Der Ansturm der Venezolaner setzt Lateinamerika schachmatt

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In den Straßen von Cucuta verdienen sich hunderte von Venezolanern den Lebensunterhalt mit dem Transport von Koffern anderer Emigranten, die wie sie geflohen sind. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | Bogota / La Habana / 6.September 2018

Neben mir schluchzt eine Frau mit zwei kleinen Kindern, wobei sie an ihr Caracas denkt. In Bogotá, im Büro für Immigration und Einbürgerung, hört man überall den venezolanischen Akzent; viele Flüchtlinge sind aus dem Nachbarland gekommen, fast nur mit dem was sie am Leib tragen, und was sie durchgemacht haben sieht man an ihren Gesichtern.

An einer anderen Stelle der kolumbianischen Hauptstadt, nahe am Platz Bolívar, verkauft ein junger Mann billige Maisfladen; sein Wägelchen hat er mit den acht Sternen der kolumbianischen Fahne geschmückt. Er erzählt mir, dass er seine zwei Kinder auf der anderen Seite der Grenze zurückgelassen habe, und dass er hofft etwas Geld zu verdienen, um seine Familie „in einem sicheren Land“ wieder vereinen zu können.

Ein paar Meter weiter steht ein anderer Mann als lebende Statue von Simón Bolívar, mit seiner streng zugeknöpften Uniformjacke, dem traurigen Blick und einem Degen in der Hand. Die Skulptur atmet unter dem Nieselregen der Stadt und sie scheint den tiefen Fall einer Nation zu symbolisieren. Es fing mit den anarchistischen Gipfeltreffen*) an, es folgten populistische Irrwege und jetzt steht die Nation am Abgrund der Diaspora.

Fast überall in Kolumbien findet man jetzt Flüchtlinge, die vor Nicolás Maduros Regime geflohen sind. Es ist ähnlich dem, was sich auch in Ecuador, Brasilien oder Peru ereignet, obwohl es Flüchtlinge auch bis nach Chile oder Uruguay schaffen. Und dann gibt es die, die mit einem Sprung über den Atlantik nach Europa geflohen sind, oder jene, denen es gelungen ist, das Territorium der Vereinigten Staaten zu erreichen.

Zurück ließen sie ihr Haus, ihr Stadtviertel und ihre Freunde. Sie bilden das jüngste Kapitel im lateinamerikanischen Exodus, aber dieses Mal sind es vor allem Bürger eines Landes, denen die Exekutive vor kaum ein paar Jahren eine Zukunft mit Chancen für alle versprochen hat. Sie fliehen vor dem Zusammenbruch eines Systems und legen eine Distanz zwischen ihren Körpern und ihren zerronnenen Träumen.

Nur ganz allmählich werden Zahlen zu diesem Exodus bekannt. Offiziellen Daten zufolge lebten Ende August etwa 900 000 Venezolaner in Kolumbien, aber ihre genaue Zahl ist vermutlich wesentlich höher. Man sieht sie an Straßenecken, an Verkehrsampeln**), in der Nähe von Märkten. Sie haben den verlorenen Blick von Menschen, die sich in der neuen Umgebung zurechtfinden wollen, aber man sieht ihnen auch die Erleichterung an, dass sie fliehen konnten.

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Venezolaner in einem Autobus auf der Fahrt durch Ecuador in Richtung peruanische Grenze. (EFE)

Die Behörden der aufnehmenden Länder sind oft ratlos. In den meisten hat Auswanderung eine lange Tradition, jetzt werden sie mit der Herausforderung konfrontiert ihre Nachbarn aufzunehmen. Die offizielle Antwort der Institutionen ist oft dumm und zudem wenig gastfreundlich. Der Exodus hat in einigen Gemeinden bereits fremdenfeindliche Züge angenommen.

Eine so sehr miteinander verwandte Region auf unserem Planeten, in der die Mehrzahl der Länder eine gemeinsame Sprache und ähnliche Gewohnheiten haben, schafft es nicht, sich politisch zusammenzuraufen, um das Flüchtlingsdrama zu lindern. Die Erteilung einer Arbeitserlaubnis, eine Krankenversicherung, der Zugang zu Schulbildung für venezolanische Kinder und die gegenseitige Anerkennung von Berufsabschlüssen erfolgt in jedem Gastgeberland unterschiedlich und eine gemeinsame Linie ist nicht erkennbar.

Der Kontinent , in dem sich vor wenigen Jahren die Vorkämpfern für den Sozialismus des 21.Jahrhunderts die Hände schüttelten und ein gemeinsames Lateinamerika für alle verkündeten…, diesem Kontinent gelingt es jetzt nicht, dieser humanitären Krise mit richtigen und menschenfreundlichen Maßnahmen zu begegnen. Territoriale Konflikte und die Unfähigkeit zusammenzuarbeiten machen den venezolanischen Exodus noch schwieriger.

