Alle Augen richten sich auf Venezuela

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Juan Guaidó und Leopoldo López in La Carlota zusammen mit desertierten Angehörigen des Militärs.

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 30. April 2019

Vorwort des Übersetzers: Dieser Beitrag von Yoani Sánchez ist eine Momentaufnahme; sie publizierte den Text am 30. April 2019, als der Konflikt in Venezuela an Schärfe zunahm, mit ungewissem Ausgang.

Ganz Amerika wachte heute auf und richtete die Augen auf Venezuela; die Aufmerksamkeit erstreckte sich sogar bis auf die andere Seite des Atlantiks und sie hält Regierungen, Bürger, Flüchtlinge des südamerikanischen Landes, Journalisten und Analysten im Ungewissen. Der Puls der Welt schlägt heute in Caracas, nach Monaten der Spannung, und nach Jahren, in denen das erdölproduzierende Land in den wirtschaftlichen Kollaps rutschte, verbunden mit politischem Autoritarismus und sozialem Abstieg.

Die Befreiung von Leopold López und der Aufruf von Juan Guaidó, der widerrechtlichen Machtergreifung von Maduro ein Ende zu setzen, hat die Situation in Venezuela an einen Wendpunkt geführt. In den nächsten Stunden könnte man erste Schritte tun, hin zu einer Einberufung von freien Wahlen, oder es könnte im Gegensatz dazu ein repressiver, unverhältnismäßiger „Prankenschlag“ von Seiten Maduros gegen die erfolgen, die seinen Abschied von Macht fordern.

Abgesehen von Prophezeiungen und Prognosen sind die wichtigsten Akteure dieses politischen Dramas an einen Punkt ohne Wiederkehr angelangt. Der Hauptakteur ist das venezolanische Volk, das die Ineffizienz des Systems, die galoppierende Inflation und den Mangel an Produkten des täglichen Lebens satt hat. Die Bevölkerung hat erlebt, wie ihre Lebensqualität zusammengebrochen ist und wie sie sich Woche für Woche von Familienangehörigen und Freunden verabschieden musste, die emigrierten und so vor der Krise flohen.

Minister, Funktionäre und hohe Militärs werden von Havanna unterstützt, das sie mit Agenten des Geheimdiensts versorgt und sie in einer Angelegenheit berät, in der die politische kubanische Polizei Experte ist: in der Unterdrückung einer Gesellschaft und der Überwachung jedes Einzelnen.

Mit dem Wiederaufleben dieser Tragödie kam auch der jungen Guaidó zurück ins Licht der Öffentlichkeit. In den letzten Monate hat er einen meteorhaften Aufstieg unternommen, unterstützt von der internationalen Gemeinschaft und vielen Venezolanern, für die er, der Präsident der Nationalversammlung, die Hoffnung auf den Wechsel bleibt. Jetzt steht der leidenschaftliche Ingenieur zusammen mit seinem Mentor Leopoldo López inmitten von Gefahren und Illusionen. Aus dem heutigen Tag kann er gestärkt hervorgehen, aber es besteht auch die Möglichkeit, dass er verhaftet oder ermordet wird.

Auf der anderen Seite des Konflikts gibt es die chavistische Führungsspitze, die ein Regime stützen will, das es ihr im ganzen Land erlaubt, nach Belieben zu schalten und zu walten und sich die Taschen zu füllen. Minister, Funktionäre und hohe Militärs werden von Havanna unterstützt, das sie mit Agenten des Geheimdiensts versorgt und sie in einer Angelegenheit berät, in der die politische kubanische Polizei Experte ist: in der Unterdrückung der Gesellschaft und der Überwachung jedes Einzelnen. Schon in den ersten Morgenstunden twitterte der kubanische Regierungschef Miguel-Díaz Canel seine Unterstützung an Maduro und man darf erwarten, dass die offizielle Rhetorik gegen kubanische Oppositionelle im Verlauf des Tages an Schärfe zunimmt.

