Matratzen

Eine Frau schreit ihnen vom Balkon aus zu, woraufhin sie neben dem Karren, den sie gerade anschieben, stehen bleiben. Sie bauen ihre aus Brettern bestehende Werkstatt gleich dort auf dem Bürgersteig vor aller Augen auf. Kaputte Sprungfedern werden ausgewechselt, Ränder werden mit riesigen Nadeln vernäht und der Matratzenbezug, der schon hier und da Flecken hat, wird durch einen neuen Bezug aus dem Stoff von Mehlsäcken ersetzt. Ihre Hände arbeiten flink. In weniger als einer Stunde werden sie ihre Arbeit beendet haben und auf der Suche nach neuer Kundschaft die Straße hinunter wandern. In der Luft liegt eine Mischung aus Staub, Fusseln und der Geruch nach über die Jahre gesammelter Vertrautheit.

Für die Matratzenflicker gibt es immer Arbeit, viel Arbeit. In einem Land, in dem viele Menschen noch in demselben Bett schlafen, in dem sich schon ihre Großeltern zur Ruhe legten, ist diese Arbeit unentbehrlich. Heutzutage sind die Experten in Sachen Watte und Metallfederroste überall zu finden. Mit Garnspulen ausgerüstet versprechen sie lauthals schreiend 30 Tage Garantie nach Reparatur. Sie reparieren Dinge, deren Mindesthaltbarkeitsdatum schon vor Jahrzehnten abgelaufen ist und geben denjenigen den erholsamen Schlaf zurück, die jeden Morgen mit einer herausstehenden Sprungfeder, die sich ihnen in den Rücken bohrt, aufwachen.

Auch Betrüger sind nicht selten. Sie schaffen ein Blendwerk, das nicht lange währt und den Käufer mit einem von Schmerzen geplagtem Körper und Geldbeutel zurücklässt. Sie legen mehrere Schichten getrocknete Bananenblätter, Kunststofffasern oder Sägespäne aufeinander. Danach überziehen sie das Ganze mit einem bedruckten Stoff, der sich sehen lassen kann, wobei sie besonders auf eine saubere Verarbeitung der Ränder achten. Sie halten sich in der Nähe der Einkaufszentren auf und beteuern stets „dass ihre Ware, wie die aus den Geschäften sei“. In einem Land, in dem ein Arbeiter ein Jahresgehalt für eine Doppelbettmatratze berappen muss, sind nicht staatliche und damit günstigere Angebote immer sehr verlockend. Allerdings entpuppt sich in vielen Fällen, was erst so günstig erschien, schon bald als Reinfall.

Das Schauspiel wiederholt sich als die Flicker in ein anderes Viertel gelangen. Eine Mutter will die Urinflecken, die der jüngste Sohn auf der Matratze hinterlassen hat, loswerden. Andere schämen sich, weil die Nachbarn, die vielen kleinen Ausbesserungen, die sie in den vergangen Jahren an ihren Matratzen vorgenommen haben, sehen werden. Man hört oft Sätze wie „die gehört nicht mir, sondern einem Verwandten, aber ich tue ihm den Gefallen und lasse sie reparieren“. Manche sind schon völlig unförmig, haben keine klar erkennbaren Ecken mehr und sind in der Mitte eingesunken, so dass anstelle einer Reparatur wohl eher ein Zaubertrick nötig wäre. „Bitte einmal wie neu zurück“ sagen sie zu dem Flicker, dessen Hände sich sofort ans Werk machen, die Matratze an manchen Stellen mit Hilfe eines Werkzeugs abzutasten, dann erst legt er seinen Preis fest.

Er ist viel mehr als nur ein Matratzenflicker, er ist ein Traumflicker.

Übersetzung: Katrin Vallet

Und wieder einmal Dezember

Und wieder einmal sind zwölf Monate rum. In diesen Tagen lassen wir Revue passieren, was wir dieses Jahr alles erreicht haben und verschieben noch Unerledigtes auf das kommende Jahr. Was hat sich in Kuba verändert – und in jedem Einzelnem von uns – seit diesem Dezember im Jahr 2012, in dem wir ebenfalls Bilanz zogen? Vieles und doch so wenig. In dem kleinen Bereich meines Privatlebens, so kommt es mir vor, bewegte sich alles in einem ungewöhnlichen Rhythmus. Für den Zeittakt einer ganzen Nation ist dies aber wohl kaum ein großes Beben, sondern eher eine leichte Erschütterung. Der Januar begann mit der Reform des Migrationsgesetzes und in den darauf folgenden Monaten sagten wir viele Male „Adiós“. Wir leben jetzt ohne dieses Gefühl der unmöglichen Rückkehr, das wir vorher hatten, der endgültigen Ausreise und dem Leben im Exil – das ist wahr – aber die Geschwindigkeit mit der wir weiterhin Namen aus unseren Adressbüchern streichen ist dennoch Besorgnis erregend. Unser Zustand einer „Insel auf der Flucht“ hat sich weiter verschlimmert, dieses Mal innerhalb eines legalen Rahmens, der diese erlaubt und sogar begünstigt.

Die sozialen Unterschiede wurden immer größer. Die Zahl der Bettler und derer, die im Müll herumwühlen ist gestiegen. Gleichzeitig begannen viele moderne Autos über unsere kaputten Straßen zu fahren und mehr als nur ein Neureicher verbrachte seinen Urlaub auf der anderen Seite des Atlantiks. Wenn etwas das Jahr 2013 charakterisierte, dann sind es die gegensätzlichen Geschichten, die man darüber hören kann. Anekdoten über Familien die Luxusrestaurants im Herzen Havannas eröffnet haben und über andere die keinen Kaffee mehr trinken, weil sie seinen festgesetzten Preis nicht mehr bezahlen können. Einige, die draußen vor einer Boutique warten, um sich Tennisschuhe von Adidas zu kaufen, und andere die vor einer Kantine verharren, in der Hoffnung, dass ihnen die Reste geschenkt werden, die sie dann mit nach Hause nehmen können. Wir leben in Zeiten großer Gegensätze, von nicht zusammenpassenden Momentaufnahmen aus dem Fotolabor des Lebens. Es war auch ein Jahr in dem sich der ideologische Diskurs sogar noch weiter von der Realität entfernte.

