First Ladies: Ein ungenutztes Potenzial in Lateinamerika

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Nach diesem langen Zeitraum, in dem die Führung des Landes Haare auf der Brust hatte und Röcke nur im Hintergrund standen, zeigt sich nun eine Frau, die den Präsidenten bei der Hand nimmt und ihn zu seinen internationalen Terminen begleitet. Das Problem dabei ist aber, dass sie selbst nichts sagt. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 27. November 2018

In Zeiten, in denen man so oft über feministische Forderungen und Kampagnen im #MeToo Stil spricht und in denen die Darstellung der Frau in den Medien diskutiert wird, lohnt es sich, die Figur der First Lady in mehreren lateinamerikanischen Regierungen einmal näher zu betrachten.

 Im Gegensatz zu manchen europäischen Ländern und einigen Momenten in der amerikanischen Geschichte, haben die First Ladies in diesem Teil der Welt, der vom Rio Bravo bis hin zu Patagonien führt, selten ihren Einfluss und ihre Medienpräsenz genutzt, um moderne Ansichten mit dem weiblichen Publikum zu teilen. Sie waren viel eher „Zierpüppchen“, die den jeweiligen Staatschef zu seinen Reden, offiziellen Unterschriften und Staatbesuchen begleiteten. Dabei waren sie immer weit davon entfernt wie jemand aufzutreten, der seine eigene Stimme an die Nation richtet.

 Wie wäre es, wenn sie diese Position nutzen würden, um Einfluss auf so viel mehr als nur Kleidungsstile und Frisurentrends zu nehmen? Die lateinamerikanischen First Ladies sollten mit dem Klischee eines hübschen Gesichts, das alles was der Präsident macht mit einem Lächeln abnickt brechen und stattdessen neue Rollenbilder vorantreiben. Dazu gehört es mehr Raum einzufordern und jene Geschichten vorzuleben, die Frauen dieser Region dazu inspirieren jegliche Art von Geringschätzung und Gewalt abzuschütteln.

 Es gibt schwer zu bewertende Fälle, wie den der neuen kubanischen First Lady Lis Cuesta, deren Name seit mehr als 50 Jahren der Erste ist, der offiziell mit dem Staatschef in Verbindung steht. Nach diesem langen Zeitraum, in dem die Führung des Landes Haare auf der Brust hatte und Röcke nur im Hintergrund standen, zeigt sich nun eine Frau, die den Präsidenten bei der Hand nimmt und ihn zu seinen internationalen Terminen begleitet. Das Problem dabei ist aber, dass sie selbst nichts sagt. Allerdings weiß man nicht, ob diese „Unsichtbarkeit“ ihr eigener Wunsch ist oder ob es ihr schlichtweg untersagt wird.

Die lateinamerikanischen First Ladies sollten mit dem Klischee eines hübschen Gesichts, das alles was der Präsident macht mit einem Lächeln abnickt brechen und stattdessen neue Rollenbilder vorantreiben.

 Es spielt keine Rolle, ob sie mit den höchsten Autoritäten Chinas zusammensitzt oder durch die Straßen Londons spaziert, denn das große Problem ist, dass wir Kubaner weder ihre Stimme kennen, noch wissen, was sie über die wichtigsten Themen für unsere Nation zu sagen hat.

 In anderen Ländern Lateinamerikas ist das Problem dagegen ihre übertriebene Medienpräsenz oder, dass die First Lady in der Klatschpresse oder auf Modeseiten ins Lächerliche gezogen wird, da nur die Länge ihrer Röcke oder die Qualität ihres Make-ups diskutiert wird. Auf der Insel, auf der ich lebe, wird die Stimme der Frau des Staatschefs dagegen unterdrückt, sie zeigt sich wie eine schwache Abweichung der etablierten Ideologie, eine gekünstelte Geste der Autoritäten.

