Von spontaner Führung und öffentlichen Protesten in Kuba

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„Lasst uns doch so leben, wie wir leben wollen“, fordert der Mann mit bloßem Oberkörper in der Bildmitte; er steht in El Cepem, Artemisa, vor Funktionären und Polizisten mit strengen Gesichtern. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31. August 2022

Ein Mann mit bloßem Oberkörper will Funktionäre und Polizisten daran hindern die Flöße zu beschlagnahmen, auf denen Bewohner von El Cepem das kubanische „sozialistische Paradies“ verlassen wollen. Eine Frau in Santiago de Cuba sitzt vor ihrem Mobiltelefon und übt scharfe Kritik an den Devisenläden. Ein alter Mann läuft schreiend durch die Straßen von San Antonio de los Baños und schimpft auf Miguel Díaz-Canel. Einige Stunden vorher hätte niemand geglaubt, dass aus solchen Aktionen Führer hervorgehen würden; niemand auf dieser Insel hätte sie als Anführer der allgemeinen Empörung bezeichnet.

Schon seit Jahrzehnten warten die Kubaner auf führende Personen, die sich berufen fühlen der Staatsmacht entgegen zu treten, und die − wie Jeanne d’Arc − bereit sind sich zu opfern, wenn es die Sache verlangen würde. In der Erwartung solcher Personen mit einem messianischen Sendungsbewusstsein haben viele Kubaner ihr eigenes Handeln als Bürger hintan gestellt. Der Ruf von innerhalb und außerhalb der Insel nach solchen entschlossenen und autoritären Führern, vom System gefürchtet, vom Volk geliebt, und zudem gute und faszinierende Redner,… solche Erwartungen haben den Wandel in diesem Land verzögert.

Das Leben hat gezeigt, dass Personen mit Führungsqualitäten dort auftreten, wo es die äußeren Umstände erzwingen, und dass Führung von einer Person zu einer anderen wechselt, wenn es die Realität erfordert.

Trotzdem, das Leben hat gezeigt, dass Personen mit Führungsqualitäten dort auftreten, wo es die äußeren Umstände erzwingen, und dass Führung von einer Person zu einer anderen wechselt, wenn es die Realität erfordert. Gerade jetzt bereitet der aktuelle Protagonist dem kubanischen Regime arge Kopfschmerzen, denn, sobald die Regierung die „Flammen der Rebellion“ in einer Region gelöscht hat, steht sie vor einem neuen „Feuer“, das raffinierter gelegt und gefährlicher ist. In El Cepem, einer armen Gemeinde in der Nähe von El Salado, tauchte an diesem Montag ein neues Problem für den Castrismus auf, weil dem Regime charismatische Figuren und Lösungen für nationale Probleme fehlen.

Ein Mann hält eine Rede, die sprachlich ein beachtliches Niveau hat. In seiner Ansprache vermeidet er jede Anzüglichkeit und trifft damit das kubanische Regierungssystem ins Mark:

„Wenn ihr uns nicht wollt, weil wir eine illegale Gemeinschaft sind; wenn wir nicht in dieses Land passen, weil unsere Löhne nicht reichen, um in Devisenläden einzukaufen; wenn es nicht genügend Treibstoff gibt, um die thermoelektrischen Kraftwerke am Laufen zu halten“, dann „lasst uns doch so leben, wie wir leben wollen“ − fordert der Vater eines acht Monate alten Baby, der vor strengen Gesichtern von Funktionären und Polizisten steht.*)

Er hat ein Mikrofon in der Hand, während ein anderer Bewohner von El Cepem ein Sprachrohr auf der Schulter trägt, sodass man die volle und feste Stimme gut hört. Der Mann setzt alle Künste eines wahren Führers ein: er überzeugt, vereint und beschützt, und er bietet jenen die Stirn, die seiner Gruppe und seinem Stadtviertel Schaden zufügen wollen. Wie heißt er? Wie kam er zu den Wahrheiten, die er wie argumentative Pfeile auf seine Widersacher wirft − sicher und unwiderlegbar? Man muss es nicht wissen. Schon bald wird die politische Polizei eine Vergangenheit für ihn erfinden und eine Verleumdungskampagne starten, um sein Ansehen zu vernichten, so, wie sie es seit mehr als 60 Jahren tut. Aber für ein paar Minuten war er der Führer der nationalen Verzweiflung, unbestreitbar.

„Hören wir nun seine Stimme“. Jeder von uns kann zu gegebener Zeit Stammesführer, Direktor, Rektor, General oder Präsident sein.

Ein Hinweis: Yoani Sánchez integriert ein Video in ihre Kolumne, das die im Abschnitt *) beschriebene Situation optisch und akustisch dokumentiert. Das obige Foto ist ein Standbild aus diesem Video.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Der Brand in Matanzas ist gelöscht, aber das Drama in Kuba geht weiter

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Im Anschluss an jede Tragödie häufen sich die Fragen, aber nur selten werden detaillierte Ergebnisse der nachfolgenden Untersuchungen auch veröffentlicht. (Prensa Latina)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 12.August 2022

Der Himmel über Havanna ist wieder blau, und am Terminal in Matanzas lodern die Flammen nicht mehr zum Himmel. Trotzdem geht die Tragödie weiter, und die Fragen, die wir alle uns stellen, bleiben ohne Antwort. Warum hat das Blitzableiter-System nicht funktioniert? Wer ordnete an, unerfahrene junge Männer, die ihren Wehrdienst leisten, zur Brandbekämpfung einzusetzen? Welche Reichweite hat die Umweltkatastrophe als Folge dieses Unfalls?