Die Unterdrückung ist dagegen noch stärker geworden. Und zwar im gleichen Maße in dem die zivile Gesellschaft wuchs und anfing bestimmt Räume einzunehmen. Den Kampf um das Nachrichtenmonopol verlor die Regierung in diesem Jahr 2013 gegen die verborgenen Netze der Berichterstattung, der audiovisuellen Medien und der digitalen Bücher. Wir bekamen besser mit was passierte, aber bis zu dem Tag, an dem wir uns verbünden können, liegt noch ein weiter Weg vor uns. Das Leben ist für uns alle teurer geworden, die Privilegien und die Begünstigungen beschränkten sich auf eine Elite, die weit über der restlichen Bevölkerung steht und am Kampf gegen die Korruption beteiligten sich manche, während andere ihn vermieden. Die Überweisungen aus dem Ausland haben zusammen mit der finanziellen Unterstützung aus Venezuela den Kollaps verhindert, aber die roten Zahlen beweisen eindeutig, dass die wirtschaftlichen Reformen gescheitert sind. Zumindest haben sie es nicht geschafft, den Kubanern ein besseres Leben zu bieten und somit einen Grund, in diesem Land zu bleiben.

Vom Rest der Welt konnten wir einiges lernen, wie zum Beispiel von den Bildern aus Kiew, wo so viele Menschen die Angst überwunden haben. Fidel Castro verschwand noch ein bisschen mehr von der Bildfläche, in diesem langen Sterbeprozess, der sich nun schon über sieben Jahr zieht. Und die Freiheit? Wir werden sehen ob wir es 2014 schaffen diese für uns zu gewinnen.

Übersetzung: Anja Seelmann

Briefe sind Briefe

Cartas son cartas
Foto: Silvia Corbeille

Die Morgennachrichten haben Raidel sprachlos gemacht. Gerade jetzt, als er sich ein Auto zum subventionierten Preis kaufen wollte, wurde das Ende dieses Privilegs verkündet.

Gerade erst hat er den Brief mit der Genehmigung erhalten, mit Unterschriften und Stempeln, nachdem er monatelang von einem Büro ins andere geschickt wurde, von einem Bürokraten zum anderen. Das Schwierigste war es zu beweisen, dass seine Einkünfte aus dem staatlichen Sektor kamen, zu belegen, dass er jeden einzelnen Centavo mit der Ausstattung von Hotelanlagen verdient hat. Mit der bereits erteilten Erlaubnis harrte er vier Jahre lang auf einer Warteliste aus, die über siebentausend potenzielle Käufer enthielt. Bis zu diesem Morgen, als sein Traum – loszugehen und sich einen preiswerten Peugeot oder Hyundai auszusuchen – genauso schnell verpuffte, wie die Nachricht im Fernsehen vorgelesen wurde.

Kürzlich hat der Ministerrat beschlossen, den Verkauf von modernen Neu- und Gebrauchtwagen schrittweise für natürliche Personen einzuführen – ob Einheimischer oder Ausländer. Zwei Jahre nach der Verlautbarung des Dekrets 292 hat sich die Realität durchgesetzt und zwang zu einer Erweiterung der engen Grenzen dieser Verordnung. Der Legalisierung von An -und Verkauf von Fahrzeugen unter Privatleuten hat man jetzt den Erwerb von Autos über Händler hinzufügt, von solchen mit Kilometerstand „null“ oder Jahreswagen. Von der lediglichen Erlaubnis mit Produkten aus zweiter Hand zu handeln, gehen wir dazu über, ein „neues Paket“ mit bestimmten technischen Garantien bekommen zu können, aber eben über die staatlichen Handelsketten, zu einem Preis, den die Regierung festsetzt und den man vermutlich in bar bezahlt.

Eine solche Maßnahme begünstigt die aufstrebende Mittelschicht, die begierig darauf ist, immer mehr moderne Statussymbole zu besitzen. Im Endeffekt werden die sozialen Unterschiede – die in den letzten fünf Jahren ohnehin dramatisch zugenommen haben – sich weiter vergrößern. Obwohl der politische Diskurs immer noch von Gleichheit und von Chancen für alle spricht, richtet sich diese Flexibilisierung an diejenigen, die hohe Einkünfte in konvertiblen Pesos haben. Sie sind die großen Gewinner des Tages, während zu den Verlierern Kubaner wie Raidel zählen, dessen Brief mit der Genehmigung zum Kauf eines Autos nicht einmal mehr musealen Wert hat. Menschen, die jahrelang applaudierten, simulierten und hart arbeiteten, verstehen heute, dass der Markt sich über ihre beruflichen und politischen Verdienste hinweggesetzt hat.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Lazarus, der alte Heilige

lazarus

Am Eingang des Gebäudes steht eine lebensgroße Skulptur eines bärtigen Mannes mit Krücken. Alle bekreuzigen sich vor ihm. Ebenso aus Holz geschnitzt sind die zwei Hunde an seiner Seite: Magere unterwürfige Straßenköter. Das Abbild des Heiligen Lazarus spielt eine besondere Rolle, wenn sich die Festlichkeiten zu seinem Gedenktag nähern. Er gehört zu den meist verehrten Heiligen unseres Landes und die Volksfrömmigkeit, die er auslöst, wird an vielfachen Beispielen sichtbar. In seiner Wallfahrtskirche in El Rincón wimmelt es jeden 17. Dezember nur so von Pilgern, die ein Gelübde einlösen, von Blumenverkäufern und von Polizisten. Ihn umgeben die Traurigen, die Bedürftigen; jene, denen der Erfolg trotz der größten Bemühungen nie vergönnt war, und die vom Glück, der Wissenschaft oder der Liebe verlassen wurden.

