Der Kalender trifft uns wieder mit dem 28.Januar

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Ein Einsatzkommando vor den Türen des Gerichts in Santa Clara, wo die Verhandlungen gegen die Demonstranten des 11.Juli stattfinden. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 24.Januar 2022

In den letzten Jahren sind dem 28.Januar, dem Geburtsdatum des Nationalhelden José Martí, tragische Ereignisse vorausgegangen. Am 27.Januar 2020 starben beim Einsturz eines Hauses drei Mädchen, und genau ein Jahr vorher fegte ein Tornado über Havanna hinweg. Am 28.Januar wurde Martí vor 169 Jahren geboren; in diesem Jahr geht an seinem Gedenktag eine Woche mit Urteilen gegen Demonstranten des 11.Juli zu Ende.

Die Verfahren, in denen man die aburteilt, die an jenem Tag protestierten, waren gekennzeichnet von Ungerechtigkeit und dem Versuch des Regimes, eine exemplarische Botschaft auszusenden. Die hohen Gefängnisstrafen, die die Staatsanwaltschaft für viele der Angeklagten fordert, zusammen mit den zu erwartenden Urteilen, lassen Schlimmes ahnen. Diese Zeiten hinter Gittern bedeutet für viele Angeklagte mehr Jahre im Gefängnis zu verbringen, als sie bisher schon gelebt haben.

Außerdem werden Familien zerstört, wenn sie einen Sohn oder eine Tochter im Gefängnis haben, und die Furcht vieler Kubaner, in eine ähnliche Situation zu geraten, spornt sie an, das Land so schnell wie möglich zu verlassen.

So viel Maßlosigkeit, um einen Akt von Bürgerprotest zu bestrafen, hinterlässt eine traurige Bilanz. Außerdem werden Familien zerstört, wenn sie einen Sohn oder eine Tochter im Gefängnis haben; und die Furcht vieler Kubaner, in eine ähnliche Situation zu geraten, spornt sie an, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Unter denen die weggehen sind nicht nur die, die an den besagten Demonstrationen teilnahmen, sondern vor allem die, die potentiell den nächsten sozialen Aufstand in die Wege leiten könnten.

Der Abschreckungseffekt geht einher mit Druck auf Angehörige, die die regelwidrigen Gerichtsverfahren anprangern, auch mit Drohungen gerichtet an jene, die in ihren sozialen Netzen die Maßlosigkeit der Staatsanwälte und Richter verbreiten und so eine Kampagne der sozialen Verteufelung von Verhafteten bekannt machen. Unfähig, wie die kubanische Bürokratie ist, hat sie nicht vorausgesehen, dass sich an jenem Sonntag die Straßen mit den Rufen „Freiheit“ füllen würden; jetzt will man diese eindrucksvollen Bilder verblassen lassen, mit den Mitteln Gefängnis und Angst.

Am 28.Januar, an dem José Martí zum ersten Mal weinte, werden fast 40 Urteile gegen Dutzende von Kubanern ergehen, die gleich ihm glaubten, dass Kuba ein freieres Land werden könnte, „zum Guten für alle“. Wegen dieser Haltung legte man dem 16-jährigen Martí eine Fußfessel an und später wurde er zu mehrjähriger Verbannung verurteilt. Eine beunruhigende Parallele zu dem, was sich diese Woche in Kuba ereignet.

Der Kalender setzt uns wieder vor den Spiegel unserer Geschichte. Die jungen Leute bleiben Verurteilte und werden auf dieser Insel ins Exil getrieben.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Der Kult um Fidel Castro wächst, um die Echos der Proteste in Kuba zu ersticken

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Eingeweiht in la Parra, Cienfuegos, das Monument für Fidel Castro. (Granma)

YOANI SÁNCHEZ / Panamá / 10.Januar 2022

Eine Skulptur in Form einer Hand, die aus dem Boden ragt, ein Ganzkörper-Relief, eine Pilgerfahrt mit seinem Foto und die Neuauflage eines Buchs mit Interviews, all dies gehört zur der neuen Welle des Personenkults um Fidel Castro. In dem Maß, wie sich das Regime mehr und mehr in die Seile gedrängt fühlt, verehrt es das Phantom eines Mannes, den die Kubaner in den letzten fünf Jahren ständig hinterfragt und zunehmend vergessen haben.

„Wer ist das, Mama?, fragte die 5-jährige Tochter eine Freundin, die das nationale Fernsehprogramm kaum einschaltet, die aber aus Versehen die Nachrichten weiter verfolgte, als auf dem Bildschirm das bärtige und gealterte Gesicht von Castro erschien, als er eine Rede zu Beginn des Jahrhunderts hielt. Bei der jungen Generation wächst die Ablehnung und die Gleichgültigkeit gegenüber Castro, und sie vergessen den Mann, der seine Person mit der Staatsidee verschmelzen wollte.

Diese Entfremdung verfolgen die aktuellen Führer mit Sorge. Weil es ihnen selbst an vorzeigbaren Ergebnissen fehlt, bleibt ihnen nur Castro auf eine mystische Ebene zu heben. Der Mann, der die Zerstörung der Altäre voran trieb, der das Tragen von religiösen Gewändern stigmatisierte und die Taufe ablehnte, jetzt wird er von seinen Schmeichlern wie eine Heiligenfigur behandelt, die man vom Altar herunternimmt und bei politischen Prozessionen mitführt.

