Nicolás Maduro klammert sich an die Macht, ohne Rücksicht auf das Land

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In der zweiten Nacht mit Protesten, in diesem von Krisen geschüttelten Januar, legten die Demonstranten in San Felix Feuer an eine Statue von Hugo Chávez. (Efecto Cocuyo)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 26. Januar 2019

Wenn Populisten irgendetwas eint, außer daran zu glauben, dass sie eine ganze Nation verkörpern, dann ist es ihr Unvermögen von der Macht zu lassen, wenn ihre Projekte an ihr Ende gekommen sind. Die Entscheidung sich ans Staatsruder zu klammern, koste es was es wolle, teilt Nicolás Maduro mit zahlreichen Führern Lateinamerikas, allerdings ist er das jüngste und dramatischte Beispiel.

Abgelehnt von vielen Venezolanern, verschrien als Diktator von einer ansehnlichen Zahl von Regierungen und offensichtlich unfähig, sein Land aus dem wirtschaftlichen Sumpf zu ziehen, will der Nachfolger von Hugo Chávez die Zeichen der Zeit nicht wahrhaben. Maduro klebt an der Macht, mehr darauf bedacht eine militärische Führungsspitze zu retten, als sich um das Wohlergehen von mehr als 30 Millionen Menschen zu kümmern.

Wenn er auf dem Präsidentenstuhl bliebe, glaubt er, würden sich die Venezolaner letztlich beruhigen, und Ermüdungserscheinungen, verbunden mit repressiven Maßnahmen, würden die öffentlichen Protestaktionen abklingen lassen, die in den letzten Tagen das südamerikanische Land erschüttert haben. Maduro setzt alles auf eine Karte, weil er nicht akzeptieren will, dass seine Zeit abgelaufen ist. Er will allen die Zähne zeigen, die ihm zureden auf das Amt zu verzichten, freie Wahlen auszurufen oder ins Exil zu gehen.

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Der Druck der Straße wurde überwältigend und hat Juan Guaidó veranlasst, sich zum Interims-Präsidenten auszurufen. (EFE)

Maduro klammert sich zum Teil an den Präsidentenstuhl, um ein zu erwartendes juristisches Verfahren von sich abzuwenden, weil er eines der reichsten Länder der Welt ausplündert, hunderttausende von Venezolanern ins Exil getrieben hat und anordnete, dass die Streitkräfte ihre Waffen gegen die Bevölkerung richten sollten. Weil er aber versucht, das Urteil der Bürger auf später zu verschieben, lässt Maduro den Chavismus hinter sich, ohne jede Möglichkeit dem Urteil der Geschichte zu entgehen.

Jeden Tag, den er länger auf dem Posten des Staatschefs bleibt, den er sich mit Wahlen voller Unregelmäßigkeiten widerrechtlich angeeignet hat, zerstört er das, was als Erbe seines Vorgängers im kollektiven Gedächtnis hätte bleiben können. Weder Oppositionelle noch die rechtslastigen Regierungen der Region waren so effektiv darin, den Mythos Hugo Cháves zu demontieren, wie Maduro.

Nicht ohne Grund, schon in der zweiten Protestnacht dieses von Krisen geschüttelten Januars, legten die Demonstranten in San Félix Feuer an die Statue des Kommandanten eines Fallschirmjäger-Bataillons. Die Flammen richteten sich vor allem gegen den Mythos um Hugo Cháves, der am Ende des vergangenen Jahrhunderts die ersten Gitterstäbe in den Käfig einzog, den Maduro heute geschlossen halten will.

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Am vergangenen Donnerstag stellte Juan Guaidó an der Zentraluniversität in Caracas seinen Wirtschaft-und Sozialplan, der das Land aus der Krise führen soll. (@jguaido)

Indem der junge Politiker Juan Guaidó sich selbst zum Interims-Präsidenten ausrief, hat er dem Thema Venezuela nicht nur zu internationaler Aufmerksamkeit verholfen, sondern auch alle jene vor einen Spiegel gestellt, die die Extravaganzen von Chávez unterstützt haben, der bei seinen Reden auch sang und sich für eine Reinkarnation von Simón Bolívar hielt. Nicht wenige seiner glühenden Anhänger haben sich in diesen Tagen beeilt, ein verspätetes mea culpa anzustimmen.

