Journalismus heute: zwischen Ethik und Technologie

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Schließlich sind wir Geschichtenerzähler.  Unser Aufgabenbereich ist aber nicht die Fiktion, wie im Falle von Romanschreibern oder Dramaturgen, denn wir erzählen reale Geschichten. (Rafael Alejandro García)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 3. November 2019

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Vor mehr als einem Jahrzehnt überschritt ich eine schmale rote Linie und schlug einen Weg ein, von dem es, selbst wenn ich wollte, kein Zurück mehr gibt: ich wurde von einer Normalbürgerin, die die wenige Information verschlang, die ihr in die Hände fiel, zu einer Bloggerin, einer Reporterin und einer Nachrichten-Quelle, in einem Land wie Kuba mit 11 Millionen Einwohnern, die danach dürsteten zu erfahren, was innerhalb und außerhalb ihres Territoriums passiert.

 Ich habe es nicht selbst entschieden, ich nahm mir keine Minute Zeit um darüber nachzudenken; ich wog nicht einmal ab, was nach diesem Schritt kommen würde. Der Journalismus klopfte einfach an meine Tür und es kam nicht infrage, ihm nicht zu öffnen, ihn nicht einzulassen oder ihn daran zu hindern, mein Leben auf den Kopf zu stellen. Es gab so viel zu erzählen, dass es ein Akt von ziviler Apathie und tadelnswerter Gleichgültigkeit gewesen wäre, die Verantwortung nicht zu übernehmen, von meinem Land zu erzählen.

 Das waren die Jahre, als der Arabische Frühling seine ersten Erfolge feierte und die Smartphones und die sozialen Netzwerke einen glauben machten, dass ein Bildschirm, eine Tastatur und eine kurze Nachricht auf Twitter genügten, um Bewusstsein zu wecken und die Realität zu verändern. Aber es war auch der Beginn einer Periode der tiefen Krise für den Journalismus.

So kamen Jahre, in denen die Medien scheinbar ihre Richtschnur verloren hatten. Eine einzelne Person konnte mit einem Mobiltelefon in der Hand den wichtigsten Bericht über ein Ereignis abgeben.

 So kamen Jahre, in denen die Medien scheinbar ihre Richtschnur verloren hatten. Eine einzelne Person konnte mit einem Mobiltelefon in der Hand den wichtigsten Bericht über ein Ereignis abgeben. Und so kamen die Reporterteams, die Fotografen und die Redakteure zu spät zu einer Geschichte, die bereits bis zum Überdruss in Chats, Foren und bei Facebook veröffentlicht worden war.

 Es entstanden die sogenannten  „digitalen“ Medien, während die anderen zu hybriden Kreaturen wurden, fast zu Informations-Chimären. Noch heute versuchen diese ihre digitale Version aufzuwerten, indem sie auch ihre Print-Version am Leben halten wollen, die in den meisten Fällen auf einen zweiten, weniger dynamischen und unbedeutenderen Platz verbannt wurde.

 Es ist ein Jahrzehnt her, dass viele darauf setzten, dass der neue Journalismus, der aus all diesen Veränderungen entstehen sollte, jedes Mal schneller und unmittelbarer sein müsste, mit einer größeren Einbindung von audiovisuellen Elementen.

 Er sollte interaktiver, demokratischer und natürlich den sozialen Netzwerken und den neuen Verbreitungskanälen stärker zugewandt sein. Meist unterschätzte man bei dieser Gleichung den zentralen Punkt bei jeder informativen Arbeit, jenseits von Ausschmückungen und technologischen Werkzeugen, nämlich die Geschichte selbst.

 Schließlich sind wir Geschichtenerzähler. Unser Aufgabenbereich ist nicht die Fiktion, wie im Fall von Romanschreibern oder Dramaturgen, denn wir erzählen reale Geschichten, die vor einigen Minuten oder mehreren Jahrzehnten passiert sind, aber deren Kraft auf ihrer Wahrhaftigkeit beruht, mit der wir Sicherheit vermitteln. Eine gut erzählte Geschichte in einer schönen Sprache, aus verschiedenen Quellen geschöpft und sorgfältig recherchiert, bleibt das Kernstück unserer Arbeit.

Um eine Geschichte zu erzählen, genügt es nicht Glück oder Geduld zu haben, um ein Ereignis zu finden, das unserer Leserschaft würdig ist. Es genügt auch nicht, die Gerundien gut zu verwenden

 Um eine Geschichte zu erzählen, genügt es nicht Glück oder Geduld zu haben, um ein Ereignis zu finden, das unserer Leserschaft würdig ist. Es genügt auch nicht, die Gerundien gut zu verwenden und das Vokabular zu beherrschen, das aus einer Reportage, einem Zeitungsbericht oder aus der einfachsten informativen Notiz einen Genuss fürs Auge und den Intellekt macht. Nein, das reicht nicht. Es genügt auch nicht, dass der Tatbestand, über den wir etwas veröffentlichen wollen, neu und enthüllend ist.
Die Sprache und die Ethik bilden das wichtigste Bindemittel, das alle Elemente eines guten Journalismus zusammenführen sollen.

