Die Schuldigen!

almendron_CYMIMA20160715_0010_16

In diesem Sommer wurden die Taxifahrer zu neuen Feinde der Regierung (14ymedio)

14ymedio.com, Yoani Sánchez, 20. Juli 2016 Zu Beginn des Jahres verkörperten die Zwischenhändler das „Übel schlechthin“; man gab ihnen die Schuld an den hohen Lebensmittelpreisen auf dem Agrarmarkt. Ende 2013 waren die „Hauptfeinde“ die Händler, die auf eigene Rechnung Kleidung und Importware verkauften. Im Februar 2016 erreichte der Krieg gegen die Carretilleros (ambulante Händler, die ihre Ware auf Karren anbieten) seinen Höhepunkt, und jetzt fährt der „Feind“ ein Sammeltaxi und sein populärer Name ist Botero.

Wenn irgendetwas für das kubanische System der vergangenen 57 Jahre charakteristisch ist, dann ist es die Fähigkeit, einen Sündenbock zu finden. Wenn die Produktionspläne für die Landwirtschaft nicht erfüllt werden, dann ist daran die Trockenheit schuld, oder die Disziplinlosigkeit der Arbeiter, oder die schlechte Organisation eines Bürokraten auf der unteren Entscheidungsebene. Bei Beginn der Regenzeit, mit ihren starken Niederschlägen, wird die Wasserversorgung in vielen Ortschaften und Städten instabil, weil „der Regen nicht dort fällt, wo er soll“, wie es kürzlich eine Funktionärin des Nationalen Instituts für Wasserwirtschaft erklärt hat.

Das städtische Transportwesen funktioniert schlecht; schuld daran sind der „Vandalismus“ und „die Bevölkerung, die die Betriebsmittel nicht mit dem nötigen Respekt behandelt“, so die Erklärung. Andererseits, die Mehrzahl der Straßenunfälle geschehen aus „Unvorsichtigkeit der Fahrer“ und nicht aufgrund des schlechten Zustands der Wege und Straßen, nicht wegen der miserablen Beschilderung oder wegen des „Einfallsreichtums“ der Fahrer, die mit ständiger Bastelei ihre schrottreifen Vehikel am Laufen halten müssen.

Der Zeigefinger der Macht weist in viele Richtungen, um andere zu beschuldigen; er dreht sich aber nie auf die Macht selbst hin

Der Zeigefinger der Macht weist in viele Richtungen, um andere zu beschuldigen; er dreht sich aber nie auf die Macht selbst hin. Hin und wieder, in einem Anflug von Selbstkritik, legt man sich sogar mit den Aktivisten der Kommunistischen Partei an, indem man sie beschuldigt, ihre Meinung nicht „am passenden Ort und zur passenden Zeit“ vertreten zu haben. Manchmal lässt man irgendeinen Minister für das zu Bruch gegangene Porzellan bezahlen, was für die bankrotte Politik im Gesundheits-und Bildungswesen zutrifft und für andere Sektoren.

Wir Bürger seien die Hauptschuldigen für das Auftauchen der Aedes aegypti, der Zika-Mücke, die seit Jahren allen Ausräucherungen und Kampagnen trotzt, so sagt es uns das offizielle Fernsehen. Unsere Häuser seien die wichtigsten Brutstätten für Moskitos, wirft uns die Presse an den Kopf, als ob staatliche Körperschaften makellose Bollwerke aus Sauberkeit und Ordnung wären.

Auch die Emigration ist ein Sündenfall von uns, weil wir dem „Gesang der Sirenen“ folgen, der uns „in die Hände von Kojoten fallen lässt“, wie es uns eine Castro-Rede erklärt. Im Rahmen dieses Konzepts, das immer die Lasten auf Dritte ablädt, erwiesen sich die Migranten, die vor der kubanischen Botschaft in Ecuador protestierten, als „diensteifrig gegenüber den Vereinigten Staaten“. Und einige von ihnen, wenn sie denn beim Nachbarn im Norden Fuß gefasst haben, werden damit aufhören „unerlaubte Gelder“ an Angehörige zu überweisen, damit die den nicht-staatlichen Handel am Leben halten.

Am einfachsten ist es äußere Feinde zu finden, den Imperialismus zum Beispiel, „die kriminelle Blockade der Vereinigten Staaten“, die Verschwörungen der „lateinamerikanischen Rechten“ und sogar den „historischen Verrat“ der alten Kameraden in Osteuropa; das sind Vogelscheuchen um Angst zu verbreiten, wozu der sich die verteufelten hauseigenen „Kontrarevolutionäre “ gesellen, die mit allen Beleidigungen bedacht werden, die eine plumpe staatliche Maschinerie in Jahrzehnten erdacht hat.

Wenn also Produkte in den Regalen der Märkte fehlen, dann beschuldigen TV-Reportagen Aufkäufer und „Schieber“. Wenn eine Papaya mittlerweile den Tageslohn eines Facharbeiters kostet, dann ist dafür „das skrupellose Verhalten“ von jenen verantwortlich, die „sich auf Kosten des Volkes bereichern“, wie sie es uns auf den kleinen TV-Bildschirmen sagen. Bei dieser Schuldverteilung sind wir alle irgendwann in den Mittelpunkt von Beschuldigungen geraten.

Wir haben alles Recht der Welt, unseren Zeigefinger auf dieses System zu richten, das uns ständig auf die Anklagebank schickt.

Gerade jetzt legt sich der staatliche Propaganda-Apparat mit den Fahrern der Sammeltaxis an, schon morgen können es die Besitzer von privaten Restaurants sein, dann die Lehrer, die Nachhilfe anbieten, oder die Wasserverkäufer, die ihre kostbare Ware in Vierteln verkaufen, wo das Leitungsnetz seit Wochen trocken liegt.

