Der Brief, der nicht zustande kam

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„Ihr schreibt einen Brief an Fidel Castro und dankt ihm für die kostenlose Schulbildung“, sagte die Erzieherin des Schulzentrums zu den Schülern. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 20. Juni 2017   „Heute werden wir üben, wie man einen Brief schreibt“, kündigte Mitte Juni die Lehrerin der 4.Klasse einer Schule im Bezirk Platz der Revolution an. Lucía, neun Jahre alt, dachte dabei sogleich an einen Brief an ihre Großmutter, in dem sie ihr von ihren neuesten Kunststücken auf Rollschuhen erzählen würde, aber der Empfänger war schon bestimmt. „Ihr schreibt einen Brief an Fidel Castro und dankt ihm für die kostenlose Schulbildung“, erklärte die Erzieherin.

Das Mädchen verstand die Welt nicht mehr. Noch nie war es ihr in den Sinn gekommen, ein Schreiben an einen Verstorbenen zu richten, auch nicht an jemand, der weder ein Freund noch ein Mitglied der Familie gewesen wäre. Sie kritzelte das Datum oben auf das Blatt und hielt dann inne, mit dem Stift in der Luft, weil sie nicht mehr weiter wusste. „Lucía, du musst ihm dafür danken, dass er Schulen gebaut hat, in denen kubanische Kinder lesen lernen“, sagte die Lehrerin mit Nachdruck.

Lucía sah sie mit offenem Mund an. „Mach schon, es ist nämlich sehr gut möglich, dass man in der Prüfung von dir verlangt, einen Brief an den Kommandanten zu schreiben und du musst das vorher üben“. Der Stift bewegte sich keinen Millimeter. „Schau, ich werde dir ein paar Sätze diktieren und dann machst du allein weiter“, bemerkte die Erzieherin mit zunehmend gereiztem Tonfall. „Schreib doch einfach: Fidel, ohne dich hätte ich weder Schuhe noch Bücher und ich könnte weder lesen noch schreiben“, schlug sie vor. Aber das Mädchen machte keinen einzigen Federstrich.

Zu Haus angekommen stand rechts oben auf dem Blatt immer noch nicht mehr als der Tag und der Monat. Deswegen war jetzt die Mutter an der Reihe nachzuhaken: „Denk einfach, du schreibst an eine andere Person und nachher setzt du seinen Namen darüber“, schlug sie ihr als Trick vor. Lucía stellte sich vor, sie würde ihrer Großmutter vom Spielen im Park erzählen, sie dankte ihr für ihre Liebe und unterschrieb den Brief mit einem Buchstaben, den sie an eine gezeichnete Blume drückte.

Die Abschlussprüfung in der letzten Woche enthielt auch die Aufgabe einen Brief zu schreiben. Diesmal sollte er sich an die Lehrerin richten und die Frage beantworten:“Wie hilfst du deiner Mutter bei der Hausarbeit?“. Das Mädchen verharrte minutenlang bewegungslos, mit dem Stift über dem Papier, ohne zu wissen was sie tun sollte. Aber niemand kam, um ihr Sätze zu diktieren.

* Diese Geschichte ist nicht erfunden, sie ereignete sich so. Um Repressalien zu vermeiden, wurde der Name der Schülerin geändert.

       Übersetzung: Dieter Schubert

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Parlamentarisches Karaoke

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Das Hotel Tulipán beherbergt die Abgeordneten während ihrer aktuellen ordentlichen Sitzung

Logo 14ymedioYOANI SÁNCHEZ| GENERACIÓN Y| 14. Juli 2017 Es ist Mittwochnacht. Das Stadtviertel „Nuevo Vedado“ versinkt in der Dunkelheit. Mitreißende Musik schallt aus dem Hotel Tulipán, in dem sich die Abgeordneten während ihrer aktuellen ordentlichen Sitzung einquartiert haben. Sie tanzen, trinken unter funkelnden Lichtern und singen Karaoke. Sie lassen ihre Stimmen nach einer vorgegeben Melodie verschmelzen, denn das können sie am besten.

An nur zwei Terminen im Jahr versammelt sich die Legislative Kubas; um die Bevölkerung mit Daten, Zahlen, unerfüllten Versprechen und Kritik an der schlechten Verwaltung durch Beamte und Bürokraten zu überschütten. Es ist ein monotones Geschrei, bei dem jeder Referent versucht, sich als noch „revolutionärer“ darzustellen als sein Vorgänger und dabei Vorschläge abgibt, die entweder ermüdend allgemein oder erschreckend visionslos sind.

Die Abgeordneten dieser achten Legislaturperiode haben, wie auch schon ihre Vorgänger, genauso viel Entscheidungsgewalt, wie jeder andere Landsmann der sich an einer Bushaltestelle beschwert. Sie können die Stimme erheben, „sich den Mund fusselig reden“ oder die Probleme aufzählen, die die Entwicklung in ihren jeweiligen Gebieten behindern; aber von diesem Punkt bis zur Lösung dieser Probleme ist es ein weiter Weg.

Ein Parlament ist keine Bank im Park, auf der man sitzt und seine Seele baumeln lässt oder eine Vitrine, in der man die eigene politische Treue zur Schau stellt

Dieses Mal hat die Nationalversammlung dem Druck, der aus verschiedenen Sektoren kommt und, unter anderem eine Überarbeitung des Wahlsystems und neue Gesetze zu den Themen audiovisuelle Produktionen, Verwaltung der Presse, Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partner und religiösen Freiheiten, einfordert, die kalte Schulter gezeigt. Bei so vielen dringenden Themen, haben es die Abgeordneten gerade einmal geschafft, den Gesetzesentwurf zum „Ley de las Aguas Terrestres“ (Wasserwirtschaftsgesetz) vorzulegen.

Bedeutet das, dass sie sich öfter versammeln müssen um die riesigen Probleme unseres Landes zu lösen? Es stellt sich dabei nicht nur die Frage nach der Häufigkeit und der Vehemenz, mit der sie ihre Funktionen ausüben, sondern auch die nach Freiheit und Macht. Ein Parlament ist keine Bank im Park, auf der man sitzt und seine Seele baumeln lässt oder eine Vitrine, in der man die eigene politische Treue zur Schau stellt. Es sollte die Vielfalt einer Gesellschaft repräsentieren, Lösungen vorschlagen und diese letztendlich in Gesetze umwandeln. Sonst ist es nichts weiter als ein langweiliger Stammtisch.

Die Abgeordneten treten am Freitag, dem letzten Tag der ordentlichen Sitzung vor die Mikrophone im „Palacio de las Convenciones“, dem größten Kongresszentrum auf Kuba, und zwar mit dem gleichen Gehorsam, mit dem sie auf einem Fest den bereits verfassten Refrain mitsingen. Sie singen Lieder, über die andere entscheiden und sie bewegen ihren Mund, damit aus ihm die Stimme der wirklichen Macht ertönt.

Übersetzung: Anja Seelmann