An Land gehen – eine Chronik von Little Havana

vista-pequena-habana-flagler-miami_cymima20160824_0004_13

Ein Blick auf Little Havana von der Flagler Street aus gesehen. Am Horizont sieht man das Finanz- und Wirtschaftszentrum von Miami, das das Fortbestehen des für Kubaner so symbolhaften Viertels bedroht. (Foto des Autors)

14ymedio bigger
PEDRO RODRÍGUEZ GUTIÉRREZ, Miami | 26. August 2016

Wo soll man anfangen? Mit dem, was am meisten beunruhigt? Mit dem ersten Tag in Little Havana? Mit diesem Ort, der Respekt einflößt? Mit denen, die laut das verkünden, was sie sich für Kuba wünschen? Mit dem Wort Freiheit, das Kubaner auf beiden Seiten der Meerenge trennt und eint? Es ist nicht so einfach mit Respekt zu beschreiben, wie kubanische Emigranten hier leben, leiden und sich freuen; sie und andere, die von weiter herkommen.

Verwirrung, Unsicherheit, aber auch Zufriedenheit überwiegen, wenn ein Immigrant im Klein-Havanna von Miami ankommt. Hier gehen jedes Jahr tausende von Kubaner „an Land“, die voller Hoffnung auf dem Land-, See-  oder Luftweg gekommen sind.

Zahllose Unvergessene, die ertrunken sind oder starben, während sie voller Hoffnung waren, leben gefühlt weiter und äußern sich in aufkeimenden Gefühlen. Aber die, die schon mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen, und die, die darauf hoffen es zu tun, bedanken sich bei den allerersten und den danach folgenden Emigranten, dass diese in Zusammenarbeit mit nordamerikanischen Regierungen eine Unterstützung für Migranten erreichten, nämlich anzukommen und mit offenen Armen aufgenommen zu werden – eine Chimäre für Millionen von Menschen auf diesem Planeten. Sicherlich eine Pfründe, die vielstimmig von Leuten mit anderen Absichten

„Seid ihr Kubaner? Also, dann werdet ihr keine Probleme haben“, sagte der Sergeant Gutiérrez zu den dreien, die in einem Boot über den Miami-Fluss gekommen waren und sich bei der Behörde in Le Jeune meldeten, in der Nähe des internationalen Flughafens, im Jahr, als in New York die Zwillingstürme als Folge von terroristischen Attentaten einstürzten. Es war nicht der Miami-Fluss, den sie überquert hatten. Die drei kamen von weit her, weiter als vom „Bogen“, der in der nordamerikanischen Geographie den Golf von Mexiko meint.

Verwirrung, Unsicherheit, aber auch Zufriedenheit überwiegen, wenn ein Immigrant im Klein-Havanna von Miami ankommt.

Es ist eine straffreie, glückliche und wagemutige Sorglosigkeit, mit der die Söhne der größten Antilleninsel emigrieren; die ein riesiges politisches Druckventil darstellt, dessen Wirkung man auf beiden Seiten mit Sorge betrachtet. Dieser Druck war und bleibt die Ursache für die Umwandlung eines nordamerikanischen Gebiets in eine freie kubaamerikanische Zone.

Im Südosten der Vereinigten Staaten ist ein Ort entstanden, in dem es keine Feindseligkeiten gegen Hispanos gibt, die sich in Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft (und Aussehen) vom Rest dieses großen Landes unterscheiden, in dem es kleingeistige aber einflussreiche Menschen gibt, die immer noch nicht mit dem weitaus größeren Teils des Kontinents klar kommen: dem armen aber in hohem Maße bereichernden Lateinamerika. Die Fähigkeit sich anzupassen, ist Teil des Wesens der Kubaner, wie aller Lateinamerikaner.

Eine Freundin holte die drei Angekommenen von der Polizeistation im Nordwesten ab, (wo man anordnete, dass sie sich von der Tür fernhalten sollten, es wäre gefährlich). Sie verbrachten eine Nacht in einer „Posada“, einer Herberge; was für ein kühnes Wort für das Kuba vor und nach der Revolution 1959. Zusammengepfercht versuchten sie, den Geruch von all den vielen Menschen im Raum zu ignorieren. In diesem Motel verbrachte Vicencio (einer von ihnen) die Nacht und erinnerte sich an Melba, seine ältere Schwester, eine halb-analphabetische Bäuerin in der Sierra Cristal, die – wenn Besuch kam – ihr Bett anbot und sich in einer Ecke zusammenkauerte. Aber jeder hat seine Gewohnheiten… und ändert sie bei Bedarf.