Im Anschluss an jede Tragödie häufen sich die Fragen, aber nur selten werden detaillierte Ergebnisse der nachfolgenden Untersuchungen auch veröffentlicht. Beim Absturz eines Flugzeugs im Mai 2018 wich man bei der Ursache auf Allgemeinplätze aus; wir mussten uns mit der vagen offiziellen Erklärung zufrieden geben, die die Verantwortung für den Unfall auf die Crew schob. Noch immer warten wir auf den Bericht der Sachverständigen zu der Explosion im Hotel Saratoga, die sich vor mehr als drei Monaten ereignete. Und bis heute erreichte uns keine sachliche Analyse, wie viele Menschen in Kuba auf dem Höhepunkt der Pandemie ihr Leben verloren, weil sie es ablehnten, sich gegen Covid-19 mit Covax Vakzinen impfen zu lasen.

Leider werden sich in Zukunft Katastrophen dieser Art häufen, weil das uneffektive und zentralistische Regierungsmodell, das in Kuba vor 60 Jahren an die Macht kam, den administrativen Herausforderungen von heute nicht gewachsen ist.

Der Mangel an Transparenz von Seiten des Regimes ist nur mit seiner Unfähigkeit zu vergleichen. Das politische System ist eine Mischung aus Geheimnistuerei und Ineffizienz, die für uns Kubaner tödlich ist: Die Verletzung von minimalen Sicherheitsvorschriften; der selbstherrliche Dünkel, der uns glauben lässt, „dass man es kann“, obwohl es nicht die geringsten Voraussetzungen dafür gibt; die Sturheit Projekte durchzuziehen, um welchen Preis auch immer ….Tag für Tag fordert das in diesem Land  Menschenleben. Leben, für die sich niemand verantwortlich fühlt, weil die Straflosigkeit der dafür Verantwortlichen absolut ist.

Leider werden sich in Zukunft Katastrophen dieser Art häufen, weil das uneffektive und zentralistische Regierungsmodell, das in Kuba vor 60 Jahren an die Macht kam, den administrativen Herausforderungen von heute nicht gewachsen ist. Sie schönen Zahlen, sie ändern Schlagzeilen der Presse, sie blähen Berichte über Produktivität auf, sie setzen sich über Sicherheitsbestimmungen hinweg, um ein Bauwerk früher einzuweihen, sie beschuldigen Dritte für den eigenen Pfusch, und sie verschanzen sich hinter ihrer Macht, um nicht für die vielen Katastrophen bezahlen zu müssen, die ihr miserables Handeln verursacht hat.

Es handelt sich nicht nur darum die Infrastruktur zu stärken, den Blitzschutz zu verbessern, die Fracht im Laderaum eines Flugzeugs sicher zu verstauen und die Gasleitung für ein Hotel zu prüfen. Um unser Leben zu schützen ist es wichtig, das politische System so schnell wie möglich abzuschaffen und so zu erreichen, dass die vielen unfähigen und unberührbaren Führer möglichst bald von ihren Sesseln Abschied nehmen.

Es war kein Blitzschlag, der den Unfall in Matanzas verursachte, sondern das tödliche Wesen dieses  kaputten und grausamen Systems.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Ein Montag, an dem Havanna Angst hatte

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Man kann nicht einmal sagen, dass es in Havanna Tag geworden wäre, weil es heute Morgen am Horizont nicht hell wurde. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 8.August 2022

Ich wachte mit Halsschmerzen auf, ging ins Bad um zu gurgeln und schaute aus dem Fenster. Am Osthimmel sah ich einen beunruhigenden Schein. In Matanzas, dem Terminal für Supertanker, brennt seit vergangenem Freitag ein Treibstofflager, ein Ereignis, das wir nicht nur im Fernsehen oder in den sozialen Netzen verfolgen. Es ist auch hier, in Havanna, wo eine dunkle Wolke mit Verbrennungsrückständen über der Stadt steht und die Menschen nach Antworten suchen, die sie nicht finden.

Meine Hündin Chiqui hebt die Schnauze, legt die Pfoten auf den Schwanz und verschwindet schließlich unter dem Sofa. Meine Mutter ruft mich an, weil sie das Haus verlassen muss und nicht weiß, welche Vorsichtsmaßnahmen sie treffen soll. Ich rate ihr eine Maske zu tragen und sich vor Nässe zu schützen, wenn es einen Wolkenbruch gibt. Im Hintergrund läuft das offizielle Fernsehprogramm; es zeigt Parteiführer bei einer Sitzung in einem klimatisierten Raum, sowie Nachrichtensprecher, die um jeden Preis zutreffende Wörter vermeiden. Man sagt nicht „Explosion“ oder „Alarm“, und man spricht nicht von „Gefahr“ oder „Bedrohung“.

Niemals glaubte ich, dass das politische Systems bei Bewältigung einer Katastrophe derart unfähig wäre, dass schlechtes Management, die Verletzung von Sicherheitsvorschriften, Nachlässigkeit und Selbstüberschätzung uns an Grenzen bringen würden.

