Matratzen

Eine Frau schreit ihnen vom Balkon aus zu, woraufhin sie neben dem Karren, den sie gerade anschieben, stehen bleiben. Sie bauen ihre aus Brettern bestehende Werkstatt gleich dort auf dem Bürgersteig vor aller Augen auf. Kaputte Sprungfedern werden ausgewechselt, Ränder werden mit riesigen Nadeln vernäht und der Matratzenbezug, der schon hier und da Flecken hat, wird durch einen neuen Bezug aus dem Stoff von Mehlsäcken ersetzt. Ihre Hände arbeiten flink. In weniger als einer Stunde werden sie ihre Arbeit beendet haben und auf der Suche nach neuer Kundschaft die Straße hinunter wandern. In der Luft liegt eine Mischung aus Staub, Fusseln und der Geruch nach über die Jahre gesammelter Vertrautheit.

Für die Matratzenflicker gibt es immer Arbeit, viel Arbeit. In einem Land, in dem viele Menschen noch in demselben Bett schlafen, in dem sich schon ihre Großeltern zur Ruhe legten, ist diese Arbeit unentbehrlich. Heutzutage sind die Experten in Sachen Watte und Metallfederroste überall zu finden. Mit Garnspulen ausgerüstet versprechen sie lauthals schreiend 30 Tage Garantie nach Reparatur. Sie reparieren Dinge, deren Mindesthaltbarkeitsdatum schon vor Jahrzehnten abgelaufen ist und geben denjenigen den erholsamen Schlaf zurück, die jeden Morgen mit einer herausstehenden Sprungfeder, die sich ihnen in den Rücken bohrt, aufwachen.

Auch Betrüger sind nicht selten. Sie schaffen ein Blendwerk, das nicht lange währt und den Käufer mit einem von Schmerzen geplagtem Körper und Geldbeutel zurücklässt. Sie legen mehrere Schichten getrocknete Bananenblätter, Kunststofffasern oder Sägespäne aufeinander. Danach überziehen sie das Ganze mit einem bedruckten Stoff, der sich sehen lassen kann, wobei sie besonders auf eine saubere Verarbeitung der Ränder achten. Sie halten sich in der Nähe der Einkaufszentren auf und beteuern stets „dass ihre Ware, wie die aus den Geschäften sei“. In einem Land, in dem ein Arbeiter ein Jahresgehalt für eine Doppelbettmatratze berappen muss, sind nicht staatliche und damit günstigere Angebote immer sehr verlockend. Allerdings entpuppt sich in vielen Fällen, was erst so günstig erschien, schon bald als Reinfall.

Das Schauspiel wiederholt sich als die Flicker in ein anderes Viertel gelangen. Eine Mutter will die Urinflecken, die der jüngste Sohn auf der Matratze hinterlassen hat, loswerden. Andere schämen sich, weil die Nachbarn, die vielen kleinen Ausbesserungen, die sie in den vergangen Jahren an ihren Matratzen vorgenommen haben, sehen werden. Man hört oft Sätze wie „die gehört nicht mir, sondern einem Verwandten, aber ich tue ihm den Gefallen und lasse sie reparieren“. Manche sind schon völlig unförmig, haben keine klar erkennbaren Ecken mehr und sind in der Mitte eingesunken, so dass anstelle einer Reparatur wohl eher ein Zaubertrick nötig wäre. „Bitte einmal wie neu zurück“ sagen sie zu dem Flicker, dessen Hände sich sofort ans Werk machen, die Matratze an manchen Stellen mit Hilfe eines Werkzeugs abzutasten, dann erst legt er seinen Preis fest.

Er ist viel mehr als nur ein Matratzenflicker, er ist ein Traumflicker.

