Der greise Diktator starb schon vor langer Zeit

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Fidel Castro feiert seinen 90. Geburtstag im Theater ‚Karl Marx‘ in Havanna

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MIRIAM CELAYA  | 14ymedio.com | 26. November 2016  Die offiziellen Medien haben nun endgültig und definitiv den Tod Fidel Castros bestätigt und ich glaubte bei dieser traurigen Nachricht eher Erleichterung als Trauer zu spüren. Wenn ich ein frommer Mensch wäre, würde ich wenigstens einen Hauch von Mitleid empfinden, aber das ist nicht der Fall. Mitleid für Despoten zählt sicher nicht zu meinen wenigen Tugenden. Ich, die ich immer den Zynismus mehr geschätzt habe als die Heuchelei, bin überzeugt, dass die Welt ohne ihn ein besserer Ort sein wird.

Wie auch immer, für mich ist der greise Diktator schon vor langer Zeit gestorben, das Datum ist nicht bekannt. Tief in meinem Gedächtnis ruht er unter einem verstaubten Grabstein ohne Inschrift; also bin ich nur noch neugierig, was dieser erwartete (unerwartete) Vorgang für jene bedeutet, die ihr Schicksal zeitlebens mit allen Verkrampfungen Fidels verknüpft haben, die auf seine „zahllosen Tode“ folgten.

Dennoch, und nicht weil ich für ihn eine vorgezogene Trauerfeier hätte abhalten wollen, bleibt sein endgültiger Abschied von dieser Welt ein bedeutendes Ereignis. Jetzt wird das Bild des gescheiterten Phantoms verschwinden, in das er sich verwandelt hatte, und er wird aufhören, wie ein unvermeidbares Verhängnis um die abergläubische Seele unserer Nation zu kreisen. Und dann wird man sehen, ob die Vorhersage „wenn Fidel tot ist, wird sich alles ändern“ richtig oder falsch ist, weil es fast alle Kubaner für bequemer halten, bei Veränderungen der Natur ihren Lauf zu lassen, anstatt es zu wagen, diese selbst anzugehen. Völker, die sich ihres eigenen Schicksals schämen, pflegen die Schuld für ihren kollektiven Mangel an Verantwortung ihren „Statthaltern“ anzulasten.

Die wahre Macht Fidel Castros beruhte nie auf der Liebe der Kubaner, sondern auf der uneingestandenen Furcht vor ihm, dem irrationalen und cholerischen Führer.

Nichts desto trotz, meine Erinnerungen sind intakt geblieben, sie haben alle Katastrophen wohlbehalten überlebt. Wieso sollte man diese Erinnerungen hinter sich lassen, wenn unser Denken nur aus solchen besteht? Also betrachte ich sie ohne Liebe, ohne Groll, ohne Bitterkeit und ohne Gewissensbisse, so, als würde ich einen alten Film über meine eigene Geschichte anschauen; es ist die Geschichte von Millionen von Kubanern. Wie konnten wir jemals so naiv sein? Warum ließen es unsere Väter und Großväter zu, dass man uns so arg manipulieren konnte? War es aus Angst? Die wahre Macht Fidel Castros beruhte nie auf der Liebe der Kubaner, sondern auf der uneingestandenen Furcht vor ihm, dem irrationalen und cholerischen Führer, dessen übermäßiges Ego nur vergleichbar war mit seiner Unfähigkeit zu Empathie. Manchmal war der Fidelismo ( Treue zu Fidel ) nur ein Mittel, um zu überleben.

Ich schaue auf die ersten 20 Jahre meines Lebens zurück; ich sehe einen Fidel Castro, der wie eine Art zäher und allgegenwärtiger Magma in jeden öffentlichen und privaten Raum eindringt. Es scheint, als habe er die Gabe der Allgegenwart und an allen Orten zugleich zu sein. Die Erinnerungen an meine lang zurückliegende Kindheit sind untrennbar mit dem Bild eines bärtigen Mannes verbunden, der niemals lachte, eine „immergrüne“ Militäruniform trug, dessen Bild man überall sehen konnte, sei es an einer Hauswand, einer Mauer, auf den Titelseiten von Magazinen, in Zeitungen, oder sorgfältig gerahmt in den Wohnzimmern von kubanischen Revolutionären; die waren damals in der Überzahl.

