Sean Penn, Sprachrohr von Drogenbossen und Generälen

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Sean Penn und Raúl Castro während des Interviews 2008, das von Hugo Chávez vermittelt wurde (Fotogramm CNN)

14ymedio.com, Yoani Sánchez, 25. Januar 2016 Angeblich sprachen sie sieben Stunden miteinander und tranken zusammen Tee und Wein. Auf der einen Seite der amerikanische Schauspieler Sean Penn, ein grimmiger Kritiker des politischen Systems in dem er lebt, auf der andere Seite Raúl Castro, kürzlich ernannter Präsident eines Landes, in dem Einige wenige die poltische Richtung bestimmen, und das seit fast sechs Jahrzehnten.

Der prominente Künstler kam aus einem Hollywood, das ihn anwiderte, und aus einem Land, in dem wer auch immer den amtierenden Präsidenten anschreien kann, dass er bald von der Bildfläche verschwinden würde. Der General, zu der Zeit fast achtzig Jahre alt, hatte billigend den Niedergang vieler Intellektueller gesehen, weil er nur verstohlen nach der Macht schielte.

Raúl Castro musste diesen Progressisten in Wohlstand und Wutausbrüchen misstrauisch und listig taxieren. Unfähig einen Text laut vorzulesen, ohne zahllose Fehler zu begehen – wie es kennzeichnend für Leute mit wenig Büchern und viel Befehlen ist – weiß der ehemalige Minister der kubanischen Streitkräfte, dass sich hinter jedem Künstler ein Kritiker totalitärer Regierungen verbirgt, den man ausschalten, zum Schweigen bringen, oder wenigstens versuchen muss zu kaufen.

Diese Begegnung fand 2008 in Havanna statt, sie war vom venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez vermittelt worden und diente nur dem Zweck, den respektlosen Penn einzuwickeln, sodass er die “Wohltaten” eines politischen Systems wiederholen würde, mit dem wir elf Millionen Kubaner leben müssen. Deswegen war das Gespräch nur ein Tanz um zu beeindrucken, ohne schroffe Bemerkungen, ohne Pistolen auf dem Tisch. Der Hauptdarsteller des Films Mystik River sollte nichts ahnen und keine Angst haben.

Es ist wahrscheinlich, dass das Treffen mit einvernehmlichen Blicken verstrich, mit sorgfältig gewählten Worten und Sätzen wie “Interviews zu geben, hat mir noch nie gefallen”, wie sie der jüngere der Brüder Castro sagt. Der zufällige Reporter sollte spüren, dass er sich langsam der verborgenen Seele eines harten Guerilleros näherte, während er in Wirklichkeit in die Fänge eines geschickt agierenden Diktators geriet. Und die Falle war effektiv…

Penn reiste aus Kuba ab und versicherte, dass sich der Raúlismo tatsächlich im Aufwind befände, zusammen mit einem jüngst eingetretenen wirtschaftlichen, industriellen und landwirtschaftlichen Aufschwung. Darüber hinaus ließ er dem Interviewten ohne nachzufragen durchgehen, dass Informationen über die Verletzung von Menschenrechten auf Kuba – wie sie Medien der Vereinigten Staaten verbreiten – “sehr übertrieben und scheinheilig wären”. Kein Journalist hätte eine solche Gelegenheit verpasst, jetzt mit einer gezielten Nachfrage auf den Grund vorzudringen, um zu versuchen so an die Wahrheit zu kommen.

Kein Journalist hätte eine solche Gelegenheit verpasst, jetzt mit einer gezielten Frage auf den Grund vorzudringen, um zu versuchen so an die Wahrheit zu kommen.

Dennoch, Sean Penn ließ sich nicht dazu bewegen. Der Grund seines Hierseins war es nicht, die Worte des Generals im Stil eines unbequemen Reporters zu hinterfragen, sondern Kuba als Pfeilspitze für seinen persönlichen Krieg gegen die Regierung der Vereinigten Staaten zu benutzen. Wir Kubaner waren in seinen Augen nicht mehr als Zahlen, Nummern, die belegen sollten, warum das “kubanische Modell” dem überlegen wäre, was vom Weißen Haus ausgeht.

Scheibchenweise räumt Penn im Nachhinein ein, dass er, “wäre er ein kubanischer Bürger gewesen” und ein solches Interview geführt hätte, vermutlich “im Gefängnis gelandet wäre”. Er sagt es aber wie jemand, der ein Vaterunser betet, ehe er einen Mitmenschen beraubt, wie jemand, der nach Freiheit schreit, sich dann aber eine Kapuze überzieht und die Hand einem Diktator reicht. Er sagt es auf eine Art und Weise, die nicht überzeugt.

Jahre später wird Penn nach dem gleichen Modus Operandi vorgehen. An dem gottverlassenen Ort Sinaloa interviewt er Joaquín Guzmán Loera , genannt El Chapo; den blutrünstigen Chef eines Drogen-Kartells, der 2015 spektakulär aus einem Gefängnis ausgebrach und so der mexikanischen Justiz abhanden kam. Der Liebhaber von Kaviar und Privatflugzeugen beugt wieder einmal die Knie vor der Macht, er wird zum Bauchredner für eine Geschichte, wie sie von einem weiteren schuldigen Prominenten erzählt wird, der sein Image korrigieren will.

