Ein Land im ‚wifi‘-Stress

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Kubaner loggen sich in staatliche ‚wifi‘-Netze ein. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 21. Juli 2018

Ein kleines Insekt fällt auf die Tastatur meines Laptops, einige Minuten später noch eines und das dritte landet auf meinem Hals. Ein paar Meter weiter schirmt ein bekannter Filmemacher den Bildschirm vor Sonnenlicht ab, eine Frau spricht laut von privaten Dingen, während sie in einer Videokonferenz mit einem emigrierten Familienangehörigen redet. Ein Straßenkater nähert sich meiner Tasche und verlangt Futter, aber ich habe nichts dabei, schließlich bin ich nur in eine ‚wifi‘-Zone gegangen, wenige Meter entfernt von meinem Haus.

Mit Glück habe ich eine Bank gefunden, auch wenn sie keine Lehne hat. Nach einer Stunde Surfen im Internet verlangt mein Rücken nach einer Unterstützung. Deshalb gehe ich in eine nahe Zone an der Treppe eines Gebäudes, schaue nach oben und bemerke, dass es keinen Balkon über meinem Kopf gibt, der verhindert, dass ein Bewohner Essensreste oder Abwasser geradewegs auf meinen Computer schüttet. Auf der Treppe habe ich einen guten Platz gefunden und meine Wirbelsäule freut sich über die Mauer, gegen die ich mich lehne.

Ein paar Minuten später bemerke ich einen unangenehmen Geruch. Offensichtlich benutzt jemand das nahe Gebüsch als Toilette; mit diesem Gestank verliert mein ideales „Büro“ seinen Charme. Ich gehe woanders hin. Ein paar Kinder spielen Baseball mit einem Schläger der Marke „Eigenbau“, deshalb lasse ich mich dort nieder, wo mein Laptop nicht in Gefahr gerät. Aber die Sonne nähert sich immer mehr diesem Platz und ich schätze, dass mir noch eine halbe Stunde bleibt, bis mich „der Indio“ (die Sonne) erreicht.

Es kommt Bewölkung auf; jetzt signalisiert der Akku, dass er nur noch über höchstens 15% Ladekapazität verfügt. Es gibt keine Ladestation in der Nähe, niemand „verkauft“ mir etwas Energie – was ein lukratives Geschäft in den ‚wifi‘-Zonen wäre. Also spare ich Energie und reduziere die Helligkeit des Bildschirms, aber bei der Helligkeit meiner Umgebung sehe ich fast nichts mehr. Es gelingt mir ein paar Mitteilungen via Twitter zu posten, meinen Posteingang zu checken und eine Anfrage betreffs Mitarbeit zu überfliegen, die unsere Zeitung 14ymedio erreicht hat.

Ein Regentropfen fällt zwischen die Tasten „D“ und „F“. Ich habe Glück; das bisschen Wasser ist nicht zwischen den beiden Tasten verschwunden und nicht bis zu Stromkreisen, zu elektrischen Kontakten oder bis zur Hauptplatine vorgedrungen. Mit Schweiß auf der Stirn wische ich die Feuchtigkeit ab und schließe den Laptop. Ich schaue mich um. Weil ich mich auf Web-Seiten und soziale Netze konzentriert habe, habe ich nicht bemerkt, wie sich ein zwielichtiges Subjekt nebenan hinsetzte und sich auf der Bank übergab.

Ich bringe alles in Sicherheit, erreiche einen guten Unterstand und warte darauf, dass der Platzregen aufhört. Unter dem kleinen Dach reden andere Internetbenutzer von Nachrichten, die sie gelesen haben, von Mitteilungen, die noch vor dem Regen eingegangen sind und von einem Formular für ein Visum, das sie wenigsten noch halb ausfüllen konnten; dass sie damit aber weitermachen würden, wenn die Sonne wieder hervor käme.