 Es ist an der Zeit, dass die Person an der Seite des mächtigsten Mannes des Landes mehr repräsentiert als nur „eine hübsche Begleitung“. Sie sollte nicht wie ein geblümter Vorhang oder eine schöne Vase ohne Stimme dargestellt werden – und noch viel weniger wie ein Kunstblume, immer frisch und parfümiert, selbst in den schlimmsten Zeiten.

 Eine  First Lady sollte wie ein Spiegelbild für die Frauen Lateinamerikas sein, in dem viele von ihnen ihr eigenes Potenzial erkennen können. Sie sollte ein Aufruf dazu sein, Projekte zu starten und eine andere Zukunft wiederspiegeln. Sind die Damen im Palast dazu bereit, den Kleiderschrank gegen einen wirklichen Einfluss einzutauschen und die Absätze zu Gunsten von sozialen Aufgaben links liegen zu lassen? Wir hoffen es.

              Übersetzung: Anja Seelmann
Diese Kolumne wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der Deutschen Welle publiziert.


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Sechs Jahrzehnte mit einer unerreichbaren Utopie

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Januar 2019; vor 60 Jahren begann ein Prozess, auf den Millionen Kubaner ihre Hoffnung setzten, ohne dass er heute den Träumen ähneln würde, die er ursprünglich auslöste. (Archivo)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 2. Januar 2019

Der alte Ramón war ein bartloser Jüngling, als Fidel Castro im Januar 1959 in die Hauptstadt Havanna hineinfuhr. Wenig später beschloss er Milizionär zu werden, um das zu verteidigen, was damals viele Kubaner stolz „die Revolution“ nannten. Heute, mit einer Rente von weniger als 20 Euros im Monat, lebt der Rentner von dem Geld, das ihm seine Enkel schicken, die auf die anderen Seite der Floridastraße emigrierten, in ein Land, auf das Ramón mit seinem Gewehr zielte, wenn er – mitten im Kalten Krieg – in einer militärischen Einheit auf Wache stand.

Im Januar 2019 jährt sich das Ereignis, auf das Millionen von Kubanern ihre Hoffnungen setzten, zum sechzigsten Mal, ohne das die Träume von Jugendlichen wie Ramón Wirklichkeit geworden wären, und ohne dass die, die auf der Insel blieben, ein freies und würdiges Leben gehabt hätten. Heute bezeichnen nur noch Wenige das politische Modell, das die Bärtigen nach der Machtübernahme etablierten, als „Revolution“. Stattdessen zieht man es vor „System“ zu sagen, oder einfach „das da“, oder „die Sache“. Von den Anführern in olivgrün, die von der Sierra Maestra herunter kamen, sind heute nur noch ein paar Achtzigjährige übrig, und denen begegnet die Bevölkerung weder mit Bewunderung noch mit Respekt.

Von den anfänglichen Verheißungen, die von Chancen für alle und bürgerlichen Freiheiten sprachen, hat auch fast nicht überlebt.

Von den anfänglichen Verheißungen, die von Chancen für alle und bürgerlichen Freiheiten sprachen, hat auch fast nicht überlebt. Statt individuelle und allgemeine Freiräume zu schaffen, hat der Castrismus ein rigoroses Gefüge aus Überwachung und Kontrolle aufrecht erhalten; es war seine erfolgreichste „Leistung“ und das dauerhafteste „Resultat“. Was die soziale Gerechtigkeit anbelangt, auch da gibt es wenig Anlass zu feiern. Auf den Straßen sieht man den sozialen Unterschied, der Regierungsbonzen von Rentnern, von Kubanern mit dunkler Hautfarbe und von der Landbevölkerung trennt. Die Neureichen halten Abstand zu denen, die jeden Tag ärmer werden.

Andererseits hat die Regierung in den letzten Jahren an Boden verloren, den sie an die Mechanismen des Marktes abtreten musste, die sie mit ihren Parolen so sehr kritisiert hat. Der private Sektor, mit mehr als einer Million Beschäftigten, hat die Ineffizienz des staatlichen Apparats bewiesen, wobei dieser Teil der Wirtschaft ständig an die Grenzen von Restriktionen stößt, die es für Unternehmertum und Kreativität weiterhin gibt. Nachdem der Platz der Revolution (Regierung) schon 1968 die bescheidenen Essensstände konfisziert hat, verkauft er die Insel jetzt Stück für Stück an ausländische Investoren.

