Der greise Diktator starb schon vor langer Zeit

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Fidel Castro feiert seinen 90. Geburtstag im Theater ‚Karl Marx‘ in Havanna

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MIRIAM CELAYA  | 14ymedio.com | 26. November 2016  Die offiziellen Medien haben nun endgültig und definitiv den Tod Fidel Castros bestätigt und ich glaubte bei dieser traurigen Nachricht eher Erleichterung als Trauer zu spüren. Wenn ich ein frommer Mensch wäre, würde ich wenigstens einen Hauch von Mitleid empfinden, aber das ist nicht der Fall. Mitleid für Despoten zählt sicher nicht zu meinen wenigen Tugenden. Ich, die ich immer den Zynismus mehr geschätzt habe als die Heuchelei, bin überzeugt, dass die Welt ohne ihn ein besserer Ort sein wird.

Wie auch immer, für mich ist der greise Diktator schon vor langer Zeit gestorben, das Datum ist nicht bekannt. Tief in meinem Gedächtnis ruht er unter einem verstaubten Grabstein ohne Inschrift; also bin ich nur noch neugierig, was dieser erwartete (unerwartete) Vorgang für jene bedeutet, die ihr Schicksal zeitlebens mit allen Verkrampfungen Fidels verknüpft haben, die auf seine „zahllosen Tode“ folgten.

Dennoch, und nicht weil ich für ihn eine vorgezogene Trauerfeier hätte abhalten wollen, bleibt sein endgültiger Abschied von dieser Welt ein bedeutendes Ereignis. Jetzt wird das Bild des gescheiterten Phantoms verschwinden, in das er sich verwandelt hatte, und er wird aufhören, wie ein unvermeidbares Verhängnis um die abergläubische Seele unserer Nation zu kreisen. Und dann wird man sehen, ob die Vorhersage „wenn Fidel tot ist, wird sich alles ändern“ richtig oder falsch ist, weil es fast alle Kubaner für bequemer halten, bei Veränderungen der Natur ihren Lauf zu lassen, anstatt es zu wagen, diese selbst anzugehen. Völker, die sich ihres eigenen Schicksals schämen, pflegen die Schuld für ihren kollektiven Mangel an Verantwortung ihren „Statthaltern“ anzulasten.

Die wahre Macht Fidel Castros beruhte nie auf der Liebe der Kubaner, sondern auf der uneingestandenen Furcht vor ihm, dem irrationalen und cholerischen Führer.

Nichts desto trotz, meine Erinnerungen sind intakt geblieben, sie haben alle Katastrophen wohlbehalten überlebt. Wieso sollte man diese Erinnerungen hinter sich lassen, wenn unser Denken nur aus solchen besteht? Also betrachte ich sie ohne Liebe, ohne Groll, ohne Bitterkeit und ohne Gewissensbisse, so, als würde ich einen alten Film über meine eigene Geschichte anschauen; es ist die Geschichte von Millionen von Kubanern. Wie konnten wir jemals so naiv sein? Warum ließen es unsere Väter und Großväter zu, dass man uns so arg manipulieren konnte? War es aus Angst? Die wahre Macht Fidel Castros beruhte nie auf der Liebe der Kubaner, sondern auf der uneingestandenen Furcht vor ihm, dem irrationalen und cholerischen Führer, dessen übermäßiges Ego nur vergleichbar war mit seiner Unfähigkeit zu Empathie. Manchmal war der Fidelismo ( Treue zu Fidel ) nur ein Mittel, um zu überleben.

Ich schaue auf die ersten 20 Jahre meines Lebens zurück; ich sehe einen Fidel Castro, der wie eine Art zäher und allgegenwärtiger Magma in jeden öffentlichen und privaten Raum eindringt. Es scheint, als habe er die Gabe der Allgegenwart und an allen Orten zugleich zu sein. Die Erinnerungen an meine lang zurückliegende Kindheit sind untrennbar mit dem Bild eines bärtigen Mannes verbunden, der niemals lachte, eine „immergrüne“ Militäruniform trug, dessen Bild man überall sehen konnte, sei es an einer Hauswand, einer Mauer, auf den Titelseiten von Magazinen, in Zeitungen, oder sorgfältig gerahmt in den Wohnzimmern von kubanischen Revolutionären; die waren damals in der Überzahl.

Jedenfalls gehörte „Fidel“ zu den ersten Wörtern, die Kinder von tausenden von Familien sagen konnten, weil die Familien – wie auch meine – entdeckt hatten ,dass sie unerwartet – mit dem Heraufdämmern des Jahres 1959 – Revolutionäre waren. Und genauso plötzlich nahm in einem Land mit katholischer Tradition die Zahl derer zu, die sich zu Atheisten erklärten und Gott ablehnten, nur um jetzt der neuen „Lehre“ anzuhängen: Fidel Castro der „Retter“ und das kommunistische Programm der „Katechismus“.

In der Folge zerbrachen zahllose Familien an der politischen Polarisierung, an der Emigration von Vätern und Söhnen, Brüdern, Onkeln und Neffen, die vorher alle in Harmonie zusammenlebten; sie gerieten aneinander und distanzierten sich im Zorn voneinander. Manche sahen sich nie wieder und starben, ohne sich mit einer Umarmung versöhnen zu können. Viele von ihnen, die diese epochalen Brüche erlebt haben, sind immer noch dabei die Bruchstücke einzusammeln, um so zu versuchen, den Zusammenhalt von manch einer malträtierten Familie wieder herzustellen, und sei es nur aus Respekt und Verehrung für unsere Verstorbenen, die zu Feinden wurden, beeinflusst von einem fremden Hass.

