In Kuba gibt es keine Drogen?

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Ich hatte im linken Auge eine ziemlich böse Hornhautentzündung. Sie war die Folge mangelnder Hygiene im Wohnheim und einer Reihe nicht auskurierter Bindehautentzündungen. Mir wurde eine komplexe Therapie verordnet, aber selbst nachdem ich einen Monat lang Augentropfen genommen hatte, spürte ich keine Besserung. Mir brannten die Augen, wenn ich auf weiß gestrichene Wände schaute oder auf Stellen, auf denen das Sonnenlicht reflektiert wurde. In den Schreibheften verschwammen die Linien und es war mir nicht möglich, meine eigenen Nägel zu betrachten. Yanet, das Mädchen, das im gegenüberliegenden Bett schlief, erzählte mir, was da vor sich ging. ‘Sie klauen dein Homatropin, nehmen es selber, um high zu werden, und anschließend füllen sie das Fläschchen mit einer anderen Substanz wieder auf‘, flüsterte sie mir bei den Duschen zu. Also bewachte ich von da an jede Nacht meinen Spind und fand heraus, dass sie Recht hatte. Ein paar meiner Schulkameradinnen im Wohnheim tranken mit etwas Wasser verdünnt die Medizin, die mich eigentlich gesund machen sollte. Kein Wunder, dass meine Hornhaut nicht verheilte.

Blaue Elefanten, Wege aus Plastilin, Arme, die bis zum Horizont reichten. Davonlaufen, fliegen, aus dem Fenster springen, ohne sich zu verletzen … hinunter in den tiefsten Abgrund, das waren die Emotionen, denen viele jener Jugendlichen nachjagten, die fern von ihren Eltern waren und nur die paar moralischen Werte mitbekamen, die uns von den Lehrern vermittelt wurden. In manchen Nächten bereiteten die männlichen Schüler einen Tee aus der unter dem Namen ‘Engelstrompete‘ bekannten Blume zu, der Droge der armen Leute, wie sie sagten. Gegen Ende meiner zehnten Klasse kam in jener Oberschule auf dem Land Pulver zum Schnupfen und ‘Gras‘ in kleinen Päckchen in Umlauf. Es wurde vor allem von den Schülern aus dem Elendsviertel El Romerillo mitgebracht. Gekicher in den Klassenzimmern an den Vormittagen nach dem Konsum, verlorene Blicke, die durch die Tafel hindurchgingen, und eine Libido, die durch all jene „anheizenden Reizmittel“ aufgeputscht war. Wenn man regelmäßig eine Dosis zu sich nimmt, verspürt man das brennende Hungergefühl im Magen nicht mehr, versicherten mir einige Freundinnen, die bereits ‘süchtig‘ waren. Zum Glück habe ich mich nie in Versuchung führen lassen.

Nach Verlassen der Oberschule fand ich heraus, dass sich jenseits der Mauern jenes Ortes dieselbe Situation wiederholte, aber in größerem Umfang. In meinem Stadtviertel San Leopoldo lernte ich die halb geöffneten Augenlider von Menschen, die ‘stoned‘ waren, zu erkennen, die Hagerkeit, die fahle Haut eines Drogenabhängigen und das aggressive Gebaren einiger, die sich als Herrscher der Welt fühlten, wenn sie sich zugedröhnt hatten. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts vergrößerte sich das Angebot auf dem ‘Markt des Entfliehens‘: Melca, Marihuana, Koks – letzteres kostet im Moment ungefähr 50 Pesos convertibles das Gramm -, EPO-Pillen; rosarotes und grünes Parkizol, Crack und jede Art von Psychotropika. Die Käufer kommen aus sehr unterschiedlichen sozialen Schichten, vor allem aber wollen sie der Realität entfliehen, Spaß haben, aus der Routine ausbrechen und das tägliche Gefühl, eingeengt zu sein, hinter sich lassen. Sie ziehen sich etwas in die Nase, trinken, rauchen und hinterher sieht man sie die ganze Nacht hindurch in einer Diskothek tanzen. Ist die Euphorie verebbt, schlafen sie vor demselben Bildschirm ein, auf dem Raúl Castro versichert: ‘In Kuba gibt es keine Drogen‘.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

