‚Es ist opportun, über Opportunismus zu sprechen‘ und über andere alltägliche Masken

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In einer Gesellschaft, in der viele Angst haben, sich offen zu verhalten und frei zu sprechen, ist Opportunismus zu einer Technik der Besitzstandwahrung geworden. (Thinkstok)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 19. Dezember 2019

Masken, Tarnung und Heuchelei… in einer Gesellschaft, in der viele Angst haben, sich offen zu verhalten und frei zu sprechen, ist Opportunismus zu einer Technik der Besitzstandwahrung geworden, zu einer wahrhaften Strategie für das soziale, berufliche und politische Überleben. Vor zweiunddreißig Jahren schrieb der Journalist Reinaldo Escobar, damals Kolumnist der Zeitung ‚Juventud Rebelde‘, einen Text, der noch immer schmerzhaft lebendig ist. Sein Artikel mit dem Titel: ‚Es ist opportun, über Opportunismus zu sprechen‘, beschreibt detailliert, wie schädlich diese Praxis ist und wie weitverbreitet sie in der kubanischen Gesellschaft ist.

Escobar definiert drei Stufen, die der Opportunist durchläuft. Die erste ist der Reifeprozess, in der er das Vertrauen seiner Vorgesetzten gewinnen muss, und um dies zu erreichen, wird er zahlreiche Dinge tun müssen, die ihn als einen in der Sache treu Ergebenen zeigen, als einen disziplinierten Kämpfer und gefügigen Verteidiger der offiziellen Linie. Solche Personen kennen wir gut. Sie sind in unserer Nachbarschaft und verraten einen Nachbarn, weil er einen Sack Zement auf dem Schwarzmarkt gekauft hat. Sie beobachten, was andere im Korb haben, nachdem sie auf dem Markt waren; sie applaudieren lautstark bei Versammlungen und Amtshandlungen, oder sie hetzen bei einer „Ablehnungsaktionen“ gegen einen Dissidenten so laut, dass es scheint, als würden ihre Venen am Hals platzen.

Die zweite Stufe des Opportunisten tritt ein, wenn er beginnt, die Früchte seines unterwürfigen Verhaltens zu ernten, wenn er eine Position oder Verantwortung erhält, von der aus er seinen Chefs absolute Bewunderung zeigen wird.

Die zweite Stufe ist erreicht, wenn der Opportunist beginnt die Früchte seines unterwürfigen Verhaltens zu ernten, wenn man ihm ein Amt gibt oder eine Verantwortung, von der aus er seinen Chefs seine uneingeschränkte Bewunderung zeigen wird. Dann wird er zu dem werden, was man im kubanischen Volksmund schlicht und einfach als „guatacón“ (Lakai) oder „chicharrón“ (Schleimer) seines Vorgesetzten bezeichnet. Jetzt wird der Opportunist gefährlicher, denn, um Punkte zu sammeln und um die Anerkennung eines Oberen zu gewinnen, wird er zu vielem bereit sein: zu Beweisen von maßloser Intoleranz, zu exzessiver und vernichtenden Kritik und zu niederträchtigen Aktionen, wie jemand verpfeifen, denunzieren oder verraten.

Sobald dieser Schritt getan ist, beginnt der Opportunist die Ernte einzufahren, als Ergebnis und Prämie für so viel Unterwürfigkeit, so viel „Ja“-sagen und so viel Applaus. Wenn er in eine Machtposition berufen wird, in der er Untergebene hat, denen er befiehlt, und er Vorrechte hat, um sie zu genießen, erreicht er eine Position, die er um jeden Preis erhalten will. Es spielt keine Rolle, wie viel Doppelmoral oder Unsinn es in seinen Worten gibt, die einerseits Opfer predigen, während er andererseits in unmäßigem Komfort lebt. Er ist leicht zu erkennen, denn er ruft seine Mitarbeiter zu Sparsamkeit auf, während sein Haus voll von Waren und Haushaltsgeräten ist, die er bei seinen vielen Reisen importiert hat.

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Die Zeichnung des Karikaturisten Carlucho, die zusammen mit dem Text des Journalisten Reinaldo Escobar in der Zeitung ‚Juventud Rebelde‘ veröffentlicht wurde. (Archiv)

Das Problem ist, dass nach so vielen Jahren mit Vortäuschen, Schweigen und Andere zum Schweigen bringen, die Maske am Ende sein eigenes Gesicht ersetzt. Wenn es bei ihm jemals etwas wie Reform, Kritik oder Skepsis gab, dann werden zu viele Jahre des Täuschens diesen Geist ausgelöscht haben. Aber… ist der Opportunismus ein Übel, das es in Kuba nur bei Funktionären, Sachbearbeitern, Ministern, Parteiführern oder hohen Beamten gibt? Ganz und gar nicht, es ist eine Geißel, die weit darüber hinausgeht.

Viele von uns waren in einem Moment unseres Lebens Opportunisten, auf die eine oder andere Weise, weil wir die Maske oder das Schweigen benutzt haben, um soziale Stigmatisierung zu umgehen.

Viele von uns waren in einem Moment unseres Lebens Opportunisten, auf die eine oder andere Weise, weil wir die Maske oder das Schweigen benutzt haben, um soziale Stigmatisierung, eine Abmahnung, eine Strafe oder sogar das Gefängnis zu umgehen. Zu begreifen, dass wir alle für ein gelegentliches Vortäuschen oder einen „Biss“ verantwortlich sind, kann uns helfen, dieses Verhalten zu entlarven. Wir sollten uns nicht über andere stellen und den ersten Stein werfen, denn aus dieser Position wird es sehr schwierig, gegen dieses soziale Übel anzugehen.

Ein Opportunismus ist auch der junge Mann, der sagt: „Ich spreche nicht über Politik“ und sich in seinem Haus einschließt, um seine Zeit mit Videospielen zu verbringen und den Inhalt des wöchentlichen Medienpakts zu konsumieren, während das Kuba vor seiner Tür auseinanderfällt und er ein paar Krümel Subventionen genießt. Ein Opportunist ist der Selbstständige, der am 1. Mai mit einem Schild auf den ‚Platz der Revolution‘ marschiert und das Regime hochleben lässt, um Probleme mit den Inspektoren zu vermeiden, die sein Pizza- oder Eisgeschäft kontrollieren und überwachen.