Dann kamen die Milizen, die Invasion in der Schweinebucht 1961, die Kubakrise 1962, der verpflichtende Militärdienst, die Lebensmittelkarten, die riesigen Zuckerohrernten, die Revolutionäre Offensive, Angola, die Landschulen und die ständigen „Weihen“ der nicht enden-wollenden Wahnvorstellungen des Großen Egozentrikers. Und mit der Zeit kamen auch die Zeichen eines beginnenden Ruins, Zeichen, die man nicht wahrhaben wollte. Man überdeckte den zunehmenden Mangel an Gütern mit Losungen und mit ebenso überdimensionierten wie unsinnigen Produktionsplänen, die alle zum Scheitern verurteilt waren; alle persönliche Freiheiten wurden begraben, Rechte verschwanden, sie wurden auf dem olivgrünen Altar geopfert, begleitet von bedeutungsschweren Worten, die früher einmal heilig gewesen waren und die jetzt in Reden abgewertet wurden: „Vaterland“, am meisten beschmutzt, „Freiheit“, am häufigsten missbraucht. Unvorbereitet und blind halfen wir Kubaner dabei, ein Gitter um unser Gefängnis zu ziehen und -folgsam wie wir sind – die Schlüssel in die Hände des Gefängniswärters zulegen.

Wir Kubaner selbst halfen dabei, ein Gitter um unser Gefängnis zu ziehen und – folgsam wie wir sind – die Schlüssel in die Hände des Gefängniswärters zu legen.

Die Nachricht von seinem Tod weckt in mir keine Emotionen. Vor kurzem sagte mir ein kluger Freund, dass Fidel Castro nicht „Ursache“ sondern „Wirkung“ war. Ich glaube, dass diese treffende Bemerkung die Geschichte und die Wesensart der kubanischen Nation zusammenfasst. Denn wir Kubaner sind nicht (und sind es nie gewesen) ein Ergebnis von Fidels Existenz, sondern ganz im Gegenteil: die Existenz eines Fidel war nur wegen uns Kubanern möglich, jenseits aller politischer Strömungen und Ideologien und weit entfernt von unserer Sympathie oder Ablehnung. Ohne uns hätte sich seine lang andauernde Diktatur nicht an der Macht halten können.

Sein endgültiger Tod… für mich ist er eine Gelegenheit anzustoßen, nicht zu seinem Gedenken, sondern zu unserem. Möge die Erinnerung immer in uns wach bleiben, damit wir diese Jahrzehnte der Schande nicht vergessen, damit sich nie wieder neue „Fidel Castros“ auf dieser Erden wiederholen können. Mit all meiner Überzeugung erhebe ich mein Glas und stoße darauf an: möge dieser glückliche Tod uns die Möglichkeit für ein neues Leben eröffnen, das wir aufbauen müssen, in Frieden und Eintracht, wir Kubaner.

Übersetzung: Dieter Schubert

Das Ende der Ära Obama: verschwendete wertvolle Zeit

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Barack Obama bei einer der letzten Wahlveranstaltungen für Hillary Clinton. (EFE/EPA/CRISTOBAL HERRERA)

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YOANI SÁNCHEZ  | 14ymedio.com | 08. November 2016  Am Tag nach der Wahl von Donald Trump begann eine neue Epoche für die USA und die anderen Nationen weltweit, während für Kuba die Zeit großer Chancen endete. Sie blieb ungenutzt, aufgrund der Starrköpfigkeit der Regierung rund um die Plaza de la Revolución.

Mit der am 17. November 2014 angekündigten Normalisierung der Beziehungen zwischen Washington und Havanna begann eine Phase mit der Möglichkeit, das Leben der kubanischen Bevölkerung zu verbessern, was die Regierung nur mit übermäßiger Vorsicht aufnahm. Jedem Schritt von Obama in diese Richtung begegnete Raúl Castro mit Mistrauen. Die politische Repression wurde nicht verringert, dafür nahm in den letzten Monaten die ideologische Rhetorik zu.

Der Präsident General hat den Enthusiasmus der Wiederannäherung vergeudet, er hat Chancen vertan und die unvermeidliche politische Öffnung verzögert, die die Insel erleben wird

Der Präsident General hat den Enthusiasmus der Wiederannäherung vergeudet, er hat Chancen vertan und – durch seine Sturheit – die unvermeidliche politische Öffnung verzögert, die die Insel erleben wird. Castro zog es vor sich zu verschanzen, anstatt die eisernen Kontrollen zu lockern, die das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben Kubas peinigen.

Als sich die Gelegenheit für kubanische Kaffeeplantagenbesitzer ergab, ihr Produkt auf US-amerikanischem Boden zu verkaufen, antwortete ihnen von der anderen Seite der erzürnte Nationale Verband der Kleinlandwirte. Angesichts der Vorschläge, engere Bindungen zwischen den Jugendlichen beider Nationen aufzubauen, verschanzte sich der „olivgrüne Regierungsapparat“ hinter einer bitteren Kampagne gegen die Stipendien der Organisation World Learning*.

Googles Angebot, der Insel beim Anschluss ans Internet zu helfen, stieß auf das Monopol der Etesca, dem staatlichen Unternehmen für Telekommunikation, das schon Ende dieses Jahres ein “Pilotprojekt“ starten wird, um das riesige weltweite „Spinnennetz“ in 2000 Haushalte in Alt-Havanna zu bringen. Währenddessen bleiben viele Webseiten aufgrund der scharfen Zensur gesperrt und die öffentlichen Internetzugänge behalten ihre hohen Preise und ihren schlechten Service bei.

Die Regierung rund um die Plaza de la Revolucíon spricht von einem halb leeren Glas. Monatelang beschuldigte man Obama, dass es ihm nicht gelungen ist, das Embargo aufzuheben oder Guantanamo Bay Naval Base zurückzugeben. Eine Propagandastrategie, ein schriller Protest, um das Offensichtliche zu überdecken: Der Nachbar im Norden zeigte bei Wiederannäherung eine bessere Herangehensweise.

Die Fotos, auf denen sich Castro und Obama die Hand geben und in die Kameras lächeln, haben nur geringe Bedeutung. In der Realität ist Kuba weit davon entfernt, die Schlagzeilen der ausländischen Presse zu verdienen, denen zufolge sich Kuba verändert hat, weil Madonna durch die Straßen der Hauptstadt spazierte, weil eine US-amerikanische Fußballmannschaft die Tribünen eines Stadions auf der Insel zum Beben brachte oder weil beide Länder beim Schutz der Haie in der Region zusammenarbeiten.

