Kuba -Brasilien: der Kampf der „Weißen Kittel“

MAIS-MEDICOS_CYMIMA20171019_0003_13

Die Ärzte, die sich entschlossen haben in Brasilien zu bleiben, können für acht Jahre nicht nach Kuba zurückkehren.

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana |19. November 2018

 Der Konflikt war vorhersehbar. Seit Jair Bolsano die Wahlen in Brasilien gewonnen hat, nimmt die offizielle kubanische Rhetorik an Schärfe gegen ihn zu und stimmt die öffentliche Meinung auf einen sich anbahnenden Bruch ein.

 Der Tropfen, der für den Platz der Revolution (Regierung) in Havanna das Fass zum überlaufen brachte, waren Verlautbarungen des gewählten Präsidenten, in denen er darauf hinwies, dass er die vereinbarten Rahmenbedingungen für die mehr als 3.500 kubanische Ärzte ändern werde, die im Mais Médicos Programm in Brasilien arbeiten. In der vergangenen Woche erreichte die Spannung einen Höhepunkt, als das kubanische Gesundheitsministerium ankündigte, man würde den Vertrag kündigen und die kubanischen Experten aus dem südamerikanischen Land zurückholen. Diese offizielle Mitteilung, die in allen Nachrichtensendungen verbreitet wurde, sprach davon, dass man die Drohungen von Bolsonaro nicht hinnehmen würde; man vermied aber geschickt Bolsonaros Wortlaut in vollem Umfang wiederzugeben, besonders jenen Teil, in dem der ultrarechte Führer Brasiliens darauf bestand, dass die Ärzte ihr Gehalt in vollem Umfang erhalten sollten und ihre Familien ins Land mitnehmen könnten –  in der Zeit, in der sie im Programm tätig wären.

 Die kubanische Regierung hat aus der Entsendung von medizinischem Fachpersonal ein lukratives Geschäft gemacht. Fachleute, die man in mehr als 60 Länder entsendet, bilden die wichtigste Devisenquelle für das Land. Man schätzt, dass es sich dabei jährlich um mehr als 11.000 Dollar handelt. Im Fall Brasilien steckt Havanna 75% der 3.300 Dollar, die Brasilien jedem Arzt als Gehalt bezahlt, in die eigene Tasche; die Ärzte selbst erhalten nur den vierten Teil des Betrags. Auf ein kubanisches Bankkonto, auf das sie nicht zugreifen können, überweist man ihnen ein „monatliches Gehalt“, das etwa 60 Dollar entspricht, über das sie aber nur verfügen können, wenn zurückkehren.

 Wer aus freien Stücken das Programm Mais Médicos verlässt, wird als Deserteur betrachtet und man untersagt ihm für acht Jahr die Einreise nach Kuba. In den Jahren, in denen die Arbeiterpartei (PT, Partido de los Trabajadores) regierte, wurden Ärzte, die das Programm verlassen hatten, von der Polizei gesucht und sie konnten auf die Insel zurückgeschickt werden – wenn man denn ihrer habhaft wurde. Kein Arzt durfte seine Familie mitnehmen, um während der Mission mit ihr zusammen zu sein, und oft wohnte er in dieser Zeit in einer überfüllten Herberge, zusammen mit Arztkollegen, Krankenschwestern und medizinisch-technischem Personal.

Im Fall Brasilien steckt Havanna 75% der 3.300 Dollar, die Brasilien jedem Arzt als Gehalt bezahlt, in die eigene Tasche; die Ärzte selbst erhalten nur den vierten Teil des Betrags.

 Trotz all dieser Schwierigkeiten und trotz des geringen Verdienstes waren die Auslandsmissionen sehr begehrt, weil man Waren einkaufen konnte, die es auf den Märkten der Insel nicht gab. Darüber hinaus konnte man Kontakte knüpfen, eventuell einen Arbeitsvertrag in einer Klinik erhalten und so später privat nach Brasilien zurückkehren.

Weit über die medizinische Versorgung hinaus, die die Existenz von Mais Médicos für viele Brasilianern in den Armenvierte sicherte, versteckte sich hinter dem Programm eine politische Operation der kubanischen Regierung, mit der Absicht, der PT zu helfen und ihr die Stimmen der unteren Klassen zu garantieren. Es war klar, dass diese Art von Unterstützung mit Bolsonaro nicht weitergehen würde. So gesehen war es nur eine Frage der Zeit, bis der Castrismus seine Gesundheitsexperten aus Brasilien abziehen würde. Bleibt die Frage, wie viele von ihnen jetzt zurückkommen.

Der Präsident Brasiliens hat angekündigt, dass er allen Ärzten politisches Asyl gewähren werde, wenn sie es beantragen; es ist absehbar, dass eine ansehnliche Zahl mit Freuden davon Gebrauch machen wird. Die es tun verlieren für acht Jahre das Recht in ihr Land zurückzukehren, man wird sie Verräter nennen, und ihre Familien auf der Insel wird man vermutlich unter Druck setzten. Der Kampf der „Weißen Kittel“ hat gerade erst begonnen.