Heute ist Nicolás Maduro der wichtigste Totengräber des Chavismus und er betreibt die effektivste Demontage eines Systems, das anfangs den Applaus von Millionen von Anhängern hervorrief − wo auch immer auf unserem Planeten.

Dennoch handelt es sich um das Begräbnis einer Ideologie. Jeden Tag, an dem der venezolanische Regierungschef weiter im Amt bleibt, wird sich die Tragödie des Landes vertiefen. Bis zum vergangenen Freitag hat die venezolanische NGO Beobachtungsstelle für soziale Konfliktsituationen (Observatorio Venezolano de Conflictividad Social) insgesamt 26 Personen benannt, die bei Protesten gegen Maduro ums Leben gekommen sind. Die Wirtschaft des Landes ist gelähmt, und über die Grenzen fliehen jeden Tag weiterhin viele tausend Bürger.

Wegen der Sturheit einer Handvoll Boliburgueses*)  hat sich Unsicherheit darüber verbreitet, wohin das Land treibt und das Phantom eines Blutbads wiederbelebt. Das Verhalten der militärischen Führung hat diesem blutigen Szenario „Rückhalt“ verschafft, weil alle Populisten es vorziehen, ein Land bei ihrem Fall mitzureißen – das Land, das sie ursprünglich vorgaben zu repräsentieren, ehe sie ihr Scheitern bemerkten.

Es steht der internationalen Gemeinschaft zu dafür zu sorgen, dass in diesem historischen Abgrund, in den Maduro gerade stürzt, auch Platz für die Kamarilla ist, die Venezuela regiert − und auch für den autoritären Chavismus, der ihr den Aufstieg ermöglichte.

             Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkungen des Übersetzers:
*) Venezuela heißt offiziell República Bolivariana de Venezuela. Bolibuguesía, ein Neuwort, das sich aus bolivariano und Burguesía (Bürgertum) zusammensetzt. Damit bezeichnet man Unternehmer, Funktionäre und Beamte, die mit dem Ex-Präsidenten Hugo Chavez zu ihrem Vorteil zusammenarbeiteten. (Wikipedia)


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First Ladies: Ein ungenutztes Potenzial in Lateinamerika

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Nach diesem langen Zeitraum, in dem die Führung des Landes Haare auf der Brust hatte und Röcke nur im Hintergrund standen, zeigt sich nun eine Frau, die den Präsidenten bei der Hand nimmt und ihn zu seinen internationalen Terminen begleitet. Das Problem dabei ist aber, dass sie selbst nichts sagt. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 27. November 2018

In Zeiten, in denen man so oft über feministische Forderungen und Kampagnen im #MeToo Stil spricht und in denen die Darstellung der Frau in den Medien diskutiert wird, lohnt es sich, die Figur der First Lady in mehreren lateinamerikanischen Regierungen einmal näher zu betrachten.

 Im Gegensatz zu manchen europäischen Ländern und einigen Momenten in der amerikanischen Geschichte, haben die First Ladies in diesem Teil der Welt, der vom Rio Bravo bis hin zu Patagonien führt, selten ihren Einfluss und ihre Medienpräsenz genutzt, um moderne Ansichten mit dem weiblichen Publikum zu teilen. Sie waren viel eher „Zierpüppchen“, die den jeweiligen Staatschef zu seinen Reden, offiziellen Unterschriften und Staatbesuchen begleiteten. Dabei waren sie immer weit davon entfernt wie jemand aufzutreten, der seine eigene Stimme an die Nation richtet.

 Wie wäre es, wenn sie diese Position nutzen würden, um Einfluss auf so viel mehr als nur Kleidungsstile und Frisurentrends zu nehmen? Die lateinamerikanischen First Ladies sollten mit dem Klischee eines hübschen Gesichts, das alles was der Präsident macht mit einem Lächeln abnickt brechen und stattdessen neue Rollenbilder vorantreiben. Dazu gehört es mehr Raum einzufordern und jene Geschichten vorzuleben, die Frauen dieser Region dazu inspirieren jegliche Art von Geringschätzung und Gewalt abzuschütteln.