Es gibt eine Realität und eine andere parallel dazu. Während man vor den Mikrophonen von „überwinden“ und „durchstehen“ spricht, schauen die Menschen in meinem Viertel zum Himmel und haben Angst. Man kann nicht einmal sagen, dass es in Havanna Tag geworden wäre, weil es heute Morgen am Horizont nicht hell wurde. Meine Augen brennen; wenn es einem Sonnenstrahl gelingt durch die dunkle Wolkendecke zu dringen, dann fällt auf den Terrassenboden ein eigenartiges gelbliches Licht, fast gespenstisch. Mein Kopf dröhnt; ich versuche möglichst viel Wasser zu trinken, von Trinkwasser-Reserven vor Ausbruch des Brands, weil die Regenfälle von Samstag bis heute die Reservoirs kontaminiert haben könnten.

Angesichts der Situation gehe ich meine Liste mit fragilen Personen durch. Die alte Frau um die Ecke, die seit dem frühen Morgen in der Warteschlange steht um Brot zu kaufen; der Freund, der eine Parzelle mit Gemüse hat und fürchtet, dass die vielen Rückstände in der Luft letztlich in Lebensmittel gelangen werden, und er sein Gemüse nicht mehr verkaufen kann. Dann fehlt ihm das Geld, um seine Familie und die Mutter des Sohns zu unterstützen, der seinen Wehrdienst leistet. Sie befürchtet, dass sie ihren Jungen in die Unfallzone schicken, obwohl er weder die Erfahrung noch das nötige Alter für die Bekämpfung dieses Brandmonsters hat.

Niemals glaubte ich, dass das politische Systems bei Bewältigung einer Katastrophe derart unfähig wäre, dass schlechtes Management, die Verletzung von Sicherheitsvorschriften, Nachlässigkeit und Selbstüberschätzung uns an Grenzen bringen würden. Optimistisch, wie ich von Natur aus bin, dachte ich, dass es sogar für offiziellen Pfusch eine Grenze geben müsse, oder wenigstens einen eingeschränkten Wirkungsspielraum, und dass sie nicht so vielen Menschen in so kurzer Zeit so viel Schaden zufügen könnten. Ich habe mich geirrt. Das System ist tödlich. Seine Unfähigkeit tötet, und es sind viele. Heute schreit der Himmel über meiner Stadt, dass das stimmt.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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„Hör mal zu, hier kannst du nicht durchgehen!“, schrie mich ein Wächter vor dem ‚Haus des Volkes‘ an

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Der Ort, den fast jeder Bewohner von Havanna mit einer Erinnerung verbindet, ist jetzt nur noch für Funktionäre und Wächter zugänglich. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 30.Juli 2022

Ich beeile mich. Das Sammeltaxi fuhr im Schneckentempo, ich steige aus; wenn ich nicht größere Schritte mache, werde ich zu spät zu meiner Verabredung kommen. Ich laufe durch den ‚Parque de La Fraternidad‘, überquere die Straße auf einem gesperrten Pfad, der zu den Ruinen des Hotels Saratoga führt, und komme schließlich in die Gärten des Kapitols von Havanna. „Hör mal zu, hier kannst du nicht durchgehen!“, schreit mich ein Wächter mit ernstem Gesicht an und fügt hinzu: „Zum Weitergehen musst du auf den Bürgersteig; in diesem Bereich ist der Durchgang verboten!“.

Es sind dieselben Gärten, in denen ich als Kind auf meinen ersten Rollschuhen trainierte; es ist die begrünte Esplanade, wo meine Freunde und ich uns niederließen und über unsere Zukunft sprachen, die die meisten von uns in einem anderen Teil der Welt suchten und fanden; es ist der Ort, an dem Reinaldo mit beispielloser Ausdauer fünf Stunden auf mich wartete und so unsere begonnene Beziehung besiegelte − 30 Jahre sind seitdem vergangen. Anders gesagt, es ist der Ort, den fast jeder Bewohner von Havanna mit einer Erinnerung verbindet; jetzt gehört er ausschließlich den Funktionären und Wächtern.

Es sind die Gärten, in denen ich als Kind auf meinen ersten Rollschuhen trainierte. (14ymedio)

Obwohl ich sehr in Eile bin, frage ich den Mann nach dem Grund dieses Verbots. „Ist das hier nicht das Parlament? Ist ein Parlament nicht ein Haus des Volkes? Warum ist dann der Zugang zu den Gärten für uns verboten?“. Ich frage vergebens, weil er weiter mit dem Finger auf den Bürgersteig zeigt. Nur auf dem kann ich weitergehen, wenige Meter entfernt von der leuchtenden Fassade eines Gebäudes, das jahrzehntelang verachtet wurde, inklusive Vernachlässigung, Fahrlässigkeit und Beschimpfungen von offizieller Seite. Nach seiner Instandsetzung und einer Blattgoldbeschichtung der Kuppel, ist die Regierung dazu übergegangen, das Gebäude exklusiv für sich in Anspruch zu nehmen.

Ich werde zu spät zu meiner Verabredung kommen; ich entferne mich vom Kapitol, seinem finsteren Bewacher und den exklusiven Gärten. Ich denke dabei an das Gefühl, das ich hatte, als ich zum ersten Mal Kuba verließ. Es war eine innere Unruhe, die mich fürchten ließ, dass auf irgendeinem Platz oder vor einer öffentlichen Sehenswürdigkeit ein Polizist auftauchen würde um mir zu sagen, dass ein Foto von diesem Standbild, eine Annäherung an diese Gedenktafel, oder das Berühren dieses antiken Steins ein Delikt wäre. Tage später, ohne dass ein Uniformierter gekommen wäre um mich zu beschimpfen, fiel die Last von mir ab, und ich wartete nicht mehr auf einen Pfiff, einen Schrei oder eine Geldstrafe wegen meines Verhaltens.