Es ist mehr als nur ein Kabel

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Im Dezember hat sich unser Parlament versammelt. Eine Anhäufung aus verschiedenen Altersgruppen, sozialen Schichten, Rassen und Geschlechtern, aber aus nur einer einzigen politischen Partei. Mehr als 600 Abgeordnete die angeben, eine Nation zu vertreten, obwohl sie in Wirklichkeit nur im Namen einer Ideologie sprechen. Eine Vortäuschung von Pluralität, mit Statistiken die dazu gedacht sind zu beeindrucken, mit Zahlenangaben von Frauen, Jugendlichen, Mischlingen und Arbeitern, die darin enthalten sind, jedoch ohne Unterschiedlichkeit der Gedanken. Ein Regenbogen mit 7 Streifen derselben Farbe. Oder zumindest fast, weil die Farbpalette nur Rot und Olivgrün enthält. Aber es ist nicht unbedingt diese gefügige Gruppe von Personen, welche im Palast des Parteitages applaudieren, über die ich heute schreiben möchte, sondern über das Fieberglaskabel zwischen Kuba und Venezuela.

Als letzten Monat der Minister für Telekommunikation und Informatik vor der Nationalversammlung einen Bericht vorbrachte, hat die Presse kein Wort über das Kabel „Alba-1“ verloren. Seit August 2012, laut Bericht von heute in der Zeitung Granma, ist die Unterwasser-Kabelinstallation für den „entsprechenden internationalen Telefondienst“ betriebsbereit gewesen. Das bedeutet, dass Maimir Mesa, als er vor dem Parlament sprach, bereits Informationen zur Bekanntgabe hatte, es aber vorzog, sie für sich zu behalten, sie vor uns zu verbergen. Warum? Vielleicht aus Furcht davor, dass das Verlangen, das viele von uns haben, uns mit dem Internet zu verbinden, mit dieser Bekanntmachung wieder entfacht wird. Vielleicht hat er uns diese Daten verschwiegen, weil er keine andere Informationsstrategie kennt, als die Geheimhaltung. „Je weniger sie wissen, um so besser“, scheint die Devise unserer Machthaber zu sein.

Jedoch ist diese Welt ein Dorf, ein Baseball, eine saure und kleine Orange. Vor ein paar Tagen hat das nordamerikanische Unternehmen Renesys bekannt gegeben, dass sie Verzögerungen bei „Alba-1“ bemerkt hätten. Zuerst war es ein Datenverkehr in nur eine Richtung, der sich später dann zu einem Hin und Her von Kilobytes vervollständigte. Das Kabel fing an zu leben, es ist aufgewacht. Zwei Jahre nach ihrer Ankunft auf kubanischem Territorium, mit Kosten von 70 Millionen und einer Länge von 1.600 Kilometern, hat die lange Fieberglas-Schlange angefangen zu funktionieren. Wir mussten dies, wie es so oft geschieht, durch ausländische Medien erfahren. Erst als die Nachricht schon in aller Munde war, hat die offizielle Presse dies mit einer knappen Notiz bestätigt. In ihr wird auch gleich darauf hingewiesen, dass „die Inbetriebnahme des Unterwasserkabels nicht bedeutet, dass sich automatisch die Möglichkeiten des Zugangs multiplizieren“.

Ehrlich gesagt, ich glaube ihnen nichts mehr. Weder der passiven Nationalversammlung, noch einem Minister der die Geheimniskrämerei praktiziert, noch den offiziellen Journalisten, die in eben dieser Sitzung des Parlaments waren und nicht über das Fehlen dieses so wichtigen Themas berichteten, noch einer Zeitung, die erst dann etwas bringt, wenn man ihr Schweigen entlarvt. Und viel weniger glaube ich mittlerweile an das Wesen der wahren Bürger von all den Millionen Kubanern, welche geschwiegen haben und sich zufrieden gegeben haben mit dem geringsten Zugang zum Internet auf dieser Hemisphäre.

Übersetzung: Birgit Grassnick

TeleSUR gegen Parabolantenne

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Eine altmodische Fernsehantenne mit “Schnurrbarthaaren” ragt über dem Fenster auf, aber das ist nur eine Maskerade, eine Täuschung. Das Fernsehsignal kommt in Wirklichkeit über ein Kabel, das mehrere Flachdächer und eine Straße überquert. Die illegale Elektroinstallation bringt mehreren Familien eine Auswahl von Comicfilmen, Telenovelas und Musicals für ungefähr zehn Pesos convertibles im Monat (10 €). Nur der Besitzer der Satellitenantenne darf entscheiden, was man jeweils sehen kann. Mit der Fernbedienung in seinen Händen hat er die Entscheidungsgewalt über die Kanäle und bestimmt, wozu alle Kunden seines Netzes Zugang bekommen. Er vermeidet politische Themen, um keine Probleme zu bekommen, und bevorzugt Realityshows. Das Endergebnis ist Fernsehen zum mentalen Abschalten, zur Flucht aus dem Alltag, ein Kompendium von geringem kulturellen Wert, aber mit viel Unterhaltung.