Sowohl eine Tragödie wie ein friedlicher Ausgang liegen auf dem Tisch. Beide Konfliktparteien haben Einfluss darauf, wie der Tag zu Ende gehen wird. Es wird beim Palacio de Miraflores und bei der Plaza de la Revolución liegen, ob dieser Dienstag blutig oder friedlich endet. Zu diesem Szenario muss man Washington hinzufügen, das jedes Detail aufmerksam beobachtet und genau weiß, was heute in Venezuela auf dem Spiel steht.

       Übersetzung: Dieter Schubert


Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Die Nostalgie nach dem Käfig der 80er Jahre

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Die 80er Jahre waren auch eine Zeit für offizielle Experimente und Programme, denen Fidel Castro seinen Stempel aufdrückte. (14ymedio) /  Überschrift: Jetzt werden wir den Sozialismus aufbauen                                  

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YOANI SÁNCHEZ |La Habana | 22.April 2019

An jenem Tag wollte ich kein Nationalfernsehen sehen, sondern irgendeine Dokumentation des Paquete Semanal*), aber als ich den Bildschirm einschaltete, sprach Ramiro Valdés gerade vor der Nationalversammlung über die Abzweigung von Ressourcen, dem offiziellen Euphemismus für den Diebstahl staatlicher Gelder, und darüber, wie die „ethischen Werte“ in der kubanischen Gesellschaft mit Beginn der Sonderperiode**) verkommen sind. In seiner Stimme schwang eine Sehnsucht nach den 80er Jahren mit, diesem „goldenen“ Jahrzehnt vor Beginn der Wirtschaftskrise.

Eine ähnliche Erinnerung nehme ich bei vielen Kubanern über 40 wahr, die diese Zeit als die beste der letzten 60 Jahre Sozialismus auf der Insel empfinden. Die Nostalgie bringt sie dazu, alles, was in diesem Jahrzehnt geschah, durch eine rosarote Brille zu sehen. Mit einem sehr selektiven Gedächtnis erinnern sie sich daran, dass die Märkte voller Produkte waren, dass Brot und Eier kostenlos und nicht über den rationierten Markt verkauft wurden, dass man bei einem durchschnittlichen Gehalt genügend Lebensmittel kaufen konnte, um eine Familie zu ernähren und dass öffentliche Verkehrsmittel auf zahlreichen Routen verkehrten, mit genügend Fahrzeugen.

Wer melancholisch an das Ende jener Zeiten denkt, ignoriert die Kontrolle, die die Plaza de la Revolución über jeden Aspekt des Lebens des Einzelnen ausübte

Sie vergessen die Schatten jener Jahre und betonen nur ihre Lichter. Wer melancholisch an das Ende jener Zeiten denkt, ignoriert die Kontrolle, die die Plaza de la Revolución über jeden Aspekt des Lebens des Einzelnen ausübte. In diesen Jahren konnten wir nur in staatlichen Geschäften einkaufen, das von der Kommunistischen Partei kontrollierte Fernsehen sehen und das Land nur in offizieller Mission verlassen. Jedes Kleidungsstück, das wir trugen, war über die Lebensmittelkarte für Industrieprodukte gekauft worden, und auch die Möbel in unseren Häusern stammten von diesem Markt oder wir hatten sie von Eltern und Großeltern geerbt.

Das repressive Geflecht funktionierte wie ein Uhrwerk, die 80er Jahre hatten mit Ablehnungsaktionen im Umkreis der peruanischen Botschaft ***) begonnen. Da alle Arbeiter des Landes mit dem Staatssektor verbunden waren, waren die Mechanismen des Zwangs zur Besänftigung der Gesellschaft sehr effektiv. In der Nachbarschaft wurde das Verhalten von allen Personen beobachtet, die danach strebten, im Beruf voranzukommen, einen Gutschein für den Kauf eines Kühlschranks oder ein Stipendium für ein Studium in den sozialistischen Ländern zu erhalten. Diese so genannten Verifikationen wurden „geschmiert“ und schienen allgegenwärtig.

Kontakt mit einem Ausländer aufzunehmen galt als Straftat und die Korrespondenz mit ausgewanderten Familienangehörigen als Schandfleck in der Akte. Aufgrund des vorherrschenden Atheismus, versteckten sich all diejenigen hinter einer Maske, die sich zu irgendeiner Religion bekannten. In den unumgänglichen Gesprächen, um einen Job oder eine Beförderung zu bekommen, musste man bei der Aufforderung „Erzähl‘ mir dein Leben“ zugeben, ob man sich zu einer Religion bekannte und diese praktizierte.