Dennoch gibt es für die Ankommenden im Miami des 21. Jahrhunderts immer noch einen herzlichen Empfang, in dieser prächtigen Stadt, gebaut auf sandigem und sumpfigem Boden. Die Neuankömmlinge, kaum dass sie die Meerenge von Florida überquert haben, lernen (oder müssen lernen), dass hier „Rette sich wer kann!“ gilt, dass an der anderen Küste der Individualismus dominiert, diese abwertende Bezeichnung für ein menschliches Wesen.

Es ist eine straffreie, glückliche und wagemutige Sorglosigkeit, mit der die Söhne der größten Antillen-Insel emigrieren; die ein riesiges politisches Druckventil darstellt, dessen Wirkung man auf beiden Seiten mit Sorge betrachtet.

Zugleich mit dem Willkommensgruß beginnen die Gastgeber ein Gespräch. Es dreht sich um die unverzügliche Suche nach Arbeit und um die Miete für eine Wohnung, damit die gerade Angekommenen unabhängig leben können. Einzelheiten, um in Freiheit zu leben wo man will.

Sie mieteten eine Wohnung in der 11. Straße Süd-West, zwischen der 11th und 12th Avenue. Ein altes Holzhaus, das einem Südamerikaner gehörte. Hier lernten sie altbekannte „Bewohner“ von Klein-Havanna kennen; Kakerlaken und Mäuse, die ihnen in der Nacht in Freiheit den Schlaf raubten. Manchmal trieben es die dicken Kakerlaken und Mäuse zu weit und wollten so nah bei ihren „Gastgebern“ sein, dass sie sie aufweckten oder sie unter der Zudecke stöhnen ließen.

 In der Dämmerung zerquetschte Vicencio noch schnell eine Kakerlake und hörte sagen, dass er das nicht die Polizei sehen lassen sollte.

  – …?

 – Hier darfst du keine Tiere quälen, sagte ein Nachbar und brach in schallendes Gelächter aus.

Die meisten Kubaner bleiben nicht für immer in Little Havana. Sie emigrieren weiter, sobald es ihnen ihre finanziellen Mittel erlauben. Die Erfolglosen, ungeliebt von den Neoliberalen, bleiben und halten die abnehmende karibische Präsenz hier aufrecht.

Dieser Abklatsch der kubanischen Hauptstadt bleibt als wunder Punkt der „dritten Welt“ bestehen und bedroht mit seiner Armut und seinem Erscheinungsbild den Tourismus, die wichtigste Industrie Miamis, von dem die Stadt lebt und unter dem sie leidet. Es sind die „Touris“, die jetzt auch von der Zika-Mücke bedroht werden. Armut ist relativ; man muss aber die lange Schlange von Menschen sehen, die jedes Jahr am Thanksgiving Day in einer langen Schlange vor der Kirche Juan Bosco stehen, um kostenlose Lebensmittel zu bekommen. Dann begreift man, dass die Situation für viele bedrückend, wenn nicht sogar erstickend ist.

Menschen aus Kuba, Mittel- und Südamerika befinden sich hier in einem fiebrigen Kampf ums Überleben

Menschen aus Kuba, Mittel- und Südamerika befinden sich hier in einem fiebrigen Kampf ums Überleben. Die Botschaft von Nicaragua in der Flagler Street bleibt aktiv, aber Klein-Havanna, das die Emigranten aufnimmt, droht zu verschwinden.

Das wirtschaftliche, politische und finanzielle Zentrum von Miami wächst auf dieses Viertel zu, mit massigen Gebäuden, mit Preisen für Wohnungen und mit Mieten, die Minderbemittelte verdrängen werden. (Der Bürgermeister Miamis schweigt, wenn man ihn auf das angekündigte und fortschreitende Verschwinden von Little Havana anspricht.) Die, die von hier weggehen, kommen auch zurück; man sieht sie am Tag der „Heiligen drei Könige“ oder beim Karneval in der 8. Straße, der Calle Ocho, wo sie vorbeikommen, sich prächtig amüsieren und sich erinnern…

Wenn Pedro sein Haus in diesem Gewirr von Gassen betritt, dann deutet alles darauf hin, dass das nicht für immer sein wird. Unvermeidbare Änderungen im nordamerikanischen Immigrationsgesetz, in der Demographie und bei Gewohnheiten (sich den amerikanischen anzupassen, ist für Herz und Hirn nicht einfach und manchmal unmöglich), die unvorhersehbare wirtschaftliche Entwicklungen Miamis und die Umwandlung von Kuba in ein lebenswertes Land, in dem man frei atmen kann – all das wird die Zahl der Kubaner im Süden Floridas deutlich reduzieren. Aber es wird noch eine Weile dauern.