Übersetzung: Katrin Vallet

Und wieder einmal Dezember

Und wieder einmal sind zwölf Monate rum. In diesen Tagen lassen wir Revue passieren, was wir dieses Jahr alles erreicht haben und verschieben noch Unerledigtes auf das kommende Jahr. Was hat sich in Kuba verändert – und in jedem Einzelnem von uns – seit diesem Dezember im Jahr 2012, in dem wir ebenfalls Bilanz zogen? Vieles und doch so wenig. In dem kleinen Bereich meines Privatlebens, so kommt es mir vor, bewegte sich alles in einem ungewöhnlichen Rhythmus. Für den Zeittakt einer ganzen Nation ist dies aber wohl kaum ein großes Beben, sondern eher eine leichte Erschütterung. Der Januar begann mit der Reform des Migrationsgesetzes und in den darauf folgenden Monaten sagten wir viele Male „Adiós“. Wir leben jetzt ohne dieses Gefühl der unmöglichen Rückkehr, das wir vorher hatten, der endgültigen Ausreise und dem Leben im Exil – das ist wahr – aber die Geschwindigkeit mit der wir weiterhin Namen aus unseren Adressbüchern streichen ist dennoch Besorgnis erregend. Unser Zustand einer „Insel auf der Flucht“ hat sich weiter verschlimmert, dieses Mal innerhalb eines legalen Rahmens, der diese erlaubt und sogar begünstigt.

Die sozialen Unterschiede wurden immer größer. Die Zahl der Bettler und derer, die im Müll herumwühlen ist gestiegen. Gleichzeitig begannen viele moderne Autos über unsere kaputten Straßen zu fahren und mehr als nur ein Neureicher verbrachte seinen Urlaub auf der anderen Seite des Atlantiks. Wenn etwas das Jahr 2013 charakterisierte, dann sind es die gegensätzlichen Geschichten, die man darüber hören kann. Anekdoten über Familien die Luxusrestaurants im Herzen Havannas eröffnet haben und über andere die keinen Kaffee mehr trinken, weil sie seinen festgesetzten Preis nicht mehr bezahlen können. Einige, die draußen vor einer Boutique warten, um sich Tennisschuhe von Adidas zu kaufen, und andere die vor einer Kantine verharren, in der Hoffnung, dass ihnen die Reste geschenkt werden, die sie dann mit nach Hause nehmen können. Wir leben in Zeiten großer Gegensätze, von nicht zusammenpassenden Momentaufnahmen aus dem Fotolabor des Lebens. Es war auch ein Jahr in dem sich der ideologische Diskurs sogar noch weiter von der Realität entfernte.

Die Unterdrückung ist dagegen noch stärker geworden. Und zwar im gleichen Maße in dem die zivile Gesellschaft wuchs und anfing bestimmt Räume einzunehmen. Den Kampf um das Nachrichtenmonopol verlor die Regierung in diesem Jahr 2013 gegen die verborgenen Netze der Berichterstattung, der audiovisuellen Medien und der digitalen Bücher. Wir bekamen besser mit was passierte, aber bis zu dem Tag, an dem wir uns verbünden können, liegt noch ein weiter Weg vor uns. Das Leben ist für uns alle teurer geworden, die Privilegien und die Begünstigungen beschränkten sich auf eine Elite, die weit über der restlichen Bevölkerung steht und am Kampf gegen die Korruption beteiligten sich manche, während andere ihn vermieden. Die Überweisungen aus dem Ausland haben zusammen mit der finanziellen Unterstützung aus Venezuela den Kollaps verhindert, aber die roten Zahlen beweisen eindeutig, dass die wirtschaftlichen Reformen gescheitert sind. Zumindest haben sie es nicht geschafft, den Kubanern ein besseres Leben zu bieten und somit einen Grund, in diesem Land zu bleiben.

Vom Rest der Welt konnten wir einiges lernen, wie zum Beispiel von den Bildern aus Kiew, wo so viele Menschen die Angst überwunden haben. Fidel Castro verschwand noch ein bisschen mehr von der Bildfläche, in diesem langen Sterbeprozess, der sich nun schon über sieben Jahr zieht. Und die Freiheit? Wir werden sehen ob wir es 2014 schaffen diese für uns zu gewinnen.

