Erneuerung der Gelübde: Das rote Halstuch

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Kubanische Kinder bei der Zeremonie der Vergabe des Halstuchs (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 14. Juni 2018 

Drei Jahrzehnte später steht die Frau vor einer vertrauten Szene. Eine Reihe von Kindern in Grundschuluniform erhält das neue rote Halstuch, das das blaue Halstuch ersetzt, das sie vorher um den Hals trugen. Wie in einem déjà-vu hört sie ihre Tochter die gleiche Parole rufen, die auch sie in ihrer Kindheit schrie. Das auf dem Boden kniende Mädchen schwört, dem Beispiel von Ernesto Che Guevara zu folgen, so wie es ihre Mutter vor langer Zeit versprochen hat.

 Der Schultag begann sehr früh am Donnerstag den 14. Juni − der Tag, der für die Einführung der Schüler gewählt wurde, die die dritte Klasse abschließen. Jetzt sind sie Teil der Organisation José-Martí-Pioneros und haben einen Weg eingeschlagen, auf dem ideologische Exzesse und politische Manipulation sie für immer begleiten werden. Die Zeremonie gleicht einer religiösen Weihe, fast mystisch, obwohl es sich um einen atheistischen Guerillakämpfer handelt, der genau an diesem Tag 90 Jahre alt geworden wäre.

 Zum Abschluss dröhnt aus den Lautsprechern in voller Lautstärke ein Song, der Fidel Castro gewidmet ist. „Lauter, noch lauter!“, ruft der Schulleiter den Schülern zu, die das langweilige Lied Vers für Vers singen müssen. „Lauter, noch lauter, damit man es da oben hören kann!“, wiederholt er und zeigt dabei zum Himmel, wo er glaubt, dass sein Chefkommandant angekommen sein muss.

 Die Musik endet, die Kinder rufen die Parole, die sie in den nächsten Jahren wieder und wieder aufsagen werden: „Pioniere für den Kommunismus, wir werden wie der Che sein“. Sie verlassen die Reihen und kehren zu den üblichen ungestümen Spielen von Kindern zurück. “Die Erneuerung der politischen Gelübde” ist zu Ende.

            Übersetzung: Berte Fleißig

 


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Verschmutzung ohne Bestrafung

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Arsen, Erdöl und Plastikmüll überfluten die Bucht von Cienfuegos. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ | La Habana | 7. Juni 2018  

Die Aktivisten kommen in den Regenwald, um mit ihren Händen in Erdöl zu versinken, das die Pflanzen des Waldes bedeckt, tausende Kilometer entfernt hängt ein Banner an einem Heißluftballon, dessen Aufschrift die CO2 Emissionen verurteilt, und vor einer großen Bohrplattform für Erdöl protestiert eine Gruppe von Menschen. Diese Art von Aktionen sieht man auf Kuba kaum und das nicht gerade, weil man die Umwelt dort respektiert.

 Vergangene Woche wachten die Bewohner von Cienfuegos mit der Nachricht eines Ölunfalls in ihrer Bucht auf. Die extremen Regenfälle des Sturms „Alberto“ ließen die Aufbereitungsbecken der nahegelegenen Raffinerie überlaufen und 12.000 Kubikmeter Flüssigkeit gemischt mit Erdöl gelangten ins Meer. Die offiziellen Nachrichtensprecher beeilten sich den Schaden zu minimieren und der Minister für Wissenschaft, Technologie und Umwelt (CITMA) schwieg komplizenhaft.

 Keine Umweltschutzorganisation postierte sich mit Schildern vor der Raffinerie, kein einziger Chemieingenieur erhob seine Stimme in den nationalen Medien, um vor der Gefahr für die menschliche Gesundheit zu warnen und man hörte auch keine Meeresbiologen, die auf die negativen Effekte für die dortige Fauna hinwiesen. Die offizielle Version setzte sich durch und im Fernsehen sah man eine Gruppe lächelnder Arbeiter, die die mit Flecken beschmutzten Touristenschiffe reinigten.

Keine Umweltschutzorganisation postierte sich mit Schildern vor der Raffinerie, kein einziger Chemieingenieur erhob seine Stimme in den nationalen Medien, um vor der Gefahr für die menschliche Gesundheit zu warnen.

