Der Abgang von Raúl Castro, das Ende einer Ära

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Der kubanische Vizepräsident Miguel Díaz-Canel im Gespräch mit Raúl Castro (GETTY)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 11.Januar 2018 

„Sechs Jahrzehnte sind ein ganzes Leben“, erklärt Facundo, ein Kubaner im Ruhestand, der mit dem Verkauf der offiziellen Presse in Alt-Havanna seine magere Rente aufbessert. Geboren kurz bevor Fidel Castro an die Macht kam, steht dieser Mann der Ernennung eines neuen Präsidenten im April misstrauisch gegenüber. „Das wird so sein wie Laufen lernen“, versichert er, während er die staatliche Tageszeitung Granma anpreist.

 So wie Facundo wurde die Mehrheit der Kubaner, die heute auf der Insel leben, unter dem Castro-Regime geboren, oder können sich kaum noch an das Land vor dem Januar des Jahres 1959 erinnern. Das Ausscheiden Raúl Castros aus der Regierung – zunächst für Februar 2018 angekündigt und später auf April verschoben – bedeutet für sie das Ende einer Ära, unabhängig vom Ende oder dem Fortbestand seiner Politik bei seinen Nachfolgern im Parlament.

 Wenige Wochen vor dem offiziellen Wechsel im Präsidentenamt macht sich Gleichgültigkeit breit unter den Bewohnern dieser Nation, die so lange wie kein anderes Land in Lateinamerika unter der Führung einer Familiendynastie stand. Dieser Moment, der voller Erwartungen und Spekulationen sein sollte, geht unter in der schwierigen wirtschaftlichen Situation und in der allgemeinen Apathie, die sich über die gesamte Insel zieht.

 Im Gegensatz zu anderen Ländern des Kontinents, die leidenschaftliche Regional- und Parlamentswahlen erlebt haben, führt die Wahl auf Kuba weder zu Umfragen, um die Tendenzen der Wähler zu erfassen noch zu Debatten in den Medien. Es herrscht vielmehr das Gefühl, dass es sich um ein „abgekartetes Spiel“ handelt, dessen Ziel es ist, die Kontrolle in den Händen einer Gruppe zu halten.

 Der Verdruss kommt auch daher, dass das aktuelle Wahlgesetz sowohl politische Kampagnen, als auch jedwede Veröffentlichung eines Wahlprogramms, das die einen begeistert und die anderen empört, verbietet. Ohne diesen grundlegenden Bestandteil hat diese Prozedur eher etwas von einer Bestätigung als von einer Wahl, mehr von einer stillschweigenden Ernennung als von einem Wahlkampf.

 Erst im April, wenn der neue Staatsrat bekannt gemacht wird, wird man wissen wer die höchsten Ämter des Landes für sich beanspruchen wird. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Zusammensetzung dieser Instanz reine Spekulation, die sich danach richtet, welchem Beamten die staatlichen Medien mehr Aufmerksamkeit schenken und wen sie aus dem Rampenlicht verdrängen. Einen Wahlausgang vorherzusagen ist in diesem Land ein sehr ungenaues Unterfangen.

 Darüber hinaus werden sich die Kandidaten auf das Präsidentenamt nur kurz an ihrer Rolle als Anwärter erfreuen können; vielleicht nur die Minuten oder Stunden, die zwischen der Bekanntgabe der Kandidaten durch die CCN (Nationale Kommission für Kandidaturen) im Parlament und der Abstimmung über den Vorschlag verstreichen. Ihr Wettkampf um das Präsidentenamt wird kaum länger als einen Atemzug dauern.

 Dies ist der Ablauf seit im Jahr 1976 die erste Nationalversammlung der Volksmacht (Asamblea del Poder Popular) zusammentrat, einem Zeitpunkt, zu dem Fidel Castro das Ende der „revolutionären Übergangsregierung“ verkündete und der sozialistische Staat seine endgültigen institutionellen Formen annahm. Mit dem neuen Wahlgesetz aus dem Jahr 1992 wurden einige Details abgeändert, aber das Wesen des Einparteiensystems und die Abschottung gegen Überraschungen aller Art wurden beibehalten.

Das Ende des Personenkults

 Dennoch, die Neuheit der aktuellen Wahlen liegt nicht darin, was außerhalb des Drehbuchs passieren könnte, sondern darin, dass es zum ersten Mal sehr wahrscheinlich ist, dass derjenige, der das Präsidentenamt übernimmt nicht den Namen Castro trägt. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass er der „historischen Generation der Revolution“, einer kleinen Gruppe von inzwischen Achtzigjährigen angehört, ist sehr gering.

