Die ‚Entbalkonisierung‘ von Havanna

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Im Unterschied zu Berlin, für die ‚Entbalkonisierung‘ von Havanna sind nicht die Bomben eines Kriegs verantwortlich. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 18.Juni 2022

Ein Mitglied einer Berliner Akademie war sehr glücklich, als seine kubanischen Freunde zu Besuch kamen und er mit ihnen eine lange und informative Rundfahrt durch Berlin machen konnte. Bei solchen Fahrten fehlte nie die Geschichte vom allmählichen Verschwinden der Balkone, der besonders den Sektor der Stadt betraf, der nach dem Zweiten Weltkrieg unter sowjetischer Verwaltung stand. Die Bombardierungen der Stadt während des Kriegs, die Tendenz Teile von betroffenen Gebäuden zuzumauern, anstatt sie zu renovieren als Frieden war, und eine sozialistische Architektur, die sich mehr an einer praktischen als an einer schönen Bauweise orientierte, führten zu einer ‚Entbalkonisierung‘ der Hauptstadt der DDR.

Nachdem der Professor davon in allen Einzelheiten berichtet hatte, sprach er von einem eigenartigen Konzept der Stadt. Er atmete tief durch und erläuterte dann ausführlich, wie nach dem Fall der Berliner Mauer der umgekehrte Prozess einsetzte, die ‚Rückbalkonisierung‘ der Stadt. Jetzt hielt er kurz inne und versicherte, dass er nur im Zusammenhang mit diesem architektonischen Detail diesen Neologismus verwenden könne. Bei keiner anderen Gelegenheit wäre dies möglich. Daher möchte er sich bei seinen geduldigen Zuhörern ausdrücklich bedanken, dass sie ihm die Gelegenheit dazu gegeben hätten.

Im Unterschied zu Berlin ist die ‚Entbalkonisierung‘ von Havanna nicht eine Folgeerscheinung von Bomben in einem Krieg. Nachlässigkeit, der fehlende Wille zu erhalten, und die materielle Not der Besitzer vieler Gebäude haben bewirkt, dass diese architektonischen Elemente zunehmend verloren gingen und gehen, aufgrund von Mauerrissen, Verbau oder Einsturz. Mehr und mehr sieht man Fassaden, an denen Stahlstreben herausragen, die früher eine schöne Terrasse trugen, die nach außen strebte.

Die kubanische Hauptstadt wurde ‚entbalkonisiert; sie hat aber auch ihre Gebäudesimse und die mit Blumen und Blüten geschmückten Kapitelle vieler Säulen verloren. (14ymedio)

Aber es fehlen nicht nur die hundert (vielleicht auch tausend) Balkone, die auf Straßen gefallen sind, oder auf die Köpfe der Vorbeigehenden, oder auf das darunter liegende Stockwerk. Viele andere sind nicht mehr zugänglich, oder werden von den Bewohnern nicht mehr genutzt, aus Angst abzustürzen wenn man sie betritt. Was früher einmal für die Angehörigen eines Hausstands ein Bauelement für Unterhaltung und Vergnügen war, oder auch nur eine Augenfreude für die Fußgänger, ist jetzt zu einem Panikobjekt verkommen. Die Leute fürchten diese rissigen, durchfeuchteten und von Schimmel befallenen Erker.

Die kubanische Hauptstadt wurde ‚entbalkonisiert‘; sie hat aber auch ihre Gebäudesimse und die mit Blumen und Blüten geschmückten Kapitelle vieler Säulen verloren. Früher konnte man durch die Straßen gehen, ohne sich nennenswert von den überdachten Portalen zu entfernen. Heute stößt man dabei auf heruntergefallene Dachteile, die dazu zwingen auf den Gehsteig auszuweichen und im Zickzack weiterzugehen. Dem ist hinzuzufügen, dass man bei den meisten Gebäuden, die in der Zeit der sowjetischen Subventionen gebaut wurden, auf Balkone verzichtete, obwohl die in einem tropischen Land ein wichtiges Bauelement sind. Graue Mauern, kleine Fenster, und nicht einmal eine Freifläche um Wäsche aufzuhängen, das ist harte Realität, wenn man in einem dieser Betonblöcke wohnt.

Ich träume von dem Tag, an dem mein akademischer Freund Havanna wieder besucht und dieser Albtraum des Verfalls dann nur noch eine Erinnerung an die schlimme Vergangenheit ist. Ganz sicher werde ich ihm dann sagen, dass die Demokratie nicht nur ermöglicht hat, alles sagen zu können was man denkt, ohne dafür bestraft zu werden, sondern dass sie auch der Impuls für den Bau von anderen Wohnungen war, weil sie viele emigrierte Architekten ins Land zurückkehren ließ. Diese talentierten Architekten planten kühlere Häuser, die die Meeresbrise nutzten und bei den Bewohnern nicht das Gefühl auslösten, in einer Streichholzschachtel eingesperrt zu sein.

Dann werde ich es genießen ihm noch zu sagen, dass die ‚Rückbalkonisierung‘ von Havanna, der Stadt meiner Geburt, schon begonnen hat. Vermutlich wird es eine der wenigen Gelegenheiten sein, bei denen ich dieses neue Wort verwenden werde.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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In Havanna stehen nicht zwei Männer vor Gericht, sondern ein Symbol

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Otero Alcántara und Maykel Castillo in Havanna, als sie noch in Freiheit waren. (Anamely Ramos)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.Mai 2022

Der letzte Montag im Mai beginnt in Havanna mit Nebel und Nässe. Dennoch, das Tagesgespräch dreht sich nicht um den möglichen Platzregen oder um die Schwierigkeiten, in einer Stadt mit einer Treibstoffkrise vorwärts zu kommen. Im Gericht in Mariano, einem Viertel im Osten von Havanna, findet an diesem Tag eine Verhandlung statt, die viele Tausend mit Augen und Ohren verfolgen. Der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara und der Rapper Maykel Castillo Osorbo sind die Angeklagten.