Die von den Verantwortlichen der Raffinerie in Cienfuegos begangenen Fehler wurden nicht analysiert und kein offizieller Reporter hinterfragte bei dem Unternehmen den schlechten Umgang mit Abwässern, der zu einer Umweltkatastrophe führte. Wie in so vielen bekannten Fällen erlaubte es die mangelnde Unabhängigkeit der Justiz, der Presse und der sozialen Einrichtungen, dass eine Tat straffrei blieb, die große Schlagzeilen, Strafzahlungen und öffentliches Engagement verdient hätte, damit sich so etwas nicht wiederholen kann.

 Mit derselben Akzeptanz und dem „Schutz“ des Staates werden in Autowerkstätten Kohlenwasserstoffe in Abflüsse gekippt; Polikliniken werfen ihren medizinischen Abfall in die Müllcontainer der Nachbarschaft und mehrere Unternehmen entsorgen weiterhin ihre üblen Abwässer in den Flüssen, wie in dem traurigen Fall des Almendares, der durch Havanna fließt.

 Der Staat bestraft sich selbst nicht für dieses umweltschädigende Vorgehen und aufgrund mangelnder Freiheiten kann die Zivilbevölkerung nicht drastisch und öffentlich Stellung nehmen. Mit Ausnahme von kleinen Umweltschutzgruppen, die am Flussufer Müll einsammeln, oder von Webseiten, die eine umweltbewahrende Kultur unterstützen, mangelt es Kuba an Umweltbewegungen, mit der Möglichkeit Druck auszuüben, mit einem Sitz im Parlament, um anzuprangern und der Fähigkeit, in den Straßen zu demonstrieren, um das Naturerbe zu verteidigen.

 Ohne diese Stimmen ist das Ökosystem der Insel Nachlässigkeiten, Gräueltaten und Schweigen hilflos ausgeliefert.

         Übersetzung: Lena Hartwig


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Kuba, die Menschen sprechen über ihr Land

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Ein Bild von der Flugzeugkatastrophe, aufgenommen von Anwohnern, die den Opfern zu Hilfe eilten. (CC)

In den letzten Tagen sind Bilder von zwei schrecklichen Ereignissen von einem Mobiltelefon zum anderen „gesprungen“. Zunächst waren es Videos vom Absturz der Cubana de Aviación– Maschine am 18. Mai und dann Filme von den Überschwemmungen im Innern der Insel. Bei der Tragödie wie bei der Naturkatastrophe, die informativen Kanäle der Bürger waren schneller und effektiver als die offiziellen Medien.

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Überschwemmungen in Sancti Spíritus, Kuba

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 29. Mai 2018 

Der von der Kommunistischen Partei kontrollierte Presseapparat hat schwerfällig und ungeschickt agiert, wenn man ihn mit der schnellen quasi „viralen“ Verbreitung von Nachrichten vergleicht, die wir Kubaner dank neuer Technologien nun endlich haben. Sogar die Überwachung „Minute für Minute“, mit der die Granma (das offizielle Presseorgan) ihre Webseite kontrolliert, litt unter Verzögerungen, weil man auf Autorisierungen warten musste, über welche Ereignisse man berichten durfte und wie.

Die im Umlauf befindlichen nationalen Tageszeitungen, die über ein Netz von Kioske vertrieben werden, haben alle Erklärungen von Piloten, Stewardessen und der Experten verschwiegen, die auf technische Probleme und Regressforderung hingewiesen haben, die in den letzten Jahren kennzeichnend für die mexikanische Fluggesellschaft Global Air waren. Darüber haben sich die Kubaner ausschließlich über alternative Netze unterrichtet.

In einer Mittelschule im Stadtviertel Plaza de la Revolución haben die Jugendlichen Dutzende von Videos über das Flugzeugunglück ausgetauscht und auch ein Interview mit einem ehemaligen Angestellten der mexikanischen Airline, der deutlich auf die technischen Probleme der Flugzeuge hinwies. Die Existenz solcher Zeugen in den Nachrichten zu verschweigen, erhöht nur die Distanz zwischen dem offiziellen Journalismus und der Wirklichkeit.