Als ich mich El Rincón nähere, spüre ich bereits diese von Schmerz und Glauben ausgehende Energie. Das Leprasorium mit seinen traurigen Geschichten, die illegalen Siedlungen, die auf beiden Seiten der Bahnlinie gewachsen sind, und der Geruch der immer brennenden Kerzen. Das ist kein Ort des Lachens. Manchmal habe ich einen meiner Freunde begleitet, wenn er eine Votivgabe darbrachte, da seine Bitte erhört wurde. Öfter ging ich mit dieser gewissen Neugierde hin, die Unverständliches und uns Unerklärliches in uns hervorruft. Mindestens zwei Mal betrat ich am 16. Dezember um Mitternacht den Tempel und erlebte dort Momente, die man nur schwer wieder vergisst. Jemand weint, schreit und viele beten, es ist erdrückend heiß, alle schwitzen, es riecht nach offenen Wunden und nach Armut. Keine weitere Seele findet mehr Platz in der Kirche.

Heute ging ich aus dem Haus; ganz in der Nähe hat man einer Statue des alten Lazarus einen lilafarbenen Umhang umgelegt. Ein alter Mann – der an ihm vorbeiging – beugte sich vor, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Auch er hat einen bejahrten Bart und seine Kleidung ist noch aus der Zeit, in der Industrieprodukte auf dem Markt rationiert waren; die Zeit der sowjetischen Subventionen. Als ich sah, wie sein hageres Gesicht sich dem des Heiligen näherte, bemerkte ich ihre Ähnlichkeit. Beide im betagten Alter, beide besitzen nur das, was sie bei sich tragen, und zum Lachen haben sie beide keinen Grund. Beide sind sich so nah, jedoch einer auf dem Altar und der andere auf der Straße. Der eine ist von Versprechen umgeben, die es zu erfüllen gilt; der andere weiß, dass alle die ihm gemacht wurden, bereits gebrochen sind.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Einschlafen

schlafenszeit

Foto: Luz Escobar

Noch eine! Noch eine! Noch eine!, verlangt er, während er seine Schultern auf ein Kopfkissen legt und die Beine zur Zimmerdecke streckt. Die Mutter muss schnell eine neue Geschichte erfinden, eine, die ihren Sohn einschlafen lässt. So kann es vorkommen, dass sie die Geschöpfe der Gebrüder Grimm mit denen mischt, die sich in kubanischen Comics finden, um damit ihrem Sohn eine hübsche Fabel zu erzählen, Moral eingeschlossen. Die Babyflasche fällt auf die Seite, die Beine werden ruhig und die Augenlider fallen herunter. Erfolgreich…., das Kind ist eingeschlafen. Auf der anderen Seite der Tür warten noch mehrere Stunden Hausarbeit auf sie. Teller abspülen, das Badewasser für ihren Mann erhitzen, und die Bohnen, die in einem zischenden Schnellkochtopf dünsten. Aber wenigstens schläft das Kind schon.

Trotz der Geschwindigkeit des modernen Lebens und der beengten kubanischen Wohnverhältnisse, erzählen viele Eltern ihren Kindern immer noch Geschichten beim “zu Bett gehen“. Manche lesen lieber vor, während andere Geschichten erfinden, oder sich die in Kindheit gehörten ins Gedächtnis zurückrufen. Videospiele und Disneyfilme haben neue Möglichkeiten und Personen beigesteuert, über die man erzählen kann. So kommt es nicht selten vor, dass in diesen Geschichten „Der kleine Däumling“ und „Buzz Lightyear“ Freunde werden, oder dass Harry Potter das Opfer eines vergifteten Apfels wird. In Zeiten, in denen sich Kulturen mischen, überrascht es auch nicht wenn sich ein Reggae-Riff in den Mund eines Zauberers aus dem Feenreich einschleicht, oder in die Geschichte einer bösen Hexe. Wichtig ist, dass die Augenlider schwer werden und der Schlaf möglichst bald kommt.

Vor ein paar Tagen hat mir ein Freund erzählt, dass seine Tochter von ihm eine neue Geschichte verlangt habe. „Eine, Papa, die in keinem Buch steht“, forderte sie. Der Vater, müde vom Arbeitstag und nicht in der Lage eine neue Geschichte zu erfinden, beschloss, ihr von seinem gewöhnlichen Tagesablauf zu erzählen. „Es war einmal ein Mann – begann er –, der jeden Tag um 6 Uhr morgens aufstand“. Während er sprach hingen die Augen seiner Tochter an jeder seiner Gesten, in der Erwartung, dass sich der Protagonist in einen Helden oder einen Schurken verwandeln würde. „Er suchte nach rationiertem Brot – so fuhr er fort -, und zu seiner Arbeit fuhr er dann mit einem Omnibus, der manchmal kam und manchmal nicht“. Auf dem Gesicht des kleinen Mädchens waren Zeichen von Ungeduld zu erkennen, aber die Stimme fuhr fort. „Am Monatsende erhielt er einen Lohn, der kaum reichte, um die Stromrechnung zu bezahlen und einige Nahrungsmittel zu kaufen, weswegen der gute Mann einige schlimme und illegale Dinge tun musste um zu überleben….“.