Trotz aller der Schwierigkeiten mit einem Zugang ins Netz, „pressen“ die Leute so viel Information wie nur möglich aus dem drahtlosen Signal heraus, das ihre Telefone, Tabletts und Computer noch erreicht. Tag für Tag sind diese improvisierten „Chatrooms“ voller Leben, obwohl die User für jede Stunde den exorbitanten Preis von einem CUC *) bezahlen. Jeder intelligente Mensch würde sagen, dass sich Arbeiten unter solchen Bedingung nicht mehr lohnt. Eigentlich sollte man nur noch mit Freunden chatten und miteinander lachen. Trotzdem nutzen Profis aller Art die ‚wifi‘-Zonen so gut wie möglich – unter einer tropischen Sonne, bei Regen, und sie erwehren sich sogar der Insekten und der hungrigen Katzen.

              Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung des Übersetzers:
*) Der CUC ist der mit dem Dollar konvertible Peso. 1CUC entspricht in etwa dem halben Tagesverdienst eines staatlichen Arbeiters.


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Das Kuba von Humboldt und Ruiz Urquiola

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Dem zweiten Entdecker von Kuba / Die Universität von Havanna 1939

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 5. Juli 2018

Vor dem Eingang der Humboldt-Universität in Berlin erinnert die spanische Inschrift an der Statue von Alexander von Humboldt daran, dass sie ein Geschenk der Universität von Havanna ist, eine Hommage an den deutschen Wissenschaftler, den man auch „den zweiten Entdecker Kubas“ nennt. An seinem Standbild, mit dem gelassenen Gesichtsausdruck, ist der Biologe Ariel Ruiz Urquiola wahrscheinlich oft vorbeigegangen, als er Mitarbeiter an dieser Hochschule war.

In den letzten Tagen füllte der Fall des jungen Forschers, er ist erst 42 Jahre alt, die Titelseiten zahlreicher internationaler Medien, weil er für mehr als zwei Wochen im Hungerstreik war. Mit dem strengen Fasten forderte er seine Freilassung, nachdem er zu einem Jahr Gefängnis wegen angeblicher „Verleumdung“ verurteilt worden war –  in einem „verzerrten“ Rechtsfall voller Unregelmäßigkeiten. Damit setzte der Wissenschaftler sein Leben aufs Spiel, indem er seinen Körper nutzte, um die Revision eines Urteils zu erzwingen, das er für eine Ungerechtigkeit hielt.

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Ariel Ruiz Urquiola und seine Familie sind davon überzeugt, dass es die Absicht des Staates ist, ihre Finca in Pinar del Rio zu übernehmen und ihn so für seinen Widerstand gegen die Regierung zu bestrafen. (Facebook)

Diesen Mittwoch gaben die kubanischen Behörden nach und setzten Ruiz Urquiola auf freien Fuß. Sie erteilten ihm die Genehmigung, das Gefängnis aus gesundheitlichen Gründen zu verlassen, was allerdings keine völlige Aufhebung seiner Strafe bedeutet. Man erlaubt ihm in sein Haus zurückzukehren und das agro-ökologisches Projekt wieder aufzunehmen, das er in Viñales leitet. Obwohl es ihm mit seiner Hartnäckigkeit gelungen ist, diese Schlacht zu gewinnen, weiß er, dass ihn die Augen der Regierung auf Schritt und Tritt verfolgen werden. Man hofft so, dass man ihn doch noch zur Rechenschaft ziehen kann, weil er öffentlich protestiert und die Regierung angegriffen hat; vor allem aber dafür, dass er die ökologischen Schäden in einem Naturschutzgebiet im Westen Kubas angeprangert hat, für die die Regierung verantwortlich ist.

Obwohl es ihm mit seiner Hartnäckigkeit gelungen ist diese Schlacht zu gewinnen, weiß er, dass ihn die Augen der Regierung auf Schritt und Tritt folgen werden. Man hofft so, dass man ich doch noch zur Rechenschaft ziehen kann.