Auch bei dieser Gelegenheit gab es einen Paarungstanz auf offener Bühne, wo der, der die Kontrolle über das Gespräch hatte, seine naive Beute manipulierte, obwohl diese glaubte, selbst die Regeln zu bestimmen. El Chapo wickelte den Gewinner zweier Oscars ein, so wie es Raúl Castro vor ihm in Havanna getan hatte.

Der Schauspieler und Journalist lieferte sich seinem Interviewten aus, machte Scherze mit ihm, gab ihm die Hand. Bei dem Gespräch ist es sein Gegenüber, der den Rhythmus bestimmt und die Themen diktiert. Die Idee des Verbrechers, an dessen Händen so viel Blut klebt, ist es, sich als Produkt einer korrumpierten Gesellschaft darzustellen, als jemand, der von äußeren Zwängen geprägt wurde und aus brutalem Handeln revolutionäre Taten machte.

Dennoch, weit entfernt von allen Widrigkeiten und Zusammenhängen, es gab einen Augenblick, in dem sich sowohl Raúl Castro wie auch El Chapo Guzmán fragen konnten, wie groß der Schaden ist, den sie angerichtet haben, und wie lang die Spur aus Unglück und Schmerz ist, die sie hinter sich herziehen. Das größte Versagen des allzu nachgiebigen Reporters war es, nicht hartnäckig genug nachgefragt zu haben, warum keiner von beiden Schuldgefühle zeigte, sondern nur die kalte Sturheit von politischen Führern.

Penn verpasste erneut die Gelegenheit eines Journalisten und wurde so zum traurigen Sprachrohr für Drogenbosse und Generäle.

Übersetzung: Dieter Schubert

Die halbseitige Lähmung der offiziellen Presse

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Das kubanische Fernsehen unterliegt nach wie vor dem strengen Monopol der Kommunistischen Partei um an einer parteiischen Linie festzuhalten, die die Vielschichtigkeit Kubas nicht repräsentiert.

Generación Y, Yoani Sánchez, 06. Januar 2016 Manchmal würde ich gerne in jenem Land wohnen, das im Fernsehen gezeigt wird. Jenes Land voller Hoffnungen, so wie es von der offiziellen Presse verbreitet wird, mit der rosafarbenen Tönung eines Trugbilds. Ein Ort aus Requisiten und Parolen wo die Fabriken einen Produktionsüberschuss aufweisen und die Angestellten zu “Helden der Arbeit” ernannt werden. In jenem Kuba, das von unseren Antennen empfangen wird und auf unsere kleinen Bildschirme gelangt, ist kein Platz für Krankheiten, Schmerz, Frustration oder Ungeduld.

Die offizielle kubanische Presse hat in den vergangenen Jahren versucht, sich der Realität des Landes anzunähern. Verschiedene junge Gesichter waren in den Fernsehprogrammen zu sehen, um über Nachlässigkeiten der Behörden, schlecht erbrachte Dienstleistungen oder Beschwerden einzelner Verbraucher im Bezug auf ein bürokratisches Verfahren zu berichten. Trotzdem ist der staatliche Journalismus noch weit von der Objektivität und dem Respekt vor der Wahrheit entfernt.

Die offizielle kubanische Presse hat in den vergangenen Jahren versucht, sich der Realität des Landes anzunähern, ist aber trotzdem noch weit von der Objektivität und dem Respekt vor der Wahrheit entfernt.

Fernsehen, Radio und Zeitungen unterliegen nach wie vor dem strengen Monopol der Kommunistischen Partei, und das nicht nur aufgrund ihrer ideologischen Unterordnung, sondern auch, weil sie aus der Staatskasse – also mit dem Geld aller Kubaner – finanziert werden, das genutzt wird, um an einer parteiischen Linie festzuhalten, die die Vielschichtigkeit Kubas nicht repräsentiert.

Die Themen, die von den Journalisten dieser parteiischen Presse behandelt werden, repräsentieren die Interessen einer Ideologie und die der Machthabenden, und nicht etwa die des gesamten Volkes. Sie wagen es zum Beispiel in ihren Reportagen nie, die Autoritäten und das aktuelle politische System zu hinterfragen und auch die Organe der Staatssicherheit oder die Vorgehensweise der Polizei gehören zu den Tabuthemen.

Jedoch verrät die offizielle Presse die Grundsätze einer ausgewogenen und unparteiischen Berichterstattung vor allem dann, wenn sie Erklärungen abgibt, Stimmen zu Wort kommen lässt oder Meinungen verbreitet. Aufgrund der Pressezensur gelangen nur jene an die Mikrofone, die mit der Regierung einverstanden sind und den Maßnahmen der Führungsriege applaudieren.