Übersetzung: Dieter Schubert

 


Dieser Text wurde ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle publiziert.

Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

Advertisements

Private kontra Staat, von Neuem und Ausgedientem

restaurante-habanero-Miramar-regentado-cuentapropistas_CYMIMA20181108_0006_13

Die Hausordnung in der alten Villa in Miramar, Havanna (14ymedio)

Hausordnung (gekürzt):

    1. Jugendlichen unter 18 Jahren ist der Zutritt verboten
    2. Es wird um angemessene Kleidung gebeten
    3. Mitgebrachte Speisen und Getränke werden beschlagnahmt
    4. Keine Haustiere
    5. Fotografieren und Filmen bedürfen der Zustimmung des Hauses
    6. Wer gegen ethische Prinzipien verstößt erhält Hausverbot

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 8. November 2018

Es trennen sie hundert Meter und ein Abgrund: das Restaurant im Herrenhaus 3.Avenida, Straße 8 im Viertel Miramar, Havanna, und – ganz in der Nähe – ein Lokal, das von Selbstständigen geleitet wird, ein Paladar. Beide servieren Gerichte und sind in wunderschönen Gebäuden mit Bögen und Säulen untergebracht, aber sie unterscheiden sich so tiefgreifend, dass sie wie zwei verschiedene Welten wirken. Das erste Restaurant wird staatlich geführt, das zweite „privat“ – ein Wort, das die Behörden vermeiden.

 In dem Kuba, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, war alles in staatlicher Hand: Cafés, Pizzerien, Zeitungskioske und Bestattungsunternehmen. Die meisten dieser Einrichtungen werden weiterhin von der Regierungsebene aus geführt; es sind sozialistische Unternehmen unter wenig effizienter Leitung. Im Bereich der Gastronomie hingegen hat sich in den letzten Jahren ein bedeutender und positiver Wandel vollzogen. Dort, wo einst der Minister für Binnenhandel den Ton angab, leiten jetzt Selbstständige den Sektor.

 Auf dieser Insel leben sie derzeit zusammen: die ansässigen „Fossilien“ der sowjetischen Ära und die Geschäfte, die auch in New York, Berlin oder Madrid wettbewerbsfähig wären. Die staatlichen Dienste, die sich nicht an die neuen Anforderungen anpassen können, befinden sich Tür an Tür mit privat geführten Betrieben. Diese versuchen sich auch ohne Großhandel über Wasser zu halten, trotz höherer Steuern und trotz der Abneigung seitens der Bürokraten der kommunistischen Partei.

 Der Untergang der staatlichen Unternehmen ist mit all seiner Brutalität im Restaurant in der alten Villa spürbar, wo eine Frau vor den Toiletten mit ein paar Münzen klimpert: eine Geste, um Trinkgeld von den Gästen zu verlangen, die den Mut haben den übel riechenden kleinen Raum zu betreten, ohne Toilettenpapier, ohne Wasser. Mehr als die Hälfte aller Gerichte auf der Speisekarte können nicht bestellt werden, ein Mangel, den die Bedienung mit der Begründung rechtfertigt, dass noch keine neuen Lieferungen von Geflügel und Pizza angekommen seien. Es gibt keine Servietten auf den Tischen und in der Küche stehen fünf überflüssige Angestellte, die mit gelangweiltem Gesicht dahinvegetieren und sich lauthals unterhalten.

Der Übergang von dem Kuba von gestern in das Kuba von morgen gleicht einem Weg von einem gescheiterten Modell hin zu einem anderen möglichen und ersehnten.

 Im Innenhof des Herrenhauses mit seinen Palmen und Baumfarnen steht ein Metallcontainer, der einen Lagerraum ersetzt. Die Pflanzen in den Beeten wirken vernachlässigt. Auf dem Zettel an einer Tür steht, dass in einem Raum im Obergeschoss Videos gezeigt werden, aber keine Filme. Auf den Tischdecken im Restaurant sieht man hier und da Flecken von Essensresten und im Fernsehen über den Tischen läuft ein Horrorfilm mit ausgeweideten Menschen, während die Stammgäste ihre Zähne in einem Hamburger versenken.

 Wenn die Gäste glauben es könne nicht schlimmer werden, veranstalten die Verantwortlichen ein „Blitzmeeting“ mit den Köchen und Angestellten, die dann die Arbeit einstellen, was einen Stau an der Theke bewirkt. Einige der Gäste beschließen – aufgrund der langen Wartezeit und der kleinen und faden Gerichte – die Straße zu überqueren und in den Paladar zu gehen, der spanische Tapas anbietet. Der Übergang von dem Kuba von gestern in das Kuba von morgen gleicht einem Weg von einem gescheiterten Modell hin zu einem anderen möglichen und ersehnten.