Jedenfalls gehörte „Fidel“ zu den ersten Wörtern, die Kinder von tausenden von Familien sagen konnten, weil die Familien – wie auch meine – entdeckt hatten ,dass sie unerwartet – mit dem Heraufdämmern des Jahres 1959 – Revolutionäre waren. Und genauso plötzlich nahm in einem Land mit katholischer Tradition die Zahl derer zu, die sich zu Atheisten erklärten und Gott ablehnten, nur um jetzt der neuen „Lehre“ anzuhängen: Fidel Castro der „Retter“ und das kommunistische Programm der „Katechismus“.

In der Folge zerbrachen zahllose Familien an der politischen Polarisierung, an der Emigration von Vätern und Söhnen, Brüdern, Onkeln und Neffen, die vorher alle in Harmonie zusammenlebten; sie gerieten aneinander und distanzierten sich im Zorn voneinander. Manche sahen sich nie wieder und starben, ohne sich mit einer Umarmung versöhnen zu können. Viele von ihnen, die diese epochalen Brüche erlebt haben, sind immer noch dabei die Bruchstücke einzusammeln, um so zu versuchen, den Zusammenhalt von manch einer malträtierten Familie wieder herzustellen, und sei es nur aus Respekt und Verehrung für unsere Verstorbenen, die zu Feinden wurden, beeinflusst von einem fremden Hass.

Dann kamen die Milizen, die Invasion in der Schweinebucht 1961, die Kubakrise 1962, der verpflichtende Militärdienst, die Lebensmittelkarten, die riesigen Zuckerohrernten, die Revolutionäre Offensive, Angola, die Landschulen und die ständigen „Weihen“ der nicht enden-wollenden Wahnvorstellungen des Großen Egozentrikers. Und mit der Zeit kamen auch die Zeichen eines beginnenden Ruins, Zeichen, die man nicht wahrhaben wollte. Man überdeckte den zunehmenden Mangel an Gütern mit Losungen und mit ebenso überdimensionierten wie unsinnigen Produktionsplänen, die alle zum Scheitern verurteilt waren; alle persönliche Freiheiten wurden begraben, Rechte verschwanden, sie wurden auf dem olivgrünen Altar geopfert, begleitet von bedeutungsschweren Worten, die früher einmal heilig gewesen waren und die jetzt in Reden abgewertet wurden: „Vaterland“, am meisten beschmutzt, „Freiheit“, am häufigsten missbraucht. Unvorbereitet und blind halfen wir Kubaner dabei, ein Gitter um unser Gefängnis zu ziehen und -folgsam wie wir sind – die Schlüssel in die Hände des Gefängniswärters zulegen.

Wir Kubaner selbst halfen dabei, ein Gitter um unser Gefängnis zu ziehen und – folgsam wie wir sind – die Schlüssel in die Hände des Gefängniswärters zu legen.

Die Nachricht von seinem Tod weckt in mir keine Emotionen. Vor kurzem sagte mir ein kluger Freund, dass Fidel Castro nicht „Ursache“ sondern „Wirkung“ war. Ich glaube, dass diese treffende Bemerkung die Geschichte und die Wesensart der kubanischen Nation zusammenfasst. Denn wir Kubaner sind nicht (und sind es nie gewesen) ein Ergebnis von Fidels Existenz, sondern ganz im Gegenteil: die Existenz eines Fidel war nur wegen uns Kubanern möglich, jenseits aller politischer Strömungen und Ideologien und weit entfernt von unserer Sympathie oder Ablehnung. Ohne uns hätte sich seine lang andauernde Diktatur nicht an der Macht halten können.

Sein endgültiger Tod… für mich ist er eine Gelegenheit anzustoßen, nicht zu seinem Gedenken, sondern zu unserem. Möge die Erinnerung immer in uns wach bleiben, damit wir diese Jahrzehnte der Schande nicht vergessen, damit sich nie wieder neue „Fidel Castros“ auf dieser Erden wiederholen können. Mit all meiner Überzeugung erhebe ich mein Glas und stoße darauf an: möge dieser glückliche Tod uns die Möglichkeit für ein neues Leben eröffnen, das wir aufbauen müssen, in Frieden und Eintracht, wir Kubaner.