Gestern, am Freitagmorgen, sehnte ich mich nach dieser Leichtigkeit, als ich nicht mehr durch die gepflegten aber verbotenen Gärten des Kapitols gehen konnte.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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„Kaufe Nahrungsmittel!“, der verzweifelte Ruf, der ohne Antwort blieb

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Am vergangenen Dienstagmorgen ertönte in der Umgebung unseres Gebäudes die sonore Stimme eines Ausrufers. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 20.Juli 2022

Vorher aufgenommene und dann über Lautsprecher verbreitete Ausrufe gehören zur Geräuschkulisse im Kuba von heute. In unserem Viertel hört man jeden Tag eine bunte Vielfalt  davon: es beginnt mit dem Klassiker „Eis am Stiel!“, weiter mit „Repariere Matratzen!“, und überrascht mit „Kaufe leere Shampoo-Tuben!“. Dazu kommt, dass die aktuelle wirtschaftliche Krise ständig neue Varianten hervorbringt.

Am vergangenen Dienstagmorgen ertönte in der Umgebung unseres Gebäudes eine sonore Stimme: „Kaufe Lebensmittel!“ wiederholte ein Mann minutenlang, während er um den Häuserblock lief. Früher hätten wir die Rufe in den oberen Stockwerken unseres hässlichen Betonbaus nicht gehört, wegen des Lärms der nahen Avenue Boyeros; aber weil es an Treibstoff mangelt, hat sich der Verkehr dort verringert und damit das ständige Getöse. Also hörten wir klar und deutlich: „Kaufe Lebensmittel!“; der Ruf schmuggelte sich über Terrassen und Jalousien bei uns ein.

Kein Nachbar ging auf den Balkon um ihm zu sagen: „warten Sie doch, ich komme herunter und verkaufe ihnen etwas Brot, ein Säckchen Kartoffeln, oder einen Becher Joghurt“.

Im Verlauf einer halben Stunde bewegte sich der Rufer von der nahen Bahnlinie bis zum ständig wachsenden Müllberg an der Straßenecke Estancia und Santa Ana. Er machte Halt vor einem nahen Gebäude mit zwölf Stockwerken, wiederholte seine Rufe ein paar Meter entfernt vom weitläufigen Park des Ministeriums für Landwirtschaft, näherte sich der Warteschlage vor einem Geschäft mit rationierten Produkten, bis die verzweifelten Rufe schließlich verklangen, als der Mann in Richtung Tulipán-Straße weiterging.

Während der ganzen Zeit antwortet niemand auf sein Anliegen. Kein Nachbar ging auf den Balkon um ihm zu sagen: „warten Sie doch, ich komme herunter und verkaufe ihnen etwas Brot, ein Säckchen Kartoffeln oder einen Becher Joghurt“. Hätten andere ambulante Händler ihre Waren oder Dienstleistungen ausgerufen, wäre dies so geschehen.

Sie forderten ihn auch nicht auf Ruhe zu geben, weil bei ihnen im Haus ein Baby einschlafen sollte; nicht einmal eine Großmutter zeigte sich auf dem Balkon und schüttelte verneinend den Kopf. Es kamen auch nicht die „kampferprobten“ Aktivisten der Kommunistischen Partei, um diesen Ruf zu „bekämpfen“, der mehr Protest in sich trug, als in irgendeine Losung der Opposition.

„Kaufe Nahrungsmittel!“, wiederholte der Mann; und die Stille im Viertel sprach wortlos. Das Schweigen, in dem die Bewohner der Häuser verharrten, antwortet ihm: „Wir haben keine!“

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Erinnere dich an Sri Lanka

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Demonstrierende besetzen den Präsidentenpalast in Colombo, Sri Lanka. (EFE/EPA/Chamila Karunarathene)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 15.Juli 2022

Was hier fehlt ist ein Sri Lanka“, „erinnere dich an Sri Lanka“, „wir treffen uns am Pool…wie in Sri Lanka“ sind Sätze, mit denen in diesen Tagen Kubaner ihre Freunde begrüßen. Das asiatische Land zu erwähnen ist kein Zufall. Nach wochenlangen Protesten drangen mehrere tausend Personen in die luxuriöse Residenz des Präsidenten Gotabaya Rajapaksa ein, und zwangen ihn das Land zu verlassen.

Monatelang beschuldigten die Demonstranten die Exekutive, dass sie die wirtschaftliche Krise schlecht managen würde und verantwortlich sei, für die langen Stromausfälle und die Inflation im Land; es sind die drei Übel, die auch auf dieser Insel für Entrüstung sorgen. Es genügt, die Pressemitteilungen der ausländischen Agenturen zu lesen, die in Colombo akkreditiert sind, um die Parallelen zu sehen: den Frust der Bewohner der Hauptstadt von Sri Lanka, und den Verdruss, den man an jeder kubanischen Straßenecke hört.

Was uns betrifft, so ist der Hinweis auf Sri Lanka auch eine Form von Selbstkritik, weil wir zugeben müssen, dass es angesichts von Ineffizienz und Krisen Völker gibt, wo Menschen sich entscheiden zu schweigen und die Koffer zu packen, während andere bis ins Haus der Verantwortlichen vordringen und sie zwingen abzudanken. Es ist nicht das erste Mal, dass wir Kubaner ähnliches Geschehen in anderen Weltgegenden aufgreifen, um unsere Situation öffentlich zu machen, und nebenbei die Zensur zu umgehen.