Niemals wird jemand interviewt, der anders denkt, dagegen ist oder der meint, das Land sollte andere politische und wirtschaftliche Wege gehen. Die Einstimmigkeit füllt weiterhin die Bildschirme und Nachrichten, auch wenn die kontroversen Meinungen schon lange in den Bussen, in den Geschäften, in den Fluren von Institutionen und sogar in den Unterrichtsräumen lautstark zu hören sind.

Zum Jahresbeginn hat eine Lawine von Berichterstattungen das TV-Programm überrollt. Die Protagonisten waren junge Menschen, die versicherten, im “bestmöglichen aller Länder” zu leben, sie lachten selbstbewusst der Zukunft entgegen und träumten nicht vom Auswandern. Bei dieser Berichterstattung kam niemand zu Wort, der sich gerade darauf vorbereitete, Kuba zu verlassen, niemand, der aufgrund seiner beruflichen Perspektiven frustriert war oder in die Illegalität abtauchen musste, um zu überleben.

Die Einstimmigkeit füllt weiterhin die Bildschirme und Nachrichten, auch wenn die kontroversen Meinungen schon lange in den Bussen oder den Geschäften lautstark zu hören sind.

Nicht ein Selbstständiger, der sich über die hohen Steuern beschwert; und das in fast 70.000 Stunden TV-Sendezeit im Jahr. Eltern, die aufgrund der zunehmenden Gewalt auf den kubanischen Straßen besorgt sind, haben auch keinen Platz in den Medien. Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden, erscheinen nicht auf den Bildschirmen um ein Gesetz zu fordern, das sie vor Missbrauch schützt. Über die Rassendiskriminierung sieht man nur Fachleute sprechen, die das Thema nur zurückhaltend angehen, während kein Bürger die überhöhten Preise in den staatlichen Geschäften infrage stellt.

Die Lehrer, deren Gehalt nicht ausreicht, um ein würdiges Leben zu führen, finden für ihre Forderungen genauso wenig Echo in den Medien wie der verprügelte Dissident, der Respekt gegenüber seiner Meinung fordert. Der Häftling, der die schlechten Bedingungen in den Gefängnissen anprangert, hat genauso wenig eine Chance, das vor einer Kamera zu tun wie die Patienten, die Opfer von Verstößen gegen die medizinische Ethik geworden sind, oder von einer schlechten Behandlung im öffentlichen Gesundheitssystem.

Dieser gesamte Bereich Kubas, der größte Bereich, bleibt bei den autorisierten Medien außen vor. Denn das, was die offizielle kubanische Presse macht, ist kein Journalismus, sondern Werbung für die Ideologie des Regimes. Auch wenn sie viele Fachleute mit Universitäts- und postgradualen Abschlüssen hat, haben diese nicht die Freiheit, Informationsjournalismus auszuüben. Anstatt nach der Wahrheit zu suchen, versuchen sie uns ihr Kriterium aufzuzwingen. Was sie machen, kann man nicht einmal “Presse” nennen.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Der tödliche Kuss der kontrollierten Preise

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Die offizielle Presse schreibt die Verantwortung für die hohen Preise vieler Nahrungsmittel den privaten Produzenten zu. (14ymedio)

Generación Y, Yoani Sánchez, 04. Januar 2016 Ich war zehn Jahre alt, als Fidel Castro die wirtschaftliche Schlacht eröffnete, die er „Berichtigung von Fehlern und negativen Tendenzen“ nannte. Die Wut des Máximo Líder (Größter Führer) traf damals die privaten Bauern und die Zwischenhändler, die mit deren Produkten Handel betrieben. Die Plaza de Cuatro Caminos in Havanna, die auch unter dem Namen Mercado Único (Einziger Markt) bekannt ist, wurde von Offizieren gestürmt und nach dieser Razzia verschwanden Zwiebeln, Bohnen, die pfeffrige Paprika und sogar die Malanga, eine essbare Knolle eines Aronstabgewächses, aus unserem Leben.

Fast ein Jahrzehnt später, als das Land mit seiner Unterversorgung und der Lebensmittelknappheit seinen Tiefstand erreichte, gestattete die Regierung erneut die privaten Bauernmärkte. Als ich mich zum ersten Mal einem Stand näherte und einen Zopf Knoblauch kaufte, ohne mich dabei verstecken zu müssen, war es, als ob ich einen Teil meines Lebens zurückbekommen würde, den sie mir genommen hatten. Jahrelang mussten wir auf illegale Märkte zurückgreifen, auf die Unsicherheit des Schwarzmarktes, um ein Pfund Bohnen oder Kreuzkümmel zu kaufen, mit dem man das Essen würzen konnte.

Die Rückkehr dieser Bauernmärkte war jedoch nicht frei von Angriffen und Feindseligkeiten von Seiten der Regierung. Die offizielle Presse machte die privaten Produzenten für die hohen Preise vieler Lebensmittel verantwortlich und die Figur des Zwischenhändlers wurde auf extreme Weise verteufelt. In der letzten Nationalversammlung kam sogar die Idee auf, eine Festpreisbindung für bestimmte landwirtschaftliche Produkte einzuführen, um die Händler damit zu zwingen, die Kosten für die Produkte zu senken.