Ein Geräusch, das sich wie Frust anhörte, unterbrach den eintönigen Erzähler. Das Mädchen hatte mit seinen Händchen ein Kissen weit aus dem Bett geworfen und sagte dabei: “Nein Papi, nein; ich möchte eine Geschichte hören, in der die Guten gewinnen….!“

Übersetzung: Dieter Schubert

Angst vor Worten

grito

Es sind schlechte Zeiten für Worte, schwarze Tage für einen Sprachwissenschaftler. Das Hauptproblem ist nicht der Überfluss an Kraftausdrücken, die in einer Sprach- und Soziologieanalyse sogar recht aufschlussreich sind. Das traurigste ist der Rückgang der gesprochenen Sprache, die Angst Vokabeln auszusprechen, die Stummheit die sich verbreitet. “Ein wahrer Mann verliert nicht viele Worte”, hat mir heute morgen ein Verkäufer gesagt, als ich nachbohrte, weil ich wissen wollte ob die Törtchen mit Guave oder Kokosnuss waren. Etwas später erhielt ich ein Murren als ich von einer Verwaltungsangestellten die Bürozeiten heraus bekommen wollte. Zum Abschluss des Tages wurden mir nur hochgezogene Schultern geboten, als ich in einer Cafeteria erforschen wollte, wo die Toiletten waren.

Was geschieht im Moment mit der Sprache? Warum dieser Widerwille sich zusammenhängend und in gut strukturierten Sätzen auszudrücken. Die Tendenz zur Einsilbigkeit und der Gebrauch von Zeichen als Ersatz für Sätze mit Subjet und Prädikat ist beängstigend. Wer hat wohl all den Leuten gesagt, dass sich zu unterhalten ein Zeichen von Schwäche ist? Die Adjektivierung der Beweis für Schlaffheit? Das Phänomen verbreitet sich unter jungen Männern, im Machokodex steht die Gesprächigkeit im Gegensatz zur Männlichkeit. Ein Schlag, eine Grimasse oder simples Gestammel haben das flüssige Gespräch und die Attribute von vielen Aussagen ersetzt.

“Im Ernst, ich diskutiere nicht….” prahlte gestern ein Herr, als ein Jugendlicher versuchte ihm etwas zu sagen. Während dieser schrie und mit den Händen rang als würde er sagen wollen, dass er den Hau-drauf-Kodex bevorzugen würde. Das schlimmste dabei ist, dass sich in den Augen der Meisten die der Auseinandersetzung beiwohnten, dieses Individuum richtig verhält: nicht soviel reden und gleich zur Keilerei übergehen. Weil für viele diskutieren Nachgeben bedeutet, offenkundiges argumentieren Schwäche, zu versuchen jemanden von etwas zu überzeugen ist etwas für Feiglinge. Stattdessen bevorzugen sie die Brüllerei und Schimpfwörter, möglicherweise ein Erbe der vielen politischen, aggressiven Reden. Sie entscheiden sich für das fast animalische Gebrumme und Ohrfeigen.

Es sind schlechte Zeiten für das Wort, Freudentage für das Stillschweigen.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Ein Tag mehr, ein Tag weniger

ein tag weniger

„Die Wiederholung ist die Mutter des Lernens“, pflegte ein alter Lehrer für Militärische Vorbereitung in meinem letzten Schuljahr zu sagen. Dabei war jedoch nicht etwa die Rede von der Wiederholung eines Satzes, um diesen auswendig zu lernen, oder einer Mathematikformel, die es zu verinnerlichen galt. In Wirklichkeit ging es um Bestrafung; die Korrektur, die seines Erachtens nach ohne Erbarmen erteilt werden musste, um uns den nötigen Respekt einzuflößen. Deshalb schüchterte er uns mit seinem Gebrüll und den unnötigen Meldungen beim Aufseher ein und beschimpfte uns sogar als „Weicheier“, wenn wir nicht richtig mit dem Gewehr umgingen oder über den Rasen robbten. Aber anstatt uns seine Lektionen zu verinnerlichen, fingen wir alle an ihn zu fürchten und zu hassen.

Von derselben Logik der immer wiederkehrenden Unterdrückung machen auch die Organe der Staatssicherheit jeden 10. Dezember Gebrauch. Der Welt-Menschenrechtstag besteht für uns jedes Jahr aus 24 Stunden Prügel und Bedrohung. Jedes Jahr geschieht dasselbe, nur ein bisschen heftiger, denn wie alles Korrigierende, sucht es seine Opfer zu lähmen. Verhaftungen, belagerte Häuser sowie bereits im Voraus ausgesprochene Drohungen an die Mitglieder der verschiedenen Bürgerbewegungen sind Teil dieses verstörenden Rituals. Hinzu kommt das Lahmlegen des Mobilnetzes mit Hilfe des Mobilfunkanbieters Cubacel und die Versendung erfundener Nachrichten, um Verwirrung unter den Aktivisten zu stiften.

Die wiederholten Bestrafungen zeigen jedoch keine Wirkung. Die Zahl der Menschen, die für die Menschenrechte demonstrieren, wächst stetig. Die alte Knüppelerziehung flößt uns keine Angst mehr ein, sie spornt uns nur noch mehr an, unsere Stimmen zu erheben. Und dann sind da noch jene, die weder einer kritischen Organisation noch einer Gruppe Dissidenten angehören und doch diese Unterdrückungswellen miterleben. Sie müssen mit ansehen wie Damen in Weiß* gewaltsam in Autos gezogen werden oder einem unabhängigen Journalisten die Kamera abgenommen wird. Wurde man erst mal Zeuge solcher Geschehnisse, kann man die Augen nicht mehr vor der Wahrheit verschließen, man ist nicht mehr derselbe Mensch.

Die wiederholte Unterdrückung schürt die Unzufriedenheit viel mehr, als das sie sie besänftigt. Ein Schlag mit Nachdruck lehrt uns nichts… denn von blindem Gehorsam wollen wir nichts wissen.

Anm. d. Ü.:
*Die Damen in Weiß (spanisch Movimiento Las Damas de Blanco) sind eine Gruppe kubanischer Frauen, die sich für die Beachtung der Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzen.