 Neben dem neuen Machthaber werden auch weitere neue Gesichter im Staatsrat zu sehen sein und so den harten Kern der Gerontokratie ablösen. Eine eingeschworene Gemeinschaft, deren Überschuss an Lebensjahren mit dem Argument der „vielen Erfahrung“ gerechtfertigt wurde, während der wirkliche Grund ihres Fortbestands die Treue dieser Veteranen zu den Castro Brüdern, zunächst zu Fidel und später zu Raúl ist.

 Die Natur hat, ihrem normalen Lauf folgend, dem Spiel scheinbar neue Regeln auferlegt, und so ist nun die Zeit der Ablösung gekommen. Dennoch gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass neue Gesichter auch einen politischen Übergang bedeuten. Genauer gesagt werden diejenigen, die sich als Andersdenkende präsentiert haben, nicht auf dieser kurzlebigen Kandidatenliste stehen, die im April – voraussichtlich einstimmig – durch das Parlament bestätigt werden wird.

 So wie im vergangenen Jahrhundert vor der Kamera gemahnt wurde „wer sich bewegt, ist später nicht auf dem Bild“, so wird jeder aussortiert werden, der Anzeichen eigener Ideen zeigt oder den Wunsch hat, während seiner Amtszeit Neues durchzusetzen. So wie es im Jahr 2009 bei Vizepräsident Carlos Lange und Außenminister Felipe Pérez Roque der Fall war; zwei junge aufstrebende Politiker, die aber wieder aus ihren Ämtern enthoben wurden.

 Wenn man schon von davon spricht, lohnt es sich auch den berühmten Satz „Und sie bewegt sich doch“ von Galileo Galilei anzuführen. Nachdem das Land sechs Jahrzehnte lang nicht nur von einem totalitären sondern auch von einem personalistischen Regime geführt wurde, werden diejenigen, die die Führung übernehmen dies als geschlossene Gruppe tun müssen, um frei handeln zu können. Denn nun fehlt eine Figur, die eine historische Abstammung, die Fähigkeit zu leiten und das Vertrauen der Führungsriege auf sich vereint.

 Beinahe 50 Jahre lang vereinte Fidel Castro die Macht der gesamten Insel unrechtmäßig auf sich; er tat dies nach Willen und Laune. In dieser Zeit existierten kaum Ministerräte und das Land wurde von der Tür eines sowjetischen Jeeps aus regiert, aus der sich der Máximo Lider lehnte und „klare Richtlinien“ vorgab. Seine allumfassende Macht erlaubte es ihm alles zu entscheiden, angefangen bei den Schuluniformen bis hin zur der Art und Weise, wie die Hausfrauen ihre Bohnen zubereiten sollten.

 Wenn Fidel an den Sitzungen des Parlaments teilnahm, war er der Einzige der redete und er tat dies unerbittlich und stundenlang, so dass er die Redezeit der mehr als 600 Abgeordneten für sich in Anspruch nahm. Er mischte sich in alle Ressorts ein, zwang allen Amtsbereichen seinen Willen auf und nahm den Institutionen jede Möglichkeit eigene Entscheidungen zu treffen. Fidel Castro regierte das Land mit der Spitze seines Zeigefingers, ohne dass sonst jemand den nationalen Kurs hätte beeinflussen können.

 Es gibt zahlreiche Erzählungen, die davon berichten wie er sich mit seinen direkten Untergebenen versammelte und diese beschimpfte und bedrohte wenn seine Wünsche nicht erfüllt werden konnten. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, um jeden Widerspruch zu ersticken, und Zustimmung oder Applaus waren die einzig möglichen Antworten darauf: „Ja, Fidel“, „Selbstverständlich Chef“, „Zu Befehl Kommandant“!

 

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Díaz-Canel ist vermutlich der Nachfolger des Präsidenten General Raúl Castro. (EFE)

Als Fidel Castro krank wurde und sich im Juli 2006 gezwungen sah, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen, machte es Raúl zu seiner Gewohnheit sich beraten zu lassen. Während der 10 Jahre seiner Präsidentschaft hielt er mehr Sitzungen des Ministerrats ab und berief mehr Vollversammlungen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) ein, als es im halben Jahrhundert vorher der Fall war.