Dem kubanischen System ist die Ideologie abhanden gekommen, und die Relikte von sozialer Gerechtigkeit haben sich längst in Luft aufgelöst. Die aktuellen Gesichter der Macht besitzen kein Charisma, einige von ihnen haben genau das Gegenteil davon: der mittelmäßige Miguel Dìaz-Canel, der schweigsame Luis Alberto Rodriguez López-Calleja oder der langweilige Bruno Rodríguez. Mit dieser Mannschaft aus grauen Leuten wird man in den Herzen der Menschen kein Feuer entzünden können.

Seine politischen Erben sind jetzt dabei ein Netz von Monumenten schaffen, die nicht nur im Widerspruch zu seinem letzten Willen stehen, sondern auch im Fadenkreuz des öffentlichen Zorns.

Deswegen haben die offiziellen Propagandisten einen Kreuzzug begonnen: er soll die öffentliche Unzufriedenheit zurückdrängen und die Echos der Proteste des 11.Juli ersticken. Dazu weihen sie Monumente ein, die an Fidel Castro erinnern, nennen Orte, die Schuhe von ihm zeigen und wiederholen seinen Namen bei allen öffentlichen Reden. Sie haben ihm sogar die Initiative zugeschrieben, die zur Entwicklung von Impfstoffen gegen Covid-19 führte.

Und sie greifen auf das Drehbuch zurück, das ihnen schon einmal taugte.

Trotzdem, es sind andere Zeiten. Castro kann keinen Schrecken mehr verbreiten, ein Umstand, den viele für die wichtigste „Gabe“ seiner Führerschaft hielten. Es waren nicht seine langen Stunden vor dem Mikrophon, in denen er sprach und sich schließlich widersprach; auch nicht seine Körpergröße, viel größer als die mittlere der Kubaner, und auf gar keinen Fall seine vermutete Klugheit − der Mythos entstand, weil er mutig über alles sprach und dabei auf Berater setzte, die ihm umfangreiche Resümees lieferten. Nein, der Einfluss Castros auf Millionen von Menschen beruhte auf Angst.

Die Leute fürchteten, er würde eines Morgens aufwachen und Maßnahmen treffen, um einem bestimmten Markt-Typ den Garaus zu machen; fürchteten, er würde große Landgebiete beschlagnahmen, oder eine Offensive starten, um die letzten Reste des unabhängigen Unternehmertums zu beseitigen. In den Häusern zitterte man, weil ein Satz am falschen Ort den Sohn oder die Mutter ins Gefängnis bringen konnte, wo die „revolutionäre Justiz“ − von Castro mitleidlos durchgesetzt − ihr Leben zerstören würde. Der Schrecken war so groß, dass man zahllose Spitznamen erfand um nicht „Castro“ sagen zu müssen, und in Gesprächen war sogar das Pronomen „Er“ für ihn reserviert, was die Panik reduzierte seine elf Buchstaben aussprechen zu müssen.

Nein, diese Angst kommt mit den Plakaten und Skulpturen nicht zurück, die an ihn erinnern. Die Angst ist Teil der Vergangenheit; der aktuelle „Anfall“ der Regierung hat den Personenkult um Fidel Castro wiederbelebt, löst aber nur Spott und Überdruss aus. Seine politischen Erben sind jetzt dabei ein Netz von Monumenten zu schaffen, die nicht nur im Widerspruch zu seinem letzten Willen stehen, sondern auch schon im Fadenkreuz des öffentlichen Zorns.

Die Menschen freut es, jene von den Altären herunter zu nehmen, die sie für würdig halten, auf Altären zu stehen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Zurück an die Schule und die Rückkehr zur Maske

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Vergangenen November, Schulbeginn an einer Grundschule in Granma. (Facebook)

YOANI SÁNCHEZ / Panamá / 31.Dezember 2021

Der Lehrer von Ana Laura hat ihre Mutter zu einem Gespräch aufgefordert, um sich über das Verhalten der Tochter zu beklagen. Die 14-jährige Jungendliche ist zurückgekommen in ihr Klassenzimmer in Havanna, nachdem sie ein Jahr lang keinen Unterricht hatte, und jetzt spürt sie, dass sie nicht mehr hierher gehört. Sie folgt nicht mehr den Lerninhalten und will im Unterricht auch nicht mehr mitschreiben. „Das betrifft mehr als die Hälfte ihres Jahrgangs“, beklagt sich der Lehrer. Eine Rückkehr an die Schule ist weltweit eine Herausforderung, aber die Situation verschlimmert sich in Kuba, wo Exzesse von ideologischer Indoktrinierung dazu beitragen, dass Schüler die Schule ablehnen.

Zu Beginn des Lockdowns glaubte die Schulbehörde, dass es genügen würde Distanzunterricht zu erteilen: man setze einen Lehrer vor eine Kamera und verteile Hausaufgaben über einen Messenger-Dienst. Aber die Monate ohne Morgenfeiern mit flammenden politischen Losungen haben ihren Tribut gefordert, dies betrifft die Einflussnahme auf Kinder und Jugendliche von Seiten des kubanischen Regimes. Für lange Zeit mussten Schüler nicht in Klassenräume gehen, wo sich Kreide auf der Wandtafel und Bilder von Parteiführern abwechseln; sie mussten auch nicht an Aktionen der „revolutionären Bestätigung“ teilnehmen, in die man Schüler und Studenten häufig einbezieht.

Nicht überraschend ist, dass die historischen Proteste des 11.Juli stattfanden, als die Schulen für fast mehr als ein Jahr geschlossen hatten. Als ob der Bann seine Wirkung verloren hätte, weil man nicht jeden Tag die entsprechenden Worte wiederholen konnte, die in einen Zustand unterwürfiger Zustimmung versetzen;…jetzt sind die jungen Leute als Bürger aufgewacht. Unter den mehr als tausend Festgenommenen an jenem 11.Juli ist ein Gutteil jünger als 20 Jahre, viele sind kaum älter als 16, das Alter der Volljährigkeit in Kuba.

