Verbrechen oder Kampf

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Ernesto Guevara kurz vor seinem Tod im Jahr 1967 in La Higuera, Bolivien (D.R.)

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Reinaldo Escobar | 14ymedio.com | 5.Oktober 2017

Ein halbes Jahrhundert nach dem Tod Ernesto Che Guevaras hat sich die offizielle kubanische Darstellung über das, was sich am 9.Oktober 1967 in La Higuera ereignete signifikant geändert.

Nachdem die Propaganda der Kommunistischen Partei Kubas jahrzehntelang wiederholt hatte, dass der Che in einer bolivianischen Dorfschule ermordet wurde, schreibt vor allem die Granma die Geschichte jetzt dahingehend um, dass „der heroische Guerillero im Kampf gefallen ist“.

Diese Änderung ist keine kleine Sache, wenn man in Betracht zieht was es bedeutet, in einer bewaffneten Auseinandersetzung zu sterben und zudem noch heroisch, weil so der Tote kein Opfer sondern handelnder Teil in einem Konflikt war. Mit einem Federstrich hat sich die amtliche Propaganda dazu entschlossen, die Version „Verbrechen“ beiseite zu legen und der „militärischen Epik“ den Vorzug zu geben; somit bleibt die Schuld bei denen, die den Schießbefehl gaben.

Nachdem die Propaganda der Kommunistischen Partei Kubas jahrzehntelang wiederholt hat, dass der Che in einer bolivianischen Dorfschule ermordet wurde, schreibt vor allem die Granma die Geschichte jetzt dahingehend um, dass „der heroische Guerillero im Kampf gefallen ist“.

Wäre Guevara nicht unter jenen kriegerischen Umständen gestorben, vielleicht hätte er den 14.Juni als dann Neunzigjähriger feiern können, wenngleich andere sagen, dass er in Wirklichkeit am 14.Mai geboren wurde. Wie bei allen Menschen, die zu einem Mythos wurden, ist deren Biografie gespickt mit Widersprüchen und dunklen Seiten, Polemik und Halbwahrheiten. Auch die Daten, wann er in diese Welt kam und wann er sie verließ, werden in Frage gestellt.

Vielleicht, wenn dieser Argentinier nicht in La Higuera gestorben wäre, hätte er seine Tage in einem verstaubten Büro eines Ministeriums beenden können oder er wäre – fern der politischen Macht – einer Säuberungsaktion zum Opfer gefallen, wie es sie vor einem halben Jahrhundert gab. In keinem Fall würde es heute so viele Legenden über sein Leben geben und auch keine Filme, die ihn wahlweise idealisieren oder stigmatisieren.

Ohne die Gewehrschüsse, nachmittags um 1.10 Uhr in jenem kleinen Klassenzimmer, hätte sich das emblematische Foto, auf dem man ihn mit langen Haaren und einem in die Ferne gerichteten Blick sieht nicht in eine Ikone des 20.Jahrhunderts verwandelt; es würde nicht die Regale von Souvenirläden füllen und nicht auf den T-Shirts so vieler Jugendlicher auftauchen.

Mit geringen Abweichungen stimmen alle Berichte darin überein, dass Guevara am 8.Oktober 1967 gefangen genommen wurde und einen Tag später, ohne dass ein Gerichtsverfahren stattfand, sein Leben durch die Hand eines bolivianischen Soldaten verlor, der Befehle seiner Regierung ausführte. Guevara war zu dieser Zeit waffenlos und verletzt.

Andere Versionen beschuldigen direkt oder indirekt die CIA, besonders Félix Rodríguez*) – ein Kubaner in amerikanischen Diensten.

Kuba bleibt weiter dabei des Todes von Guevara am 8.Oktober zu gedenken, weil Fidel Castro in seiner ersten offiziellen Information diesen Tag als Todestag nannte.