Während das nationale Fernsehen das eine um das andere Mal das Gesicht des Präsidenten Miguel Díaz-Canel am Absturzort der Boeing 737 zeigte, zirkulierten auf den Straßen nicht nur Videos der nahen Anwohner, die den Überlebenden zu Hilfe geeilt waren, sondern auch Videos über Vandalen, die versuchten Brieftaschen, Mobiltelefone und Geld aus den Trümmern der Maschine mitzunehmen. Dank dieser Amateurbilder wissen wir auch, wie ungeschickt sich die staatliche Rettungsmannschaft verhalten hat.

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Familien, in deren Häusern das Wasser kniehoch steht. (Baracoesa)

In diesen Tagen mit sintflutartigen Regenfällen sind es wiederum die Mobiltelefone und Kameras der einfachen Leute, die uns sehen lassen, wie die Brücke über den Rio Zaza einstürzt. Wir sehen auch die dramatische Situation der Familien, in deren Häusern das Wasser kniehoch steht; auch die Ernte haben sie verloren.

Stattdessen hat es das nationale Fernsehen vorgezogen Sendezeit für Funktionäre einzuräumen, die bei einer Rundreise den Zustand des Tabaks in Pinar del Rio begutachteten. Es gibt auch Sendezeit für ein langweiliges Parteikadertreffen, in olivgrün, wo  man versichert, dass alles „geschützt“ wird.

Während es die Zivilverteidigung nicht für nötig hielt fortlaufende Informationen anzuordnen, also Hinweise und Warnungen für die betroffenen Landesteile, warnten die Bewohner der am meisten betroffenen Orte ihre Familienangehörigen, informierten die Bewohner von nahen Siedlungen über herannahende Wassermassen eines Stausees und über die schnell steigende Wasserführung eines Flusses. Nicht nur Nachrichten und Hinweise sind von einem Mobiltelefon zum andern gelangt, sondern auch Lebenszeichen.

Es lohnt, sich diese Situation bei einer absoluten Kontrolle der Information von Seiten der Regierung vorzustellen. Wäre dann die Vorgeschichte eines Flugzeugabsturzes ans Tageslicht gekommen oder der Umfang einer Naturkatastrophe, wenn die Kubaner nicht über ihre eigenen Nachrichtenquellen verfügten,  um sich zu informieren? Die Erfahrungen der letzten Jahre, in denen die offizielle Presse diese Szene ausnahmslos beherrschte, sagen eindeutig: Nein!

Das neue Szenario bringt auch viele Gefahren mit sich: Nicht-authentische Bilder, gefälschte Videos und Fotos, die Ereignissen zugeordnet werden, obwohl sie in Wirklichkeit zu anderen gehören. Eine Lawine von Daten und Inhalten ist über die Insel gekommen. Sogar offizielle Stellen haben einige dieser Falschmeldungen als authentisch publiziert.

Dennoch, unabhängig vom Risiko der „fake news“ und der lästigen falschen Bilder, das Endergebnis ist eher positiv als alarmierend: Wir Kubaner sind gerade dabei uns zu informieren; jetzt haben wir ein eigenes Nachrichtensystem im Land und die „informative Unschuld“  hinter uns gelassen, die so lange  bösen Absichten diente.

                  Übersetzung: Dieter Schubert

 


 

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Wir verlangen Transparenz bei der Untersuchung des Flugzeugunglücks.

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Fast alle der 110 Passagiere kamen bei dem Absturz ums Leben

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 19. Mai 2018 

Die Bilder wirken hypnotisch und sind tragisch. Auf einer landwirtschaftlich genutzten Fläche nahe am Internationalen Flughafen José Martí von Havanna sieht man verstreut herumliegende Reste von dem, was wenige Minuten vorher noch ein Flugzeug war, in dem 110 Personen von der kubanischen Hauptstadt in die östliche Provinz Holguín fliegen wollten. Nur drei Passagiere konnten gerettet werden und Kuba erlebt die schlimmste Luftfahrt-Katastrophe der letzten Jahre.