Übersetzung: Dieter Schubert

Schluss mit der Bastion Kuba

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Eine Nachrichtensprecherin in den Tagen der Militärübung „Bastión“ (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 20. November 2016  Müde klingt die Stimme einer Freundin, die mich anruft und fragt, wann die Sirenen mit dem Heulen aufhören, was sie jetzt jeden Tag schon vom frühen Morgen an tun. Genervt ist der Nachbar, der nach seiner Arbeit nicht rechtzeitig nach Hause kommt, weil der Verkehr wegen eines Militärmanövers umgeleitet wird. Eine Belästigung ist das, sagt der junge Reservist, den sie zur Teilnahme an einer Militärübung verdonnert haben, genau jetzt, wo eine Spritztour mit seiner Freundin geplant war.

Die drei für „Bastion 2016″* benötigten Arbeitstage haben bei vielen Kubanern ein Gefühl von extremer Sättigung hinterlassen. Denn als sich nach 72 Stunden aggressiver Anspannung das Ende dieses MG-Alptraums abzeichnete, erklärte die Regierung per Dekret den darauf folgenden Samstag und Sonntag zu „Nationalen Tagen der Verteidigung“. Das sagt nur jemand, der keinen Krieg will…… drei Tage vergeudet, drei Schüsse in den Ofen.

.So wie das morgendliche Gebrüll – Weckruf genannt – die Uniformierten aus ihren Betten reißt, so haben diese Tage mit militärischen Übungen das Land aus manchen Träumen von Bürgerschaft gerissen.

Ermüdet von so viel „Schützengraben“ und zu vielen Anspielungen auf den „Feind“, fragen wir uns, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, all diese Ressourcen dafür zu verwenden, uns Bürgern das tägliche Leben leichter zu machen. Wenn man die chronischen Schwierigkeiten des öffentlichen Nahverkehrs betrachtet, die Brotqualität auf dem rationierten Markt oder die Belieferung unserer Apotheken mit Medikamenten…, es hätte bessere Verwendungsmöglichkeiten für das bisschen Geld in den staatlichen Schatztruhen gegeben.

Warum Geld in Form von Benzin für Panzer verschwenden? Geld, das man hätte verwenden können, um in den Grundschulen das Frühstück zu verbessern.

Die Drohungen mit bevorstehenden kriegerischen Auseinandersetzungen sind Teil der Kontrollmechanismen. Der Schützengraben ist das Loch, in dem man uns ruhig stellt und einschränkt; Truppenverbände radieren unsere Individualität aus; das Wasser in der Feldflasche schmeckt nach Metall und die Angst treibt uns die „Wohlstands-Dämonen“ aus.

„Bastion 2016“ hat uns daran erinnert, dass wir nur Soldaten sind. So wie das morgendliche Gebrüll – Weckruf genannt – die Uniformierten aus ihren Betten reißt, so haben die Tage mit militärischen Übungen das Land aus manchen Träumen von Bürgerschaft gerissen.

*Anmerkung des Übersetzers:

Bastion (span. Bastión) ist eine dreitägige Militärübung, die die kubanische Regierung nach dem Sieg von Trump organisierte. Es handelt sich dabei um eine aufwendige Mobilisierung von Truppen, Reservisten und der Zivilbevölkerung, um damit dem „Feind im Norden“ die Wehrfähigkeit Kubas zu demonstrieren.

Übersetzung: Dieter Schubert

Das Ende der Ära Obama: verschwendete wertvolle Zeit

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Barack Obama bei einer der letzten Wahlveranstaltungen für Hillary Clinton. (EFE/EPA/CRISTOBAL HERRERA)

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YOANI SÁNCHEZ  | 14ymedio.com | 08. November 2016  Am Tag nach der Wahl von Donald Trump begann eine neue Epoche für die USA und die anderen Nationen weltweit, während für Kuba die Zeit großer Chancen endete. Sie blieb ungenutzt, aufgrund der Starrköpfigkeit der Regierung rund um die Plaza de la Revolución.

Mit der am 17. November 2014 angekündigten Normalisierung der Beziehungen zwischen Washington und Havanna begann eine Phase mit der Möglichkeit, das Leben der kubanischen Bevölkerung zu verbessern, was die Regierung nur mit übermäßiger Vorsicht aufnahm. Jedem Schritt von Obama in diese Richtung begegnete Raúl Castro mit Mistrauen. Die politische Repression wurde nicht verringert, dafür nahm in den letzten Monaten die ideologische Rhetorik zu.