Übersetzung: Anja Seelmann

Briefe sind Briefe

Cartas son cartas
Foto: Silvia Corbeille

Die Morgennachrichten haben Raidel sprachlos gemacht. Gerade jetzt, als er sich ein Auto zum subventionierten Preis kaufen wollte, wurde das Ende dieses Privilegs verkündet.

Gerade erst hat er den Brief mit der Genehmigung erhalten, mit Unterschriften und Stempeln, nachdem er monatelang von einem Büro ins andere geschickt wurde, von einem Bürokraten zum anderen. Das Schwierigste war es zu beweisen, dass seine Einkünfte aus dem staatlichen Sektor kamen, zu belegen, dass er jeden einzelnen Centavo mit der Ausstattung von Hotelanlagen verdient hat. Mit der bereits erteilten Erlaubnis harrte er vier Jahre lang auf einer Warteliste aus, die über siebentausend potenzielle Käufer enthielt. Bis zu diesem Morgen, als sein Traum – loszugehen und sich einen preiswerten Peugeot oder Hyundai auszusuchen – genauso schnell verpuffte, wie die Nachricht im Fernsehen vorgelesen wurde.

Kürzlich hat der Ministerrat beschlossen, den Verkauf von modernen Neu- und Gebrauchtwagen schrittweise für natürliche Personen einzuführen – ob Einheimischer oder Ausländer. Zwei Jahre nach der Verlautbarung des Dekrets 292 hat sich die Realität durchgesetzt und zwang zu einer Erweiterung der engen Grenzen dieser Verordnung. Der Legalisierung von An -und Verkauf von Fahrzeugen unter Privatleuten hat man jetzt den Erwerb von Autos über Händler hinzufügt, von solchen mit Kilometerstand „null“ oder Jahreswagen. Von der lediglichen Erlaubnis mit Produkten aus zweiter Hand zu handeln, gehen wir dazu über, ein „neues Paket“ mit bestimmten technischen Garantien bekommen zu können, aber eben über die staatlichen Handelsketten, zu einem Preis, den die Regierung festsetzt und den man vermutlich in bar bezahlt.

Eine solche Maßnahme begünstigt die aufstrebende Mittelschicht, die begierig darauf ist, immer mehr moderne Statussymbole zu besitzen. Im Endeffekt werden die sozialen Unterschiede – die in den letzten fünf Jahren ohnehin dramatisch zugenommen haben – sich weiter vergrößern. Obwohl der politische Diskurs immer noch von Gleichheit und von Chancen für alle spricht, richtet sich diese Flexibilisierung an diejenigen, die hohe Einkünfte in konvertiblen Pesos haben. Sie sind die großen Gewinner des Tages, während zu den Verlierern Kubaner wie Raidel zählen, dessen Brief mit der Genehmigung zum Kauf eines Autos nicht einmal mehr musealen Wert hat. Menschen, die jahrelang applaudierten, simulierten und hart arbeiteten, verstehen heute, dass der Markt sich über ihre beruflichen und politischen Verdienste hinweggesetzt hat.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Lazarus, der alte Heilige

lazarus

Am Eingang des Gebäudes steht eine lebensgroße Skulptur eines bärtigen Mannes mit Krücken. Alle bekreuzigen sich vor ihm. Ebenso aus Holz geschnitzt sind die zwei Hunde an seiner Seite: Magere unterwürfige Straßenköter. Das Abbild des Heiligen Lazarus spielt eine besondere Rolle, wenn sich die Festlichkeiten zu seinem Gedenktag nähern. Er gehört zu den meist verehrten Heiligen unseres Landes und die Volksfrömmigkeit, die er auslöst, wird an vielfachen Beispielen sichtbar. In seiner Wallfahrtskirche in El Rincón wimmelt es jeden 17. Dezember nur so von Pilgern, die ein Gelübde einlösen, von Blumenverkäufern und von Polizisten. Ihn umgeben die Traurigen, die Bedürftigen; jene, denen der Erfolg trotz der größten Bemühungen nie vergönnt war, und die vom Glück, der Wissenschaft oder der Liebe verlassen wurden.