Als Konkurrent dieser selbstbestimmten Programmauswahl tritt nun seit diesem Sonntag TeleSUR auf, der venezolanische Kanal, der via Satellit ausgestrahlt wird. Über Jahre hatten wir Kubaner nur drei vorher aufgezeichnete Programmstunden dieses Mehrstaatenkanals. Jetzt verfügen wir über 13 ½ Stunden seiner Direktsendezeit mit Inhalten wie Information und Bildung, Kriminalreportagen und Profisport-Veranstaltungen. Ohne Zweifel eine Neuigkeit, die nicht frei von einer hohen Dosis an Ideologie sein wird. TeleSUR gleicht sich an die Produktion unseres Radio- und Fernsehinstituts an, in dem das Axiom verbreitet wird: die ALBA-Länder sind dem Paradies so nahe, wie der Rest der Welt der Hölle.

Glücklicherweise müssen wir nicht nur zwischen diesen zwei Optionen wählen. Die „aufgeteilte“ Parabolantenne oder die Vision, TeleSUR teilweise zu sehen, sind heutzutage nicht unsere einzigen Möglichkeiten. Seit Monaten hat sich das Angebot ausgeweitet, auf dem alternativen Markt DVD-Pakete zu erwerben, die Dokumentarfilme und Serien beinhalten. Fernsehen auf Anfrage, eine Programmgestaltung nach dem Geschmack jedes einzelnen, die sich auf digitalen Trägern, wie DVDs und mit USB Stiften verbreitet. Wenn die nationale Produktion sich nicht diversifiziert und erweitert, wird sie angesichts dieser neuen Konkurrenten einen Teil ihrer Zuschauer verlieren. Sie wird nur noch eine Anhäufung von Sendungen sein, die von anderen Fernsehsendern übernommen oder kopiert wurde, eine Überlagerung von audiovisuellen Medien ohne eigenes Profil und unattraktiv.

Übersetzung: Iris Wißmüller

Wie werdet Ihr sein?

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Foto: Montag, am frühen Morgen: die Schlange vor den Toren der Einwanderungs- und Ausländerbehörde in Plaza

El Sexto* sagte mir, dass er ein Graffiti auf meinen Koffer zeichnen wird; eine Nachbarin schenkte mir ein Amulett für die Reise und ein bestimmter Freund schrieb mir seine Schuhgröße auf, damit ich ihm ein Paar mitbringe. Sie verabschieden sich von mir, obwohl ich noch gar nicht abreise. Ich habe nicht einmal ein Flugdatum. Aber etwas hat sich für mich verändert seit dem 14. Januar, an dem die im Oktober vergangenen Jahres angekündigte Reform des Migrationsgesetzes in Kraft getreten ist. Nach einer Wartezeit von 24 Stunden vor den Toren der Einwanderungs- und Ausländerbehörde, erfuhr ich, dass sie mir endlich einen neuen Pass ausstellen würden. Mit zwanzig „weißen Karten“, die in nicht einmal fünf Jahren abgelehnt wurden, muss ich gestehen, dass ich eher skeptisch als hoffnungsvoll war. Selbst jetzt werde ich es erst glauben, wenn ich mich in einem Flugzeug sitzen sehe, das abhebt.

Es war ein langer Kampf, der von vielen getragen wurde. Ein langer Weg mit der Forderung, dass die Ein- und Ausreise in unserem Land ein unveräußerliches Recht sei und kein Geschenk, das einem zuerkannt wird. Auch wenn die Lockerungen, die das Gesetzesdekret Nr. 302 mit sich bringt, nicht ausreichen, hätte nicht einmal dies erreicht werden können, wenn wir untätig geblieben wären. Sie sind nicht die Frucht einer großmütigen Geste, sondern das Resultat der systematischen Klagen gegen die absurden Einwanderungsbestimmungen.