In den letzten Monaten kam es zu vermehrten Anhörungen jener, die an den öffentlichen Demonstrationen im vergangenen Juli teilnahmen, oder es ergingen Urteile gegen Bürger, die in den sozialen Netzen ihre Unzufriedenheit kundgemacht hatten. Trotzdem, der Prozess in dieser Woche markiert einen Höhepunkt der Unterdrückung in diesem Land. Otero Alcántara steht vor Gericht, weil er, von anderen „Vergehen“ abgesehen, sich tagelang in die kubanische Fahne hüllte. Dies war eine künstlerische Aktion, die der Bürokratie missfiel, weil sie nationale Embleme für ihren ideologischen und parteiischen Kreuzzug exklusiv beansprucht.

Was Osorbo betrifft, so wirft man ihm vor, dass er die Person des Staatspräsidenten Miguel Díaz-Canel beleidigt hat, und dass er den Ministerpräsidenten Manuel Marreo für ausbleibende Lieferungen an die Krankenhäuser verantwortlich macht. Beide Beschuldigungen, für die die Staatsanwaltschaft sieben bzw. zehn Jahre fordert, würden in demokratischen Ländern kaum eine kleine Geldstrafe nach sich ziehen, oder in einem Rechtsstaat schlechthin kein Delikt darstellen. Beide Angeklagten erwarten monatelange Gefängnisstrafen, weil sie jetzt vor einem Gericht stehen, dessen Urteile sich eher nach den Launen von mächtigen Leuten richten, als nach der Strenge des Rechts.

Wie bei einer heißen Kartoffel: hält man sie zu lange in der Hand, verbrennt man sich die Finger; lässt man sie fallen, fängt man an zu lachen. So ist es mit dem Castrismus, in dessen Hand jetzt das Leben der beiden jungen Menschen liegt.

Um Zeichen der Solidarität mit den Angeklagten zu verhindern, stand am Morgen die Umgebung des Gerichts unter starken Sicherheitsmaßnahmen von Polizeikräften. Die Telefonleitungen von vielen Aktivisten und unabhängigen Journalisten waren blockiert, und außerdem begann in den sozialen Netzwerken eine intensive Verteufelungs-Kampagne, die versuchte, jede Art von Unterstützung von Otero Alcántara und Osorbo schon im Vorfeld zu verhindern. Aber diese Offensive bewirkte offensichtlich das Gegenteil von dem, was das Regime beabsichtigte: Bürger, die nichts von dem Gerichtsverfahren wussten, gingen der Sache nach, weil so viele Uniformierte im Stadtteil waren; und die Hartnäckigkeit, mit der man in den sozialen Netzwerken beide Angeklagten als „Kriminelle“ darstellte, hat bei den Bürgern eher Sympathie als Ablehnung ausgelöst.

Wie bei einer heißen Kartoffel: hält man sie zu lange in der Hand, verbrennt man sich die Finger, lässt man sie fallen, fängt man an zu lachen. So ist es mit dem Castrismus, in dessen Hand jetzt das Leben der beiden jungen Menschen liegt, die das Scheitern des Systems repräsentieren. Sie kommen aus bescheidenen Verhältnissen, und man dachte, dass sie das politische Modell blind begrüßen würden, das sich vor mehr als 60 Jahren in Kuba etablierte. Beide gehören Schichten der Gesellschaft an, die, so die offizielle Propaganda, am meisten von der Revolution profitierten. Stattdessen haben sie die Lügen und die Willkür der Hierarchie in olivgrün öffentlich verurteilt, wie auch die Armut in San Isidro, ihrem Viertel, und die Straflosigkeit der Polizei.

Dass man sie verhaftet hat und vor Gericht stellt beweist, dass das System von den Bürgern absoluten Gehorsam erwartet, nicht aber Kritik oder Widerspruch. So wurden Otero und Osorbo zu einem Menetekel für die Schwäche einer Bürgerschaft, der man alle Wege hin zu einer friedlichen Änderung des Status quo versperrt hat.

In den nächsten Tagen werden wir das Urteil kennen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie verurteilt werden, weil man ein Exempel statuieren will. Aber das kubanische Regime hat diese Schlacht schon verloren. Es kann zwei Männer für Jahre wegsperren; es wird ihm aber nicht gelingen das Symbol hinter Gitter zu bringen, zu dem sie geworden sind.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch veröffentlicht.

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Die Zeitung ’14ymedio‘ hat Geburtstag

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Zwei plumeria rubra, Franchipani genannt, wachsen auf der Dachterrasse der Redaktion.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 21.Mai 2022

Ich habe in meinem Leben einige wichtige Entscheidungen getroffen, auf die ich stolz bin. Die Liste wäre sehr lang; hier stehen einige der wichtigsten, um an sie an diesem Tag zu erinnern.