Daran denke ich, während ich in Gedanken noch einmal den Miami-Fluss überquere, an den im Osten das unauslöschliche Klein-Havanna grenzt…

Übersetzung: Dieter Schubert

Heute Extremist, morgen Demokrat

periodista-Jose-Ramirez-Pantoja-Facebook_CYMIMA20160831_0001_13

Der Journalist José Ramírez Pantoja. (Facebook)

Generación Y, Yoani Sánchez, 31. August 2016 In den neunziger Jahren war jene Studentin eine der kämpferischsten im Hörsaal, bis sie ein Stipendium in Spanien erhielt, und heute schreibt sie mir und fragt: „Weshalb ertragt ihr so viel und wehrt euch nicht?“. Eine fanatische Aktivistin der Union Junger Kommunisten (UJC)* schrieb ihre Biographie um und wurde zu einer heimlichen Kämpferin für die Demokratie, die flüchten musste, da man auf Kuba „nicht viel tun konnte“.

In den letzten Tagen habe ich mir die Geschichte dieser Kollegin, deren Ideologie in kürzester Zeit völlig ins Wanken geriet, ins Gedächtnis zurückgerufen, als ich die immense Polemik las, die die Disziplinarmaßnahme gegen den Journalisten José Ramírez Pantoja vom Radiosender Holguín hervorgerufen hat. Der junge Reporter veröffentlichte in seinem Blog die Abschrift eines internen Statements** von Karina Marrón, der stellvertretenden Direktorin der Tageszeitung Granma, in dem sie die derzeitigen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen als Grundlage für einen „perfekten Sturm“ bezeichnete.

Neben der Disziplinarmaßnahme, die das endgültige Aus seiner Arbeit beim Radiosender bedeutet, musste Pantoja eine Phase öffentlicher Diskreditierung ertragen, deren Höhepunkt mit einem von Aixa Hevia, der ersten Vizepräsidentin des Kubanischen Journalistenverbandes (UPEC), unterzeichneten Schreiben erreicht wurde. Die Funktionärin beschuldigt ihn, er wolle „sich eine Biographie suchen, die es ihm ermöglichen würde, Zugang zu den Medien in Miami zu erhalten“. Möglicherweise spiegelt sich darin wieder, was sie selbst tun würde, wenn sich ihr die Gelegenheit dazu böte.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein sehr bekanntes Gesicht des offiziellen Journalismus letztendlich „den großen Teich überquert“ und dies – angekommen auf der anderen Seite – damit begründet, dass er „in jenem Moment daran glaubte, aber jetzt nicht mehr“. Die größten Extremisten, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, endeten auf diese Weise: Sie begruben ihre roten oder olivgrünen Uniformen und Kleidungsstücke, ohne gleichzeitig Selbstkritik zu üben, was diejenigen ein wenig entlasten würde, die ihren Ausbrüchen zum Opfer gefallen waren.

Wenn überhaupt erleiden „Instrumente der Zensur“ wie Aixa Hevia mit der Zeit eine selektive Amnesie und vergessen all den Schaden, den sie denjenigen zufügten, die sich ehrlicher und konsequenter verhielten

Wenn überhaupt erleiden „Instrumente der Zensur“ wie Aixa Hevia mit der Zeit eine selektive Amnesie und vergessen all den Schaden, den sie denjenigen zufügten, die sich ehrlicher und konsequenter verhielten. Sie hinterlassen eine Reihe von Kollegen, die sie verraten und zu deren Entlassung sie beigetragen haben, ohne an sie auch nur ein einziges Wort der Entschuldigung oder des Mitgefühls zu richten.

Nicht Pantoja biegt sich hier eine Biographie zurecht, sondern Fanatiker wie die Vizepräsidentin von UPEC, die es fertigbringt, gegen jemanden vorzugehen, den sie eigentlich verteidigen sollte. Als Repräsentantin des journalistischen Gremiums müsste sie ihren Kollegen schützen, statt dazu beizutragen, ihn zu vernichten. Sie hat es jedoch vorgezogen, im Einklang mit der Zensur zu handeln, bevor sie sich mit einem Journalisten verbündet, der nur die Pressefreiheit, die informelle Transparenz sowie das Recht der Leser verteidigen wollte, von Journalisten sachlich informiert zu werden.

Es geht nicht um Spekulationen darüber, ob Pantoja von seinem souveränen Recht Gebrauch machen wird, in einem anderen Land als Journalist zu arbeiten, da es ihm in seinem verboten wurde. Es ist wahrscheinlicher, dass Aixa Hevia eines Tages wie ein Chamäleon die Farbe wechselt, um sich an die Gegebenheiten der nächsten politischen Macht anzupassen, für die sie wieder als reines Instrument agieren will.