Die Menschen hatten damals viel größere Angst davor eine kritische Meinung auszusprechen, als heute. Dissidenten-Gruppen wurden auf ihr Minimum reduziert und zwischen Landschulen und Pionierlagern erhielten die Kinder eine vollständige Gehirnwäsche sowie ideologische Indoktrination. Um ihre Werke veröffentlichen zu können, mussten sich alle Schriftsteller die Fesseln der offiziellen Zensur anlegen lassen, oder dabei zusehen, wie ihre Texte in einer Schublade verkamen. Musiker konnten ihre Musik nur in offiziellen Studios aufnehmen, Maler ihre Werke nur in staatlichen Galerien ausstellen und Taxifahrer fuhren nur Autos mit dem blauen staatlichen Kennzeichen.

Die wirtschaftliche Situation entsprach nicht der Effizienz oder Produktivität des Landes, sondern der „Pipeline“ von Subventionen aus der Sowjetunion

Neben der Tatsache, dass der Totalitarismus bei der Kontrolle der Gesellschaft in „voller Pracht“ zum Einsatz kam, entsprach die wirtschaftliche Situation nicht der Effizienz oder Produktivität des Landes, sondern der „Pipeline“ von Subventionen aus der Sowjetunion. Der Kreml stützte eine Blase falschen Wohlstands, die platzte, als die UdSSR selbst in mehrere Teile zerfiel und die alten Kameraden Hammer und Sichel gegen die Marktwirtschaft tauschten.

Wenn man sich an die 80er Jahre erinnert, sollte man sie nicht damit verbinden, dass es Kondensmilch in Dosen in den Regalen gab, oder kleine Märkte, auf denen man bulgarische Säfte zu sehr günstigen Preisen kaufen konnte, oder Obstkonserven aus irgendeinem Land des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (COMECON). Auch die bunten Zeitschriften, die die Regale füllten und ein gescheitertes Modell mit bombastischen Titeln bewarben, tun nichts zur Sache.

Man muss den 80er Jahren in der Erinnerung den richtigen Wert beimessen: Es war das Jahrzehnt, in dem der Käfig am effektivsten war, weil Fidel Castro genügend Vogelfutter in der Hand hatte, damit wir die Gitterstäbe schweigend akzeptierten.

             Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkungen der Übersetzerin:

*) El Paquete Semanal („das wöchentliche Paket“) ist eine Sammlung digitaler Inhalte, die auf Kuba wöchentlich unter der Hand weitergegeben oder verkauft wird. Dieses Offline-Internet versorgt die Menschen trotz mangelnder Netzinfrastruktur mit neuen Filmen, TV-Sendungen, Dokumentationen, Musik etc.

**) Die Sonderperiode in Friedenszeiten war ein Euphemismus der kubanischen Regierung für die Wirtschaftskrise der 90er Jahre, ausgelöst durch die Auflösung der Sowjetunion und des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe.

***) Im April 1980 flüchten über 10.000 kubanischen Staatsbürgern in die peruanische Botschaft in Havanna und beantragen Asyl. Peru weigerte sich, die Asylsuchenden an die kubanischen Behörden auszuliefern, woraufhin Staatschef Fidel Castro nach längeren Verhandlungen die Polizei vor der Botschaft abzog und allen die Ausreise gestattete.


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Wo ist die FEU, während die Polizei die Kongolesen schlägt?

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Am Montag drang die Polizei in den Campus der Medizinischen Fakultät Salvador Allende in Havana ein. (Facebook)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 9.April 2019

Seit Jahrzehnten zeigt die offizielle kubanische Presse ausführlich die polizeiliche Gewalt gegen Studentendemonstrationen auf der ganzen Welt. So haben wir gesehen, wie die Bereitschaftspolizei mit Tränengas, Schlagstöcken und Gummigeschossen auf Studenten in zahlreichen Ländern losgegangen ist. Aber an dem Tag, als dieses Ereignis in Kuba geschah, haben die nationalen Medien nichts ausgestrahlt.

