Die Landschaft vor dem Sturm

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Hauptsitz der Fimra Etecsa in Havanna. (14ymedio)

Bevor der Sturzregen beginnt, durchdringt die Stadt ein Geruch. Dieser kann als Einstimmung auf das Wasser betrachtet werden; eine Vorwegnahme des Regengusses. Die Vögel fliegen in Richtung ihrer Nester und die vorsichtigsten suchen Schutz in einem Hauseingang, bis der Regen vorbei ist. Dieses Gefühl von etwas das sich annähert, verspürt man in diesen Tagen vor einem möglichen Internetzugang für uns Kubaner. Es gibt zwar keine konkreten Anzeichen, die einen massiven Eintritt in den Cyberspace bestätigen würden, aber dennoch ist ein ungeduldiges Flattern in der Luft zu spüren.

Das Thema Internet hat im Rahmen öffentlicher Diskussionen im letzten halben Jahr mehr und mehr an Bedeutung gewonnen. Der Verwaltungsapparat Barack Obamas musste Stellung beziehen, damit die Bürokraten des Ministeriums für Informatik und Kommunikation, die darauf geschult sind, in die Defensive zu gehen, aufwachen. Mit der Einführung eines Maßnahmenpakets zur Flexibilisierung am vergangenen 16.Januar – auffällig an diesem sind die Maßnahmen, die mit den neuen Technologien und der Vernetzung zu tun haben – hat das Weiße Haus mehr als einen auf der Insel in Bewegung versetzt.

Vier Jahre nach der Installation des Glasfaserkabels zwischen Kuba und Venezuela bekommt man den Eindruck, dass der Regierungsapparat nicht länger rechtfertigen kann, warum wir eines der Länder mit der geringsten Vernetzungsquote weltweit sind. Auf der anderen Seite funktioniert der Atem nordamerikanischer Firmen wie Verizon oder AT&T, die im Nacken von ETASCA schnauben, wie ein Katalysator, um einen Datenservice einzurichten, der es dem kubanischen Telefonmonopol erlaubt, den nationalen Markt nicht zu verlieren.

Vor einigen Tagen ist passend dazu ein Dokument durchgesickert, in dem schriftlich die nationale Strategie festgehalten wird, die darauf abzielt, die Infrastruktur der Vernetzung Kubas für den Breitbandanschluss zu entwickeln.

Die Lektion von Isabel dos Santos, der reichsten Frau Afrikas und Tochter des angolanischen Präsidenten, muss nun unsere kubanischen Machtpolitiker wach halten. Sie wissen, dass diejenigen, die vom Fernmeldewesen und der Kommunikation profitieren, garantiert über ein mehr als sechsstelliges Vermögen verfügen werden. Dennoch sind sie sich der Tatsache bewusst, dass ein Unternehmen dieser Art Abkommen benötigt, Roamingverträge, vorteilhafte Tarifpakete und andere attraktive Angebote für die Nutzer. In der Welt, in der wir leben, lässt sich das mit einem Wort zusammenfassen: Vernetzung.

Die Realität hat ideologische Gefühlsausbrüche nach Art des Abel Prieto untersagt, der versicherte, dass man “nicht denen, die Geld haben, zu einem freien und offenen Internetzugang verhelfen werde, sondern jenen, die es brauchen, um ihre Studien und Nachforschungen voranzubringen. Der eigene Mobilfunkservice zeigt, dass Letzterer aus der Schlacht zwischen Politik und Markt als Gewinner hervorgegangen ist. Die Benutzer von Cubacel – ausgenommen diejenigen, die Cubacel als Privileg für ihre Arbeit für die Staatssicherheit oder andere strategischen Sektoren erhalten – müssen für die Dienstleistung mit konvertiblen Pesos bezahlen. Um ein Mobiltelefon zu erhalten, haben sich die rauen Bedingen des Marktes etabliert, also dem Geld das man in der Hosentasche hat, und nicht der Treue zu einer Idee.

Vor einigen Tagen ist passend dazu ein Dokument durchgesickert, in dem schriftlich die nationale Strategie festgehalten wird, die darauf abzielt, die Infrastruktur der Vernetzung Kubas für den Breitbandanschluss zu entwickeln. Trotz des Enthusiasmus, mit dem der Text von den Internethungrigen aufgenommen wurde, sind die Fristen, die das Programm vorschlägt rücksichtslos. Man spricht davon, “für das Jahr 2020 zumindest das Ziel zu erreichen, dass nicht weniger als 50% der Haushalte über einen Breitbandanschluss verfügen” , während man zwei Jahre früher schon für “Körperschaften der Partei auf nationaler, provinzieller und städtischer Ebene, für Staatsorgane, sowie für Einrichtungen des zentralen Verwaltungsapparats”  100% zu erreichen vorsieht. Es dürfe nicht überraschen, wenn die Menschen ab jetzt Mitglieder der PPC (Kommunistische Partei Kuba) werden, um Zugang zum riesigen weltweiten “Spinnennetz” zu erhalten.