 Das erste Element ist die Beherrschung der Sprache (in unserem Fall der schönen spanischen Sprache); ein Fach, in dem niemand je völlig perfekt sein wird, aber in dem man gute Ergebnisse erreichen kann: mit Lektüre, linguistischer Neugier, um die Bedeutung und den Ursprung der Wörter zu erforschen, und dadurch, dass man importierte Wörter nicht schweigend hinnimmt. Dazu kommt der Mut Begriffe zu kombinieren und mit der Vorstellung zu brechen, dass Journalismus in einer trockenen, direkten Sprache ohne jedes „Abheben“ praktiziert werden sollte.

 Doch die Ethik,… sie ist am schwierigsten zu fassen, weil sie aus dem persönlichen Kompromiss von Objektivität und Wahrheit entsteht. Sie ergibt sich aus dem Verständnis für das rechte menschliche Maß, das ein Journalist in der Gesellschaft anwendet, und aus der Akzeptanz der Verantwortung, die wir mit jeder veröffentlichten Information übernehmen.

 Die Ethik im Pressewesen beginnt mit aufrichtig zu sein im Umgang mit dem informativen Grundstoff, gewissenhaft zu sein in der Verifizierung von Daten und sich eng an die Wirklichkeit zu halten, von der wir gerade erzählen.

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1000003_20151128rS9NGj Im Fall von autoritären Gesellschaften, wo Information weiterhin als Verrat betrachtet wird, hat die Presse nur zwei Möglichkeiten: der Staatsmacht zu applaudieren oder dazu verurteilt zu werden, in der Illegalität und mit Angriffen zu leben. Die journalistische Ethik sollte aber nicht dem Druck nachgeben, noch Selbstzensur üben. In Regimen, die allergisch auf die Informationsfreiheit reagieren, wird der Reporter zu einem Aktivisten für die Wahrheit.

 Obwohl neue Technologien die Mauer des Informations-Monopols, das Diktaturen errichten, wenigstens teilweise durchlöchert haben, haben wir in diesen Jahren begriffen, dass politische und soziale Veränderungen viel mehr brauchen als mobile Displays und Aufrufe in sozialen Netzwerken. Andererseits, die gleichen Geräte, die wir mit dem Wunsch nach Freiheit und Demokratie benutzen, werden auch von der politischen Polizei eingesetzt, um Aktivisten zu überwachen, um die unabhängige Presse zu kontrollieren und um Information abzuwerten.

 Täuschen wir uns nicht. Für „Fake-News“ und „alternative Wahrheiten“ gibt es keine effektivere Maschine als den Populismus, und es gibt kein Laboratorium, aus dem noch perfektere, noch „überzeugendere“ Falschmeldungen kämen, als aus dem inneren Kreis eines autoritären Regimes. So gesehen ist − unter den gegebenen Umständen − ein ethischer Qualitätsjournalismus lebenswichtig, in dieser unserer Zeit.

 Sehr beunruhigend ist, dass der erpresserische Umgang mit der Informationsfreiheit nicht exklusiv in autoritären Systemen vorkommt, sondern sich auch in Demokratien verbreitet. Journalistisches Tun steht heute im Fokus von zu vielen Mächten.

 In Ländern wie Mexico und Honduras kann eine Reportage dem Autor das Leben kosten, während sich in Ländern wie Kuba die Bürokratie damit brüstet, dass man auf der Insel keine Journalisten umbringt, obwohl es stimmt, dass unsere Bürokraten den Journalismus gewaltsam zu Grunde gerichtet haben, mit Drohungen, willkürlichen Verhaftungen, der Beschlagnahme von Arbeitsmitteln und dem Druck, doch ins Exil zu gehen.

 Andererseits, in Gesellschaften, in denen sich die Bürger tagtäglich in ihren Rechten verletzt sehen, wo es keine Gewaltenteilung gibt und die Gerichte zu Lehen einer Gruppe geworden sind, die die Justiz nach Gutdünken verwaltet,… in diesen Gesellschaften übernimmt eine unabhängige Presse neue Verantwortungen. (Hier lohnt es sich sie „unabhängig“ zu nennen, weil diese Regime es sich zum Ziel gesetzt haben, ihre eigene Pseudopresse zu etablieren – ein Resonanzboden für Propaganda). Eine unabhängige Presse wird zum Sprachrohr einer geknebelten Bürgerschaft, verbunden mit einem Anteil Heldentum, aber auch mit der Verpflichtung, die diese Rolle mit sich bringt.

 Und wie lassen sich nun junge Journalisten in dieses komplexe Szenario einfügen? Welche aufmunternden Worte kann ich ihnen mit auf dem Weg geben, den sie soeben beschreiten? Wenige und viele. Sie sind in einem Augenblick des Umbruchs und des Zweifels zur Presse gekommen. Sie fangen in von Schulden geplagten Redaktionen an, die unter der Zwangsvorstellung von „Erfolgsgeschichten“ leiden. Vermutlich werden viele von ihnen den Beruf in Gesellschaften ausüben, wo sie Leben, Gefängnis und Prestige riskieren, wenn sie etwas über bestimmte Themen publizieren. Es kann sogar sein, dass sie es vermeiden, sich Anderen gegenüber als Journalisten zu outen, damit man sie nicht mit altbekannten  Etiketten wie „Tintenlutscher“, „Nachrichtengeier“, „Presse-Fuzzi“ oder „Kolumnist der 5. Kolonne“ versieht.