Wir Konsumenten müssten die Suppe auslöffeln, denn diese Maßnahme löst weder das Problem der niedrigen Produktivität unserer Felder, noch das der lächerlich niedrigen Löhne

Auf den ersten Blick schien diese Maßnahme günstig für die Konsumenten zu sein. Wer würde es nicht für eine gute Nachricht halten, dass ein Pfund Schweinefleisch ohne Knochen nicht mehr als 30 kubanische Pesos kosten und es nie mehr den astronomischen Preis von 50 Pesos erreichen würde, der am Ende des Jahres 2015 auf dem Egido-Markt in Havanna verlangt wurde. Die anfängliche Reaktion der Kunden war positiv, denn eine Zitrone würde nicht mehr einen oder ein Pfund Papayas nicht mehr fünf kubanische Pesos kosten. Jedoch lauern hinter den regulierten Preisen noch größere Übel.

Was passieren könnte ist, dass die Produkte, die von den Preiskontrollen betroffen wären, von den landwirtschaftlichen Märkten verschwinden und wieder in den “Untergrund“ abtauchen würden. Wir könnten an der Ecke kein Pfund Zwiebeln mehr kaufen, wie wir es in den letzten zwei Jahrzehnten gemacht haben, sondern wir würden in die Zeiten zurückkehren, als wir versteckt in einer Straße oder im Nirgendwo illegal direkt mit dem Produzenten oder den verfolgten Zwischenhändlern Geschäfte machten.

Wir Konsumenten müssten die Suppe auslöffeln, denn diese Maßnahme löst weder das Problem der niedrigen Produktivität unserer Felder, noch das der lächerlich niedrigen Löhne.

Wirtschaft plant man nicht nach Belieben und man verwaltet sie nicht durch Einschränkungen, sondern sie ist ein zerbrechliches Geflecht, wo Misstrauen und überzogene staatliche Kontrolle wie eine tödliche Umarmung wirken, die sie ohne die Fähigkeit selbstständig atmen zu können zurücklässt. In diesem festen Griff werden die kontrollierten Preise zum gefürchteten tödlichen Kuss, der dem Handel die Luft zum Atmen nimmt und ihn leblos zurücklässt.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Die Bohnen, ach die Bohnen!

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Bohnen erweisen sich als bewährter Indikator, um die Lebenskosten auf Kuba zu kalkulieren.

Generación Y, Yoani Sánchez, 31. Dezember 2015 Sie sind winzig und geschmackvoll und scheinen uns geradezu vom Teller aus anzuschauen und sich über die Mühen lustig zu machen, die man auf sich nehmen muss, um sie überhaupt zu bekommen. Dabei sind Bohnen nicht nur ein wichtiger Teil unserer traditionellen Küche, sondern erweisen sich auch als ein bewährter Indikator, um die Lebenskosten auf Kuba zu kalkulieren. Der Preisanstieg, den diese wohlschmeckenden Winzlinge im letzten Jahr erlebt haben, ist der Beweis für die katastrophale Wirtschaftspolitik Raúl Castros.

Als der frühere Minister der Streitkräfte im Februar 2008 die Präsidentschaft Kubas übernahm, setzten viele auf die Pragmatik seiner Amtsführung. Seine Anhänger wiederholten ununterbrochen den Satz, in dem er versichert, dass “Bohnen wichtiger als Kanonen” seien. Sie prophezeiten, dass die nationale Landwirtschaft wie einige vom Verteidigungsministerium (Minfar) und vom Jugendheer der Arbeit (EJT) verwaltete Anwesen verwaltet werden würde.

Hoffnungen, welche die so treffende Maxime José Martis “Ein Land gründet sich nicht so, wie ein Lager geleitet wird” übersehen. Das Verhalten eines Soldaten im Schützengraben kann niemals auf eine Stufe gestellt werden mit dem Arbeitstag eines Bauern und der Befehl eines Offiziers, sich krumm und buckelig zu arbeiten, hat nichts gemeinsam mit den Anstrengungen eines Bauern, jemanden zu finden, der die Ernte einbringt.

Die Ergebnisse, die Raúl Castro mit seinen viel gepriesenen Methoden erzielte, liegen nicht weit von dem Wenigen entfernt, das Fidel Castro mit seinen hochtönenden land- und viehwirtschaftlichen Projekten erreicht hatte.

Die Reden Raúl Castros während der ersten Jahre seiner Amtszeit als Präsident bezüglich der Bekämpfung der widerspenstigen Marabú-Pflanze, ließen die Hoffnungen genauso aufleben wie seine Ankündigung, dass bald bei jedem Kubaner ein Glas Milch auf dem Frühstückstisch stehen wird. Die Anhänger Raúl Castros erhofften sich aufgrund dieser Bekundungen, dass die Lebensmittelproduktion in Gang kommen würde und dass die Preise auf dem Niveau landen würden, wo auch die realen Löhne und Gehälter angesiedelt sind. Aber es geschah weder das Eine noch das Andere.