 Anm. d. Übers.:

* Die Jugendorganisation der kommunistischen Partei Kubas (PCC)

** Karina Marrón, die Vizepräsidentin der Granma, warnte im Rahmen der 6. Vollversammlung kubanischer Journalisten (UPEC) davor, dass sich auf Kuba ein „perfekter Sturm zusammenbraut“, als Folge der von der Regierung beabsichtigten Kürzungen im Bereich Energie und Brennstoffe.

 

Übersetzung: Lena Hartwig

Ein Rezept um Fidel Castro aus unseren Köpfen zu verbannen

expresidente-Fidel-Castro-fabricacion-EFE_CYMIMA20160813_0001_18

Der ehemalige Präsident Fidel Castro hält einen Schnellkochtopf genannt „Olla reina“ (Königinstopf) aus chinesischer Herstellung (EFE)

Generación Y, Yoani Sánchez, 13. August 2016 Ich schalte das Radio ein und der Sprecher verkündet den kurzen Titel: „Fidel Castro, der große Bauherr“ an. Er erklärt, dass die wichtigsten Werke unseres Landes in diesem Kopf, der jahrzehntelang von einer olivgrünen Mütze bedeckt wurde, entstanden sind. Von so viel Personenkult ermüdet, entscheide ich mich dazu den Fernseher einzuschalten, aber auf dem Hauptkanal berichtet ein Anwalt in allen Einzelheiten vom juristischen Erbe des großen Anführers und am Ende des Programmes wird eine Dokumentation über den „unbezwingbaren Guerillero“ angekündigt.

Wochenlang erlebten wir Kubaner ein regelrechtes Bombardement mit Berichten über Fidel Castro, das sich, je näher sein 90. Geburtstag am 13. August rückte, immer mehr verstärkte. Es gibt weder Bescheidenheit noch Bedeutung in dieser Lawine von Bildern und Lobpreisungen.

Den Mann, der 1926 im im Osten der Insel liegenden Ort Birán geboren wurde, haben wir in der Vergangenheit gelassen, ans 20. Jahrhundert gekettet, lebendig begraben.

Dieser Exzess an Ehrungen und Erinnerungen ist gewiss ein verzweifelter Versuch den kubanischen Expräsidenten der Vergessenheit zu entreißen, dieser Vernachlässigung durch die Medien, in die er fiel seit er vor inzwischen mehr als einem Jahrzehnt seinen Rückzug von der Macht bekannt gab.

Den Mann, der 1926 im im Osten der Insel liegenden Ort Birán geboren wurde, haben wir in der Vergangenheit gelassen, ans 20. Jahrhundert gekettet, lebendig begraben.

Die jüngeren Schüler haben diesen einst so geschwätzigen Redner niemals stundenlang bei einem offiziellen Anlass reden hören. Die Bauern waren erleichtert, nicht mehr die ständigen Ratschläge des „Befehlshabers in der Landwirtschaft“ zu erhalten und selbst die Hausfrauen sind dankbar dafür, dass er auf keinem Kongress der Föderation der kubanischen Frauen* mehr auftaucht, um ihnen zu zeigen, wie man einen Schnellkochtopf benutzt.

Die staatliche Propaganda weiß, dass die Bevölkerung zum Selbstschutz oft auf das Kurzzeitgedächtnis zurückgreift. Für viele junge Menschen ist Fidel Castro bereits eine so verblasste Erinnerung, wie es für meine Mutter eines Tages der Diktator Gerardo Machado war, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts solche negativen Auswirkungen auf die Generation meiner Großmutter hatte. Kein Land kann seinen Blick starr auf einen einzigen Mann richten und so traten Ablenkung und ein fehlendes Interesse zwischen die Bevölkerung der Insel und den ehemaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei.

Seine Anhänger nutzen die Feierlichkeiten zu seinem 90. Geburtstag, um ihn im Herzen der Nation in die Unsterblichkeit zu erheben. Sie verehren ihn, vergeben ihm seine systematischen Fehler und machen ihn zum wichtigsten Gesicht ihres Kredos. Die Grundsätze dieser neuen Religion sind Sturheit, Intoleranz gegenüber Andersgesinnten und ein unbändiger Hass – fast schon ein persönlicher Feldzug – gegen die USA.

Die Gegner von „Él“ („Er“), wie viele Kubaner ihn einfach nennen, arbeiten an Argumenten um seinen Mythos zu zerstören. Sie warten auf den Tag, an dem die Geschichtsbücher aufhören ihn mit José Martí** auf eine Stufe zu stellen und sich gnadenlos, distanziert und objektiv mit seinem Werdegang auseinandersetzen. Es sind diejenigen, die von der Ära nach Castro träumen, von Ende des Fidelismus und den Hasstiraden, die über seine umstrittene Person hereinbrechen werden.

