Auch der Gemäßigte ist ein Feind

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All seine Kunst, sein öffentliches Image und sogar seine Beschwerde hat letztlich jene gesichtslose Körperschaft bestimmt, die ihn so sehr fürchtet. (El Sexto)

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Yoani Sánchez, La Habana | 15/02/2018   

Ein Freund ruft mich an, er klingt deprimiert. Jahrelang war er vorsichtig und blieb auf dem „Pfad der Mäßigung“, aber nicht einmal so konnte er vermeiden, dass man ihn als Feind etikettierte. Bei seiner künstlerischen Arbeit vermied er es Unannehmlichkeiten herauszufordern; er lehnte Unterstützung ab, die er für „radioaktiv“ hielt und appellierte an die Selbstzensur, um zu verhindern, dass man ihn ins oppositionelle Lager steckte. Es nützte ihm wenig.

 Eine Zeitlang genoss mein Freund gewisse Vorteile, weil er nicht „radikal“ geworden war. Sie luden ihn zu zahlreichen Botschaftsempfängen ein, wo er als junger Vertreter „einer reformfreudigen Richtung innerhalb der Linken“ präsentiert wurde. Dort bemühte er sich zu zeigen, dass seine Wünsche nach Veränderung im Rahmen des Sozialismus waren und dass sein künstlerisches Werk eigentlich eine „konstruktive Kritik „wäre.

 Bei „Mojitos“ und „Kanapees“ betrachten ihn Diplomaten, wohlwollend und erfreut darüber, dass es auf der Insel Leute gibt, die keine anarchistischen Parolen rufen, die mit einer staatlichen Instanz zusammenarbeiten, sich aber Spitzen gegen die Bürokratie, gegen die Zwänge des Konformismus und gegen korrupte Praktiken erlauben, ohne deswegen als „Söldner“ (der USA) abgestempelt zu werden.

 Mein Freund war genau der, den sie brauchten: ein Künstler, der „innerhalb vorgegebener Grenzen voran drängte“, dies mit Witz und einer Prise Humor tat und immer betonte, dass „Kuba nicht so wäre, wie Dissidenten es darstellten“.

Mein Freund war genau der, den sie brauchten: ein Künstler, der „innerhalb vorgegebener Grenzen voran drängte“, dies mit Witz und einer Prise Humor tat und immer betonte, dass „Kuba nicht so wäre, wie Dissidenten es darstellten“.

 Mit diesem Image kam er an Gelder, die – wie er sagte – von Stiftungen und Körperschaften herrührten, die weit entfernt von Washington und der internationalen „Rechten“ wären. Um sich den Weg für solche wirtschaftliche Unterstützung zu ebnen, schloss er bei seinen künstlerischen Arbeiten jene Themen aus, von denen er fürchtete, sie könnten sein Werk „kontaminieren“; weitergehend schränkte er den Kontakt mit seinen umstrittensten Bekannten ein.

 Wenn jemand über Glasscherben läuft, dann tritt er vorsichtig auf. So gelang es meinem Freund sich den Ruf eines unbequemen aber nicht zensierten Künstlers zu erarbeiten; ein Bürger, der seine Rechte einfordert, der das politische System als rechtsgültig und „authentisch“ respektiert, der dessen Schattenseiten aufzeigt, aber auch die „Errungenschaften der Revolution“ schätzt.

 Damit diese ideale Konstruktion nicht in Gefahr gerät zusammenzubrechen, hat er nie die Vorladungen gezählt, die er in den letzten Jahren von der Polizei erhielt; nie sprach er von Kultur-Funktionären, die ihren Arm um seine Schulter legten und ihn darin bestärkten gewisse rote Linien zu meiden und die kleinen Beweise zu negieren, die er zu der Überwachung sammelte, der auch er unterworfen wurde.

 Oft lieh er nationalen Medien seinen Namen und sein Bild, um die zu kritisieren, die standhafter waren als er – nur damit keine Zweifel über seine Loyalität aufkämen. Später sagte er mit gedämpfter Stimme zu seinen Freunden, dass seine Ansichten von der Staatssicherheit manipuliert worden wären, dahingehend, dass er in Wirklichkeit mit den „verlorenen Schafen“ sympathisierte.

 Sie haben ihm nie vertraut, immer wurde er als ein Feind des Systems angesehen, von dem Augenblick an, als sich in seiner Kunst die Wirklichkeit widerspiegelte und er in sein Werk, zaghaft, eine gewisse Pluralität einbezog.