 Es gibt schwer zu bewertende Fälle, wie den der neuen kubanischen First Lady Lis Cuesta, deren Name seit mehr als 50 Jahren der Erste ist, der offiziell mit dem Staatschef in Verbindung steht. Nach diesem langen Zeitraum, in dem die Führung des Landes Haare auf der Brust hatte und Röcke nur im Hintergrund standen, zeigt sich nun eine Frau, die den Präsidenten bei der Hand nimmt und ihn zu seinen internationalen Terminen begleitet. Das Problem dabei ist aber, dass sie selbst nichts sagt. Allerdings weiß man nicht, ob diese „Unsichtbarkeit“ ihr eigener Wunsch ist oder ob es ihr schlichtweg untersagt wird.

Die lateinamerikanischen First Ladies sollten mit dem Klischee eines hübschen Gesichts, das alles was der Präsident macht mit einem Lächeln abnickt brechen und stattdessen neue Rollenbilder vorantreiben.

 Es spielt keine Rolle, ob sie mit den höchsten Autoritäten Chinas zusammensitzt oder durch die Straßen Londons spaziert, denn das große Problem ist, dass wir Kubaner weder ihre Stimme kennen, noch wissen, was sie über die wichtigsten Themen für unsere Nation zu sagen hat.

 In anderen Ländern Lateinamerikas ist das Problem dagegen ihre übertriebene Medienpräsenz oder, dass die First Lady in der Klatschpresse oder auf Modeseiten ins Lächerliche gezogen wird, da nur die Länge ihrer Röcke oder die Qualität ihres Make-ups diskutiert wird. Auf der Insel, auf der ich lebe, wird die Stimme der Frau des Staatschefs dagegen unterdrückt, sie zeigt sich wie eine schwache Abweichung der etablierten Ideologie, eine gekünstelte Geste der Autoritäten.

 Es ist an der Zeit, dass die Person an der Seite des mächtigsten Mannes des Landes mehr repräsentiert als nur „eine hübsche Begleitung“. Sie sollte nicht wie ein geblümter Vorhang oder eine schöne Vase ohne Stimme dargestellt werden – und noch viel weniger wie ein Kunstblume, immer frisch und parfümiert, selbst in den schlimmsten Zeiten.

 Eine  First Lady sollte wie ein Spiegelbild für die Frauen Lateinamerikas sein, in dem viele von ihnen ihr eigenes Potenzial erkennen können. Sie sollte ein Aufruf dazu sein, Projekte zu starten und eine andere Zukunft wiederspiegeln. Sind die Damen im Palast dazu bereit, den Kleiderschrank gegen einen wirklichen Einfluss einzutauschen und die Absätze zu Gunsten von sozialen Aufgaben links liegen zu lassen? Wir hoffen es.

              Übersetzung: Anja Seelmann
Diese Kolumne wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der Deutschen Welle publiziert.


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Sechs Jahrzehnte mit einer unerreichbaren Utopie

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Januar 2019; vor 60 Jahren begann ein Prozess, auf den Millionen Kubaner ihre Hoffnung setzten, ohne dass er heute den Träumen ähneln würde, die er ursprünglich auslöste. (Archivo)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 2. Januar 2019

Der alte Ramón war ein bartloser Jüngling, als Fidel Castro im Januar 1959 in die Hauptstadt Havanna hineinfuhr. Wenig später beschloss er Milizionär zu werden, um das zu verteidigen, was damals viele Kubaner stolz „die Revolution“ nannten. Heute, mit einer Rente von weniger als 20 Euros im Monat, lebt der Rentner von dem Geld, das ihm seine Enkel schicken, die auf die anderen Seite der Floridastraße emigrierten, in ein Land, auf das Ramón mit seinem Gewehr zielte, wenn er – mitten im Kalten Krieg – in einer militärischen Einheit auf Wache stand.

Im Januar 2019 jährt sich das Ereignis, auf das Millionen von Kubanern ihre Hoffnungen setzten, zum sechzigsten Mal, ohne das die Träume von Jugendlichen wie Ramón Wirklichkeit geworden wären, und ohne dass die, die auf der Insel blieben, ein freies und würdiges Leben gehabt hätten. Heute bezeichnen nur noch Wenige das politische Modell, das die Bärtigen nach der Machtübernahme etablierten, als „Revolution“. Stattdessen zieht man es vor „System“ zu sagen, oder einfach „das da“, oder „die Sache“. Von den Anführern in olivgrün, die von der Sierra Maestra herunter kamen, sind heute nur noch ein paar Achtzigjährige übrig, und denen begegnet die Bevölkerung weder mit Bewunderung noch mit Respekt.