Opportunisten sind die Patienten und ihre Familien, die schweigend die schlechten Bedingungen in einem Krankenhaus akzeptieren und lieber unter dem Tisch für eine Dienstleistung oder eine bessere Versorgung bezahlen, als laut das zu fordern, was ihnen bei einem öffentlichen Gesundheitsdienst zusteht, den wir alle aus der eigenen Tasche bezahlen. Ein Opportunist ist der Rentner als immer noch militantes Mitglied der Kommunistischen Partei, der sich in den Sitzungen seiner Organisation nicht darüber beklagt, dass seine Rente ihn zum Betteln verurteilt.

Ein Opportunist ist der, der ein Visum in seinem Pass hat, um das Land zu verlassen, der aber nicht in „Schwierigkeiten geraten“ will. Also klagt er nicht über den schlechten Zustand der Straßen und Wege, damit seine Reise nicht noch annulliert wird.

Ein Opportunist ist der, der ein Visum in seinem Pass hat, um das Land zu verlassen, der aber nicht in „Schwierigkeiten geraten“ will. Also klagt er nicht über den schlechten Zustand der Straßen und Wege, damit seine Reise nicht noch annulliert wird und sie ihn ohne Probleme ausreisen lassen. Aber es ist auch opportunistisch, wenn ein Emigrant zurückkehrt, „sich gut benimmt“, während er einige Tage bei seiner Familie verbringt, still ist und alles akzeptiert,…damit nicht passiert, dass sie ihn womöglich nicht wieder in das Land zurückkehren lassen, in dem er seinen neuen Wohnsitz hat.

Eine Opportunistin ist die Mutter, die zu ihrem Sohn sagt, er solle in der Schule nicht erzählen, dass man das verbotene Fernsehen aus Miami zu Hause über eine illegale Satellitenschüssel empfängt, während sie gleichzeitig am politischen Wandbild an ihrem Arbeitsplatz weiterarbeitet. Ebenso opportunistisch ist der Neffe des Kommandanten, des Generals oder des Ministers, der auf Kreuzfahrtschiffen oder Yachten die Welt bereist und eine Ché Guevara-Mütze trägt. Wie Sie sehen ist Opportunismus weiter verbreitet, als wir wahrhaben wollen und er berührt fast alle von uns.

Solange es die Furcht vor Repressalien oder Gefängnis gibt, weil man seine Meinung frei äußert, wird es Opportunisten geben. Solange das System den belohnt der sich verstellt, und den bestraft der kritisiert, wird Kuba eine riesige Farm bleiben, auf der Tausende, Millionen von Opportunisten ausgebrütet werden, jeden Tag.

Übersetzung: Lena Hartwig


Die Mannschaft von 14ymedio engagiert sich für einen seriösen Journalismus, der die Realität in Kuba tiefgreifend wiedergeben möchte. Danke, dass Du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden Dich ein, uns auch weiterhin zu unterstützen, indem Du Mitglied unseres Journals wirst. Gemeinsam können wir den Journalismus in Kuba transformieren.

 

Lazarus, der mit den Hunden

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Die kubanischen Behörden bereiten ein Gesetzesprojekt zum Schutz der Tiere vor. (Barry)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |17. Dezember 2019

Er hält an, schöpft Atem und zieht dann erneut seinen Stein hinter sich her. Der Pilger ist einer von Hunderten, die am Montag ihren mühsamen Weg antraten, von Havanna aus zum Heiligtum Rincón. Sie setzen sich in Bewegung wegen ihrer Verehrung des heiligen Lazarus*), des Beschützers der Kranken und Hilflosen. Auf ihrem Weg werden sie auf Dutzende von verlassenen und misshandelten Tieren treffen, die die ganze Gegend bewohnen. Wieviele der Gläubigen werden ihr Brot oder ihr Wasser mit diesen Hunden teilen, die den Begleitern des verehrten Abbildes des alten Leprakranken so ähnlich sind?

 Am Abend dieses 17. Dezembers kündigten die offiziellen kubanischen Medien an, dass ein Gesetzesprojekt zum Schutz von Tieren vorbereitet werde. Die neuen Verordnungen beinhalten die Bestrafung von Misshandlung, außerdem die Registrierung, Überwachung und Identifizierung von Haustieren und die Kontrolle ihrer Vermarktung. Eine langersehnte Nachricht, die die Aktivisten mit gemischten Gefühlen aufgenommen haben.

Die neuen Verordnungen beinhalten die Bestrafung von Misshandlung, außerdem die Registrierung, Überwachung und Identifizierung von Haustieren und die Kontrolle ihrer Vermarktung.

 Nach so vielen Jahren von Forderungen und Klagen, verstärkt während der letzten Monate dank der sozialen Medien, bedeutet die Vorbereitung eines Gesetzes zum Schutz der Tiere in Kuba zweifellos einen Sieg des Tierschutzvereins. Er hat nicht nur unermüdlich Forderungen gestellt, sondern sich auch organisiert, um das Leid von vielen verlassenen, kranken und überfahrenen Hunden und Katzen zu lindern, denen sie das Leben gerettet und für die sie ein Heim gefunden haben.

 Obwohl sie ihre Arbeit ohne rechtliche Anerkennung durchführten, gelang es diesen Gruppen kleine Refugien zu schaffen, Sterilisationen vorzunehmen und Tieradoptionen anzubieten, für unzählige Haustiere, die andernfalls unter den Rädern eines Fahrzeugs geendet und langsam auf der Straße gestorben wären, unter den gedankenlosen Blicken der Vorübergehenden oder grausam geopfert im staatlichen Programm der Tierkrankheitsbekämpfung. Jetzt besteht Hoffnung, dass unabhängige Organisationen wie „Kubaner verteidigen Tiere“ (CEDA) und „Tierschutz in der Stadt“ (PAC) die künftigen gesetzlichen Rahmenbedingungen nutzen können, um ihre Arbeit mit größerer Effektivität und Tragweite durchzuführen.