Übersetzung: Katrin Vallet

Was geschieht in der Ukraine?

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Die staatlichen Medien Kubas berichten sofort, sobald in einer der nicht perfekten Demokratien dieser Welt die Leute auf die Straße gehen, um zu protestieren. In einem solchen Fall gebrauchen die Medien Wörter wie „Ungerechtigkeit“, „Kapitalismus“ und „Ausbeutung“, um zu erklären, warum es zu solchen sozialen Aufständen kommt. Etwas ganz anderes geschieht, wenn sich die Proteste gegen ein autoritäres System oder gegen eine verbündete Regierung der „Plaza de la Revolución“* richten. In diesem Fall sind die Nachrichten voll von Begriffen wie „Söldner“, „durch das Ausland finanziert“, „Aufständische“ oder auch der fälschlich benutzten Bezeichnung „Rebell“. Das Volk ist nicht überall gleich das Volk – das scheint uns diese einseitige Analyse der Geschehnisse sagen zu wollen.

Hin und wieder kommt es aber dennoch vor, dass etwas schlichtweg nicht in das strikte Schema unserer staatlichen Berichterstattung passt. Diese Woche, zum Beispiel, in der sich die Vorfälle in der Ukraine ereigneten, war eine große Verwirrung in der Berichterstattungspolitik der kommunistischen Partei zu beobachten. Verbale Ausweichmanöver, vorsichtige Äußerungen und Gestotter bekamen die Fernsehzuschauer aus den Mündern der Journalisten zu hören, die, wenn es um andere Themen geht, sonst so offensiv sind. Wieso bringen sie die Ereignisse in der ehemaligen sowjetischen Republik derartig aus der Fassung?

In erster Linie, weil immer noch der alte „Informationspakt“ mit Russland existiert, den man mit der UdSSR einging und der besagt, weder die Außerpolitik in Frage zu stellen, noch über innenpolitische Probleme zu berichten. Deshalb ist es schwierig über die allgemeine Ablehnung des Präsidenten Viktor Janukowitsch zu berichten, der sich lieber an den Kreml anstatt an Brüssel annähert. Nach diesem Schema der Berichterstattung, entworfen durch das „Departamento de Orientación Revolucionaria“**, spricht man nur geringschätzig von der Europäischen Union und versucht diese anzuzweifeln wann immer es nur geht. Aus diesem Grund ist es nun ein Problem für eben diese Medien zu erklären, warum so viele Ukrainer fordern, ein Teil dieser politischen Gemeinschaft zu werden.

Angesichts dieses offensichtlichen Widerspruchs entschieden sich die Medien dazu, diese Meldung zu übergehen und die Anzahl der Fotos von den überfüllten Plätzen in Kiew möglichst gering zu halten. Stattdessen wurden die Berichte mit Szenen aus dem Kreml gezeigt, während die Nachrichtensprecher andeuteten, dass eine ausländische Kraft hinter den Aufständen stecke. 24 Stunden nach der ersten Mitteilung erfuhren wir nichts Neues mehr.

Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Zuschauer – so wie ich auch – sich aufgrund dieser unzusammenhängenden Meldungen fragten: Hä? Was passiert denn nun eigentlich in der Ukraine? Aber die staatliche Presse wird uns diese Frage nicht beantworten können, da sie es nicht einmal schafft ihrer Aufgabe gerecht zu werden, uns mitzuteilen was in Kuba geschieht.

Anm. d. Ü.
*Der Platz der Revolution(Plaza de la Revolución) ist ein öffentlicher Platz in Havanna, Kuba und wurde durch die kubanische Revolution bekannt, während der die Regierung Batistas gestürzt und durch die von Fidel Castro abgelöst wurde.
**Die staatlichen Medien in Kuba befinden sich unter der Kontrolle des Departamento de Orientación Revolucionaria, diese ist verantwortlich für die Propaganda des Staates und ist ein weiteres wichtiges Instrument der Zensur in Kuba.

Übersetzung: Anja Seelmann

Tierfutter, und dann….mehr Tierfutter

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Um 5 Uhr morgens fangen sie an, die wenigen Stücke Schweinefleisch auf den Stand abzuladen. Sie haben eine lange und beschwerliche Fahrt von einem privaten Bauernhof hinter sich, um diesen Markt in der Stadt zu erreichen. Lediglich während der Hälfte des Vormittags wird Fleisch angeboten, denn die Nachfrage übersteigt das, was die Verkäufer anbieten können. Ein großer Teil der heimischen Wirtschaft wird durch dieses Produkt bestimmt. Deren Vorankommen wird den Preis eines Steakbrötchens verteuern, das der Maurer bei der Arbeit isst, wie auch den der Chicharrones, die die Mutter ihren Kindern zum Mittag auftischt. So viele Dinge drehen sich um “Pfunde Schweinefett“, um Knochen und Muskelfasern, dass eine Unterversorgung bzw. ein Mangel stets das tägliche Überleben betrifft.

Doch hinter Koteletts und Chorizo verbirgt sich ein Produkt, das genauso wichtig wie schwer zu bekommen ist: Futtermittel für Schweine. Als schwächstes Glied in der Agrarkette bereitet das Schweinefutter vielen kubanischen Bauern großes Kopfzerbrechen. Der Staat bleibt weiterhin der wichtigste Fabrikant dieses Produkts, zum Teil wegen der Tatsache, dass der private Sektor weder über Rohstoffe verfügt, noch auf technische Kapazitäten zurückgreifen kann, um es zu erzeugen.

Nach jahrzehntelang angehäuften Klagen und untergewichtigen Tieren, hat man es in Kuba immer noch nicht geschafft, eine stabile und hochwertige Ernährung für Nutztiere zu sichern. Bei einer Fahrt über die fruchtbaren Ebenen im westlichen und zentralen Teil der Insel, wird man von großen Flächen von unbebautem Land überrascht. Hier könnten Getreide und Gemüse angebaut werden, die unter anderem helfen würden, die Menge an Schweinefleisch im Land zu erhöhen. Im Moment jedoch überlässt man die weitläufigen Gebiete dem Unkraut.

