„Kaufe Nahrungsmittel!“, der verzweifelte Ruf, der ohne Antwort blieb

Am vergangenen Dienstagmorgen ertönte in der Umgebung unseres Gebäudes die sonore Stimme eines Ausrufers. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 20.Juli 2022

Vorher aufgenommene und dann über Lautsprecher verbreitete Ausrufe gehören zur Geräuschkulisse im Kuba von heute. In unserem Viertel hört man jeden Tag eine bunte Vielfalt  davon: es beginnt mit dem Klassiker „Eis am Stiel!“, weiter mit „Repariere Matratzen!“, und überrascht mit „Kaufe leere Shampoo-Tuben!“. Dazu kommt, dass die aktuelle wirtschaftliche Krise ständig neue Varianten hervorbringt.

Am vergangenen Dienstagmorgen ertönte in der Umgebung unseres Gebäudes eine sonore Stimme: „Kaufe Lebensmittel!“ wiederholte ein Mann minutenlang, während er um den Häuserblock lief. Früher hätten wir die Rufe in den oberen Stockwerken unseres hässlichen Betonbaus nicht gehört, wegen des Lärms der nahen Avenue Boyeros; aber weil es an Treibstoff mangelt, hat sich der Verkehr dort verringert und damit das ständige Getöse. Also hörten wir klar und deutlich: „Kaufe Lebensmittel!“; der Ruf schmuggelte sich über Terrassen und Jalousien bei uns ein.

Kein Nachbar ging auf den Balkon um ihm zu sagen: „warten Sie doch, ich komme herunter und verkaufe ihnen etwas Brot, ein Säckchen Kartoffeln, oder einen Becher Joghurt“.

Im Verlauf einer halben Stunde bewegte sich der Rufer von der nahen Bahnlinie bis zum ständig wachsenden Müllberg an der Straßenecke Estancia und Santa Ana. Er machte Halt vor einem nahen Gebäude mit zwölf Stockwerken, wiederholte seine Rufe ein paar Meter entfernt vom weitläufigen Park des Ministeriums für Landwirtschaft, näherte sich der Warteschlage vor einem Geschäft mit rationierten Produkten, bis die verzweifelten Rufe schließlich verklangen, als der Mann in Richtung Tulipán-Straße weiterging.

Während der ganzen Zeit antwortet niemand auf sein Anliegen. Kein Nachbar ging auf den Balkon um ihm zu sagen: „warten Sie doch, ich komme herunter und verkaufe ihnen etwas Brot, ein Säckchen Kartoffeln oder einen Becher Joghurt“. Hätten andere ambulante Händler ihre Waren oder Dienstleistungen ausgerufen, wäre dies so geschehen.

Sie forderten ihn auch nicht auf Ruhe zu geben, weil bei ihnen im Haus ein Baby einschlafen sollte; nicht einmal eine Großmutter zeigte sich auf dem Balkon und schüttelte verneinend den Kopf. Es kamen auch nicht die „kampferprobten“ Aktivisten der Kommunistischen Partei, um diesen Ruf zu „bekämpfen“, der mehr Protest in sich trug, als in irgendeine Losung der Opposition.

„Kaufe Nahrungsmittel!“, wiederholte der Mann; und die Stille im Viertel sprach wortlos. Das Schweigen, in dem die Bewohner der Häuser verharrten, antwortet ihm: „Wir haben keine!“

            Übersetzung: Dieter Schubert

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