 Dieser Hang zur Teamarbeit machte aus dem Jüngeren der Castros noch lange keinen Demokraten, vermittelte aber wenigstens den Eindruck, dass Raúl – obwohl er nicht darauf verzichtete seine Meinung durchzusetzen – in der Lage war Entscheidungen gemeinsam zu treffen – und sei es nur aus Notwendigkeit. Seine Rufe nach „bedächtigen“ und „allmählichen“ Veränderungen, um die wirtschaftliche Situation des Landes zu verbessern, verhalfen ihm zu einer Reputation, die zu der seines Bruders gegensätzlicher nicht hätte sein können. Fidel glich einem ungestümen Hurrikan; Raúl einem dünnen Nieselregen, der einen weder durchnässt noch erfrischt.

 Trotzdem war es an ihm, dem Jüngeren der Castros, das diplomatische Tauwetter mit den Vereinigten Staaten zu managen. Der Meilenstein seines Mandats, – und wofür er in die Geschichtsbücher eingehen wird – war nicht die herbeigesehnte demokratische Wende auf der Insel; er bestand nur darin, ein Dauerproblem mit dem Nachbarn im Norden geregelt zu haben – was für eine Ironie! Ein Erfolg, der sich in den letzten Monaten mit dem Einzug von Donald Trump ins Weiße Haus in Luft aufgelöst hat. Hinzu kam der Skandal der „akustischen Attacken“, unter denen US-Diplomaten in Havanna vermutlich zu leiden hatten.

 Zu allem Übel hat ihm auch der große Verbündete aus Venezuela seine letzten Tage im Amt erschwert. Der rapide Rückgang der Öllieferungen in Richtung Kuba, verbunden mit dem wachsenden Prestigeverslust der sogenannten „bolivarianischen Revolution“ und der Rücktritt von mehreren Alliierten in der Region haben bewirkt, dass das Szenario für Raúls „Abschied“ stark von seinen Vorstellungen abweichen könnte.

 Mitten in dieser verworrenen Situation gilt: alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft ruhen auf der Entscheidung, die man in der Stunde der Übergabe der Macht treffen wird. Obwohl die Regierung zu zeigen versucht, dass sie „alles und zwar wirklich alles unter Kontrolle hat“, hat ein Regierungssystem, das so sehr auf dem Willen eines Familienclans basiert, ernsthafte Probleme mit neuen Gesichtern. Ein dynastisches Regime kann man weder vererben noch übertragen; es überlebt nur wenn es einen Stammbaum hat.

 Von daher rühren die Spekulationen über den möglichen Aufstieg von Alejandro Castro Espín, dem Sohn des derzeitigen Präsidenten; eine zweifelhafte Figur, der man die Kontrolle über die Polizei zuschreibt oder die Leitung der gefürchteten Staatssicherheit. Trotz dieser Möglichkeit ist sein Vater in dem Wunsch gefangen zu zeigen, dass die staatlichen Institutionen Vorrang vor den Genen haben. Er weiß, dass die Ablösung durch einen Blutsverwandten ihn schützen würde, er weiß aber auch, dass er damit letztendlich die Geschichte der Revolution begraben wird, um so Nachdruck auf die Familiendynastie zu legen.

 Wer auch immer das höchste Amt im Staat übernehmen wird, er wird die Zustimmung von anderen suchen müssen, wird also unter den neugierigen Blicken von Dritten regieren. Es wird ihm nichts anderes übrig bleiben als zu diskutieren um einen Konsens zu erreichen, und das in einem Szenario, bei dem niemand mehr das Recht haben wird mit der Faust auf den Tisch zu hauen, geschweige denn mit einem drohenden Blick nachzufragen, ob irgendjemand anderer Meinung wäre.

Hat Miguel Díaz-Canel eine Zukunft?

 Es herrscht weiterhin große Unsicherheit, was den Namen des oder der Auserwählten betrifft, obgleich alles auf Miguel Díaz-Canel, den jetzigen Ersten Vizepräsidenten, hindeutet. Dieser mögliche Erbe, geboren 1960, ist ein typisches Produkt der politischen Kaderschmiede; jemand, der schon als Kleinkind am Euter der PCC nuckelte und mit der Parteilinie eng verbunden ist, ohne davon auch nur ein Jota abzuweichen.

 Den kubanischen „Thronfolger“ kann man als die graue Eminenz betrachten, ohne Charisma, ohne eigenen Willen, der das Image eines „weiter so“ vertritt. Er ist dank dieses Bilds von ihm dahin gekommen, wo er jetzt ist, und es ist wenig wahrscheinlich, dass aus ihm ein Michail Gorbatschow oder ein Lenín Moreno wird, wenn er denn einmal auf dem Präsidentenstuhl Platz genommen hat. Falls doch, wird sein politischer Aufstieg Fragen und Verdächtigungen nach sich ziehen, die von Seiten der Opposition auf ihn herabregnen werden.

