Die Risiken des Journalismus

Wenn Sie mich vor einem Jahr nach den drei größten Herausforderungen gefragt hätten, denen wir uns mit 14ymedio.com stellen sollten, hätte ich gesagt: Repression, der spärliche Zugang zum Internet und die Furcht professioneller Journalisten in unserem Team mitzuarbeiten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein anderes Hindernis unserer kleinen Redaktion weitaus mehr Kopfzerbrechen verursachen würde, denn der Mangel an Transparenz im Umgang mit kubanischen Institutionen hat uns oft vor verschlossenen Türen stehen lassen. Und obwohl wir unüberhörbar angeklopft haben, hat uns niemand geöffnet noch geantwortet.

In einem Land, in dem staatliche Körperschaften den Bürgern den Zugang zu Daten verweigern, die öffentlich zugänglich sein sollten, befindet sich ein Journalist in einer schwierigen Lage. Sich mit Geheimnistuerei herumzuschlagen ist genauso mühsam, wie der politischen Polizei zu entkommen, blindlings einen Tweet zu schreiben, oder sich an den Opportunismus und das Schweigen von so vielen Kollegen zu gewöhnen. In Kuba ist Information in Händen des Militärs, das über sie wacht, als ob es sich um eine kriegswichtige Technologie handeln würde, sodass die, die nach Information suchen, mindestens für Spione gehalten werden.

Einem illegalen Medium anzugehören macht die Mitarbeit noch schwieriger und gibt ihr einen Ruch von Machenschaften, wo es doch ein Beruf sein sollte wie jeder andere auch. So weit, so gut; wenn wir “das Glas als halb voll ansehen”, dann hat Beschränkung, dass wir nicht zu offiziellen Stellen vordringen können, die digitale Zeitung 14ymedio von jenem Verlautbarungs-Journalismus befreit, der so schlimme Effekte verursacht. Denn, einen Funktionär zu zitieren, die Worte eines Ministers wiederzugeben, oder die offizielle Verlautbarung eines Parteiführers abzuschreiben, das war Jahrzehnte lang der Ausweg für die, die nicht den Mut hatten über die Realität in diesem Land zu berichten.

Mangels Akkreditierung haben wir die Teilnehmer an weniger kontrollierten Ereignissen angesprochen, wo jene sich freier fühlten zu reden.

Diese wesentliche Beschränkung ist für uns zum größten Ansporn geworden, kreativere Formen der Information zu finden. Das Schweigen der Regierung zu so vielen Themen hat uns motiviert nach anderen Stimmen zu suchen, die uns über das berichten können, was geschehen ist. Weil wir mangels Akkreditierung keinen Zugang zu gesellschaftlichen Ereignissen haben, haben wir die Teilnehmer an weniger kontrollierten Ereignissen angesprochen, wo jene sich freier fühlten zu reden. Angefangen mit Federica Mogherini, die am Rand einer Pressekonferenz – zu der man uns den Zugang verweigert hatte -etliche unserer Fragen beantwortet hat, weiter mit Beschäftigten, die uns flüsternd von Korruption in ihren Betrieben berichteten, bis hin zu anonymen Mitteilungen, die uns auf die Spur einer Ungerechtigkeit brachten.

Es ist für uns mühsam gewesen eine authentische Rolle als Berichterstatter zu finden, die sich von der eines Richters unterscheidet, von der eines Aktivisten für Menschenrechte oder eines politischen Oppositionellen. Es ist unsere Aufgabe Fakten sichtbar zu machen, damit andere sie ablehnen oder voranbringen können. Mit unserer Arbeit entsteht ein Gedächtnis für unser Volk; aber wir können ihm nicht vorschreiben, wie es mit seiner Vergangenheit oder der Gegenwart umgehen soll. Schlussendlich haben wir als Journalisten die Verantwortung zu informieren, aber nicht die Befugnis zu beschuldigen.

Wir können uns auch nicht für unsere Fehler rechtfertigen, weil man uns für ungesetzlich erklärt, verfolgt, stigmatisiert oder verleugnet. Kein Leser würde es uns verzeihen, wenn wir nicht genau da zur Stelle wären, wo sich die Geschichte wendet.