Angesichts von Ineffizienz und Krisen gibt es Völker, wo Menschen sich entscheiden zu schweigen und die Koffer zu packen, während andere bis ins Haus der Verantwortlichen vordringen, und sie zwingen abzudanken.

Vor ein paar Jahren stand der Kabarettist Nelson Gudín mit einem Solo-Programm auf der Bühne; es hatte den Titel „Die Probleme auf Zypern“ und wurde zu einer witzigen Metapher für Kuba. Indem der Künstler auf Leitartikel in der offiziellen Presse verwies, die von politischen und wirtschaftlichen Probleme in anderen Breitengraden berichteten und die nationalen verschwiegen, machte er die Insel im östlichen Mittelmeer zu einem Synonym für Kuba.

Nach einer exzellenten Performance des Künstlers, wie man sie vom ihm erwartete wo immer er auftrat, genügte es „wie schlimm steht es doch um Zypern“ zu sagen, damit alle verstanden, dass von unserer eigenen Realität die Rede war. Bis heute haben sich in der Umgangssprache mehrere Sätze gehalten, die auf die „Situation in Zypern“ anspielen und ausländische Studenten verblüffen, die hier in Kuba ihre Spanisch-Kenntnisse perfektionieren und den Zusammenhang mit Nicosia nicht verstehen.

Jetzt ist Sri Lanka zu einem Symbol geworden, das Kuba hoffen lässt. Es ist die Macht eines Volkes, wenn seine Menschen zusammenfinden, und zugleich die Warnung an die Regierenden in olivgrün, dass kein Palast voller Annehmlichkeiten mehr sicher ist, wenn der Volkszorn ausufert. Das Wasser im präsidialen Pool wird nicht ausreichen, um die Unzufriedenheit zu besänftigen, die sich im Laufe von Jahrzehnten angesammelt hat, noch werden herrschaftliche Betten, die mit den weichen Kissen, einen massiven Protest verstummen lassen.

“ Wir sehen uns in Sri Lanka“, hat mir gestern ein Nachbar von gegenüber zugerufen. “ Wir alle sind Sri Lanka“, habe ich ihm geantwortet, während mehrere kleine Jungen auf Fahrrädern vorbeigefahren sind und den Namen des Landes wiederholt haben, den bis vor ein paar Wochen kaum jemand in Kuba kannte.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Der 11.Juli 2021 war der Tag, an dem wir die Angst hinunterschluckten

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Eine Gruppe von Demonstranten marschiert am 11.Juli durch Havanna. (Marcos Evora)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 11.Juli 2022

Niemand sah es voraus, kein Analyst nahm es in seine Prognose auf, und sogar die größten Optimisten hatten die Möglichkeit eines öffentlichen Protests auf Jahre hinaus verschoben. „Die Leute haben sich daran gewöhnt“, „die jungen Leute stürzen sich lieber ins Meer, als auf einer plaza zu demonstrieren“, „der Bürgersinn wurde amputiert“, „sie sind sanft und folgsam geworden“, das waren Sätze, die man zu uns von allen Seiten sagte. Aber der 11.Juli 2021 genügte, um alle diese Diagnosen als falsch zu entlarven, die uns als ein Volk hinstellten, unfähig seine Stimme zu erheben.

An jenem Sonntagmorgen zündete der Funke nicht in den zwei größten Städten des Landes, sondern in den Straßen von San Antonio de los Baños, in der Provinz Artemisa, in einer Gemeinde, die für ihren Humor bekannt ist, für ihre internationale Filmschule und für ihre langen Stromausfälle. Die frühesten Bilder der öffentlichen Empörung erreichten uns auf Facebook und Twitter, aber angesichts unserer Skepsis hielt sich unser Enthusiasmus in Grenzen; viele von uns dachten, dass es nur ein kleines, singuläres Ereignis wäre.

Dann erreichten die Proteste Palma Soriano in der Provinz Santiago de Cuba, Cárdenas in Matanza, und sie breiteten sich schließlich in Havanna und in vielen anderen Regionen aus. Was niemand prophezeit hatte, ereignete sich gerade. Für viele war dies einer der wichtigsten Tage in ihrem Leben, denn jeder von uns erinnert sich daran was er tat, als die Demonstrationen begannen. Wie an den Tag, an dem uns ein Sohn geboren wird, unser Vater stirbt oder sich eine Naturkatastrophe ereignet; dieser 11.Juli hat unserem Leben seinen Stempel aufgedrückt.

Aber es reicht an jenen Sonntag im Sommer zu erinnern, um zu erkennen, dass wir Kubaner nicht mehr dieselben sind.

Und dann kam die Repression, angestoßen und vorangetrieben von Miguel Díaz-Canel, der vor den Kameras des nationalen Fernsehens den „Befehl zum Kampf“ gab. Wegen dieses Aufrufs könnte er eines Tages vor einem Gericht stehen und verurteilt werden, weil er zu Gewalt aufhetzte und das Militär gegen unbewaffnete Leute vorgehen ließ. Wir haben nicht nur Uniformierte gesehen, die wütend auf Jugendliche und Teenager einschlugen, sondern auch die offizielle Presse verfolgt − die zunächst kopflos war und nicht wusste, wie sie auf die Menschen in den Straßen reagieren sollte − dann aber begann, eine andere Darstellung der Ereignisse zu verbreiten, parallel zur Realität.