Anstelle dessen haben die Verbraucher in den letzen Jahren einen bedeutenden Anstieg der Preise für landwirtschaftliche Produkte erlebt. Wenn das Jahr mit einem Preis von 12 – 15 kubanischen Pesos für ein Pfund Bohnen begann, so pendelte der Preis im Dezember zwischen 15 und 20 Pesos – dem Verdienst eines Arbeitstages. Für ein Pfund Kichererbsen muss nun der unglaubliche Preis von 30 Pesos bezahlt werden.

Währenddessen ist der Durchschnittslohn nur von 581 auf 640 Pesos gestiegen. Ein symbolischer Anstieg, der bezüglich der Kaufkraft der Arbeiter  kaum drei Pfund Bohnen mehr pro Monat bedeutet. Die Ergebnisse, die Raúl Castro mit seinen viel gepriesenen Methoden erzielte, liegen nicht weit von dem Wenigen entfernt, was Fidel Castro mit seinen hochtönenden land- und viehwirtschaftlichen Projekten erreichte.

Momentan ist es leichter, einen Apfel zu finden, der Tausende von Kilometern an Entfernung gereist ist, als eine Orange oder eine Chirimoya, die auf unseren Feldern angebaut wurde.

Die Bereitstellung von Boden zur Nutznießung stieß allerdings mit Bürokratie, übertriebenen Kontrollen sowie dem schlechten Zustand der Anbauflächen zusammen. Der Großmarkt El Trigal in Havanna, eine Art Versuchsprojekt, besteht heute aus leer stehenden Hallen, verkommenen Bananenstauden sowie überhöhten Preisen. Momentan ist es leichter, einen Apfel zu finden, der Tausende von Kilometern an Entfernung gereist ist als eine Orange oder eine Chirimoya, die auf unseren Feldern angebaut wurde. Im nächsten Jahr wird das Land wohl 1.940 Millionen Dollar für den Lebensmittelimport ausgeben und die Gespräche zum Kampf gegen den Marabú wurden noch nicht wieder aufgenommen.

 “Ich muss mir die Bohnen verdienen”, rechtfertigt sich ein Lehrer, der nach seinem Arbeitstag Schweinefleisch mit einer Portion Moros y cristianos (Schwarze Bohnen und Reis) zubereitet, die er illegal den Arbeitern eines Krankenhauses verkauft. Ja, unser Leben ändert sich, es geht aufwärts oder abwärts, rund herum um dieses kleinen, wohlschmeckenden Winzlinge, die wir uns auf unserem Teller wünschen. Teuer und schmackhaft sind sie der beste Indikator für das Scheitern des Generals.

Übersetzung: Berte Fleissig

Die Ehe zwischen Venezuela und dem Chavismus ist gescheitert

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Nicolás Maduro, Präsident von Venezuela. (EFE)

Generación Y, Yoani Sánchez, 07. Dezember 2015 Dieses Mal halfen weder Betrug noch Angst. Wie eine Frau, die über lange Zeit von ihrem Ehemann missbraucht und bedroht wurde, schlug Venezuela dem Chavismus die Tür vor der Nase zu und das mit Entschlossenheit. Von nun an wird das Regieren für Nicolás Maduro zu einem steinigen Weg. Mit einer im Parlament absolut unterlegenen Partei bleibt dem Nachfolger von Hugo Chávez nichts anderes übrig, als gegen seine eigenen Gesetze zu verstoßen, um seinen Willen als Präsident durchzusetzen.

Dasselbe Volk, an das der Präsident der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) von der Tribüne appelliert, um seinen Amtsmissbrauch zu rechtfertigen, hat nun nein gesagt, nein zum Sozialismus des 21. Jahrhunderts und zum Projekt des Landes, das vom (als „Oficialismo“ bezeichneten) Regierungsblock vorangetrieben wird. Die politische Kraft, deren Führung die südamerikanische Nation in Unsicherheit, Mangel, Korruption und unhaltbare Polarisierung stürzte, hat nun eine klare Abfuhr erteilt bekommen.

Die Menschen haben es satt. Sie haben genug von den provokanten Reden, der Angst auf den Straßen, der anhaltenden Auswanderung der Jugendlichen und der alles zerfressenden Unbeständigkeit, die sich im letzten Jahr noch verschärft hat. Zudem bestraften die Wähler mit ihren Stimmen eine Partei, die nicht für alle regierte, sondern nur für einen Teil der Gesellschaft, den sie systematisch gegen Andersdenkende aufhetzte.

Mit dem Stimmzettel in ihren Händen haben die Venezolaner einen friedlichen Wandel herbeigeführt, ohne dabei der Gewalt zu verfallen

Mit dem Stimmzettel in ihren Händen haben die Venezolaner einen friedlichen Wandel herbeigeführt, ohne dabei der Gewalt zu verfallen oder eine bewaffnete Revolution anzuzetteln. Maduro hat so geerntet, was er mit seiner schlechten Führung gesät hatte. Seine vor den Wahlen abgegebenen Erklärungen, in denen er unter anderem damit drohte, von der Straße zu kämpfen, sollte seine Partei eine Niederlage einfahren, bestärkten nur noch eine bereits gefällte soziale Entscheidung. Mit seinen Worten führte er letztendlich seinen eigenen Untergang herbei.