Sie, die seiner Allgegenwertigkeit überdrüssig geworden sind, sind diejenigen, die einen Schlussstrich unter den Mythos ziehen werden.Und sie werden es ohne großes Geschrei und ohne große Heldentaten tun.

Die Meisten schlagen jedoch einfach ein neues Kapitel auf und zucken als Zeichen der Abscheu mit den Achseln wenn sie seinen Namen hören. Es sind diejenigen, die in diesen Tagen den Fernseher abstellen und den Blick stattdessen auf einen Alltag richten, der jedes Wort, dass Fidel Castro in jenen Zeiten in seinen flammenden Reden von sich gab, in denen er plante eine Utopie zu errichten und uns zu neuen Menschen zu machen, verneint.

Sie, die seiner Allgegenwertigkeit überdrüssig geworden sind, sind diejenigen, die einen Schlussstrich unter den Mythos ziehen werden. Und sie werden es ohne großes Geschrei und ohne große Heldentaten tun. Sie werden einfach aufhören ihren Kindern von ihm zu erzählen, Bilder von ihm mit Gewehr und Epaulette in ihren Häusern aufzuhängen und ihre Enkel mit den fünf Buchstaben seines Namens zu benennen.

Die Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag von Fidel Castro sind in Wirklichkeit sein Abschied: maßlos und erdrückend, genau wie seine Politik.

_________________________________________________________________

Anmerkung der Redaktion: Der spanische Orginaltext wurde am 13. August 2016 in der brasilianischen Tageszeitung O Globo veröffentlicht.

Anmerk. d. Übersetzerin:

*Die Föderation der kubanischen Frauen (Federación de Mujeres Cubanas) ist eine im Jahr 1960 gegründete Massenorganisation, die sich für die Gleichberechtigung und Emanzipation der kubanischen Frau einsetzt.

**Der kubanische Poet und Schriftsteller José Martí (1853-1895) war ein kubanischer Nationalheld, der symbolisch für den Unabhängigkeitskampf steht.

Übersetzung: Anja Seelmann

Die Schuldigen!

almendron_CYMIMA20160715_0010_16

In diesem Sommer wurden die Taxifahrer zu neuen Feinde der Regierung (14ymedio)

14ymedio.com, Yoani Sánchez, 20. Juli 2016 Zu Beginn des Jahres verkörperten die Zwischenhändler das „Übel schlechthin“; man gab ihnen die Schuld an den hohen Lebensmittelpreisen auf dem Agrarmarkt. Ende 2013 waren die „Hauptfeinde“ die Händler, die auf eigene Rechnung Kleidung und Importware verkauften. Im Februar 2016 erreichte der Krieg gegen die Carretilleros (ambulante Händler, die ihre Ware auf Karren anbieten) seinen Höhepunkt, und jetzt fährt der „Feind“ ein Sammeltaxi und sein populärer Name ist Botero.

Wenn irgendetwas für das kubanische System der vergangenen 57 Jahre charakteristisch ist, dann ist es die Fähigkeit, einen Sündenbock zu finden. Wenn die Produktionspläne für die Landwirtschaft nicht erfüllt werden, dann ist daran die Trockenheit schuld, oder die Disziplinlosigkeit der Arbeiter, oder die schlechte Organisation eines Bürokraten auf der unteren Entscheidungsebene. Bei Beginn der Regenzeit, mit ihren starken Niederschlägen, wird die Wasserversorgung in vielen Ortschaften und Städten instabil, weil „der Regen nicht dort fällt, wo er soll“, wie es kürzlich eine Funktionärin des Nationalen Instituts für Wasserwirtschaft erklärt hat.

Das städtische Transportwesen funktioniert schlecht; schuld daran sind der „Vandalismus“ und „die Bevölkerung, die die Betriebsmittel nicht mit dem nötigen Respekt behandelt“, so die Erklärung. Andererseits, die Mehrzahl der Straßenunfälle geschehen aus „Unvorsichtigkeit der Fahrer“ und nicht aufgrund des schlechten Zustands der Wege und Straßen, nicht wegen der miserablen Beschilderung oder wegen des „Einfallsreichtums“ der Fahrer, die mit ständiger Bastelei ihre schrottreifen Vehikel am Laufen halten müssen.

Der Zeigefinger der Macht weist in viele Richtungen, um andere zu beschuldigen; er dreht sich aber nie auf die Macht selbst hin

Der Zeigefinger der Macht weist in viele Richtungen, um andere zu beschuldigen; er dreht sich aber nie auf die Macht selbst hin. Hin und wieder, in einem Anflug von Selbstkritik, legt man sich sogar mit den Aktivisten der Kommunistischen Partei an, indem man sie beschuldigt, ihre Meinung nicht „am passenden Ort und zur passenden Zeit“ vertreten zu haben. Manchmal lässt man irgendeinen Minister für das zu Bruch gegangene Porzellan bezahlen, was für die bankrotte Politik im Gesundheits-und Bildungswesen zutrifft und für andere Sektoren.