In der Realität ist Kuba weit davon entfernt, die Schlagzeilen der ausländischen Presse zu verdienen, denen zufolge sich Kuba verändert hat, weil Madonna durch die Straßen der Hauptstadt spazierte

In den letzten Wochen wurde der Bremseffekt viel stärker spürbar. Die kubanischen Behörden wissen, dass auf den neuen „Mieter“ im Weißen Haus viele Herausforderungen zukommen. In seinem Terminkalender für die ersten Monate stehen Dringlichkeiten wie der Syrienkrieg, der IS-Konflikt und seine eigenen internen Probleme, die weder klein noch unbedeutend sind. Kuba wird keine Priorität in der Agenda des nächsten US-Präsidenten haben.

Ob Hillary Clinton oder Donald Trump, der Wahlsieger wird sich erst nach einiger Zeit mit dem Thema Kuba befassen und das auf seine Art tun. Der neue Kurs kann ein erneutes Auseinanderdriften bedeuten oder den von Barack Obama eingeschlagenen Weg vertiefen. Aber die Zügel, die Kuba an das 20. Jahrhundert binden, gehen nicht vom Oval Office aus. Ein über achtzigjähriger Mann hält sie fest, der sich vor der Zukunft fürchtet, die uns erwartet und in der er nicht mehr sein wird.

Anmerkung d. Übers.:

*Dem von „World Learning“ organisierten US-Jugendprogramm wirft die kubanische Regierung vor, Jugendliche unter falschem Vorwand als Akteure für einen Systemwechsel auf Kuba anzuwerben.

Übersetzung: Lena Hartwig

Information als Verrat

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„Für die reaktionäre kubanische Regierung sind alle Katzen grau“. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | Generación Y | 14. Oktober 2016 Die Ruhe ist nichts für autoritäre Regime. Sie brauchen den Schrecken, der sich unter den Bürgern breit macht, damit sie nach Herzenslust regieren können. Diese Angstszenarien haben sich auf Kuba in den vergangenen Monaten immer mehr zugespitzt, in denen die Regierung ihren Konfrontationskurs verschärft oder neu aufgenommen hat: gegen die Opposition, gegen die Selbstständigen, gegen jene Jugendlichen, die ein Stipendium in den Vereinigten Staaten anstreben und speziell gegen die unabhängige Presse.

Die Kriegstrommeln werden gerührt und der Hauptfeind wird diesmal von jenen Journalisten verkörpert, die nicht den staatlichen Medien angehören und die von dem Schaden berichten, den der Hurrikan Matthew verursacht hat. Die Regierung stellt sich dem entgegen und sagt, „private Stellen oder solche, die ganz offen der Kontrarevolution dienen“ gäben ein „Bild, das nicht nur der Realität fremd ist, sondern diese sogar verfälscht”, wie es aus einem Artikel hervorgeht, der diesen Donnerstag in der Granma veröffentlicht wurde.

Der Text mit dem Titel Matthew: Humanismus, Transparenz und Manipulation ist nur ein weiteres Scharmützel, um den Konflikt der vergangenen Wochen weiter eskalieren zu lassen, bei dem es um die Publikationen geht, die sich der Parteikontrolle entziehen. Das Neue daran ist, dass dieser Angriff auf bestimmte Bereiche der unabhängigen Presse zielt, die hart dafür gekämpft haben, nicht in den „Sack der Feinde” gesteckt zu werden.

Die Offensive, die gerade gegen sie geführt wird, zeigt sich bei den Verhaftungen von Mitgliedern des lokalen Nachrichtenblogs Periodismo de barrio und seiner Direktorin Elaine Díaz, aber auch bei der wiederholten Androhung auf eine mögliche Ausweisung, die sich gegen Fernando Ravsberg richtet, sowie den Sanktionen gegen den Journalisten José Ramírez Pantoja aus Holguín. Das beweist doch, dass für die reaktionäre Regierung alle Katzen grau sind, oder was das Gleiche ist: Der Journalist, der nicht mit der genügenden Begeisterung Beifall klatscht, ist ein Verräter.

Was gerade passiert, ist das Aufeinanderstoßen zweier Epochen

Der offizielle Angriff hat es sogar bis in den Bericht geschafft, den das „Komitee zum Schutz der Journalisten“ (CPJ) herausgab und in dem es um die Situation der Presse auf Kuba geht. Eine Studie, an der Ernesto Lodoño mitgearbeitet  hat, Journalist der Zeitung The New York Times, deren Verlagshäuser das Auftauen der Beziehungen mit den Vereinigten Staaten befürworten und sogar bis vor kurzem deswegen von unserer staatlichen Presse gelobt wurden.

Jetzt… haben sie uns alle in den gleichen Sack gesteckt.

Es nützt den neuen Opfern überhaupt nichts, sich von denjenigen zu distanzieren, die durch die offizielle Propaganda in Fernsehprogrammen, zur Hauptsendezeit, stigmatisiert worden sind. Es wird wenig bringen, dass die Attackierten sich nun – aufgrund des Staatsgrolls – von der unabhängigen Presse, die in den 90ern entstanden ist, lossagen. Und genauso wenig nützt es, wenn sie die „konfliktiven“ Blogger oder Dissidenten verfluchen und öffentlich zusichern, dass sie von einer linksgerichteten Ideologie geleitet werden.

Nichts von all dem zählt. Denn was gerade passiert, ist das Aufeinanderstoßen zweier Epochen. Eine davon war diejenige, in der die Kommunistische Partei Kubas sämtliche Informationen nach Lust und Laune kontrollieren, manipulieren und über ihre Veröffentlichung entscheiden konnte. Jene Zeiten, in denen wir erst Wochen später vom Fall der Berliner Mauer erfuhren, und die Bilder von den Unruhen in Havanna im Jahr 1994 auf den Titelseiten der nationalen Zeitungen unterdrückt wurden. Diese Epoche stirbt gerade und eine andere wird geboren; dank neuer Technologien und dass sich viele Journalisten der Wahrheit verpflichtet fühlen, sowie dem wachsenden Verlangen der Kubaner nach Information.

 Ist der Parteistempel nicht darunter gesetzt, wird jeder Versuch, Berichterstattung zu betreiben, als eine Kriegserklärung verstanden.