 Es gibt jedoch eine Sache, die diesen Optimismus trübt: der Mechanismus, um eine Gesetzesvorlage in trockene Tücher zu bringen und zu genehmigen, ist beklemmend langsam und mit vielen bürokratischen Hürden versehen, doch genau jetzt gibt es Tausende von leidenden Tieren in diesem Land, für die die neuen Regularien zu spät kommen werden. Hinzu kommt noch, dass in einem ziemlich großen Teil der Bevölkerung eine tiefe Geringschätzung des Lebens von Pferden, Maultieren, Schweinen, Hunden, Katzen und anderen Tieren, die es in der Natur gibt, vorherrscht. Weder im Schoß vieler Familien noch in den Schulen gibt es eine Kultur, die den Respekt vor diesen Lebewesen fördert.

 Man sieht häufig Kinder, die von klein auf die Zweige eines Baumes mutwillig abreißen, ohne dass jemand davon Notiz nähme, Katzen mit Steinen bewerfen, streunende Hunde quälen, Eidechsen zerquetschen, Vogelnester zerstören und sich brüsten, mehrere Frösche auf einen Streich getötet zu haben. Gewalt gegen und Misshandlung von Tieren, die man in Kuba zu sehen bekommt, offenbaren die Unmenschlichkeit und den Verlust von ethischen Werten, der sich in den letzten Jahrzehnten verschlimmert hat, mit den sozialen Experimenten zur Schaffung eines neuen Menschen. Das führte dazu, dass der in den meisten Fällen keinen Respekt mehr vor der Natur hatte und unfähig war, sensibel zu reagieren, wenn ein Hund oder eine Katze sie „mit Tränen in den Augen um ein liebes Wort bittet“, wie der Schriftsteller Jorge Zalamea sagen würde.

Das merkt man bei Leuten, die fähig sind, ein Tier auf der Straße auszusetzen, weil sie in den Urlaub fahren und es nicht mehr brauchen können, als wäre ein Hund wie ein Paar Schuhe, die man in den Müll wirft, wenn sie nicht mehr taugen.

 Einen Teil unserer Menschlichkeit haben wir auf dem Weg eingebüßt. Das merkt man bei Leuten, die fähig sind, ein Tier auf der Straße auszusetzen, weil sie in den Urlaub fahren und es nicht mehr brauchen können, als wäre ein Hund wie ein Paar Schuhe, die man in den Müll wirft, wenn sie nicht mehr taugen. Das sind dieselben Leute, die ihre Katze, die sie ihr ganzes Leben begleitet hat, mitten auf dem Land aussetzen, weil sie nun alt ist. Das tun sie vor ihren Kindern, die, sobald sie erwachsen sind und ihr Vater alt ist, einen Platz suchen werden, wo sie ihn lassen können und sich nicht um ihn kümmern müssen.

Ein Großteil der Pilger, die sich diesen Dienstag, dem Tag des frommen Sankt Lazarus oder Babalú Ayé, auf den Weg machen, werden Kerzen anzünden oder große Beträge ausgeben, um für ein Gelübde zu zahlen. Sie ziehen kilometerweit schwere Steine hinter sich her, ohne zu bemerken, dass die Fütterung und die Aufnahme eines zurückgelassenen Hundes vielleicht eine bessere Ehrerbietung wäre, für den Alten mit den Krücken und mit den Straßenhunden, die ihm die offenen Wunden lecken.

       Übersetzung: Iris Wißmüller

Anmerkung der Übersetzerin:
In der Bibel findet man 2 Personen mit Namen Lazarus: Den „Lazarus von Bethanien“, der von Jesus von den Toten auferweckt wurde, und den leprakranken Lazarus im „Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus“.


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Nostalgie, die unverzichtbare Zutat zur kubanischen Weihnachtszeit

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Nostalgie empfinden wir für die, die uns fehlen; für das, was wir nicht auf dem Tisch haben und für das, was sie uns genommen haben. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 25. Dezember 2019

Wenn ich eine unverzichtbare Zutat zur kubanischen Weihnachtszeit wählen sollte, dann wäre es die Nostalgie. Nostalgie für die, die ausgewandert sind und nicht mehr am Familientisch sitzen, Nostalgie für eine verlorene, weit zurückliegende Zeit, an die sich Hochbetagte in diesen Tagen erinnern, Nostalgie sogar für jene, die wie wir in einem Kuba geboren wurden, in dem ein extremer Atheismus herrschte. Wir verloren für lange Jahre die Feiertage, und heute spüren wir sogar Nostalgie für das, was sie uns in unserer Kindheit geraubt haben.

Für die Kubaner war das Jahr 2019 ein schwieriges Jahr. Die Wirtschaft stagnierte und versank im September außerdem in einer Energiekrise, die die Bürokratie als „konjunkturbedingt“ bezeichnete, die uns aber ständig Alltagsprobleme bescherte: bei Transportmitteln, bei der Lieferung und Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und bei der landwirtschaftlichen Produktion. Daher konnten viele von uns während der Weihnachtszeit nicht in eine andere Provinz reisen, um dort Heiligabend mit ihren Verwandten zu feiern, wie sie es traditionell jedes Jahr tun.

Auch die Preise für Nahrungsmittel sind gestiegen, trotz der offiziellen Anstrengungen die Preise stabil zu halten, oder Höchstpreise für bestimmte Produkte festzulegen.

Auch die Preise für Nahrungsmittel sind gestiegen, trotz der offiziellen Anstrengungen die Preise stabil zu halten, oder Höchstpreise für bestimmte Produkte festzulegen. Derart, dass das traditionelle Weihnachtsessen mit Schweinebraten, Reis, Maniok mit Mojo und Salat für den Geldbeutel vieler Familien unerschwinglich wurde und sie sich mit bescheideneren Gerichten zufrieden geben mussten. Aber ein Gutteil der kubanischen Bevölkerung konnte am Weihnachtsabend auf besondere Art und Weise essen (und wird es auch an Silvester tun können), dank eines emigrierten Familienangehörigen, der die Rechnung für die Feiern bezahlt hat.