Wir Bürger seien die Hauptschuldigen für das Auftauchen der Aedes aegypti, der Zika-Mücke, die seit Jahren allen Ausräucherungen und Kampagnen trotzt, so sagt es uns das offizielle Fernsehen. Unsere Häuser seien die wichtigsten Brutstätten für Moskitos, wirft uns die Presse an den Kopf, als ob staatliche Körperschaften makellose Bollwerke aus Sauberkeit und Ordnung wären.

Auch die Emigration ist ein Sündenfall von uns, weil wir dem „Gesang der Sirenen“ folgen, der uns „in die Hände von Kojoten fallen lässt“, wie es uns eine Castro-Rede erklärt. Im Rahmen dieses Konzepts, das immer die Lasten auf Dritte ablädt, erwiesen sich die Migranten, die vor der kubanischen Botschaft in Ecuador protestierten, als „diensteifrig gegenüber den Vereinigten Staaten“. Und einige von ihnen, wenn sie denn beim Nachbarn im Norden Fuß gefasst haben, werden damit aufhören „unerlaubte Gelder“ an Angehörige zu überweisen, damit die den nicht-staatlichen Handel am Leben halten.

Am einfachsten ist es äußere Feinde zu finden, den Imperialismus zum Beispiel, „die kriminelle Blockade der Vereinigten Staaten“, die Verschwörungen der „lateinamerikanischen Rechten“ und sogar den „historischen Verrat“ der alten Kameraden in Osteuropa; das sind Vogelscheuchen um Angst zu verbreiten, wozu der sich die verteufelten hauseigenen „Kontrarevolutionäre “ gesellen, die mit allen Beleidigungen bedacht werden, die eine plumpe staatliche Maschinerie in Jahrzehnten erdacht hat.

Wenn also Produkte in den Regalen der Märkte fehlen, dann beschuldigen TV-Reportagen Aufkäufer und „Schieber“. Wenn eine Papaya mittlerweile den Tageslohn eines Facharbeiters kostet, dann ist dafür „das skrupellose Verhalten“ von jenen verantwortlich, die „sich auf Kosten des Volkes bereichern“, wie sie es uns auf den kleinen TV-Bildschirmen sagen. Bei dieser Schuldverteilung sind wir alle irgendwann in den Mittelpunkt von Beschuldigungen geraten.

Wir haben alles Recht der Welt, unseren Zeigefinger auf dieses System zu richten, das uns ständig auf die Anklagebank schickt.

Gerade jetzt legt sich der staatliche Propaganda-Apparat mit den Fahrern der Sammeltaxis an, schon morgen können es die Besitzer von privaten Restaurants sein, dann die Lehrer, die Nachhilfe anbieten, oder die Wasserverkäufer, die ihre kostbare Ware in Vierteln verkaufen, wo das Leitungsnetz seit Wochen trocken liegt.

Immer wird es einen „Übeltäter“, einen „Verantwortungslosen“ oder einen „Feind“ geben, der es fertig bringt, dass das System in seiner großen Menschlichkeit nicht so funktionieren kann, wie es im Handbuch steht. Darüber hinaus beeinträchtigt er die nie nachgewiesene Effizienz des Systems und dessen angebliche, noch zu beweisende, Fähigkeit, die Kubaner glücklich zu machen.

Trotzdem hat die Strategie, andere mit einer geplanten Flut von Vorwürfen zu beschuldigen, einen Schwachpunkt. Es kommt der Moment, wo es mehr Beschuldigte als Ankläger gibt. Es wird der Moment sein, in dem wir, die Stigmatisierten, aufeinander treffen: die Bootsflüchtlinge, die Dissidenten, die Carretilleros, die neuen Selbstständigen, Boteros, „abgesägte“ Minister und verachtete Verkäufer von Ramschwaren. An diesem Punkt, an dem wir eigentlich schon seit langer Zeit angekommen sind, werden wir alles Recht der Welt haben, unseren Zeigefinger auf ein System zu richten, das uns ständig auf die Anklagebank schickt.