Trotzdem, für die Regierung, die daran gewöhnt ist, jeden Titel festzulegen und die Direktoren von Zeitungen, TV-Sendern und Nachrichtenprogrammen per Fingerzeig zu ernennen, ist es nicht wirklich wichtig, ob ihr neues „Objekt der Abscheu“ eine Modezeitschrift, ein Sportmagazin oder ein Nachrichtenprogramm ist. Ist der Parteistempel nicht darunter gesetzt, wird jeder Versuch, Berichterstattung zu betreiben, als eine Kriegserklärung verstanden.

Solange die kubanischen Journalisten nicht einsehen, dass sie sich – jenseits redaktioneller Nuancen, Phobien oder Ideologien – vereinigen und gegenseitig schützen müssen, solange wird der Regierungsapparat weiterhin solche Schläge austeilen. Er wird verteufeln, verhaften und die Arbeitsutensilien jener Reporter konfiszieren, die nicht auf seiner Gehaltsliste stehen – ganz egal, ob es sich bei der Berichterstattung um die Migration von Greifvögeln handelt oder um die gezielten Aktionen von öffentlicher Demütigung gegen die Opposition.

Auf Distanz zu gehen führt im Moment einzig und allein dazu, dass die Gegenmächte der Informationsfreiheit uns zerstören. Getrennt sind wir lediglich Journalisten, die der Willkür der Regierung ausgeliefert sind; zusammen aber bilden wir ein starkes und notwendiges Gremium.

Mag dieser Text dazu dienen, meine Solidarität all jenen Kollegen auszusprechen, die sich heute im Auge des Hurrikans der Repression befinden, ganz unabhängig von der Linie ihres Verlags, ihrem Arbeitsfokus oder der Farbe ihrer Träume, die sie für unser Land hegen.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Paladares, die Macht und die Rechte: eine Gleichung ohne Lösung

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Der Paladar „La cocina de esteban“ (Die Küche von Esteban) im Stadtviertel Vedado, Havanna

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, Havanna | 21. Oktober 2016   In den letzen Tagen wurde viel über die Aussetzung („Einfrierung“) der Vergabe neuer Lizenzen geschrieben, die zur Eröffnung kleiner privater Restaurants berechtigen, auf Kuba volkstümlich „Paladares“ genannt. Bis heute haben dies die meisten Analysten als einen weiteren Rückschritt der kubanischen Behörden bezeichnet, nach dem anfänglichen Prozess der wirtschaftlichen Flexibilisierung, der einen Aufschwung dieser speziellen Betriebe zur Folge hatte, die generell einen besseren Service bieten und ein vielfältigeres Angebot haben, als die meisten Staatsbetriebe. Deswegen werden sie von der Bevölkerung und den ausländischen Besuchern der Insel geschätzt.

Kritiker der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba nutzen die Gunst der Stunde, um zu versichern, dass die Beschränkung (der Lizenzen) nur eine weitere „Antwort“ des Palasts der Revolution (Regierung) ist, die sich ihrer Meinung nach vom Weißen Haus unterstützt wähnt, wenn sie – ohne Konsequenzen fürchten zu müssen – Härte zeigt und weiterhin die Menschenrechte verletzt. Zugleich wächst der Druck auf die Zivilgesellschaft, auf unabhängige Journalisten, Oppositionelle und andere Gruppen, und sogar auf Linientreue.

Es ist bekannt, dass autokratische Regierungen sich auf die Armut und die Wehrlosigkeit der Regierten stützen, weil die von den an sie verteilten Brotkrümeln abhängig sind.

Das vom ihm so genannte „Yankee-Prinzip“, das das kubanische Denkverhalten beschreibt, ist ein geliebter Begriff meines Kollegen Reinaldo Escobar. Jedes Phänomen, jedes Ereignis auf der Insel ist demzufolge eine Reaktion auf Verordnungen der US-Exekutive. Aber unabhängig von der unbestreitbaren Härte, mit der die Regierung den privaten Sektor behandelt, zusammen mit den hastig gefassten Beschlüssen auf Grundlage des Prinzips, ist es eine Tatsache, dass Razzien und der Druck auf nicht-staatliche Arbeiter alles andere als neu sind. Das ist seit vielen Jahren offizielle Praxis, schon lange vor Beginn des Dialogs zwischen Washington und Havanna.

Und das auch ist kein Geheimnis. Es ist bekannt, dass autokratische Regierungen sich auf die Armut und die Wehrlosigkeit der Regierten stützen, weil die von den an sie verteilten Brotkrümeln abhängig sind. Jedes Anzeichen einer politischen Öffnung, jeder Hauch einer Möglichkeit am staatlichen Rand Erfolg zu haben, würde eine Bedrohung der Regierung und ihrer Ideologie darstellen. Also tragen erfolgreiche Unternehmer einen Bazillus in sich, der eine Autokratie zu Grunde richten könnte, obwohl die Unternehmer selbst das nicht wissen… oder nicht wissen wollen.

Auch wenn vorsichtige Fortschritte und plötzliche Rückschritte charakteristisch für den Verwaltungsapparat des Präsidenten General Raúl Castro sind, dieses Mal gab es eine neue Komponente: die Einschüchterung der Besitzer von Cafeterias und privaten Restaurants, in Form von Vorladungen vor eine Kommission, die sich aus Beamten der regionalen Regierungen und aus Angehörigen der Nationalen Steuerverwaltung (ONAT) zusammensetzte, und der sogar Mitglieder der politischen Polizei angehörten.

Was bekannt wurde ist, dass die Behörden die Unternehmer vor der Missachtung der Branchen-Verordnungen gewarnt haben, die von der Regierung im Rahmen der selbständigen Tätigkeiten erlassen wurden. In diesem Zusammenhang war auch die Rede von Steuerhinterziehung, Verkauf von Lebens- und Betriebsmitteln, die aus dem Schwarzmarkt stammen, von Geldwäsche und anderen Gesetzesüberschreitungen.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Plötzlich hat die Regierung in Betrieben wie Cafeterias und Paladares die epidemische Korruption „entdeckt“, die die Gesellschaft in ihrer Gänze seit langem unterminiert, ausgehend von der Regierungsspitze und ihren Claqueuren. Nur, dass in dieser „korrumpierten Kette“, – eine Metapher für die kubanische Wirklichkeit – der private Sektor das schwächste Glied ist.