In diesem Narrativ, diktiert vom Platz der Revolution, gab es nur vereinzelt gewalttätige Proteste, angeführt von Kriminellen, Vandalen und Außenseitern. Um uns diese Fiktion aufzuzwingen, benutzte die Regierung ihr Monopol bei Fernsehen, Radio und den gedruckten Zeitungen, aber die Wahrheit des 11.Juli war schon ins Bewusstsein der Menschen vorgedrungen, dank der sozialen Netzwerke und der unabhängigen Presse. Die Bilder von vielen tausend Mobiltelefonen zeigten eine Bürgerschaft, die nach jahrelanger Knebelung ihre bürgerliche Stimme erprobte. Es war der Tag, an dem wir unsere Angst hinunterschluckten, an der wir lange gekaut haben und dann bemerkten, dass es in Kuba wesentlich mehr Nonkonformisten gibt als Unterdrücker.

Nach diesen hellen Stunden, in denen die Proteste ihren anarchistischen und massiven Charakter zeigten, begann die lange Nacht der Repression, die bis heute anhält. Aber es reicht an jenen Sonntag im Sommer zu erinnern, um zu erkennen, dass wir Kubaner nicht mehr dieselben sind. Wir haben auf den Straßen geschrien, haben im Chor „Freiheit“ gerufen und der Welt gezeigt, dass wir weder feige noch fügsam sind, sondern dass nur eine kalkulierende Diktatur uns lange Zeit verwehrt hat, unsere plazas in Besitz zu nehmen. Den nächsten Aufstand kann man weder vorhersehen noch vorhersagen; aber vielleicht ist es dann das letzte Mal, dass das Regime das allgemeine Unbehagen niederschlagen kann und mit Schlägen, Schüssen und Verurteilungen antwortet. Am 11.Juli haben wir begriffen, dass die Angst die Seite gewechselt hat.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle auf Spanisch publiziert.

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Weil Lösungen für gegenwärtige Probleme fehlen, karikiert die Bürokratie das republikanische Kuba

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Kuba vor 1959: Die Elektrifizierung des Landes erreichte einen des besten Werte in Lateinamerika. (CC)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 29.Juni 2022

In dem Maße wie die allgemeine Empörung zunimmt, wegen der ständigen Stromsperren in weiten Teilen Kubas, verbreiten die Behörden alle Arten von Rechtfertigung, um die Verantwortung für die Stromausfälle weit entfernt von ihrem Management zu halten. Auch fehlen nicht oft wiederholte Sätze, die dem nordamerikanischen Embargo die Schuld geben, oder den ausbleibenden sowjetischen Subventionen nach dem Fall des Kommunismus in Europa, und – wie zu erwarten – fehlen auch nicht Anspielungen auf die republikanische Epoche Kubas als eine finstere und erbärmliche Zeit.

‚Adelante‘, die lokale Zeitung von Camagüey, hat diese Woche versucht die Gemüter zu besänftigen, indem sie ihre Leser an die Zeit vor 1959 erinnerte, als “Kuba nur 397 Megawatt generierte, verteilt auf isolierte, unverbundene Systeme, und somit typisch für ein unterentwickeltes Land. Einen Stromanschluss hatten kaum 56% der Bevölkerung“. Folgt man Daten, die man in diesem Zusammenhang erwähnen muss, war die weltweite Elektrifizierung ein Prozess, der ein paar Jahrzehnte benötigte.

Ein rhetorischer Trick mit immer weniger Wirkung, weil es die Gesellschaft müde geworden ist, dass man ihr mit der Vergangenheit Angst macht.

Der Artikel der erwähnten Tageszeitung verschweigt nicht nur dieses Detail, sondern er vermeidet es auch zu erwähnen, dass in jenen Jahren der obige Indikator einer der besten in Lateinamerika war. Angesicht der aktuellen Probleme versucht der Text bei seinen Lesern ein Gefühl der Erleichterung zu erzeugen, indem er deren aktuelle Situation mit der ihrer Großeltern vergleicht. Ein rhetorischer Trick mit immer weniger Wirkung, weil es die Gesellschaft müde geworden ist, dass man ihr mit der Vergangenheit Angst macht. Weil Lösungen für gegenwärtige Probleme und Perspektiven für die Zukunft fehlen, bleibt dem Regime nur übrig, das Kuba zu karikieren wie es war, ehe Fidel Castro an die Macht kam.

Mit dieser törichten Strategie gelang es ihnen jahrzehntelang demokratische Forderungen zum Verstummen zu bringen, indem sie versicherten, dass mit einer Öffnung der Insel die Exzesse der früheren Diktatur zurückkehren würden.

Als die Klagen sich gegen die ineffiziente Produktion von Grundnahrungsmitteln richten, beginnen die Regierungssprecher daran zu erinnern, dass Gerichte aus Maismehl, ohne irgendwelche Beilagen, während der Regierungsjahre von Machado*) auf jedem Teller waren. Es gibt Funktionäre, die es gewagt haben zu sagen, dass eine Dissidentin oder eine unabhängige Journalistin als Prostituierte gearbeitet hätte, würde sie denn in dem Kuba der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts gelebt haben.