Wenn Humboldt in einer Zeit der Entdeckungen und Forschungsreisen lebte, dann erlebt Ruiz Urquiola heute eine harte Zeit der Komplizenschaft. Der deutsche Wissenschaftler verhalf mit seinen Arbeiten zu Geographie, Flora, Fauna und sogar Topographie die Kenntnisse über ein Land zu mehren, das seine Bewohner selbst noch kaum kannten. Zwei Jahrhunderte später lebt die Gemeinschaft kubanischer Wissenschaftler in einer Zwickmühle von fehlenden finanziellen Mitteln und exzessiven Kontrollen durch den Staat. Unsere Forscher werden heute nicht mehr nach ihren wissenschaftlichen Fähigkeiten bewertet, oder nach den Resultaten ihrer Projekte, sondern vorzugsweise aufgrund ihrer ideologischen Treue.

Daher überrascht es nicht, dass während der Tage des Hungerstreiks  keiner der Beamten, Funktionäre oder Mitarbeiter des Ministeriums für Naturwissenschaft, Technologie und Umwelt sich mit ihm solidarisierte, oder wenigsten einen Aufruf an die Regierung richtete, man möge seinen Fall noch einmal überprüfen. Keine Körperschaft, die mit der landwirtschaftlichen Produktion, dem Schutz des Ökosystems oder mit Studien zu Flora und Fauna verbunden ist, hat ihre Stimme erhoben um zu fordern, man möge bei Ruiz Urquiola Gerechtigkeit walten lassen.

Im Gegensatz zum Schweigen der Gemeinschaft kubanischer Wissenschaftler, fanden sich Kollegen aus anderen Teilen der Welt unter #FreeAriel zusammen.

Auch die offiziellen Medien erwähnten den Fall nicht, obwohl die sozialen Medien wegen der Fülle von Mitteilungen schier „überliefen“, in denen man seine sofortige Freilassung forderte und sein Gesicht aus den alternativen Netzwerken kaum mehr wegzudenken war. Im Gegensatz zum Schweigen der Gemeinschaft kubanischer Wissenschaftler, fanden sich Kollegen aus anderen Teilen der Welt unter #FreeAriel zusammen.

Mehr als 200 Jahre nach Humboldt, der auf ein Land stieß um von ihm zu berichten, lebt Urquiola heute in einem Land, in dem die Forscher ihre Worte sehr sorgsam wählen und es vorziehen zu schweigen.

                 Übersetzung: Dieter Schubert


Dieser Text erschien ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle.

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Erneuerung der Gelübde: Das rote Halstuch

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Kubanische Kinder bei der Zeremonie der Vergabe des Halstuchs (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 14. Juni 2018 

Drei Jahrzehnte später steht die Frau vor einer vertrauten Szene. Eine Reihe von Kindern in Grundschuluniform erhält das neue rote Halstuch, das das blaue Halstuch ersetzt, das sie vorher um den Hals trugen. Wie in einem déjà-vu hört sie ihre Tochter die gleiche Parole rufen, die auch sie in ihrer Kindheit schrie. Das auf dem Boden kniende Mädchen schwört, dem Beispiel von Ernesto Che Guevara zu folgen, so wie es ihre Mutter vor langer Zeit versprochen hat.

 Der Schultag begann sehr früh am Donnerstag den 14. Juni − der Tag, der für die Einführung der Schüler gewählt wurde, die die dritte Klasse abschließen. Jetzt sind sie Teil der Organisation José-Martí-Pioneros und haben einen Weg eingeschlagen, auf dem ideologische Exzesse und politische Manipulation sie für immer begleiten werden. Die Zeremonie gleicht einer religiösen Weihe, fast mystisch, obwohl es sich um einen atheistischen Guerillakämpfer handelt, der genau an diesem Tag 90 Jahre alt geworden wäre.

 Zum Abschluss dröhnt aus den Lautsprechern in voller Lautstärke ein Song, der Fidel Castro gewidmet ist. „Lauter, noch lauter!“, ruft der Schulleiter den Schülern zu, die das langweilige Lied Vers für Vers singen müssen. „Lauter, noch lauter, damit man es da oben hören kann!“, wiederholt er und zeigt dabei zum Himmel, wo er glaubt, dass sein Chefkommandant angekommen sein muss.