Kurios ist, dass die Flüchtenden Kuba außen vor lassen. Auf ihren Landkarten ist die Insel keine Destination. Einerseits, weil es nicht empfehlenswert ist, vor einem Übel in ein Land zu fliehen, das die Einführung eines politischen System befördert hat, vor dem man gerade flieht. Anderseits, weil es ein falsches Bilds von Kuba als solidarisches Land gibt, denn die kubanische Gesetzgebung ist eine der restriktivsten, wenn es darum geht Flüchtlinge aufzunehmen oder eine Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen.

Aber ein Drama erleben nicht nur die, die ihr Land verlassen haben, sondern auch die, die geblieben sind. Für das südamerikanische Land bedeutet die massive Auswanderung von Bürgern eine beschleunigte Abwanderung von Kapital, was wirtschaftlich einen  sehr  negativen  Saldo als Folge hat, der nur schwer wieder auszugleichen sein wird. Eine kaputte Infrastruktur kann man reparieren, das Kapital kann zurückkommen, aber der Effekt einer Massenauswanderung ist irreversibel.

Es gehen nämlich die Mutigsten, die gut Ausgebildeten und vermutlich die am wenigsten Angepassten. Genauso, wie es sich auf Kuba ereignet, lässt die ständige Flucht von Bürgern eine träge Bevölkerung und ein leicht zu regierendes Land zurück. Wir, die wir bleiben, müssen uns an Abschied und Abwesenheit gewöhnen. Wenige von denen, die fortgegangen sind, werden wieder zurückkehren.

„Wenn’s dir nicht passt, geh weg!“, haben treue Anhänger der kubanischen Regierung jahrzehntelang wiederholt; jetzt übernimmt auch Nicolás Maduro diese menschenverachtenden Haltung und schmäht die Flüchtlinge, dass sie gerade „Kloschüsseln in Miami putzen“. Für beide Regime ist Exil eine Sache für Schwächlinge und Egoisten.

In beiden Ländern sind offizielle Verlautbarungen dazu übergegangen, die Fluchtbewegung zu bestreiten. Sie beschimpfen die Fliehenden mit verunglimpfenden Adjektiven, oder sie machen Dritte für die anhaltende Flucht von Bürgern verantwortlich. Beide, Caracas wie Havanna, lehnen es ab sich um ihre im Exil lebenden Bürger zu kümmern; sie betrachten sie nur als potentielle Absender von Überweisungen, nicht aber als Bürger mit Rechten.

Eine massive Auswanderung ist ein Aderlass, der jedes davon betroffene Land schwächt. Jeder Venezolaner, der jetzt durch die Straßen von Bogotá, Quito oder Rio de Janeiro läuft, sucht eine Perspektive für sein Leben, die ihm in seinem Heimatland abhanden gekommen ist.

                  Übersetzung: Dieter Schubert

 

Anmerkungen des Übersetzers:
*) Die Anarchistische Bewegung in Venezuela (Movimiento Libertario de Venezuela) wurde im August 2015 von jungen Leuten ins Leben gerufen, die dem hegemonialen öffentlichen Kulturbetrieb im Land die Stirn bieten wollten.
**) Der Übersetzer erinnert sich: Ein Auto stoppt vor einer roten Ampel; mehrere junge Leute springen vor den Wagen und säubern die Frontscheibe; sie hoffen auf ein paar Münzen als Belohnung.


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Diskrete Internet-Tests auf mobilen Geräten lösen Frustrationen aus

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Ein junger Mann in Havanna hat sich ins wifi-Netz eingeloggt. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 15.August 2018

Eine junge Frau telefonierte in einer Cafeteria und am Nebentisch bekam jemand das Gespräch mit. Innerhalb weniger Minuten waren die Blicke aller Anwesenden starr auf deren Handys gerichtet, um diese auf Internetzugang hin zu testen – so wie sie es in dem Gespräch der jungen Frau vernommen hatten. Kubas Telekommunikationsunternehmen nahm zwar in keiner Weise Stellung zu dem Thema, aber am vergangenen Dienstag um 11 Uhr wussten Tausende von Kunden im ganzen Land, dass endlich der Moment gekommen war, auf den sie seit Jahren gewartet hatten.

Weder die offizielle Website von Etecsa, dem Monopol im Bereich Telekommunikation, noch der öffentliche Kundendienst gaben im Vorfeld bekannt, dass Tests zur Internetverbindung durchgeführt wurden; nur unabhängige Journalismus-Websites und private Nutzerkonten in sozialen Netzwerken enthüllten die Angelegenheit. So kamen die Kubaner mit zwei Jahrzehnten Verspätung und umgeben von institutioneller Geheimhaltung über ihre Handys nun endlich mit dem World Wide Web in Verbindung. Obwohl die Erfahrung überwältigend war, verursachten die technischen Probleme mehr Frustration als Hoffnung.