Infolgedessen sieht man eine Welle von rigorosen staatlichen Inspektionen auf Cafeterias und Paladares zukommen, die die Einhaltung der Gesetze und Normen steuerlich überprüfen sollen, wie sie ursprünglich von der Regierung verabschiedet, in Verträgen festgeschrieben und bei der ONAT unterzeichnet wurden – zusammen mit anderen Vorschriften.

Wenn wir uns buchstabengetreu an das Gesetz halten, könnte sich bestätigen, dass die Behörden nur verlangen, das zu tun, was legal ist, obwohl die Vorgehensweise fragwürdig ist.

Kurioserweise ist all dies passiert, kurz nachdem das Ultimatum des Präsidenten General durchgesickert ist, das er an die Ministerien für Wirtschaft, Finanzen und Preise gerichtet hat. Es verlangt die Einführung eines einheitlichen Währungssystems vor Ende 2016. Es ist aber kein Geheimnis, dass es einigen Eigentümern von Paladares gelungen ist, ein beträchtliches Kapital in Form von Devisen anzuhäufen, die nicht auf kubanischen Banken deponiert sind. Außerdem gibt es in beiden Währungen viele „unterirdisch“ fließende Geldströme, die sich der Kontrolle durch die Regierung entziehen; das ist – so sagen es Finanzexperten – ein weiteres Hindernis für die Abschaffung des doppelten Währungssystems.

Es erscheint nicht abwegig, wenn man die plötzlichen Anhörungen und Betriebsprüfungen damit in Verbindung bringt, denn zweifellos sind die Cafeterias und Paladares die wirtschaftlich erfolgreichsten Unternehmen des privaten Sektors. Die boshafte offizielle Absicht dabei ist, die Geldströme einzusammeln und Kapital zu Gunsten des Staates zu beschlagnahmen.

So weit, so gut; ohne auch nur im Geringsten den repressiven Charakter des Systems rechtfertigen zu wollen, stehen wir – nüchtern betrachtet – nicht vor einer Kehrtwende. Wenn wir uns buchstabengetreu an das Gesetz halten, könnte sich bestätigen, dass die Behörden nur verlangen, das zu tun, was legal ist, obwohl die Vorgehensweise fragwürdig ist. Schon von Anfang an war die Zahl der Sitzplätze in jedem Paladar festgelegt, ebenso der Steuersatz und die Verpflichtung, die Belege für den Kauf und von Produkten und Betriebsmitteln des staatlichen Einzelhandels aufzubewahren.

Gerecht oder ungerecht; die Privaten akzeptierten die Bedingen, hatten aber keine Lust sie einzuhalten. Sie folgten dem fundamentalen kubanischen Überlebensprinzip: täusche de jure Einhaltung vor und dem spiele de facto Katz und Maus. „Fang mich, wenn du kannst“, ist ein ungeschriebenes Gesetz.

Bis heute ist es keinem einzelnen, keiner Gruppe von kubanischen Unternehmern – nicht einmal den erfolgreichsten unter ihnen – in den Sinn gekommen, sich unabhängig zu organisieren, um über die offensichtliche Notwendigkeit zu diskutieren Hindernisse abzuschaffen, die eine Bremse für ihre wirtschaftliche Entwicklung sind. Es ist auch nicht bekannt geworden, dass jemand von ihnen vor den Behörden das Investitionsgesetz in Frage gestellt hätte, das ausländisches Kapital privilegiert und die wirtschaftliche Entwicklung mittels Investitionen ausländischer Unternehmer favorisiert; wobei die nationalen explizit ausgeschlossen sind.

Es ist ein öffentliches Geheimnis, dass in der Praxis alle privaten Restaurants auf die eine oder andere Weise Gesetze überschreiten. Anders könnte bei der riesigen und ungerechten Steuerlast kein Betrieb erfolgreich wirtschaften

Um aber zum eigentlichen Thema zurückzukommen: es ist ein öffentliches Geheimnis, dass in der Praxis alle privaten Restaurants – und aller Handel, sei er privat oder staatlich – auf die eine oder andere Weise Gesetze überschreiten. Anders könnte bei der riesigen und ungerechten Steuerlast kein Betrieb erfolgreich wirtschaften. Der Ballast, den ein Heer von korrupten Inspektoren darstellt, die die Unternehmer erpressen würden und die man notwendigerweise „kaufen“ müsste, das Fehlen von Betriebsmitteln, der Mangel an Produkten und Geräten, um Qualität und Dienstleistungen aufrecht zu halten, das Fehlen eines Großmarkts, die hohen Hürden bei Importwaren und alles sonstige drum und dran, mit dem sich die Privaten herumschlagen müssen – genauso wie die meisten Kubaner. Für die Unternehmer ist es einfacher, am Gesetz vorbei das zu kaufen, was man braucht, um zu überleben oder um sich zu verbessern.

Doch das bringt die Privaten in die Lage, sich rechtlich nicht wehren zu können (in ihrer Rolle als Gesetzesbrecher), auch im Hinblick auf den großen, repressiven und legalen Apparat des Staates (in der Rolle des Gesetzeshüters).

Was die aktuellen Ereignisse überdeutlich zeigen ist:

Einerseits gibt es die überlegene Fähigkeit des privaten Sektors, der bei Qualität, Angebot und Dienstleistungen einen höheren Standard bietet und aufrecht hält; eingeschlossen eine bessere Bezahlung der Angestellten. Andererseits ist es dringend nötig Eigeninitiative flexibel zu fördern und den nationalen Kapitalmarkt frei zu handhaben; dazu braucht es einen wirklichkeitsnahen rechtlichen Rahmen. Es geht nicht darum Gesetze zu verwenden, um uns Kubaner zu unterdrücken, sondern sie zu novellieren und der Entwicklung eines allgemeinen Wohlstands anzupassen.

Etwas, was nicht der Wille der Regierung ist; wir alle wissen das, denn mehr Freiheiten für den Bürger bedeuten zugleich weniger Macht für den Staat und als Folgeerscheinung ein mögliches Ende des „Königreichs der Castros“.

Was nun die Menschenrechte für uns Kubaner betrifft, vielen Dank! Für den Castrismus haben sie keine Priorität und für die privaten Unternehmer auch nicht, leider.