 Die Musik endet, die Kinder rufen die Parole, die sie in den nächsten Jahren wieder und wieder aufsagen werden: „Pioniere für den Kommunismus, wir werden wie der Che sein“. Sie verlassen die Reihen und kehren zu den üblichen ungestümen Spielen von Kindern zurück. “Die Erneuerung der politischen Gelübde” ist zu Ende.

            Übersetzung: Berte Fleißig

 


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Verschmutzung ohne Bestrafung

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Arsen, Erdöl und Plastikmüll überfluten die Bucht von Cienfuegos. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ | La Habana | 7. Juni 2018  

Die Aktivisten kommen in den Regenwald, um mit ihren Händen in Erdöl zu versinken, das die Pflanzen des Waldes bedeckt, tausende Kilometer entfernt hängt ein Banner an einem Heißluftballon, dessen Aufschrift die CO2 Emissionen verurteilt, und vor einer großen Bohrplattform für Erdöl protestiert eine Gruppe von Menschen. Diese Art von Aktionen sieht man auf Kuba kaum und das nicht gerade, weil man die Umwelt dort respektiert.

 Vergangene Woche wachten die Bewohner von Cienfuegos mit der Nachricht eines Ölunfalls in ihrer Bucht auf. Die extremen Regenfälle des Sturms „Alberto“ ließen die Aufbereitungsbecken der nahegelegenen Raffinerie überlaufen und 12.000 Kubikmeter Flüssigkeit gemischt mit Erdöl gelangten ins Meer. Die offiziellen Nachrichtensprecher beeilten sich den Schaden zu minimieren und der Minister für Wissenschaft, Technologie und Umwelt (CITMA) schwieg komplizenhaft.

 Keine Umweltschutzorganisation postierte sich mit Schildern vor der Raffinerie, kein einziger Chemieingenieur erhob seine Stimme in den nationalen Medien, um vor der Gefahr für die menschliche Gesundheit zu warnen und man hörte auch keine Meeresbiologen, die auf die negativen Effekte für die dortige Fauna hinwiesen. Die offizielle Version setzte sich durch und im Fernsehen sah man eine Gruppe lächelnder Arbeiter, die die mit Flecken beschmutzten Touristenschiffe reinigten.

Keine Umweltschutzorganisation postierte sich mit Schildern vor der Raffinerie, kein einziger Chemieingenieur erhob seine Stimme in den nationalen Medien, um vor der Gefahr für die menschliche Gesundheit zu warnen.

Die von den Verantwortlichen der Raffinerie in Cienfuegos begangenen Fehler wurden nicht analysiert und kein offizieller Reporter hinterfragte bei dem Unternehmen den schlechten Umgang mit Abwässern, der zu einer Umweltkatastrophe führte. Wie in so vielen bekannten Fällen erlaubte es die mangelnde Unabhängigkeit der Justiz, der Presse und der sozialen Einrichtungen, dass eine Tat straffrei blieb, die große Schlagzeilen, Strafzahlungen und öffentliches Engagement verdient hätte, damit sich so etwas nicht wiederholen kann.

 Mit derselben Akzeptanz und dem „Schutz“ des Staates werden in Autowerkstätten Kohlenwasserstoffe in Abflüsse gekippt; Polikliniken werfen ihren medizinischen Abfall in die Müllcontainer der Nachbarschaft und mehrere Unternehmen entsorgen weiterhin ihre üblen Abwässer in den Flüssen, wie in dem traurigen Fall des Almendares, der durch Havanna fließt.

 Der Staat bestraft sich selbst nicht für dieses umweltschädigende Vorgehen und aufgrund mangelnder Freiheiten kann die Zivilbevölkerung nicht drastisch und öffentlich Stellung nehmen. Mit Ausnahme von kleinen Umweltschutzgruppen, die am Flussufer Müll einsammeln, oder von Webseiten, die eine umweltbewahrende Kultur unterstützen, mangelt es Kuba an Umweltbewegungen, mit der Möglichkeit Druck auszuüben, mit einem Sitz im Parlament, um anzuprangern und der Fähigkeit, in den Straßen zu demonstrieren, um das Naturerbe zu verteidigen.