 Für die Insel kommt der Absturz dieser Boeing 737-200 zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Das diplomatische Tauwetter mit Washington ist seit Monaten zum Erliegen gekommen und die Zahl der Touristen, die im ersten Quartal auf die Insel kamen, ist um 7% zurückgegangen; beides kompliziert die wirtschaftliche Lage. Ein Desaster dieser Größenordnung kann den Sektor Tourismus ernsthaft beeinträchtigen, der der Regierung erlaubt Devisen einzunehmen − unverzichtbar für die chronisch klamme Staatskasse.

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Rettungskräfte untersuchen das Wrack der abgestürzten Passagiermaschine

Auch die schwierige wirtschaftliche Situation des venezolanischen Verbündeten verschlimmert das aktuelle Panorama. Man darf aber hoffen, dass die kubanischen Behörden in den nächsten Wochen das Land für eine internationale Untersuchung öffnen werden, weil es unter den Opfern auch mexikanische und argentinische Staatsbürger gibt. Die übliche Geheimnistuerei, mit der man auf Kuba interne Untersuchungen dieser Art umgibt, wird man angesichts internationaler Forderungen nach Information auf den Prüfstand stellen müssen.

 Um den Augenblick noch mehr zu komplizieren, haben kubanische Medien jetzt mitgeteilt, dass Raúl Castro − der das Kommando über die kommunistische Partei beibehalten hat − sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen musste. Sein Nachfolger im Präsidentenamt, der Ingenieur Miguel Díaz-Canel, steht vor dem heikelsten Moment seiner Amtszeit. Diesen Donnerstag sah man ihn am Unglücksort; er zeigte sich bestürzt, vielleicht weil er den politischen Preis berechnete, den dieser Unfall ihn kosten wird.

 Trotzdem, für die Bevölkerung ist es ein Schicksalsschlag, der sie mitten ins Herz trifft, vor allem die Angehörigen der etwa hundert Kubaner, die an Bord dieser unheilvollen Maschine waren, die am 18.Mai um 12.08 Uhr am Boden zerschellte. Für sie bleibt ein tiefempfundener Schmerz über den erlittenen Verlust zurück, sie leiden unter der akribischen Identifizierung der Körper und unter der nun einsetzenden politischen Kampagne, mit der die Bürokratie jeden Schritt begleiten wird, den medizinische und politische Institutionen auf der Suche nach Antworten unternehmen werden.

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Es ist ein Schicksalsschlag, der die Angehörigen mitten ins Herz trifft.

In ihren Gedanken werden sie das eine um das andere Mal in diesen letzten Augenblicken bei ihren Lieben sein. Was diese veranlasste an Bord einer von der mexikanischen Fluggesellschaft Global Air geleasten Maschine zu gehen, wird sich als eine Folge von Zufällen erweisen. Man wird Geschichten von denen erzählen, die im letzten Augenblick kein Flugticket mehr bekommen konnten, und auch von jenen anderen, die den Flug in letzter Minute nicht antreten konnten, deren Namen nun aber auf der Liste der Opfer stehen.

 Es wird Zweifel und Fragen geben, auch Forderungen nach überzeugenden Antworten, in einem Land, in dem die Behörden jahrzehntelange Übung darin haben sparsam mit jeder Art von Information umzugehen. Aber nicht einmal dieser geschickte Umgang mit Schweigen wird verhindern, dass die Menschen die Nachrichten der letzten Wochen mit dem Unglück in Verbindung bringen, dass es für das, was an diesem Donnerstag geschah, viele Anzeichen einer vorhersehbaren Katastrophe gab.

 Die staatliche Airline, Cubana de Aviación, steckt seit Jahren in einer tiefen Krise. Wegen des schlechten Zustands ihrer Flotte aus mehrheitlich russischen Flugzeugen mit langer Betriebszeit, sind gecancelte Flüge an der Tagesordnung. Bei diesem Zustand der Maschinen ist die wichtigste Airline der Insel gezwungen immer wieder Flugzeuge anderer Gesellschaften zu leasen. Damit hat sie bei ihren nationalen Kunden zunehmend an Prestige verloren.

 Die nächsten Tage werden entscheidend sein. Von der Art, wie Behörden und die Fluglinie mit Informationen umgehen, wird maßgeblich die Reaktion der betroffenen Familien abhängen. Transparenz ist hier und jetzt empfehlenswert; es bleibt aber abzuwarten, ob sich die Regierung dazu entschließen wird.