Beim Gipfeltreffen Lateinamerikanischer Staaten im April 2015 in Panama wiesen kubanische Medien darauf hin, dass Rodríguez dort erschien, um einigen kubanischen Oppositionellen zu begegnen, die wie er am Treffen teilnahmen. Abgesehen von provokativen Attacken, die der Platz der Revolution (Regierungssitz) initiiert hatte, beschuldigte man die Aktivisten, dass sie angereist wären, „um den Mörder des Che zu umarmen“. Jene Person scheint heute vom Vorwurf der Tötung entlastet zu sein, auf Betreiben und dank einer regierungsfreundlichen Presse.

Kuba bleibt weiter dabei des Todes von Guevara am 8.Oktober zu gedenken, weil Fidel Castro in seiner ersten offiziellen Information diesen Tag als Todestag nannte. Deswegen gibt es an diesem Sonntag in mehreren Konzertsälen ein übereinstimmendes Programm mit symphonischen Werken, Lesungen und Liedern.

In Santa Clara steht ein Monument mit den sterblichen Überresten von anderen Kubanern, die in Bolivien während des Guerilla-Kriegs gefallen sind; dort wird die Hauptveranstaltung stattfinden um an den Todestag von Che Guevara zu erinnern. Keiner der Anwesenden wird es wagen, die signifikante Änderung zu hinterfragen, die der Gedenktag erfahren hat.

              Übersetzung: Dieter Schubert

 

Anmerkung des Übersetzers:

*) Nach der Gefangennahme Che Guevaras durch bolivianische Soldaten im Oktober 1967, verhörte ihn Rodríguez, wogegen sich Guevara jedoch weigerte. Nach eigenen Angaben war es Rodríguez, der den Befehl der bolivianischen Militärführung zur Erschießung Guevaras an die örtlichen Soldaten übermittelte. (Quelle: Wikipedia)

 

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Abwesenheit bedeutet Vergessen

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Sogar wenn Castro noch heute nach Esmeralda, Punta Alegre oder Corralillo aufbrechen würde, den Verdacht, dass der Besuch eher das Ergebnis des öffentlichen Drucks wäre und nicht sein eigener Wünsch, würde er nicht loswerden. (EFE)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 25.September 2017   

Den meisten Politikern im Amt gefällt es sich fotografieren zu lassen, während sie Kinder grüßen, mit den Arbeitern einer Fabrik reden oder ein Katastrophengebiet besuchen. Diese Bilder, von denen es unzählige gibt, bedeuten keine bessere Amtsführung der Regierung, ja nicht einmal ehrliche Sorge, aber sie folgen zumindest dem üblichen Prozedere.

Vor nun mehr als zwei Wochen verwüstete Wirbelsturm Irma zahlreiche Dörfer im Zentrum Kubas, fegte durch Gebiete an der Nordküste und überschwemmte das Küstengebiet Havannas. Raúl Castro hat keinen einzigen der betroffenen Orte besucht. Man sah ihn nicht einmal in der Nähe von Häusern ohne Dächer, von Gehsteigen, auf denen die Möbel in der Sonne trocknen, oder von Unterkünften, in denen sich diejenigen aufhalten, die nicht in ihre Häuser zurückkehren können.

In den ersten Tagen seiner Abwesenheit spekulierte man noch über den Gesundheitszustand des über Achtzigjährigen und eine mögliche Verhinderung an einer Reise in die betroffenen Regionen. Dennoch hatte Castro genug Energie, um Nicolás Maduro am Flughafen zu empfangen und zu verabschieden. Er entschied sich für ein Foto mit dem venezolanischen Präsidenten, statt mit der vom Sturm betroffen Bevölkerung.

Nachdem Wirbelsturm Irma über Kuba gezogen ist, hat Raúl Castro keinen der betroffen Orte besucht.