Diese Kinder und Jugendlichen erneut in eine Form von Indoktrination zu pressen, ist so unmöglich, wie den Schwestern von Aschenputtel den zu kleinen Schuh anzuziehen.

Für jene, die nicht hinter Gittern endeten obwohl sie öffentlich demonstrierten, hat die Rückkehr an die Schule einen bitteren Beigeschmack. In den Klassenzimmern fehlen Mitschüler von ihnen, und sie hören überall Geschichten von Schnellverfahren und Gerichten, wo man Strafen von mehr als zehn Jahren verlangt, wenn jemand das Recht zu protestieren für sich in Anspruch nimmt. Aber auch die, die in die Schule zurückkommen, sind nicht mehr die, deren Unterricht im Frühling 2020 endete, als die Inzidenzrate von Covid-19 anzusteigen begann. Sie haben sich deutlich verändert.

Diese Kinder und Jugendlichen erneut in eine Form von Indoktrination zu pressen, ist so unmöglich, wie den Schwestern von Aschenputtel den zu kleinen Schuh anzuziehen. Sie passen nicht mehr in das ideologische Gefängnis der Schule, obwohl sie im Lockdown mit „Bleibe im Haus“ Prüfungen versäumten, vor Schulbüchern seufzten und sogar Unterrichtsstunden voller mathematischer Formeln und vorfabrizierter Sätze idealisierten. Sie haben genug vom Personalkult, von Losungen mit Brand-Rhetorik und von der Doppelmoral, die all das provoziert.

Während der Lehrer von Ana Laura klagt, dass die Schülerin kein Interesse mehr am Unterricht zeigt, glaubt die Mutter, dass es sich bei der Tochter um eine altersgemäße Rebellion handelt oder um mangelnde Unterrichtspraxis des Lehrers. Und sie geht darüber hinaus: in diesem letzten Jahr habe ihre Tochter gelernt, wie man ohne „eiserne Maske“*) lebt und jetzt wolle sie die nicht mehr tragen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Eine Vermutung des Übersetzers:

Mit der „eisernen Maske“ könnte Y.Sánchez auf das Gerücht anspielen, dass ein Zwillingsbruder von Ludwig XIV. eine eiserne Maske tragen musste, ohne die er zu einer Gefahr für den König geworden wäre.

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Das Wort des Jahres und die schwierige Aufgabe einen Moment zu benennen

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Auf dem Bild ein Begräbnis in der Provinz Pinar del Río. (Ronald Suárez/Facebook)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 23.Dezember 2021

Die Fundéu, die gemeinnützige Stiftung zur Förderung der spanischen Sprache, hat schon die 12 Kandidaten bekannt gegeben, die sich 2021 um den Titel „Wort des Jahres“ streiten. Die Konkurrenz ist groß, weil das Jahr tiefe Gefühle bei den Millionen Menschen hinterlassen hat, die dieses schöne Idiom sprechen, und weil sich im Verlauf der 12 Monate eine gesellschaftliche Debatte an Wörtern wie wissenschaftliche Erfolge, politische Konflikte und wirtschaftliche Nöte entzündet hat. Die Wahl könnte im spanischen Sprachraum eine Spur von Unzufriedenheit hinterlassen, einen vielstimmigen Chor in den 20 Ländern, in denen Spanisch die offizielle Sprache ist, und auch darüber hinaus.

Impfung, Kryptowährung, Unterversorgung, Variante, Metaversum und Taliban finden sich unten den Begriffen, die sich um die Krone streiten, die die Fundéu seit 2013 vergibt. Trotzdem, obwohl diese Begriffe bei zahllosen Gelegenheiten geschrieben, gesendet und gesprochen wurden, denke ich, dass es der Akt Abschied zu nehmen ist, mental oder physisch, dem wir am Ende dieses schwierigen Jahres den Vorzug geben sollten. Das Wort „adiós“ hat unsere Tage markiert, unseren Lebensweg neu definiert und uns gezwungen, die Prioritäten unserer Existenz neu zu konzipieren.

Wir mussten dieses spitze Wort noch einmal verwenden, als uns klar wurde, dass die Pandemie nicht etwas Vorübergehendes ist, sondern einen neuen Status quo darstellt, mit dem wir noch lange Zeit leben müssen. In diesem Jahr haben wir unaufhörlich „adiós“ gesagt.

Wir sagten „adiós“ zu den vielen tausend Verstorbenen, die uns in der zweiten und dritten Welle verlassen haben, als wir glaubten, dass wir das Schlimmste schon überstanden hätten. Wir haben dieses Wort verwendet, als wir begriffen hatten, dass die Art, wie wir soziale Kontakte, Begegnungen mit anderen Menschen und das Berufsleben erlebt haben, so nicht wiederkommen würde; wir mussten dafür neue Formen schaffen. Dann mussten wir dieses spitze Wort noch einmal verwenden, als uns klar wurde, dass die Pandemie nicht etwas Vorübergehendes ist, sondern einen neuen Status quo darstellt, mit dem wir noch lange Zeit leben müssen. In diesem Jahr haben wir unaufhörlich „adiós“ gesagt.