 Übersetzung: Dieter Schubert

Die Journalisten, die gebraucht werden

permanecen-Finlandia-Volleyball-World-League_CYMIMA20160707_0004_13

Sechs Mitglieder des kubanischen Volleyball-Teams befinden sich in Finnland in Haft, ohne dass die Presse die Straftat bekannt gab, der sie beschuldigt werden. (Volleyball World League)

Generación Y, Yoani Sánchez, 07. Juli 2016 Mein Vater kam mit einer Frage nach Hause, die ihm keine Ruhe ließ: „Welches ist wohl das Verbrechen, für das mehrere kubanische Sportler in Finnland angeklagt worden sind?”. Er kannte nur die offizielle Mitteilung des Kubanischen Volleyballverbandes, die am Montag in den TV-Nachrichten verlesen und von den Zeitungen veröffentlicht wurde. Aus dem Text ging nicht hervor, welche Missetat ihnen zur Last gelegt wird, deshalb spekulierte mein Vater: „Illegaler Tabakverkauf? Diebstahl? Störung des öffentlichen Friedens?“.

Die Vergewaltigung einer Frau, für die man die Athleten verantwortlich hält, wird in der Erklärung nicht erwähnt, was einen „Akt der Geheimhaltung“, das Verschweigen der Wahrheit und eine Respektlosigkeit gegenüber der Öffentlichkeit darstellt. Die staatliche Presse behandelt uns so, als ob wir kleine Kinder wären, vor deren zarten Ohren man keine so unanständigen Details erwähnen darf. Oder schlimmer noch – als ob wir es nicht verdienten, über die Schwere der Anschuldigungen Bescheid zu wissen.

Das Geschehene lässt die Zwangsjacke sichtbar werden, die die professionellen Berichterstatter daran hindert, ihre Arbeit im Rahmen der Medien auszuüben, die von der Kommunistischen Partei kontrolliert werden. Hier handelt es sich um etwas, das viele Journalisten mit Schmerz und Frustration ertragen, während andere – die opportunistischer sind – von der Zensur profitieren und eine mittelmäßige Arbeit abliefern, oder eine, die es den Machthabern bequem macht.

Warum ist kein prominenter Europa-Korrespondent der lateinamerikanischen Presse nach Finnland gereist, um dort im Minutentakt darüber zu berichten, was mit den kubanischen Athleten passiert?

Das Geschehene lässt die Zwangsjacke sichtbar werden, die die professionellen Berichterstatter daran hindert, ihre Arbeit im Rahmen der Medien auszuüben, die von der Kommunistischen Partei kontrolliert werden

Jeden Tag sind wir dieser Art von unterdrückter Information durch die staatlichen Medien ausgesetzt. Jenes schon chronisch gewordenen Fehlen steht im Widerspruch zu dem Fingerzeig von Miguel Díaz-Canel, dem Ersten Vizepräsidenten Kubas, wenn er dazu aufruft, einen Journalismus ohne Selbstzensur zu betreiben, der näher an die Realität gebunden ist. Wo ist dieser Funktionär denn jetzt, wenn es gilt, die Reporter  anzutreiben, dass sie ihre Recherchen anstellen und Einzelheiten über das Schicksal der Volleyballer veröffentlichen?

Es ist sehr bequem, die Journalisten dazu zu ermuntern, mutiger zu sein, doch ihnen dann, wenn der Moment gekommen ist, zu raten, lieber vorsichtig zu bleiben oder gar Stillschweigen zu bewahren. Solche Falschheiten haben sich innerhalb der letzten fünf Jahrzehnte so oft wiederholt, dass sich in der kollektiven Denkweise  die Vorstellung breit gemacht hat, „Presse“ sei ein Synonym für „Propaganda“ und ein Informator, ein Regierungsvertreter.

Der Schaden, der dem kubanischen Journalismus zugefügt wurde, ist tiefgreifend und systematisch. Ihn zu reparieren wird lange dauern; es braucht den Respekt vor diesem ehrenvollen Beruf als Rahmen und auch eine neue Generation von Berichterstattern, die nicht durch die “Laster” der aktuellen kubanischen Akademie für Journalismus gekennzeichnet ist. Jene jungen Menschen, die keine Kompromisse mit den Machthabern eingehen, sind die einzige Hoffnung, die uns bleibt.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Wir alle waren im „Pulse“

Christopher-Sanfeliz-Alejandro-Barrios-Facebook_CYMIMA20160614_0011_13

Christopher Sanfeliz und Alejandro Barrios, die von Omar Mateen im LGBT-Club Pulse erschossen wurden. (Facebook)

Generación Y, Yoani Sánchez, 15. Juni 2016 Die Nachricht machte den Sonntag zu einem Trauertag, zerriss die Woche und wird das Leben der Familien der Opfer für immer markieren. Der Club „Pulse“ in Orlando, Florida, wurde für viele, die einem Irren ausgeliefert waren, zu einer tödlichen Falle. Man untersucht noch die Beweggründe, die Omar Seddique Mateen dazu brachten, 49 Menschen zu töten und weitere 53 zu verletzen, aber Solidarität muss nicht auf den Abschlussbericht des FBI warten, sie muss unmittelbar erfolgen und darf nicht zögerlich sein.