 “Wir haben alles was auf der Karte steht vorrätig“, sagt der Kellner stolz zu den ungläubigen Gästen, die aus dem staatlichen Restaurant geflohen sind. Keiner kann wirklich erklären, wie sie die regelmäßigen Lieferungen von Schweinefleisch, Rind und Fisch sicherstellen können, in einem Land, in dem sich im vergangenen Jahr die Unterversorgung weiter verschärft hat. Allerdings wissen alle, dass in den Koffern unzähliger Reisender ein Teil der Zutaten transportiert wird und weitere auf dem Schwarzmarkt beschafft werden. „Möchten sie die Paella mit Meeresfrüchten, Kaninchen oder Gemüse?”, fragt der Angestellte. Zwei Touristen fotografieren sich gegenseitig vor einem Plakat mit Kampfstieren; ein anderer wagt es ein veganes Gericht zu bestellen, das innerhalb von wenigen Minuten an seinen Tisch gebracht wird: abwechslungsreich und ohne eine Spur von tierischem Eiweiß.

 Ich befürchte, dass das Restaurant in der alten Villa noch viele Jahre vor sich hat, mit seiner schlechten Küche, dem schrecklichen Service und den geschmacklosen Gerichten. Ich weiß aber nicht, ob das Paladar in der Nähe überleben wird, da es die gigantische Nutzlosigkeit des ganzen Systems deutlich gemacht hat. Das kommt teuer zu stehen.

         Übersetzung: Lena Hartwig


Dieser Text wurde ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle publiziert.

Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

Bolsonaro und der Schatten von Lula

celebrara-previsiblemente-Haddad-Bolsonaro-favorable_CYMIMA20181003_0004_13

In der Stichwahl hat Haddad für die Korruption bezahlt, die mit dem Namen Lula verbunden ist; Lula war sein Mentor. Davon profitierte Bolsonaro. (14ymedio)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ |La Habana | 26. Oktober 2018

Alles ist so eigetreten, wie es die Umfragen vorhergesagt haben; der ultrarechte Jair Bolzonaro ist triumphal aus dem zweiten Wahlgang der brasilianischen Präsidentschaftswahlen hervorgegangen.

Dieser Sieg ist nicht nur auf den Überdruss von Teilen der brasilianischen Bevölkerung zurückzuführen, angesichts von Korruption und Ineffizienz der politischen Klasse, sondern auch wegen der Nähe des Kandidaten Fernando Haddad zu Luiz Inácio Lula da Silva, die zu einem Ballast für ihn wurde.

Während sich Bolsonaro über alle beschwerte, einen Feldzug gegen jedermann führte und dann bei seinen Reden ein paar Grad herunter drehte, fühlte sich Fernando Haddad in Treue mit Lula verbunden, der ihm wie ein Klotz am Bein hing. Die Irrtümer, für die der inhaftierte Ex-Präsident und auch Dilma Russeff verantwortlich waren, folgten dem Kandidaten der Arbeiterpartei (PT; Partido de los Trabajadores) wie sein Schatten.

Haddad, gefangen in der Nähe zu seinem Mentor, konnte die frühere Amtsführung der PT nicht kritisieren und somit auch keinen radikalen Wechsel versprechen. Ebenso wenig konnte er sich von der Person lossagen, die ihm den Weg zu den Präsidentschaftswahlen geebnet hatte.

Vor der Wahl hat Bolzonaro, der Sympathisant der Militärdiktatur, eine kleine Wendung in Richtung Mitte gemacht, um Ängste zu zerstreuen und um mehr Wähler aus jenen Bevölkerungsschichten für sich zu gewinnen, die es bis vor kurzem noch ablehnten, seinen Namen auf dem Stimmzettel anzukreuzen. Seine Reihen wuchsen jeden Tag mit Leuten, die die PT nicht mehr wollten und entschlossen waren, die Regierungsführung einer Gruppe an den Urnen abzustrafen, weil die anfangs eine neue Politik versprochen hatte und im Sumpf von Korruption, Vetternwirtschaft, Vorteilsgewährung und ideologischen Rowdytum endete.

Haddad, gefangen in der Nähe zu seinem Mentor, konnte die frühere Amtsführung der PT nicht kritisieren und somit auch keinen radikalen Wechsel versprechen. Ebenso wenig konnte er sich von der Person lossagen, die ihm den Weg zu den Präsidentschaftswahlen geebnet hatte. Die Strippen, an denen er hing, wurden zu offensichtlich im Gefängnis von Curitiba gezogen, und der Verdacht, dass ein Haddad auf dem Präsidentenstuhl per Dekret Lula da Silva amnestieren und in Freiheit setzen könnte, hat viele davon abgehalten ihn zu unterstützen.