Es dürfe nicht überraschen, wenn die Menschen ab jetzt Mitglieder der PPC werden, um Zugang zum riesigen weltweiten “Spinnennetz” zu erhalten.

Auf der anderen Seite ist diese Woche Brett Perlmutter, Führungskraft bei Google Ideas, auf Kuba zu Besuch. Seine Anwesenheit wurde den Medien als eine Art Erkundung erklärt, um “einen besseren Internetzugang auf die Insel zu bringen”. Laut eines Beamten des Außenministeriums, der anonym bleiben möchte, “habe Google dem kubanischen Staat ein Angebot gemacht, um bei der Vernetzung des Volkes zu helfen”. Er fügte hinzu, dass “wir nicht wissen, was angeboten wurde; aber wir wissen, dass etwas angeboten wurde”.

Abgesehen davon, was Google – zwischen dem offiziellen Misstrauen und dem Aufschieben durch kubanische Beamte – erreicht, verstärkt seine Anwesenheit auf der Insel das Gefühl von Dringlichkeit. Es vermittelt der kubanischen Regierung den Eindruck, dass die Türen, die sie angesichts der Kilobyte-Flut verschlossen haben, nicht nur nicht funktionieren, sondern Gefahr laufen von innen oder von außen hinweggefegt zu werden. Heliumballons, Minisatelliten, WIFI-Antennen hergestellt aus Pringels-Kartoffelchipsverpackungen, heimliche drahtlose Netzwerke, mit deren Hilfe Inhalte sowie auch das respektlose Medienpaket verbreitet werden, setzen eine Struktur schachmatt, die geschaffen wurde um zu zensieren, sich aber für das Zuwege bringen einer Öffnung als ineffektiv erweist.

Es riecht nach Regen in diesen Tagen; sicher wird uns ein Schwall feuchter Luft erreichen; er lässt den Vogel des Internets auf uns zu fliegen.

Übersetzung: Berte Fleißig

Kunst und Bedürftigkeit

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Installation zur 12. Biennale in Havanna an der Uferstraße Malecón. (14ymedio)

Ein Mann nähert sich, zieht eine Gabel aus dem Kunstwerk Delicatessen heraus, das während der 12. Biennale von Havanna entlang an der Uferstraße Malecón ausgestellt wird. Nicht weit davon entfernt spekulieren zwei Nachbarinnen darüber, ob der Sand, der für Resaca verwendet wurde, den Bewohnern des Stadtviertels geschenkt wird, wenn die Ausstellung vorbei ist, damit sie ihre Wohnungen damit renovieren können. Da alles knapp ist, findet man neben der künstlerischen Wertschätzung der Besucher auch Unruhe und Dreistigkeit, da sie in ein Kunstwerk mit einbezogen werden, das sie am liebsten zu ihrem Eigentum machen und es zur Wiederverwertung mit nach Hause nehmen wollen.

Die Ankunft der Biennale in unserer Stadt ist ein guter Moment um die ästhetischen Überraschungen zu genießen, die uns an allen Ecke erwarten, doch sie lässt uns auch wahrnehmen, wie Kunst und Bedürftigkeit aufeinanderprallen. In der Nähe der Werke mit höherem Materialaufwand trifft man stets auf den forschenden Blick eines Wächters. Bewachte Kunstwerke mit dem Schild „Nicht berühren“ oder von Absperrungen umgeben, sind auf Gehwegen und in Parks reichlicher vorhanden, als sie sein sollten.

Es besteht ein Kontrast zwischen der Interaktion, die die Künstler suchen wenn sie ihre Werke an öffentlichen Plätzen ausstellen, und dem exzessiven Schutz, dem sie ausgesetzt sind, damit es nicht soweit kommt, dass genau diese Öffentlichkeit sie stückweise in Taschen packt und wegträgt.

Zum Wachmann, der Vandalismus oder Plündereien vermeiden soll, gesellt sich der ideologische Kurator, der verhindert, dass auch nur irgendeine Installation, Performance oder Präsentation von den offiziellen Vorgaben abweicht.