 Eine Gruppe von illegalen Abweichlern behauptet, dass „solange sich nicht das ändert, was sich ändern muss, hat sich nicht geändert.“ Der Machtwechsel wird also nur eine Inszenierung für den Rest der Welt sein, während sich in Bezug auf politische Unterdrückung und Mangel an Freiheiten nichts auch nur einen Millimeter bewegen wird.

 Diese Sicht der Dinge stützt sich auf die Tatsache, dass Raúl Castro der Erste Sekretärs der PCC bleiben wird; laut Verfassung die „richtungsweisende Kraft für Staat und Gesellschaft“. Wenngleich der Lauf der Natur darauf hindeutet, dass es wenig wahrscheinlich ist, dass Raúl dieses Amt bis zum achten Kongress der PCC im Jahr 2021 ausüben wird, wenn er dann beinahe ein Alter von 90 Jahren erreicht hat.

 In sozialistischen Ländern ist es Tradition das höchste Staats-und Parteiamt in einer Hand zu vereinen. Es ist somit mehr als absehbar, dass Raúl – ehe sein Mandat an der Spitze der politische Organisation zu Ende geht – einen außerordentlichen Kongress einberuft, um beide Mandate erneut zu vereinen.

 Es kann auch geschehen, dass – zum ersten Mal in den vergangenen Jahrzehnten – eine Person an die Spitze der PCC gewählt wird, verschieden von der, die das Amt anstrebt. Ein „Januskopf“, der das System schwächen würde und einen Autoritätsverlust zur Folge hätte.

 Begleitet von einem leichten Optimismus weniger, vom Misstrauen der Opposition und der Gleichgültigkeit der Bevölkerungsmehrheit, bleibt nur abzuwarten, welche Entscheidung im April getroffen wird. Ob sich der Tag als ein Wendepunkt erweist, oder nur als ein weiteres Kapitel im Buch „Mehr vom Bekannten“.

 Außer Frage steht wie schwierig es für die neue Regierung sein wird die Probleme zu lösen, die ihr die aktuelle Regierung hinterlassen hat. Vermutlich wird die Hauptschwierigkeit darin bestehen, unverzichtbare wirtschaftliche Reformen in Angriff zu nehmen und zugleich das Versprechen von Kontinuität zu halten; das sie beim Antritt ihres Amtes ablegen muss, als Zeichen einer obligatorischen Verbeugung.

 Noch schwieriger wird es für sie werden politische Änderungen anzustoßen. Vielleicht sollte sie sogar auf mögliche Neuwahlen hoffen, bei der sie – wenn alles gut geht – mit den Wahlplattformen anderer Kandidaten konfrontiert wird, mit Programmen von jenen möglichen Präsidenten, die heute verborgen auf Kuba leben und darauf hoffen, einen legalen Rahmen vorzufinden, der es ihnen dann erlaubt ihre Regierungsprogramme öffentlich zu vertreten.

           Übersetzung: Anja Seelmann, Dieter Schubert

 

Anmerkung der Übersetzer:
Dieser Artikel von Yoani Sánchez erschien im Januar 2018 in der Zeitschrift „Studien zur Außenpolitik“ ( Estudios de Politica Exterior). Es handelt sich dabei um eine private unabhängige Verlagsgruppe, die Analysen von internationalen Ereignissen publiziert.

Mit “Doktor Schiwago” debütiert ein alter Bekannter auf Kuba

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Fotogramm aus dem Film „Doktor Schiwago“, nach dem gleichnamigen Roman von Boris Pasternak. (CC)

 

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YOANI SÁNCHEZ, La Habana | 25/01/2018

Das Buch war Teil der Privatsammlung eines Autors, der ins Exil aufbrach, und obwohl der Titel wenig attraktiv auf mich wirkte, versuchte ich mich an dem Werk – wohl gelangweilt inmitten der verlegerischen Dürre der 90er Jahre. In seinem Werk beschrieb der Autor ein Land, das ich zwar kannte, das aber nun ganz anders dargestellt wurde – turbulent, ungerecht und hart. Doktor Schiwago geriet mir in die Hände, als die Sowjetunion schon nicht mehr existierte und bot mir teilweise Antworten, um diesen Niedergang zu erklären.

 Ein Vierteljahrhundert später hat das kubanische Fernsehen endlich den bekannten Film gezeigt, der auf dem gleichnamigen Roman basiert und bei dem der britische Regisseur David Lean Regie führte. Der Film – der bereits im Jahr 1965 in die Kinos kam – war bisher von den Bildschirmen der Insel verbannt. Vergangenen 22.Januar wurde er nun gezeigt, jedoch erst nachdem der Moderator des Programms auf die „ideologischen Verzerrungen“ des Streifens hingewiesen hatte.