Übersetzung: Dieter Schubert

Wie zähmt man einen Informatiker?

Revolico

Eine Userin des Internetportals Revolico . (Silvia Corbelle/14ymedio)

 

Flinke Finger auf der Tastatur, ein Leben zwischen Realität und digitaler Welt, zudem die perfekte Mischung aus Spaß, Lernen, Lehren und Freiheit durch Technologie. Das sind einige der Dinge, die alle gemeinsam haben, die auf Kuba sich mit der IKT (Informations- und Kommunikationstechnik) beschäftigen, egal ob aus beruflichen Gründen oder aus persönlicher Vorliebe. Jetzt versucht eine neue Vereinigung diese Liebhaber von Schaltkreisen und Bildschirmen zu vertreten, auch wenn der Vorsitz dieser Vereinigung beabsichtigt, dass es sowohl Einschränkungen in der Autonomie als auch Ideologiegebundenheit geben wird.

Die künftige Union für Informatiker auf Kuba UIC (Unión de Informáticos de Cuba), wird die staatliche Anerkennung bekommen, die bisher den bestehenden unabhängigen Gruppen von Bloggern, Gamern und Programmierern gefehlt hat. Sie wird ihre Satzung und einen Ehrenkodex haben und ihre Mitglieder werden über Unterstützung und Sichtbarkeit durch ihre Struktur verfügen. Es steht ohne Zweifel fest, dass auf dem nächsten internationalen Event, wie dem Amerika-Gipfel, wo sich die regierungsfreundliche Zivilgesellschaft trifft,  auch die Neumitglieder der UIC vertreten sein werden.

Wenn die Förderer dieser Aktivitäten auf der ganzen Welt wissen wollen, wie man am besten eine Schein-Nichtregierungsorganisation ins Leben ruft, sollten sie sich die Einzelheiten der Entstehungsgeschichte der neuen Vereinigung genau ansehen, die jene Kubaner zusammenbringen soll, die sich mit den neuen Technologien beschäftigen. Es ist eine gute Gelegenheit, und zwar nicht um die Geburtsstunde eines neuen Erfolgprojekts mitzuerleben, sondern um zu sehen, wie ein schwarzes Loch geschaffen wird, das eines der lebhaftesten und freisten Phänomene – das für die Macht der heutigen kubanischen Gesellschaft steht – verschlingen soll.

Es wird ein schwarzes Loch geschaffen, das eines der lebhaftesten und freisten Phänomene –  das für die Macht der heutigen kubanischen Gesellschaft steht – verschlingen soll.

Der Anmeldefrist für die UIC läuft noch bis zum 15. Juli. Die Anwärter müssen das Anmeldeformular und eine Kopie ihres akademischen Titels abgeben sowie die Bestätigung zur Kenntnisnahme der geplanten Vorschriften und des Ehrenkodex, die man sich Voraus von der Webseite des Ministeriums für Kommunikation herunterladen muss. Es verwundert jedoch sehr, dass zu diesem Zeitpunkt das Organisationskomitee, das in dem Kongress zur Gründung der Vereinigung gewählt wurde, trotz ihrer unbestreitbaren technologischen Fähigkeiten über keine eigene Webseite verfügt. Eine eigene Webseite, die nicht das .gob.cu in seiner Webadresse stehen hat, wäre angebracht gewesen, da diese Domains auf Regierungsangelegenheiten hinweisen – und nicht auf eine NGO.