Brasilien hat nicht nur einen neuen Präsidenten gewählt. Mit der Wahl von Bolsonaro versetzten die Bürger der zu autoritären Linken einen verheerenden Schlag, die in vielen Ländern Lateinamerikas vor zwei Jahrzehnten mit dem Aufstieg in höchste Regierungsämter begonnen hatte. Die Epoche, in der Lula auf einem Foto mit der Familie Cristina Fernández de Kirchner posierte, mit Hugo Chavez, Evo Morales Daniel Ortega, Rafael Correa und vielen anderen, diese Epoche erhielt an den Urnen des südamerikanischen Riesen den Todesstoß.

Bei einem so unkalkulierbaren und extremistischen Mann im Präsidentenamt, werden die Analysten nicht aufhören Alarmsignale zu senden.

Die große Frage ist, was jetzt kommt, wenn die „Abstrafung“ Geschichte ist und zum Untergang der PT geführt hat. Wird Bolsonaro sein Verhalten mäßigen können und ein Präsident für alle Brasilianer sein? Wird er Ablehnung und Dogmatismus aus seinen Reden verbannen, um zu vermeiden, dass sich die brasilianische Gesellschaft noch mehr polarisiert? Wird es ihm gelingen, die Arbeitslosigkeit zu verringern und das Land zu seiner früheren wirtschaftlichen Stärke zurückzuführen? Wird sein Mandat dazu beitragen, neue Bündnisse in Lateinamerika zu schließen, bei denen das Wohl der Bürger im Vordergrund steht und nicht Ideologien?

Die Antwort auf alle diese Fragen ist die große Unbekannte. Bei einem so unkalkulierbaren und extremistischen Mann im Präsidentenamt, werden die Analysten nicht aufhören Alarmsignale zu senden. Was immer auch passiert, ein Gutteil der Verantwortung fällt auf die Schultern von Lula.

              Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle publiziert.

 


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

Pöbel bei den Vereinten Nationen

espectaculo-delegacion-Naciones-Unidas-CubaONU_CYMIMA20181017_0005_13

Die kubanische Delegation bei der UNO sabotierte die Kampagne der Vereinigten Staaten zugunsten der politischen Gefangenen auf der Insel. (CubaONU)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana| 17. Oktober 2018

Anfangs mag folgende Szene vielleicht sogar nett erscheinen: eine Klassenkameradin aus der Grundschule, die beim Schreien wild mit den Armen rudert. Dann kommt die Grobheit im Gesichtsausdruck, bevor die Verkäuferin mit verzogenem Mund sagt: „Mädchen, aber warum hast du das aus dem Regal genommen, wenn wir den Artikel noch nicht mit dem Preis ausgezeichnet haben?“ Ebenso das Militär, das in der „Avenida de la Independencia“ Übungen veranstaltet, singt eine Parole, die mit dem vulgären Ausspruch „y nos roncan los cojones“ endet.

So sind mehrere Generationen von Kubanern mit der Idee aufgewachsen, dass Schreien, schlechte Worte verwenden, Andere beleidigen, verspotten und nicht sprechen lassen uns mutig, überlegen und wie „Machos“ aussehen lässt. Dazu hat zweifellos das beigetragen, was man „revolutionäre Pöbelei“ nennen kann; diese Unverschämtheit im Sprachgebrauch und in den Umgangsformen, die uns proletarischer und ärmlicher machen musste.

Innerhalb des Kodexes der sozialistischen Moral und kubanischer Grobheit wird es akzeptiert und als gut angesehen die Stimmbänder in voller Lautstärke zu benutzen, um sich in einer Diskussion durchzusetzen. Wenn noch dazu derjenige, der am lautesten brüllt einige Schimpfwörter im Zusammenhang mit den männlichen Geschlechtsorganen einbringt, wird er als Gewinner der Debatte gelobt und dafür gehuldigt, ein echter Kubaner zu sein.

Allerdings ist es einer der größten Fehler, die dieses System uns eingeflößt hat, Vulgarität mit Demut in Verbindung zu bringen. Meine Großmutter lebte ihr ganzes Leben lang in Cayo Hueso, im Zentrum von La Habana, und ich erinnere mich nicht daran, von ihr jemals ein schlechtes Wort gehört zu haben. Ich kenne unzählige Beispiele von Menschen, die nur einmal am Tag essen und ihren Kindern immer wieder Maximen wie „arm aber ehrlich“, „arm aber sauber“, „arm aber anständig“ wiederholen.

Bei mehreren Gelegenheiten musste ich das traurige Schauspiel von „Verstoβungsaktionen“ über mich ergehen lassen, bei denen ich mit wütenden Gesten und Beschimpfungen niedergeschrien wurde.