 Eine unnötige Klarstellung, da die Geschichte von Juri Schiwago dank der unfehlbaren Formel „es gibt nichts Verlockenderes als das Verbotene“ auf dieser Insel sehr bekannt ist. Jahrzehntelang ging das von Boris Pasternak verfasste Werk reihum – wobei es mit einer Ausgabe der langweiligen Staatszeitung Granma umwickelt wurde, um neugierige Blicke zu vermeiden, oder – in den letzten Jahren – in jener spröden digitalen Form, die die Gedankenpolizei auf einfache Art und Weise austrickste.

Der Film – der bereits im Jahr 1965 in die Kinos kam – war bisher von den Bildschirmen der Insel verbannt. Vergangenen Januar wurde er nun gezeigt – jedoch erst nachdem die Zuschauer auf die „ideologischen Verzerrungen“ des Streifens hingewiesen wurden.

Im Gegensatz zu George Orwells Werk „1984“ wurde Doktor Schiwago nicht verbannt weil im Werk eine totalitäre Zukunft prophezeit wurde, die in vielen Punkten mit unserem sozialistischen Kuba übereinstimmte, sondern weil der Roman eine Vergangenheit beschrieb, die für diejenigen unangenehm war, die Russland als ein Land darstellen wollten, in dem das Proletariat den Gipfel der Gleichberechtigung, Kameradschaftlichkeit und Gerechtigkeit erreicht hatte.

Statt dieser starren Sicht der Dinge, wie sie in kubanischen Schulen vermittelt wurde, konzentrierte sich das Werk Pasternaks auf ein gepeinigtes Individuum, das von sozialen Schwankungen erschüttert wurde und daher mehr darum besorgt war, unverletzt aus diesen Umständen zu gelangen, als sich für eine Sache aufzuopfern – ein Antiheld, weit weg vom „neuen Menschen“ und dem sowjetischem Ideal.

 Die Zwischenfälle, denen das Buch aus dem Weg zu gehen hatte, waren ein Argument für diejenigen, die die Zensur bei den Verlagen der Insel vorantrieben. Die Publikation 1957 in Italien, der Nobelpreis, den Pasternak für das Werk erhielt, sowie der offizielle Druck, der ihn dazu brachte diese Auszeichnung abzulehnen – all diese Faktoren trugen dazu bei, dass den Kubanern diese Lektüre verwehrt blieb.

 Statt dieser starren Sicht der Dinge, wie sie in kubanischen Schulen vermittelt wurde, konzentrierte sich das Werk Pasternaks auf ein gepeinigtes Individuum, das von sozialen Schwankungen erschüttert wurde.

In den ehemals kommunistischen Ländern bedeutete “Kameradschaft” genau das: Ein in sozialistisch geprägten Ländern zensierter Autor wurde auch gleichzeitig auf die schwarze Liste der Länder gesetzt, die dem Kreml nahestanden. Hierbei durfte Havanna natürlich nicht fehlen und blieb der „Stiefmutter Russland“ treu, sodass den Bürgern ein anthologisches Werk des 20.Jahrhunderts vorenthalten wurde.

 Der Roman wurde auf Kuba nicht nur aus ideologischer Komplizenschaft mit dem Land zensiert, das alle finanziellen Extravaganzen Fidel Castros unterstützte, sondern auch weil die große Oktoberrevolution auf seinen Seiten schlecht wegkam, als ein Gemenge aus Denunzianten, Polizisten, Druck und Lügen jeglicher Art. Ein erstickendes Szenario, in dem das Individuum seine Privatsphäre bzw. sein „Ich“ kaum zu schützen vermochte.

 Man sagt, dass Nikita Chruschtschow, als er 1964 die Macht abgeben musste den Roman Pasternaks las und danach zugab: „Wir hätten ihn nicht verbieten dürfen. Ich hätte ihn lesen sollen, es gibt darin nichts Antisowjetisches.“

 Die kubanischen Zensoren haben sich trotz alledem nicht entschuldigt – es scheint auch nicht so, als ob es nötig gewesen wäre. Die Geschichte hat selbst für einen Paukenschlag gesorgt, denn das Land, das man vor vermeintlichen Verleumdungen des Schriftstellers zu schützen versuchte, gibt es seit drei Jahrzehnten nicht mehr; Doktor Schiwago dagegen ist immer noch ein erschütternder und unvergesslicher Roman.

         Übersetzung: Berte Fleißig


 

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