Viele Produzenten kaufen die Schweine – nach dem Absetzen vom Mutterschwein – von Staatsbetrieben, ebenso wie einen Teil des Futters, das diese fressen. Der Landwirt geht eine Schuldverpflichtung ein und begleicht seine Rechnung mit den Tieren selbst, wenn diese ihr Schlachtgewicht erreicht haben; etwas Gewinn bleibt für ihn übrig. So betrachtet scheint es ein fairer Deal zu sein. Dennoch wird der ganze Ablauf bestimmt durch Regelwidrigkeiten, dem Abzweigen von Ressourcen und von Korruption. Funktionäre des landwirtschaftlichen Sektors fälschen manchmal das Gewicht der an die Bauern gelieferten Schweine indem sie es künstlich nach oben erhöhen und wenn sie sie später wieder bei denen abholen, verringern sie es. Darüber hinaus ist die Verteilung der Futtermittel unvollständig, oder es kommt gar nicht erst dazu.

Um die Tiere dennoch mästen zu können, greift der private Produzent nun auf für Verbraucher gesundheitschädigende Verfahren zurück. Überdosen von Antibiotika, Lebensmittelreste von Mülldeponien, bis hin zu Eingeweiden und Überresten von Schweinen selbst. In einigen Fällen wird Fischmehl das Einzige sein, was die Schweine in ihrem kurzen Leben zu fressen bekommen; das gibt vielen kubanischen Gerichten den so charakteristischen Geschmack.

Wenn der Preis für Schweinefleisch in die Höhe geht, lässt sich das in den meisten Fällen auf Futtermittelknappheit zurückführen; eine enge Beziehung, die sowohl die heimische Wirtschaft als auch die Lebensqualität vieler Kubaner beeinträchtigt. Es beginnt bei einem Sack Futter, der nicht rechtzeitig am Futtertrog eines Bauernhofes ankommt, und endet bei der Frau, die mit einer leeren Tasche vom Markt nach Hause geht.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Hirngespinste, Übergangsphasen und Szenarien

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  • Text, den ich in der Ausgabe Nr. 19 in der Zeitschrift Voces veröffentlicht habe

„Jegliche Frustration ist die Geburt übersteigerter Erwartungen“ sagt mir zum wiederholten male ein Freund, als sich die Prognosen der Schönfärberei, die ich mir andauernd ausdenke, zerschlagen. Die letzten Jahrzehnte meines Lebens – und die vieler Kubaner – waren eben genau das Schicksal nicht erfüllter Vorhersagen, Szenarien, die nie konkretisiert und Hoffnungen, die zu den Akten gelegt wurden. Eine Sprechabfolge der Kabbala, Riten der Wahrsagung und zum Mond gerichtete Blicke, welche in voller Wucht auf die störrische Realität prallen. Wir sind ein Volk von frustrierten Nostradamus, von Schwarzmalern, die sich das Leben nicht als solche verdienen würden, Propheten, welche eine Vorhersage nach der anderen treffen, ohne dass sich auch nur eine davon je erfüllt.

In unserer heimischen Geschichte gab es in den neunziger Jahren die höchste Anzahl defekter Orakel. Ich erinnere mich daran, dass ich mir Menschenmengen in den Strassen vorgestellt habe, den Ruf nach Freiheit, den Druck der Not und das soziale Elend explodierend in einer pazifistischen Revolte, die alles ändern würde. Das war meine Jugend und wir waren auch eine Gesellschaft von Laien … und wir sind es immer noch. Deshalb die Illusion des Vorher und Nachher, eines Umstandes, der erneut die Nation entzweien wird, wo wir eines Abends mit dem Gedanken an den politischen Wandel zu Bett gehen und sich dieser noch vor dem nächsten Sonnenaufgang erfüllt haben wird. Wie alle kleinen Kinder haben wir an Zauberer geglaubt. An jene die mit dem Zauberstab kommen, mit dem Plakat oder der Bühne, und alles auflösen.

Und dann ist es geschehen. Obwohl es nicht im entferntesten dem ähnelte was ich mir vorgestellt hatte. Wir hatten den Maleconazo, den Aufstand im August 1994, aber was die Menschen auf die Strasse brachte war nicht der Versuch etwas im Land zu ändern, sondern der Wunsch dem Inseldasein den Rücken zu kehren und weg zu laufen, egal wohin. Es gab weder wehenden Fahnen, noch Rufe wie „Es lebe das Freie Kuba“ dafür aber herausgerissene Türen um Flosse zu bauen und einen langen und sich in die Länge ziehenden Abschied an unserer Nordküste. Mein weiser Freund sagte mir zum wiederholten Male …. „ich habe es dir gesagt, du erleidest Enttäuschungen weil du immer zuviel erwartest“.

Zwei Jahrzehnte sind vergangen, die Reife hat die Gesellschaft nicht erreicht aber einige hartnäckige, graue Haare tauchen auf meinem Kopf auf. Ich weiß ja, dass es zwischen dem Wunsch und dem Ereignis in den meisten Fällen eine Scheidung gibt, ein unergründlicher Witwenstand. Ich bin pragmatisch geworden, aber nicht zynisch. Alles was ich von der Realität gelernt habe – frei nach einem guten Poeten – war nicht alles was es in der Realität gab. Als ich mit dem Gedanken aufwachte „dieses System ist bereits gestorben“ hat mich seine Fähigkeit, ein „lebender Toter“ von 54 Jahren zu sein, gebissen.