Die UIC versteht sich selbst als professionelle Vereinigung, deren Mitgliedschaft auf freiwilliger Basis beruht, aber gleichzeitig selektiv ist. Sie wurde gemäß Artikel 7 der Kubanischen Verfassung gegründet. Wenn man einen Blick auf diesen Teil der Verfassung wirft, stellt sich heraus, dass es sich um eine dieser Organisationen handelt, die „ihre besonderen Interessen vertreten und diese in den Aufbau, die Konsolidierung und die Verteidigung der sozialistischen Gesellschaft einbinden“. Doch damit nicht genug: Die Präsidentin der Organisationskomitees Allyn Febles, die außerdem Prorektorin der Universität für Informatik in Havanna ist, ließ gegenüber der Presse verlauten, dass „der neuen Vereinigung die einheitliche Unterstützung aller Mitglieder der sozialen Ziele der Kubanischen Revolution zugrunde liegt.“

Dies ist ohne Zweifel ein Versuch, den Kilobytes, den Tweets und den Apps einen politischen Anstrich zu geben. Als hätten sie das Bedürfnis, die Grenzen der Technologien durch ihre parteitreuen Aussagen zu markieren. Warum sind sie so grob? Warum ist es nicht möglich eine Vereinigung für kubanische Informatiker zu gründen, die der Bevölkerung zeigt, wie man die Werkzeuge nutzt, die ihnen einen freieren und einfachen Zugriff auf die neuen Technologien ermöglicht? Warum muss man sich zwischen die Tastatur und den Ort der sozialen Netzwerke schalten und dazu nicht nur irgendeine Ideologie verbreiten, sondern eine besondere, fanatische und ausschließende Ideologie?

Doch die Einschränkungen haben noch lange kein Ende. Die Einleitung des Ehrenkodex definiert die Informatiker von vornherein als „der sozialistischen Revolution gegenüber verpflichtet…“, während in Artikel 3 geschrieben steht, dass man ein Verhalten „im Einklang mit den Regeln und Prinzipien unserer sozialistischen Gesellschaft“ an den Tag legen muss. Die Lage wird noch prekärer, denn in Artikel 12 des gleichen Kodex wird den Mitgliedern der UIC vorgeschrieben, dass sie dazu verpflichtet sind, Kollegen anzuzeigen, die einen Fehler begehen. Anstatt einer Vereinigung, die die Rechte der Technologiebegeisterten schützen soll, wird gerade ein Überwachungsmechanismus geschaffen, der sie kontrollieren soll.

Von den Mitgliedern der UIC wird erwartet, dass sie sich für Intoleranz statt Informatik entscheiden und eher Soldaten als Internet-User sind.

Wie ein Geist aus der Vergangenheit taucht in dem Bewerbungsformular für den Eintritt in die UIC  ein Feld für die „politische Mitarbeit“ auf, wo der Bewerber ankreuzen muss, ob er ein Mitglied bei einer der folgenden Organisationen ist: Kommunistische Partei Kubas, Kommunistischer Jugendverband (Unión de Jóvenes Comunistas, UJC) oder … Föderation der kubanischen Frauen (Federación de Mujeres Cubanas , FMC), den Komitees zur Verteidigung der Revolution ( Comités de Defensa de la Revolución, CDR) und kubanischer Gewerkschaftsbund Central de Trabajadores de Cuba (CTC). Dies widerspricht aber dem, was die offiziellen Sprecher immer wieder betonen, nämlich dass die letzten drei keine politischen sondern zivile Körperschaften sind. Was davon stimmt denn jetzt?

Der nette Teil der Gründungsdokumente der UIC ist der, wo es heißt, dass die Vereinigung „sich für die Schaffung eines wissenschaftlichen und technischen Klimas, die Steigerung der beruflichen Qualifikationen ihrer Mitglieder und die ständige technologische Aktualisierung einsetzen wird. Außerdem ermöglicht sie die Identifizierung und Erfassung der Kenntnisse ihrer Mitglieder und ihre Vorbereitung und Tauglichkeit für konkrete Projekte, sowie das Erkennen von Chancen, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und den Export von Gütern und Dienstleistungen positiv zu beeinflussen und somit zu besseren Lebensbedingungen ihrer Mitglieder beitragen.“

Aber warum muss man, um diese unbestreitbaren Vorteile für sich nutzen zu können, Gehorsam leisten und politische Loyalität zeigen? Die Frage ist schnell beantwortet: weil von den Mitgliedern der UIC erwartet wird, dass sie sich für Intoleranz statt Informatik entscheiden und eher Soldaten als Internet-User sind – Zensoren anstatt Jugendliche, die mit dem Binärcode herumspielen.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Von Ubre Blanca zum Stier mit den sieben Beinen