            Übersetzung : Dieter Schubert
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Anmerkung: Diese Kolumne erschien ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle.

 

Havanna, im Jahr Null

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Für den größten Teil der Bevölkerung ist das Leben ein täglicher Kampf ums Überleben. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 17. April 2018  

Meinte Mutter wurde unter dem Castro Regime geboren, ich wurde unter dem Castro Regime geboren und auch mein Sohn wurde unter dem Castro Regime geboren. Mindestens drei Generationen Kubaner haben unter der Führung von zwei Männern mit dem gleichen Namen gelebt. Diese Uniformität ist kurz davor sich am kommenden 19. April*) aufzulösen, nämlich dann, wenn der Name des neuen Präsidenten öffentlich bekannt gegeben wird. Egal, ob er den Status quo beibehält oder Reformen anstrebt – die Machtübernahme stellt ein historisches Ereignis dar: das Ende der Ära Castro auf der Insel.

 Obwohl sich dieser Tag, den es so in den letzten 50 Jahren noch nicht gegeben hat, nähert, ist die Erwartungshaltung in den Straßen von Havanna extrem niedrig. Und das in einem Land, das kurz vor einer bedeutenden Veränderung der Nomenklatur steht, die in einigen Tagen beginnen könnte.

 Diese Gleichgültigkeit basiert auf mindestens drei Faktoren. Der erste ist die bedauerliche wirtschaftliche Lage, die den größten Teil der Bevölkerung an den täglichen Kampf ums Überleben fesselt. Politische Hirngespinste oder Prophezeiungen von einer besseren Zukunft werden von anderen, dringenderen Bedürfnissen verdrängt: etwas zu Essen auf den Tisch zu bringen, zur Arbeit und zurück zu kommen, oder zu planen, sich in Richtung anderer Breitengrade davonzumachen.

 Der zweite Grund für so viel Antriebslosigkeit, hat mit dem Pessimismus zu tun, der aus dem Glauben heraus resultiert, dass sich auch mit einem neuen Gesicht auf den offiziellen Fotos nichts ändern wird, weil die Gerontokratie in Form einer gehorsamen und streng kontrollierten Marionette weiterhin die Kontrolle behalten wird. Der dritte Grund für diesen Überdruss resultiert daraus, dass man weder andere Szenarien kennt noch Anhaltspunkte hat, um sich vorzustellen, dass es ein Leben nach der sogenannten „historischen Generation“ geben könnte.

 Anstelle von Menschen, die Fahnen auf den Plätzen schwingen, begeisterten Jugendlichen, die Parolen rufen oder epische Fotos machen, nimmt man überall ein Gefühl von Ermüdung wahr.

 Dieses fatale Gefühl, dass alles so bleiben wird wie es momentan ist, stellt die direkte Folge von sechs Jahrzehnten dar, in denen zuerst Fidel Castro und dann Raúl Castro die Insel kontrollierten, ohne dass sie jemand in den Schatten hätte drängen können oder ihre Autorität in den höchsten Regierungskreisen in Frage gestellt hätte. Durch die Tatsache, dass sie stets am Steuerrad des Staatsschiffs standen, die Opposition in die Knie zwangen und andere charismatische Führer eliminierten, haben sich beide Brüder während dieser Zeit als ein beständiger und unverzichtbarer Teil der nationalen Geschichte erwiesen.

 Mehr als 70% der Kubaner wurden nach jenem Januar 1959 geboren, in dem eine Gruppe bärtiger Männer bewaffnet und lächelnd in Havanna einfiel. Unmittelbar darauf stellten die Schulbücher, alle Pressemedien sowie die Regierungspropaganda diese „Revolutionäre in olivgrün“ als Väter des Vaterlands – als Heilsbringer und Erlöser des Volkes dar, die das Land gerettet hatten. Sie verbreiteten die Idee, dass Kuba identisch sei mit der kommunistischen Partei, mit der offiziellen Ideologie, sowie mit einem Mann namens Castro.