Bei mehreren Gelegenheiten musste ich das traurige Schauspiel von „Verstoβungsaktionen“ über mich ergehen lassen, bei denen ich mit wütenden Gesten und Beschimpfungen niedergeschrien wurde. Diese Situation als Individuum zu erleben ist eine Sache, die jeder auf seine Weise handhabt (ich habe viel über jene gelacht; das gebe ich zu); aber eine andere Sache ist, den Namen des Landes, in dem man lebt, mit solch rüpelhaften Verhaltensweisen verbunden zu sehen.

Ich schäme mit weiterhin für das bedauerliche Schauspiel der kubanischen Delegation bei den Vereinten Nationen. Ich weiß, dass die Delegation nicht alle Kubaner vertritt – nicht einmal die Mehrheit – aber ich kann nicht umhin daran zu denken, dass für die Anwesenden in diesem Raum und für alle jene, die die Schreie und die Schläge auf die Tische hörten und die von Zorn verzerrten Gesichter dieses „Stoßtrupps“ sahen, das das „Kuba“ ist.

Ich möchte mich für sie entschuldigen, auch wenn ich keine Spur von Verantwortung für das Geschehene habe. Ich missbillige solche Praktiken und auch das Verhalten der Regierung, die sie veranlasst hat. Ich muss mich jedoch entschuldigen, weil wir es zugelassen haben, dass diese Insel in den Händen von Menschen bleibt, die nicht die moralische Überlegenheit oder den Anstand haben, uns zu vertreten.

                Übersetzung: Berte Fleißig

 


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

Auf Kuba wird Zucker aus Frankreich importiert

septiembre-distribuido-racionado-proviene-Francia_CYMIMA20180923_0001_17

Der Zucker, den man im Monat September im „Basiskorb“ verteilt hat, stammt aus Frankreich. (14ymedio))

14ymedio bigger

 M. HERNÁNDEZ | GENERACIÓN Y | 23. September 2018

Der Zucker, der im Monat September über die staatliche Nahrungsmittelversorgung verteilt wurde, kommt nicht von kubanischen Feldern sondern wurde aus dem fernen Frankreich importiert. Das schlechte Ergebnis der letzten Zuckerrohrernte zwang die Regierung dazu ein Produkt zu importieren, das bis vor kurzem noch symbolisch für unser Land stand.

Eingepackt in makellosen weißen Säcken sorgt der Zucker, der nun in die kubanischen Lebensmittelgeschäfte gekommen ist, durch seine Qualität und Reinheit für Zufriedenheit unter den Verbrauchern. “Er ist feinkörnig, trocken und weist keinerlei Unreinheiten auf”, so beschreibt Norberto, ein Ladenbesitzer des Stadtviertels „La Timba“ in der Nähe der Plaza de la Revolución das Produkt.

“Wir hatten bereits Zucker aus Brasilien, aber es ist das erste Mal, dass wir ihn aus Frankreich erhalten haben”, fügt der Staatsangestellte hinzu. Diese Information wurde unserer Tageszeitung auch von einem Mitarbeiter der Azcuba, der Dachorganisation der Zuckerindustrie bestätigt, der es vorzieht anonym zu bleiben. “Wir mussten französischen Zucker kaufen, da der Großteil der heimischen Ernte bereits internationalen Käufern zugesagt wurde”, hebt er hervor.

Kuba weist einen erhöhten Zuckerkonsum auf und es werden jährlich 700.000 Tonnen benötigt, um die Nachfrage des staatlichen Versorgungsnetzes, der lokalen Industrie und der selbstständigen Wirtschaft zu decken. Die Insel hat ein Handelsabkommen mit China, das 400.000 Tonnen jährlich umfasst, aber dieses Jahr konnte die Produktion nicht den Eigenbedarf und den Export abdecken.

Zafra-azucarera-cubana-2015-16-incumple-plan-y-decrece-respecto-a-la-anterior

Zuckerrohrernte auf Kuba

Bei der Zuckerrohrernte 2017−2018 produzierte die Insel etwas mehr als eine Million Tonnen Rohzucker, weit entfernt von den 1,6 Millionen Tonnen, die sich die Leitung dieses Sektors vorgenommen hatte. “Dies machte es unmöglich das Planziel einzuhalten“, erklärt Julio García, Präsident der Azcuba.

Die kubanische Zuckerindustrie war jahrzehntelang das Flaggschiff der kubanischen Wirtschaft und stand auch im Export an erster Stelle. Im Jahr 1991, kurz bevor der Zusammenbruch der Sowjetunion die kubanische Wirtschaft ruinierte und insbesondere diesem Sektor schadete, wurden noch 8 Millionen Tonnen Zucker produziert.

Aktuell ist das einstige Zugpferd der Insel ein Nachzügler, weit abgeschlagen hinter dem Tourismus, den Überweisungen aus dem Ausland und dem Verkauf von Dienstleistungen, besonders im Gesundheitsbereich.

