Auf Dächern geboren

In manchen Städten gibt es ein Untergrundleben. Städte, in denen sich ein Teil der Realität  buchstäblich unter der Erde abspielt. U-Bahnen, Tunnel und Keller… der Triumph der Menschheit über ein paar Zentimeter Stein. Nicht so Havanna, Havanna ist eine Oberflächenstadt, in der nur wenig unterirdisch liegt. Auf den Dächern der Häuser jedoch, auf den undenkbarsten Dachterrassen hier, wurden Häuser, Toiletten, Schweineställe und Taubenverschläge errichtet. Als ob hier oben auf den Dächern, außer Reichweite, alles möglich wäre.

Ignacio hat eine illegale Parabolantenne auf der Dachterrasse seines Nachbarn unter einer Weinrebe, die nur mickrige und saure Trauben gibt, versteckt. Einige Meter weiter hat jemand einen Zwinger für Kampfhunde aufgestellt, die dort tagsüber durstig und gelangweilt nach Schatten suchen. Auf der anderen Straßenseite hat eine Familie die an die Dachterrasse einer verlassenen, staatlichen Werkstatt grenzende Wand eingerissen und dort jetzt eine Terrasse und ein Klo errichtet. Wenn es dunkel ist spielen sie dort Domino, während ihnen von der Strandpromenade her eine leichte Brise zuweht.

Carmita bewahrt ihren gesamten Schatz, einige riesige Holzbalken, auf ihrem Haus auf. Damit will sie die Räume stützen, bevor sie einstürzen. Jede Woche geht sie hinauf und sieht wie Regen und Hitze das Holz aufquellen lassen und die Stützbalken zersetzen. Ihr Enkel benutzt die Dachterrasse gerne für das ein oder andere Stelldichein, wenn man nachts kaum noch Schatten ausmachen kann, jedoch ist das Stöhnen durchaus zu vernehmen.

Hier oben, wo Havanna versucht dem Himmel entgegenzuwachsen, und doch nur auf einige Zentimeter kommt, spielt sich für jeden ein Teil seines Lebens ab.

Übersetzung: Katrin Vallet

Advertisements

Utopien und Regimekritik des Pedro Pablo Oliva

Fragmento-Utopito-Pablo-Oliva-UtopA-as_CYMIMA20141027_0036_16

Ein Detail aus dem Bild „Die seltsamen Verirrungen des Utopito“ in der Ausstellung „Utopías y disidencias“ des Pedro Pablo Oliva.   [Schrift: „Ich muss wohl krank sein, alles sehe ich grün.“ Anm. d. Übersetzers: – „alles grün sehen“ entspricht etwa dem Deutschen „alles rosig sehen“. Grün ist auch die typische Farbe der kubanischen Uniformen. ]

Vor ein paar Jahren besuchte ich das Atelier des Malers Pedro Pablo Oliva. Wir hatten uns früher nur kurz bei einer anderen Gelegenheit gesehen, aber er ließ mich in sein Atelier eintreten und zeigte mir ein Werk, an dem er die letzten Korrekturen vornahm. Eine riesige senkrechte Leinwand stand vor mir; der Künstler verharrte in Schweigen, ohne etwas zu erklären. In der Bildmitte schwebten zwei Gestalten. Eine war Fidel Castro, durchsichtig wie auf einer Röntgenaufnahme, vorzeitig gealtert, mit fast gespenstischen Gesichtszügen. In seinen Händen eine schlaffe Mädchenfigur, die er bis zu Bewusstlosigkeit erdrückte und die allem Anschein nach sich aus dieser Umklammerung zu befreien versuchte. Sie war Kuba, erschöpft von so viel besitzergreifender Gesellschaft. Zu ihren Füßen gab es eine Gruppe von winzigen Bürgern, die mit leeren Augen die Szene beobachteten – oder sie sich vorstellten.

Nie konnte ich jenes Bild vergessen, weil Oliva auf einer vergleichsweise kleinen Fläche die Entwicklung eines ganzen Landes im Verlauf eines halben Jahrhunderts dargestellt hatte. In jenem Werk beeindruckte mich seine Kühnheit, wie es das schon vorher sein Klassiker El Gran Apagón (Der Große Blackout) aus dem Jahr 1994 getan hatte, als Stromsperrungen bekanntlich mehr waren, als nur eine künstlerische Metapher. Jetzt, Jahre später, habe ich von der Absage seiner Ausstellung Utopías y disidencias (Utopien und Regimekritik) im Museum von Pinar del Rio erfahren. Die offizielle Begründung bezog sich darauf, dass es in der Stadt „keine subjektiv geeigneten Bedingungen gäbe“ die Bilderschau zu eröffnen. Eine wohlüberlegte Form unbequeme Bilder abzulehnen, in denen der kleine Utopito Ideologien und Träume ausgehend von dem Erreichten hinterfragt.