Übersetzung: Dieter Schubert

Intellektuelle verurteilen die Unterdrückung auf Kuba

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Ein Bild von der polizeilichen Durchsuchung am Sitz von Cubalex. (14ymedio)

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14YMEDIO, Havanna | 03. Oktober 2016 

Ungefähr zwanzig Intellektuelle haben die kubanische Regierung gebeten, die Feindseligkeit gegenüber Andersdenkenden zu beenden. Sie wollten einen pluralistischen und toleranten Dialog durch einen Brief einleiten, der letzten Montag veröffentlicht wurde. In diesem Brief verurteilen sie die Unterdrückung auf der Insel.

Die Unterzeichner des Textes verurteilen das, was sie “die Welle der Unterdrückung, die Kubas Regierung in den letzten Monaten ausgelöst hat“ nennen. Dazu gehören „Inhaftierungen, repressive Gewalt, Verletzung der körperlichen Unversehrtheit und jede Art von Einschüchterung gegen Gruppen, die auf friedliche Weise einen Rechtsstaat fordern“.

Außerdem zeigen sie auf, dass “sowohl der Druck, der auf den Jugendlichen wegen des Stipendienprogramms für die USA lastet, als auch die Durchsuchung, die kürzlich in den Räumlichkeiten von Cubalex stattfand, alarmierend sind“.

In diesem Brief, der auf der Plattform Change.org Platz für weitere Unterschriften bietet, appellieren die Intellektuellen an die internationale Gemeinschaft, auf diese Geschehnisse zu reagieren und fordern die kubanische Regierung dazu auf, „diese Gewalttaten zu beenden und Teil eines Prozesses des nationalen Dialogs zu werden, um in einem pluralistischen und toleranten Rahmen auf demokratische Weise alle Probleme anzugehen, die die kubanische Gesellschaft quälen und Lösungen zu suchen“.

Zu den Unterzeichnern gehören die Kubaner Armando Chaguaceda, Enrique Patterson, Haroldo Dilla, Juan Antonio Blanco, Marlene Azor, Norges Rodríguez und Pedro Campos, sowie weitere Intellektuelle aus Argentinien, Brasilien, den USA, Nicaragua und Peru.

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Der Brief:

Intellektuelle verurteilen die Unterdrückung auf Kuba und rufen die kubanische Regierung dazu auf, die Feindseligkeit gegen Andersdenkende zu beenden und einen pluralistischen und toleranten Dialog zu beginnen.

Wir, die Unterzeichner, verurteilen die Welle der Unterdrückung, die die Regierung von Kuba in den letzten Monaten ausgelöst hat. Als Vorwand diente ein angeblicher imperialistischer Angriff. Gegner mit verschiedenen ideologischen Ausrichtungen hatten mit unterschiedlichen Formen von Verfolgung zu kämpfen. Die Zahl der Inhaftierungen, die repressive Gewalt, die Verletzung der körperlichen Unversehrtheit und jede Art von Einschüchterung gegen Gruppen, die auf friedliche Weise einen Rechtsstaat fordern, sind angestiegen.

Der Druck, der auf den Jugendlichen wegen des Stipendienprogramms für die USA lastet und die Durchsuchung, die kürzlich in den Räumlichkeiten von Cubalex stattfand, sind alarmierend. Cubalex ist eine Organisation von Anwälten, die Rechtsberatung für Personen bietet, die von einem Verstoß gegen ihre Bürgerrechte betroffen sind, wie z. B. unbefugtem Eindringen in Wohnungen, Beschlagnahme von technischem Gerät, schikanöses Verhalten gegenüber den Betroffenen und Androhung von Strafverfolgung wegen ihrer Tätigkeit.

Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft, auf diese Geschehnisse zu reagieren, um eine Eskalation zu vermeiden, die die Lage des kubanischen Volkes nur noch weiter verschlimmern würde.

Wir fordern die kubanische Regierung auf, diese Gewalttaten zu beenden und Teil eines Prozesses des nationalen Dialogs zu werden, um in einem pluralistischen und toleranten Rahmen auf demokratische Weise alle Probleme anzugehen, die die kubanische Gesellschaft quälen und Lösungen zu suchen.

Dieselbe Regierung, die die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung von Kolumbien und der linksgerichteten Guerillabewegung FARC ermöglicht hat, sollte einen Dialog mit seinem eigenen Volk fördern, um in einem pluralistischen und toleranten Rahmen Lösungen für Probleme zu finden, die die kubanische Gesellschaft quälen.

ARMANDO CHAGUACEDA, POLITIKWISSENSCHAFTLER, KUBA
BOLÍVAR LAMOUNIER, POLITIKWISSENSCHAFTLER, BRASILIEN
ENRIQUE PATTERSON, PHILOSOPH, USA
HAROLDO DILLA ALFONSO, SOZIOLOGE, KUBA/CHILE
JAVIER CORRALES, POLITIKWISSENSCHAFTLER, USA
JEFFERSON REPETTO LAVOR, BETRIEBSWIRT, BRASILIEN
JUAN ANTONIO BLANCO GIL, HISTORIKER, KUBA
LAURA TEDESCO, POLITIKWISSENSCHAFTLERIN, ARGENTINIEN
MÁRIO MIRANDA FILHO, PHILOSOPH, BRASILIEN
MARLENE AZOR HERNÁNDEZ, SOZIOLOGIN, KUBA
MOUSTAFA HAMZE GUILART, INGENIEUR, BRASILIEN
NORGES RODRÍGUEZ, BLOGGER, KUBA
OSCAR PEÑA, JOURNALIST, USA
PEDRO CAMPOS, HISTORIKER, KUBA
ROBERTO CAJINA, BERATER, NICARAGUA
RUT DIAMINT, INTERNATIONALER AKTIVIST, ARGENTINIEN
SAMUEL FARBER, HISTORIKER UND POLITOLOGE, USA
SIMON SCHWARTZMAN, SOZIOLOGE, BRASILIEN
SIMONE MARIA FIGUEIREDO QUEIROZ, HISTORIKERIN, BRASILIEN

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Stipendien, Ängste und Attraktionen

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Die Stipendien, die von der amerikanische Organisation World Learning angeboten werden, richten sich vor allem an junge Kubaner/innen zwischen 16 und 18 Jahren. (14ymedio).