Die Gefühle, die durch diese Distanzierung hervorgerufen werden, sind widersprüchlich. Seine treusten Anhänger spekulieren darüber, dass er keine zusätzlichen staatlichen Gelder für einen Besuch, der eher symbolisch als hilfreich wäre, verschwenden möchte. Andere versichern, dass er bevorzugt junge Beamte vor die Kamera treten und an Präsenz gewinnen lässt, da er am kommenden 24.Februar das Amt des Präsidenten niederlegen wird.

Seine Kritiker dagegen sprechen von dem Verdruss, der den General nach einer Reihe von Niederlagen in Beschlag genommen hat. Dazu zählen unter anderem der gescheiterte Versuch eine einheitliche Währung zu schaffen, ausländische Investitionen anzulocken, die Korruption zu verringern, sowie einen gerechten Lohn für Arbeiter einzuführen, der ihnen ein Leben in Würde ermöglicht. Der Anführer der Kommunistischen Partei ist nur wenige Wochen bevor er sein Amt niederlegt von Müdigkeit befallen worden.

Nun ist es längst zu spät für ein Bild mit den Betroffenen. Selbst wenn Castro heute noch nach Esmeralda, Punta Alegre oder Corralillo aufbrechen würde, den Verdacht, dass der Besuch eher das Ergebnis des öffentlichen Drucks wäre und nicht sein eigener Wunsch, würde er nicht loswerden. Eine Momentaufnahme mit einer alten Frau, von deren Haus nur noch die Grundmauern übrig sind, wäre ein populistischer Akt. Aber das Fehlen dieses Fotos lässt ihn distanziert und gleichgültig wirken.

Wenn er dorthin geht, wo Irma eine Spur der Verwüstung zurück gelassen hat, verliert er, wenn er in seinem Palast bleibt verliert er aber ebenso.

        Übersetzung: Anja Seelmann

 

Leb wohl August, niemand wird dich vermissen

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Überall ist die Anspannung zu spüren. Die Menschen, die in langen Reihen anstehen, gestikulieren laut und nutzen die erstbeste Gelegenheit, um jemand zu beleidigen oder das Klima zu verfluchen. (E. Marrero)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 31. August 2017

Wenn der Dichter T.S.Eliot auf Kuba geboren worden wäre, hätte er den August als den grausamsten Monat bezeichnet und nicht den April. Sobald der Juli endet und der September beginnt, wird alles komplizierter. Zu den hohen Temperaturen gesellen sich die Ferien von tausenden Schülern und Studenten sowie die Urlaubszeit der staatlichen Angestellten. Das bewirkt, dass der Alltag langsamer dahinfließt, warm und zäh.

Die Telefone in den Ministerien klingeln, aber niemand hebt den Hörer ab; die Beamten sind nicht an ihren Schreibtischen und ihre Sekretärinnen nutzen die Hitzewelle, um sich mit Hingabe dem Lackieren ihrer Fingernägel zu widmen. Alle rechtfertigen sich damit, dass es Sommer ist, alle geben dem Monat die Schuld, so, als ob es sich um einen Virus handeln würde, dessen einzig mögliche Behandlung darin besteht abzuwarten, dass er verschwindet.

Überall ist die Anspannung zu spüren. Die Menschen, die in langen Reihen anstehen, gestikulieren laut und nutzen die erstbeste Gelegenheit, um jemand zu beleidigen oder das Klima zu verfluchen. Es ist diese Lethargie, die uns am Denken hindert. Alle haben ihren Blick auf den September gerichtet, den herbeigesehnten Monat.

Trotzdem, auch wenn der August hinter uns liegt, geht das alltägliche Leben nur schleppend weiter. Ob es nun die Hitze, der Regen, ein Orkan oder der politische Betrieb ist, auf Kuba gibt es immer ein Argument für Apathie und Trägheit.