Zum Wachmann, der Vandalismus oder Plündereien vermeiden soll, gesellt sich der ideologische Kurator, der verhindert, dass auch nur irgendeine Installation, Performance oder Präsentation von den offiziellen Vorgaben abweicht. Sicherheitsbeamte, die für eine künstlerische Richtigkeit sorgen, haben Tania Bruguera am vergangenen Wochenende daran gehindert, das Museum der Schönen Künste zu betreten. Diese Zensoren des freien Schaffens zwangen auch Gorki Águila gewaltsam in ein Auto, nachdem sie ihn daran gehindert hatten, ein Bild mit dem Gesicht des Graffiti-Sprayers El Sexto an der gleichen Mauerwand anzubringen, an der dieser uns seine unauslöschliche Unterschrift hinterlassen hat.

Bedürftigkeit kennzeichnet jedes Kunstwerk der Biennale von Havanna: Die materielle Bedürftigkeit, wo eine Schraube, die in irgendeinem Sockel steckt in einer Haustür enden könnte, oder in einem Stuhl, oder selbst in dem Bett, in dem jede Nacht bis zu vier Personen schlafen. Und die andere Bedürftigkeit, die nach Freiheit, die uns dazu bringt, uns der Kunst zu nähern, um von ihrer Rebellion ein Stückchen mitzunehmen, bevor die Trillerpfeife des Wachmanns ertönt und wir uns mit leeren Händen davonmachen.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Die Risiken des Journalismus

Wenn Sie mich vor einem Jahr nach den drei größten Herausforderungen gefragt hätten, denen wir uns mit 14ymedio.com stellen sollten, hätte ich gesagt: Repression, der spärliche Zugang zum Internet und die Furcht professioneller Journalisten in unserem Team mitzuarbeiten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein anderes Hindernis unserer kleinen Redaktion weitaus mehr Kopfzerbrechen verursachen würde, denn der Mangel an Transparenz im Umgang mit kubanischen Institutionen hat uns oft vor verschlossenen Türen stehen lassen. Und obwohl wir unüberhörbar angeklopft haben, hat uns niemand geöffnet noch geantwortet.

In einem Land, in dem staatliche Körperschaften den Bürgern den Zugang zu Daten verweigern, die öffentlich zugänglich sein sollten, befindet sich ein Journalist in einer schwierigen Lage. Sich mit Geheimnistuerei herumzuschlagen ist genauso mühsam, wie der politischen Polizei zu entkommen, blindlings einen Tweet zu schreiben, oder sich an den Opportunismus und das Schweigen von so vielen Kollegen zu gewöhnen. In Kuba ist Information in Händen des Militärs, das über sie wacht, als ob es sich um eine kriegswichtige Technologie handeln würde, sodass die, die nach Information suchen, mindestens für Spione gehalten werden.

Einem illegalen Medium anzugehören macht die Mitarbeit noch schwieriger und gibt ihr einen Ruch von Machenschaften, wo es doch ein Beruf sein sollte wie jeder andere auch. So weit, so gut; wenn wir “das Glas als halb voll ansehen”, dann hat Beschränkung, dass wir nicht zu offiziellen Stellen vordringen können, die digitale Zeitung 14ymedio von jenem Verlautbarungs-Journalismus befreit, der so schlimme Effekte verursacht. Denn, einen Funktionär zu zitieren, die Worte eines Ministers wiederzugeben, oder die offizielle Verlautbarung eines Parteiführers abzuschreiben, das war Jahrzehnte lang der Ausweg für die, die nicht den Mut hatten über die Realität in diesem Land zu berichten.

Mangels Akkreditierung haben wir die Teilnehmer an weniger kontrollierten Ereignissen angesprochen, wo jene sich freier fühlten zu reden.

Diese wesentliche Beschränkung ist für uns zum größten Ansporn geworden, kreativere Formen der Information zu finden. Das Schweigen der Regierung zu so vielen Themen hat uns motiviert nach anderen Stimmen zu suchen, die uns über das berichten können, was geschehen ist. Weil wir mangels Akkreditierung keinen Zugang zu gesellschaftlichen Ereignissen haben, haben wir die Teilnehmer an weniger kontrollierten Ereignissen angesprochen, wo jene sich freier fühlten zu reden. Angefangen mit Federica Mogherini, die am Rand einer Pressekonferenz – zu der man uns den Zugang verweigert hatte -etliche unserer Fragen beantwortet hat, weiter mit Beschäftigten, die uns flüsternd von Korruption in ihren Betrieben berichteten, bis hin zu anonymen Mitteilungen, die uns auf die Spur einer Ungerechtigkeit brachten.