  • Mit 16 Jahren: sich für ein Studium der Humanwissenschaften entscheiden, trotz eines starken Hangs zu Physik.
  • Mit 17 Jahren: einen „verrückten und langhaarigen“ Journalisten kennenlernen, mit Namen Reinaldo Escobar, und mit ihm zusammenleben.
  • Mit 19 Jahren: Teo auf die Welt bringen, obwohl die meisten meiner Freunde und Bekannten sagen, dass es noch zu früh wäre Mutter zu sein.
  • Mit 26 Jahren: emigrieren und die köstliche Freiheit genießen.
  • Mit 28 Jahren: in mein Land zurückkehren, und entgegen aller Prognosen meine kritische Stimme innerhalb der Inselgrenzen erheben.
  • Mit 31 Jahren: den ersten Artikel für meinen Blog ‚Generación Y’schreiben.
  • Mit 38 Jahren: die Tageszeitung ’14ymedio‘ gründen.
  • Mit 43 Jahren: den Podcasts ‚Cafecito informativo‘ starten.

Heute, am 21.Mai 2022, feiern unsere “Vierlinge“ ihren den achten Geburtstag. So nennen wir in der Redaktion ’14ymedio‘, denn seit unsere Zeitung am 21.Mai 2014 das Licht der Welt erblickte, gab es – wie bei 4 kleinen Kindern im trauten Heim – keine ruhige Morgenstunde mehr. Wenn die Nachrichten “schreien“, ist es mit der Ruhe vorbei. In den vergangenen Jahren war unser Leben den “informativen Notfällen“ ausgeliefert, dem Auf und Ab der Realität und dem Schwindelgefühl in den Räumen der Redaktion.

Kein Grund zu jammern; ich kann mir kein besseres Leben vorstellen.

Im Monat Mai habe ich schon acht Mal die Geburtstags-Kerzen für ’14ymedio’ausgeblasen; ich bin dankbar, dass ich von so vielen fähigen Reportern umgeben bin, von unentbehrlichen Journalisten und klugen Herausgebern.

Ihr seid meine Familie, bei euch sein zu können gehört zu den besten Entscheidungen in meinem Leben; ohne jeden Zweifel.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Ein Strafgesetzbuch, um uns Fesseln anzulegen

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Die schlimmsten Teile des neues Strafgesetzbuchs betreffen den Journalismus, der nicht von der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) kontrolliert wird. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 17.Mai 2022

Das neue Strafgesetzbuch, das die kubanische Nationalversammlung verabschiedet hat und das in den kommenden Tagen in Kraft treten wird, ist ein detailliertes Kompendium der wesentlichsten Ängste der Partei. Wie jedes autoritäre Modell, sieht sich das Regime der Insel dazu gezwungen, jedes Verbot aufzulisten und alle Strafen aufzuzählen. So versucht man neuen Formen von Konfrontation und Ablehnung durch die Bürgerschaft schon im Vorfeld zu begegnen.

Wenn man zwischen den Zeilen der neuen gesetzlichen Regelungen liest und das abtrennt, was vom vorigen Gesetzbuch bezüglich Bestrafung von häufigen Delikten übernommen wurde, dann erkennt man die Panik, die den Führenden den Schlaf raubt. Die unabhängige Presse, der Aktivismus, die öffentlichen Proteste gegen das Regime, wie die vom vergangenen 11.Juli, und die Möglichkeit, dass Personen in Initiativen zusammenfinden, um ihren Widerspruch zum politischen und wirtschaftlichen System zu artikulieren…dies steht im Zentrum der Ängste, die den Platz der Revolution erbeben lassen.

Die schlimmsten Teile im neuen Gesetzbuch betreffen den nicht von der PCC kontrollierten Journalismus, weil für diese Presse damit der Zugang zu Geldern, Ressourcen und Fonds internationaler Organisationen noch mehr verteufelt wird. In einem Land, in dem eine Gruppe von Männern öffentliche Mittel nach Gutdünken einsetzt, um ihre ideologischen Propaganda-Medien zu unterstützen, versuchen dieselben Personen den unabhängigen Zeitungen und Zeitschriften die finanzielle Luft abzuschneiden, die diese zum Überleben brauchen. Nur der PCC soll die Verbreitung von informativen Inhalten erlaubt sein, mit Überwachung und der Schere der Zensur, die bereit ist alles herauszuschneiden, was der Partei nicht nützt.

Das neue Gesetz kann man eher als eine Aktualisierung betrachten, mit Blick auf eine andere Realität, als den Beginn einer beispiellosen Razzia gegen den freien Fluss von Nachrichten.

Trotzdem, die aktuelle Drehung an der Schraube hatte im ‚Knebelgesetz‘ einen Vorläufer: im sogenannten ‚Schwarzen Frühling‘ 2003 gingen deswegen 75 Dissidenten ins Gefängnis; das Gesetz wurde nie außer Kraft gesetzt. So gesehen kann man das neue Gesetz eher als eine Aktualisierung betrachten, mit Blick auf eine andere Realität, als den Beginn einer beispiellosen Razzia gegen den freien Fluss von Nachrichten. Die wachsende Popularität von informativen Portalen, um die sich unabhängige Journalisten kümmern, hält eine Diktatur in Schach, die seit Jahrzehnten mithilfe Geheimniskrämerei und der absoluten Kontrolle über die Berichterstattung regiert.

Etwas Ähnliches bewirkt im neuen Gesetzbuch der Artikels 12o.1, der jeden bestraft, „der eigenmächtig ein in der Verfassung verankertes Recht oder eine dort gewährte Freiheit für sich in Anspruch nimmt und die konstitutionelle Ordnung in Gefahr bringt“. Da die PCC in der Verfassung als die höchste Macht im Staat und als gesellschaftsführend betrachtet wird, gilt der Versuch, dies zu ändern oder eine Alternative zu etablieren, als ein schweres Vergehen, ein sehr schweres. Ungeachtet dessen, eine ähnliche Zwangsjacke gab es schon mit der volkstümlich so genannten „konstitutionellen Mumifizierung“. Ohne auf die Forderungen nach einem Referendum einzugehen, in dem die Wähler sich für oder gegen den Vorschlag hätten entscheiden können, setzte man das Gesetz 2002 in Kraft.