       Übersetzung: Dieter Schubert

Der Kampf der kubanischen Frauen gegen die Dämonen des Machismo

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All diese dummen Vorurteile, die auf dieser Insel kaum abgenommen haben, führen dazu, dass uns das Talent genommen wird, das wir haben

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 1. Juli 2017 

Ein Mann sieht mich von oben herab an, weil ich über Kabel und Stromkreise spreche. Er verzieht missfallend das Gesicht, als er meine nicht manikürten, kurz geschnittenen Fingernägel sieht und ärgert sich, weil ich seine „Komplimente“, die ich eigentlich gerne und dankbar annehmen sollte, ablehne. Er spricht es nicht aus, aber für ihn bin ich nur eine Kreatur, die schön anzuschauen sein soll, sich um den Haushalt kümmern und Kinder auf die Welt bringen soll.

Es ist ein kräftezehrender Kampf. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute müssen wir kubanischen Frauen – und viele weitere Frauen aus anderen Teilen der Erde – uns mit dieser Häufung an Dummheiten herumschlagen. „Das kannst du nicht; lass das doch deinen Mann machen“ ist einer der netteren Sätze, die sie zu uns sagen, obwohl ich auch schon andere habe sagen hören, dass „die Frauen nur sprechen, wenn die Hennen pinkeln“, was schlichtweg nie bedeutet.

Ein Journalist fragt mich vor laufender Kamera, wie ich mein Dasein als Mutter mit meiner Arbeit als Leiterin einer Zeitung in Einklang bringe. Obwohl ich versuche, das Gespräch in eine rein berufliche Richtung zu lenken, besteht er darauf, auf meine Eierstöcke zu verweisen. Ein politischer Polizist macht sich lustig über mich, weil mein Haar zerzaust ist. Wahrscheinlich stören ihn meine Texte mehr, aber er verspürt eine besondere Freude, wenn er meine Weiblichkeit „angreifen“ kann. Was für eine Zeitverschwendung.

Letzten Endes musste ich schon 1001 Mal den Versuchen entkommen, mich in eine Schublade stecken zu lassen. Diese Schublade, wo wir still sein, uns alles gefallen lassen, lächeln und ertragen müssen; wo wir mit Anmut die Chauvis anlachen und uns von ihren Sprüchen geschmeichelt fühlen sollen. Eine verkehrte Welt, die dazu führt, dass die Gesellschaft ihren Kern verliert und nur noch die Schale übrig bleibt.

All diese dummen Vorurteile, die auf dieser Insel kaum abgenommen haben, führen dazu, dass uns das Talent genommen wird, das wir nicht nur als Frauen, sondern vor allem als Menschen haben.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Die einfache Geschichte einer Dachabdeckung

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Kurzschlüsse in Deckenlampen, herabtropfendes Wasser und Flecken sind einige der Folgen der unsachgemäßen Verlegung einer Abdeckung auf der Dachterrasse

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 20. Juli 2017 

Eines Tages kamen sie beladen mit Rollen von Dachpappe, um die Dachterrasse dieses Betonblocks, in dem mehr als 100 Familien wohnen, wasserdicht zu machen. Bei Hinweisen stellten sich die staatlichen Angestellten taub.

„Wir brauchen diese Abdeckung hier nicht“, äußerten sich einige Bewohner.

„In keine der Wohnungen dringt Wasser ein, wenn es regnet“, erklärten andere. Nichtsdestotrotz nahm die Installation ihren Lauf, ohne dass die Meinung der Bewohner dabei berücksichtigt wurde, so, wie bei jeglicher Anordnung „von oben“.

Es gab keinen Weg, die Behörden davon zu überzeugen, dass dieses Vielfamilienhaus, das während der Jahre der sowjetischen Subventionen gebaut wurde, andere Dinge dringend nötiger hätte. Die Wasserleitungen sind im Laufe der Jahre korrodiert und der Blitzableiter ist seit Jahren beschädigt.

„Es steht nur Dachabdeckung zur Verfügung und diese werden wir anbringen“, entschied der Chef der Arbeiter, die tagelang über unseren Köpfen arbeiteten.