Es ist für uns mühsam gewesen eine authentische Rolle als Berichterstatter zu finden, die sich von der eines Richters unterscheidet, von der eines Aktivisten für Menschenrechte oder eines politischen Oppositionellen. Es ist unsere Aufgabe Fakten sichtbar zu machen, damit andere sie ablehnen oder voranbringen können. Mit unserer Arbeit entsteht ein Gedächtnis für unser Volk; aber wir können ihm nicht vorschreiben, wie es mit seiner Vergangenheit oder der Gegenwart umgehen soll. Schlussendlich haben wir als Journalisten die Verantwortung zu informieren, aber nicht die Befugnis zu beschuldigen.

Wir können uns auch nicht für unsere Fehler rechtfertigen, weil man uns für ungesetzlich erklärt, verfolgt, stigmatisiert oder verleugnet. Kein Leser würde es uns verzeihen, wenn wir nicht genau da zur Stelle wären, wo sich die Geschichte wendet.

Übersetzung: Dieter Schubert

Wie zähmt man einen Informatiker?

Revolico

Eine Userin des Internetportals Revolico . (Silvia Corbelle/14ymedio)

 

Flinke Finger auf der Tastatur, ein Leben zwischen Realität und digitaler Welt, zudem die perfekte Mischung aus Spaß, Lernen, Lehren und Freiheit durch Technologie. Das sind einige der Dinge, die alle gemeinsam haben, die auf Kuba sich mit der IKT (Informations- und Kommunikationstechnik) beschäftigen, egal ob aus beruflichen Gründen oder aus persönlicher Vorliebe. Jetzt versucht eine neue Vereinigung diese Liebhaber von Schaltkreisen und Bildschirmen zu vertreten, auch wenn der Vorsitz dieser Vereinigung beabsichtigt, dass es sowohl Einschränkungen in der Autonomie als auch Ideologiegebundenheit geben wird.

Die künftige Union für Informatiker auf Kuba UIC (Unión de Informáticos de Cuba), wird die staatliche Anerkennung bekommen, die bisher den bestehenden unabhängigen Gruppen von Bloggern, Gamern und Programmierern gefehlt hat. Sie wird ihre Satzung und einen Ehrenkodex haben und ihre Mitglieder werden über Unterstützung und Sichtbarkeit durch ihre Struktur verfügen. Es steht ohne Zweifel fest, dass auf dem nächsten internationalen Event, wie dem Amerika-Gipfel, wo sich die regierungsfreundliche Zivilgesellschaft trifft,  auch die Neumitglieder der UIC vertreten sein werden.

Wenn die Förderer dieser Aktivitäten auf der ganzen Welt wissen wollen, wie man am besten eine Schein-Nichtregierungsorganisation ins Leben ruft, sollten sie sich die Einzelheiten der Entstehungsgeschichte der neuen Vereinigung genau ansehen, die jene Kubaner zusammenbringen soll, die sich mit den neuen Technologien beschäftigen. Es ist eine gute Gelegenheit, und zwar nicht um die Geburtsstunde eines neuen Erfolgprojekts mitzuerleben, sondern um zu sehen, wie ein schwarzes Loch geschaffen wird, das eines der lebhaftesten und freisten Phänomene – das für die Macht der heutigen kubanischen Gesellschaft steht – verschlingen soll.

Es wird ein schwarzes Loch geschaffen, das eines der lebhaftesten und freisten Phänomene –  das für die Macht der heutigen kubanischen Gesellschaft steht – verschlingen soll.

Der Anmeldefrist für die UIC läuft noch bis zum 15. Juli. Die Anwärter müssen das Anmeldeformular und eine Kopie ihres akademischen Titels abgeben sowie die Bestätigung zur Kenntnisnahme der geplanten Vorschriften und des Ehrenkodex, die man sich Voraus von der Webseite des Ministeriums für Kommunikation herunterladen muss. Es verwundert jedoch sehr, dass zu diesem Zeitpunkt das Organisationskomitee, das in dem Kongress zur Gründung der Vereinigung gewählt wurde, trotz ihrer unbestreitbaren technologischen Fähigkeiten über keine eigene Webseite verfügt. Eine eigene Webseite, die nicht das .gob.cu in seiner Webadresse stehen hat, wäre angebracht gewesen, da diese Domains auf Regierungsangelegenheiten hinweisen – und nicht auf eine NGO.