Aber jedes Mal, wenn wir eine Hand oder unseren Kopf schüttelten, um ein Kapitel abzuschließen oder einem Verstorbenen „auf Wiedersehen“ zu sagen, sagten wir auch „Hallo“ oder „Willkommen“, weil das Jahr 2021 uns jeden Morgen zwang aufzustehen und dankbar zu sein, dass die Lunge noch funktionierte; wir sprangen umher wie kleine Kinder, wenn das Test-Ergebnis negativ war; wir umarmten einander nur mit der Ecke des Ellenbogens, und auch so spürten wir, wie es mit dem ganzen Körper gewesen wäre; wir ließen die Badesachen in der Kommode, weil die Strände gesperrt waren; wir hängten keine Girlanden auf, weil Weihnachten nicht so war um zu feiern. Das brachte uns dazu Überflüssiges zu entsorgen und Wesentliches zu behalten.

Nachdem wir all das überlebt haben, ringen wir uns ein kleines Lächeln ab und erinnern uns daran, dass die Fundéu im Jahr 2014 das Wort „Selfie“ wählte, selbstverliebt und unbekümmert, oder dass 2019 die Entscheidung zugunsten der sympathischen „Emojis“ ausfiel. Die Sprache war damals beladen mit einer heute überholten und überhasteten Sorglosigkeit; wir ahnten damals natürlich nicht, dass eine Pandemie über uns kommen würde.

Am 29.Dezember wird die Stiftung Fundéu, die von der Nachrichtenagentur EFE und der Königlich Spanischen Akademie gefördert wird, das Wort des Jahres bekannt geben; aber viele von uns kennen es schon. Es sind die zwei kurzen Silben, die wir die ganze Zeit wiederholt haben: „adiós“.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Der kubanische Kalender hat sich mit Tagen der Menschenrechte gefüllt

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Nach Jahren, in denen dieses Datum alarmierend für den Castrismus war, haben sich die widrigen Tage vermehrt.

Mehrere Polizisten verhaften einen Mann, als er am 11.Juli in Havanna demonstriert. (EFE/Ernesto Mastrascusa)

YOANI SÁNCHEZ / Panamá / 10.Dezember 2021

Am 10.Dezember 1989 fand in einem Park in Lawton eine Schmähaktion gegen Aktivisten statt. Was wurde aus jener Schülerin, die diese Aktion vehement rechtfertigte? Eine Woche lang waren ihre kampferprobten Mitschülerinnen und sie das junge Gesicht der revolutionären Unnachgiebigkeit; sie prahlten sogar damit, eine Kamera der ausländischen Presse zertrümmert zu haben.

Fast ein Vierteljahrhundert später sind vermutlich viele von denen, die damals dabei waren, heute schon emigriert; sie wurden vom System enttäuscht oder überleben dank korrupter Praktiken. Das Regime aber, das sie als Stoßtrupp missbrauchte, bleibt entschlossen sich den Tag der Menschenrechte einzuverleiben. Es erlaubt keine öffentlichen Forderungen von Seiten der Bürgerschaft und vernichtet denjenigen, der es wagt, die Freilassung der politischen Gefangenen offen zu fordern.

Autoritäre Regime wissen, dass sie immer Menschen finden werden, die bereit sind andere zu attackieren, und sie sind geschickt darin niedere menschliche Instinkte für sich zu nutzen. Sicher ist aber auch, dass man bei offiziellen Aufrufen die Abneigung der Kubaner bemerkt, dem „Feind die Stirn zu bieten“. Obwohl es jene gibt, die mit einem Schlagstock in der Hand Fotos machen, und auch jene, die so tun, als ob sie auf einen Kontrahenten schießen würden, obwohl sie nicht einmal wissen, wie man mit einem Gewehr umgeht.  Aber die überwiegende Mehrheit vermeidet es, sich in diese repressive Maschinerie hineinziehen zu lassen.

Wenn vor einigen Jahrzehnten jene Schülerin in obligater Schuluniform im Fernsehen damit prahlte, einen oppositionellen Marsch mit Schreien und Schlägen aufgelöst zu haben, dann könnten heute ihre Kinder zu denen gehören, die betont lässig laufen, wenn man sie von der Schule zu einem „falschen Volksfest“ bringt, in einen Park, in dem kurz vorher dazu aufgerufen wurde, gegen den Mangel an Freiheit zu protestieren. Ihren Enthusiasmus hat die Realität abgekühlt, deren Apathie ist eine Form von Rebellion.

Trotz der geringen Begeisterung der Gefolgsleute, hat die regierungshörige Bürokratie wieder ihre alte Propaganda – und Polizeimaschinerie in Bewegung gesetzt, und zwar am Tag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Trotz der geringen Begeisterung der Gefolgsleute, hat die regierungshörige Bürokratie wieder ihre alte Propaganda – und Polizeimaschinerie in Bewegung gesetzt, und zwar am Tag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, im schon weit zurückliegenden Jahr 1948. Das „Maßnahmen-Paket“ der Regierung versucht ein Konzept umzusetzen: die Presse mit den angeblichen sozialen Erfolgen des Systems zu überschwemmen, die Kontrolle über kritische Hashtags (#) in sozialen Netzwerken zu gewinnen, dreiste Praktiken bei Verhaftungen anzuwenden, Hass-Meetings zu veranstalten und die Telefonleitungen von Oppositionellen zu sperren.

Aber der Kalender wurde zu einem Problem für den Castrismus. Wenn das Regime früher vermehrt seine Anstrengungen bezüglich Überwachung und Kontrolle auf den Tag der Menschenrechte konzentrieren musste, dann sind heute überall im Land solche Tage hinzugekommen. Die öffentlichen Proteste am vergangenen 11.Juli haben gezeigt, dass die Kubaner ihr bürgerliches Bewusstsein wiedererlangt haben und zwar in dem Maße, wie das soziale Unbehagen überhandnahm. Die Militarisierung des Landes, um den Bürgermarsch am 15.November zu verhindern, markiert einen weiteren Tag im Kalender.