Schlussendlich, wenn ein Gutteil dessen, was mit dieser Gesetzgebung bestraft wird, schon verboten ist, auf die eine oder andere Weise, mit Dekreten, Vorschriften und Beschlüssen, dann fragt man sich nach den Gründen, warum das neue Gesetz das Veto verstärkt und das Strafmaß erhöht. Alles weist darauf hin, dass es sich um einen Sieg der Ewiggestrigen handelt; wir stehen vor einem Bild mit jenen Brücken, die die Fortschrittsfeindlichsten sprengen, um zu verhindern, dass sich der demokratische Wandel von innen nach außen vollzieht, also bei den gewöhnlichen Leuten seinen Anfang nimmt. Das ist der eigentliche Terror des Castrismus und seiner verzweifelten Versuche, das zu bremsen, was auf jeden Fall kommen wird.

Das neue Strafgesetzbuch ist gedacht dazu uns zu fesseln; das beweist, dass es von einem System konzipiert wurde, das im Misstrauen der Gesellschaft untergegangen ist und Angst vor der Zukunft hat.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle im spanischen Original publiziert.

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Presse und Verantwortung angesichts der Tragödie

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Die Rauchwolke der Explosion beim Hotel ‚Saratoga‘ konnte man vom Platz der Revolution aus sehen. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 7.Mai 2022

Es klang wie ein Donnerschlag, aber als ich auf dem Balkon Ausschau hielt, war der Himmel wolkenlos. Ich schaute über die Stadt und sah einen Berg aus Rauch, der sich über den Bereich Alt-Havanna erhob. Instinktiv schaute ich auf die Uhr, es war am Morgen, 10:53 Uhr, Freitag der 6.Mai. Wir wussten nicht was geschehen war, aber es war ernst. In der Redaktion von 14ymedio verfassten wir in aller Eile eine Pressenotiz, die der Welt mitteilte, dass Havanna von einer Explosion erschüttert wurde; zunächst glaubten wir, dass der Bereich der Bucht davon betroffen wäre.

Wenig später erreichten uns die ersten Bilder, unsere Reporter näherten sich dem Ort und das Ereignis nahm Form an: Das Hotel ‚Saratoga‘ war eingehüllt von einer Staubwolke und die nähere Umgebung bedeckt mit Schutt. Die Leute machten Fotos mit ihren Mobiltelefonen; sie waren in der Nähe des Bauwerks und berichteten, dass von dem, was bis vor kurzem noch ein architektonisches Schmuckstück der Stadt war, nur eine große Ruine aus Eisenteilen und Steinen übrig geblieben war. Fast eine Stunde lang hat die offizielle Presse nicht reagiert.

Die Journalisten der Stadt und die unabhängigen Medien gingen sehr verantwortungsvoll mit diesen langen Minuten um. Trotz der Gerüchte, die in den Straßen zirkulierten und eine Bombe oder Sabotage mutmaßten, bewahrten meine professionellen Kollegen die Ruhe und versuchten, jeden publizierten Hinweis zu überprüfen. Das war schwierig, denn als die offiziellen Zeitungen begannen von dem Vorfall zu berichten, vermischten sie oft Tatsachen mit Spekulation und Wahrheiten mit Lüge. Die schlimmsten Falschmeldungen gingen zu Lasten der Titelseiten, die von der Kommunistischen Partei kontrolliert worden waren.

Die Journalisten der Stadt und die unabhängigen Medien gingen sehr verantwortungsvoll mit diesen langen Minuten um.

Die Berichterstattung im Fernsehen war katastrophal. Die schlecht vorbereiteten Sprecher improvisierten, verwechselten das Hotel ‚Saratoga‘ mit dem Kapitol und erklärten jemand für tot, weil sie nur auf ihre Bildschirme starrten und sahen, wie ein Körper auf einer Bahre herausgetragen wurde, als ob sie Ärzte wären und entscheiden könnten, wer lebt und wer nicht. Die überall waltende Ideologie versuchte, die menschliche Solidarität für sich in Anspruch zu nehmen, indem sie die Hilfe, die Anwesende für die am meisten Betroffenen leisteten, als parteiisch motiviert bezeichnete.

Dazu kam noch, dass Miguel Díaz-Canel nicht auf die Gelegenheit verzichtete, sich vor den Mikrofonen mit den unabhängigen Medien anzulegen, die er beschuldigte, Gerüchte in die Welt zu setzen und Lügen über das Geschehen zu verbreiten. Anstatt angesichts der Tragödie an Eintracht und Solidarität zu appellieren, zog er es vor, diesen schmerzlichen Moment für seinen alten Kampf gegen ‚Abtrünnige‘ zu nutzen. Der mittelmäßige Mann, der er ist, zeigte wieder einmal, dass ihm jedwede Größe eines Staatsmanns fehlt.

Ohne unsere Arbeit und die von vielen Bürgern, die vor Ort informierten, hätte es viel länger gedauert, bis die Nachricht bekannt geworden wäre, und die solidarische Hilfe hätte sich um eine Zeitspanne verzögert, die entscheidend für die Opfer war. Die Presse zu beschuldigen, ist mitten in einer Tragödie ein hässlicher Akt von Parteipolitik, und der Versuch, Emotionen zu benutzen, um Journalisten herabzuwürdigen.

Der mittelmäßige Mann, der er ist, zeigte wieder einmal, dass ihm jedwede Größe eines Staatsmanns fehlt.