An diesem Montag griff ein beeindruckendes, repressives Einsatzkommando Dutzende kongolesischer Studenten der medizinischen Fakultät Salvador Allende in Havanna an. Die Jugendlichen protestierten seit Tagen gegen die Nichtzahlung ihrer Stipendien und die schlechten Bedingungen in den Unterkünften. Die Situation erreichte ihren Höhepunkt, als sie den Protest vor der Botschaft ihres Landes auf den Universitätscampus verlagerten.

Die Bilder sind überwältigend. Eine große Anzahl von Militär- und Polizeifahrzeugen kommt an die Hochschule. Die Uniformierten fallen – von Hunden begleitet – über die unbewaffneten Jugendlichen her.

Die Bilder sind überwältigend. Eine große Anzahl von Militär- und Polizeifahrzeugen kommt an die Hochschule. Die Uniformierten fallen – von Hunden begleitet – über die unbewaffneten Jugendlichen her. Ein Polizist zieht seine Waffe und richtet sie auf einen Studenten, während spezielle Truppen andere Studenten bewegungsunfähig machen und auf den Boden werfen. All dies, inmitten von Schreien der Entrüstung und der Forderungen nach Gewaltlosigkeit, die von mehreren Studenten, die die Ereignisse filmen, erhoben werden.

Die Anwohner berichten auch über die Grausamkeit der offiziellen Aktion und einige, die ihre Handys benutzten, um die Ereignisse festzuhalten, wurden sogar verhaftet und auf die Wache gebracht. Dort wurden alle Bilder gelöscht, die sie auf ihren Handys gespeichert hatten.

Trotz der Absicht, Beweise zu beseitigen, waren die Videos der Repression innerhalb weniger Stunden in sozialen Netzwerken verfügbar und die Nachricht erschien auf der Titelseite vieler internationaler Zeitungen.

Neue Bilder der gewaltsamen Unterdrückung von Studenten aus dem Kongo durch die kubanische Polizei kommen ans Licht. Stipendiaten protestieren gegen zweijährige Verzögerung ihrer Gelder.

Die unverhältnismäßige Operation hat zwar bei vielen Empörung hervorgerufen, aber sie hat nicht zu einer einzigen Verurteilung durch die gefügige Föderation der Universitätsstudenten (FEU), durch den kommunistischen Jugendverbandes (UJC) oder durch die Kontinentalorganisation Lateinamerikanischer und Kubanischer Studenten (OCLAE) ohne Stimme und Stimmrecht geführt. In keiner einzigen Fakultät im Land protestierten die Studenten am Dienstag aus Solidarität mit den kongolesischen Kommilitonen.

Es mag den Anschein haben, dass alles in einem anderen Land, in einer fernen und fremden Galaxie passiert sei, aber die nationale Geschichte konfrontiert uns mit der Realität, dass der Schauplatz der Ereignisse tatsächlich Kuba ist und alles schon einmal geschehen ist.

Während der Diktatur von Fulgencio Batista fielen der Polizeichef Rafael Salas Cañizares und seine Truppen in die Universität von Havanna ein, um dort Schläge zu verteilen und Angst zu verbreiten.

Während der Diktatur von Fulgencio Batista drangen der Polizeichef Rafael Salas Cañizares und seine Truppen in die Universität ein, um dort Schläge zu verteilen und Angst zu verbreiten. Jener Tag im April 1956 galt als Affront gegen die Autonomie der Universitäten und brannte sich in das historische Gedächtnis dieser Insel als eine Tatsache ein, die sich nie mehr so wiederholen sollte. Dieses Ereignis wird in den Lehrbüchern, die nach 1959 geschrieben wurden, als deutlicher Beweis für den repressiven Charakter des Batista-Regimes und die schwache Demokratie der republikanischen Zeit erwähnt.

An diesem Montag betraten bewaffnete Männer wieder einen Universitätscampus. Zahlreiche Studenten wurden gefesselt, geschlagen und verhaftet, aber die Bilder werden nicht in den nationalen Medien zu sehen sein, noch werden Studentenorganisationen diese Tatsache verurteilen.