Wer über konvertible Geldmittel verfügt, wer Geldüberweisungen erhält, wer ein privates Geschäft hat oder häufiger ins Ausland reisen kann, wird die Festtage mit traditionellem Nougat, einer Flasche Wein und sogar einigen Weintrauben bereichern können. In den Häusern von hohen Funktionären und den Mächtigen der kommunistischen Partei wird es vermutlich Bankette geben, Rum und Bier werden fließen; man entkorkt die eine oder andere Flasche Champagner und lässt die „mehr als 60 Jahre an der Macht“ hochleben.

Aber auch das, in vielen kubanischen Häusern ereignet sich in der Nacht des 24. Dezembers nichts Besonderes, weil, nach einer jahrzehntelangen Unterbrechung der Weihnachtsfeiern, viele Familien die Feierlichkeiten auf den 31. Dezember verschieben, den Tag des Hl. Silvester. Wenn eine Tradition verdrängt, unterbrochen und eingeschränkt wird, dann dauert es viele Jahre, um sie neu zu beleben oder wieder ins Leben der Menschen zu integrieren. Der Fall Weihnachten 1997: nur in diesem Jahr bekamen wir Kubaner den 25.Dezember als Feiertag zurück, wenige Tage bevor Papst Johannes Paul II zu einem historischen Besuch auf die Insel kam. Nur 22 Jahre sind seitdem vergangen, wenig Zeit dafür, dass sich eine Tradition wieder verwurzelt.

Dennoch, einige Bräuche zum Jahresende sind geblieben: am 31. Dezember schüttet man um Mitternacht Wasser von Balkonen, aus Fenstern, aus Türen und von Terrassen.

Dennoch, einige Bräuche zum Jahresende sind geblieben: am 31. Dezember schüttet man um Mitternacht Wasser von Balkonen, aus Fenstern, aus Türen und von Terrassen; damit will man das zu Ende gehende Jahr von allem Bösen reinigen, damit das neue Jahr frei von Problemen beginnen kann. Für 2020 wird uns dazu viel Wasser fehlen, weil die wirtschaftlichen Prognosen für das Land nicht schmeichelhaft sind und der Starrsinn der Regierenden darauf hinweist, dass sie die staatliche Kontrolle über viele produktive Sektoren aufrecht erhalten werden, genauso wie die erwiesene Ineffizienz dieses Staatsmodells. Die politische Unterdrückung wird weitergehen, denn nur mit Knebel und Strafe kann sich eine Partei an der Macht halten, die sich uns mit Gewalt aufgedrängt hat und die versucht, die Pluralität von Trends und Stimmen zu unterdrücken, die es auf der Insel gibt.

Andere verbrennen am 31. Dezember eine Puppe aus alten Kleidern und Stroh, ein symbolischer Akt für die Vernichtung des Negativen und Alten, ehe denn das neue Jahr beginnt. Aber in den letzten Jahren hat sich ein anderer Brauch verbreitet: man verlässt das Haus mit einem Koffer, dreht eine Runde um den Wohnblock, oder macht einen Streifzug durch die Straßen oder das Stadtviertel, in dem man wohnt. Es ist ein Ritual; es soll eine Reise anlocken, oder ein Visum, oder eine Einladung, um das Land verlassen zu können und um − vermutlich − nicht zurückzukehren. Auf dieser Insel, die auf der Flucht ist, sehen wir immer mehr Menschen, die in der letzten Nacht des Jahres dieses Gepäckteil herumtragen.

Zu diesem Dezember gesellt sich noch, dass wir im Countdown sind, für eine einheitliche Währung.

Zu diesem Dezember gesellt sich noch, dass wir im Countdown sind: eine Vereinheitlichung des Währungssystems steht an, eine Lohnreform und das Ende von verschiedenen Beihilfen, was für die ärmsten Familien Reserven ein harter Schlag sein wird. Deswegen ist „Unsicherheit“ das entscheidende Wort für das jetzt beginnende Jahr. Das Gefühl, zu viele Frage und zu wenige Antworten zu haben, ist für viele Familien während dieser Weihnachtszeit bedrückend. Aber, ich wiederhole mich, Nostalgie ist die wichtigste Zutat für die Festtage; Nostalgie ist ein unerwünschter Gast und das wichtigste Thema an den Feiertagen.

Nostalgie empfinden wir für die, die fehlen; für das, was wir nicht auf dem Tisch haben und für das, was sie uns genommen haben. Nostalgie spüren wir auch bei dem, was wir sein könnten.

       Übersetzung: Dieter Schubert

Weihnachtsferien, ein Sieg der kubanischen Studenten

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Noch vor ein paar Jahrzehnten wäre es in Kuba undenkbar gewesen, dass man den Lernenden an Weihnachten eine Pause von fast zwei Wochen gewähren würde. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 14. Dezember  2019

Es gibt Erfolge, die man lautstark feiert, mit Gesten voller Stolz über den erreichten Sieg und öffentlichem Jubelgeschrei. Andere Erfolge feiert man eher leise, um zu vermeiden, dass sie rückgängig gemacht werden oder abhandenkommen. Zu letzteren gehört die Wiedereinführung der Weihnachtsferien, ohne Fanfaren und Beifall, wie es die kubanischen Studenten in den letzten Jahren erreicht haben.

Freitag, der 20.Dezember, war ein besonderer Tag, weil in nur wenigen Klassenzimmern und Hörsälen der Insel Unterricht stattfand. Man zog die Feiern zum „Tag des Lehrers“ vor, geplant für den 22.Dezember, der heuer aber auf einen Sonntag fällt. Mit Geschenken für Lehrer und Professoren im Rahmen von Festveranstaltungen, die aus Geldmitteln der Eltern organisiert wurden, verabschiedeten sich auch die Schüler bis Neujahrsanfang von ihren Klassenkameraden.