Folglich glaube ich jetzt nicht mehr an Lösungen, welche von lächelnden Gesichtern und Umarmungen auf den Strassen begleitet werden. Es kommen harte Zeiten. Die Übergangsphase wird schwierig sein und es wird nicht einmal einen Tag geben um sie zu feiern. Höchstwahrscheinlich wird es keinen Jubel und keine Gesänge geben. Wir sind wieder einmal zu spät gekommen, sogar zum Wechsel. Die Bilder vom Berliner Mauerfall, dies war nur einmal möglich. Für uns wird es nur – und hier riskiere ich eine weitere Vorhersage – eine graue Transformation geben, ohne denkwürdige Momente.

Ein Tag nach dem Castroregime … falls es noch einen Tag nach dem Castroregime gibt

Eines Tages werden wir zurück schauen und wir werden bemerken, dass das Castroregime gefallen ist oder einfach aufgehört hat zu existieren, und dabei die besten Jahre meiner Mutter, meine besten Jahre und die besten Jahre meines Sohnes mit sich gerissen hat. Aber vielleicht ist es besser so, ohne erneut einen ersten Januar zu haben, nicht mit Bildern von Männern mit griechischen Gesichtszügen rechnen zu müssen, welche eine trainierte Taube auf der Schulter haben. Vielleicht ist es besser, einen Wechsel zu haben, der durch die Mutlosigkeit der Vergangenheit entstanden ist, als eine erneute blutige Revolution, die uns alle zerstört.

Danach, danach wird auch nicht viel Zeit bleiben für große Feiern. Die Blase der falschen Statistiken wird platzen und wir werden auf das Land prallen welches wir tatsächlich haben. Wir werden feststellen, dass nicht einmal die Kindersterblichkeitsrate die ist, die sie uns all die Jahre glauben machten, dass wir nicht „das gebildetste Volk der Welt“ sind und dass die Staatskassen leer sind …. leer …. leer. Natürlich werden wir viele im Chor sagen hören „mit Raúl Castro ging es uns viel besser“. Man sollte anfangen den Namen des Stockholm-Syndroms zu ändern und ihn in dieser tropischen Geografie ansiedeln.

Es wird die Verantwortlichkeit kommen, dieses Konzept auf welches nur wenige vorbereitet sind. Unser Leben in die Hand zu nehmen und „Vater Staat“ auf seinen Platz zu verweisen, ohne Protektionismus aber auch ohne Autoritarismus. Die Demokratie ist absolut langweilig, also werden wir uns langweilen. Diese ständige Angst, dass sie uns abhören, diese Panik, dass der Nachbar oder Freund ein Verräter des staatlichen Sicherheitsdienstes ist, wird es nicht mehr geben. Dann werden wir also sehen ob wir uns trauen laut auszusprechen was wir denken, oder ob wir es vorziehen, dass die Politiker von Morgen unser Schweigen bequem steuern können.

Zu den ersten freien Wahlen werden wir uns zeitig in den Wahllokalen einfinden, wir werden miteinander reden und lächeln. Trotzdem, beim dritten oder vierten Ruf zu den Urnen wird sich etwa die Hälfte der Bevölkerung der Stimme enthalten. Bürger zu sein ist ein Vollzeit-Job und ihr wisst, dass wir nicht an ständige und effiziente Arbeit gewöhnt sind, und auch nicht daran konsequent zu sein. So kann es sein, dass wir erneut unsere Verantwortlichkeit auf einen populistischen “Schönredner“ übertragen werden, der uns das Paradies auf Erden verspricht, und versichert, dass er im Dilemma zwischen “Sicherheit und Freiheit“ sich verstärkt um die erstere kümmern werde. Wir werden ihm auf den Leim gehen, denn wir sind ein Volk von Kindern und noch „grün“ hinter den Ohren.

Die Narben werden lange brauchen, um zu verschwinden; aber neue Verletzungen werden sehr schnell auftreten. Die Verbindung von hohem beruflichem und niedrigem ethischem Niveau, wird uns bittere Pillen schlucken lassen. Es würde mich nicht wundern, wenn wir uns in ein Zentrum der Fabrikation von Drogen verwandeln würden, und dem Handel damit. Auch dies wird ein Teil des Erbes sein – ein Teil von so vielen anderen – das uns das Castro-Regime hinterlassen wird: ein raubgieriges Volk, wo das Wort “Werte“ altmodisch wird…..und unnötig.

Auch der Konsumrausch erscheint unvermeidbar. Jahre mit Rationierung, mit Unterversorgung und trister Handelsware von altmodischen Marken werden bewirken, dass sich die Menschen hungrig auf den Markt stürzen. Es wird Zeit vergehen, bis wir eine ökologische Bewegungen sprießen sehen, eine Bewegung sich natürlich zu ernähren, oder dass man uns zu Mäßigung an Stelle von Verschwendung aufruft. Der Appetit zu haben, zu kaufen, sich zur Schau zu stellen wird stark zunehmen, und auch das wird zu den Folgeerscheinungen gehören, die uns ein System hinterlassen wird, das Wasser predigte, während die Oberschicht Wein trank.

Wir werden sehen, wie sie sich wie Chamäleons verändern. Jene, die einmal sagten “so etwas habe ich niemals gesagt.“ Wir werden sehen, wie sie Ideologie gegen Wirtschaftlichkeit eintauschen, das Handbuch des Marxismus gegen ein Handbuch für den Unternehmer, olivgrüne Uniformen gegen Schlips und Kragen. Sie werden von einer notwendigen Aussöhnung sprechen, von Vergessen, und davon, dass „wir alle ein Volk sind“. Sie werden als Ausgestoßene einer Amnesie verfallen, und sie überwachen und werden weiter überwachen; weil ein Verräter immer ein Verräter bleibt.