Daher meine Absicht, auch weiterhin die Grenzen der Reform „auszuloten“, um am eigenen Leib zu erfahren, inwieweit die Bereitschaft zur Veränderung tatsächlich vorhanden ist. Um die nationalen Grenzen zu überwinden, werde ich keine Zugeständnisse machen. Wenn die Yoani Sánchez, so wie ich bin, nicht reisen kann, werde ich mich nicht in eine andere Person verwandeln, um dies zu erreichen. Wenn ich erst im Ausland bin, werde ich meine Meinungsäußerungen nicht verfälschen, nur damit sie mich „auch weiterhin ausreisen lassen“, oder damit gewisse Ohren zufriedengestellt sind. Ich werde mich auch nicht deswegen in Schweigen hüllen, weil mir die Rückkehr verwehrt werden könnte. Ich werde über mein Land und über die fehlende Freiheit, unter der wir Kubaner leiden, das sagen, was ich denke. Bei mir wird kein Pass als Maulsperre funktionieren, keine Reise als Köder.

Nachdem diese Einzelheiten geklärt sind, bereite ich nun meinen Zeitplan außerhalb Kubas vor. Ich hoffe, dass ich an unzähligen Ereignissen teilnehmen werde, die mich beruflich und als Bürger weiter bringen. Ich hoffe, Fragen beantworten zu können und den Hetzkampagnen zumindest teilweise entgegenwirken zu können, die sich gegen mich in meiner Abwesenheit erhoben haben. Ich werde die Orte besuchen, zu denen ich einst eingeladen wurde, doch der Wille einiger mich nicht hat gehen lassen; ich werde wie eine Besessene im Internet surfen und einige Berge wieder besteigen, die ich fast zehn Jahre lang nicht gesehen habe. Aber am meisten reizt mich, dass ich viele von Euch, meine Leser, kennen lernen werde. Ich habe bereits die ersten Symptome dieser Sehnsucht: das Kribbeln im Bauch, das die Nähe von etwas Unbekanntem verursacht. Ich wache in den Morgenstunden auf und frage mich, wie Eure Gesichter, Eure Stimmen sein werden. Und ich? Werde ich dem Bild gleichen, das Ihr Euch von mir gemacht habt?

Übersetzung: Valentina Dudinov
Anm. d. Ü.
* „El Sexto“ ist der kubanische Blogger Danilo Maldonado Machado, der sich vor allem mit Graffitis für Demokratie einsetzt.

Der Patient

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Ich schalte den Fernseher ein und sehe eine Frau, die vor der Kamera in irgendeinem Krankenhaus im Landesinneren ein Kind gebärt; die Stimme der Ansagerin verkündet die Geburtszahlen von 2012. Ich frage mich, ob die Mutter um Erlaubnis gefragt wurde, dass sie während der Geburt gefilmt wird. Die Antwort lautet wahrscheinlich nein. Zehn Minuten später besucht mich ein Freund und gibt mir einen Artikel zu lesen, in dem der Anwalt von Alan Gross Einspruch erhebt, da die kubanische Regierung die Krankenakte seines Klienten veröffentlicht hat. Dies erinnert mich an jenes Szenario, als eine versteckte Kamera in einem Krankenhaus die Mutter von Orlando Zapata Tamayo ohne deren Wissen filmte, als sie mit dem Arzt sprach. Die Aufzeichnung wurde zur Hauptsendezeit ausgestrahlt, damit Millionen von Zuschauer es sahen, natürlich ohne über die Genehmigung der leidenden Frau zu verfügen, die gerade ihren Sohn verlor.

Die Saga geht noch weiter. Im September vergangenen Jahres erläuterte die Direktorin einer Poliklinik die Symptome, die eine Dissidentin während eines Hungerstreiks hatte. Alle Details wurden ohne das geringste Schamgefühl geschildert, obwohl dadurch die Privatsphäre eines Patienten verletzt und somit der hippokratische Eid gebrochen wurde, der besagt: „Was immer ich sehe und höre, bei der Behandlung oder außerhalb der Behandlung im Leben der Menschen, darüber werde ich schweigen.“ Ich selbst beschloss vor mehr als 3 Jahren, nie wieder auch nur einen Fuß in eine Arztpraxis zu setzen, nachdem die mich behandelnde Ärztin eingeschüchtert und dazu gezwungen wurde, vor einer amtlichen Behörde eine Aussage zu machen. Ich entschloss mich, das Risiko und die Verantwortung für meine Gesundheit selbst zu übernehmen und so meine Intimsphäre zu schützen. Immer wenn ich, auch heute noch, an eine Krankenhaussprechstunde denke, ist es, als sähe ich mich in einem Szenario mit Scheinwerfern, Kameras… und ein zahlreiches Publikum betrachtet meine Innereien, meine Eingeweide.