Noch vor ein paar Jahrzehnten wäre es in Kuba undenkbar gewesen, dass man den Lernenden an Weihnachten eine Pause von fast zwei Wochen gewähren würde. Wir, die wir in den 70er, 80er und auch 90er Jahren zur Schule gingen, konnten uns nie an einer echten Zeit der Erholung während der Feiertage erfreuen. Allenfalls erreichten wir ein Fernbleiben vom Unterricht, wenn wir wegen einer oft nur erfundenen Krankheit ein ärztliches Attest hatten, oder auch wenn wir Dokumente für eine unaufschiebbare Reise in eine andere Provinz vorlegten.

Nur im Dezember 1997, wenige Tage vor dem Besuch von Papst Johannes Paul II auf der Insel, erklärte Fidel Castro den 25.Dezember zum Feiertag, zum ersten Mal nach Jahrzehnten.

Nur im Dezember 1997, wenige Tage vor dem Besuch von Papst Johannes Paul II auf der Insel, erklärte Fidel Castro den 25.Dezember zum Feiertag, zum ersten Mal nach Jahrzehnten. Danach, ganz langsam und wie Eroberer, die sich klammheimlich ein Territorium aneignen, indem sie Nacht für Nacht ein paar Zentimeter vorrücken, haben wir Kubaner eine zeitlich befristete Ruhepause erzwungen. Dahingehend, dass es an den Schulen eine stillschweigende Übereinkunft gibt, dass Schüler vom vorletzten Freitag im Dezember bis zum ersten Montag im Januar unterrichtsfrei haben – falls der nicht auf einen Feiertag fällt.

Welche gesellschaftliche Gruppe spielte bei der Wiedereinführung der Weihnachtsferien die Hauptrolle? Keine. Wurde in irgendeinem offiziellen Medium verlautbart, dass eine zweiwöchige Pause für alle Schularten im Land angeordnet wurde? Nein. Ist irgendwer auf die Straße gegangen, um zu feiern, dass er jetzt nicht zur Schule gehen muss, sondern die Festtage im Kreis seiner Familie genießen kann? Nein.

So, wie die Siege, die niemand für sich in Anspruch nimmt und über die man sich still freut, sind die Weihnachtsferien in die kubanischen Schulen zurückgekehrt. Auf diese Weise haben wir auch noch andere Erfolge angehäuft, ohne Getöse, aber unumkehrbar.

        Übersetzung: Dieter Schubert

Wir, die Übersetzergruppe von Generación Y wünschen allen unseren Lesern ein Frohes Weihnachtsfest und ein erfolgreiches Neues Jahr 2020.
Berte, Iris, Lena und Dieter

Presse oder Propaganda?

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Mehrere Generationen von Kubanern haben sich daran gewöhnt, in den nationalen Medien nur eine mögliche Version der Realität wiederzufinden. (Wikipedia)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 5. Dezember 2019

Seit Jahrzehnten leben wir Kubaner unter einem strikten Informationsmonopol, das die öffentlichen Medien in Resonanzböden der Kommunistischen Partei verwandelt hat. Anstelle von Journalismus ist das, was jeden Tag in den nationalen Zeitungen publiziert oder von Fernsehen und Rundfunk verbreitet wird, wesentlich näher an ideologischer Propaganda.

So gesehen haben mehrere Generationen sich daran gewöhnt, in den nationalen Medien nur eine mögliche Version der Realität wiederzufinden, einen eingeschränkten Teil der täglichen Geschichten und nur eine einzige „Stimme“, die versucht, über ein mehrstimmiges und vielfältiges Land zu berichten. Aus gutem Grund hat die Plaza de la Revolución die Informationsvielfalt ausgeschlossen und so die gesamte Bevölkerung zu Diskussionen ohne Nuancen verurteilt.

Aber, ist das wirklich noch Presse, oder ist es politische Werbung, die von Mikrofonen und nationalen Zeitungsseiten Besitz ergriffen hat? Zweifellos kann man das nicht mehr als „Journalismus“ bezeichnen, weil jede journalistische Arbeit unterschiedliche Quellen, Meinungen und Kriterien in Betracht ziehen und beleuchten muss, was weit über das hinausgeht, was eine einzelne Person, eine Gruppe oder die einzige Partei denkt oder erlebt.

Wir Kubaner haben so lange mit dieser „Pseudopresse“ gelebt, dass eine völlige Demontage dieses journalistischen Übels ein notwendiger Prozess ist, um informierende Medien fordern und fördern zu können, die pluralistisch, umfassend und wahrheitsgetreu berichten. Die ersten Schritte um dies zu erreichen sind: vielfältige Kriterien zu berücksichtigen, den Lesern auch andere Blickwinkel auf ein Ereignis zu vermitteln und Fakten für wichtiger als Worte zu halten.

Aber auch wir Leser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer müssen lernen, die Meinungsvielfalt zu respektieren, die eine Situation, ein Vorschlag oder eine öffentliche Person hervorrufen können.

Aber auch wir Leser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer müssen lernen, die Meinungsvielfalt zu respektieren, die eine Situation, ein Vorschlag oder eine öffentliche Person hervorrufen können. Unterschiedliche Meinungen schränken niemals ein, sondern sie geben den Beteiligten die Fähigkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden und ein Ereignis umfassender, besser durchdacht und gelassener zu beurteilen.

Presse darf nicht Propaganda im Dienst von einigen Wenigen sein und sich auch nicht wie die Puppe eines Bauchredners verhalten, die von einer Gruppe manipuliert wird und deren Losungen wortgetreu und pflichtschuldig wiederholt. Journalismus kann − wenn er gut ist − auch schmerzhaft, unbequem und ärgerlich sein. Versuchte man ihn lammfromm und formbar zu machen, nähme man ihm das, was Journalismus vom Pamphlet unterscheidet.