Der Präsident General hat den Enthusiasmus der Wiederannäherung vergeudet, er hat Chancen vertan und die unvermeidliche politische Öffnung verzögert, die die Insel erleben wird

Der Präsident General hat den Enthusiasmus der Wiederannäherung vergeudet, er hat Chancen vertan und – durch seine Sturheit – die unvermeidliche politische Öffnung verzögert, die die Insel erleben wird. Castro zog es vor sich zu verschanzen, anstatt die eisernen Kontrollen zu lockern, die das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben Kubas peinigen.

Als sich die Gelegenheit für kubanische Kaffeeplantagenbesitzer ergab, ihr Produkt auf US-amerikanischem Boden zu verkaufen, antwortete ihnen von der anderen Seite der erzürnte Nationale Verband der Kleinlandwirte. Angesichts der Vorschläge, engere Bindungen zwischen den Jugendlichen beider Nationen aufzubauen, verschanzte sich der „olivgrüne Regierungsapparat“ hinter einer bitteren Kampagne gegen die Stipendien der Organisation World Learning*.

Googles Angebot, der Insel beim Anschluss ans Internet zu helfen, stieß auf das Monopol der Etesca, dem staatlichen Unternehmen für Telekommunikation, das schon Ende dieses Jahres ein “Pilotprojekt“ starten wird, um das riesige weltweite „Spinnennetz“ in 2000 Haushalte in Alt-Havanna zu bringen. Währenddessen bleiben viele Webseiten aufgrund der scharfen Zensur gesperrt und die öffentlichen Internetzugänge behalten ihre hohen Preise und ihren schlechten Service bei.

Die Regierung rund um die Plaza de la Revolucíon spricht von einem halb leeren Glas. Monatelang beschuldigte man Obama, dass es ihm nicht gelungen ist, das Embargo aufzuheben oder Guantanamo Bay Naval Base zurückzugeben. Eine Propagandastrategie, ein schriller Protest, um das Offensichtliche zu überdecken: Der Nachbar im Norden zeigte bei Wiederannäherung eine bessere Herangehensweise.

Die Fotos, auf denen sich Castro und Obama die Hand geben und in die Kameras lächeln, haben nur geringe Bedeutung. In der Realität ist Kuba weit davon entfernt, die Schlagzeilen der ausländischen Presse zu verdienen, denen zufolge sich Kuba verändert hat, weil Madonna durch die Straßen der Hauptstadt spazierte, weil eine US-amerikanische Fußballmannschaft die Tribünen eines Stadions auf der Insel zum Beben brachte oder weil beide Länder beim Schutz der Haie in der Region zusammenarbeiten.

In der Realität ist Kuba weit davon entfernt, die Schlagzeilen der ausländischen Presse zu verdienen, denen zufolge sich Kuba verändert hat, weil Madonna durch die Straßen der Hauptstadt spazierte

In den letzten Wochen wurde der Bremseffekt viel stärker spürbar. Die kubanischen Behörden wissen, dass auf den neuen „Mieter“ im Weißen Haus viele Herausforderungen zukommen. In seinem Terminkalender für die ersten Monate stehen Dringlichkeiten wie der Syrienkrieg, der IS-Konflikt und seine eigenen internen Probleme, die weder klein noch unbedeutend sind. Kuba wird keine Priorität in der Agenda des nächsten US-Präsidenten haben.

Ob Hillary Clinton oder Donald Trump, der Wahlsieger wird sich erst nach einiger Zeit mit dem Thema Kuba befassen und das auf seine Art tun. Der neue Kurs kann ein erneutes Auseinanderdriften bedeuten oder den von Barack Obama eingeschlagenen Weg vertiefen. Aber die Zügel, die Kuba an das 20. Jahrhundert binden, gehen nicht vom Oval Office aus. Ein über achtzigjähriger Mann hält sie fest, der sich vor der Zukunft fürchtet, die uns erwartet und in der er nicht mehr sein wird.

Anmerkung d. Übers.:

*Dem von „World Learning“ organisierten US-Jugendprogramm wirft die kubanische Regierung vor, Jugendliche unter falschem Vorwand als Akteure für einen Systemwechsel auf Kuba anzuwerben.

Übersetzung: Lena Hartwig