Auf Befehl von Fidel Castro hin begann man im Jahr 2002 mit dem Abbau von dutzenden von Standorten, mit der Erklärung, dass die stark sinkenden Weltmarktpreise des Produktes diese Industrie untragbar machten. Im Jahr 2011 wurde das Zuckerministerium aufgelöst und seine Aufgaben von der Azcuba übernommen.

15 Jahre nach diesem radikalen Umbau sind 64% der Standorte weiterhin geschlossen; den Arbeitnehmern wurden andere Stellen zugeteilt und auf dem Großteil der Zuckerrohrfelder werden andere Produkte angebaut.

In der vorangegangen Ernte wurde nur noch an 54 Standorten Zuckerrohr gemahlen und auch der Regen beeinträchtigte die Ernte. Diese musste aufgrund der starken Niederschläge im Frühjahr eher als geplant beendet werden, da das schlechte Wetter den Schnitt des Zuckerrohrs erschwerte und das Produkt auch schneller verdarb.

             Übersetzung: Anja Seelmann

 


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

Die Geschichte von einem Pfusch

sagaces-conductora-siquiera-ubicada-concurrida_CYMIMA20180911_0004_16

Kluge Zeitgenossen forschen nach, warum derselbe Rohrabschnitt der Wasserleitung immer wieder bricht, obwohl er nicht in einer viel befahrenen Straße liegt. (14ymedio)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 11. September 2018

Die Nachbarn, die an dem großen Loch vorübergehen, kratzen sich verwirrt am Kopf, da sie das Gefühl haben ein Déjà-vu zu erleben. An Gründen für diese Verwunderung mangelt es nicht, da der Wasserrohrbruch, der zur Sperrung der Conill Straße führte, in weniger als drei Jahren vier Mal repariert wurde.

Das jetzige Loch entstand durch das Unternehmen Aguas de La Habana, das für die Trinkwasserversorgung, die Instandhaltung der Kanalisation und für Arbeiten an Ab- oder Regenwasserrohren in der Hauptstadt zuständig ist. Ein Großteil des Spotts und der üblichen Beschimpfungen richten sich an dieses Unternehmen, aufgrund der offensichtlichen Unfähigkeit das Loch qualitativ hochwertig und auf Dauer zu schließen.

Das jetzige Loch entstand durch das Unternehmen Aguas de La Habana, das für die Trinkwasserversorgung, die Instandhaltung der Kanalisation und für Arbeiten an Ab- oder Regenwasserrohren in der Hauptstadt zuständig ist

Mit einem Bagger und einer Langsamkeit, die einen verzweifeln lässt, haben die Arbeiter in der Conill Straße ein defektes Rohr hinterlassen, das aufgrund der anhaltenden Reparaturen inzwischen zum Stadtbild von Nuevo Vedado gehört, mit seinen vielen hohen Gebäuden aus der Zeit der sowjetischen Subventionen. Die kaputte Leitung ist zu einer bekannten „Persönlichkeit“ geworden, ein unerwünschter „Nachbar“, der uns immer wieder mit einem Leck an seine Präsenz erinnert.

„Das Rohr wurde beschädigt“, wiederholt der Bauleiter diese Woche wenig enthusiastisch, immer, wenn ein besorgter Anwohner ihn wegen der Reparaturen fragt, die die Wasserversorgung für mehrere Häuserblöcke in der Umgebung beeinträchtigt. Die Cleversten hinterfragen, weshalb immer wieder derselbe Abschnitt der Rohrleitung defekt ist, immerhin befinde man sich nicht einmal in einer von schweren Fahrzeugen befahrenen Straße, aber der Mann vermeidet es zu antworten.

Um die wiederkehrenden Reparaturarbeiten zu verstehen, muss man wissen, dass bei den meisten öffentlichen Bauarbeiten auf Kuba gepfuscht wird. „Jedes Mal, wenn sie es reparieren, verstärken sie nicht ausreichend den Bereich zwischen Rohr und Asphalt. Deshalb wird die Stelle letztendlich durch die darüberfahrenden Autos beschädigt“, versichert ein Nachbar, der weder Ingenieurwesen studiert noch je eine Reparaturbrigade geleitet hat, der aber sein Viertel gut kennt.

Andere waren indirekt Komplizen bei der mangelhaften Erneuerung des Rohrabschnitts. „Letztes Mal stahlen sie einen Teil der Materialien, und einer asphaltierte sogar die Einfahrt zu seiner Garage mit dem Diebesgut von der Baustelle“, erzählt ein anderer Anwohner. „Sie füllten das Loch mehr schlecht als recht auf und zwei Wochen später war ein neues da“, bemerkt er.