Wenn wir jetzt eine freie und demokratische Presse fordern, mit professionellen Standards, dann sollten wir uns darauf gefasst machen, dass dort oft über Themen publiziert wird, die uns ärgern, über Meinungen, mit denen wir nicht übereinstimmen, und dass man Stellungnahmen Raum geben wird, die unserem Standpunkt widersprechen. Es wird Tage geben, an denen wir beim Lesen der Zeitung lächeln und andere, an denen uns ein bitterer Geschmack im Mund zurückbleibt und wir Lust bekommen, darauf zu antworten und uns zu beklagen. Was wir von einem guten Journalismus erwarten dürfen, ist: dass es uns mobilisiert, uns wachrüttelt, uns über unser Urteilsvermögen nachdenken lässt und das Anderer bewertet. Wollte man der Presse diese Dornen nehmen, würde man sie auf simple Propaganda reduzieren

            Übersetzung: Dieter Schubert


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Die Masken von Havanna

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Felipe VI und Letizia Ortiz neben Lis Cuesta und Miguel Díaz-Canel beim Abendessen am Sitz des Staatsrates.

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 17. November 2019

Havanna war eine Stadt des Karnevals und der Masken. Obwohl die Tage des Vergnügens längst vorbei sind, wird diese Stadt – wann immer es notwendig ist – mit passenden Make-up-Schichten bedeckt. Vor Jahren, als ein Papst die Insel besuchte, strichen die Behörden die Fassaden und sie reinigten die Straßen, durch die Seine Heiligkeit vom Flughafen in das historische Zentrum fahren würde, eine bruchstückhafte Restaurierung, die dem Volkshumor nicht entkam, der die Route in „Via Sacra“ umbenannte.

Ein weiteres Beispiel für die Verwandlungskunst der Stadt sind all die Abermillionen von Touristenfotos, auf denen man nur alte Chevrolet des letzten Jahrhunderts, restaurierte Gebäude und Mojitos mit viel Rum und wenig Erinnerung sieht. Um die Stadt kennenzulernen, deren Herz tiefer schlägt, muss man Schichten wie bei einer Zwiebel entfernen oder den ätzenden Make-up-Entferner der Objektivität verwenden. Leider sind nur wenige Besucher bereit, diese ästhetische und kulturelle Arbeit eines Archäologen zu leisten. Schließlich kommen sie für kurze Zeit hierher, für eine Zeit, die einem Atemzug gleicht.

Im November dieses Jahres wurde eine Stadt mit mehr als zwei Millionen Einwohnern und knapp 500-jährigem Bestehen wieder mit Rouge beschmiert. Zu den „Gesichtsausbesserungen“ gehörten das massive Einfangen und Töten von Straßenhunden, die Einweihung einiger Architekturwerke, die jahrelang repariert wurden und das Verbot für Dissidenten und Aktivisten, am Vorabend und am Tag der 500-Jahr-Feier der „Villa de San Cristóbal“ in Havanna auf die Straße zu gehen.

Aber selbst wenn nur eine dünne Schicht Lippenstift aufgetragen worden wäre, hätten Felipe VI. und Letizia Ortiz bei ihrem zweitägigen Staatsbesuch auf der Insel wenig entdecken können.

Aber selbst wenn nur eine dünne Schicht Lippenstift aufgetragen worden wäre, hätten Felipe VI. und Letizia Ortiz bei ihrem zweitägigen Staatsbesuch auf der Insel wenig entdecken können. Mit einer minutiös durchgeplanten Agenda konnten sich Ihre Majestäten kaum von den geplanten Straßen und den vorbereiteten Szenen und gefilterten Gästen entfernen. Selbst bei ihrem Treffen mit Vertretern der Zivilgesellschaft fehlten Menschenrechtsaktivisten, Oppositionsführer und sogar unabhängige Journalisten aus den von der Regierungspartei am stärksten stigmatisierten Medien.

Wie beim besten Make-up ruiniert jedoch manchmal eine kleine Träne alles. Die Kosmetik half nur in sehr geringem Maße die Realität zu verbergen, und an dem Tag, an dem das spanische Königspaar durch Alt-Havanna spazierte, gelang es einem streunenden Hund, ihnen über den Weg zu laufen und auf das Foto von diesem Besuch zu schlüpfen. Vielleicht ist es eine Anspielung auf all die anderen, die gestorben waren, um das Bild einer Stadt zu „reinigen“, in der ein Tierschutzgesetz eine schmerzhafte Chimäre bleibt.

Zu den nationalen Aufräumarbeiten für den Besuch und die Feierlichkeiten gehörte auch die Verhaftung unbequemer Bürger, wie den Künstler Luis Manuel Otero Alcántara. Wochen zuvor waren der unabhängige Journalist Roberto Quiñones und der Oppositionsführer José Daniel Ferrer im Rahmen der alltäglichen Rechtslosigkeit inhaftiert worden, aber bisher kam es weder zu einem Eingreifen internationaler Organisationen noch zu einem hypothetischen Gnadengesuch der spanischen Krone.

Havanna ist, wie ganz Kuba, eine Abfolge von Make-ups und Masken. In der Epidermis, weit oben, befinden sich die lauten Farben des Beamtenwesens; aber unten − wenn man ein wenig kratzt – kommt das harte Grau der Realität zum Vorschein, der dunkle Schatten eines Landes, das von einem Autoritarismus ohne Nuancen dominiert wird.

              Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkung der Redaktion:
Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch publiziert und wird in diesem Blog wiedergegeben.


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

 

Journalismus heute: zwischen Ethik und Technologie

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Schließlich sind wir Geschichtenerzähler.  Unser Aufgabenbereich ist aber nicht die Fiktion, wie im Falle von Romanschreibern oder Dramaturgen, denn wir erzählen reale Geschichten. (Rafael Alejandro García)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 3. November 2019

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Vor mehr als einem Jahrzehnt überschritt ich eine schmale rote Linie und schlug einen Weg ein, von dem es, selbst wenn ich wollte, kein Zurück mehr gibt: ich wurde von einer Normalbürgerin, die die wenige Information verschlang, die ihr in die Hände fiel, zu einer Bloggerin, einer Reporterin und einer Nachrichten-Quelle, in einem Land wie Kuba mit 11 Millionen Einwohnern, die danach dürsteten zu erfahren, was innerhalb und außerhalb ihres Territoriums passiert.