Übersetzung: Berte Fleißig


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López Obrador und die historische Schuld

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López Obrador hat zwei gleichlautende Briefe an den Papst und die spanische Regierung geschickt. (Captura)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana| 28. März 2019

Bis jetzt schien Andrés Manuel López Obrador jemand zu sein, der bei Millionen von Mexikanern im Focus von Sorge oder Hoffnung stand. Ausgenommen sein zögerliches Handeln im Umgang mit dem Regime von Nicolás Maduro, hat der Präsident Mexikos Kritik und Zustimmung nur innerhalb der Grenzen seines Landes erfahren, wo er Tag für Tag zahllose politische und wirtschaftliche Kämpfe ausficht. So war es, bis er auf die Idee kam, das Phantom „Historische Schuld“ auf zwei Kontinenten wiederzubeleben.

In einem Brief hat AMLO − wie man ihn volkstümlich in Mexiko nennt − sowohl Papst Franziskus wie auch den spanischen König ersucht, eine gemeinsame Kommission ins Leben zu rufen, um die Eroberung Amerikas zu untersuchen, und um für die begangenen Exzesse um Verzeihung zu bitten. Dieses Schreiben hat einige zustimmende Reaktionen ausgelöst, auch verärgerte, viele gleichgültige und wohlklingende Scherze; alles nährte die festgelegten Meinungen in den sozialen Medien. In kurzer Zeit stand der mexikanische Politiker im Zentrum eines Schwalls von Kommentaren, die den Atlantik in beiden Richtungen überquerten.

Die beiden spanischen Nachnamen vom AMLO werden ihm bei seiner Forderung nach einer Entschuldigung nicht viel helfen, weil sie ihn als das Ergebnis eines langen kulturellen Prozesses ausweisen, bei dem der  unterschiedliche Status von Eroberten und Eroberern tonangebend war. AMLOs pure Existenz zeigt ihn als das Ergebnis eines langen kulturellen Prozesses mit Konfrontation, Integration, Symbiose, Rassenmischung und Anpassung, in dem sich die Grenzen verwischen. Schuldige zu suchen ist ein Unterfangen, das eher in den Bereich der Neurosen gehört, als in den von Objektivität. Aber Demagogen müssen von etwas leben und die bequemste Vorgehensweise besteht darin, die Last der Verantwortung auf andere zu übertragen.

AMLOs pure Existenz zeigt ihn als das Ergebnis eines langen kulturellen Prozesses mit Konfrontation, Integration, Symbiose, Rassenmischung und Anpassung, in dem sich die Grenzen verwischen. Schuldige zu suchen ist ein Unterfangen, das eher in den Bereich der Neurosen gehört, als in den von Objektivität.

López Obrador weiß nicht was er tut. Solange er glaubte, dass er auf diesem Weg bis zu einer offiziellen Entschuldigung weitergehen sollte − den er mit Beginn seines Mandats beschritt, in dem es schon mehrere blutige Vorkommnisse gab − bemerkte er nicht, dass er sich damit auf ein Gebiet wagte, für das er nicht zuständig ist: die ferne mexikanische Vergangenheit. Weil er versucht hat, Rendite aus einer vermutlich politisch motovierten Demutsgeste zu ziehen, wenn er als Mächtiger vor dem wehrlosen Opfer einen Kniefall macht, ist er dem spanischen Stier auf den Schwanz getreten und hat Millionen Bürger in diesem Teil der Welt verärgert, in deren Adern spanisches und amerikanisches Blut fließt.

Man muss sich fragen, was AMLO dazu brachte diese Briefe zu schreiben, die er an den Vatikan und den Zarzuela-Palast schickte, in denen er eine historisch gesehen unmögliche Wiedergutmachung verlangte. War es die Suche nach Wahrheit, war es Ignoranz, oder der Wunsch, die Aufmerksamkeit von mexikanischen Problemen abzulenken, oder war es sein Ego, das ihn „höhere Gipfel“ besteigen und universelle Herausforderungen angehen ließ? Wie auch immer; er verliert gerade eine Schlacht, weil er mit seinem „wir sind so, weil man uns Schaden zugefügt hat“ auf der Straße der Verlierer ist. Er lehnt den anderen Weg ab, den des „wir leben von der Vielfalt, denn in unserer Kultur kommen viele Strömungen zusammen: das macht uns stark“.

