Chemie erhalten, insbesondere für die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit, die sie verursachen. Wie auch in dem Fall eines verbreiteten Rezepts für Tomatensauce, das gekochte Rote Bete und Süßkartoffeln, Gewürze, Maisstärke und ein rotes Haarfärbemittel enthält. Wenn ein Neugieriger nach „Tomaten?“ fragt, reagieren die Erfinder fast gereizt – „Nein, Tomaten kommen da nicht rein.“

Also sind die Straßen voll von Klebstofftuben, aus denen beim Ausdrücken nur Luft herauskommt. Shampoo-Flaschen versetzt mit Waschmitteln. Seifen mit Kunststoffspänen, hinzugefügt in Fabriken von Arbeitern, die Rohstoffe weiterverkaufen. Rum aus heimlicher Produktion, mit Alkohol aus Krankenhäusern und braun gebranntem Zucker, um Reife vorzutäuschen. Wasser in Flaschen, abgefüllt an irgendeinem Wasserhahn und zum Verkauf angeboten in den Regalen vieler Märkte.

Ohne von den Imitationen von Cohiba-Zigarren und anderen Marken zu sprechen, um sie als Originale an ahnungslose Touristen zu verkaufen. Nichts ist so, wie es scheint. Ein Großteil der Bevölkerung akzeptiert diese Fälschungen und fühlt sogar eine gewisse Solidarität mit dem Betrüger. Mit „von irgendwas müssen die Leute ja leben“, begründen sie den Schwindel; auch die, die selbst schon betrogen worden sind.

In der langen Liste der Fälschungen, nimmt das rationierte Brot den ersten Platz ein. Es handelt sich um das am häufigsten gepanschte Produkt in unserem Einkaufskorb; das Rezept ist schon vor Jahrzehnten verloren gegangen, aufgrund einer Standardisierung und der Abzweigung von Ressourcen.

In den Bäckereien erreichen die „Alchemisten“ das Niveau wahrer Genies. Sie fügen dem Teig riesige Mengen von Hefe hinzu, damit der ins Unermessliche wächst und man so dieses „Luftbrot“ erhält, das bei uns ein schmerzendes Zahnfleisch und einen leeren Magen hinterlässt. Ohne davon zu sprechen, dass das Backmehl durch ein anderes ersetzt wird, das man für die Herstellung von Teigwaren und Nudeln verwendet. Mit diesem Verfahren landet in unserem Mund ein hartes und trockenes Etwas, ohne jegliches Aroma. Am besten ist es, wenn man vor dem Essen nicht hinschaut, denn das Aussehen ist schlimmer als der Geschmack.

Wenn Paracelsus auferstehen würde, müsste er auf diese Insel kommen. Er könnte vieles lernen!

Übersetzung: Valentina Dudinov