 Ohne diese Stimmen ist das Ökosystem der Insel Nachlässigkeiten, Gräueltaten und Schweigen hilflos ausgeliefert.

         Übersetzung: Lena Hartwig


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Kuba, die Menschen sprechen über ihr Land

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Ein Bild von der Flugzeugkatastrophe, aufgenommen von Anwohnern, die den Opfern zu Hilfe eilten. (CC)

In den letzten Tagen sind Bilder von zwei schrecklichen Ereignissen von einem Mobiltelefon zum anderen „gesprungen“. Zunächst waren es Videos vom Absturz der Cubana de Aviación– Maschine am 18. Mai und dann Filme von den Überschwemmungen im Innern der Insel. Bei der Tragödie wie bei der Naturkatastrophe, die informativen Kanäle der Bürger waren schneller und effektiver als die offiziellen Medien.

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Überschwemmungen in Sancti Spíritus, Kuba

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 29. Mai 2018 

Der von der Kommunistischen Partei kontrollierte Presseapparat hat schwerfällig und ungeschickt agiert, wenn man ihn mit der schnellen quasi „viralen“ Verbreitung von Nachrichten vergleicht, die wir Kubaner dank neuer Technologien nun endlich haben. Sogar die Überwachung „Minute für Minute“, mit der die Granma (das offizielle Presseorgan) ihre Webseite kontrolliert, litt unter Verzögerungen, weil man auf Autorisierungen warten musste, über welche Ereignisse man berichten durfte und wie.

Die im Umlauf befindlichen nationalen Tageszeitungen, die über ein Netz von Kioske vertrieben werden, haben alle Erklärungen von Piloten, Stewardessen und der Experten verschwiegen, die auf technische Probleme und Regressforderung hingewiesen haben, die in den letzten Jahren kennzeichnend für die mexikanische Fluggesellschaft Global Air waren. Darüber haben sich die Kubaner ausschließlich über alternative Netze unterrichtet.

In einer Mittelschule im Stadtviertel Plaza de la Revolución haben die Jugendlichen Dutzende von Videos über das Flugzeugunglück ausgetauscht und auch ein Interview mit einem ehemaligen Angestellten der mexikanischen Airline, der deutlich auf die technischen Probleme der Flugzeuge hinwies. Die Existenz solcher Zeugen in den Nachrichten zu verschweigen, erhöht nur die Distanz zwischen dem offiziellen Journalismus und der Wirklichkeit.

Während das nationale Fernsehen das eine um das andere Mal das Gesicht des Präsidenten Miguel Díaz-Canel am Absturzort der Boeing 737 zeigte, zirkulierten auf den Straßen nicht nur Videos der nahen Anwohner, die den Überlebenden zu Hilfe geeilt waren, sondern auch Videos über Vandalen, die versuchten Brieftaschen, Mobiltelefone und Geld aus den Trümmern der Maschine mitzunehmen. Dank dieser Amateurbilder wissen wir auch, wie ungeschickt sich die staatliche Rettungsmannschaft verhalten hat.

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Familien, in deren Häusern das Wasser kniehoch steht. (Baracoesa)

In diesen Tagen mit sintflutartigen Regenfällen sind es wiederum die Mobiltelefone und Kameras der einfachen Leute, die uns sehen lassen, wie die Brücke über den Rio Zaza einstürzt. Wir sehen auch die dramatische Situation der Familien, in deren Häusern das Wasser kniehoch steht; auch die Ernte haben sie verloren.

Stattdessen hat es das nationale Fernsehen vorgezogen Sendezeit für Funktionäre einzuräumen, die bei einer Rundreise den Zustand des Tabaks in Pinar del Rio begutachteten. Es gibt auch Sendezeit für ein langweiliges Parteikadertreffen, in olivgrün, wo  man versichert, dass alles „geschützt“ wird.