An diesem Freitagvormittag erreichte uns eine Nachricht, die uns erschütterte und uns zwang 24 Stunden ununterbrochen zu arbeiten. Keine Frage, auch wir hätten es vorgezogen, wenn die Nachricht froh und verheißungsvoll gewesen wäre. Aber angesichts einer Katastrophe bestimmen Transparenz, Professionalität und Respekt im Umgang mit Leidenden unsere Informationspolitik, ohne dass wir uns einbilden, ein Vorrecht darauf zu haben.

Machen Sie keinen Fehler, Díaz-Canel, in den ersten Stunden dieses bedauernswerten Ereignisses, war die unabhängige Presse unverzichtbar. Ohne es zuzugeben lest ihr uns, kopiert uns, und übernehmt sogar ganze Sätze aus unseren Artikeln. Während ihr uns von oben bis unten beleidigt, in euren klimatisierten Büros ergänzt ihr Berichte über das Drama mit vielen Details, die wir zusammengetragen haben.

Unsere Anteilnahme und unser Mitgefühl soll denen gehören, die einen geliebten Menschen verloren haben, auch denen, die einen Angehörigen haben, der jetzt in einem Hospital um sein Leben kämpft, oder dem, der noch unter den Trümmern eingeschlossen ist. Ihr sollt wissen, dass wir unseren informativen Auftrag nicht eher für beendet erklären werden, bis wir alle Details zu diesem Geschehen publiziert haben; wir bestehen auf einer transparenten Untersuchung ohne politische Manipulationen. Wir werden immer auf Seiten der Opfer sein.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Für das blaue Vögelchen beginnt eine neue Epoche; Flug oder Fall?

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Das Logo von Twitter; Archivbild. (EFE/EPA/JUSTIN LANE)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 30.April 2022

Wird es höher fliegen oder abstürzen? Diese Frage über die Zukunft von Twitter beschäftigt uns seit einiger Zeit, aber nach der Mitteilung von Elon Musk, dass er das soziale Netzwerk für etwa 44 Milliarden Dollar gekauft hat, hat die Frage an Bedeutung gewonnen. Es handelt sich nicht nur um einen virtuellen Raum für Prominente und Politiker; das Netzwerk ist auch ein Sprachrohr und ein Schutzschild für viele Tausend Aktivisten und Journalisten, weltweit.

Seit 14 Jahren habe ich ein Konto bei dem blauen Vögelchen; ich eröffnete es im Sommer 2008, als der mittlerweile legendäre Tweet von Jack Dorsey, in dem er schrieb „Just setting up my twttr“, als der erste Zweig für ein Nest gewürdigt wurde, das uns alle aufnehmen konnte. Seit damals, zunächst mit 140 Zeichen und heute mit den aktuellen 280, hat mich sein Zwitschern vor manchem Schrecken bewahrt, und hat mir geholfen, von meinem Land zu berichten.

Als die offizielle kubanische Presse zum ersten Mal Twitter erwähnte, erklärte sie den Kurznachrichtendienst als eine von der CIA, dem Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten, kreierte Technologie. Wie bei jedem neuen Phänomen eröffneten die Propagandisten des Castrismus das Feuer auf etwas, was sie zwar nicht verstanden, aber für kurzlebig hielten. Ihre Ablehnung von Twitter einerseits, und, auf der anderen Seite, die Notwendigkeit eines Tools für Aktivisten und unabhängige Journalisten, um unmittelbar publizieren können,…beides war kennzeichnend für den Flug des Vögelchens über diese Insel.

Twitter hat ein rebellisches und aufsässiges Naturell, von dem Tag an, als die Kubaner begannen die Plattform zu nutzen. Als der Platz der Revolution ihre wahre Bedeutung erkannte, hatten oppositionelle Gruppen, alternative Medien und eher kritische Bürger schon Monate oder Jahre Tweets verbreitet. Dann landete auch die Kommunistische Partei Kubas in dem Netz, das sie bis vor kurzem abgelehnt hatte.

Wie bei jedem neuen Phänomen eröffneten die Propagandisten des Castrismus das Feuer auf etwas, was sie zwar nicht verstanden, aber für kurzlebig hielten.

Die Ankunft von regierungstreuen Anhängern im Netz war markiert von förmlich wiederholten Losungen mit null Spontanität, der Schaffung von „bots“, die sich der Drangsalierung von Dissidenten widmeten, und der Bereitstellung einer ganzen Armee von Cyber-Polizisten, die den überwachten, der mit Kritik an der Regierung übertrieb. Solche Praktiken blieben bei dem „Riesen in San Francisco“ nicht unbemerkt; der häufig mit der Sperrung von Accounts zweifelhaften Ursprungs antwortete, sowie mit Verwarnungen aufgrund von offiziellen Bedrohungen wehrloser Bürger.

Die Geschichte, die ich gerade erzähle, wiederholt sich in fast allen Ländern mit autoritären Regimen, mit extremen Beispielen wie das von China, wo Twitter kaum „piep“ sagen kann, wegen der dort herrschenden eisernen Zensur. Andererseits sind manche Diktaturen von ihrer anfänglichen Ablehnung dazu übergegangen, den Dienst zum Zweck der Propaganda und Einschüchterung zu nutzen. Im Zusammenhang mit dem Besitzerwechsel im Unternehmen, bleibt die große Frage, ob es für tyrannische Staatsmodelle einfacher wird, ihr Ziel zu erreichen, oder ob sie, im anderen Fall, mit ihren schmutzigen digitalen Tricks nicht mehr weitermachen können.