 Jetzt ist die Biologie kurz davor, diesem Kapitel der Geschichte ein Ende zu machen. Der kubanischen Kalender könnte jetzt mit dem Jahr null beginnen, also neu anfangen. Anstelle von Menschen, die Fahnen auf den Plätzen schwingen, begeisterten Jugendlichen, die Parolen rufen oder epische Fotos machen, nimmt man überall das Gefühl von Ermüdung wahr. Ein abweisendes Verhalten von Millionen von Menschen, deren Enthusiasmus nach einer sehr langen Zeit des Wartens verkümmert ist.

           Übersetzung: Berte Fleißig

Anmerkung der Übersetzerin:
*) Yoani Sánchez publizierte diesen Text zwei Tage vor der Wahl von Miguel Díaz-Canel zum neuen Präsidenten Kubas.
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Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle auf der lateinamerikanischen Seite veröffentlicht.

Fremdschämen

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Mehr als fünfzig regierungstreue Kubaner und ein Dutzend Venezolaner boykottierten mit dem Ruf  „Söldner“ den Beginn des Treffens zwischen Regierungsvertretern und Mitgliedern der Zivilgesellschaft. (EFE/Alberto Valderrama)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 16. April 2017  

Der Nachklang des vor kurzem beendeten Amerika-Gipfels in Lima beginnt zu verhallen. Die Veranstaltung, zu der die Mehrzahl der Präsidenten der Region zusammen kamen und die als Anstoß für Diskussionen in diversen sozialen Foren diente, gehört der Vergangenheit an. Dennoch bleiben die Bilder des blamablen Auftritts der regierungstreuen Delegation Kubas frisch im Gedächtnis.

 Die ‘Zivilgesellschaft’, die Raúl Castro nach Peru schickte, provoziert mindestens ein Gefühl des Fremdschämens. Ihre verzerrten Gesichter und ihr intolerantes Geschrei verbreiten den Eindruck, dass wir Bewohner Kubas keine Lust auf Debatten haben; uns fehlt der nötige Respekt vor Unterschieden und wir antworten auf Argumente mit Schreien.

 Mit ihrer kalkulierten Streitsucht und dem Verhalten von Streikposten, haben sie das Bild der Nation ernsthaft beeinträchtigt. Unter dem Motto „mit Kuba legst du dich nicht an“ gelang es ihnen, den Ruf dieses Landes in der Region noch mehr zu schädigen, sein Ansehen also, das bereits ziemlich in Verruf geraten ist, weil das kubanische Volk schon mehr als ein halbes Jahrhundert ein autoritäres System duldet.

Ihre Bosse in Havanna übten mit ihnen dieses traurige Spektakel ein, sie zogen sie ins Lächerliche und benutzten sie, um klar zu machen, dass sich nichts geändert hat.

Weshalb bestanden diese Stoßtrupps auf ihrem Vorgehen, obwohl sie sich der Zurückweisung bewusst waren, die sie damit hervorriefen? Weil der Eindruck, der vermittelt werden sollte, genau der einer Horde von „Automaten“ war, ohne Tiefgang und Menschlichkeit. Ihre Bosse in Havanna übten mit ihnen dieses traurige Spektakel ein, zogen sie ins Lächerliche und benutzten sie, um klar zu machen, dass sich nichts geändert hat.

 Mit der Zeit werden – wie so oft – einige der Anführer dieser Protestaktionen zu Posten mit höherer Verantwortung aufsteigen, als Preis für die Dezibel, die ihre Schreie erreichten. Andere werden auswandern; sie werden während irgendeiner Dienstreise aus dem Land fliehen und versuchen diese „Peinlichkeit“ zu vergessen, aber nie werden sie die Opfer ihrer Aggressivität um Entschuldigung bitten.

 Der neue Makel wird länger am Bild der Nation haften als die Intoleranz dieser als Bürger verkleideten Soldaten. Sie werden verschwinden, aber die Schande bleibt.

Übersetzung: Lena Hartwig


 

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Ein spanischer Botschafter am falschen Ort

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War es die Entscheidung des spanischen Botschafters Juan José Buitrago auf den Friedhof von Santa Ifigenia zu gehen und dort Blumen am Monolithen niederzulegen, der die Asche Fidel Castros bedeckt?