Von den beiden „Kronjuwelen“, dem öffentlichen Unterrichtsystem und dem Gesundheitssystem, ist auch nicht mehr viel vorzeigbar. Diese öffentlichen Institutionen erreichen zunehmend den letzten Winkel des Landes, aber die Verschlechterung der Infrastruktur, die niedrigen Löhne von Lehrern und Ärzten − in Verbindung mit ideologischen Exzessen und einer hohlen Ethik − haben dazu geführt, dass Klassenzimmer und Krankenhäuser nicht mehr den Vorstellungen eines gebildeten Volkes entsprechen. Die gute medizinische Versorgung löste früher einmal den Beifall von vielen Tausend Kubanern aus, die sich versammelten, um den Marathon-Reden des Chefkommandanten zu lauschen.

Heute, wo man bei den offiziellen Feiern zum 60.Jahrestag von einem sozio-politischen Prozess spricht, werden nur noch Wenige ihn „revolutionär“ nennen wollen. Leute wie Ramón und seine Enkel ziehen Bilanz: was haben sie nicht erreicht, welche Illusionen mussten sie am Straßenrand „parken“, ….und dass dieses autoritäre System nicht funktioniert, das aus den Illusionen von damals hervorgegangen ist.

          Übersetzung: Dieter Schubert
Dieser Text wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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Die nicaraguanische Presse im Auge des Wirbelsturms

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Die Unterdrückung der Presse findet inmitten einer sozio-politischen Kriese statt, die nach Demonstrationen gegen Ortega mehrere Hundert „politische Gefangene“ zurückließ. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 20. Dezember 2018

Es reichte ihnen nicht, die sozialen Proteste blutig niederzuschlagen und auch nicht hunderte Jugendliche zu verhaften, weil sie von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machten. Daniel Ortega und Rosario Murilla mussten noch weiter gehen.

Im Dezember dieses Jahres stürmte die nicaraguanische Polizei die Büros der Tageszeitung Confidencial und die der TV-Programme Esta Semana und Esta Noche, mit der Absicht, die Chronisten eines Landes zum Schweigen zu bringen, in dem die Meinungsfreiheit seit Jahren ernsthaft in Gefahr ist.

Weshalb dieser Hieb gegen die Medien? Welchen Sinn hat es, gegen Journalisten anzukämpfen und die einhellige Verurteilung durch die internationale Journalistengilde in Kauf zu nehmen? Teilweise, weil es für ein autoritäres Regime nichts Schlimmeres gibt, als gewissenhafte Berichterstattung über dessen Exzesse und genaue Informationen zu Gewalt gegen die Bevölkerung.

Ein Reporter ist für Tyrannen der Staatsfeind Nummer eins, da er es vermag Aspekte der Realität zu Papier zu bringen, die der Regierungspalast gerne unter den Teppich kehren und vor Blicken verbergen würde. Er ist der unbequeme Zeuge, bereit dazu, das zu verbreiten, was Einige nie an die Öffentlichkeit gelangen lassen wollten.

Ein Reporter ist für Tyrannen der Staatsfeind Nummer eins, da er es vermag Aspekte der Realität auf Papier zu bringen, die der Regierungspalast gerne unter den Teppich kehren und vor Blicken verbergen würde

Jetzt, nach einer weiteren Drehung an der Schraube, hat eine neue repressive Phase des „Systems Ortega“ begonnen. In dieser Etappe konzentriert sich sein Kontrollapparat darauf, jegliche Spuren von Unabhängigkeit, die der Zivilbevölkerung noch bleiben, zu zerstören. Daher bilden NGOs, zivilgesellschaftliche Gruppen und Tageszeitungen das Zentrum seiner Attacken. Alles, was der Bevölkerung dazu dienen könnte, ihre Kräfte zu vereinen und sich über die Geschehnisse auf dem Laufenden zu halten, soll vernichtet werden; zumindest ist das die Absicht des einstmaligen Guerilla-Kämpfers, der sich zu einem Tyrannen entwickelt hat.