Denn es gibt einen Moment, in dem dem Opfer bewusst wird, dass sein Peiniger auch nur ein schwaches menschliches Wesen ist, das man überwältigen kann. Diesen Punkt erreichte die venezolanische Bevölkerung am 6. Dezember diesen Jahres, als sie mit ihrer Wahl deutlich machte, dass der Chavismus weder ewig währt noch beliebt ist. Das Ergebnis beweist, dass die Menschen die Angst verloren haben, die der nun 17 Jahre andauernde Autoritarismus im Land verbreitet hatte. Diese krankhafte Mischung aus Abhängigkeit und Angst sollte die Bevölkerung gefügig machen.

Die Wahlergebnisse richten sich auch gegen die Plaza de la Revolución* in Havanna. In dem dunklen Netz aus Geheimnissen dieser Regierung, die mehr als fünf Jahrzehnte lang keine Wahlen zuließ, formte man die Machtfigur des Hugo Chávez und das gleiche versuchte man auch mit Nicolás Maduro. Doch der Plan ging nicht auf, denn man stieß auf eine Bevölkerung, die sich wehrte, eine Opposition, die es trotz aller Differenzen geschafft hat, sich zu vereinen, und auf eine internationale Gemeinschaft, die die Reihen der Kritiker der Methoden des PSUV schloss.

Das Machtzentrum, das von Miraflores** aus finanziert und durch die prahlerische Politik von Chávez sowie durch den Machtmissbrauch des aktuellen Präsidenten verkörpert wurde, beginnt die Waffen niederzulegen. Venezuela sieht bereits einen Ausweg und kann für eine Insel der Anstoß sein, die es noch nicht wagt, der Unterdrückung durch die Regierung ein Ende zu setzen, ihr die Tür vor der Nase zuzuschlagen und sie aus der Zukunft des Landes zu verbannen.

Anmerkung d. Übers.:

*Die Plaza de la Revolución (Platz der Revolution) ist ein öffentlicher Platz im gleichnamigen Stadtbezirk von Havanna. Dort befindet sich das politische und administrative Zentrum des Landes.

**Der Miraflores-Palast ist die offizielle Residenz des Präsidenten von Venezuela.

 

Übersetzung: Lena Hartwig

 

IMO, die „Person“ des Jahres auf Kuba

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Eine kubanische Migrantin surft in einer Unterkunft in Liberia, Costa Rica, mit ihrem Handy im Internet (Foto 14ymedio)

Generación Y, Yoani Sánchez, 28. November 2015 Der Dezember steht vor der Tür und bald werden unzählige Listen der Protagonisten des Jahres 2015 auf Kuba veröffentlicht werden. In einem Land, dass in diesen zwölf Monaten Besuch von einem Papst, einem Außenminister und sogar von Mick Jagger erhielt, ist dies eine schwierige Aufgabe. Dennoch, die „Person“, die den gesamten Beifall einheimst, ist weder ein Politiker noch ein Kirchenoberhaupt noch ein Rockstar. Es handelt sich dabei um eine Handy Applikation, mit einem kurzen Namen und einer großen Wirkung in unserem Alltag: IMO.

Diese App für Videoanrufe, mit mehr als 150 Millionen Benutzerkonten weltweit, tauchte vor einem halben Jahr in unserem Alltag auf, um Entfernungen zu verkürzen und Familien wieder zu vereinen. Mit einer einfachen Benutzeroberfläche und der Fähigkeit sich an unsere langsamen Internetverbindungen anzupassen, hat IMO es geschafft, das zu ermöglichen was das Inseldasein und die Politiker über eine so lange Zeit hinweg eingeschränkt hatten: Den Kontakt mit dem Rest der Welt.

Das Start-up-Unternehmen mit Sitz in Palo Alto, Kalifornien, das diese Anwendung für Textnachrichten, Sprach- und Videoanrufe entwickelt hat, wurde von einem der zehn ersten Mitarbeiter von Google gegründet, der versichert, dass es ihm gefällt an „anspruchsvollen Projekten“ zu arbeiten. Diese Aussage wurde auf Kuba umfassend bestätigt, wo sich die App, trotz der vielen technologischen Hindernisse, wie ein Virus auf den Mobiltelefonen und Tablets verbreitet hat.

Wer behauptet, dass die Technologie uns voneinander entfernt und uns in Einsamkeit hüllt, sollte einmal durch den Bereich des Wifi-Hotspots von La Rampa in Havanna spazieren.