Von den anfänglichen Verheißungen, die von Chancen für alle und bürgerlichen Freiheiten sprachen, hat auch fast nicht überlebt.

Von den anfänglichen Verheißungen, die von Chancen für alle und bürgerlichen Freiheiten sprachen, hat auch fast nicht überlebt. Statt individuelle und allgemeine Freiräume zu schaffen, hat der Castrismus ein rigoroses Gefüge aus Überwachung und Kontrolle aufrecht erhalten; es war seine erfolgreichste „Leistung“ und das dauerhafteste „Resultat“. Was die soziale Gerechtigkeit anbelangt, auch da gibt es wenig Anlass zu feiern. Auf den Straßen sieht man den sozialen Unterschied, der Regierungsbonzen von Rentnern, von Kubanern mit dunkler Hautfarbe und von der Landbevölkerung trennt. Die Neureichen halten Abstand zu denen, die jeden Tag ärmer werden.

Andererseits hat die Regierung in den letzten Jahren an Boden verloren, den sie an die Mechanismen des Marktes abtreten musste, die sie mit ihren Parolen so sehr kritisiert hat. Der private Sektor, mit mehr als einer Million Beschäftigten, hat die Ineffizienz des staatlichen Apparats bewiesen, wobei dieser Teil der Wirtschaft ständig an die Grenzen von Restriktionen stößt, die es für Unternehmertum und Kreativität weiterhin gibt. Nachdem der Platz der Revolution (Regierung) schon 1968 die bescheidenen Essensstände konfisziert hat, verkauft er die Insel jetzt Stück für Stück an ausländische Investoren.

Von den beiden „Kronjuwelen“, dem öffentlichen Unterrichtsystem und dem Gesundheitssystem, ist auch nicht mehr viel vorzeigbar. Diese öffentlichen Institutionen erreichen zunehmend den letzten Winkel des Landes, aber die Verschlechterung der Infrastruktur, die niedrigen Löhne von Lehrern und Ärzten − in Verbindung mit ideologischen Exzessen und einer hohlen Ethik − haben dazu geführt, dass Klassenzimmer und Krankenhäuser nicht mehr den Vorstellungen eines gebildeten Volkes entsprechen. Die gute medizinische Versorgung löste früher einmal den Beifall von vielen Tausend Kubanern aus, die sich versammelten, um den Marathon-Reden des Chefkommandanten zu lauschen.

Heute, wo man bei den offiziellen Feiern zum 60.Jahrestag von einem sozio-politischen Prozess spricht, werden nur noch Wenige ihn „revolutionär“ nennen wollen. Leute wie Ramón und seine Enkel ziehen Bilanz: was haben sie nicht erreicht, welche Illusionen mussten sie am Straßenrand „parken“, ….und dass dieses autoritäre System nicht funktioniert, das aus den Illusionen von damals hervorgegangen ist.

          Übersetzung: Dieter Schubert
Dieser Text wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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Die nicaraguanische Presse im Auge des Wirbelsturms

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Die Unterdrückung der Presse findet inmitten einer sozio-politischen Kriese statt, die nach Demonstrationen gegen Ortega mehrere Hundert „politische Gefangene“ zurückließ. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 20. Dezember 2018

Es reichte ihnen nicht, die sozialen Proteste blutig niederzuschlagen und auch nicht hunderte Jugendliche zu verhaften, weil sie von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machten. Daniel Ortega und Rosario Murilla mussten noch weiter gehen.

Im Dezember dieses Jahres stürmte die nicaraguanische Polizei die Büros der Tageszeitung Confidencial und die der TV-Programme Esta Semana und Esta Noche, mit der Absicht, die Chronisten eines Landes zum Schweigen zu bringen, in dem die Meinungsfreiheit seit Jahren ernsthaft in Gefahr ist.