Alle diese verbalen Kunststücke, die früher einmal Angst und soziale Lähmung hervorrufen konnten, ernten heute nur noch Spott und gießen Öl ins Feuer des sozialen Unbehagens. Die Menschen haben längst aufgehört den Kopf zu senken und den Mund zu halten, wenn man sie mit solchen veralteten Statistiken konfrontiert. Nur ein System ohne ein Morgen kann glauben, dass es die Bevölkerung eines Landes gefügig machen kann, wenn es die Gespenster von gestern aus der Mottenkiste holt.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anmerkung des Übersetzers:

Gerardo Machado war von 1925 bis 1933 fünfter Präsident der Republik Kubas. Er entmachtete politische Institutionen und etablierte eine diktatorisch und aggressiv geführte Alleinregierung. Seine Politik rief immer heftigeren Widerstand hervor, der schließlich in der erfolgreichen Demokratischen Revolution von 1933 gipfelte.

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Die ‚Entbalkonisierung‘ von Havanna

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Im Unterschied zu Berlin, für die ‚Entbalkonisierung‘ von Havanna sind nicht die Bomben eines Kriegs verantwortlich. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 18.Juni 2022

Ein Mitglied einer Berliner Akademie war sehr glücklich, als seine kubanischen Freunde zu Besuch kamen und er mit ihnen eine lange und informative Rundfahrt durch Berlin machen konnte. Bei solchen Fahrten fehlte nie die Geschichte vom allmählichen Verschwinden der Balkone, der besonders den Sektor der Stadt betraf, der nach dem Zweiten Weltkrieg unter sowjetischer Verwaltung stand. Die Bombardierungen der Stadt während des Kriegs, die Tendenz Teile von betroffenen Gebäuden zuzumauern, anstatt sie zu renovieren als Frieden war, und eine sozialistische Architektur, die sich mehr an einer praktischen als an einer schönen Bauweise orientierte, führten zu einer ‚Entbalkonisierung‘ der Hauptstadt der DDR.

Nachdem der Professor davon in allen Einzelheiten berichtet hatte, sprach er von einem eigenartigen Konzept der Stadt. Er atmete tief durch und erläuterte dann ausführlich, wie nach dem Fall der Berliner Mauer der umgekehrte Prozess einsetzte, die ‚Rückbalkonisierung‘ der Stadt. Jetzt hielt er kurz inne und versicherte, dass er nur im Zusammenhang mit diesem architektonischen Detail diesen Neologismus verwenden könne. Bei keiner anderen Gelegenheit wäre dies möglich. Daher möchte er sich bei seinen geduldigen Zuhörern ausdrücklich bedanken, dass sie ihm die Gelegenheit dazu gegeben hätten.

Im Unterschied zu Berlin ist die ‚Entbalkonisierung‘ von Havanna nicht eine Folgeerscheinung von Bomben in einem Krieg. Nachlässigkeit, der fehlende Wille zu erhalten, und die materielle Not der Besitzer vieler Gebäude haben bewirkt, dass diese architektonischen Elemente zunehmend verloren gingen und gehen, aufgrund von Mauerrissen, Verbau oder Einsturz. Mehr und mehr sieht man Fassaden, an denen Stahlstreben herausragen, die früher eine schöne Terrasse trugen, die nach außen strebte.

Die kubanische Hauptstadt wurde ‚entbalkonisiert; sie hat aber auch ihre Gebäudesimse und die mit Blumen und Blüten geschmückten Kapitelle vieler Säulen verloren. (14ymedio)

Aber es fehlen nicht nur die hundert (vielleicht auch tausend) Balkone, die auf Straßen gefallen sind, oder auf die Köpfe der Vorbeigehenden, oder auf das darunter liegende Stockwerk. Viele andere sind nicht mehr zugänglich, oder werden von den Bewohnern nicht mehr genutzt, aus Angst abzustürzen wenn man sie betritt. Was früher einmal für die Angehörigen eines Hausstands ein Bauelement für Unterhaltung und Vergnügen war, oder auch nur eine Augenfreude für die Fußgänger, ist jetzt zu einem Panikobjekt verkommen. Die Leute fürchten diese rissigen, durchfeuchteten und von Schimmel befallenen Erker.

Die kubanische Hauptstadt wurde ‚entbalkonisiert‘; sie hat aber auch ihre Gebäudesimse und die mit Blumen und Blüten geschmückten Kapitelle vieler Säulen verloren. Früher konnte man durch die Straßen gehen, ohne sich nennenswert von den überdachten Portalen zu entfernen. Heute stößt man dabei auf heruntergefallene Dachteile, die dazu zwingen auf den Gehsteig auszuweichen und im Zickzack weiterzugehen. Dem ist hinzuzufügen, dass man bei den meisten Gebäuden, die in der Zeit der sowjetischen Subventionen gebaut wurden, auf Balkone verzichtete, obwohl die in einem tropischen Land ein wichtiges Bauelement sind. Graue Mauern, kleine Fenster, und nicht einmal eine Freifläche um Wäsche aufzuhängen, das ist harte Realität, wenn man in einem dieser Betonblöcke wohnt.

Ich träume von dem Tag, an dem mein akademischer Freund Havanna wieder besucht und dieser Albtraum des Verfalls dann nur noch eine Erinnerung an die schlimme Vergangenheit ist. Ganz sicher werde ich ihm dann sagen, dass die Demokratie nicht nur ermöglicht hat, alles sagen zu können was man denkt, ohne dafür bestraft zu werden, sondern dass sie auch der Impuls für den Bau von anderen Wohnungen war, weil sie viele emigrierte Architekten ins Land zurückkehren ließ. Diese talentierten Architekten planten kühlere Häuser, die die Meeresbrise nutzten und bei den Bewohnern nicht das Gefühl auslösten, in einer Streichholzschachtel eingesperrt zu sein.