Trotzdem, die Hartnäckigkeit von Oliva ließ die Kulturfunktionäre vorauseilend tätig werden; er selbst hat gerade angekündigt, dass die zensierte Ausstellung  nun endlich in seinem Atelier stattfinden wird. Von November an können sich somit seine Bewunderer von Pinar del Rio und der ganzen Insel an einem Teil seiner Bilder „Utopien und Regimekritik“ erfreuen, wenngleich es die beschränkten Raumverhältnisse nicht zugelassen haben alle aufzunehmen.

In diesem Raum, wo ein seelenloser Politiker das Vaterland bis zum Ersticken erdrückt, werden wir in wenigen Tagen überlegen, wie es gelingen kann, sich aus dieser tödlichen Umarmung zu befreien, um weiterzuleben.

Übersetzung: Dieter Schubert

14ymedio bleibt noch eine Weile, Ihr Herren von der Staatssicherheit

Der Journalist Juan Carlos Fernández und die Ökonomin Karina Gálvez Chiú. (Quelle: Facebook)

Der Journalist Juan Carlos Fernández und die Ökonomin Karina Gálvez Chiú. (Quelle: Facebook)

Für Juan Carlos Fernández war es ein Montagnachmittag wie jeder andere. Das Wasser wollte einfach nicht aus dem Rohr kommen, deshalb holte er es Glas für Glas vom Spülbecken unten im Haus. Alles in der Familie drehte sich um die Schwiegermutter, die schon seit einem halben Jahr mit dem Tod kämpft, und gelegentlich schaut der schlaksige und fröhliche Mann aus Pinar del Rio auf sein Telefon; sieht nach, ob er eine Nachricht erhalten hat.

Der Alltag wurde in dem Moment unterbrochen, als jemand an die Tür klopfte und und ihm eine polizeiliche Vorladung überreichte. Juanca – wie ihn seine Freunde nennen – ist daran gewöhnt, dass ihn die Staatssicherheit zur Berichterstattung vorlädt. Seine lange Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Conviencia und sein Aufbegehren als Bürger haben ihn unzählige Male auf Polizeistationen und in Arrestzellen gebracht. Deshalb blieb er völlig gelassen und informierte all diejenigen, die ihn mochten und schätzten.

Diesen Morgen saß er dann einer Polizeibeamtin des Instituts für Technische Forschung (DTI) gegenüber. Das Thema, um das es ging, war ebenso vorhersehbar, wie es ihn in seinen Rechten verletzte. Die Mitarbeit bei unserer kleinen digitalen Zeitung war der Grund, warum ihm die Ohren letztens lang gezogen wurden.

„Sie nahmen ein Verwarnung gegen mich zu Protokoll, weil ich für einen illegalen, nicht registrierten Verlag arbeite.“, erzählte mir Juanca. Mit jener Mischung aus Spitzfindigkeit und Humor, die typisch für ihn ist, erwiderte er der Frau, dass sie doch die Legalisierung von 14ymedio erlauben sollten. Natürlich antwortete sie ihm nur ausweichend auf seinen Vorschlag, denn es scheint eine unabdingbare Voraussetzung zu sein, nicht-regierungstreuen Medien ihre Existenz zu verbieten, um die staatliche Presse am Leben zu halten, die aus journalistischer Sicht so schlecht ist, dass sie nur durch ihren Monopolstatus ein gewisse Leserschaft erreicht.

“Ihr seid keine Journalisten”, meinte die Beamtin hochmütig, worauf Juanca flink konterte: „So gesehen, war auch Martí* keiner.“

Neben anderen Falschdarstellungen sagte die Polizistin zu ihm, 14ymedia sei eine von der USAID finanzierte Zeitung. Obwohl es sich hierbei um eine Anschuldigung handelt, die sich bei allen unabhängigen Projekten wiederholt, beweist sie in diesem Fall doch eher Unwissenheit als böse Absicht. Diese Zeitung hat – öffentlich zugänglich und transparent – eine Unternehmensstruktur, deren Einzelheiten man der digitalen Website unter 14ymedio  – wer wir sind entnehmen kann.