Wer behauptet, dass die Technologie uns voneinander entfernt und uns in Einsamkeit hüllt, sollte einmal durch den Bereich des Wifi-Hotspots von La Rampa* in Havanna spazieren. Dort kann er die Freudentränen und die lächelnden Gesichter sehen, die diese Anwendung hervorruft, wenn sie Kubaner auf der ganzen Welt miteinander verbindet. Die Emotionen sind fast genauso als würden sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Wenn es die einzige Möglichkeit ist mit den Menschen, die wir lieben in Kontakt zu treten, dann hat ein Bildschirm nichts Kaltes und eine Tastatur nichts Unmenschliches an sich.

Die Ecke zwischen den Straßen Calle Infanta und Calle 23, es ist ein ganz normaler Samstag. Eine Frau zeigt ihrem Sohn, den sie seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat, ihre neue Haarfarbe und seine Schwester hat den Hund mitgebracht, damit auch er ein Teil dieses Moments sein kann. Daneben hält sich ein junger Mann, nicht älter als 20, das Handy vors Gesicht und wiederholt beharrlich „Beeil dich und hol mich hier raus“. Über IMO haben wir in den letzten Monaten unsere Hoffnungen und unsere Verzweiflung geteilt.

Selbst die Prostitution mit ausländischen Besuchern wurde durch die App „technologisiert“. Jetzt wird „die Ware“ sogar schon betrachtet, bevor der Kunde überhaupt auf der Insel ist. Neulich filmte ein junges Mädchen ihren ganzen Körper mit der Kamera eines Tablets, während aus den Lautsprecher jemand mit deutschem Akzent fragte, ob sie wirklich schon 18 sei.

Trotzdem verdient IMO den Titel der „Person“ des Jahres, vor allem wegen ihrer Schlüsselrolle in der Migrationskrise, die fast 4000 Kubaner betrifft, die  auf dem Landweg in die USA flüchten wollten und an der Grenze zwischen Costa Rica und Nicaragua festsaßen. Während die staatlichen Medien das Drama dieser Menschen verschwiegen, ermöglichte es ihnen diese Applikation ihre Familien auf Kuba über ihr Schicksal dort auf dem Laufenden zu halten.

Anmerkung. d. Übers.:

* Als „La Rampa“ wird in Havanna der Straßenabschnitt Calle 23 zwischen der Straße Calle L und der berühmten Uferpromenade „Malecón“ bezeichnet. Dort befinden sich viele der bekanntesten Treffpunkte Havannas.

 

Übersetzung: Anja Seelmann

Von der Information zur Aktion

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Yoani Sánchez nimmt den Journalistenpreis “Knight de Periodismo Internacional 2015” entgegen. (@karinkarlekar)

Generación Y, Yoani Sánchez, 12. November 2015 Meine Großmutter konnte nur den ersten Buchstaben ihres Namens schreiben: Sie unterschrieb Dokumente mit einem großen “A”, also fast wie ein Kind. Obwohl sie Analphabetin war, riet Ana mir mit Nachdruck, dass ich studieren solle, um all das zu lernen, was man lernen könne. Obwohl diese Wäscherin nie eine Schule besucht hatte, erteilte sie mir die wichtigste Lektion in meinem Leben: dass Zähigkeit und harte Arbeit notwendig sind, wenn man seine Träume verwirklichen will. Sie schärfte mir ein, dass es darauf ankomme zu handeln, auf “Aktionen” mit einem großen “A”, wie der einzige Buchstabe ihres Namens, den sie schreiben konnte.

Handeln kann dennoch zu einem Problem werden, wenn es nicht parallel von Information begleitet wird. Ein ahnungsloser Bürger wird zu einer leichten Beute für die Mächtigen und sicher auch ein Opfer von Manipulation und Kontrolle. Mehr noch: einen Menschen ohne Informationen, kann man nicht als mündigen Bürger bezeichnen, weil seine Rechte ständig verletzt werden und er nicht weiß, wie er diese einfordern kann, oder was er tun muss, um sie wiederherzustellen.

Eine strenge Kontrolle der Presse und eine abgrundtiefe Verachtung für den freien Zugang zu Information, sind für alle autoritären Regime charakteristisch. Für solche politischen Systeme ist der Journalist ein lästiges Individuum, das man bändigen, zum Schweigen bringen oder eliminieren muss. Es handelt sich hier um Gesellschaften, in denen ein Journalist nur dann Anerkennung findet, wenn er offizielle Verlautbarungen wiederholt und Loblieder auf das System singt.

Hin und her gerissen zwischen meiner Wissbegierde und einer Mauer des Schweigens, mit der die offizielle kubanische Presse so viele Themen umgab, wuchs ich zu der Person heran, die ich heute bin.

Seit vierzig Jahren lebe ich unter einer Regierung, für die Information Verrat ist. Anfangs, als ich anfing zu lesen und begann, mich mit der nationalen Presse zu beschäftigen, mit ihren optimistischen Schlagzeilen und mit ihren Zahlen der wirtschaftlichen Planübererfüllung, glaubte ich felsenfest an das, was die Zeitungen berichteten. Und das Land, das es so nur in der Druckerschwärze offizieller Tageszeitungen der kommunistischen Partei Kubas gab, glich dem, was meine Lehrer mir in der Schule erklärten, dem in den Handbüchern für Marxismus und den Reden des Máximo Líder Fidel Castro, aber es entsprach nicht der Wirklichkeit.