Der reichste Mann der Welt steht vor einer Herausforderung. Er hat versprochen aus Twitter einen Raum für die Meinungsfreiheit zu machen, „besser als je“, aber er hat auch eine virtuelle Welt erworben, in der es mehr als 300 Millionen Identitäten gibt, viele davon real, ein Gutteil mit unsicherer Herkunft oder ersichtlich fiktiv. Jenseits von Prominenten, Multimillionären und Präsidenten − der Zweifel, der bei uns Nutzern als die verletzlichste Gruppe aufkeimt, ist, ob das blaue Vögelchen unsere Stimme weiterhin in „Höhen“ tragen wird, wo ein kurzer Tweet einen Staatsstreich aufhalten, die Riegel einer Gefängniszelle öffnen, oder einen Gnadenschuss verhindern kann.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika“ publiziert.

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Die Staatssicherheit glaubt, dass sie die Presse mit plumpen Fußtritten mundtot machen kann

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Wir handeln hier nicht mit Bargeld, sondern mit Geschichten, Nachrichten und alltäglichen Dramen. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 26. April 2022

Die „ruhelosen Burschen“ der politischen Polizei wissen nicht mehr, was sie erfinden sollen, um unsere journalistische Arbeit zu boykottieren. Heute kamen sie auf die Idee (und nicht zum ersten Mal), meine Mobiltelefonnummer und die meines Mannes in Kleinanzeigen auf mehreren Webseiten bekannt zu machen, zusammen mit dem falschen Hinweis, dass man unter diesen Nummern Dollars, Euros und andere Devisen kaufen kann.

Seitdem klingelt mein Telefon ununterbrochen, jeder eingehende Anruf kappt die Verbindung ins Internet und unterbricht meine Arbeit im Verlag; sogar Interviews  und Zeugenaussagen, die ich für meine Serie Die Mütter des 11.Juli sammle (#madresdel11j), bleiben bei dem Dauerklingeln von verzweifelten Anrufern auf der Strecke, die jeden Cent in Fremdwährung suchen, um dieser Insel entkommen zu können (#islaenfuga).

Das hier ist nur ein „Kinderspiel“ im Vergleich zu dem, was wir seit fast zwei Jahrzehnten bei unserer informativen Arbeit erleben mussten.

Wenn die Agenten der Staatssicherheit glauben, dass sie mit diesen groben Aktionen die Presse knebeln…dann verstehen sie nichts. Das hier ist nur ein „Kinderspiel“ im Vergleich zu dem, was wir seit fast zwei Jahrzehnten bei unserer informativen Arbeit erleben mussten. Ja, ich bedauere all jene, die mich unter der achtstelligen Nummer meines Mobiltelefons anrufen und damit hoffen, Banknoten zu bekommen, um in den infamen Geschäften einkaufen zu können, die nur konvertible Währungen akzeptieren, oder um ein Ticket zu kaufen, das sie an einen anderen Punkt der Weltgeographie bringt.

Sie alle tun mir leid, aber nein. Dieses Telefon ist nicht das einer öffentlichen Wechselstube, sondern das einer Zeitungsredaktion. Wir handeln hier nicht mit Bargeld, sondern mit Geschichten, Nachrichten und alltäglichen Dramen. Was von Wert ist wird hier nicht auf ein Stück Papier reduziert; es ist vielmehr unsere Fähigkeit, die wir als Team haben, über das wahre Kuba zu berichten.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Die „café con leche“-Kubanologen

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In der vergangenen Woche haben die Spanierin Ana Hurtado und der Mexikaner Jerómino Zarco Kuba besucht, auf Einladung des Regimes.(Twitter/@Ana_Hurtado86)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 30.März 2022

Man entdeckt sie, wenn sie reden. Kaum, dass sie aus dem Flugzeug gestiegen sind, fangen sie an Sätze von sich zu geben, wie: „Sie wissen nicht, was Sie hier haben“, „das Leben dort draußen ist viel härter“ oder „mit dieser Sonne, was wollen Sie mehr“. Während sie solche Sachen sagen, machen sie an touristisch stark abgenutzten Orten einige Fotos, trinken einen Mojito auf das Wohl eines Guerillero und stellen ein paar Fotos ins Netz, mit dem blauen Meer als Hintergrund.

Die „café con leche“-Kubanologen kommen, um uns unser Land zu erklären und uns zu überzeugen, dass wir hier das akzeptieren sollten, was sie nicht ertragen würden, geschähe es denn in ihrem Land. Mit ausländischem Akzent und akademischen Titeln, die niemand nachprüfen kann, erklimmen sie den Gipfel ihres Ego und sprechen mit uns, als ob wir kleine Ameisen wären, die nicht einsehen wollen, wie nötig es ist Opfer für ein höheres Ganzes zu bringen. Sie sagen uns ins Gesicht, dass uns diese Opfer möglicherweise schwerfallen würden, wobei sie auf eine Landkarte zeigen und sagen, dass diese Insel die Heimat von „Utopia“ geworden wäre.

Wenn aber eine abgemagerte Frau sie um etwas zu essen bittet, auf der Terrasse eines Luxus-Restaurants in Alt-Havanna, dann versichern sie ihr, dass Gluten sehr schlecht für die Gesundheit sei, und es besser wäre kein rotes Fleisch zu essen, während vor ihnen das T-Bone Steak über den Tellerrand reicht, mit Baguette frisch aus dem Backofen. Es sind dieselben, die die Demonstranten des 11.Juli beschuldigen Vandalen und Kriminelle zu sein, obwohl sie in ihren Städten dazu aufhetzen Polizeiautos in Brand zu setzen, und sie in ihrem Leben mehr Pflastersteine geworfen als Blumen überreicht haben.

Die besagten Kubanologen fragen uns, warum wir uns über Stromsperren beklagen, wo doch Stromausfälle dazu beitragen, das Leben unseres Planeten zu verlängern.

