Ein Montag, an dem Havanna Angst hatte

Man kann nicht einmal sagen, dass es in Havanna Tag geworden wäre, weil es heute Morgen am Horizont nicht hell wurde. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 8.August 2022

Ich wachte mit Halsschmerzen auf, ging ins Bad um zu gurgeln und schaute aus dem Fenster. Am Osthimmel sah ich einen beunruhigenden Schein. In Matanzas, dem Terminal für Supertanker, brennt seit vergangenem Freitag ein Treibstofflager, ein Ereignis, das wir nicht nur im Fernsehen oder in den sozialen Netzen verfolgen. Es ist auch hier, in Havanna, wo eine dunkle Wolke mit Verbrennungsrückständen über der Stadt steht und die Menschen nach Antworten suchen, die sie nicht finden.

Meine Hündin Chiqui hebt die Schnauze, legt die Pfoten auf den Schwanz und verschwindet schließlich unter dem Sofa. Meine Mutter ruft mich an, weil sie das Haus verlassen muss und nicht weiß, welche Vorsichtsmaßnahmen sie treffen soll. Ich rate ihr eine Maske zu tragen und sich vor Nässe zu schützen, wenn es einen Wolkenbruch gibt. Im Hintergrund läuft das offizielle Fernsehprogramm; es zeigt Parteiführer bei einer Sitzung in einem klimatisierten Raum, sowie Nachrichtensprecher, die um jeden Preis zutreffende Wörter vermeiden. Man sagt nicht „Explosion“ oder „Alarm“, und man spricht nicht von „Gefahr“ oder „Bedrohung“.

Niemals glaubte ich, dass das politische Systems bei Bewältigung einer Katastrophe derart unfähig wäre, dass schlechtes Management, die Verletzung von Sicherheitsvorschriften, Nachlässigkeit und Selbstüberschätzung uns an Grenzen bringen würden.

Es gibt eine Realität und eine andere parallel dazu. Während man vor den Mikrophonen von „überwinden“ und „durchstehen“ spricht, schauen die Menschen in meinem Viertel zum Himmel und haben Angst. Man kann nicht einmal sagen, dass es in Havanna Tag geworden wäre, weil es heute Morgen am Horizont nicht hell wurde. Meine Augen brennen; wenn es einem Sonnenstrahl gelingt durch die dunkle Wolkendecke zu dringen, dann fällt auf den Terrassenboden ein eigenartiges gelbliches Licht, fast gespenstisch. Mein Kopf dröhnt; ich versuche möglichst viel Wasser zu trinken, von Trinkwasser-Reserven vor Ausbruch des Brands, weil die Regenfälle von Samstag bis heute die Reservoirs kontaminiert haben könnten.

Angesichts der Situation gehe ich meine Liste mit fragilen Personen durch. Die alte Frau um die Ecke, die seit dem frühen Morgen in der Warteschlange steht um Brot zu kaufen; der Freund, der eine Parzelle mit Gemüse hat und fürchtet, dass die vielen Rückstände in der Luft letztlich in Lebensmittel gelangen werden, und er sein Gemüse nicht mehr verkaufen kann. Dann fehlt ihm das Geld, um seine Familie und die Mutter des Sohns zu unterstützen, der seinen Wehrdienst leistet. Sie befürchtet, dass sie ihren Jungen in die Unfallzone schicken, obwohl er weder die Erfahrung noch das nötige Alter für die Bekämpfung dieses Brandmonsters hat.

Niemals glaubte ich, dass das politische Systems bei Bewältigung einer Katastrophe derart unfähig wäre, dass schlechtes Management, die Verletzung von Sicherheitsvorschriften, Nachlässigkeit und Selbstüberschätzung uns an Grenzen bringen würden. Optimistisch, wie ich von Natur aus bin, dachte ich, dass es sogar für offiziellen Pfusch eine Grenze geben müsse, oder wenigstens einen eingeschränkten Wirkungsspielraum, und dass sie nicht so vielen Menschen in so kurzer Zeit so viel Schaden zufügen könnten. Ich habe mich geirrt. Das System ist tödlich. Seine Unfähigkeit tötet, und es sind viele. Heute schreit der Himmel über meiner Stadt, dass das stimmt.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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