Hin und her gerissen zwischen meiner Wissensbegierde und einer Mauer des Schweigens, mit der die offizielle Presse so viele Themen umgab, wuchs ich zu der Person heran, die ich heute bin. Wie bei vielen anderen Landsleuten auch, bestand meine erste Reaktion darin, angesichts von so viel Manipulation und Zensur einfach damit aufzuhören ein Presseorgan zu lesen, das sich der Macht unterwarf; also jene Propaganda zu lesen, die sich mit der Maske des Journalismus tarnte. Wie Millionen Kubaner suchte auch ich nach unterdrückter Information, nach zensierten Nachrichten, und lernte so ausländische Radiosendungen zu hören, obwohl diese von der Regierung mit Störfrequenzen überlagert wurden.

Ich geriet in Beklemmung, wenn ich keine Information bekam. Aber dann kam ein anderer Moment. Ein Moment, in dem ich zu “Aktion” überging. Es reichte mir nicht mehr, all das zu wissen, was sie mir verheimlichten und den Wahrheitsgehalt von so vielen betrügerischen Statistiken und von ebenso vielen hochtrabenden Leitartikeln zu entschlüsseln. Ich wollte zu denen gehören, die von der Wirklichkeit in Kuba berichteten. Deswegen fing ich mit meinem Blog Generación Y an, im April 2007, mit dem ich mich auf den Weg machte ein Informant und Journalist zu werden. Ein Weg ohne Umkehr, voller Gefahren, Belohnungen und großer Verantwortung.

Während der letzten acht Jahre habe ich alle Extreme des Journalistenberufs erlebt, die Ehrungen, die Schmerzen und auch die Frustration, nicht den Zugang zu einer Konferenz zu erhalten, den die offizielle Presse abhielt; aber auch das Wunder einem einfachen Kubaner auf der Straße zu begegnen, der mir ein hervorragendes Zeugnis ausstellte. Ich habe Momente erlebt, in denen ich diesen Beruf geliebt habe, und andere, wo ich mir gewünscht hätte, niemals das erste Wort geschrieben zu haben. Es gibt keine Journalisten, denen ihre Dämonen nicht im Nacken sitzen.

Ich glaube nämlich, wenn wir schon viel früher zu “Aktion” übergegangen wären und das Recht auf Information für uns und andere in Anspruch genommen hätten, dass Kuba heute ein Land sein könnte, in dem “Journalist” nicht ein Synonym für einen gezähmten Berufsstand oder einen flüchtigen Verbrecher wäre.

Heute leite ich ein Pressemedium: 14ymedio. Es ist die erste unabhängige Tageszeitung, die auf Kuba erschienen ist. Ich bin nicht mehr die Jugendliche, die damals die Augen von der offiziellen Presse abwandte, alternative Nachrichtenquellen suchte und später mit einem Blog anfing, wie jemand, der ein Fenster öffnete, um ins Innere des Landes blicken zu können. Jetzt habe ich eine neue Verantwortung. Ich führe ein Team von Journalisten, die Tag für Tag die Grenze zur Illegalität überschreiten müssen, um ihre Arbeit zu tun.

Ich bin verantwortlich für jeden einzelnen Berichterstatter, die zusammen die Redaktion unserer Zeitung bilden. Die schlimmsten Momente sind die, wenn einer von ihnen von einer Recherche nicht zurückkommt und wir seine Familie in Kenntnis setzen müssen, dass er verhaftet wurde und verhört wird. Das sind jene Tage, an denen ich wünschte, das erste Wort nicht niedergeschrieben zu haben …das erste Wort …damals nicht niedergeschrieben zu haben, sondern schon viel früher.

Ich glaube nämlich, wenn wir schon viel früher zu “Aktion” übergegangen wären und das Recht auf Information für uns und andere in Anspruch genommen hätten, dass Kuba heute ein Land sein könnte, in dem “Journalist” nicht ein Synonym für einen gezähmten Berufsstand oder für einen flüchtigen Verbrecher wäre. Aber wenigstens haben wir angefangen zu handeln. Wir sind von Information zu Aktion übergegangen, um zu helfen, eine Nation mittels Nachrichten, Reportagen und Journalismus zu verändern. Es ist eine “Aktion” mit einem großen “A”, wie der Buchstabe, den meine Großmutter unter ein Dokument schrieb, ohne wirklich zu wissen, was dieses sagte.


Anmerkung der Redaktion: Das ist die Rede, die Yoani Sánchez bei der Zeremonie anlässlich der Verleihung des JournalistenPreises KNIGHT DE PERIODISMO INTERNACIONAL 2015 am 10.November in Washington hielt. Im vergangenen Mai wurde die Leiterin von 14ymedio vom Internationalen Zentrum für Journalismus für ihren “entschlossenen Kampf gegen die Zensur” damit ausgezeichnet.

 

Übersetzung: Dieter Schubert