Kurze Zeit später begann die Abdeckung an einigen Stellen zu bröckeln. Das Regenwasser, das sich darunter ansammelte, drang in die Häuser ein, weil es an der Sonne nicht mehr verdampfen konnte. Wir Bewohner der obersten Wohnungen litten unter allen möglichen Problemen, die auf diese ungeschickte Entscheidung zurückzuführen waren: Kurzschlüsse in Deckenlampen, Undichtigkeiten und gelbe Flecken an den Decken, die immer grösser wurden. Was eine Lösung hätte sein sollen, hat uns nur Kopfschmerzen bereitet.

Momentan besteht der Kampf der Gemeinschaft darin, die Abdeckungen wieder zu entfernen, aber die Erlaubnis dazu wird nicht so schnell gegeben wie vor einigen Jahren, als einige Bürokraten beschlossen, diese Abdeckungen anzubringen. Die mutigsten Bewohner haben jetzt die Deckenteile über ihren Wohnungen eigenhändig abgerissen, während die Vorsichtigeren warten, bis die offizielle Weisung erfolgt. 

Während der Jahre, in denen Teile der Dachterrasse bedeckt blieben, hat sich dort Schimmel angesetzt und durch die Feuchtigkeit entstanden Risse – den Schaden wird nun jeder Bewohner aus eigner Tasche reparieren lassen müssen.

Während der Jahre, in denen Teile der Dachterrasse bedeckt blieben, hat sich dort Schimmel angesetzt und durch die Feuchtigkeit entstanden Risse – den Schaden wird nun jeder Bewohner aus eigner Tasche reparieren lassen müssen.

Einige Meter weiter, im Stadtviertel La Timba, fordern Familien seit Monaten Dachpappe zu erschwinglichen Preisen, um ihre Behausungen zu reparieren. Wie sie versichern, werden die Häuser mit dem Sommerregen „von innen nässer als von außen“. Einige haben sich unserem Gebäude „genähert“, um Stücke dieser für uns unnützen Abdeckung zu „bekommen“, die uns die Lotterie der staatlichen Ineffizienz beschert hat.

Die Geschichte dieser Dachabdeckung ist nur eine Beispiel von vielen tausend Absurditäten, gegen die wir Kubaner täglich ankämpfen müssen: ein weiterer Beweis dafür, wie staatliche Mittel mit überflüssigen Aktivitäten verschwendet werden, um Sollzahlen zu erreichen oder irrationale Planziele zu erfüllen, während die wahrhaften Probleme und Schwierigkeiten umgangen oder verheimlicht werden.

Die unnütze Abdeckung hat nicht nur bedeutende Schäden in mehreren Wohnungen angerichtet, sondern darüber hinaus die geringe Entscheidungsbefugnis einer Gesellschaft verletzt – die einer Gruppe von Anwohnern, die nicht einmal in Eigenverantwortung die fehlerhaften Teile auf unserer Dachterrasse entfernen darf.

          Übersetzung: Berte Fleißig

Fidel Castro, der Humor und das Vergessen

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Der Mann, der zu Lebzeiten zur Zielscheibe zahlloser Witze über sein Ableben wurde, ist seit mehr als sechs Monaten tot, ohne dass sich der kubanische Humor dazu herablässt, es zu bemerken. (EFE)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ|GENERACIÓN Y|3. Juli 2017  Jahrzehntelang wurden wir Kubaner von der offiziellen Propaganda mit Berichten über die vermutete Genialität Fidel Castros bombardiert. In diesen Lobreden war er nicht nur Vater, sondern auch Stratege, Visionär, Pädagoge, Landwirt und Viehzüchter, neben vielen weiteren außergewöhnlichen Facetten. Trotzdem, dieser Prototyp von einem Patriarchen, Wissenschaftler und Messias hatte so einige Schwachstellen.