Die gleichen öffentlichen Medien, die das Eindringen in die medizinischen Archive als ideologisches Werkzeug benutzt haben, verteidigen jetzt die Geheimhaltung des Gesundheitszustandes von Hugo Chávez. Im Fernsehen, wo wir so viele Angriffe auf die Privatsphäre der Patienten gesehen haben, werden die, die Informationen über den Gesundheitszustand des venezolanischen Präsidenten fordern, als krankhaft bezeichnet. Sie vergessen, dass genau sie es waren, die das Publikum daran gewöhnt haben, in den Krankenhausgeschichten herumzuschnüffeln, als wäre es ethisch vertretbar. Verdienten all diese unbedeutenden Personen, deren Privatsphäre von der nationalen Presse verletzt wurde, nicht auch Respekt? Und all diese Ärzte und medizinischen Institutionen, die gegen ihre heiligsten Prinzipien verstoßen haben, was ist mit denen? Wird jetzt, wo die medizinische Indiskretion nicht mehr politisch korrekt ist, gegen sie vorgegangen?

Übersetzung:Nina Beyerlein

Meme und der Plattenspieler meines Vaters

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Foto: Konzert „Otro Amanecer“ zu Ehren von Meme Solís

Er sah aus wie ein kleiner Reisekoffer mit abgerundeten Ecken und hatte auf dem Deckel einen abnehmbaren Lautsprecher. Dieser Plattenspieler war das Heiligtum meines Vaters und eine Alternative zum langweiligen Radio- und Fernsehprogramm der 80er-Jahre. Die Nadel fuhr die feinen Rillen auf dem Vinyl entlang und die Melodie erfüllte das kleine Zimmer auf nahezu magische Weise. Wir hatten auch nur eine ziemlich kleine Plattensammlung: einige davon hatten wir im Laden gekauft, andere von Freunden oder Verwandten ausgeliehen. Wir haben so oft dieselbe Musik gespielt, dass meine Schwester und ich bestimmte Boleros und Balladen, die nichts mit dem Musikgeschmack unserer Generation zu tun hatten, bald auswendig konnten. Ich erinnere mich außerdem an vier Platten, die nur sehr leise und bei geschlossenen Fenstern abgespielt wurden. Dabei handelte es sich um eine Langspielplatte von Julio Iglesias, eine andere mit Liedern gesungen von Nelson Ned, eine dritte der kubanischen Komiker Pototo und Filomeno und jene Platte eines Quartetts, das unter dem Namen „Los Memes“ bekannt war.

Sowohl den spanischen als auch den brasilianischen Liedermacher hatte man in den staatlichen Medien zensiert, angeblich wegen kritischer Äußerungen über die kubanische Regierung. Die beiden kubanischen Komiker waren ihrerseits ins Exil gegangen, was sie vollends für die „schwarze Liste“ qualifizierte. Aber wie war das mit diesen vier jungen Musikern, die so himmlisch auf jener anderen „verbotenen Platte“ erklangen? Es waren Zeiten, in denen man nicht viele Fragen stellte, sodass ich erst fünf Jahre später die Antwort darauf kannte. Damals erfuhr ich, dass José Manuel Solís (Meme) lediglich deshalb verboten worden war, weil er 1969 um die Ausreise aus Kuba gebeten hatte. 18 Jahre lang wartete er darauf, auswandern zu dürfen, Jahre, in denen die kulturellen „Torquemadas*“ versuchten, seine Kompositionen aus unserer Musikgeschichte zu löschen. Über 40 Jahre nach dem erzwungenen Schweigen um seine Person hat man unter dem Titel „Otro Amanecer“ (ein weiterer Tagesanbruch) im Teatro América in Havanna ein Konzert zu seinen Ehren veranstaltet. So konnte man am Samstag, den 5., und am Sonntag, den 6. Januar, die Lieder von Meme wieder in dem Land hören, in dem sie nie hätten zensiert werden dürfen.