Weshalb dieser Hieb gegen die Medien? Welchen Sinn hat es, gegen Journalisten anzukämpfen und die einhellige Verurteilung durch die internationale Journalistengilde in Kauf zu nehmen? Teilweise, weil es für ein autoritäres Regime nichts Schlimmeres gibt, als gewissenhafte Berichterstattung über dessen Exzesse und genaue Informationen zu Gewalt gegen die Bevölkerung.

Ein Reporter ist für Tyrannen der Staatsfeind Nummer eins, da er es vermag Aspekte der Realität zu Papier zu bringen, die der Regierungspalast gerne unter den Teppich kehren und vor Blicken verbergen würde. Er ist der unbequeme Zeuge, bereit dazu, das zu verbreiten, was Einige nie an die Öffentlichkeit gelangen lassen wollten.

Ein Reporter ist für Tyrannen der Staatsfeind Nummer eins, da er es vermag Aspekte der Realität auf Papier zu bringen, die der Regierungspalast gerne unter den Teppich kehren und vor Blicken verbergen würde

Jetzt, nach einer weiteren Drehung an der Schraube, hat eine neue repressive Phase des „Systems Ortega“ begonnen. In dieser Etappe konzentriert sich sein Kontrollapparat darauf, jegliche Spuren von Unabhängigkeit, die der Zivilbevölkerung noch bleiben, zu zerstören. Daher bilden NGOs, zivilgesellschaftliche Gruppen und Tageszeitungen das Zentrum seiner Attacken. Alles, was der Bevölkerung dazu dienen könnte, ihre Kräfte zu vereinen und sich über die Geschehnisse auf dem Laufenden zu halten, soll vernichtet werden; zumindest ist das die Absicht des einstmaligen Guerilla-Kämpfers, der sich zu einem Tyrannen entwickelt hat.

Aus diesem Grund ist die Solidarität anderer Presseorgane und der Reporter in allen Teilen der Welt so entscheidend − vor allem in Lateinamerika. Eine Redaktion „auszuradieren“ und ihr die Arbeitsmittel zu nehmen, ist, als würde man viele Tausend Personen in einer Sekunde knebeln und hunderte Münder verschließen, damit sie kein Wort mehr sagen. In allen Redaktionen und Fernsehsendern dieser Region der Welt sollten wir diese Woche Trauerkleidung tragen, in Gedenken an unsere nicaraguanischen Kollegen und auch als Zeichen der Empörung über den gefährlichen Schritt Ortegas.

Aber vor allem müssen wir in allen digitalen Medien, gedruckten Zeitungen, Zeitschriften oder Fernsehsendern daran erinnern, dass in den instabilen lateinamerikanischen Demokratien – und sogar in den Ländern mit autoritären Regierungen – die Presse ein wichtiger Eckpfeiler war, um den Menschen eine Stimme zu geben und über das gewaltsame Vorgehen der Regierung zu berichten.

Die fragilen Republiken, die nach den Unabhängigkeitskriegen entstanden sind und die Freiheiten, die nach Militärdiktaturen wiederhergestellt wurden, wären ohne die Arbeit von Journalisten Eintagsfliegen gewesen.

              Übersetzung: Lena Hartwig

Diese Kolumne wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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Kampf um Kampf

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Díaz-Canel verwendet Kriegsrhetorik, wenn er von der Wirtschaft spricht. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |18.Dezember 2018

Miguel Díaz-Canel hat vor der Nationalversammlung versichert, dass „der grundlegende Kampf Kubas ein wirtschaftlicher ist“. Ein Satz, der sich einer abgedroschenen kriegerischen Metapher bedient, die im offiziellen kubanischen Diskurs der letzten 60 Jahre so sehr strapaziert wurde. Seine Worte sind Teil einer Strategie, jeden Aspekt der Realität als Schlacht, Konfrontation und ewiges Gefecht anzugehen, sei es gegen den politischen Feind, einen Hurrikan oder in diesem Fall die Wirtschaft.