Aus diesem Grund ist die Solidarität anderer Presseorgane und der Reporter in allen Teilen der Welt so entscheidend − vor allem in Lateinamerika. Eine Redaktion „auszuradieren“ und ihr die Arbeitsmittel zu nehmen, ist, als würde man viele Tausend Personen in einer Sekunde knebeln und hunderte Münder verschließen, damit sie kein Wort mehr sagen. In allen Redaktionen und Fernsehsendern dieser Region der Welt sollten wir diese Woche Trauerkleidung tragen, in Gedenken an unsere nicaraguanischen Kollegen und auch als Zeichen der Empörung über den gefährlichen Schritt Ortegas.

Aber vor allem müssen wir in allen digitalen Medien, gedruckten Zeitungen, Zeitschriften oder Fernsehsendern daran erinnern, dass in den instabilen lateinamerikanischen Demokratien – und sogar in den Ländern mit autoritären Regierungen – die Presse ein wichtiger Eckpfeiler war, um den Menschen eine Stimme zu geben und über das gewaltsame Vorgehen der Regierung zu berichten.

Die fragilen Republiken, die nach den Unabhängigkeitskriegen entstanden sind und die Freiheiten, die nach Militärdiktaturen wiederhergestellt wurden, wären ohne die Arbeit von Journalisten Eintagsfliegen gewesen.

              Übersetzung: Lena Hartwig

Diese Kolumne wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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Kampf um Kampf

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Díaz-Canel verwendet Kriegsrhetorik, wenn er von der Wirtschaft spricht. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |18.Dezember 2018

Miguel Díaz-Canel hat vor der Nationalversammlung versichert, dass „der grundlegende Kampf Kubas ein wirtschaftlicher ist“. Ein Satz, der sich einer abgedroschenen kriegerischen Metapher bedient, die im offiziellen kubanischen Diskurs der letzten 60 Jahre so sehr strapaziert wurde. Seine Worte sind Teil einer Strategie, jeden Aspekt der Realität als Schlacht, Konfrontation und ewiges Gefecht anzugehen, sei es gegen den politischen Feind, einen Hurrikan oder in diesem Fall die Wirtschaft.

Was würde passieren, wenn kubanische Beamte, sich anstelle von ständig wie Raufbolde zu verhalten, Produktion, Markt und Unternehmertum als Verbündete sehen würden, um zu helfen, zu ermutigen und zu fördern? Wie viel würde man in unserem Leben davon bemerken, wenn sie die „Waffen“ der Beschränkungen beiseitelegen, die „Gräben“ so vieler bürokratischer Absurditäten zuschütten, die „weiße Flagge“ hissen und öffentlich anerkennen würden, dass dieses System nicht funktioniert?

Der einzige Krieg, der es wert ist, in diesem Fall geführt zu werden, ist derjenige, der mit dem bedingungslosen Verzicht auf so viele gescheiterte Managementmethoden endet, die diese Insel in einen dauerhaften Konkurs gebracht haben, sie finanziell zu einer Bittstellerin machten und eine massive Flucht ihrer Kinder ausgelösten, die auf der Suche nach Wohlstands die Insel verließen. Es ist an der Zeit, einen wirtschaftlichen „Waffenstillstand“ zu beschließen, einen täglichen Frieden, der es ihnen ermöglicht, dass es keinen permanenten, harten oder anstrengenden Kampf mehr darstellt, leben zu können, mit der Eisenbahn zu reisen oder an eine Zeitung zu kommen, die nicht nur Slogans wiederholt.

             Übersetzung: Berte Fleißig

Wir, die Übersetzergruppe von Generación Y, wünschen allen unseren Lesern ein glückliches und erfolgreiches Jahr 2019.

Anja, Berte, Lena und Dieter


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