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Abbildung einer Kuh (14ymedio)

Das Außerordentliche und das Ungewöhnliche waren eine lange Zeit lang unsere Hoffnung. Auf dieser Insel musste Atlantis sein, Alexander der Große wiedergeboren werden und die Kuh leben, die die meisten Liter Milch in der Geschichte der Menschheit gab. Wie jedes junge Volk brauchten wir das Gefühl, das keiner uns übertraf und das das Gewöhnliche von unseren Grenzen fern blieb. Ubre Blanca, die Kuh, die immernoch den Rekord im Guinness-Buch der Rekorde hält, war ein Opfer dieser nationalen und politischen Eitelkeit. Die Zeiten dieser übertrieben Erfolge in der Viehzucht sind längst vorbei und nun können wir nurnoch mit unseren Missbildungen prahlen.

Muñeco ist ein Stier mit sieben Beinen. Die lokale Presse erzählte gerade erst seine Geschichte, vom wilden einjährigen Kalb, das von zwei Zebus abstammt und letztendlich von Diego Vera Hernández, einem Viehzüchter aus der Stadt Trinidad, adoptiert wurde. Dieses Tier unterscheidet sich von den anderen, die auf den kubanischen Feldern an Hunger und Durst zu Grunde gehen, darin, dass es auf dem Rücken, in der Nähe des Nackens, drei weitere Beine und einen Testikel hat. Seine Anatomie vereint alles was die staatliche Rhetorik braucht: Auf der einen Seite das Unglaubliche und auf der anderen Seite dieser zusätzliche Hauch von Manneskraft, der nichts und niemanden, der damit prahlt „Made in Kuba“ zu sein, fehlen sollte.

Die Zeiten dieser übertrieben Erfolge in der Viehzucht sind längst vorbei und nun können wir nur noch mit unseren Missbildungen prahlen.

Die drei zusätzlichen Beine haben Muñeco vor der illegalen Schlachtung bewahrt, durch die so viele seiner Artgenossen, auf Grund der Notwendigkeit und der schlechten Verwaltung im aktuellen System unserer Viehzucht, sterben. Dieses Stück eines anderen Stiers, das von seinem Rücken baumelt, hat ihn vor dem Schlachtermesser in den frühen Morgenstunden bewahrt, weil ein aufgeweckter Viehzüchter bemerkte, dass er eine Messeatraktion, ein Zirkustier, vor Augen hatte, das er den Zeitungen und auf Landwirtschaftsmessen vorführen konnte. Aber es gibt keinen großen Unterschied zwischen diesem Haustier mit den verrückt spielenden Genen und der Kuh, die alle unsere Hoffnungen repräsentierte, als die Milch reichlich floss und wir fast schon in Käse- und Yoghurtfabriken ertranken.

Ubre Blanca starb durch die Unersättlichkeit eines Anführers, der nur auf Resultate aus war, aber Muñeco lebt für den Stolz einer Nation, die durch ihre eigenen Missbildungen gezeichnet ist.

Anm. der Übers.:  Die Kuh namens Ubre Blanca (auf deutsch: Weißes Euter) gab im Jahr 1982 an einem Tag 109,5 Liter Milch (das Vierfache der üblichen Menge) und symbolisierte in den Zeiten vor der Milchkrise die Erträge und den Fortschritt von Kubas Agrarwirtschaft.

Übersetzung: Anja Seelman

Willkommen Hollande! Auf Wiedersehen Hollande!

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François Hollande und Raúl Castro, am 12.05.2015 im Palast der Revolution, Havanna, Kuba. (EFE)

Der offizielle Empfang am Flughafen, das Foto, auf dem man die Hand des Gastgebers schüttelt, das Niederlegen eines Kranzes vor der José-Martí-Statue und die ersehnte Konferenz in der Universität von Havanna. Für wie viele ausländische Politiker lief das Programm in den letzten Monaten so ab? Es sind so viele, dass wir bereits den Überblick verloren haben.

Eine regelrechte Flutwelle an Präsidenten, Kanzlern und Abgeordneten überrollte Kuba in letzter Zeit, ohne dass die illustre Präsenz im Alltag der Kubaner auch nur einen Hauch von Erleichterung ausgelöst hätte. In die Parade der internationalen Führungskräfte hat sich diese Woche der französische Präsident, François Hollande, eingereiht und bekräftigte, dass sein Land die „Beziehungen mit Kuba stärken“ möchte, damit beide Nationen eine größere internationale Führungsrolle übernehmen“

Während seines Aufenthalts traf der Politiker mit Raúl Castro zum Gespräch zusammen, besuchte Fidel Castro zu Hause und überreichte dem Erzbischof von Havanna, Jaime Ortega y Alamino, den französischen Verdienstorden der Ehrenlegion. In seinem Terminkalender gab es jedoch weder Platz für ein Treffen mit Dissidenten noch für eines mit Aktivisten. Seine Sicht auf das kubanische Szenario konnte er nicht mit einem kritischen Blick auf das Verhältnis der Regierung zu seinem eigenem Volk vervollständigen. Als das Flugzeug des Präsidenten wieder abhob, hatte der Franzose kaum mehr als die offizielle Version der Tatsachen gehört und gesehen.

Bei einem Vortrag in der Aula Magna, sagte Hollande “kommt man nach Kuba, so kommt man in ein Land, das ausdrückt, was ganz Lateinamerika repräsentiert: die Forderung nach Würde und Unabhängigkeit.“ Auch wenn er es nicht sagte, weiss der französische Präsident, dass es auch das Ankommen in einer Nation ist, in der es Gefangene aus ideologischen Gründen, aber keine politische Parteein gibt, und wo Opponenten unterdrückt und bedroht werden. Ein Land ohne Gewerkschaftsrechte, in der die unabhängige Presse illegal ist und die militärische Macht in der Familie weitervererbt wird.

Bei diesem Besuch brauchten wir die Bestätigung, dass das Frankreich der Menschenrechte noch immer an die unerschütterlichen Werte glaubt, die das Recht des Einzelnen anerkennen, von der offiziellen Meinung abzuweichen, in denen man seine Differenzen ohne Angst ausdrücken und sich gemäß seiner Interessen organisieren kann. Wir forderten Worte der Unterstützung als Bestätigung, dass die Regierung dieses europäischen Landes dazu bereit ist, Kuba in seinem Wunsch nach Freiheit zu unterstützen; ein Wunsch, der Frankreichs eigene nationale Geschichte geprägt und geformt hat.

Der Besuch des französischen Präsidenten auf kubanischem Boden wird vielen aufgrund seiner gefälligen Haltung gegenüber den Autoritäten in Erinnerung bleiben    

Ein Mann, der sagt, dass Franzosen und Kubaner die “gleichen Ideen bewegen, die gleichen Sehnsüchte, die gleiche philosophische Inspiration“, kann nicht glauben, dass er ein Land besucht hat, in dem sich die Bürger freiwillig einer totalitären Macht untergeordnet haben. Denkt Holland etwa, wir haben uns stillschweigend für das Leben in einem Käfig entschieden? Nimmt er vielleicht an, wir fühlen uns an den Ketten wohl?

Betrachten wir diesen Besuch unter einem positiven Aspekt, so bleibt uns die Einweihung des neuen „Alliance française“-Instituts und eine Ausweitung der Zusammenarbeit in den Bereichen Tourismus, Bildung und Gesundheit. Dennoch, der Besuch des französischen Staatschefs auf kubanischem Boden wird vielen aufgrund seiner gefälligen Haltung gegenüber den Autoritäten in Erinnerung bleiben. Nach ein paar Jahren wird man sich nur schwer an eine Reise mit  einer derart seichten Tagesordnung erinnern.