Das Regime muss jeden Tag mit dem Schrecken leben, den dieser Dezembertag vor ein paar Jahren bei ihm auslöste. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang folgte das Regime der verschleißenden Strategie, aufkeimenden Non-Konformismus zu ersticken, Tumulte niederzuhalten, potentielle Demonstranten einzuschüchtern, die eigenen Anhänger davon zu überzeugen, dass die Kommunistische Partei bis ans Ende aller Tage das Staatsruder in der Hand behalten wird, Haushaltsmittel freizugeben, um die politische Polizei zu verstärken und zu beten…, ja, auch beten, dass das Volk nicht erneut auf die Straße gehen möge.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Die neue Fluchtroute der Kubaner heißt „Nicaragua“

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Viele Kubaner warten vor dem Büro von Copa Airlines in Havanna und hoffen auf ein Ticket nach Managua. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 27.November 2021

Eine meiner frühesten Erinnerungen geht zurück auf das Jahr 1980, als ich noch keine 5 Jahre alt war. Im Mietshaus in Havanna, wo ich wohnte, hörte ich Schreie von mehreren Nachbarn und ich ging auf den Flur. Eine größere Gruppe von Mietern überhäufte einen jungen Mann mit Beleidigungen, weil er sich entschlossen hatte, das Land über den Hafen von Mariel zu verlassen. In meinem Gedächtnis hat sich diese Explosion von Schimpfwörtern und verzerrten Gesichtern unauslöschlich eingegraben.

Gerade erleben wir wieder eine Massenflucht, aber im Unterschied zu jenen Jahren, als der russische Bär zahlreiche Ressourcen nach Kuba schickte, werfen die offiziellen Trupps jetzt keine Eier an die Tür von Ausreisewilligen und beschmieren nicht die Hauswände mit Parolen. Stattdessen scheinen die Behörden Gefallen daran zu finden, den Druck aus dem sozialen Kessel zu nehmen, indem sie die neuen Emigranten in die Liste jener aufnehmen, die Geldbeträge nach Kuba überweisen.

Statt sich dazu durchzuringen, eine Schiffsanlegestelle für jene zu öffnen, die kommen möchten um nach ihrer Familie zu sehen, oder die Sperrung der Grenzen aufzuheben, damit Tausende auf miserablen Flößen die Meerenge von Florida überqueren können −  wie es 1994 der Fall war − ,ist den Behörden ein Vorgehen eingefallen, wie sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können. Dank der Unterstützung ihres Alliierten Daniel Ortega, haben sie diese Woche angekündigt, dass Kubaner für Nicaragua kein Visum mehr benötigen.

Das mittelamerikanische Land wird so zur Hoffnung all jener, die die materiellen Einschränkungen und den Mangel an Freiheit nicht mehr ertragen.

Das mittelamerikanische Land wird so zur Hoffnung all jener, die die materiellen Einschränkungen und den Mangel an Freiheit nicht mehr ertragen. Aber Managua ist nicht ihr Endziel, sondern nur der erste Schritt, um sich auf den Weg zur Südgrenze der Vereinigten Staaten zu machen. Der Platz der Revolution kennt diese Absichten und kalkuliert, dass in ein paar Monaten viele tausend kubanische Staatsbürger sich an den Grenzübergängen zusammendrängen werden und die Einreise fordern.

Mit diesen üblen Maßnahmen, die man gerade praktiziert, vergewissert sich das kubanische Regime, dass Joe Biden sehr bald Kopfschmerzen bekommen wird und eine große interne Diskussion beginnt, angesichts der stark zunehmenden Zahl von Migranten, die von der Insel kommen. Nebenbei bemerkt, auf dem nationalen Territorium befreit sich das Regime auf diese Weise von Nonkonformisten und Rebellen, die die nächste soziale Explosion anführen könnten, wie am vergangenen 11.Juli geschehen.

Aber diese Massenflucht ist ein zweischneidiges Schwert. Die US-Administration könnte die Angelegenheit ganz anders behandeln, als es sich Havanna vorstellt. Auch könnte die Flucht vieler Kubanern Effekte in einer alternden Gesellschaft verursachen. Wenn Kuba in den nächsten Monaten einen Teil seiner jungen Leute verliert, seine Fachleute und solche mit genügend Selbstwertgefühl, die glauben, dass sie auch in einem Umfeld mit Wettbewerb erfolgreich sein könnten, dann verzögert sich nicht nur der demokratische Wandel, sondern auch die wirtschaftliche Erholung und die Entwicklung des Landes.

Mit der Migrations-Alchemie spielen, könnte auch für den Castrismus bittere Überraschungen bringen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Der Tag, an dem das kubanische Regime allein lief…und nicht gewann

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Am vergangenen 14.November platzierten die kubanischen Behörden einen Omnibus so, dass er die Straße von Yunior García blockierte; anderntags wollte García in weißer Kleidung und mit einer Rose auf die Straße gehen. (EFE)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 19.November 2021

Sie sagen, dass das Pferd allein auf der Rennbahn lief und die Ziellinie als Erster erreichte. Eingesperrt in ihren Ställen und angebunden an Ketten waren bei diesem Rennen die möglichen Konkurrenten. Der Sieger konnte seine Arroganz nicht unterdrücken und lobte die Beine, als ob die ihn zum Sieg getragen hätten und nicht seine Tricks. Sie sagen, dass es ein 15.November war, ein Tag, an dem man dem Publikum verboten hatte beim Rennen dabei zu sein.