Die offizielle kubanische Presse hat die Tatsache, dass sich die Schießerei in einem Homo-Club ereignete, lückenhaft und pikiert behandelt. Es ist die Prüderie des Fernsehens und der nationalen Zeitungen, die mit ihrem Schweigen Menschenverachtung fördern und ihre eigenen Reden über politische Veränderungen als Lügen entlarven. Man bemerkt dieses Versagen auch im Kondolenzschreiben, das Raúl Castro an Barack Obama schickte, wenn er den Ort der Tragödie als „Nachtclub“ bezeichnet.

Die Vergesslichkeit endet hier noch nicht. Die Presse in Händen der Kommunistischen Partei hielt die Nachricht, dass unter den Toten auch zwei Kubaner waren, bis zum darauffolgenden Mittwoch zurück, als das schon vox populi auf allen Straßen war. Warum diese Verspätung? Weil sie schwul waren, oder Emigranten? Wenn beides zutrifft, müsste das einige Regierungsmitglieder aus der Fassung bringen und somit auch die Presse, die wie ihr Bauchredner agiert.

Die Presse in Händen der Kommunistischen Partei hielt die Nachricht, dass unter den Toten auch zwei Kubaner waren, bis zum darauffolgenden Mittwoch zurück.

Es überrascht auch, dass sich das Nationale Zentrum für Sexualerziehung (Cenesex) auf eine formale Verurteilung beschränkte und nicht zu einer Nachtwache (für die beiden Toten) aufgerufen hat, und auch nicht dazu, den Müttern, die ihre Söhne verloren haben, ein paar Blumen vor die Tür zu legen; ein symbolischer Akt, der den Schmerz der kubanischen LGBTI-Gemeinschaft hätte wiedergeben können.

Nichts dergleichen gab es; nicht wegen Entrüstung oder Trauer, sondern allein wegen fehlender Meinungsfreiheit, was verhindert, dass ein Oppositioneller öffentlich eine Beschwerde einreicht, oder dass irgendjemand spontan ein Plakat trägt, auf dem steht: WIR ALLE WAREN IM „PULSE“.

Anmerkung des Übersetzers:

Die Buchstaben LGBTI stehen für lesbisch, gay, bisexuell, transsexuell und intersexuell.

Übersetzung: Dieter Schubert

Regen – eine so häufige Rechtfertigung

adolescentes-lluvia_CYMIMA20160609_0083_16

Zwei Jugendliche im Regen. (14ymedio)

Generación Y, Yoani Sánchez, 10. Juni 2016 „Wozu hast du das Mädchen hergebracht, wenn es regnet?“, schimpfte die Lehrerin der zweiten Klasse, als meine Freundin ihre Tochter am Mittwoch zur Schule brachte. Obwohl der Unterricht weiterhin stattfinden sollte, nutzten viele Grundschullehrer die Niederschläge aus, um diese Woche zu verkürzen. Für die Bürokraten war das schlechte Wetter eine Ausrede, um Formalitäten hinauszuzögern, während unzählige Arzttermine aufgrund des Regens später begannen.

Wenn es anfängt zu regnen, verhalten sich viele Beamte so, als wären sie aus Zucker, als wären sie Aquarelle kurz vor dem Zerfließen oder allergisch gegen Wasser. Diese Reaktion sorgt für Gelächter, da wir in einem tropischen Land leben, aber die Situation ist auch aufgrund der ernsthaften Schäden, die der Regen bei Millionen Menschen anrichtet, mit viel Dramatik verbunden. Immer wieder verhalten sich die Beamten im öffentlichen Dienst so, als wäre jede Regenzeit die erste auf der Insel.

Das Bankensystem, das das ganze Jahr über schlecht funktioniert, bricht fast völlig zusammen, wenn zwei Regentropfen vom Himmel fallen. Der staatliche E-Mail-Dienst Nauta gerät in eine Krise und im städtischen Nahverkehr gibt es unzählige Probleme. Es nieselt und schon fällt Unterricht an Bildungseinrichtungen aus, die Marktstände und Einzelhandelsgeschäfte bleiben meistens geschlossen und sogar in den Notaufnahmen der öffentlichen Gesundheitseinrichtungen schaltet man einen Gang herunter.

Dabei wütet weder ein Hurrikan noch ein Wind mit mehr als 100 Stundenkilometern oder einer dieser heftigen Schneestürme, die andere nördlichere Nationen in Atem halten. Dass das Leben auf Kuba aufgrund der Regenfälle stillsteht, scheint eher eine Rechtfertigung zu sein. Ein Alibi, das vielen erlaubt, in diesen Tagen das zu machen, was sie am liebsten tun. Nichts.

Übersetzung: Lena Hartwig