Als ich mich El Rincón nähere, spüre ich bereits diese von Schmerz und Glauben ausgehende Energie. Das Leprasorium mit seinen traurigen Geschichten, die illegalen Siedlungen, die auf beiden Seiten der Bahnlinie gewachsen sind, und der Geruch der immer brennenden Kerzen. Das ist kein Ort des Lachens. Manchmal habe ich einen meiner Freunde begleitet, wenn er eine Votivgabe darbrachte, da seine Bitte erhört wurde. Öfter ging ich mit dieser gewissen Neugierde hin, die Unverständliches und uns Unerklärliches in uns hervorruft. Mindestens zwei Mal betrat ich am 16. Dezember um Mitternacht den Tempel und erlebte dort Momente, die man nur schwer wieder vergisst. Jemand weint, schreit und viele beten, es ist erdrückend heiß, alle schwitzen, es riecht nach offenen Wunden und nach Armut. Keine weitere Seele findet mehr Platz in der Kirche.

Heute ging ich aus dem Haus; ganz in der Nähe hat man einer Statue des alten Lazarus einen lilafarbenen Umhang umgelegt. Ein alter Mann – der an ihm vorbeiging – beugte sich vor, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Auch er hat einen bejahrten Bart und seine Kleidung ist noch aus der Zeit, in der Industrieprodukte auf dem Markt rationiert waren; die Zeit der sowjetischen Subventionen. Als ich sah, wie sein hageres Gesicht sich dem des Heiligen näherte, bemerkte ich ihre Ähnlichkeit. Beide im betagten Alter, beide besitzen nur das, was sie bei sich tragen, und zum Lachen haben sie beide keinen Grund. Beide sind sich so nah, jedoch einer auf dem Altar und der andere auf der Straße. Der eine ist von Versprechen umgeben, die es zu erfüllen gilt; der andere weiß, dass alle die ihm gemacht wurden, bereits gebrochen sind.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Einschlafen

schlafenszeit

Foto: Luz Escobar

Noch eine! Noch eine! Noch eine!, verlangt er, während er seine Schultern auf ein Kopfkissen legt und die Beine zur Zimmerdecke streckt. Die Mutter muss schnell eine neue Geschichte erfinden, eine, die ihren Sohn einschlafen lässt. So kann es vorkommen, dass sie die Geschöpfe der Gebrüder Grimm mit denen mischt, die sich in kubanischen Comics finden, um damit ihrem Sohn eine hübsche Fabel zu erzählen, Moral eingeschlossen. Die Babyflasche fällt auf die Seite, die Beine werden ruhig und die Augenlider fallen herunter. Erfolgreich…., das Kind ist eingeschlafen. Auf der anderen Seite der Tür warten noch mehrere Stunden Hausarbeit auf sie. Teller abspülen, das Badewasser für ihren Mann erhitzen, und die Bohnen, die in einem zischenden Schnellkochtopf dünsten. Aber wenigstens schläft das Kind schon.

Trotz der Geschwindigkeit des modernen Lebens und der beengten kubanischen Wohnverhältnisse, erzählen viele Eltern ihren Kindern immer noch Geschichten beim “zu Bett gehen“. Manche lesen lieber vor, während andere Geschichten erfinden, oder sich die in Kindheit gehörten ins Gedächtnis zurückrufen. Videospiele und Disneyfilme haben neue Möglichkeiten und Personen beigesteuert, über die man erzählen kann. So kommt es nicht selten vor, dass in diesen Geschichten „Der kleine Däumling“ und „Buzz Lightyear“ Freunde werden, oder dass Harry Potter das Opfer eines vergifteten Apfels wird. In Zeiten, in denen sich Kulturen mischen, überrascht es auch nicht wenn sich ein Reggae-Riff in den Mund eines Zauberers aus dem Feenreich einschleicht, oder in die Geschichte einer bösen Hexe. Wichtig ist, dass die Augenlider schwer werden und der Schlaf möglichst bald kommt.