Diese Art der Finanzierung war gerade eine der Bedingungen, die uns unerlässlich erschien, um einen modernen Journalismus mit einem nachhaltigen Pressemedium zu etablieren. Im Unterschied zur Granma und all den anderen staatlichen Zeitungen, langen wir nicht in die Staatskasse um Polit-Propaganda zu betreiben. Es stimmt, dass wir schon sehnsüchtig auf ihre Genehmigung warten, unser Kleinunternehmen in das Gewerberegister unseres Landes eintragen zu dürfen. Werden sie sich trauen, uns das zu genehmigen?

Wir warten schon sehnsüchtig auf ihre Genehmigung um unser Kleinunternehmen ins Gewerberegister einzutragen…. Werden sie sich trauen, uns das zu genehmigen?

 

Wir möchten eine juristische Person werden, ein Schild an der Tür unserer Redaktion anbringen und ohne Angst unseren eigenen Presseausweis vorzeigen können. Warum verweigern sie uns dieses Recht? Haben sie noch nicht bemerkt, dass eine von einer Partei vereinnahmte Presse nicht dem informellen Bedarf eines Landes deckt, das so pluralistisch und verschiedenartig ist wie das unsere? Werden sie irgendwann den politischen Mut aufbringen und ein Gesetz herausbringen, damit ein unabhängiger Journalismus aus der Illegalität ins öffentliche Leben treten kann?

Wenn diese Funktionärin lügt, ohne uns das Recht auf eine Gegendarstellung einzuräumen, benutzt sie ihre Autorität für einen Amtsmissbrauch. Dies wird zunehmend dramatischer, wegen der weit verbreiteten Desinformation, mit der der größte Teil der kubanischen Bevölkerung lebt – und offensichtlich auch die politische Polizei.

Eingehüllt in ihre Uniform, sagte die Beamtin noch zu Juanca, dass unser Kommunikationsmittel sich damit beschäftige, die „Errungenschaften der Revolution zu diffamieren und zu beleidigen.“ Mit dieser Behauptung sagt die Frau ganz klar, dass in diesem Land nur Medien existieren können, die ein Loblied auf das System singen und sie gibt andererseits zu verstehen, dass sie einen privilegierten Zugang auf 14ymedio hat, denn seit unserer Gründung am 21. Mai blockieren uns die Server der Insel. Sehr geehrte Frau, verschaffen Sie sich mit anonymen Proxys Zugang auf unsere Seite? Oder noch schlimmer: Sprechen Sie von etwas, das Sie noch nie gesehen haben? Ich fürchte, Letzteres ist der Fall.

Ich fordere diese Polizistin dazu auf, mir nur ein einziges Merkmal des heutigen politischen Systems auf Kuba aufzuzeigen, das die Bezeichung „Revolution“ erlaubt. Wo bleibt die Dynamik? Die Reformbestrebung? Die Bewegung? Bitte, bringen Sie alle ihre Worte auf den neuesten Stand – nicht aus Respekt vor dieser abtrünnigen Philologin, die an die Semantik der Begriffe glaubt – sondern: Solange Sie nicht öffentlich gestehen, dass Sie in der Geschichte feststecken, verknöchert und fossil, werden Sie auch die Lösungen nicht vorlegen können, die diese Nation so dringend braucht.

Während der Vernehmung wurde unserem Korrespondenten aus Pinar del Río damit gedroht, dass er bei weiterer journalistischer Tätigkeit verhaftet und sein Telefon sowie seine Kamera konfisziert werden könnten. Was ist das für ein ideologisches Bollwerk, für das Information eine Gefahr darstellt? Tatsächlich verstehe ich von Mal zu Mal weniger.

In der Situation, in der wir jetzt sind, ist alles möglich. Repressionen der schlimmsten Art, wie im Schwarzen Frühling 2003; Gewehrkolben, die Türen einschlagen, die Weiterführung der Diffamierungs-Kampagne, die immer weniger Wirkung hat,… all das und vieles mehr. Eines wird jedoch trotz der Angst und des Drucks nicht geschehen: dass wir damit aufhören, Journalismus zu machen. 14ymedio bleibt noch eine Weile, deshalb ist es besser, wenn sie sich langsam daran gewöhnen mit uns zu leben.

Anmerkungen der Übersetzer:
* José Martí (1853-1895) war ein kubanischer Schriftsteller und Journalist. Er gilt als Nationalheld und als Symbol für den Unabhängigkeitskampf des Landes

Übersetzung: Nina Beyerlein und Dieter Schubert