Die besagten Kubanologen fragen uns, warum wir uns über Stromsperren beklagen, wo doch Stromausfälle dazu beitragen, das Leben unseres Planeten zu verlängern. Sie regen sich darüber auf, dass wir auf einer Versorgung mit Trinkwasser bestehen, wo wir doch mit der hohlen Hand Wasser aus einem Fluss schöpfen und es trinken könnten. Sie wissen nicht, dass die meisten Flüsse in diesem Land kontaminiert oder ausgetrocknet sind. Sie werfen uns an den Kopf, dass wir Nörgler wären, weil wir Schuhe für unsere Kinder fordern, wo doch der Kontakt der Füße mit dem Boden so empfehlenswert ist, um Energie zu tanken und die Gesundheit zu erhalten, …und andere „Überzeugungen“ mehr.

Sie lieben die Nähe zur Macht. Sie sind besonders fasziniert, wenn man sie zu einem offiziellen Empfang einlädt, ihnen erlaubt im Audimax der Universität von Havanna zu sprechen, und man ihnen dann eine Auszeichnung ans Revers heftet. Diese sogenannten Experten behandeln uns wie fahrige und aus der Spur geratene Kinder, die nicht das wertschätzen was sie haben, und die eine harte Hand benötigen, eine sehr harte Hand. Es gefällt ihnen, dass die Diktatoren ihnen helfen, das bunte Bild von Kuba als Paradies aufrecht zu erhalten; ein Bild, das sie bei Facebook oder Tik Tok verbreiten.

Nichts ärgert einen solchen Kubanologen mehr, als dass sein Studienobjekt selbst dieses Bild widerlegt. So geschehen an jenem Tag, als die Menschen auf die Straße gingen und „Freiheit“ schrien; oder die wachsende Zahl derer, die bei einer Überquerung der Floridastraße ihr Leben riskieren, um dem System zu entkommen; oder wenn Patienten mit Bildern und Aussagen von Zeugen den um sich greifenden Verfall des staatlichen Gesundheitssystem attestieren. Das löst bei ihnen ein tiefes Unbehagen aus, denn sie haben ihre Dissertation nicht so konzipiert, dass sie mögliche Variable einbezieht; ihre Doktorarbeit ließ nur genau eine unbestreitbare Schlussfolgerung zu.

Die Zahl dieser Kubanologen hat sich verringert, aber sie werden immer pathetischer. Früher einmal waren es Nobelpreisträger, anerkannte Künstler und illustre Professoren. Aber im Laufe der Zeit wurde die Beschäftigung mit Kuba mühsam und unhaltbar; sie „desertierten“ zuhauf, hüllten sich in Schweigen oder lenkten ihr „Talent“ in Richtung anderer Geographien. Aber einige sind geblieben, genauso bedauernswert wie schädlich.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Die kubanischen Träger von Roben verstehen nichts von Gerechtigkeit

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Obwohl die Justitia eine Binde vor den Augen hat, muss das Handeln ihrer Fachleute transparent sein.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 23.März 2022

Die staatlichen kubanischen Juristen sind verärgert, sehr verärgert. Als Folge der Gefängnisstrafen bis zu 30 Jahren für hunderte von Demonstranten  bei den Protesten des 11.Juli, haben sich die Namen der Staatsanwälte und Richter in den sozialen Netzwerken verbreitet. Neben ihren Gesichtern findet man eine Strafanzeige, in der sie beschuldigt werden, dass sie Gerichte missbraucht hätten, um eine Terror-Botschaft auszusenden. Auf diese Anklage hin antworteten die Rechtskundigen mit verschiedenen Drohungen.

Eine Erklärung des Nationalen Juristenverbands mit Sitz in Havanna versichert, dass seine Mitglieder Opfer einer „Verleumdungskampagne“ geworden seien. Der Text warnt jeden, der sich dieser Kritik anschließt oder „auch nur Informationen darüber weitergibt“, dass ihn die volle Härte des Gesetzes treffen werde. Hinzugefügt ist, dass die betroffenen Juristen bereit sind, die Robe und das Podium gegen ein Gewehr und einen Schützengraben auszutauschen. Der Ton des Dokuments erinnert mehr an Kriegsrhetorik, als an die Sprache von Juristen.

Woher kommt diese jähzornige Reaktion? Wenn sie glaubten nach Recht und Gesetz gehandelt zu haben, wie erklärt sich dann ihr Grimm, dass man ihre Identität bekannt macht? Vielleicht hofften sie, dass die Angehörigen der Verurteilten die Urteile geheim halten und sich damit begnügen würden, ihre im Gefängnis schmachtenden Söhne und Töchter zu sehen? Halten sie sich für so abgehoben vom Volk, dass man ihr Tun nicht einmal mehr infrage stellen darf? Das Kommuniqué der Staatsanwälte und Richter kann man nur verstehen, wenn sie fürchten, dass die Tage des aktuellen politischen Systems gezählt sind. Es ist nur nachvollziehbar, wenn sie ahnen, dass die Möglichkeit, für ihre Taten zur Verantwortung gezogen zu werden, schon hinter der nächsten Straßenecke lauert.

Obwohl man die Justitia als Frau darstellt, deren Augen eine Binde bedeckt, muss das Tun ihrer Fachleute, die das Recht pflegen, transparent sein, denn mit ihrer Unterschrift bestätigen sie ihre Teilnahme an einem rechtmäßigen Verfahren.