Was würde passieren, wenn kubanische Beamte, sich anstelle von ständig wie Raufbolde zu verhalten, Produktion, Markt und Unternehmertum als Verbündete sehen würden, um zu helfen, zu ermutigen und zu fördern? Wie viel würde man in unserem Leben davon bemerken, wenn sie die „Waffen“ der Beschränkungen beiseitelegen, die „Gräben“ so vieler bürokratischer Absurditäten zuschütten, die „weiße Flagge“ hissen und öffentlich anerkennen würden, dass dieses System nicht funktioniert?

Der einzige Krieg, der es wert ist, in diesem Fall geführt zu werden, ist derjenige, der mit dem bedingungslosen Verzicht auf so viele gescheiterte Managementmethoden endet, die diese Insel in einen dauerhaften Konkurs gebracht haben, sie finanziell zu einer Bittstellerin machten und eine massive Flucht ihrer Kinder ausgelösten, die auf der Suche nach Wohlstands die Insel verließen. Es ist an der Zeit, einen wirtschaftlichen „Waffenstillstand“ zu beschließen, einen täglichen Frieden, der es ihnen ermöglicht, dass es keinen permanenten, harten oder anstrengenden Kampf mehr darstellt, leben zu können, mit der Eisenbahn zu reisen oder an eine Zeitung zu kommen, die nicht nur Slogans wiederholt.

             Übersetzung: Berte Fleißig

Wir, die Übersetzergruppe von Generación Y, wünschen allen unseren Lesern ein glückliches und erfolgreiches Jahr 2019.

Anja, Berte, Lena und Dieter


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Und der Tag ist gekommen…

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Es gibt nicht wenige, die in der Ankunft des Internets einen Trick der Regierung sehen, um von den gravierenden Problemen abzulenken. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 7. Dezember 2018

Pessimismus findet immer einen Platz, denn er schleicht sich überall ein. Nach sechs Jahrzehnten leerer Versprechungen, haben viele Kubaner die Ankunft des mobilen Navigierens mit Skepsis aufgenommen, und sie haben damit teilweise recht − nach so vielen Jahren der Verzögerung. Schuld daran ist das staatliche Unternehmen für Telekommunikation, die Etecsa. Es ist normal, dass sich die Begeisterung in Grenzen hält.

 Außerdem sind die stolzen Preise eine kalte Dusche und dämpfen die Freude. Seit Donnerstag dieser Woche hat das staatliche Monopol für Telekommunikation damit begonnen Datenpakete von 600 Megabyte bis 4 Gigabyte zu vermarkten, die 25% bis 100% eines mittleren Einkommens kosten. Das ist zu viel.

  Und dann gibt es die, die in der Ankunft des Internets einen Trick der Regierung sehen, um von den gravierenden Problemen abzulenken, unter denen das Land aktuell leidet: die Wirtschaft vor dem Bankrott, der private Sektor empfindlich von den regulierenden Maßnahmen gestört, die am 7.Dezember in Kraft getreten sind, und die Behörden, unfähig einen Plan für die Zukunft vorzulegen, als ob die Zukunft nicht schon durch die rigiden Artikel einer Verfassung eingeschränkt wäre, die „die da oben“ ausgebrütet haben.

 Trotzdem, obwohl alle Pessimisten und viele Skeptiker gute Gründe haben sich hinsichtlich des neuen Zugangs ins Netz reserviert zu verhalten, wäre es wichtiger und effektiver das Potential zu sehen, das sich für uns Bürger auftut. Es ist kein Brotkrumen, den sie uns da hingeworfen haben, es ist der Sieg einer Forderung, der seit langer Zeit ersehnt wurde und für den wir uns abgerackert haben.

 Es ist mehr als zehn Jahre her, dass ich mit meinem Blog Generación Y begonnen habe. Wir, die damals in die wenigen Internet-Cafés auf der Insel gingen, die ersten Weblogs eröffnet hatten und es wagten einen Twitter-Account zu erstellen, wir wurden sogleich als „Cyber-Söldner“ gebrandmarkt. Es war die Zeit, in der das Netz in der offiziellen Presse als Werkzeug der CIA bezeichnet wurde, und ein „gestörter“ Angehöriger des Militärs dazu aufrief, den „wilden Hengst Internet“ zu zähmen“.