Während es die Zivilverteidigung nicht für nötig hielt fortlaufende Informationen anzuordnen, also Hinweise und Warnungen für die betroffenen Landesteile, warnten die Bewohner der am meisten betroffenen Orte ihre Familienangehörigen, informierten die Bewohner von nahen Siedlungen über herannahende Wassermassen eines Stausees und über die schnell steigende Wasserführung eines Flusses. Nicht nur Nachrichten und Hinweise sind von einem Mobiltelefon zum andern gelangt, sondern auch Lebenszeichen.

Es lohnt, sich diese Situation bei einer absoluten Kontrolle der Information von Seiten der Regierung vorzustellen. Wäre dann die Vorgeschichte eines Flugzeugabsturzes ans Tageslicht gekommen oder der Umfang einer Naturkatastrophe, wenn die Kubaner nicht über ihre eigenen Nachrichtenquellen verfügten,  um sich zu informieren? Die Erfahrungen der letzten Jahre, in denen die offizielle Presse diese Szene ausnahmslos beherrschte, sagen eindeutig: Nein!

Das neue Szenario bringt auch viele Gefahren mit sich: Nicht-authentische Bilder, gefälschte Videos und Fotos, die Ereignissen zugeordnet werden, obwohl sie in Wirklichkeit zu anderen gehören. Eine Lawine von Daten und Inhalten ist über die Insel gekommen. Sogar offizielle Stellen haben einige dieser Falschmeldungen als authentisch publiziert.

Dennoch, unabhängig vom Risiko der „fake news“ und der lästigen falschen Bilder, das Endergebnis ist eher positiv als alarmierend: Wir Kubaner sind gerade dabei uns zu informieren; jetzt haben wir ein eigenes Nachrichtensystem im Land und die „informative Unschuld“  hinter uns gelassen, die so lange  bösen Absichten diente.

                  Übersetzung: Dieter Schubert

 


 

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Wir verlangen Transparenz bei der Untersuchung des Flugzeugunglücks.

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Fast alle der 110 Passagiere kamen bei dem Absturz ums Leben

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 19. Mai 2018 

Die Bilder wirken hypnotisch und sind tragisch. Auf einer landwirtschaftlich genutzten Fläche nahe am Internationalen Flughafen José Martí von Havanna sieht man verstreut herumliegende Reste von dem, was wenige Minuten vorher noch ein Flugzeug war, in dem 110 Personen von der kubanischen Hauptstadt in die östliche Provinz Holguín fliegen wollten. Nur drei Passagiere konnten gerettet werden und Kuba erlebt die schlimmste Luftfahrt-Katastrophe der letzten Jahre.

 Für die Insel kommt der Absturz dieser Boeing 737-200 zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Das diplomatische Tauwetter mit Washington ist seit Monaten zum Erliegen gekommen und die Zahl der Touristen, die im ersten Quartal auf die Insel kamen, ist um 7% zurückgegangen; beides kompliziert die wirtschaftliche Lage. Ein Desaster dieser Größenordnung kann den Sektor Tourismus ernsthaft beeinträchtigen, der der Regierung erlaubt Devisen einzunehmen − unverzichtbar für die chronisch klamme Staatskasse.

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Rettungskräfte untersuchen das Wrack der abgestürzten Passagiermaschine

Auch die schwierige wirtschaftliche Situation des venezolanischen Verbündeten verschlimmert das aktuelle Panorama. Man darf aber hoffen, dass die kubanischen Behörden in den nächsten Wochen das Land für eine internationale Untersuchung öffnen werden, weil es unter den Opfern auch mexikanische und argentinische Staatsbürger gibt. Die übliche Geheimnistuerei, mit der man auf Kuba interne Untersuchungen dieser Art umgibt, wird man angesichts internationaler Forderungen nach Information auf den Prüfstand stellen müssen.