Dann werde ich es genießen ihm noch zu sagen, dass die ‚Rückbalkonisierung‘ von Havanna, der Stadt meiner Geburt, schon begonnen hat. Vermutlich wird es eine der wenigen Gelegenheiten sein, bei denen ich dieses neue Wort verwenden werde.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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In Havanna stehen nicht zwei Männer vor Gericht, sondern ein Symbol

Hervorgehoben

Otero Alcántara und Maykel Castillo in Havanna, als sie noch in Freiheit waren. (Anamely Ramos)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.Mai 2022

Der letzte Montag im Mai beginnt in Havanna mit Nebel und Nässe. Dennoch, das Tagesgespräch dreht sich nicht um den möglichen Platzregen oder um die Schwierigkeiten, in einer Stadt mit einer Treibstoffkrise vorwärts zu kommen. Im Gericht in Mariano, einem Viertel im Osten von Havanna, findet an diesem Tag eine Verhandlung statt, die viele Tausend mit Augen und Ohren verfolgen. Der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara und der Rapper Maykel Castillo Osorbo sind die Angeklagten.

In den letzten Monaten kam es zu vermehrten Anhörungen jener, die an den öffentlichen Demonstrationen im vergangenen Juli teilnahmen, oder es ergingen Urteile gegen Bürger, die in den sozialen Netzen ihre Unzufriedenheit kundgemacht hatten. Trotzdem, der Prozess in dieser Woche markiert einen Höhepunkt der Unterdrückung in diesem Land. Otero Alcántara steht vor Gericht, weil er, von anderen „Vergehen“ abgesehen, sich tagelang in die kubanische Fahne hüllte. Dies war eine künstlerische Aktion, die der Bürokratie missfiel, weil sie nationale Embleme für ihren ideologischen und parteiischen Kreuzzug exklusiv beansprucht.

Was Osorbo betrifft, so wirft man ihm vor, dass er die Person des Staatspräsidenten Miguel Díaz-Canel beleidigt hat, und dass er den Ministerpräsidenten Manuel Marreo für ausbleibende Lieferungen an die Krankenhäuser verantwortlich macht. Beide Beschuldigungen, für die die Staatsanwaltschaft sieben bzw. zehn Jahre fordert, würden in demokratischen Ländern kaum eine kleine Geldstrafe nach sich ziehen, oder in einem Rechtsstaat schlechthin kein Delikt darstellen. Beide Angeklagten erwarten monatelange Gefängnisstrafen, weil sie jetzt vor einem Gericht stehen, dessen Urteile sich eher nach den Launen von mächtigen Leuten richten, als nach der Strenge des Rechts.

Wie bei einer heißen Kartoffel: hält man sie zu lange in der Hand, verbrennt man sich die Finger; lässt man sie fallen, fängt man an zu lachen. So ist es mit dem Castrismus, in dessen Hand jetzt das Leben der beiden jungen Menschen liegt.

Um Zeichen der Solidarität mit den Angeklagten zu verhindern, stand am Morgen die Umgebung des Gerichts unter starken Sicherheitsmaßnahmen von Polizeikräften. Die Telefonleitungen von vielen Aktivisten und unabhängigen Journalisten waren blockiert, und außerdem begann in den sozialen Netzwerken eine intensive Verteufelungs-Kampagne, die versuchte, jede Art von Unterstützung von Otero Alcántara und Osorbo schon im Vorfeld zu verhindern. Aber diese Offensive bewirkte offensichtlich das Gegenteil von dem, was das Regime beabsichtigte: Bürger, die nichts von dem Gerichtsverfahren wussten, gingen der Sache nach, weil so viele Uniformierte im Stadtteil waren; und die Hartnäckigkeit, mit der man in den sozialen Netzwerken beide Angeklagten als „Kriminelle“ darstellte, hat bei den Bürgern eher Sympathie als Ablehnung ausgelöst.

Wie bei einer heißen Kartoffel: hält man sie zu lange in der Hand, verbrennt man sich die Finger, lässt man sie fallen, fängt man an zu lachen. So ist es mit dem Castrismus, in dessen Hand jetzt das Leben der beiden jungen Menschen liegt, die das Scheitern des Systems repräsentieren. Sie kommen aus bescheidenen Verhältnissen, und man dachte, dass sie das politische Modell blind begrüßen würden, das sich vor mehr als 60 Jahren in Kuba etablierte. Beide gehören Schichten der Gesellschaft an, die, so die offizielle Propaganda, am meisten von der Revolution profitierten. Stattdessen haben sie die Lügen und die Willkür der Hierarchie in olivgrün öffentlich verurteilt, wie auch die Armut in San Isidro, ihrem Viertel, und die Straflosigkeit der Polizei.

Dass man sie verhaftet hat und vor Gericht stellt beweist, dass das System von den Bürgern absoluten Gehorsam erwartet, nicht aber Kritik oder Widerspruch. So wurden Otero und Osorbo zu einem Menetekel für die Schwäche einer Bürgerschaft, der man alle Wege hin zu einer friedlichen Änderung des Status quo versperrt hat.

In den nächsten Tagen werden wir das Urteil kennen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie verurteilt werden, weil man ein Exempel statuieren will. Aber das kubanische Regime hat diese Schlacht schon verloren. Es kann zwei Männer für Jahre wegsperren; es wird ihm aber nicht gelingen das Symbol hinter Gitter zu bringen, zu dem sie geworden sind.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch veröffentlicht.

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