In einem Interview mit dem russischen Sender RT hat der Kanzler Bruno Rodríguez den Aufruf zum Bürgermarsch als gescheitert eingestuft. „Die Realität, die tatsächlich in Kuba existierende, zeigt, dass sich in diesem Land nichts ereignet hat“, brüstete sich der Minister, und um dies zu bekräftigen sagte er zu dem ihm wohlgesonnenen Journalisten: „Sie haben sich frei bewegen können, sie wissen genau was geschah, sie haben es zusammen mit den Kubanern erlebt, und sie wissen auch was sich nicht ereignet hat“.

Um Szenen auf den Straßen mit weiß gekleideten Menschen und einer Rose zu vermeiden, hat die Bürokratie Meter für Meter die größte Kontroll-Aktion in die Wege geleitet, wie es sie in der Erinnerung vieler Kubaner so noch nie gab. Die bitteren Überraschungen, die die Spontanität der Proteste am 11.Juli der Regierung bescherten, veranlasste sie sich vorzubereiten, damit es nicht wieder einen Strom von Menschen gäbe, der „Freiheit “ ruft und den Rücktritt von Miguel Díaz-Canel verlangt. Um dies zu gewährleisten, hat Díaz-Canel dieses Mal die ganze Insel lahmgelegt.

Polizeieinsätze, ein Aufgebot von Agenten der Staatssicherheit in Zivil, Schmähaktionen, Bedrohungen und selektive Sperren von Telefonverbindungen.

Polizeieinsätze, ein Aufgebot von Agenten der Staatssicherheit in Zivil, Schmähaktionen, Bedrohungen und selektive Sperren von Telefonverbindungen…, er verwendete eine feige Taktik aus dem Handbuch für Autoritäre und missbrauchte seine Macht. Was er selbst vom Castrismus geerbt hat, fügte er noch hinzu: Experte im Lügen und die Verwendung von Dekor. Genau so hat er jahrelang versucht, die Leistungsfähigkeit Kubas auf dem medizinischen Sektor glaubhaft zu vermitteln, ehe sie aufgrund der Pandemie zu Bruch ging. Für 15N wählte er die Inszenierung „Frieden und Ruhe“.

Das Ergebnis glich mehr dem Drehbuch für eine Bestattung: leere Straßen; gemurmelte Gespräche in den Warteschlangen, wo bis vor zwei Tagen noch pure Lebensfreude herrschte; zitternde Hände, die versuchten unter dem einschüchternden Blick der Polizei ein Smartphone aus der Tasche zu ziehen; weinende Mütter, die ihre Kinder anflehten, dass sie an diesem Montag das Haus nicht verlassen sollten. Ein weißes Betttuch über einem Wäscheständer konnte den Nachbarn im nächsten Haus aus Furcht lähmen; sogar die Blumenverkäufer versteckten sich oder boten nur gelbe Sonnenblumen und sehr rote Rosen an. An diesem Tag spielte der Terror die Hauptrolle.

Und dann fühlte sich das Regime stark, schüttelte die Mähne, stellte seine Kruppe zur Schau und zeigte die Zähne. Jetzt wollen sie der öffentlichen Meinung, national und international, glaubhaft machen, dass man ihnen eine Medaille für ihre Fähigkeiten umhängen sollte, auch für die Unterstützung aus ihrem Volk. Die Regierung weiß aber, dass alles eine Lüge ist. Wenn sie nicht die größte und kostspieligste Unterdrückungs-Aktion der letzten 25 Jahre durchgeführt hätte, dann hätten die Kubaner den Regierenden erneut ihren Überdruss am aktuellen System gezeigt.

Das Regime wird auch nicht verhindern können, dass man das Wiehern der eingesperrten Pferde hören wird, denn Regeln im politischen Spiel werden nicht respektiert. Wenn man Konkurrenten eliminiert, oder Dissidenten daran hindert ihre Fähigkeiten zu zeigen, dann entwertet man damit das Rennen, die Schiedsrichter und die zu vergebenden Medaillen. Man zwingt ein Volk dazu, andere Wege zu finden um aufs Podium zu kommen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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Überwachung und Schmähaktionen knebeln 15N in Kuba

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Yunior García Aguilera hält eine Hand mit einer weißen Rose aus dem Fenster. (EFE)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 16.November 2021

Die Straßen fast leer, in der Luft liegt Spannung. So erlebte man Havanna am letzten Montag, am Tag, an dem unabhängige Gruppen zu einem Bürgermarsch aufgerufen hatten, für die Freilassung der politischen Gefangenen und für einen demokratischen Wechsel auf der Insel. Auf den Boulevards und in den Geschäften, die vor zwei Tagen noch voll von Leuten waren, gab es an diesem 15. November nur Polizei, uniformiert oder in Zivil.

Einen Tag vorher wurde der Dramaturg Yunior García Aguilera − einer der wichtigsten Organisatoren des friedlichen Protests − in sein Haus eingesperrt, mit einem offiziellen und schreienden Mob vor seiner Tür. Obwohl die Unterdrücker ihn daran hinderten sein Haus zu verlassen, konnten sie nicht verhindern, dass er der kubanischen Geschichte ein wirkmächtiges Bild von Bürgersinn schenkte: Ein Mann, eingesperrt in sein eigenes Haus, hält eine Hand mit einer weißen Rose aus dem Fenster.