 Um den Augenblick noch mehr zu komplizieren, haben kubanische Medien jetzt mitgeteilt, dass Raúl Castro − der das Kommando über die kommunistische Partei beibehalten hat − sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen musste. Sein Nachfolger im Präsidentenamt, der Ingenieur Miguel Díaz-Canel, steht vor dem heikelsten Moment seiner Amtszeit. Diesen Donnerstag sah man ihn am Unglücksort; er zeigte sich bestürzt, vielleicht weil er den politischen Preis berechnete, den dieser Unfall ihn kosten wird.

 Trotzdem, für die Bevölkerung ist es ein Schicksalsschlag, der sie mitten ins Herz trifft, vor allem die Angehörigen der etwa hundert Kubaner, die an Bord dieser unheilvollen Maschine waren, die am 18.Mai um 12.08 Uhr am Boden zerschellte. Für sie bleibt ein tiefempfundener Schmerz über den erlittenen Verlust zurück, sie leiden unter der akribischen Identifizierung der Körper und unter der nun einsetzenden politischen Kampagne, mit der die Bürokratie jeden Schritt begleiten wird, den medizinische und politische Institutionen auf der Suche nach Antworten unternehmen werden.

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Es ist ein Schicksalsschlag, der die Angehörigen mitten ins Herz trifft.

In ihren Gedanken werden sie das eine um das andere Mal in diesen letzten Augenblicken bei ihren Lieben sein. Was diese veranlasste an Bord einer von der mexikanischen Fluggesellschaft Global Air geleasten Maschine zu gehen, wird sich als eine Folge von Zufällen erweisen. Man wird Geschichten von denen erzählen, die im letzten Augenblick kein Flugticket mehr bekommen konnten, und auch von jenen anderen, die den Flug in letzter Minute nicht antreten konnten, deren Namen nun aber auf der Liste der Opfer stehen.

 Es wird Zweifel und Fragen geben, auch Forderungen nach überzeugenden Antworten, in einem Land, in dem die Behörden jahrzehntelange Übung darin haben sparsam mit jeder Art von Information umzugehen. Aber nicht einmal dieser geschickte Umgang mit Schweigen wird verhindern, dass die Menschen die Nachrichten der letzten Wochen mit dem Unglück in Verbindung bringen, dass es für das, was an diesem Donnerstag geschah, viele Anzeichen einer vorhersehbaren Katastrophe gab.

 Die staatliche Airline, Cubana de Aviación, steckt seit Jahren in einer tiefen Krise. Wegen des schlechten Zustands ihrer Flotte aus mehrheitlich russischen Flugzeugen mit langer Betriebszeit, sind gecancelte Flüge an der Tagesordnung. Bei diesem Zustand der Maschinen ist die wichtigste Airline der Insel gezwungen immer wieder Flugzeuge anderer Gesellschaften zu leasen. Damit hat sie bei ihren nationalen Kunden zunehmend an Prestige verloren.

 Die nächsten Tage werden entscheidend sein. Von der Art, wie Behörden und die Fluglinie mit Informationen umgehen, wird maßgeblich die Reaktion der betroffenen Familien abhängen. Transparenz ist hier und jetzt empfehlenswert; es bleibt aber abzuwarten, ob sich die Regierung dazu entschließen wird.

            Übersetzung : Dieter Schubert
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Anmerkung: Diese Kolumne erschien ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle.

 

Havanna, im Jahr Null

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Für den größten Teil der Bevölkerung ist das Leben ein täglicher Kampf ums Überleben. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 17. April 2018  

Meinte Mutter wurde unter dem Castro Regime geboren, ich wurde unter dem Castro Regime geboren und auch mein Sohn wurde unter dem Castro Regime geboren. Mindestens drei Generationen Kubaner haben unter der Führung von zwei Männern mit dem gleichen Namen gelebt. Diese Uniformität ist kurz davor sich am kommenden 19. April*) aufzulösen, nämlich dann, wenn der Name des neuen Präsidenten öffentlich bekannt gegeben wird. Egal, ob er den Status quo beibehält oder Reformen anstrebt – die Machtübernahme stellt ein historisches Ereignis dar: das Ende der Ära Castro auf der Insel.