Mir der Zeit erkannten viele von uns, dass der Máximo Líder nicht so überragend war, wie man uns glauben lassen wollte. Es gab einige wesentliche Charaktermängel, die gegen ihn sprachen. Fidel fehlte jedwede Fähigkeit zur Selbstkritik; er ließ sich nie auf Diskussionen ein und weder Ironie noch Humor – die schwierigsten und höchsten Qualitäten des menschlichen Intellekts – schienen ihm zu liegen.

Trotz all seiner falschen Entscheidungen starb Castro ohne zu sagen „es tut mir leid“, ganz im Gegensatz zu jemandem, der sagt „irren ist menschlich, aber dies einzusehen ist klug“. Meine Generation wartete vergeblich auf eine Entschuldigung für die Voruniversitäten auf dem Land, wie auch für die anderen Bildungsexperimente. Genauso hofften wir auf ein mea culpa“ für die Opfer des „Quinquenio Gris1), für die „Unidades de Ayuda a la Producción2), oder für die Opfer der stalinistischen Säuberungen.

Auch Kontroversen durchzustehen, lag dem Chef-Kommandanten nicht. Er wich dem Streit aus, indem er sich passend ausgewählte Daten besorgte, mit denen er sowohl gutgläubige ausländische Journalisten, als auch die versammelten Menschen auf dem Platz der Revolution beeindruckte. Es gefiel ihm, wenn sie sagten: „Was für ein gut informierter Mann!“, während er als Regierender in Wirklichkeit einfach nur Zugang zu Informationen hatte, die für seine Bürger unerreichbar waren.

Mit stundenlangen Reden erstickte Castro das, was ein gesunder politischer Diskurs hätte sein können, oder auch eine konstruktive Diskussion zum Wohl der Nation. Wir sollten ihn bewundern, ihm applaudieren, aber nicht widersprechen. Niemals gab er seine führende Rolle ab, vielleicht aus Angst, dass wir – wie die Kinder im Märchen – merken würden, dass „der König ja gar nichts an hat“, oder dass der Guerillero „nicht die geringste Ahnung von dem hat, was er sagt“.

Jedes Mal, wenn der verstorbene Präsident polemisch wurde, ging das schief. Wenn er diese illustre Sportart betrieb – wie es ein Gefecht mit Worten nun mal ist – unterlag er schon in der ersten Runde.

Jedes Mal, wenn der verstorbene Präsident polemisch wurde, ging das schief. Wenn er diese illustre Sportart betrieb – wie es ein Gefecht mit Worten nun mal ist – unterlag er schon in der ersten Runde. Seine Art solche Niederlagen einzustecken, war, den Gegner mit überlangen Reden zu demütigen, oder es gelang seinen treuen Gefolgsleuten, die Reputation des Kontrahenten zu zerstörten. Als Gladiator des Worts war er mittelmäßig.

Auch Witze waren nicht seine Stärke. Obwohl Castro der Mittelpunkt von tausenden von lustigen Geschichten war, zeigte er lebenslang keine Begabung für Scherze. In einem Land, in dem ein Spaß auf den anderen folgt, war diese verklemmte Persönlichkeit – in olivgrünen Klamotten und ersten oder mahnenden Worten – eine ständige Zielscheibe für Spott.

Der Tod hat sein mangelndes Talent für Scherze noch hervorgehoben. Der Mann, der zu Lebzeiten zur Zielscheibe zahlloser Witze über sein Ableben und die vermutete Ankunft in der Hölle wurde, ist seit mehr als sechs Monaten tot, ohne dass sich der kubanische Humor dazu herablässt, es zu bemerken. Nicht einmal Pepito, der ständig präsente Lümmel unserer Geschichten, wollte sich mit dem Verstorbenen „porträtieren“ lassen.

Traurig ist das Schicksal jener, an die man sich nicht mit einem Bonmot erinnert. Arm ist der, der niemals sagte „ich habe mich geirrt“; er genoss nie die Leichtigkeit des Humors.