 Ich habe es nicht selbst entschieden, ich nahm mir keine Minute Zeit um darüber nachzudenken; ich wog nicht einmal ab, was nach diesem Schritt kommen würde. Der Journalismus klopfte einfach an meine Tür und es kam nicht infrage, ihm nicht zu öffnen, ihn nicht einzulassen oder ihn daran zu hindern, mein Leben auf den Kopf zu stellen. Es gab so viel zu erzählen, dass es ein Akt von ziviler Apathie und tadelnswerter Gleichgültigkeit gewesen wäre, die Verantwortung nicht zu übernehmen, von meinem Land zu erzählen.

 Das waren die Jahre, als der Arabische Frühling seine ersten Erfolge feierte und die Smartphones und die sozialen Netzwerke einen glauben machten, dass ein Bildschirm, eine Tastatur und eine kurze Nachricht auf Twitter genügten, um Bewusstsein zu wecken und die Realität zu verändern. Aber es war auch der Beginn einer Periode der tiefen Krise für den Journalismus.

So kamen Jahre, in denen die Medien scheinbar ihre Richtschnur verloren hatten. Eine einzelne Person konnte mit einem Mobiltelefon in der Hand den wichtigsten Bericht über ein Ereignis abgeben.

 So kamen Jahre, in denen die Medien scheinbar ihre Richtschnur verloren hatten. Eine einzelne Person konnte mit einem Mobiltelefon in der Hand den wichtigsten Bericht über ein Ereignis abgeben. Und so kamen die Reporterteams, die Fotografen und die Redakteure zu spät zu einer Geschichte, die bereits bis zum Überdruss in Chats, Foren und bei Facebook veröffentlicht worden war.

 Es entstanden die sogenannten  „digitalen“ Medien, während die anderen zu hybriden Kreaturen wurden, fast zu Informations-Chimären. Noch heute versuchen diese ihre digitale Version aufzuwerten, indem sie auch ihre Print-Version am Leben halten wollen, die in den meisten Fällen auf einen zweiten, weniger dynamischen und unbedeutenderen Platz verbannt wurde.

 Es ist ein Jahrzehnt her, dass viele darauf setzten, dass der neue Journalismus, der aus all diesen Veränderungen entstehen sollte, jedes Mal schneller und unmittelbarer sein müsste, mit einer größeren Einbindung von audiovisuellen Elementen.

 Er sollte interaktiver, demokratischer und natürlich den sozialen Netzwerken und den neuen Verbreitungskanälen stärker zugewandt sein. Meist unterschätzte man bei dieser Gleichung den zentralen Punkt bei jeder informativen Arbeit, jenseits von Ausschmückungen und technologischen Werkzeugen, nämlich die Geschichte selbst.

 Schließlich sind wir Geschichtenerzähler. Unser Aufgabenbereich ist nicht die Fiktion, wie im Fall von Romanschreibern oder Dramaturgen, denn wir erzählen reale Geschichten, die vor einigen Minuten oder mehreren Jahrzehnten passiert sind, aber deren Kraft auf ihrer Wahrhaftigkeit beruht, mit der wir Sicherheit vermitteln. Eine gut erzählte Geschichte in einer schönen Sprache, aus verschiedenen Quellen geschöpft und sorgfältig recherchiert, bleibt das Kernstück unserer Arbeit.

Um eine Geschichte zu erzählen, genügt es nicht Glück oder Geduld zu haben, um ein Ereignis zu finden, das unserer Leserschaft würdig ist. Es genügt auch nicht, die Gerundien gut zu verwenden

 Um eine Geschichte zu erzählen, genügt es nicht Glück oder Geduld zu haben, um ein Ereignis zu finden, das unserer Leserschaft würdig ist. Es genügt auch nicht, die Gerundien gut zu verwenden und das Vokabular zu beherrschen, das aus einer Reportage, einem Zeitungsbericht oder aus der einfachsten informativen Notiz einen Genuss fürs Auge und den Intellekt macht. Nein, das reicht nicht. Es genügt auch nicht, dass der Tatbestand, über den wir etwas veröffentlichen wollen, neu und enthüllend ist.
Die Sprache und die Ethik bilden das wichtigste Bindemittel, das alle Elemente eines guten Journalismus zusammenführen sollen.

 Das erste Element ist die Beherrschung der Sprache (in unserem Fall der schönen spanischen Sprache); ein Fach, in dem niemand je völlig perfekt sein wird, aber in dem man gute Ergebnisse erreichen kann: mit Lektüre, linguistischer Neugier, um die Bedeutung und den Ursprung der Wörter zu erforschen, und dadurch, dass man importierte Wörter nicht schweigend hinnimmt. Dazu kommt der Mut Begriffe zu kombinieren und mit der Vorstellung zu brechen, dass Journalismus in einer trockenen, direkten Sprache ohne jedes „Abheben“ praktiziert werden sollte.

 Doch die Ethik,… sie ist am schwierigsten zu fassen, weil sie aus dem persönlichen Kompromiss von Objektivität und Wahrheit entsteht. Sie ergibt sich aus dem Verständnis für das rechte menschliche Maß, das ein Journalist in der Gesellschaft anwendet, und aus der Akzeptanz der Verantwortung, die wir mit jeder veröffentlichten Information übernehmen.

 Die Ethik im Pressewesen beginnt mit aufrichtig zu sein im Umgang mit dem informativen Grundstoff, gewissenhaft zu sein in der Verifizierung von Daten und sich eng an die Wirklichkeit zu halten, von der wir gerade erzählen.

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1000003_20151128rS9NGj Im Fall von autoritären Gesellschaften, wo Information weiterhin als Verrat betrachtet wird, hat die Presse nur zwei Möglichkeiten: der Staatsmacht zu applaudieren oder dazu verurteilt zu werden, in der Illegalität und mit Angriffen zu leben. Die journalistische Ethik sollte aber nicht dem Druck nachgeben, noch Selbstzensur üben. In Regimen, die allergisch auf die Informationsfreiheit reagieren, wird der Reporter zu einem Aktivisten für die Wahrheit.