Der exzessive und repressive Polizeiaufmarsch, den das kubanische Regime losgetreten hat, hat nicht nur die betroffen, die an diesem Montag Opfer von Schmähaktionen wurden, sondern auch die, die unter der Sperre der Internetdienste litten und verhaftet wurden, wenn sie versuchten auf die Straße zu gehen. Die Hauptschuld geht zu Lasten des eigenen Behördenapparats, der einer Bürgerschaft sein hässliches Gesicht zeigte. Die Bürger sind der exzessiven Kontrollen müde geworden, die nach den Protesten des 11.Juli signifikant zugenommen haben.

Diesen Terror-Zustand für lange Zeit aufrecht zu erhalten, ist für den Platz der Revolution fast unmöglich.

Weil es ein Missverhältnis der Kräfte gibt, nehmen auf den Straßen Unwille und Empörung zu. Wehrlose Bürger stehen offiziellen Einsatzkräften gegenüber, die bereit sind, „jeder Aktion die Stirn zu bieten“, so, wie der Regierende Miguel Díaz-Canel es am vergangenen Freitag angekündigt hat. Die Wut wächst, und obwohl die Angst noch viele Kehlen abschnürt, verliert der Castrismus jeden Tag Anhänger, innerhalb der Familien, unter Nachbarn und bei Freunden von denen, die unterdrückt werden.

Diesen Terror-Zustand für lange Zeit aufrecht zu erhalten, ist für den Platz der Revolution fast unmöglich. Obwohl die Führer der Kommunistischen Partei den Wunsch hegen, die Überwachung jeder Straßenecke über Monate hinaus auszudehnen, mit Posten der politischen Polizei, die vor den Häusern von Dissidenten lauern und lautstarken Hass-Kundgebungen in der Nähe von Wohnungen der Aktivisten…, für all das fehlen die Mittel. Dieses System hat sich daran gewöhnt Loyalität zu kaufen, auch wenn es mit Brotkrumen wäre, von denen keine mehr übrig geblieben sind.

Das Land ist bankrott und den Leuten reicht es. Weder die ökonomische Krise noch das allgemeine Unbehagen können auf kurze oder mittlere Sicht rückgängig gemacht werden. Obwohl es ihnen am 15.November gelungen ist den Bürgermarsch zu ersticken, indem sie Zuflucht zu den alten Methoden der Einschüchterung nahmen; in den klimatisierten Büros der Staatsmacht wissen sie, dass sie so nicht mehr lange regieren können. Sie wissen auch, dass sie den Zugang zu den Herzen des Volkes verloren haben; sie wissen, dass auf dieser Insel die Angst die Seiten gewechselt hat und dass es jetzt sie sind, die uns fürchten.

Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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Facebook, autoritäre Regime und der Daumen nach unten

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Als in Kuba am vergangenen 11.Juli die Proteste begannen, waren Konten bei Facebook und die Möglichkeit Demonstrationen live zu übertragen, die wesentlichen Elemente dafür, dass eine geknebelte Bevölkerung zu ihrer Stimme fand. (Marcos Evora)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.10.2021

Der Riese ist verwundet und es gibt viele Gründe, sich an seinem Ungeschick zu ergötzen. Facebook ist wieder einmal in einen Skandal verwickelt, der das soziale Netzwerk hinterfragt: seine Arbeitsmethoden, die Verwendung von persönlichen Daten seiner Nutzer und sogar seine enorme Macht, die es über Regierungen, lokale Gesetzgebungen und ethische Normen erlangt hat. Nichts Neues in den mehr als 15 Jahren seiner Existenz.

Trotzdem, unter seinen Kritikern finden sich nicht nur Leute, die besorgt um die Anhängigkeit sind, die die Werkzeuge oder Fallstricke seines Algorithmus generieren. Zu den Kritikern zählen auch mehrere autoritäre Regime, die das Bürgerforum nicht mehr ertragen, zu dem das Geschöpf von Mark Zuckerberg geworden ist. Sie reiben sich die Hände, wenn sie sehen wie die Beleidigungen auf den US-Konzern herunter regnen, der seit kurzem beschuldigt wird, seinem Gewinn mehr Priorität einzuräumen als der Netzsicherheit.

Zweifelsohne bleibt die allgemeine Beurteilung positiv, gemessen an der Gefräßigkeit dieses technologischen Mastodonten, der Wahlausgänge beeinflussen, Ansehen vernichten und wichtige Sachverhalte beerdigen kann, mit Gewinn aus Banalitäten. Es sind nicht diese Gründe, derentwegen Diktaturen Facebook verabscheuen. Es sind auch nicht die Probleme mit Sicherheitslücken oder Abhängigkeiten eines Netzwerks mit „gefällt mir“, die hinter den Angriffen der Unterdrücker auf das Unternehmen stehen.

Wenn sich die Regierung in Havanna über die medialen Prügel freut, die Facebook bezieht, dann denkt sie nicht daran uns zu schützen, sondern uns mundtot zu machen.

Als in Kuba die Proteste des 11.Juli begannen, waren Konten bei Facebook und die Möglichkeit, die Demonstrationen live zu übertragen, die fundamentalen Elemente dafür, dass eine seit mehr als einem halben Jahrhundert geknebelte Bevölkerung ihre Stimme fand. Der Zusammenschluss vollzog sich im Internet. In einem Land, in dem das Versammlungsrecht stark eingeschränkt ist, brach ein Bollwerk aus Misstrauen und Angst, das die Bürger bis dahin gelähmt hatte.