14ymedio bigger YOANI SÁNCHEZ |La Habana / 20. Februar 2018  

 Es ist fünf Jahre her, dass ich zum ersten Mal in Spanien war. In den sozialen Medien zirkulierte daraufhin eine Fotomontage, auf der ich am Grab des Diktators Francisco Franco zu sehen war. Bei Twitter schrieb ich ein kurzes Dementi; aber der Zwischenfall ließ mich darüber nachdenken, wie notwendig es ist, sich mit der Geschichte des Landes zu befassen das man besucht, mit seinen Symbolen, Leidenschaften und Abneigungen.

 Fünf Jahre später habe ich den spanischen Botschafter auf einem nicht-manipulierten Foto gesehen, wie er vor dem Monolithen posiert, der die Asche Fidel Castros bedeckt. Juan José Buitrago de Benito, der sein Beglaubigungsschreiben im vergangenen Mai übergab, steht in fast militärischer Haltung neben dem Grabstein des Mannes, der sich fast fünf Jahrzehnte mit Gewalt an der Macht hielt.

 Wie jeder Diplomat, erfahren in der Kunst mit schwierigen Situationen umzugehen, hätte Buitrago de Benito die Bedeutung einer Momentaufnahme abwägen müssen, ehe er zu diesen Ort ging und ein paar Blumen als Zeichen der Achtung niederlegte. Er hätte wissen müssen, dass sein Handeln beim Regierungsapparat auf begeisterten Zuspruch treffen würde, weil er für das System damit ein deutliches Zeichen seiner ideologischen Positionierung und einer politisch ähnlichen Einstellung setzte.

 Es gibt zwei Fragen, die man sich sofort stellt, wenn man ihn dort auf dem Friedhof von Santa Ifigenia in der Sonne sieht, in einer tadellosen Guayabera (traditionelles kubanisches Hemd). War es seine Entscheidung dorthin zu gehen? Wusste er von der Bedeutung, die diese Visite haben würde?

 Welche Option auch immer, sei es Naivität, die ihn in eine Falle lockte oder kalkulierte Absicht, beides lässt den spanischen Botschafter in einem schlechten Licht erscheinen.

 Für die, die seit langem die geschickten Machenschaften der kubanischen Behörden kennen, jedweden Besucher des Landes für sich zu vereinnahmen, passt es gut sich einen naiven Botschafter vorzustellen, der auf den Friedhof geht, um José Martí – dem Nationalhelden mit spanischen Wurzeln – die Ehre zu erweisen. Weil er nun schon einmal da ist, drängt man ihn auch zum nahen Monolithen von Castro zu gehen.

 Wenn dem so war, dann haben fehlende Kenntnisse über die kubanische Realität und ihre Regeln dem Botschafter einen üblen Streich gespielt. Nicht zu wissen „wie man standhaft bleibt“, um eine mit Bedacht und Hinterlist aufgestellte Falle zu vermeiden, hat bei ihm zu einer Entgleisung geführt, die mit seinem Aufenthalt bei uns verbunden bleiben wird.

 Trotzdem ist es möglich, dass es seine eigene Entscheidung war, die er traf, als er auf den Friedhof zuging. Dann sollten wir darüber nachdenken, ob er den Verstorbenen verehrte oder wenigstens seine Biographie bewunderte – die voller Heuchelei und Klischees ist – weil sie Castro als weisen und gerechten Befreier der Völker darstellt. Und es gibt noch eine schlimmere Möglichkeit: dass er mit seinem Besuch an der Grabstätte hoffte, die Gunst der kubanischen Behörden zurückzugewinnen, die nach dem Fiasko mit dem kürzlich verweigerten Besuch des spanischen Königspaares beleidigt reagierten.

 Welche Option auch immer, sei es Naivität, die ihn in eine Falle lockte oder kalkulierte Absicht, beides lässt den spanischen Botschafter in einem schlechten Licht erscheinen. Sein Besuch von Santiago de Kuba, der mit der Ankündigung der Eröffnung eines neuen Konsulats im Osten der Insel so gut begonnen hatte, hat sich für seine diplomatische Karriere in einen bedauernswerten Missgriff verwandelt.

 Noch fehlt eine Erklärung von ihm; aber ein authentisches, nicht-manipuliertes Foto sagt mehr als tausend Worte.

          Übersetzung: Dieter Schubert

 


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