In der Show wurde dem Publikum ein herausragender Interpret nach dem anderen geboten, wobei die Künstler von den bekanntesten Stimmen bis hin zu vielversprechenden jungen Talenten reichten. Trotz der sehr geringen – oder auch nicht vorhandenen – Verbreitung durch die Presse war der Saal an beiden Konzerttagen rappelvoll. Am emotionsgeladensten war die Atmosphäre, als auf der großen Leinwand die Gesichter einiger im Exil lebender Künstler erschienen. Maggie Carlés, Albita Rodríguez, Annia Linares, Xiomara Laugart und Mirtha Medina ernteten nur dafür, ein paar Sekunden in diesen Videos aufzutauchen, großen Beifall des Publikums. Der größte Star war jedoch ohne Zweifel der junge Mann aus Mayajigua, der zu jenem unentbehrlichen kubanischen Sänger, Pianisten und Komponisten wurde. Auch wenn er nicht für seine Ehrung anreiste – er erklärte, er habe nicht vor, nach Kuba zurückzukehren, solange diese Regierung an der Macht sei – war seine Präsenz in den fast zwei Stunden, die das Konzert dauerte, allgegenwärtig.

Auf voller Lautstärke, ohne die Fenster zu schließen, ohne den Ton des Plattenspielers auf ein Flüstern herunter zu drehen, ohne die Musik auszumachen, wenn die Nachbarn an der Tür klingeln. Zum ersten Mal hörte ich die Musik von Meme Solís ohne mich dabei zu verstecken. Nun fehlte nur noch er selbst, um sie zu singen.

Übersetzung: Falko Blümlein

Anm. d. Ü.

* Anspielung auf Tomás de Torquemada (1420-1498), der mit dem Aufbau eines eigenen inquisitorischen Verwaltungsapparats für Spanien den Grundstein für die Spanische Inquisition legte

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Foto: Das Teatro América am Sonntagabend nach dem Konzert zu Ehren von Meme Solís

Im Jahr 2013: Gründe, um zu bleiben

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Es muss jemanden geben, der am Fuß der Gangway steht, tschüs sagt, das Taschentuch herausholt und damit hin- und herwinkt. Jemand muss die Briefe, die farbenfrohen Ansichtskarten und die Ferngespräche entgegennehmen. Jemand muss da bleiben und sich um das Haus kümmern, das einmal voll von Kindern und Verwandten war, muss die Pflanzen gießen, die sie hier gelassen haben, und den alten Hund füttern, der ihnen so treu gewesen war. Jemand muss die Familienerinnerungen aufheben, Großmutters Kleiderschrank aus Mahagoni und den breiten Spiegel, an dessen Ecken der Spiegelbelag abgeblättert ist. Jemand muss jene Witze in Erinnerung behalten, die niemanden mehr zum Lachen bringen, und die Negative von Fotos, die nie ausgedruckt wurden. Jemand muss dableiben, einfach nur um dazubleiben.

Dieses Jahr 2013, in dem so viele auf die Umsetzung der Migrationsreform warten, könnte ein Jahr werden, in dem wir oft ‘auf Wiedersehen‘ sagen. Auch wenn ich die Entscheidung jedes Einzelnen, sich da oder dort niederzulassen, respektiere, lässt mich die Traurigkeit über die andauernde Abwanderung von kreativen und talentierten Menschen, die meinem Land widerfährt, nicht los. Erschreckend ist die große Anzahl von Kubanern, die hier nicht länger leben wollen, die ihre Kinder auf dieser Insel nicht großziehen möchten, noch ihre beruflichen Pläne in diesem Land verwirklichen wollen. Es ist ein Prozess, auf Grund dessen ich mich in den letzten Monaten von Kollegen und Freunden verabschieden musste, die ins Exil gingen, von Nachbarn, die ihr Haus verkauften, um sich einen Flug irgendwohin leisten zu können, von Bekannten, die ich eine Weile nicht mehr gesehen habe, um dann ein paar Wochen später zu erfahren, dass sie jetzt in Singapur oder Argentinien leben. Menschen, die es leid waren, zu warten und ihre Träume auf später zu verschieben.

Es muss aber jemand hier bleiben, um die Türe abzusperren, das Licht aus- und wieder anzuschalten. Viele müssen hier bleiben, weil dieses Land mit neuen Ideen wiedergeboren werden muss, mit jungen Menschen und Konzepten für die Zukunft. Wenigstens die Illusion muss erhalten bleiben, die Regenerationsfähigkeit muss hier fortbestehen und der Enthusiasmus muss mit diesem Land weiterhin fest verbunden sein. In diesem Jahr 2013 muss bei den vielen, die hier bleiben, unbedingt Zuversicht herrschen.

Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier