Elena Burke, diese Stimme, die in der Erinnerung nachhallt

Generación Y, Yoani Sánchez, 06. Juni 2016 Diese Frau hatte etwas. Neben ihrer tiefen Stimme und den Emotionen, die sie durch das Mikrofon übertrug, hatte sie eine Art, die einen in ihren Bann zog. Wenn sie auf dem Bildschirm erschien, hatte meine kindliche Überheblichkeit Pause, ich hörte auf herumzurennen und schenkte ihr stattdessen meine Aufmerksamkeit. Da war sie die „Dame der Gefühle“*, die junge Frau, deren Karriere beim kubanischen Radiosender CMCQ angefangen hatte und die in dem Jahr geboren wurde, in dem auch der Kapokbaum im Parque de la Fraternidad** in Havanna gepflanzt wurde. Ich wurde still, um ihr zuzuhören.

Temperament, Emotion und eine Interpretation, die jede gute Darbietung oder die Erinnerung bei weitem übertraf, waren ihr Markenzeichen. Sie lebte jedes Lied. Man sah, wie sie wegen Untreue kämpfte, wegen eines gebrochenen Herzens weinte, bis zum Delirium genoss oder wie sie, wie die Frau, die auf einer beliebigen Türschwelle die Hand zum Abschied hebt, Lebewohl sagte. In der kubanischen Musikszene der 70er und 80er Jahre, voller Ängste und Heuchelei, stach Elena Burke durch ihre Authentizität hervor, sie wollte weder gefallen noch begeistern.

Andere ernteten den Ruhm der internationalen Medien als diese eindrucksvolle und ehrliche Frau nicht mehr unter uns weilte, als die Dame des Filin*** bereits gegangen war. Aber keine kubanische Sängerin hat es bisher geschafft ihre Interpretationen der Lieder von Komponisten wie José Antonio Méndez, Marta Valdés oder César Portillo de la Luz und vielen anderen, denen sie ihre Stimme lieh, zu übertreffen. Denn diese Frau, die das Mikrofon in der Hand hielt und deren Silhouette den ganzen Bildschirm ausfüllte war einfach nur sie selbst, ohne Verschönerungen, ohne Zugeständnisse und ohne Heuchelei.

Anm. d. Ü.:

*Elena Burke wurde auch als „Señora Sentimiento“ (Dame der Gefühle) bezeichnet, da sie sich durch die gefühlvollen und ehrlichen Interpretationen ihrer Lieder auszeichnete und eine wichtige Figur in der Musikbewegung „Filin“ verkörperte.

**Der Park „Parque de la Fraternidad Americana” ist ein Komplex aus mehreren Parks in Havanna. Der Kapokbaum wurde zur Unabhängigkeit Kubas im Jahr 1902 im Stadtviertel Cerro gesät und im Jahr 1928 in den Park gepflanzt.

***Filin (nach dem englischen Wort Feeling) ist eine moderne Musikbewegung, die sich in den 50er Jahren in Kuba entwickelte. Diese Bewegung hatte ihren Ursprung unter anderem im lateinamerikanischen Musikstil Bolero.

 

Übersetzung: Anja Seelmann

Tiananmen, gemeinsames Schweigen

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Im Jahr 1989 war der Tiananmen-Platz in Peking die Bühne für Proteste, die mehr politische Öffnung verlangten

14ymedio.com, Yoani Sánchez, 04. Juni 2016 Der Platz der Revolution in Havanna (Regierungssitz) zeigt die Treue zu seinen Freunden auf vielfältige Weise. Eine davon ist das Schweigen unter Komplizen. Das Massaker von Tlatelolco im Jahr 1968 wurde von der Regierung Fidel Castros nicht verurteilt, weil ihr Verbündeter, die „Partei der Institutionalisierten Revolution“ (PRI), damals in Mexiko regierte. Vergleichbares geschah mit den Ereignissen auf dem Tiananmen-Platz, die bis heute von der Presse ignoriert werden und auch im offiziellen Diskurs nicht vorkommen.

Seit in Peking Tausende von Studenten friedlich für demokratische Reformen demonstrierten und mit Gewalt auseinander getrieben wurden, sind inzwischen 27 Jahre vergangen. Zum entscheidenden Moment kam es am 4. Juni, als die Armee die Versammlung gewaltsam auflöste und Hunderte von Toten und Tausende von Verletzten zurückließ. Es bleibt zu hoffen, dass Miao Deshun im nächsten Oktober freikommt; er ist der letzte namentlich bekannte politische Gefangene von all denen, die im Verlauf dieser Unruhen verhaftet wurden.

Neben den mehr als tausend Festgenommenen, die zu harten Strafen verurteilt wurden, weil sie ihren Wunsch nach Veränderung öffentlich zum Ausdruck gebracht hatten, schickte China viele andere Demonstranten zur Umerziehung in Arbeitslager. Seit damals haben zahlreiche Maßnahmen und millionenfache Propaganda alles versucht, um die Bevölkerung dazu zu bringen, die Rebellion aufzugeben und die Erinnerung an die Ereignisse verblassen zu lassen.

Neben der aufstrebenden Wirtschaft und seinen Umweltproblemen ist China heute ein Land, in dem es nicht erlaubt ist, öffentlich über seine Geschichte zu sprechen

 

In diesen Tagen wurden einige Aktivisten, die versuchten jenes Datum wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, von der Regierung verhaftet oder daran gehindert ihr Haus zu verlassen, um so den Opfern ihre Hochachtung zu erweisen. Diese repressiven Maßnahmen erstrecken sich auch auf das Internet, wo es der zuständigen Polizei geschickt gelingt, viele Einträge zu den Ereignissen auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ zu löschen.

Und dennoch, obwohl man im Juni 1989 die ausländische Presse aus der unruhigen Zone verbannt hatte und die Regierung die Berichterstattung über die Vorfälle einschränkte, hat sich ein Bild wie eine Ikone ins Gedächtnis der Menschheit eingeprägt. Ein wehrloser Mann, mit einer Einkaufstasche in der Hand, steht vor einem Panzer und zeigt die völlige Hilflosigkeit des Bürgers angesichts totalitärer Macht.

Kein einziges der kubanischen Medien, die von der Kommunistischen Partei betrieben werden, hat dieses Foto je veröffentlicht. Die Behörden der Insel haben sich somit am dem Versuch beteiligt, ein geschichtliches Ereignis auszulöschen, das ihre chinesischen Genossen mutig angestoßen haben. Bei dem Versuch, der Vergangenheit ein schwarzes Loch zu verpassen, werden sie zu Komplizen.

Neben der aufstrebenden Wirtschaft und seinen Umweltproblemen, ist China heute ein Land, in dem es nicht erlaubt ist, öffentlich über seine Geschichte zu sprechen. Es ist eine Nation, der man einen ungleich verteilten Wohlstand angeboten hat, im Tausch gegen ihre Erinnerung, in der aber viele diesen Handel nicht akzeptiert haben. Es sind die, die sich an den jungen Mann erinnern, der zum Markt ging, was sein Schicksal für immer änderte.

Im Fall Kubas begann der Versuch, uns zu einer kollektiven Amnesie zu zwingen, weder mit der Tragödie auf diesem riesigen weit entfernten Platz, noch endete er damit. Zunächst verschwiegen uns die offiziellen Medien den Fall der Berliner Mauer, dann leugneten sie wochenlang den Reaktor-Unfall von Tschernobyl und schließlich ließen sie die Verbrechen von Nicolae Ceausescu unter den Tisch fallen.

Die Loyalität der Regierung zu ihren Genossen beinhaltet auch unrühmliches Tun, nämlich ihnen dabei zu helfen Statistiken fälschen, Nachrichten zurückzuhalten und Tote in aller Stille zu beerdigen.

Anmerkung des Übersetzers:

Am 2.Oktober 1968 war Tlatelolco (Mexiko) Schauplatz eines Massakers, bei dem kurz vor Beginn der Olympischen Spiele mehr als 300 Studenten, die an einer Protestkundgebung teilgenommen hatten, von der Armee und der Polizei getötet wurden.

Übersetzung: Dieter Schubert

Beschämende Freunde

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Seit dem Jahr 1994 ist Alexandr Lukashenko in Weißrussland an der Macht. (CC)

Generación Y, Yoani Sánchez, 25. Mai 2016  Jene Personen, mit denen wir Freud und Leid teilen, sind unser eigenes Spiegelbild, auch wenn sie noch so verschieden sind. Wir suchen uns unsere Freude aus, damit sie uns Gesellschaft leisten, aber auch, damit sie uns mit der notwendigen Vielfalt und Kontinuität, die unsere menschliche Natur braucht, vervollständigen. Problematisch wird es dann, wenn die Wahl solcher Koexistenzen weder auf Gemeinsamkeiten noch auf Vorlieben beruht, sondern lediglich auf Interessen und Bündnissen, die es zum Ziel haben, anderen unbequem zu werden.

In ein und derselben Woche hat die kubanische Regierung gleich zwei jämmerliche autoritäre Regime in die Arme geschlossen. Wenige Stunden nachdem sich der kubanische Vizepräsident Miguel Díaz-Canel Bermúdez mit öffentlichen Funktionären in Weißrussland getroffen hatte, fand im kubanischen Regierungssitz Plaza de la Revolución ein Treffen zwischen Raúl Castro und einem Sondergesandten der Arbeiterpartei Nordkoreas statt. Genossen, die alles andere als präsentabel sind, werden vom kubanischen Regierungsapparat ganz ohne Scham umarmt und gerühmt.

In einer Welt, in der einerseits die Zivilgesellschaft mit ihrem Aufruf, die Menschenrechte zu respektieren, sowie andererseits Bewegungen, die die Anerkennung der Freiheiten vorantreiben, immer mehr Gehör finden – in dieser Welt hat es die kubanische Regierung schwer, ihre guten Verbindungen zum „letzen Diktator Europas“, sowie zu jenem maßlos kapriziösen „Enkelsohn“ zu erklären, der seine Machtposition aufgrund seiner Abstammung geerbt hat. Was verbindet Kubas Führungskräfte mit jenen politischen Exemplaren?

Die einzige mögliche Antwort wäre die, die westlichen Demokratien und das Weiße Haus schikanieren zu wollen. Die diplomatische Freundschaft wird zur Komplizenschaft, und am Ende bestimmen die Genossen das Wesen derer, die ihre Gesellschaft gesucht haben.

Übersetzung: Nina Beyerlein

 

Maduro und das Land, das ihm unter den Händen zerfällt

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Eine Demonstrantin vor der bolivianischen Nationalpolizei am Mittwoch bei einer Demonstration in Caracas. (EFE/Miguel Gutiérrez) (Anm. d. Ü.: Auf ihrem Plakat steht: Wir verhungern! Totale Diktatur!)

Generación Y, Yoani Sánchez, 19. Mai 2016 Alle Zeichen deuten auf einen Zusammenbruch Venezuelas hin. In jeder Minute, die vergeht, zerfällt das Land mehr unter den Händen von Nicolás Maduro, der darauf besteht, mit revolutionärer Gewalt eine Macht aufrechtzuerhalten, die er weder durch Effizienz noch durch Ergebnisse erhalten konnte. Seine Sturheit hat eine Nation, die reich an Ressourcen ist, in die Misere gebracht und seine Brandreden schieben sie jetzt in Richtung einer gewaltsamen Explosion.

Vor den Mikrofonen will Maduro einen trügerischen Sozialismus aus dem 21. Jahrhundert verteidigen, der nur in den Köpfen von denjenigen funktionierte, die ihn ins Leben gerufen haben. Sein politisches und repressives Handeln ist jedoch darauf ausgerichtet, die Privilegien eines Clans zu erhalten, der gegen die Bürger wettert, während er inmitten von Überfluss und von der Plünderung der Staatskassen lebt. Er hält sich für den Robin Hood der Kindergeschichten, aber dieses Mal ist der Sherwood Forest unbewohnbar geworden, sogar für die Armen.

Stromabschaltungen, Unsicherheit auf den Straßen, Unterversorgung an Nahrungsmitteln und eine Auswanderung der jungen und ausgebildeten Arbeitskräfte – zusammen mit der weltweit höchsten Inflation sind dies Zeichen für eine Verschlimmerung der Situation, die eine Nation erlebt, die seit fast zwei Jahrzehnten in einem Populismus gefangen ist, der sie in wirtschaftlicher Hinsicht ausgebeutet und die Gesellschaft polarisiert hat.

Korruption, Misswirtschaft und etliche Nachbarländer, die sich eher wie Ausbeuter als wie Verbündete verhielten, haben Venezuela in weniger als zwanzig Jahren zugrunde gerichtet. Nur wenige sind noch so dreist und unterstützen öffentlich das wahnsinnige Regime, das sich im Miraflores-Palast in Caracas niedergelassen hat und das die Nation bis kurz vor den Zusammenbruch gebracht hat. Sogar die alten Weggefährten, wie die spanische Partei Podemos oder Pepe Mujica, der ehemalige Präsident Uruguays, haben sich von Maduro distanziert.

Nur wenige sind noch so dreist und unterstützen öffentlich das wahnsinnige Regime, das sich im Miraflores-Palast in Caracas niedergelassen hat und das die Nation bis kurz vor den Zusammenbruch gebracht hat.

Ein Mitglied von Podemos, an deren Spitze Pablo Iglesias steht, hat die verbalen Angriffe des venezolanischen Präsidenten auf Spanien kritisiert, während der uruguayische Politiker den Nachfolger von Hugo Chávez als „total verrückt“ eingestuft hat. Andere, wie Raúl Castro, bewahren komplizenhaftes Stillschweigen, während sie heimlich die Fäden zur Unterstützung der venezolanischen Armee spinnen. Nicht umsonst ist Evo Morales, der Präsident von Bolivien, nach Havanna geeilt, um Anweisungen zu erhalten, wie er sich gegenüber dem taumelnden Genossen verhalten sollte.

Jedoch ist wohl das Ende des Chavismus und des „Madurismus“, als seine schlechte Kopie, in Sicht. Seine motorisierten Anhänger können der Bevölkerung Angst einflößen und der Nationale Wahlrat kann beliebig lange die Überprüfung der Unterschriften für eine Volksabstimmung über die Amtsenthebung hinauszögern, aber das alles wird Maduro nicht die Popularität zurückgeben, die er zu jenen Zeiten genoss, als ein Militärputschist Millionen mit seiner revolutionären Rhetorik begeisterte, in die er Anekdoten und Lieder einfließen ließ.

Nicolás Maduro geht unter und er reißt eine ganze Nation mit sich. Bei diesem Fall in die Abgründe, der eine gewaltsame Explosion, einen Militärputsch oder andere Dämonen nach sich zieht, hat er nicht einmal die Größe gezeigt, die Interessen von Venezuela an erste Stelle zu setzen und nicht seine Parteientreue und seine ideologische Anschauung. Die Geschichte wird ihn in ein schlechtes Licht rücken und er verdient es. Er hat aus Launen heraus und mit Ausgrenzung regiert, und letzten Endes landet sein Name auf dieser bedauerlichen Liste von Machthabern, Tyrannen und autoritären Staatsoberhäuptern, die unseren Kontinent malträtiert haben.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Zerfall

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Raúl Castro, rügt in Anwesenheit Barack Obamas einen Journalisten, der ihn zu den politischen Gefangenen auf Kuba befragt. (EFE)

Generación Y, Yoani Sánchez, 26. April 2016 Es gibt die epische Enden, wie im Film. Systeme, deren letzte Minuten sich unter dem Lärm von Hammerschlägen, die eine Mauer zum Einstürzen bringen, oder dem Brüllen von Tausenden Menschen auf einem Platz abspielen. Die Castro-Ära durchschreitet eine Agonie ohne ruhmreiche Momente und kollektive Heldentaten. Ihr mittelmäßiger Abgang ist in den letzten Monaten, in denen die Anzeichen des Zerfalls sich nicht mehr länger hinter dem Drumherumgerede der öffentlichen Ansprachen verstecken liessen, immer klarer geworden.

Die Nachrede dieses Prozesses, der sich einst Revolution nannte, ist übersät mit lächerlichen und banalen Tatsachen, die allerdings als klare Indizien für das Ende zu interpretieren sind. So wie ein schlechter Film, mit einem unter Eile erstelltem Drehbuch und fürchterlich schlechten Schauspielern, sind die Szenen, die das Endstadium dieses Fossils des 20. Jahrhunderts veranschaulichen, einer Tragikomödie wert.

  • Raúl gerät in Rage, als er im Rahmen einer Pressekonferenz zu politischen Gefangenen auf Kuba befragt wird, verfängt sich in den Kopfhörern und gibt eine Reihe sinnloser Äußerungen von sich – das alles gleich neben Barack Obama, der dadurch glänzt, dass er die Situation beherrscht.
  • Nach dem  Besuch des Präsidenten der Vereinigten Staaten schleudern ihm die staatlichen Medien ihre ganze Wut entgegen, während die Rede Obamas im Gran Teatro von Havanna zur Nummer eins auf der Liste des am meistgefragten audiovisuellen Materials der wöchentliche Datenpakete avanciert.
  • Zwei kubanische Polizisten in Uniform erreichen Florida auf einem unsicheren Floss zusammen mit anderen illegalen Auswanderern, denen sie helfen, aus Kuba zu fliehen.
  • Eine Gruppe Jungpioniere in Uniform und mit Halstuch tanzen eng aneinandergepresst und mit betont sexuell ausgerichteten Bewegungen zu Reggaeton-Melodien in einer Grundschule. Sie werden dabei von einem Erwachsenen gefilmt und das Video wird dann von einem stolzen Vater, der glaubt, sein Sohn sei ein Tanztalent, den sozialen Netzwerken zur Verfügung gestellt. Noch am gleichen Morgen wurde sicherlich die morgendliche Parole „Pioniere für den Kommunismus: wir werden so sein wie Che“ propagiert.
  • Bruno Rodríguez, der kubanische Kanzler, klagt Obama an, einen Angriff auf die kubanische „Ideologie, Geschichte, Kultur und ihre Nationalsymbole“ verübt zu haben – und das wenige Tage nach seinem Empfang am Flughafen, wo er ihm all seine Kritik direkt ins Gesicht sagen hätte können.
  • Ein düsterer Beamter der kubanischen Botschaft in Spanien sagt bei einem Vortrag vor den „Freunden der Revolution“, dass die Revolution „den schwierigsten Moment ihrer Geschichte“ erlebe und stuft die Berichterstattung der internationalen Medien zum Besuch Obamas auf Kuba als „Zeichen eines kulturellen, psychologischen und Medienkrieges ohne Seinesgleichen“ ein.
  • Raúl Castro wird erneut einstimmig zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei Kubas für die nächsten fünf Jahre ernannt und stimmt so für Fortschrittsfeindlichkeit. So verpasst er die letzte Möglichkeit, in die Geschichtsbücher mit einer Geste der Großzügigkeit an die Nation einzugehen – wenn auch sehr spät – , und nicht etwa wegen seines persönlichen Egoismus.
  • Fidel Castro taucht bei der Schlussansprache des Kongresses in einer Adidasjacke auf und beharrt darauf, „nicht wie zu Zeiten Adams und Evas damit weiterzumachen, verbotene Äpfel zu essen“.
  • Einige Tage nach der Parteiversammlung verkündet die Regierung eine lächerliche Preissenkung mit dem Ziel, die Stimmung der geknickten Gemüter zu heben. Jetzt soll es nicht mehr so sein, dass ein Ingenieur zweieinhalb Tage arbeiten muss, um sich einen Liter Sonnenblumenöl kaufen zu können, sondern er muss dafür nur noch zwei Tage arbeiten.
  • Tausende Kubaner versammeln sich an der Grenze zwischen Panama und Costa Rica um zu versuchen, ihren Weg in die Vereinigten Staaten fortzusetzen, ohne dass die kubanische Regierung auch nur einen Cent dafür investiert, um ihnen ein Dach über dem Kopf zu bieten sowie Lebensmittel oder medizinische Betreuung.
  • Ein Ökonom, der der ganzen Welt die Gutherzigkeit von Raúl Castros Reformen und deren Fortschritte erklärte, wurde unter dem Vorwand von der Universität von Havanna verwiesen, Kontakte mit Vertretern der Vereinigten Staaten zu haben und ihnen Informationen über die Vorgehensweisen der akademischen Institution weitergegeben zu haben.
  • Zwei Jugendlichen machen mitten auf dem Boulevard von San Rafael Liebe, vor den Augen dutzender Neugieriger, die die Szene filmen und Obszönitäten brüllen, aber die Polizei kommt nicht. Der formbare Ton* der Revolution flieht in die individuelle und kollektive Libido.

In dem Saal, wo der fürchterlich schlechte Film gezeigt wird und in dem sich kaum noch Zuschauer befinden, beginnt der Nachspann. Einige Zuschauer waren es leid und gingen, andere schliefen während der Überlänge ein, einige wenige beobachten die Sitzreihen und fordern, dass von den Stühlen her immer noch schallender Applaus ertönen solle. Hinter dem Projektor, ein alter Mann, der die Filmrolle erneut einsetzen will, die das nicht endende Zelluloid verlängert… aber es ist nichts mehr übrig. Es ist zu Ende. Das Einzige was nun noch fehlt ist, dass „ENDE“ auf der Leinwand erscheint.

*Anm. d. Übersetzerin:

„Der formbare Ton“ bezieht sich auf die Jugend, der Ausdruck ist folgender Textstelle entnommen: Ernesto Che Guevara: Der Sozialismus und der Mensch auf Kuba. Brief an Carlos Quijano von der Wochenzeitschrift „Marcha“, Montevideo, Uruguay. Verfasst im März 1965. Quelle: Projekt Sozialistische Klassiker Online

„In unserer Gesellschaft spielen die Jugend und die Partei eine große Rolle. Besonders wichtig ist die erste, denn sie ist der formbare Ton, mit dem sich der neue Mensch ohne alle früheren Mängel aufbauen lässt.“

Übersetzung: Berte Fleissig

Ein Spitzenkoch im 14. Stock

José Andrés

Der Spitzenkoch José Andrés kocht in der Redaktion von 14ymedio. (14ymedio)

Generación Y, Yoani Sánchez, 18. April 2016 José Andrés kam zum besten und gleichzeitig schlechtesten Zeitpunkt des Jahres in Havanna an. Einer der berühmtesten Spitzenköche der Welt klopfte genau an dem Tag an die Tür der Redaktion von 14ymedio, als Barack Obama sich vom kubanischen Volk verabschiedete. Die Unterversorgung der Märkte war kein Hindernis, sondern ein Anreiz für diesen Asturier, der nicht zwischen den glamourösen Küchen in Washington und einem Lagerfeuer im verarmten Haiti unterscheidet.

In seinen Händen wird jede Zutat zu purer Magie. „Welche Zutaten haben Sie da?“, fragte er. Die Antwort spiegelte diese Phase leerer Regale in den Läden wieder. Dennoch besteht die Kunst des Kochens eben genau darin, das zu kombinieren, was zur Verfügung steht. Es ist die Fähigkeit, die wenigen Zutaten, die man zur Hand hat, in einen Genuss für den Gaumen zu verwandeln.

Auf Kuba muss man statt Koch eher Alchemist sein, um ein leckeres Gericht zaubern zu können.

Hier in unserer Nachrichtenredaktion war er nun, dieser Paracelsus des Herdes. „Welche Zutaten haben Sie da?“, fragte er erneut. Sehr wenige. Seit Anfang des Jahres ist es schwierig, auch nur einen Kohlkopf oder ein Pfund Hühnchen zu kaufen. Ein Grund dafür sind die kontrollierten Preise, die die Regierung auf vielen Agrarmärkten eingeführt hat. Noch dazu mangelt es in den Läden an Waren, die man in Peso Convertible bezahlen kann. José Andrés sah im Regal ein Päckchen mit russischem Hafer, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum seit 2010 überschritten ist, und seine Augen strahlten. „Daraus werden wir etwas machen“, meinte er stolz.

Er mischte Zutaten – einige davon hatte er unter der Hand auf den Straßen Havannas gekauft – briet an, rührte um und kam anschließend mit dampfenden und einzigartigen Gerichten aus der Küche. Der großartige Spitzenkoch war bis hoch in den 14. Stock gekommen, um ein unvergessliches Mahl an einem historischen Tag zuzubereiten.

Übersetzung: Lena Hartwig

Die Stimme deiner Rechte

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Yoani Sánchez‘ neue Interviewserie im Kanal der Deutschen Welle Lateinamerika: La voz de tus derechos (Die Stimme deiner Rechte). (Bildausschnitt aus dem Video)

Generación Y, Yoani Sánchez, 04. April 2016  Was tun, wenn man ein Megaphon in der Hand hat? Seit ich 2007 mit meinem Blog Generación Y anfing, hat mich diese Frage nicht mehr losgelassen. Oft genug nützte meine Sicht der Dinge nicht jenen, die es am nötigsten gehabt hätten, und der schützende Schirm, wie es mein Zugang zu internationalen Organisationen ist, erreichte nur einige wenige. Den Platz vor einem Mikrophon allein zu besetzen, nur um selbst etwas laut zu sagen, ist eine Verschwendung, weil das mehr mit Monolog als mit journalistischer Arbeit zu tun hat. La voz de tus derechos (Die Stimme deiner Rechte)das neue TV-Programm mit Interviews, die ich bei der Deutschen Welle in Lateinamerika moderiere, beabsichtigt, das Megaphon an die heranzuführen, die es am meisten brauchen.

Die 40 Episoden, die in Panama Stadt aufgezeichnet wurden, haben eine Gästeliste, die unverzichtbar für alle ist, die unseren Teil der Welt kennenlernen und sich mit der Geschichte ihrer Menschen befassen wollen: Umweltaktivisten; Frauen, die gegen den Feminizid* kämpfen; Menschenrechtsorganisationen, die die Überfüllung in den Gefängnissen anprangern; Gruppen, die Kinderarbeit aus allen Blickwinkeln ansprechen… das sind nur einige der Themen mit denen sich die Personen, denen ich in den kommenden Wochen im Studio begegnen werde, befassen.

Ich treffe auf Protagonisten, die versuchen ein Fenster in einem Haus zu öffnen, dessen Tür verschlossen ist. Meine Rolle in diesem Programm ist nicht nur eine berufliche Herausforderung in meiner journalistischen Karriere, sondern sie beinhaltet auch, dass ich mich den Schweigenden in jeder Gesellschaft verpflichtet fühle. Mögen die Kameras und die Macht des audiovisuellen Mediums dazu beitragen, dass sich ihre Projekte besser verwirklichen lassen und ihr Leben weniger gefahrvoll verläuft.

Anmerkung des Übersetzers:

Feminizid, span. Feminicidio, ist in beiden Sprachen ein Neologismus, der den Mord an Frauen meint, als die schlimmste Form von geschlechtsspezifischer Gewalt.

Übersetzung: Dieter Schubert