„Wir haben schon vier Mal für diese Reparatur bezahlt“, meint ein Nachbar, der als Selbstständiger wenige Meter entfernt Pizza verkauft. „Und ich sage euch, wir haben dafür bezahlt, weil es von unseren Steuern abgeht.“

Das Schlagloch in der Straße war anfangs eine leichte Unebenheit, aber es verwandelte sich im Laufe der Monate in ein gefährliches Loch. Die Fahrzeuge des nahegelegenen Landwirtschaftsministeriums mussten einen Umweg fahren und nach Niederschlägen war es tagelang mit Wasser gefüllt. Letztendlich wiederholte sich die Geschichte und das Rohr darunter begann nachzugeben.

„Wir haben schon vier Mal für diese Reparatur bezahlt“, meint ein Nachbar, der als Selbstständiger wenige Meter entfernt Pizza verkauft. „Und ich sage euch, wir haben dafür bezahlt, weil es von unseren Steuern abgeht und die sind ziemlich hoch“. Der besorgte Steuerzahler geht jeden Morgen an dem Loch vorüber und fragt sich, ob es ein fünftes Mal geben wird. „Ist das ein Fluch?“, wundert er sich. Aber Aguas de La Habana hat keine Antwort darauf.

                     Übersetzung: Lena Hartwig


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

 

Der Ansturm der Venezolaner setzt Lateinamerika schachmatt

Cientos-Cucuta-transportando-coterraneos-Venezuela_CYMIMA20180207_0009_13

In den Straßen von Cucuta verdienen sich hunderte von Venezolanern den Lebensunterhalt mit dem Transport von Koffern anderer Emigranten, die wie sie geflohen sind. (14ymedio)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | Bogota / La Habana / 6.September 2018

Neben mir schluchzt eine Frau mit zwei kleinen Kindern, wobei sie an ihr Caracas denkt. In Bogotá, im Büro für Immigration und Einbürgerung, hört man überall den venezolanischen Akzent; viele Flüchtlinge sind aus dem Nachbarland gekommen, fast nur mit dem was sie am Leib tragen, und was sie durchgemacht haben sieht man an ihren Gesichtern.

An einer anderen Stelle der kolumbianischen Hauptstadt, nahe am Platz Bolívar, verkauft ein junger Mann billige Maisfladen; sein Wägelchen hat er mit den acht Sternen der kolumbianischen Fahne geschmückt. Er erzählt mir, dass er seine zwei Kinder auf der anderen Seite der Grenze zurückgelassen habe, und dass er hofft etwas Geld zu verdienen, um seine Familie „in einem sicheren Land“ wieder vereinen zu können.

Ein paar Meter weiter steht ein anderer Mann als lebende Statue von Simón Bolívar, mit seiner streng zugeknöpften Uniformjacke, dem traurigen Blick und einem Degen in der Hand. Die Skulptur atmet unter dem Nieselregen der Stadt und sie scheint den tiefen Fall einer Nation zu symbolisieren. Es fing mit den anarchistischen Gipfeltreffen*) an, es folgten populistische Irrwege und jetzt steht die Nation am Abgrund der Diaspora.

Fast überall in Kolumbien findet man jetzt Flüchtlinge, die vor Nicolás Maduros Regime geflohen sind. Es ist ähnlich dem, was sich auch in Ecuador, Brasilien oder Peru ereignet, obwohl es Flüchtlinge auch bis nach Chile oder Uruguay schaffen. Und dann gibt es die, die mit einem Sprung über den Atlantik nach Europa geflohen sind, oder jene, denen es gelungen ist, das Territorium der Vereinigten Staaten zu erreichen.

Zurück ließen sie ihr Haus, ihr Stadtviertel und ihre Freunde. Sie bilden das jüngste Kapitel im lateinamerikanischen Exodus, aber dieses Mal sind es vor allem Bürger eines Landes, denen die Exekutive vor kaum ein paar Jahren eine Zukunft mit Chancen für alle versprochen hat. Sie fliehen vor dem Zusammenbruch eines Systems und legen eine Distanz zwischen ihren Körpern und ihren zerronnenen Träumen.

Nur ganz allmählich werden Zahlen zu diesem Exodus bekannt. Offiziellen Daten zufolge lebten Ende August etwa 900 000 Venezolaner in Kolumbien, aber ihre genaue Zahl ist vermutlich wesentlich höher. Man sieht sie an Straßenecken, an Verkehrsampeln**), in der Nähe von Märkten. Sie haben den verlorenen Blick von Menschen, die sich in der neuen Umgebung zurechtfinden wollen, aber man sieht ihnen auch die Erleichterung an, dass sie fliehen konnten.