Wenn AMLO den Weg „Schuld“ weiter verfolgen will, sollte er anfangen ein Plädoyer vorzubereiten und mehr Verantwortung einfordern: von den Azteken für die Herrschaft und Kontrolle über ausgedehnte Gebiete in Mittelamerika, von den Römern, die mit dem Vordringen ihrer unerbittlichen Legionen das Gesicht Europas prägten und von den Hunnen, die Angst und Schrecken verbreiteten, unter den Hufen ihrer Pferde. Aber das wird López Obrador sicher nicht tun, weil Verantwortung verteilen nicht der eigentliche Zweck seines Handelns ist, sondern die Förderung populistischer Strömungen. López Obrador sucht keine Schuldigen; stattdessen geht es ihm um die Verdienste eines Retters.

         Übersetzung: Dieter Schubert


Diese Kolumne wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der Deutschen Welle publiziert.
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Warum der Schulstreik zum Klimawandel nicht nach Kuba gelangt ist

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Eine junge Frau schreit ihre Parolen durch ein Megaphon während eine Marsches für die Umwelt in Santiago de Chile. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ |La Habana | 16. März 2019

Greta Thunberg, 16 Jahre alt, ist schweigsam und schüchtern. Die schwedische Jugendliche gleicht jeder kubanischen dieses Alters, die verstanden hat, dass die Welt kein gepflegter und sauberer Ort ist, wie ihn Kindergeschichten beschreiben. Ihre Sorge um den Klimawandel brachte sie dazu, jeden Freitag die Schule zu schwänzen, um von den Politikern wirksame Maßnahmen zu fordern, die die Umwelt schützen. Ihre Einstellung hat sich auf die Schüler verschiedener europäischer Städte ausgeweitet, den Atlantik überquert und sogar Tausende von Lateinamerikanern angesteckt. Dennoch hat sich bis jetzt in Kuba kein Schüler der Grundschule, des Gymnasiums, kein Kollegiat oder Student dieser Initiative angeschlossen.

Die Tatsache, dass sich vergangenen Freitag die Straßen von Havanna oder anderer Städte der Insel nicht mit jungen Gesichtern füllten, die forderten, die Emissionen von Kohlendioxid zu reduzieren oder politische Sofortmaßnahmen zur Rettung des Planeten einzuführen, bedeutet absolut nicht, dass die kubanischen Kinder und Jugendlichen nicht über diese Themen nachdenken. Es zeigt vielmehr, dass es ihnen an Autonomie und an Rechten fehlt, um ihre Nichtübereinstimmung zu äußern. Die Mehrheit ist auch nicht apathisch und unsensibel gegenüber umweltpolitischen Fragen, wie oft die Erwachsenen glauben machen wollen, mit dem unheilvollen Satz: “Die Jungend ist verloren“. Schweden ist auch nicht so weit entfernt, dass man die Welle des Aktivismus nicht kennen würde, die Thunberg ins Rollen gebracht hat.

Warum sind die kubanischen Jugendlichen nicht denen aus Ecuador gefolgt, aus Brasilien, Mexiko und Chile? Die Antwort ist nicht Gleichgültigkeit, sondern Furcht.

Mithilfe der sozialen Netzwerke, des Zugangs zum Internet übers Handy und durch Gespräche unter Freunden ist es einfach, die Geschichte des Mädchens zu finden, die sich über Wochen allein auf einen Platz von Stockholm stellte, bis sie es schließlich erreichte, Tausende von Menschen auf der ganzen Welt zu inspirieren. In diesem Fall kann mangelnde Information und Unkenntnis als Rechtfertigungsgrund nicht dienen. Ebenso wenig nutzt hier das Argument, dass wir in Kuba nicht die schwerwiegenden Umweltprobleme der Industriestaaten hätten, wie es die offizielle Presse immer wieder gerne behauptet. Es genügt, die hohe Rauchsäule zu sehen, die jeden Morgen von der Raffinerie Nico Lopez in Havanna aufsteigt, um den Ernst der Lage zu begreifen. Jenseits der riesigen lokalen Emissionen oder der lokal beschränkten Verschmutzung eines Gebietes versuchen die von Thunberg initiierten Proteste auf die Tatsache aufmerksam zu machen, dass es sich um ein globales Problem handelt, das uns alle herausfordert. Warum also sind die kubanischen Jugendlichen nicht denen aus Ecuador, Brasilien, Mexiko, Chile und Argentinien gefolgt, die sich ihrem Aufruf anschlossen? Die Antwort ist nicht Gleichgültigkeit, sondern Furcht.