Holland kam in Begleitung von Wirtschaftsvertretern aus Unternehmen wie Pernod Ricard, der Hotelkette Accor, Air France, der Einzelhandelsgruppe Carrefour, der Telekommunikationsfirma Orange und verschiedener Banken. Der Abschluss von Abkommen in den Bereichen Energie und Tourismus stellte sich letztendlich als der erfolgreichste Teil ihres Kubabesuchs heraus, obwohl das Treffen mit Fidel Castro größere Schlagzeilen machte.

Die Zeit wird vergehen und eines Tages wird unser Land in eine neue politische Situation übergehen. Wir werden einige Historiker sagen hören, dass die Einflussnahme des französischen Präsidenten auf diesem Weg des Wandels eine entscheidende Rolle gespielt hat. Aber das wird danach sein, wenn die Chronisten die Vergangenheit umschreiben, und sie nach ihrer Zweckmäßigkeit dekorieren. Im Moment kann man schwer abschätzen, inwieweit dieser fade Besuch unsere Zukunft beeinflussen kann.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Unsere Kinder machen uns stärker

Es gibt eine Erinnerung, in die ich mich oft hineinflüchte. In Stresssituationen reise ich in die frühen Morgenstunden jenes Augusttages zurück, an dem ich meinen Sohn zum ersten Mal in den Armen hielt. Wenn die Angst mich zu überwältigen droht, denke ich an die winzigen Fingernägel, die ihm in meinem Bauch gewachsen sind; sie sind so weich und perfekt an die Fingerkuppen angepasst. Mich beruhigt auch, mir seine Handrücken ins Gedächtnis zu rufen, gekennzeichnet vom Fruchtwasser, in dem er all die Zeit heranwuchs. Zurückgezogen in diese Erinnerung fühle ich mich, als ob es keine Unterdrückung und keinen Hass gibt, die mich erreichen können; ich werde durch seine Geburt geschützt.

Kinder schenken uns Willensstärke. Wenn die Augenlider schwer sind und der schrillste Wecker uns nicht zum Aufstehen bewegen kann, reicht es schon, dass sie in der Wiege quengeln und wir springen aus dem Bett. Wenn sie das Licht der Welt erblicken, während wir noch Studenten sind, geben sie uns das Selbstvertrauen zu glauben, dass wenn wir das Muttersein mit Bravur gemeistert haben, es kein Universitätsdiplom gibt, das wir nicht schaffen könnten. Mit ihren Blicken und ihren Fragen zwingen unsere Kinder uns auch dazu, weniger feige zu sein. Wie erklärt man einem Kind am besten, dass manchmal Schweigen Gold ist und Menschen nicht immer die sind, die sie vorgeben zu sein, ohne dabei ihr Weltbild zu zerstören?

Kinder sind immer bessere Menschen als wir. Aus diesem Grund werde ich heute, während in vielen anderen Haushalten auf Kuba die Mütter sich an diesen besonderen Tag zurückerinnern, einige erfüllt mit Liebe, andere erfüllt mit Traurigkeit, die die Entfernung mit sich bringt, meinem  „Kleinen“ etwas schenken. Es mag nur ein kleines Geschenk sein; ich werde mittags für uns kochen, was uns die Zeit gibt, uns zu unterhalten, während er die Gewürze kleinhackt und ich die Pfanne erhitze. Vielleicht erzählt er mir von letzter Woche, von einem Buch oder einem Mädchen, das er kennengelernt hat. Während wir uns unterhalten, werde ich mir heimlich seine Hände anschauen, die heute viel größer und kräftiger als meine eigenen sind. Ich werde jene Geräusche, die er als Baby von sich gab mit seiner heutigen kräftigen Stimme vergleichen und ich werde danach feststellen, dass dieser Mann, der heute vor mir steht, mir die Kraft, ja sehr viel Kraft gibt, um weiterzumachen.