Vor ein paar Tagen hat mir ein Freund erzählt, dass seine Tochter von ihm eine neue Geschichte verlangt habe. „Eine, Papa, die in keinem Buch steht“, forderte sie. Der Vater, müde vom Arbeitstag und nicht in der Lage eine neue Geschichte zu erfinden, beschloss, ihr von seinem gewöhnlichen Tagesablauf zu erzählen. „Es war einmal ein Mann – begann er –, der jeden Tag um 6 Uhr morgens aufstand“. Während er sprach hingen die Augen seiner Tochter an jeder seiner Gesten, in der Erwartung, dass sich der Protagonist in einen Helden oder einen Schurken verwandeln würde. „Er suchte nach rationiertem Brot – so fuhr er fort -, und zu seiner Arbeit fuhr er dann mit einem Omnibus, der manchmal kam und manchmal nicht“. Auf dem Gesicht des kleinen Mädchens waren Zeichen von Ungeduld zu erkennen, aber die Stimme fuhr fort. „Am Monatsende erhielt er einen Lohn, der kaum reichte, um die Stromrechnung zu bezahlen und einige Nahrungsmittel zu kaufen, weswegen der gute Mann einige schlimme und illegale Dinge tun musste um zu überleben….“.

Ein Geräusch, das sich wie Frust anhörte, unterbrach den eintönigen Erzähler. Das Mädchen hatte mit seinen Händchen ein Kissen weit aus dem Bett geworfen und sagte dabei: “Nein Papi, nein; ich möchte eine Geschichte hören, in der die Guten gewinnen….!“

Übersetzung: Dieter Schubert

Angst vor Worten

grito

Es sind schlechte Zeiten für Worte, schwarze Tage für einen Sprachwissenschaftler. Das Hauptproblem ist nicht der Überfluss an Kraftausdrücken, die in einer Sprach- und Soziologieanalyse sogar recht aufschlussreich sind. Das traurigste ist der Rückgang der gesprochenen Sprache, die Angst Vokabeln auszusprechen, die Stummheit die sich verbreitet. “Ein wahrer Mann verliert nicht viele Worte”, hat mir heute morgen ein Verkäufer gesagt, als ich nachbohrte, weil ich wissen wollte ob die Törtchen mit Guave oder Kokosnuss waren. Etwas später erhielt ich ein Murren als ich von einer Verwaltungsangestellten die Bürozeiten heraus bekommen wollte. Zum Abschluss des Tages wurden mir nur hochgezogene Schultern geboten, als ich in einer Cafeteria erforschen wollte, wo die Toiletten waren.

Was geschieht im Moment mit der Sprache? Warum dieser Widerwille sich zusammenhängend und in gut strukturierten Sätzen auszudrücken. Die Tendenz zur Einsilbigkeit und der Gebrauch von Zeichen als Ersatz für Sätze mit Subjet und Prädikat ist beängstigend. Wer hat wohl all den Leuten gesagt, dass sich zu unterhalten ein Zeichen von Schwäche ist? Die Adjektivierung der Beweis für Schlaffheit? Das Phänomen verbreitet sich unter jungen Männern, im Machokodex steht die Gesprächigkeit im Gegensatz zur Männlichkeit. Ein Schlag, eine Grimasse oder simples Gestammel haben das flüssige Gespräch und die Attribute von vielen Aussagen ersetzt.