 Obwohl neue Technologien die Mauer des Informations-Monopols, das Diktaturen errichten, wenigstens teilweise durchlöchert haben, haben wir in diesen Jahren begriffen, dass politische und soziale Veränderungen viel mehr brauchen als mobile Displays und Aufrufe in sozialen Netzwerken. Andererseits, die gleichen Geräte, die wir mit dem Wunsch nach Freiheit und Demokratie benutzen, werden auch von der politischen Polizei eingesetzt, um Aktivisten zu überwachen, um die unabhängige Presse zu kontrollieren und um Information abzuwerten.

 Täuschen wir uns nicht. Für „Fake-News“ und „alternative Wahrheiten“ gibt es keine effektivere Maschine als den Populismus, und es gibt kein Laboratorium, aus dem noch perfektere, noch „überzeugendere“ Falschmeldungen kämen, als aus dem inneren Kreis eines autoritären Regimes. So gesehen ist − unter den gegebenen Umständen − ein ethischer Qualitätsjournalismus lebenswichtig, in dieser unserer Zeit.

 Sehr beunruhigend ist, dass der erpresserische Umgang mit der Informationsfreiheit nicht exklusiv in autoritären Systemen vorkommt, sondern sich auch in Demokratien verbreitet. Journalistisches Tun steht heute im Fokus von zu vielen Mächten.

 In Ländern wie Mexico und Honduras kann eine Reportage dem Autor das Leben kosten, während sich in Ländern wie Kuba die Bürokratie damit brüstet, dass man auf der Insel keine Journalisten umbringt, obwohl es stimmt, dass unsere Bürokraten den Journalismus gewaltsam zu Grunde gerichtet haben, mit Drohungen, willkürlichen Verhaftungen, der Beschlagnahme von Arbeitsmitteln und dem Druck, doch ins Exil zu gehen.

 Andererseits, in Gesellschaften, in denen sich die Bürger tagtäglich in ihren Rechten verletzt sehen, wo es keine Gewaltenteilung gibt und die Gerichte zu Lehen einer Gruppe geworden sind, die die Justiz nach Gutdünken verwaltet,… in diesen Gesellschaften übernimmt eine unabhängige Presse neue Verantwortungen. (Hier lohnt es sich sie „unabhängig“ zu nennen, weil diese Regime es sich zum Ziel gesetzt haben, ihre eigene Pseudopresse zu etablieren – ein Resonanzboden für Propaganda). Eine unabhängige Presse wird zum Sprachrohr einer geknebelten Bürgerschaft, verbunden mit einem Anteil Heldentum, aber auch mit der Verpflichtung, die diese Rolle mit sich bringt.

 Und wie lassen sich nun junge Journalisten in dieses komplexe Szenario einfügen? Welche aufmunternden Worte kann ich ihnen mit auf dem Weg geben, den sie soeben beschreiten? Wenige und viele. Sie sind in einem Augenblick des Umbruchs und des Zweifels zur Presse gekommen. Sie fangen in von Schulden geplagten Redaktionen an, die unter der Zwangsvorstellung von „Erfolgsgeschichten“ leiden. Vermutlich werden viele von ihnen den Beruf in Gesellschaften ausüben, wo sie Leben, Gefängnis und Prestige riskieren, wenn sie etwas über bestimmte Themen publizieren. Es kann sogar sein, dass sie es vermeiden, sich Anderen gegenüber als Journalisten zu outen, damit man sie nicht mit altbekannten  Etiketten wie „Tintenlutscher“, „Nachrichtengeier“, „Presse-Fuzzi“ oder „Kolumnist der 5. Kolonne“ versieht.

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Unbenannt Eure frühen Morgenstunden werden anstrengend sein, nie mehr werdet ihr einen Bildschirm, die Titelseite einer Zeitung oder eine Webseite mit jener gesunden Naivität betrachten, die ihr einst hattet. Ihr werdet auch lernen, dass man sich in diesem Beruf keine Freunde macht, und dass − in dem Maße wie ihr lernt einen besseren Job zu machen − in eurer Umgebung Ablehnung und Kritik zunehmen werden. Aber dennoch, wenn ihr einer Geschichte nachspürt, werdet ihr bewegende Momente erleben, und ihr werdet den Adrenalin-Stoß spüren, wenn nur noch ein paar Sekunden und ein Klick fehlen, um eine Reportage zu veröffentlichen, an der ihr lange gearbeitet habt.

 Ihr werdet den Augenblick genießen, wenn die Publikation einer Geschichte dazu beigetragen hat, die Wirklichkeit besser zu machen, eine Ungerechtigkeit zu korrigieren, oder denen eine Stimme zu geben, die lange mundtot gemacht wurden. Es sind kurze Momente, aber sie entschädigen euch reichlich.

 Ihr werdet eure Verleger lieben und hassen, werdet auf die Verärgerung eines Lesers antworten müssen und euch auch verantwortlich fühlen für die Repressalien, die eure Quellen erleiden. Ihr werdet mehr Kaffee trinken, als ihr euch jetzt vorstellen könnt, und ihr werdet verstehen, dass es zu jedem Thema, das ihr in euren Artikeln behandelt, es immer jemand geben wird, der mehr über diese Materie weiß als ihr, der jede publizierte Zeile akribisch liest, nur um einen Fehler zu finden.

 Und wenn ihr dann glaubt, dass der Arbeitstag zu Ende gegangen ist, weil der Text, der euer Kind geworden ist, weitergeleitet,  bearbeitet und schließlich veröffentlich wurde, dann müsst ihr doch wieder zurück auf Anfang, denn es ist ein neuer Tag gekommen, mit anderen Ereignissen, von denen ihr berichten wollt, und einer unersättlichen Leserschaft, die auf euch wartet. Deswegen kann ich euch nur dies versprechen: viel Verantwortung, wenig Erholung und weniger Langeweile.

           Übersetzung: Iris Wißmüller, Dieter Schubert

Anmerkung der Übersetzer:
Dieser Text wurde im Rahmen einer Diplomvergabe für angehende Journalisten der spanischen Tageszeitung EL País verlesen.


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