Es sind 20 Jahre vergangen und ich brauche noch immer kein anderes Geschenk zum Muttertag, da ich meines schon bekommen habe und es hier vor mir steht.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Von einer Fährverbindung zu einer Internetverbindung

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Bild der Fähre zwischen Cayo Hueso und Havanna, aufgenommen im Jahr 1951 (History Miami Archives & Research Center)

Auf der anderen Seite des Meeres, ein Punkt am Horizont, dort wo die Träume von so vielen Kubanern vor Anker liegen, in diese Richtung blickten gestern einige Neugierige, die auf dem Malecón, der bekannten Ufermauer von Havanna, saßen. Ein paar Stunden zuvor hatte sich die Nachricht verbreitet, dass die USA „bestimmte Lizenzen für Fährverbindungen zum Transport von Personen” nach Kuba erteilt haben. Dieses Gerücht sorgte dafür, dass viele schon mit der Idee spielten, wie sich dieses Land verändern würde wenn es per Fähre an das andere Ufer angeschlossen wäre. In den letzten Stunden kam es zu unzähligen Träumereien, obwohl die vier Fährunternehmen, die durch das Finanzministerium eine Lizenz erhalten haben, noch auf die Genehmigung der kubanischen Behörden warten.

Dennoch erreicht die symbolische Wirkung dieser Lockerungen Dimensionen, die die politische Geste weit übersteigen. Wir leben auf einer Insel und das bewirkt, dass das Meer ein unüberwindbares Hindernis für uns ist, eine Mauer, die uns vom Rest der Welt abgrenzt. Wenn ein Kubaner sich darauf vorbereitet, ein anderes Land zu besuchen, dann nutzt er selten das Verb „reisen“, sondern greift stattdessen auf eine dramatischere Vokabel zurück: „verlassen“. Wir müssen diese geografische Ausgeschlossenheit überwinden, wenn wir an einen andern Ort wollen. Ein Katamaran aus Florida, der jeden Tag an unseren Küsten anlegt, beendet – zumindest metaphorisch – diese geografische Isolation, die im letzten halben Jahrhundert so häufig für ideologische Zwecke genutzt wurde.

Die Menschen auf den Straßen erwarten allerdings mehr als einfache Allegorien. Ihre Hoffnungen richten sich nur darauf, dass die Reisen der in den Vereinigten Staaten lebenden Kubaner mit der neuen Verbindung jetzt günstiger werden. Viele träumen nun davon, dass mit den Frachträumen dieser Schiffe auch „Werkzeuge“ für eigene Projekte, die Landwirtschaft und das häusliche Leben ankommen. „Die Teile, die für meinen Lada* fehlen“, schwärmte gestern Cheo, ein Ingenieur, der nun als Taxifahrer arbeitet und dessen Bruder ihm in Miami einige Teile für sein sowjetisches Auto gekauft hat. Er konnte sie ihm allerdings noch nicht schicken, da „sie viel wiegen und das per Luftpost sehr teuer ist“.

Heute nachmittag diskutierten zwei Männer in einem vollen Bus darüber, ob es die kubanische Regierung genehmigen würde, dass sich die Anlegestelle der Fähren in Havanna befindet. „Auf keinen Fall werden sie das erlauben, Junge”, schrie der Ältere der beiden und legte folgende Erklärung nach: „Sie werden nicht zulassen, dass hier ein Schiff mit der nordamerikanischen Flagge einläuft. Kannst du dir das vorstellen?” Der Jüngere lenkte das Gespräch trotzdem in seine eigene Richtung: „Was jetzt neben einer Fährverbindung noch fehlt, ist dass sie sich einen Ruck geben und auch eine Internetverbindung schaffen“, schloss er mit einem ironischen Lächeln.

Die Kubaner scheinen dazu bereit zu sein, die verlorene Zeit wiederzugewinnen. Dazu, sich auf jedem erdenklichen Weg wieder in die Welt einzugliedern. Dazu, das Meer, das so lange ein Hindernis war, in einen Weg, eine Verbindung zu verwandeln.

Anmerk. d. Übers.:

*Die Personenkraftwagen des großen, russischen Autoherstellers AwtoWAS werden unter dem Markennamen Lada verkauft.