Ciudadanos-Peru-Ecuador-EFE-Archivo_CYMIMA20180825_0004_13

Venezolaner in einem Autobus auf der Fahrt durch Ecuador in Richtung peruanische Grenze. (EFE)

Die Behörden der aufnehmenden Länder sind oft ratlos. In den meisten hat Auswanderung eine lange Tradition, jetzt werden sie mit der Herausforderung konfrontiert ihre Nachbarn aufzunehmen. Die offizielle Antwort der Institutionen ist oft dumm und zudem wenig gastfreundlich. Der Exodus hat in einigen Gemeinden bereits fremdenfeindliche Züge angenommen.

Eine so sehr miteinander verwandte Region auf unserem Planeten, in der die Mehrzahl der Länder eine gemeinsame Sprache und ähnliche Gewohnheiten haben, schafft es nicht, sich politisch zusammenzuraufen, um das Flüchtlingsdrama zu lindern. Die Erteilung einer Arbeitserlaubnis, eine Krankenversicherung, der Zugang zu Schulbildung für venezolanische Kinder und die gegenseitige Anerkennung von Berufsabschlüssen erfolgt in jedem Gastgeberland unterschiedlich und eine gemeinsame Linie ist nicht erkennbar.

Der Kontinent , in dem sich vor wenigen Jahren die Vorkämpfern für den Sozialismus des 21.Jahrhunderts die Hände schüttelten und ein gemeinsames Lateinamerika für alle verkündeten…, diesem Kontinent gelingt es jetzt nicht, dieser humanitären Krise mit richtigen und menschenfreundlichen Maßnahmen zu begegnen. Territoriale Konflikte und die Unfähigkeit zusammenzuarbeiten machen den venezolanischen Exodus noch schwieriger.

Kurios ist, dass die Flüchtenden Kuba außen vor lassen. Auf ihren Landkarten ist die Insel keine Destination. Einerseits, weil es nicht empfehlenswert ist, vor einem Übel in ein Land zu fliehen, das die Einführung eines politischen System befördert hat, vor dem man gerade flieht. Anderseits, weil es ein falsches Bilds von Kuba als solidarisches Land gibt, denn die kubanische Gesetzgebung ist eine der restriktivsten, wenn es darum geht Flüchtlinge aufzunehmen oder eine Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen.

Aber ein Drama erleben nicht nur die, die ihr Land verlassen haben, sondern auch die, die geblieben sind. Für das südamerikanische Land bedeutet die massive Auswanderung von Bürgern eine beschleunigte Abwanderung von Kapital, was wirtschaftlich einen  sehr  negativen  Saldo als Folge hat, der nur schwer wieder auszugleichen sein wird. Eine kaputte Infrastruktur kann man reparieren, das Kapital kann zurückkommen, aber der Effekt einer Massenauswanderung ist irreversibel.

Es gehen nämlich die Mutigsten, die gut Ausgebildeten und vermutlich die am wenigsten Angepassten. Genauso, wie es sich auf Kuba ereignet, lässt die ständige Flucht von Bürgern eine träge Bevölkerung und ein leicht zu regierendes Land zurück. Wir, die wir bleiben, müssen uns an Abschied und Abwesenheit gewöhnen. Wenige von denen, die fortgegangen sind, werden wieder zurückkehren.

„Wenn’s dir nicht passt, geh weg!“, haben treue Anhänger der kubanischen Regierung jahrzehntelang wiederholt; jetzt übernimmt auch Nicolás Maduro diese menschenverachtenden Haltung und schmäht die Flüchtlinge, dass sie gerade „Kloschüsseln in Miami putzen“. Für beide Regime ist Exil eine Sache für Schwächlinge und Egoisten.

In beiden Ländern sind offizielle Verlautbarungen dazu übergegangen, die Fluchtbewegung zu bestreiten. Sie beschimpfen die Fliehenden mit verunglimpfenden Adjektiven, oder sie machen Dritte für die anhaltende Flucht von Bürgern verantwortlich. Beide, Caracas wie Havanna, lehnen es ab sich um ihre im Exil lebenden Bürger zu kümmern; sie betrachten sie nur als potentielle Absender von Überweisungen, nicht aber als Bürger mit Rechten.

Eine massive Auswanderung ist ein Aderlass, der jedes davon betroffene Land schwächt. Jeder Venezolaner, der jetzt durch die Straßen von Bogotá, Quito oder Rio de Janeiro läuft, sucht eine Perspektive für sein Leben, die ihm in seinem Heimatland abhanden gekommen ist.

                  Übersetzung: Dieter Schubert

 

Anmerkungen des Übersetzers:
*) Die Anarchistische Bewegung in Venezuela (Movimiento Libertario de Venezuela) wurde im August 2015 von jungen Leuten ins Leben gerufen, die dem hegemonialen öffentlichen Kulturbetrieb im Land die Stirn bieten wollten.
**) Der Übersetzer erinnert sich: Ein Auto stoppt vor einer roten Ampel; mehrere junge Leute springen vor den Wagen und säubern die Frontscheibe; sie hoffen auf ein paar Münzen als Belohnung.


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.