 Auf der anderen Seite, auf der der Opposition, betrachtete man uns Blogger als „muchachos“, die es sich leicht machten, weil sie mit einem Keyboard schrieben und sich anschickten, die Insel Tweet für Tweet zu verändern. Naive „Kids“, mit einem Telefon in der Hand, die davon träumten, den Schlag eines Unterdrückers parieren zu können oder dem Platz der Revolution (Regierung) Paroli bieten zu können. Nicht wenige nannten uns „Agenten der Staatssicherheit“, nur weil die uns „erlaubte“ im Netz zu publizieren.

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Um mit einem Mobiltelefon ins Internet zu kommen, musste man zu  einem Ort mit wifi-Verbindung gehen. (14ymedio)

 Diese Zeit ist vorbei und wir haben gewonnen. Heute hat die Mehrzahl der Minister einen Twitter-Account, ohne viel darüber zu reden, und der Präsident Miguel Díaz-Canel füllt Tag für Tag seine Zeitleiste mit Slogans auf   ̶  und das im Netzwerk mit dem blauen Vögelchen. Die Etecsa, der technologische Arm des Systems, musste einen mobilen Navigationsdienst installieren, nach mehreren krachend gescheiterten Versuchen mit einem Prototyp und einer Flut von Klagen seitens seiner Kunden.

 Und heute? Ein Teil des Geldes, das die ineffiziente Etecsa mit ihrem Navigationsdienst einnimmt, wird vermutlich verwendet um Polizeiunformen zu kaufen und um offizielle „Mitarbeiter“ zu ernähren, die planen Oppositionelle und Aktivisten zu überwachen;.wir werden dennoch gewinnen.

 Sie riskieren nämlich, dass es an jeder Ecke, in jedem Dorf jemand mit einem Mobiltelefon gibt, mit dem Finger auf der Tastatur, um von einer Ungerechtigkeit zu berichten, einen korrupten Funktionär anzuzeigen oder um von unserer Realität zu erzählen, die sich so sehr von der der offiziellen Medien unterscheidet. Wir Bürger haben jetzt Zugang zu einer anderen Art von Information, die weit über die langweiligen Seiten der Granma (offizielles Presseorgan) hinausgeht.

 Ich kann mir vorstellen, dass binnen kurzem auch Kommunikation von Kubanern verschlüsselt im Internet auftauchen wird; Chat-Foren werden zu Räumen für Debatten, weil diese uns in der realen Welt fehlen. Die Staatssicherheit wird neue Überwachungs-Techniken entwickeln müssen, neue Methoden, um Millionen von Kubanern auf ihren Pfaden im Cyberspace folgen zu können.

 Auch die Privatwirtschaft wird profitieren: der Handel, im Internet einkaufen, Lieferungen ins Haus, all das wird stark zunehmen, wenngleich nicht zu erwarten ist, dass die neuen mobilen Dienste das Land aus der aktuell tiefen Krise herausführen werden; sie werden aber das Leben von vielen tausend Familien erleichtern. Wissen erwerben, Bildung via Netz, an Internet-Foren teilnehmen wird zu unserem Lebensalltag gehören  ̶  ganz allmählich jedenfalls.

 Es wird lange dauern, aber wir haben uns auf den Weg gemacht. Es hängt von uns ab, ob wir jetzt einen Trick der Regierung sehen wollen, oder ob wir weiter voranschreiten, mit dem Mut, das Internet vorteilhaft für uns zu nutzen, um so der Freiheit ein Stück näher zu kommen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

 


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Kuba -Brasilien: der Kampf der „Weißen Kittel“

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Die Ärzte, die sich entschlossen haben in Brasilien zu bleiben, können für acht Jahre nicht nach Kuba zurückkehren.

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |19. November 2018

 Der Konflikt war vorhersehbar. Seit Jair Bolsano die Wahlen in Brasilien gewonnen hat, nimmt die offizielle kubanische Rhetorik an Schärfe gegen ihn zu und stimmt die öffentliche Meinung auf einen sich anbahnenden Bruch ein.