Übersetzung: Anja Seelmann

Mit Wasser durch den 1. Mai

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Im Stadtviertel El Cerro sieht man in diesen Tagen nur Schlamm und Tränen. Einer der bevölkerungsreichsten Stadtbezirke Havannas versucht sich gerade von den unerwarteten Regenfällen zu erholen, durch die es in der gesamten Stadt zu drei Todesfällen kam. 1400 Häuser wurden beschädigt, 27 ganz oder teilweise zerstört. Viele Familien verloren ihre gesamtes Hab und Gut und in der ganzen Stadt hängt ein Geruch in der Luft, wie er nach Überschwemmungen zurück bleibt: eine Mischung aus Abwässern, Abfällen und Schmerz.

Die Tragödie in Kubas Hauptstadt Havanna spielt sich hauptsächlich im Inneren der Häuser ab, wo nichts, nicht einmal ein Stuhl, gerettet werden konnte. Die offizielle Presse jedoch versucht das tragische Geschehen klein zu halten, da es sich nur wenige Stunden vor dem “triumphalen” 1. Mai zugetragen hat, an dem es gilt, der Welt zu demonstrieren, dass „das kubanischen Volk hinter dem sozialistischen System steht“.

Für das Drama jener, die immer noch mit Schaufeln und aus eigenen Kräften den Schlamm aus ihren Wohnungen schaffen, ist in diesen Tagen der „gewerkschaftlichen Seligkeit“ kein Platz. Geladene Gäste kommen aus dem Ausland und selbst der Präsident Venezuelas, Nicolás Maduro, ist angereist. Auf dem Plaza de la Revolución  teilt er sich den Platz auf der Tribüne mit denjenigen, deren Häuser vor Wetterkatastrophen geschützt sind. Inzwischen, nur wenige Meter entfernt von diesem Ort, wo am Morgen des 1. Mai Fahnen flatterten und Parolen gerufen wurden, versuchen die Betroffenen des Unwetters ihren normalen Lebensrhythmus wieder aufzunehmen. Die Spuren, die das Wasser hinterlassen hat, das mancherorts bis zu 80 cm hoch stand, sind sowohl an den Fassaden als auch in den Erinnerungen noch ganz frisch.

Sie hätten die Parade absagen müssen. Sie hat
Tausende von Pesos gekostet,  jene Pesos, die für die Hilfe der Opfer notwendig gewesen wären  

 Es gibt Länder, in denen es einem Präsidenten das Amt kostete, wenn er nicht persönlich am Ort eines Unfalls oder einer Naturkatastrophe erschienen ist. Indem Regierungsmitglieder Gebiete, die von Unwettern, Vulkanausbrüchen oder Erdbeben betroffen waren, nicht besucht haben, handelten sie sich vielerorts die Feindseligkeit der Bürger und die Ablehnung der internationalen Gemeinschaft ein. In Kuba wird Prahlerei als Strategie eingesetzt, um so die öffentliche Aufmerksamkeit von den Problemen abzulenken. Dieser 1. Mai ist ein Beweis dafür gewesen, dass die offizielle Propaganda den Triumphalismus privilegiert und Not und Elend minimiert.

Eine Frau saß heute Morgen in der Straße Amenidad e Infanta in einer Ecke und sah zum Himmel hinauf. Ihre Hände waren feucht von dem Wasser, das sie aus ihrer Wohnung im Untergeschoss schöpfte. „Es wird Zeit, dass die Parade vorbei ist“, sagte sie mit einer so lauten Stimme, dass sie jeder hören konnte, mit jenem Anflug von Mut, der uns überkommt, wenn wir nichts mehr zu verlieren haben. „Wenn das alles vorüber ist, erinnern sie sich vielleicht an uns“, bekräftigt sie mit einer gewissen Hoffnung.

Man organisiert keine Feste an Unglücksorten. Aus Gründen des Schamgefühls hätten sie die Parade absagen müssen. Sie hat Tausende von Pesos gekostet, jene Pesos, die für die Hilfe der Opfer notwendig gewesen wären. Etwas politische Vernunft wäre hier gefragt gewesen… – aber, wer kann schon von denen, die 56 Jahre lang als wohlhabende Bürger gelebt haben, verlangen, wie das Proletariat zu denken?

Übersetzung: Nina Beyerlein