Generación Y, Yoani Sánchez, 27. September 2016 Die Frau kommt näher, ohne jede Angst oder Unsicherheit. „Wie kann sich mein Sohn um eines der Stipendien bewerben, von denen im Fernsehen die Rede ist?“, fragt sie mich schroff. Ich brauche ein paar Sekunden, um zu begreifen, wovon sie spricht, bis mir die Bilder von jungen kubanischen Studenten in den Sinn kommen, die von der Regierung dazu aufgerufen werden, das Programm der amerikanischen Organisation World Learning abzulehnen.

Sie verweilt einige Minuten an meiner Seite, ganz begierig darauf, eine Emailadresse zu bekommen, an die sie schreiben kann, um für ihren Sprössling eine Brücke zu einer anderen Realität zu bauen. Die Parolen, die die Regierung gegen die amerikanische NGO ausgestoßen hat, scheinen sie nicht zu entmutigen. Auf meine Frage, ob sie über die Kampagne der Regierung Bescheid wisse, die das Programm angreift, das auf die 16- bis 18-jährigen kubanischen Jugendlichen ausgerichtet ist, antwortet sie mir mit einem typischen kubanischen Ausspruch: “In diesem Fall ist es mir egal, ob ich der Fahrer oder der Überfahrene bin“.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, hat die Parteipropaganda in den letzten Tagen dazu beigetragen, die Bevölkerung über Stipendien zu informieren, von deren Existenz bisher nur wenige wussten

Die Angst funktioniert nicht mehr so wie früher. Vor einigen Jahrzehnten war es noch ausreichend, wenn das Staatsfernsehen ein Phänomen oder Person verteufelte, um eine Atmosphäre des Schweigens und der Angst entstehen zu lassen. Heutzutage wirkt sich die Lautstärke, mit der die Fundamentalisten gegen etwas wettern direkt proportional auf das Interesse aus, das das Objekt der Ablehnung auslöst.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, hat die Parteipropaganda in den letzten Tagen dazu beigetragen, die Information über die Existenz von Stipendien zu verbreiten, die nur einem kleinen Teil der Inselbevölkerung bekannt war.

Die Frau hat keine Angst. Sie bleibt an meiner Seite, so dass ich ihr bei dieser Kleinigkeit helfe, die es ihrem Sohn dann ermöglicht, „andere Luft zu schnuppern“. Genau wie sie, sehen auch tausend andere Eltern im ganzen Land zu, wie sich ihre „Kinder“ auf den Weg in eine Schule machen, wo sie nach dem Morgengruß die neue „Manipulation durch den Imperialismus“ ablehnen. Zuhause setzen die Erwachsenen Himmel und Hölle in Bewegung, um ihre Kinder in die Listen für die nächsten Stipendien einzuschreiben.

Übersetzung: Berte Fleissig

An Land gehen – eine Chronik von Little Havana

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Ein Blick auf Little Havana von der Flagler Street aus gesehen. Am Horizont sieht man das Finanz- und Wirtschaftszentrum von Miami, das das Fortbestehen des für Kubaner so symbolhaften Viertels bedroht. (Foto des Autors)

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PEDRO RODRÍGUEZ GUTIÉRREZ, Miami | 26. August 2016

Wo soll man anfangen? Mit dem, was am meisten beunruhigt? Mit dem ersten Tag in Little Havana? Mit diesem Ort, der Respekt einflößt? Mit denen, die laut das verkünden, was sie sich für Kuba wünschen? Mit dem Wort Freiheit, das Kubaner auf beiden Seiten der Meerenge trennt und eint? Es ist nicht so einfach mit Respekt zu beschreiben, wie kubanische Emigranten hier leben, leiden und sich freuen; sie und andere, die von weiter herkommen.

Verwirrung, Unsicherheit, aber auch Zufriedenheit überwiegen, wenn ein Immigrant im Klein-Havanna von Miami ankommt. Hier gehen jedes Jahr tausende von Kubaner „an Land“, die voller Hoffnung auf dem Land-, See-  oder Luftweg gekommen sind.

Zahllose Unvergessene, die ertrunken sind oder starben, während sie voller Hoffnung waren, leben gefühlt weiter und äußern sich in aufkeimenden Gefühlen. Aber die, die schon mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen, und die, die darauf hoffen es zu tun, bedanken sich bei den allerersten und den danach folgenden Emigranten, dass diese in Zusammenarbeit mit nordamerikanischen Regierungen eine Unterstützung für Migranten erreichten, nämlich anzukommen und mit offenen Armen aufgenommen zu werden – eine Chimäre für Millionen von Menschen auf diesem Planeten. Sicherlich eine Pfründe, die vielstimmig von Leuten mit anderen Absichten bedroht wird, auch von zunehmenden Gefahren und von Misstrauen.

„Seid ihr Kubaner? Also, dann werdet ihr keine Probleme haben“, sagte der Sergeant Gutiérrez zu den dreien, die in einem Boot über den Miami-Fluss gekommen waren und sich bei der Behörde in Le Jeune meldeten, in der Nähe des internationalen Flughafens, im Jahr, als in New York die Zwillingstürme als Folge von terroristischen Attentaten einstürzten. Es war nicht der Miami-Fluss, den sie überquert hatten. Die drei kamen von weit her, weiter als vom „Bogen“, der in der nordamerikanischen Geographie den Golf von Mexiko meint.

Verwirrung, Unsicherheit, aber auch Zufriedenheit überwiegen, wenn ein Immigrant im Klein-Havanna von Miami ankommt.

Es ist eine straffreie, glückliche und wagemutige Sorglosigkeit, mit der die Söhne der größten Antilleninsel emigrieren; die ein riesiges politisches Druckventil darstellt, dessen Wirkung man auf beiden Seiten mit Sorge betrachtet. Dieser Druck war und bleibt die Ursache für die Umwandlung eines nordamerikanischen Gebiets in eine freie kubaamerikanische Zone.