 Es nützte ihm nichts. Diese Woche erschien im Internet der Name meines Freundes auf einer offiziellen PR-Seite, auf der man oppositionelle Führer und gemäßigte Künstler „widerspenstig“ nannte. Die Jahre, in denen er sich das Image eines „Geduldeten“ erarbeitet hatte, lösten sich mit einem ‚clic‘ in Luft auf.

 Jetzt ruft er mich an; er will diese Ungerechtigkeit bei Organisationen für Menschenrechte an den Pranger stellen; schreit, man möge nicht alles in einen Topf werfen und erwähnt seine Herkunft. Alles vergeblich. Sie haben ihm nie vertraut, immer wurde er als ein Feind des Systems angesehen, von dem Augenblick an, als sich in seiner Kunst die Wirklichkeit widerspiegelte und er in sein Werk, zaghaft, eine gewisse Pluralität einbezog.

 Noch stampft er mit den Füßen, betont am Telefon, dass er kein Medienspektakel veranstalten und sich auch nicht dem „Land im Norden“ auf einem Silbertablett anbieten wolle. Aber das sind Erklärungen, die er nicht mir sagt, sondern jenem „Anderen“, der die Leitung abhört. All seine Kunst, sein öffentliches Image und sogar seine Beschwerde hat letztlich jene gesichtslose Körperschaft bestimmt, die ihn so sehr fürchtet.

              Übersetzung: Dieter Schubert

 


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Die Ankunft der Kartoffel und die des Präsidenten, in Reihenfolge der Priorität

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Das ganze Leben scheint sich um eine Knolle zu drehen, die monatelang von den staatlichen Marktständen verschwunden war. (14ymedio)

14ymedio bigger YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 28. Februar 2018 

Es dämmert und der Morgen ist anders. Das Viertel ist seit gestern Nachmittag in Aufregung, als meine Nachbarn einen Lastwagen gesichtet haben, der Kartoffel vor dem Markt an der Ecke ablud. Die Ankunft des Produkts verursachte frühes Aufstehen, Handgemenge und einen pfundweisen Wiederverkauf in der nahen Umgebung.

 Seit einigen Stunden liegt ein Aroma von Pommes frites in der Luft und auf den Fluren des Gebäudes tauschen die Bewohner Rezepte für die Zubereitung des Nahrungsmittels aus: “ wenig Öl verschwenden“ oder „so, dass es sich länger hält“. Das ganze Leben scheint sich um eine Knolle zu drehen, die monatelang von den staatlichen Marktständen verschwunden war, wo jetzt der Verkauf auf fünf Pfund pro Person beschränkt ist.

 Bleibt zu fragen, ob sich auf der Insel ein derartiges Interesse auch eingestellt hätte, wenn der zunächst genannte Termin für den Rücktritt von Raúl Castro eingehalten worden wäre. Im Fall, dass er sein Mandat am vergangenen 24.Februar niedergelegt hätte,… würden die Leute so viel über das Thema sprechen, wie sie es heute über die Ankunft der Kartoffel tun?

 Wahrscheinlich nicht. Der fehlende Enthusiasmus für ein Ereignis, das Analysten als den bedeutendsten Meilenstein in der Geschichte der Insel in den letzten Jahrzehnten bezeichnen, das Ende der Herrschaft des Namens „Castro“ oder die Zeitenwende, all das hat vermutlich viele Gründe.

 Es liegt mehr Geheimnis in der Ankunft eines Produkts, das monatelang niemand gesehen hat, als in einer langweiligen Politikposse, bei der ein Name durch einen anderen ersetzt wird, das System aber unverändert weiterbesteht.

 Weitverbreitet ist die Meinung, dass sich in diesem Land nichts ändern wird, wer auch immer das Ruder in die Hand nimmt. Weiterhin kühlt sich die Begeisterung für den Nachfolger ab; die Wartezeit war einfach zu lang. Für einige waren es Jahrzehnte oder auch ein ganzes Leben und die Müdigkeit hat sie schließlich überwältigt.

 Die Bürger stimmen darin überein, dass, „was immer auch da oben geschieht“, sie die letzten sein werden, die davon profitieren. Wie auch immer, der Keim für das allgemeine Desinteresse ist die fehlende Überraschung bei einem organisierten Prozess, der nichts ändert.

 Ein paar schmale Kartoffelscheiben, in eine Pfanne geworfen, können mehr Überraschungen bringen, als das neue Gesicht des kubanischen Präsidenten. In der Ankunft eines Lastwagens in einem Stadtviertel, beladen mit einem Produkt, das niemand mehr seit Monaten gesehen hat, liegt mehr Geheimnis und Erwartung, als in einer langweiligen Politikposse, bei der ein Name durch einen anderen ersetzt wird, das System aber unverändert weiterbesteht.

            Übersetzung: Dieter Schubert



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