Trotz der Internetsperren, die auch in den darauffolgenden Tag anhielten, blieben die sozialen Netzwerke und die Messenger-Dienste die wichtigsten Szenarien der Rebellion. Die Plattform der Gruppe Archipiélago hat zu einem Bürgermarsch am kommenden 15.November aufgerufen und die digitale Gruppe hat ihr Potential genutzt, um mehr als 30.000 Mitglieder zu vereinen. Für diese ist Facebook die einzige Möglichkeit sich zu begegnen und zu diskutieren.

In eben diesem Land, in dem die Lehrbücher der Schulen eine Unmenge an Indoktrinierung enthalten und der Bildschirm − wie bei Orwell − eine naive Karikatur der politischen Polizei ist, freuen sich die offiziellen kubanischen Medien über die Fragen, die in demokratischen Ländern bei Tagungen und in der Presse an Zuckerberg gestellt werden. Sie begrüßen es, dass man den Werkzeugen des sozialen Netzwerks Grenzen setzen will, nicht aber, um die Privatsphäre der Nutzer zu wahren, noch um sie vor Exzessen der Werbung zu schützen. Sie tun es, denn es könnte ihnen gefallen wenn Facebook fällt, um die Lücke zu schließen, die sich bei ihren strengen internen Kontrollen geöffnet hat.

Wenn sich die Regierung in Havanna über die medialen Prügel freut, die Facebook bezieht, dann denkt sie nicht daran uns zu schützen, sondern uns mundtot zu machen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Artikel wurde ursprünglich von DW-Español publiziert.

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Kuba, die Spannung steigt, je näher der 15.November kommt

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Diese Woche, Militärfahrzeuge in den Straßen von Havanna. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 14.Oktober 2021

Sie tragen zivil und simulieren, sie würden auf den Bus warten oder an einer Straßenecke miteinander reden, aber jeder weiß, dass es Segurosos sind, das übliche Wort für die gefürchtete politische Polizei. Ihre Präsenz hat auf den kubanischen Straßen seit den Protesten am 11.Juli zugenommen und man erwartet, dass sie noch weiter zunehmen wird, in dem Maße wie der 15. November naht. Diesen Tag wählten Aktivisten der Plattform „Archipel“, um einen friedlichen Marsch zu veranstalten.

Sie beziehen sich dabei auf geltendes Recht mit für sie günstiger Gesetzeslage. Mehrere junge Leute haben bei lokalen Behörden Anträge gestellt, in wenigstens sechs Provinzen, um am kommenden 20.November zu demonstrieren. Die Verfasser des Textes beriefen sich auf Garantien, die die Verfassung gewährt, nämlich das Recht sich zu versammeln, zu demonstrieren und sich zu vereinigen. Außerdem ersuchten sie die Behörden zu verfügen, dass die Ordnungskräfte des Landes die Protestierenden „angemessen schützen“ sollen. Dieses Schreiben glich einem Stich in ein Wespennest.

Sogleich begannen offizielle Stimmen die Organisatoren des Marsches als „Söldner des Imperiums“ zu bezeichnen; einige von ihnen wurden von der Staatssicherheit bedroht, ihre Mobilfunkdienste unterbrochen und die Umgebung ihrer Häuser überwacht. Diese jungen Leute trafen alle denkbaren Geschosse zur Vernichtung ihrer Reputation und auf nahe Familienangehörige wurde dahingehend Druck ausgeübt, ihnen zu raten, ihr Unterfangen nicht weiter zu verfolgen.

Der Platz der Revolution hat sich entschlossen nicht mal einen Millimeter Meinungsverschiedenheit zuzulassen; das Regime will seine Zeit über diese 62 Jahre hinaus verlängern, ohne legale Märsche von unzufriedenen Bürgern.

Ein paar Tage nach der Übergabe des Schreibens schüttelte die Bürokratie die Ankündigung aus dem Ärmel, dass an dem vorgeschlagenen Tag eine nationale Militärübung stattfinden würde, offensichtlich die Antwort auf das Gesuch der Aktivisten. Aber diese ließen sich nicht einschüchtern, verlegten den Aufruf vor auf den 15.November und übergaben noch einmal die Dokumente an die lokalen Gouverneure. Am Dienstag war dann die Antwort der Regierung kategorisch: man betrachte die Initiative als „illegal“ und sehe in ihr eine „Provokation für einen Regimewechsel“.

So gesehen handelte die Bürokratie wie erwartet, nahm aber eine gefährliche Position ein. Der Platz der Revolution hat sich entschlossenm nicht mal einen Millimeter Meinungsverschiedenheit zuzulassen; das Regime will seine Zeit über diese 62 Jahre hinaus verlängern, ohne legale Märsche von unzufriedenen Bürgern, ohne Arbeiter auf der Straße, die einen höheren Lohn fordern und auch ohne oppositionelle Politiker, die auf einem Platz ihre Kritik an der Exekutive verbreiten. Der Castrismus hat entschieden sich auch weiterhin unerschütterlich zu zeigen.

Trotzdem, ein japanisches Sprichwort sagt, dass „der Bambus, der sich biegt, stärker ist als die Eiche, die standhält“. Nicht nachgeben, den Marsch nicht erlauben und sich in Unnachgiebigkeit einigeln kann einer der größten Fehler sein, den die Führer eines Systems begehen können, das in den letzten Zügen liegt. Nach der Demonstration der weitverbreiteten Erschöpfung, die die Kubaner im Sommer auf offener Bühne zeigten, jetzt mit harter Hand und Repression zu reagieren, ist wie ein Schuss ins eigene Knie. Das könnte ihren Sturz beschleunigen und im schlimmsten Fall das Land in einen Bürgerkrieg führen. Schließlich wissen sie nicht, was sie tun.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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