 Obwohl sich dieser Tag, den es so in den letzten 50 Jahren noch nicht gegeben hat, nähert, ist die Erwartungshaltung in den Straßen von Havanna extrem niedrig. Und das in einem Land, das kurz vor einer bedeutenden Veränderung der Nomenklatur steht, die in einigen Tagen beginnen könnte.

 Diese Gleichgültigkeit basiert auf mindestens drei Faktoren. Der erste ist die bedauerliche wirtschaftliche Lage, die den größten Teil der Bevölkerung an den täglichen Kampf ums Überleben fesselt. Politische Hirngespinste oder Prophezeiungen von einer besseren Zukunft werden von anderen, dringenderen Bedürfnissen verdrängt: etwas zu Essen auf den Tisch zu bringen, zur Arbeit und zurück zu kommen, oder zu planen, sich in Richtung anderer Breitengrade davonzumachen.

 Der zweite Grund für so viel Antriebslosigkeit, hat mit dem Pessimismus zu tun, der aus dem Glauben heraus resultiert, dass sich auch mit einem neuen Gesicht auf den offiziellen Fotos nichts ändern wird, weil die Gerontokratie in Form einer gehorsamen und streng kontrollierten Marionette weiterhin die Kontrolle behalten wird. Der dritte Grund für diesen Überdruss resultiert daraus, dass man weder andere Szenarien kennt noch Anhaltspunkte hat, um sich vorzustellen, dass es ein Leben nach der sogenannten „historischen Generation“ geben könnte.

 Anstelle von Menschen, die Fahnen auf den Plätzen schwingen, begeisterten Jugendlichen, die Parolen rufen oder epische Fotos machen, nimmt man überall ein Gefühl von Ermüdung wahr.

 Dieses fatale Gefühl, dass alles so bleiben wird wie es momentan ist, stellt die direkte Folge von sechs Jahrzehnten dar, in denen zuerst Fidel Castro und dann Raúl Castro die Insel kontrollierten, ohne dass sie jemand in den Schatten hätte drängen können oder ihre Autorität in den höchsten Regierungskreisen in Frage gestellt hätte. Durch die Tatsache, dass sie stets am Steuerrad des Staatsschiffs standen, die Opposition in die Knie zwangen und andere charismatische Führer eliminierten, haben sich beide Brüder während dieser Zeit als ein beständiger und unverzichtbarer Teil der nationalen Geschichte erwiesen.

 Mehr als 70% der Kubaner wurden nach jenem Januar 1959 geboren, in dem eine Gruppe bärtiger Männer bewaffnet und lächelnd in Havanna einfiel. Unmittelbar darauf stellten die Schulbücher, alle Pressemedien sowie die Regierungspropaganda diese „Revolutionäre in olivgrün“ als Väter des Vaterlands – als Heilsbringer und Erlöser des Volkes dar, die das Land gerettet hatten. Sie verbreiteten die Idee, dass Kuba identisch sei mit der kommunistischen Partei, mit der offiziellen Ideologie, sowie mit einem Mann namens Castro.

 Jetzt ist die Biologie kurz davor, diesem Kapitel der Geschichte ein Ende zu machen. Der kubanischen Kalender könnte jetzt mit dem Jahr null beginnen, also neu anfangen. Anstelle von Menschen, die Fahnen auf den Plätzen schwingen, begeisterten Jugendlichen, die Parolen rufen oder epische Fotos machen, nimmt man überall das Gefühl von Ermüdung wahr. Ein abweisendes Verhalten von Millionen von Menschen, deren Enthusiasmus nach einer sehr langen Zeit des Wartens verkümmert ist.

           Übersetzung: Berte Fleißig

Anmerkung der Übersetzerin:
*) Yoani Sánchez publizierte diesen Text zwei Tage vor der Wahl von Miguel Díaz-Canel zum neuen Präsidenten Kubas.
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Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle auf der lateinamerikanischen Seite veröffentlicht.