Obwohl man die Justitia als Frau darstellt, deren Augen eine Binde bedeckt, muss das Tun ihrer Fachleute, die das Recht pflegen, transparent sein, denn mit ihrer Unterschrift bestätigen sie ihre Teilnahme an einem rechtmäßigen Verfahren. Es handelt sich nicht eine Bande von Gesetzlosen mit Masken, die bei Nacht in einem dunklen Wald mutmaßliche Schuldige exekutieren. Es sind Personen mit einem Hochschulabschluss in einem Fachgebiet, was beinhaltet, dass sie Verantwortung für ihre Entscheidungen und Fehler übernehmen.

Mit der einschüchternden Erklärung des Juristenverbands gerät die nicht unabhängige Justiz weiter in Verruf, weil sie sich dazu hergegeben hat, die Bürger in Angst zu versetzen und ihnen ihr Recht auf Protest zu nehmen.

Die Staatsanwälte und Richter haben mit ihrem Handeln, und jetzt auch mit ihren Worten, klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nicht auf der Seite von Verfahrensgarantien stehen, sondern auf der Seite der politischen Macht. Sie haben die Gerichte benutzt, um eine Ideologie zu stützen. Sie haben ihre Roben beschmutzt.

Obwohl ihr offizieller Text mit aggressiven Sätzen durchsetzt ist, zwischen den Zeilen liest man ihre Angst. Statt einer Rechtfertigung für ihren Umgang mit dem Recht, ist der Text genau genommen ein Kommuniqué von Leuten, die Furcht vor der Zukunft haben. Jedes Wort, das dort steht, zeigt die wachsende Angst in ihrem Inneren, jedes Mal, wenn sie sich vorstellen, eines Tages selbst vor Gericht zu stehen, vor Geschworenen, die nicht einer Partei sondern dem Gesetz verpflichtet sind.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch veröffentlicht.

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Manche halten ein Plakat, andere verlassen Kuba

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Der Moment, als Marina Ovsyannikova die Nachrichtensendung unterbricht und gegen den Krieg in der Ukraine protestiert. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 16.März 2022

Sie heißt Marina Ovsyannikova, und bis vor wenigen Tagen war sie Redakteurin bei Kanal 1 des russischen Staatsfernsehens. Aber nachdem sie den Mut hatte, bei einer Live-Nachrichtensendung mit einem Plakat gegen den Krieg in der Ukraine aufzutreten, wurde ihr Name zu einem Synonym für professionelle Standhaftigkeit und Kühnheit, und außerdem zu einem Symbol, das vielen in autoritär regierten Ländern eine Lehre sein sollte.

An dem Tag, an dem Ovsyannikova ihr Plakat zeigte, waren die sozialen Netzwerke in Kuba mit der x-ten Debatte über einen offiziellen Journalisten beschäftigt, der sich aus dem Staub gemacht hatte und in dem Land um Asyl nachsuchte, das bis vor kurzem noch im Mittelpunkt seiner Attacken stand. Wie bei jeder Polemik dieser Art, manche beschuldigen den Reporter ein Opportunist zu sein, andere appellieren an Mitgefühl, seine Flucht zu akzeptieren, und die meisten betrachten sein Verlassen des Landes als eine neue „Wasserscheide“, die Kubaner voneinander trennt.

Eine Frau, allein auf sich gestellt, mit einem von Hand beschriebenen Plakat, erschütterte die Polemik, die uns strapazierte.

Eine Frau, allein auf sich gestellt, mit einem von Hand beschriebenen Plakat, erschütterte die Polemik, die uns strapazierte. Ovsyannikova erreichte, dass die Argumente der beiden Seiten belanglos wurden. „Stoppt den Krieg, glaubt nicht der Propaganda“, stand auf dem Plakat, das sie hinter der Nachrichtensprecherin in die Kamera hielt. Ihre Geste verdient nicht nur großen Respekt; sie riskierte mit ihrer Verwegenheit vor Gericht zu enden, mit der Verurteilung zu einer langjährigen Gefängnisstrafe, wenngleich es bis jetzt bei einem Arrest und einer Geldstrafe blieb.

Ohne Absicht und ohne diese Insel im Hinterkopf zu haben, hat die junge Frau auch zu uns Kubaner gesprochen. Sie sagte zu jenen, die alle Personen ablehnen, die bei staatlichen Medien arbeiteten: eines Tages wird irgendein Angestellter in dieser Propaganda-Maschinerie eine Aufgabe übernehmen, und er wird viel mehr Zuhörer erreichen als ein Aktivist, der an einer Straßenecke schreit.

Die anderen, die zu Nachsicht im Umgang mit offiziellen Journalisten aufrufen, die bis gestern Oppositionelle diffamierten und heute froh sind, dass sie auf „freien Boden“ gekommen sind …diese anderen hat die junge Russin daran erinnert, dass man immer etwas tun kann. Jede Gelegenheit vor einem Mikrophon, jede Möglichkeit live zu sprechen und dabei die Diktatur nicht zu denunzieren, ist eine verpasste Gelegenheit. Es ist Zeit, die man dem autoritären System schenkt, das in dieser Hemisphäre am längsten an der Macht ist.

Ovsyannikova hat uns den Spiegel vorgehalten. Nicht alle, die für das staatliche Fernsehen arbeiten, sind mittelmäßige „Lautsprecher“ von Losungen; oft reicht der Spruch, dass „man nichts machen kann, weil alles kontrolliert wird“, um die bürgerliche Verantwortung hintan zu stellen. Wir müssen darüber wachen, dass diese Frau nicht im Gefängnis endet, nicht mit einer geheimnisvollen Substanz vergiftet oder ins Exil getrieben wird. Wir müssen aber auch dazu aufrufen, dass jeder Kubaner jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um diesen Horror von uns abzuschütteln.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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