“Im Ernst, ich diskutiere nicht….” prahlte gestern ein Herr, als ein Jugendlicher versuchte ihm etwas zu sagen. Während dieser schrie und mit den Händen rang als würde er sagen wollen, dass er den Hau-drauf-Kodex bevorzugen würde. Das schlimmste dabei ist, dass sich in den Augen der Meisten die der Auseinandersetzung beiwohnten, dieses Individuum richtig verhält: nicht soviel reden und gleich zur Keilerei übergehen. Weil für viele diskutieren Nachgeben bedeutet, offenkundiges argumentieren Schwäche, zu versuchen jemanden von etwas zu überzeugen ist etwas für Feiglinge. Stattdessen bevorzugen sie die Brüllerei und Schimpfwörter, möglicherweise ein Erbe der vielen politischen, aggressiven Reden. Sie entscheiden sich für das fast animalische Gebrumme und Ohrfeigen.

Es sind schlechte Zeiten für das Wort, Freudentage für das Stillschweigen.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Ein Tag mehr, ein Tag weniger

ein tag weniger

„Die Wiederholung ist die Mutter des Lernens“, pflegte ein alter Lehrer für Militärische Vorbereitung in meinem letzten Schuljahr zu sagen. Dabei war jedoch nicht etwa die Rede von der Wiederholung eines Satzes, um diesen auswendig zu lernen, oder einer Mathematikformel, die es zu verinnerlichen galt. In Wirklichkeit ging es um Bestrafung; die Korrektur, die seines Erachtens nach ohne Erbarmen erteilt werden musste, um uns den nötigen Respekt einzuflößen. Deshalb schüchterte er uns mit seinem Gebrüll und den unnötigen Meldungen beim Aufseher ein und beschimpfte uns sogar als „Weicheier“, wenn wir nicht richtig mit dem Gewehr umgingen oder über den Rasen robbten. Aber anstatt uns seine Lektionen zu verinnerlichen, fingen wir alle an ihn zu fürchten und zu hassen.

Von derselben Logik der immer wiederkehrenden Unterdrückung machen auch die Organe der Staatssicherheit jeden 10. Dezember Gebrauch. Der Welt-Menschenrechtstag besteht für uns jedes Jahr aus 24 Stunden Prügel und Bedrohung. Jedes Jahr geschieht dasselbe, nur ein bisschen heftiger, denn wie alles Korrigierende, sucht es seine Opfer zu lähmen. Verhaftungen, belagerte Häuser sowie bereits im Voraus ausgesprochene Drohungen an die Mitglieder der verschiedenen Bürgerbewegungen sind Teil dieses verstörenden Rituals. Hinzu kommt das Lahmlegen des Mobilnetzes mit Hilfe des Mobilfunkanbieters Cubacel und die Versendung erfundener Nachrichten, um Verwirrung unter den Aktivisten zu stiften.

Die wiederholten Bestrafungen zeigen jedoch keine Wirkung. Die Zahl der Menschen, die für die Menschenrechte demonstrieren, wächst stetig. Die alte Knüppelerziehung flößt uns keine Angst mehr ein, sie spornt uns nur noch mehr an, unsere Stimmen zu erheben. Und dann sind da noch jene, die weder einer kritischen Organisation noch einer Gruppe Dissidenten angehören und doch diese Unterdrückungswellen miterleben. Sie müssen mit ansehen wie Damen in Weiß* gewaltsam in Autos gezogen werden oder einem unabhängigen Journalisten die Kamera abgenommen wird. Wurde man erst mal Zeuge solcher Geschehnisse, kann man die Augen nicht mehr vor der Wahrheit verschließen, man ist nicht mehr derselbe Mensch.

Die wiederholte Unterdrückung schürt die Unzufriedenheit viel mehr, als das sie sie besänftigt. Ein Schlag mit Nachdruck lehrt uns nichts… denn von blindem Gehorsam wollen wir nichts wissen.

Anm. d. Ü.:
*Die Damen in Weiß (spanisch Movimiento Las Damas de Blanco) sind eine Gruppe kubanischer Frauen, die sich für die Beachtung der Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzen.

Übersetzung: Katrin Vallet