Jeder der irgendwann einmal kritisch zur Regierung stand, wird diesen „Bekehrten von morgen“ zutiefst unangenehm sein. Denn wenn sie ihn anschauen werden sie sich erinnern, dass sie selbst nichts getan haben, um die Dinge zu ändern, sondern dass sie aus Feigheit oder Opportunismus geschwiegen haben. Deshalb wird ihr Ziel auch sein, die frühere kubanische Dissidenten-Bewegung zu begraben. Sie werden sie benutzen und dann beiseite legen. Wir werden Geschichten von geschlagenen und eingesperrten Menschen hören, wie sie Hochbetagte erzählen werden, die die Sozialversicherung vergessen hat. Heute schon sehen wir Boxer in den Straßen – Teilnehmer an olympischen Spielen -, die um Almosen betteln. Die Medaillen der Vergangenheit werden den Zynikern der Zukunft weh tun,….. denn dem Heldentum werden sie keinen Raum geben, weil es sie stört.

Die Gedenktage in den Schulbüchern werden sich ändern. Viele Statuen wird man entfernen und an ihrer Stelle solche aufstellen, zu denen wir die Namen lernen müssen und Blumen zum Jahrestag niederlegen sollten. Manche Heldengedichte wird man ersetzen, andere neu aufnehmen. Zusammen mit allen die sagen, dass sie Oppositionelle waren und mitgeholfen haben, das Castro-Regime zu Fall zu bringen, könnten wir eine „Macht der Bürger“ etablieren, getragen von Millionen von Personen. Wir werden einen Wettstreit sehen, wer die meisten Verdienste am Wandel hatte und sich die meisten Orden an den Rockaufschlag heften darf. Sie werden – als Kompensation – einen Posten in der öffentlichen Verwaltung fordern, eine Pension und eine Erwähnung im Buch der Geschichte.

Schlechte Vorhersagen, gute Vorbereitungen

Müde davon, Blumen in die Zukunft zu werfen und sie mir strahlend vorzustellen, glaube ich inzwischen, dass wir mehr Energie aufbringen diese zu ändern, wenn wir sie uns in dunklen Farbtönen ausmalen. Es ist an der Zeit an morgen zu denken, denn der Castrismus ist gestorben, obwohl er geht, atmet und die Faust ballt. Der Castrismus ist gestorben, denn sein Lebenszyklus ist bereits seit einiger Zeit abgelaufen, sein Freuden-Zyklus war sehr kurz, sein Teilhabe-Zyklus existierte nie. Der Castrimus ist gestorben und man muss anfangen, den Tag nach seiner Beerdigung zu planen.

Sehnlichst wünsche ich mir, von Vorschlägen zu lesen und von Plattformen, die Alternativen aufzeigen, mit denen wir uns in der Stunde auseinandersetzen müssen, nachdem der Sarg dieser sogenannten Revolution unter der Erde ruht. Wo sind die Programme für diesen Moment? Sind wir auf diesen grauen Wandel – der bereits unabwendbar ist – vorbereitet, ganz ohne Helden und ohne fallende Mauern? Wissen wir schon, wie wir uns den neu anfallenden Problemen stellen werden und den Schwierigkeiten, die von allen Seiten auftauchen werden; die bereits existieren, jedoch verstummt und verfälscht.

Uns auf das schlimmste aller möglichen Szenarien vorzubereiten, wäre ein Zeichen von Reife, das uns helfen wird, diese zu überwinden. Das bürgerliche Netzwerk wird auf jeden Fall eine transzendente Rolle spielen. Nur durch die Stärkung der Sozialstruktur kann vermieden werden, dass wir dem nächsten politischen Hypnotiseur in die Arme fallen, oder in ein Netz von Chaos und Gewalt. Lasst uns keine Präsidenten suchen, die erscheinen von selbst; suchen wir lieber nach Bürgern.

Vergessen wir die feiernde Menschenmenge in den Strassen und auch den Innenminister, der seine Archive öffnet und uns wissen lässt, wer ein Informant war und wer nicht. Sehr wahrscheinlich wird es nicht so kommen. Der Enthusiasmus der öffentlichen Demonstrationen hat sich gelegt und die enthüllenden Dokumente werden nicht mehr existieren, sie werden sie verbrannt oder mitgenommen haben. Wir sind spät zur Transition gekommen. Jedoch bedeutet das nicht, dass sie uns misslingen wird, oder dass wir bereuen werden, sie ins Leben gerufen zu haben.

Wir können – zumindest das können wir – bei so vielen Dingen bei Null anfangen. Vom Kelch der Erfahrungen und Katastrophen anderer trinken, sodass uns die Möglichkeit bewusst wird, den Samen der Demokratie in eine Welt zu säen, in der so viele versuchen deren krumm gewachsenen Stamm aufzurichten. Wenn unser Wandel misslingt, wird der halbe Planet auf uns zeigen und uns fragen: „Und, ist es das, was sie für Kuba wollten?“ „Ist das der Wandel, den sie sich so herbeigewünscht haben?“ Ohne apologetisch zu klingen, tragen wir nicht nur die Verantwortung für unsere Nation sondern auch für einen großen Teil der Menschheit, der noch an einen erfolgreichen Wandel von einer Diktatur zu einem System der Mitbestimmung glaubt.

Die Realisierung ist das Kind der schweren Herausforderung

Ich weiss schon, was mein skeptischer Freund sagen wird, wenn er diesen Text liest. Lachend wird er nuscheln: „Selbst wenn du pessimistisch bist, bleibst du eine Träumerin.“ Aber ebenso wird er zustimmen, dass ich nicht mehr jene Jugendliche bin, die den Morgen erwartete, an dem sie von Jubelgeschrei auf der Strasse geweckt wird, sich unter das Volk mischt und mit ihm in Richtung José Martí – Statue in den Zentralpark zieht. Ich weiss schon, dass es nicht so sein wird. Aber vielleicht ja noch viel besser.

Übersetzung: Birgit Grassnick, Dieter Schubert, Nina Beyerlein