Keine der Strukturen, die die Schüler und Jugendlichen auf dieser Insel umgeben, ist darauf zugeschnitten, auf eigene Verantwortung zu handeln. Die Organisation der Pioniere José Martí, die Schülervereinigung der Gymnasien und die Studentenvereinigung der Universitäten sind Treibriemen der Macht zur Einbindung der neuen Generationen und nicht Plattformen für Interessenvertretungen, Beanstandungen und Ausüben von Druck auf die Autoritäten. Wenn der Platz der Revolution es nicht befiehlt auf die Straße zu gehen, dann tun sie es nicht. Traurigerweise gilt diese „Ausrichtung“ nur für Ziele des ideologischen Umfeldes, wie gegen das Weiße Haus zu protestieren, die Freilassung eines Spions zu verlangen oder an der Verunglimpfung von Dissidenten teilzunehmen.

Solche Unternehmungen sind dafür gedacht, die Stimme von jungen Leuten zum Schweigen zu bringen, statt sie zu verstärken. Das erklärt, warum das Beispiel von Greta Thunberg in Kuba auf Schweigen gestoßen ist.

        Übersetzung: Iris Wißmüller


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Maria und der Mangel an Speiseöl

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Die Warteschlange vor einem Laden in Camagüey, um Speiseöl zu kaufen. (Inalkis Rodríguez)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 6. März 2019

Heute, wo uns so viele Situationen an die schwierigen neunziger Jahre erinnern, kehren auch Geschichten über die Ersatzstoffe zurück, die damals Eingang in die Küche und in die Mahlzeiten fanden. Leute auf der Straße erinnern sich, wie sie es schafften, ein kleines Brot in unzählige Scheiben zu schneiden, um es im Tagesverlauf zu essen; wie sie Reis mit Pillen eines Nahrungsergänzungsmittels gelb färbten und Bananenschalen in ein falsches Haschee verwandelten.

Maria ist 43 Jahre alt; sie erinnert sich noch gut an die Zeit, als die kubanische Wirtschaft am Boden lag. Zunächst war es Treibstoff, dann Autobusse und schließlich fehlte Speiseöl. „Meine Schwester arbeitete in einem pharmazeutischen Labor“, sagt Maria, „und deshalb durfte sie Paraffinöl mit nach Hause nehmen; das Produkt wurde bei der Herstellung von bestimmten Arzneimitteln verwendet und hatte weder Geruch noch Geschmack“.

„Meine Schwester arbeitete in einem pharmazeutischen Labor“, erinnert sich Maria,“und deshalb durfte sie Paraffinöl mit nach Hause nehmen“.

Das Problem von Paraffinöl, das man in jenen Jahren auf Kuba als Speiseöl-Ersatz in der Küche verwendete, war, dass es wie ein starkes Abführmittel wirkte. „Wenn man Nahrungsmittel in einen Tiegel mit kochendem Öl tat, entstand weißer Schaum, und später musste man mit einer Baumwoll-Einlage in der Unterwäsche das Haus verlassen, weil man wie ein defektes Auto tropfte“.

„Alle meine Kleider hatten Fettflecken, und weil ich keine Waschmittel und kaum Seife hatte, war das ein Problem“, erinnert sich Maria. “ Mir passierten schreckliche Dinge, wie bei meinem ersten Rendezvous, als ich einen Ölfleck auf meinem Stuhl hinterließ“. Aber jetzt schaut Maria nicht mehr zurück in die Vergangenheit, sondern sie sorgt sich um die Gegenwart. „Ich will nicht, dass mein Sohn durch so etwas durch muss; es reicht schon, dass es mir passiert ist“.