Im Südosten der Vereinigten Staaten ist ein Ort entstanden, in dem es keine Feindseligkeiten gegen Hispanos gibt, die sich in Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft (und Aussehen) vom Rest dieses großen Landes unterscheiden, in dem es kleingeistige aber einflussreiche Menschen gibt, die immer noch nicht mit dem weitaus größeren Teils des Kontinents klar kommen: dem armen aber in hohem Maße bereichernden Lateinamerika. Die Fähigkeit sich anzupassen, ist Teil des Wesens der Kubaner, wie aller Lateinamerikaner.

Eine Freundin holte die drei Angekommenen von der Polizeistation im Nordwesten ab, (wo man anordnete, dass sie sich von der Tür fernhalten sollten, es wäre gefährlich). Sie verbrachten eine Nacht in einer „Posada“, einer Herberge; was für ein kühnes Wort für das Kuba vor und nach der Revolution 1959. Zusammengepfercht versuchten sie, den Geruch von all den vielen Menschen im Raum zu ignorieren. In diesem Motel verbrachte Vicencio (einer von ihnen) die Nacht und erinnerte sich an Melba, seine ältere Schwester, eine halb-analphabetische Bäuerin in der Sierra Cristal, die – wenn Besuch kam – ihr Bett anbot und sich in einer Ecke zusammenkauerte. Aber jeder hat seine Gewohnheiten… und ändert sie bei Bedarf.

Dennoch gibt es für die Ankommenden im Miami des 21. Jahrhunderts immer noch einen herzlichen Empfang, in dieser prächtigen Stadt, gebaut auf sandigem und sumpfigem Boden. Die Neuankömmlinge, kaum dass sie die Meerenge von Florida überquert haben, lernen (oder müssen lernen), dass hier „Rette sich wer kann!“ gilt, dass an der anderen Küste der Individualismus dominiert, diese abwertende Bezeichnung für ein menschliches Wesen.

Es ist eine straffreie, glückliche und wagemutige Sorglosigkeit, mit der die Söhne der größten Antillen-Insel emigrieren; die ein riesiges politisches Druckventil darstellt, dessen Wirkung man auf beiden Seiten mit Sorge betrachtet.

Zugleich mit dem Willkommensgruß beginnen die Gastgeber ein Gespräch. Es dreht sich um die unverzügliche Suche nach Arbeit und um die Miete für eine Wohnung, damit die gerade Angekommenen unabhängig leben können. Einzelheiten, um in Freiheit zu leben wo man will.

Sie mieteten eine Wohnung in der 11. Straße Süd-West, zwischen der 11th und 12th Avenue. Ein altes Holzhaus, das einem Südamerikaner gehörte. Hier lernten sie altbekannte „Bewohner“ von Klein-Havanna kennen; Kakerlaken und Mäuse, die ihnen in der Nacht in Freiheit den Schlaf raubten. Manchmal trieben es die dicken Kakerlaken und Mäuse zu weit und wollten so nah bei ihren „Gastgebern“ sein, dass sie sie aufweckten oder sie unter der Zudecke stöhnen ließen.

 In der Dämmerung zerquetschte Vicencio noch schnell eine Kakerlake und hörte sagen, dass er das nicht die Polizei sehen lassen sollte.

  – …?

 – Hier darfst du keine Tiere quälen, sagte ein Nachbar und brach in schallendes Gelächter aus.

Die meisten Kubaner bleiben nicht für immer in Little Havana. Sie emigrieren weiter, sobald es ihnen ihre finanziellen Mittel erlauben. Die Erfolglosen, ungeliebt von den Neoliberalen, bleiben und halten die abnehmende karibische Präsenz hier aufrecht.

Dieser Abklatsch der kubanischen Hauptstadt bleibt als wunder Punkt der „dritten Welt“ bestehen und bedroht mit seiner Armut und seinem Erscheinungsbild den Tourismus, die wichtigste Industrie Miamis, von dem die Stadt lebt und unter dem sie leidet. Es sind die „Touris“, die jetzt auch von der Zika-Mücke bedroht werden. Armut ist relativ; man muss aber die lange Schlange von Menschen sehen, die jedes Jahr am Thanksgiving Day in einer langen Schlange vor der Kirche Juan Bosco stehen, um kostenlose Lebensmittel zu bekommen. Dann begreift man, dass die Situation für viele bedrückend, wenn nicht sogar erstickend ist.

Menschen aus Kuba, Mittel- und Südamerika befinden sich hier in einem fiebrigen Kampf ums Überleben

Menschen aus Kuba, Mittel- und Südamerika befinden sich hier in einem fiebrigen Kampf ums Überleben. Die Botschaft von Nicaragua in der Flagler Street bleibt aktiv, aber Klein-Havanna, das die Emigranten aufnimmt, droht zu verschwinden.

Das wirtschaftliche, politische und finanzielle Zentrum von Miami wächst auf dieses Viertel zu, mit massigen Gebäuden, mit Preisen für Wohnungen und mit Mieten, die Minderbemittelte verdrängen werden. (Der Bürgermeister Miamis schweigt, wenn man ihn auf das angekündigte und fortschreitende Verschwinden von Little Havana anspricht.) Die, die von hier weggehen, kommen auch zurück; man sieht sie am Tag der „Heiligen drei Könige“ oder beim Karneval in der 8. Straße, der Calle Ocho, wo sie vorbeikommen, sich prächtig amüsieren und sich erinnern…

Wenn Pedro sein Haus in diesem Gewirr von Gassen betritt, dann deutet alles darauf hin, dass das nicht für immer sein wird. Unvermeidbare Änderungen im nordamerikanischen Immigrationsgesetz, in der Demographie und bei Gewohnheiten (sich den amerikanischen anzupassen, ist für Herz und Hirn nicht einfach und manchmal unmöglich), die unvorhersehbare wirtschaftliche Entwicklungen Miamis und die Umwandlung von Kuba in ein lebenswertes Land, in dem man frei atmen kann – all das wird die Zahl der Kubaner im Süden Floridas deutlich reduzieren. Aber es wird noch eine Weile dauern.

Daran denke ich, während ich in Gedanken noch einmal den Miami-Fluss überquere, an den im Osten das unauslöschliche Klein-Havanna grenzt…

Übersetzung: Dieter Schubert