Überlastung, die das Öffnen von Websites verhinderte, ständige Unterbrechung des Ladevorgangs, was zum Verlust des Datensignals führte und so den Download von Bildern in Anwendungen mit Multimedia-Inhalten unmöglich machte – dies waren die Schwierigkeiten, die den begierigen Internetnutzern, die sich erhoffte, in der virtuellen Welt Segel zu setzen, am meisten zu schaffen machten. So konnten sie gerade mal am Ufer des WWW plantschen.

Weder die offizielle Website von Etecsa, dem Monopol im Bereich Telekommunikation, noch der öffentliche Kundendienst gaben im Vorfeld bekannt, dass Tests zur Internetverbindung durchgeführt wurden

„Ich versuche es schon seit 20 Minuten und konnte nicht eine Website zu öffnen“, beschwerte sich ein junger Mann, der von dem „Pilotversuch“ durch einen Freund gehört hatte, der bei Etecsa arbeitet. „Den Mitarbeitern wurde gesagt, sie sollten nichts sagen, aber jeder hat bei seinen Freunden etwas durchsickern lassen“, erzählt er. Am Ende des Tages gelang es ihm, „vom Facebook-Messenger aus ein paar Nachrichten zu verschicken, sowie einen halben Artikel aus einer Zeitung in Florida zu lesen, weil dieser nicht vollständig geladen wurde“.

Der enttäuschte junge Mann war erst neun Jahre alt, als im Februar 2011 das Tiefseekabel Alba-1 Kuba mit Venezuela verband. Damals dachten die meisten Etecsa-Nutzer, dass es auch mit dem Internet nicht mehr weit hin wäre, aber die fehlerhafte Bedienung und die Angst von offizieller Seite aus, dass die Bürger aktiv in das Netz der Netze eindringen würden, verzögerten den Anschluss.

Danach folgte eine lange Phase der Verheimlichung und der Ausflüchte. Beamte behaupteten, dass die Regierung sich für die „soziale Nutzung“ neuer Technologien einsetzend würde, behielten aber Tarife für die Internetnutzung bei, die in keinem Verhältnis zu den nationalen Gehältern standen. Auch die so genannten wifi-Zonen wurden eingerichtet – ein letzter Versuch, die Ankunft des Internets im privaten Bereich zu verzögern, aber zumindest befriedigten sie das Verlangen von Millionen von Menschen nach Telekommunikation.

Der politische Fahrplan zur Vernetzung hat sich darauf konzentriert, den Moment zu verzögern, in dem der Kunde allein ist, in der Privatsphäre seines Hauses oder an einem abgelegenen Ort außerhalb von drahtlosen Zugangsbereichen, vor einem Bildschirm, mit dem er interagieren, veröffentlichen oder sich Gehör verschaffen kann. Aber Etecsa gingen die Argumente aus, der alte Vorwand des US-Embargos überzeugte die Kunden nicht mehr, und die Forderungen nach Internet auf Mobiltelefonen wurden unüberhörbar.

„Wir wurden gebeten, die Revolution in sozialen Netzwerken zu verteidigen, aber bei dieser Geschwindigkeit ist es sehr schwierig.“

Am Ende kündigte das schwerfällige Staatsunternehmen – eines der ineffizientesten der Welt – an, dass es noch vor Ende des Jahres den Zugang zum Internet über Prepaid-Handys ermöglichen wird. Postpaid-Nutzer und einige privilegierte Beamte oder offizielle Journalisten genießen diese Möglichkeit bereits seit Monaten, aber ihre Bewertung der Qualität der Navigation fällt sehr negativ aus.

„Es ist hoffnungslos langsam“, sagt eine junge Journalismus-Absolventin, die bei den lokalen Medien arbeitet und von einem Mobiltelefon profitiert, das mit dem Internet verbunden ist. „Wir wurden gebeten, die Revolution in sozialen Netzwerken zu verteidigen, aber bei dieser Geschwindigkeit ist es sehr schwierig“, versichert sie. Der Nutzen, den diese Verbindung für die junge Journalistin bisher hatte, reduzierte sich auf den „Austausch von Nachrichten bei WhatsApp und auf zwei klaglos gescheiterte Videokonferenzen via IMO.

Nach der gestrigen Erfahrung, verdorben durch Langsamkeit und technische Probleme, warten die Kunden nun darauf, dass Etecsa sich direkt zum Implementierungsplan dieses Services und den Tarifen der Datenpakete äußert. Sie wollen auch Betriebsgarantien, denn „für so etwas werde ich nicht so viel bezahlen, als wäre es wirklich ein Internetzugang“, sagte eine Frau diesen Dienstag im Büro von Etecsa.

Das staatliche Kommunikationsmonopol ist in Schwierigkeiten. Millionen von Kunden haben es satt zu warten, und viele von ihnen sind am 14. August dieses Jahres über ihr Handy ins Netz gegangen. Sie wollen die Erfahrung effizienter und mit völliger Freiheit wiederholen.

                             Übersetzung: Berte Fleißig


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