Immer wird es einen „Übeltäter“, einen „Verantwortungslosen“ oder einen „Feind“ geben, der es fertig bringt, dass das System in seiner großen Menschlichkeit nicht so funktionieren kann, wie es im Handbuch steht. Darüber hinaus beeinträchtigt er die nie nachgewiesene Effizienz des Systems und dessen angebliche, noch zu beweisende, Fähigkeit, die Kubaner glücklich zu machen.

Trotzdem hat die Strategie, andere mit einer geplanten Flut von Vorwürfen zu beschuldigen, einen Schwachpunkt. Es kommt der Moment, wo es mehr Beschuldigte als Ankläger gibt. Es wird der Moment sein, in dem wir, die Stigmatisierten, aufeinander treffen: die Bootsflüchtlinge, die Dissidenten, die Carretilleros, die neuen Selbstständigen, Boteros, „abgesägte“ Minister und verachtete Verkäufer von Ramschwaren. An diesem Punkt, an dem wir eigentlich schon seit langer Zeit angekommen sind, werden wir alles Recht der Welt haben, unseren Zeigefinger auf ein System zu richten, das uns ständig auf die Anklagebank schickt.

 Übersetzung: Dieter Schubert

Advertisements

Die Journalisten, die gebraucht werden

permanecen-Finlandia-Volleyball-World-League_CYMIMA20160707_0004_13

Sechs Mitglieder des kubanischen Volleyball-Teams befinden sich in Finnland in Haft, ohne dass die Presse die Straftat bekannt gab, der sie beschuldigt werden. (Volleyball World League)

Generación Y, Yoani Sánchez, 07. Juli 2016 Mein Vater kam mit einer Frage nach Hause, die ihm keine Ruhe ließ: „Welches ist wohl das Verbrechen, für das mehrere kubanische Sportler in Finnland angeklagt worden sind?”. Er kannte nur die offizielle Mitteilung des Kubanischen Volleyballverbandes, die am Montag in den TV-Nachrichten verlesen und von den Zeitungen veröffentlicht wurde. Aus dem Text ging nicht hervor, welche Missetat ihnen zur Last gelegt wird, deshalb spekulierte mein Vater: „Illegaler Tabakverkauf? Diebstahl? Störung des öffentlichen Friedens?“.

Die Vergewaltigung einer Frau, für die man die Athleten verantwortlich hält, wird in der Erklärung nicht erwähnt, was einen „Akt der Geheimhaltung“, das Verschweigen der Wahrheit und eine Respektlosigkeit gegenüber der Öffentlichkeit darstellt. Die staatliche Presse behandelt uns so, als ob wir kleine Kinder wären, vor deren zarten Ohren man keine so unanständigen Details erwähnen darf. Oder schlimmer noch – als ob wir es nicht verdienten, über die Schwere der Anschuldigungen Bescheid zu wissen.

Das Geschehene lässt die Zwangsjacke sichtbar werden, die die professionellen Berichterstatter daran hindert, ihre Arbeit im Rahmen der Medien auszuüben, die von der Kommunistischen Partei kontrolliert werden. Hier handelt es sich um etwas, das viele Journalisten mit Schmerz und Frustration ertragen, während andere – die opportunistischer sind – von der Zensur profitieren und eine mittelmäßige Arbeit abliefern, oder eine, die es den Machthabern bequem macht.

Warum ist kein prominenter Europa-Korrespondent der lateinamerikanischen Presse nach Finnland gereist, um dort im Minutentakt darüber zu berichten, was mit den kubanischen Athleten passiert?

Das Geschehene lässt die Zwangsjacke sichtbar werden, die die professionellen Berichterstatter daran hindert, ihre Arbeit im Rahmen der Medien auszuüben, die von der Kommunistischen Partei kontrolliert werden

Jeden Tag sind wir dieser Art von unterdrückter Information durch die staatlichen Medien ausgesetzt. Jenes schon chronisch gewordenen Fehlen steht im Widerspruch zu dem Fingerzeig von Miguel Díaz-Canel, dem Ersten Vizepräsidenten Kubas, wenn er dazu aufruft, einen Journalismus ohne Selbstzensur zu betreiben, der näher an die Realität gebunden ist. Wo ist dieser Funktionär denn jetzt, wenn es gilt, die Reporter  anzutreiben, dass sie ihre Recherchen anstellen und Einzelheiten über das Schicksal der Volleyballer veröffentlichen?

Es ist sehr bequem, die Journalisten dazu zu ermuntern, mutiger zu sein, doch ihnen dann, wenn der Moment gekommen ist, zu raten, lieber vorsichtig zu bleiben oder gar Stillschweigen zu bewahren. Solche Falschheiten haben sich innerhalb der letzten fünf Jahrzehnte so oft wiederholt, dass sich in der kollektiven Denkweise  die Vorstellung breit gemacht hat, „Presse“ sei ein Synonym für „Propaganda“ und ein Informator, ein Regierungsvertreter.

Der Schaden, der dem kubanischen Journalismus zugefügt wurde, ist tiefgreifend und systematisch. Ihn zu reparieren wird lange dauern; es braucht den Respekt vor diesem ehrenvollen Beruf als Rahmen und auch eine neue Generation von Berichterstattern, die nicht durch die “Laster” der aktuellen kubanischen Akademie für Journalismus gekennzeichnet ist. Jene jungen Menschen, die keine Kompromisse mit den Machthabern eingehen, sind die einzige Hoffnung, die uns bleibt.

Übersetzung: Nina Beyerlein