 Der Tropfen, der für den Platz der Revolution (Regierung) in Havanna das Fass zum überlaufen brachte, waren Verlautbarungen des gewählten Präsidenten, in denen er darauf hinwies, dass er die vereinbarten Rahmenbedingungen für die mehr als 3.500 kubanische Ärzte ändern werde, die im Mais Médicos Programm in Brasilien arbeiten. In der vergangenen Woche erreichte die Spannung einen Höhepunkt, als das kubanische Gesundheitsministerium ankündigte, man würde den Vertrag kündigen und die kubanischen Experten aus dem südamerikanischen Land zurückholen. Diese offizielle Mitteilung, die in allen Nachrichtensendungen verbreitet wurde, sprach davon, dass man die Drohungen von Bolsonaro nicht hinnehmen würde; man vermied aber geschickt Bolsonaros Wortlaut in vollem Umfang wiederzugeben, besonders jenen Teil, in dem der ultrarechte Führer Brasiliens darauf bestand, dass die Ärzte ihr Gehalt in vollem Umfang erhalten sollten und ihre Familien ins Land mitnehmen könnten –  in der Zeit, in der sie im Programm tätig wären.

 Die kubanische Regierung hat aus der Entsendung von medizinischem Fachpersonal ein lukratives Geschäft gemacht. Fachleute, die man in mehr als 60 Länder entsendet, bilden die wichtigste Devisenquelle für das Land. Man schätzt, dass es sich dabei jährlich um mehr als 11.000 Dollar handelt. Im Fall Brasilien steckt Havanna 75% der 3.300 Dollar, die Brasilien jedem Arzt als Gehalt bezahlt, in die eigene Tasche; die Ärzte selbst erhalten nur den vierten Teil des Betrags. Auf ein kubanisches Bankkonto, auf das sie nicht zugreifen können, überweist man ihnen ein „monatliches Gehalt“, das etwa 60 Dollar entspricht, über das sie aber nur verfügen können, wenn zurückkehren.

 Wer aus freien Stücken das Programm Mais Médicos verlässt, wird als Deserteur betrachtet und man untersagt ihm für acht Jahr die Einreise nach Kuba. In den Jahren, in denen die Arbeiterpartei (PT, Partido de los Trabajadores) regierte, wurden Ärzte, die das Programm verlassen hatten, von der Polizei gesucht und sie konnten auf die Insel zurückgeschickt werden – wenn man denn ihrer habhaft wurde. Kein Arzt durfte seine Familie mitnehmen, um während der Mission mit ihr zusammen zu sein, und oft wohnte er in dieser Zeit in einer überfüllten Herberge, zusammen mit Arztkollegen, Krankenschwestern und medizinisch-technischem Personal.

Im Fall Brasilien steckt Havanna 75% der 3.300 Dollar, die Brasilien jedem Arzt als Gehalt bezahlt, in die eigene Tasche; die Ärzte selbst erhalten nur den vierten Teil des Betrags.

 Trotz all dieser Schwierigkeiten und trotz des geringen Verdienstes waren die Auslandsmissionen sehr begehrt, weil man Waren einkaufen konnte, die es auf den Märkten der Insel nicht gab. Darüber hinaus konnte man Kontakte knüpfen, eventuell einen Arbeitsvertrag in einer Klinik erhalten und so später privat nach Brasilien zurückkehren.

Weit über die medizinische Versorgung hinaus, die die Existenz von Mais Médicos für viele Brasilianern in den Armenvierte sicherte, versteckte sich hinter dem Programm eine politische Operation der kubanischen Regierung, mit der Absicht, der PT zu helfen und ihr die Stimmen der unteren Klassen zu garantieren. Es war klar, dass diese Art von Unterstützung mit Bolsonaro nicht weitergehen würde. So gesehen war es nur eine Frage der Zeit, bis der Castrismus seine Gesundheitsexperten aus Brasilien abziehen würde. Bleibt die Frage, wie viele von ihnen jetzt zurückkommen.

Der Präsident Brasiliens hat angekündigt, dass er allen Ärzten politisches Asyl gewähren werde, wenn sie es beantragen; es ist absehbar, dass eine ansehnliche Zahl mit Freuden davon Gebrauch machen wird. Die es tun verlieren für acht Jahre das Recht in ihr Land zurückzukehren, man wird sie Verräter nennen, und ihre Familien auf der Insel wird man vermutlich unter Druck setzten. Der Kampf der „Weißen Kittel“ hat gerade erst begonnen.

Übersetzung: Dieter Schubert

 


Dieser Text wurde ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle publiziert.

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