       Übersetzung: Dieter Schubert

 

Anmerkungen des Übersetzers:

1) „Das Graue Jahrfünft“ bezieht sich auf die Jahre 1971 – 1975, in denen auf Kuba ein Kulturkampf zwischen extremen und pragmatischen Kräften stattfand. Es ging um die ideologische Ausrichtung der Kultur.

2) Die „Militärischen Einheiten im Dienst der Produktion“ gab es auf Kuba von 1965 – 1968. Es waren Arbeitslager mit etwa 25000 Jugendlichen, die sich aus verschiedenen Gründen weigerten, den obligatorischen Wehrdienst zu leisten.

Der Brief, der nicht zustande kam

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„Ihr schreibt einen Brief an Fidel Castro und dankt ihm für die kostenlose Schulbildung“, sagte die Erzieherin des Schulzentrums zu den Schülern. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 20. Juni 2017   „Heute werden wir üben, wie man einen Brief schreibt“, kündigte Mitte Juni die Lehrerin der 4.Klasse einer Schule im Bezirk Platz der Revolution an. Lucía, neun Jahre alt, dachte dabei sogleich an einen Brief an ihre Großmutter, in dem sie ihr von ihren neuesten Kunststücken auf Rollschuhen erzählen würde, aber der Empfänger war schon bestimmt. „Ihr schreibt einen Brief an Fidel Castro und dankt ihm für die kostenlose Schulbildung“, erklärte die Erzieherin.

Das Mädchen verstand die Welt nicht mehr. Noch nie war es ihr in den Sinn gekommen, ein Schreiben an einen Verstorbenen zu richten, auch nicht an jemand, der weder ein Freund noch ein Mitglied der Familie gewesen wäre. Sie kritzelte das Datum oben auf das Blatt und hielt dann inne, mit dem Stift in der Luft, weil sie nicht mehr weiter wusste. „Lucía, du musst ihm dafür danken, dass er Schulen gebaut hat, in denen kubanische Kinder lesen lernen“, sagte die Lehrerin mit Nachdruck.

Lucía sah sie mit offenem Mund an. „Mach schon, es ist nämlich sehr gut möglich, dass man in der Prüfung von dir verlangt, einen Brief an den Kommandanten zu schreiben und du musst das vorher üben“. Der Stift bewegte sich keinen Millimeter. „Schau, ich werde dir ein paar Sätze diktieren und dann machst du allein weiter“, bemerkte die Erzieherin mit zunehmend gereiztem Tonfall. „Schreib doch einfach: Fidel, ohne dich hätte ich weder Schuhe noch Bücher und ich könnte weder lesen noch schreiben“, schlug sie vor. Aber das Mädchen machte keinen einzigen Federstrich.

Zu Haus angekommen stand rechts oben auf dem Blatt immer noch nicht mehr als der Tag und der Monat. Deswegen war jetzt die Mutter an der Reihe nachzuhaken: „Denk einfach, du schreibst an eine andere Person und nachher setzt du seinen Namen darüber“, schlug sie ihr als Trick vor. Lucía stellte sich vor, sie würde ihrer Großmutter vom Spielen im Park erzählen, sie dankte ihr für ihre Liebe und unterschrieb den Brief mit einem Buchstaben, den sie an eine gezeichnete Blume drückte.

Die Abschlussprüfung in der letzten Woche enthielt auch die Aufgabe einen Brief zu schreiben. Diesmal sollte er sich an die Lehrerin richten und die Frage beantworten:“Wie hilfst du deiner Mutter bei der Hausarbeit?“. Das Mädchen verharrte minutenlang bewegungslos, mit dem Stift über dem Papier, ohne zu wissen was sie tun sollte. Aber niemand kam, um ihr Sätze zu diktieren.

* Diese Geschichte ist nicht erfunden, sie ereignete sich so. Um Repressalien zu vermeiden, wurde der Name der Schülerin geändert.

       Übersetzung: Dieter Schubert