* * *

Unbenannt Eure frühen Morgenstunden werden anstrengend sein, nie mehr werdet ihr einen Bildschirm, die Titelseite einer Zeitung oder eine Webseite mit jener gesunden Naivität betrachten, die ihr einst hattet. Ihr werdet auch lernen, dass man sich in diesem Beruf keine Freunde macht, und dass − in dem Maße wie ihr lernt einen besseren Job zu machen − in eurer Umgebung Ablehnung und Kritik zunehmen werden. Aber dennoch, wenn ihr einer Geschichte nachspürt, werdet ihr bewegende Momente erleben, und ihr werdet den Adrenalin-Stoß spüren, wenn nur noch ein paar Sekunden und ein Klick fehlen, um eine Reportage zu veröffentlichen, an der ihr lange gearbeitet habt.

 Ihr werdet den Augenblick genießen, wenn die Publikation einer Geschichte dazu beigetragen hat, die Wirklichkeit besser zu machen, eine Ungerechtigkeit zu korrigieren, oder denen eine Stimme zu geben, die lange mundtot gemacht wurden. Es sind kurze Momente, aber sie entschädigen euch reichlich.

 Ihr werdet eure Verleger lieben und hassen, werdet auf die Verärgerung eines Lesers antworten müssen und euch auch verantwortlich fühlen für die Repressalien, die eure Quellen erleiden. Ihr werdet mehr Kaffee trinken, als ihr euch jetzt vorstellen könnt, und ihr werdet verstehen, dass es zu jedem Thema, das ihr in euren Artikeln behandelt, es immer jemand geben wird, der mehr über diese Materie weiß als ihr, der jede publizierte Zeile akribisch liest, nur um einen Fehler zu finden.

 Und wenn ihr dann glaubt, dass der Arbeitstag zu Ende gegangen ist, weil der Text, der euer Kind geworden ist, weitergeleitet,  bearbeitet und schließlich veröffentlich wurde, dann müsst ihr doch wieder zurück auf Anfang, denn es ist ein neuer Tag gekommen, mit anderen Ereignissen, von denen ihr berichten wollt, und einer unersättlichen Leserschaft, die auf euch wartet. Deswegen kann ich euch nur dies versprechen: viel Verantwortung, wenig Erholung und weniger Langeweile.

           Übersetzung: Iris Wißmüller, Dieter Schubert

Anmerkung der Übersetzer:
Dieser Text wurde im Rahmen einer Diplomvergabe für angehende Journalisten der spanischen Tageszeitung EL País verlesen.


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Die Berliner Mauer hat nie existiert

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Die Menschen in Berlin beginnen die Mauer einzureißen. (CC)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 09. November 2019

Für die offizielle kubanische Presse ist die Berliner Mauer nicht gefallen, sie steht noch oder hat nie existiert. Eine kurze Suche auf den Websites und in Printversionen der wichtigsten Medien des Landes reicht aus, um zu beweisen, dass es kaum eine Erwähnung der Mauer gibt, die Deutschland, Europa und die Welt jahrzehntelang spaltete und eine Narbe hinterließ. Denn sie ist immer noch ein Thema, das von den Ideologen des „Journalismus“, der in den von der Kommunistischen Partei kontrollierten Redaktionen gekocht wird, geleugnet und verborgen wird.

Am Samstag, dem 9. November, jährt sich zum 30. Mal der Tag, an dem die Berliner begannen, diese absurde Barriere niederzureißen

Am Samstag, dem 9. November, jährt sich zum 30. Mal der Tag, an dem die Berliner begannen, diese absurde Barriere niederzureißen und das sozialistische Lager in Osteuropa nach und nach wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel. Es ist auch ein Jubiläum jenes Jahres 1989 auf Kuba, als eine Generation hoffnungsvoll die Veränderungen mitverfolgte, die die „Weggefährten“ erschütterten, während die Plaza de la Revolución die politische Kontrolle verschärfte, um zu verhindern, dass Reformisten oder Anhänger der Perestroika an Boden gewinnen würden.

So wie die kubanischen Beamten es vor drei Jahrzenten taten, verbergen sie auch im November dieses Jahres erneut den Fall der Berliner Mauer vor uns…. aber wir haben bereits davon erfahren, wir haben bereits die Bilder mit Hämmern und Meißeln gesehen, die diese Mauer niedergerissen haben. Auf unserer Netzhaut gibt es trotz der Zensur einen jungen Mann, ein Kind, eine Familie, ein Volk…., die gemeinsam die strenge Grenze zum Einsturz brachten, die ihnen einst aufgezwungen wurde.

                  Übersetzung: Lena Hartwig


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