Maria ist anpassungsfähig; in diesen Tagen zieht sie es vor zu kochen, zu dünsten oder zu poschieren, statt zu braten.

Maria ist anpassungsfähig; in diesen Tagen zieht sie es vor zu kochen, zu dünsten oder zu poschieren, statt zu braten − übliche Verfahren in der kubanischen Küche, die in den letzten Jahrzehnten mangels Zutaten ärmer geworden ist. „Leute, die es wissen müssen, sagen, dass es ohne Öl gesünder ist und vielleicht haben sie damit sogar Recht, aber eine gute Ernährung drängt sich nicht mit einem Mangel auf, sondern man lernt sie mit der Möglichkeit auswählen zu können“, fügt Maria noch hinzu.

Übersetzung: Dieter Schubert


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Gestohlene Erinnerungen

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Kata Mojena Hernandez (Facebook)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 18. Februar 2019

Bei Razzien in den Häusern von Aktivisten, Oppositionellen und unabhängigen Journalisten kommt es immer wieder vor, dass die Staatssicherheit ausgerechnet persönliche Fotos und Videos beschlagnahmt. Sie entwenden das einzige Bild der Oma, das im Regal stand, den Schnappschuss vom Geburtstag des Enkelkinds und die Videoaufnahme der ersten Schritte, die das Baby im Wohnzimmer machte. Als hätten sie die Absicht, dass die Person durch den Verlust ihrer Erinnerungen den emotionalen Halt verlieren würde.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich vor einigen Jahren mit einer Dame in Weiß*) führte. Sie erzählte mir, dass unter den persönlichen Gegenständen, die man im März 2003 während der Polizeidurchsuchung in ihrem Haus beschlagnahmte, ihre Hochzeitsfotos waren und dass sie dieser Verlust besonders schmerzte. In jener Morgendämmerung des Schwarzen Frühlings, in der sie ihren Ehemann verhafteten, verlor sie die einzigen Bilder von diesem so besonderen Moment, in dem sie sich die Trauringe ansteckten, die Hochzeitstorte anschnitten und sich vor der Kamera küssten. Man gab ihr die Fotos nie zurück, obwohl diese nichts zu der Anklage der Staatsanwaltschaft gegen ihren Mann beitrugen, die ihn für mehr als sieben Jahre ins Gefängnis brachte.

Nun lese ich diesen Text von Kata Mojena und stelle fest, dass sich bei den Razzien in mehreren Wohnungen von Aktivisten der oppositionellen Unión Patriótica de Cuba vergangenen Montag dasselbe repressive Vorgehen wiederholt hat, sowie dieselbe absurde Beschlagnahmung privater Gegenstände und Familienerinnerungen, die keinen politischen Wert haben. Jedoch besitzen sie einen unschätzbaren Wert für den Menschen. Die Strategie bleibt gleich: der Person das wegzunehmen, was sie zu der Person macht; sie auf die Gegenwart zu reduzieren; ihr alle emotionalen Elemente zu entziehen, die sie vervollkommnen; ihr das Zeugnis dessen zu entreißen, was ihr in Form von Lebenserfahrung nicht genommen werden kann. Letztendlich bedeutet das auch von ihrer Geschichte Besitz zu ergreifen.

Zum Glück gibt es mittlerweile soziale Netzwerke, um all das unmittelbar an die Öffentlichkeit zu bringen. Man muss nicht jahrelang darauf warten, dass die Welt davon erfährt, dass die ablehnenden Reaktionen gehört werden und der Spott der Menschen diese „Diebe der Erinnerungen“ trifft, die – aufgrund von so häufigem Amtsmissbrauch in der Vergangenheit und der Gegenwart – in panische Angst vor der Zukunft geraten.

 

Kata Mojena Hernandez schreibt auf Facebook

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Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkung der Übersetzerin:
*) Die Damen in Weiß (Damas de Blanco) sind eine kubanische Menschenrechtsgruppe, die 2003 als Zusammenschluss von Angehörigen und Lebenspartnern regierungskritischer Journalisten, Oppositionspolitiker und Menschenrecht-Aktivisten entstand, welche im Rahmen des Schwarzen Frühlings verhaftet und verurteilt worden waren.


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