Die UIC versteht sich selbst als professionelle Vereinigung, deren Mitgliedschaft auf freiwilliger Basis beruht, aber gleichzeitig selektiv ist. Sie wurde gemäß Artikel 7 der Kubanischen Verfassung gegründet. Wenn man einen Blick auf diesen Teil der Verfassung wirft, stellt sich heraus, dass es sich um eine dieser Organisationen handelt, die „ihre besonderen Interessen vertreten und diese in den Aufbau, die Konsolidierung und die Verteidigung der sozialistischen Gesellschaft einbinden“. Doch damit nicht genug: Die Präsidentin der Organisationskomitees Allyn Febles, die außerdem Prorektorin der Universität für Informatik in Havanna ist, ließ gegenüber der Presse verlauten, dass „der neuen Vereinigung die einheitliche Unterstützung aller Mitglieder der sozialen Ziele der Kubanischen Revolution zugrunde liegt.“

Dies ist ohne Zweifel ein Versuch, den Kilobytes, den Tweets und den Apps einen politischen Anstrich zu geben. Als hätten sie das Bedürfnis, die Grenzen der Technologien durch ihre parteitreuen Aussagen zu markieren. Warum sind sie so grob? Warum ist es nicht möglich eine Vereinigung für kubanische Informatiker zu gründen, die der Bevölkerung zeigt, wie man die Werkzeuge nutzt, die ihnen einen freieren und einfachen Zugriff auf die neuen Technologien ermöglicht? Warum muss man sich zwischen die Tastatur und den Ort der sozialen Netzwerke schalten und dazu nicht nur irgendeine Ideologie verbreiten, sondern eine besondere, fanatische und ausschließende Ideologie?

Doch die Einschränkungen haben noch lange kein Ende. Die Einleitung des Ehrenkodex definiert die Informatiker von vornherein als „der sozialistischen Revolution gegenüber verpflichtet…“, während in Artikel 3 geschrieben steht, dass man ein Verhalten „im Einklang mit den Regeln und Prinzipien unserer sozialistischen Gesellschaft“ an den Tag legen muss. Die Lage wird noch prekärer, denn in Artikel 12 des gleichen Kodex wird den Mitgliedern der UIC vorgeschrieben, dass sie dazu verpflichtet sind, Kollegen anzuzeigen, die einen Fehler begehen. Anstatt einer Vereinigung, die die Rechte der Technologiebegeisterten schützen soll, wird gerade ein Überwachungsmechanismus geschaffen, der sie kontrollieren soll.

Von den Mitgliedern der UIC wird erwartet, dass sie sich für Intoleranz statt Informatik entscheiden und eher Soldaten als Internet-User sind.

Wie ein Geist aus der Vergangenheit taucht in dem Bewerbungsformular für den Eintritt in die UIC  ein Feld für die „politische Mitarbeit“ auf, wo der Bewerber ankreuzen muss, ob er ein Mitglied bei einer der folgenden Organisationen ist: Kommunistische Partei Kubas, Kommunistischer Jugendverband (Unión de Jóvenes Comunistas, UJC) oder … Föderation der kubanischen Frauen (Federación de Mujeres Cubanas , FMC), den Komitees zur Verteidigung der Revolution ( Comités de Defensa de la Revolución, CDR) und kubanischer Gewerkschaftsbund Central de Trabajadores de Cuba (CTC). Dies widerspricht aber dem, was die offiziellen Sprecher immer wieder betonen, nämlich dass die letzten drei keine politischen sondern zivile Körperschaften sind. Was davon stimmt denn jetzt?

Der nette Teil der Gründungsdokumente der UIC ist der, wo es heißt, dass die Vereinigung „sich für die Schaffung eines wissenschaftlichen und technischen Klimas, die Steigerung der beruflichen Qualifikationen ihrer Mitglieder und die ständige technologische Aktualisierung einsetzen wird. Außerdem ermöglicht sie die Identifizierung und Erfassung der Kenntnisse ihrer Mitglieder und ihre Vorbereitung und Tauglichkeit für konkrete Projekte, sowie das Erkennen von Chancen, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und den Export von Gütern und Dienstleistungen positiv zu beeinflussen und somit zu besseren Lebensbedingungen ihrer Mitglieder beitragen.“

Aber warum muss man, um diese unbestreitbaren Vorteile für sich nutzen zu können, Gehorsam leisten und politische Loyalität zeigen? Die Frage ist schnell beantwortet: weil von den Mitgliedern der UIC erwartet wird, dass sie sich für Intoleranz statt Informatik entscheiden und eher Soldaten als Internet-User sind – Zensoren anstatt Jugendliche, die mit dem Binärcode herumspielen.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Von Ubre Blanca zum Stier mit den sieben Beinen

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Abbildung einer Kuh (14ymedio)

Das Außerordentliche und das Ungewöhnliche waren eine lange Zeit lang unsere Hoffnung. Auf dieser Insel musste Atlantis sein, Alexander der Große wiedergeboren werden und die Kuh leben, die die meisten Liter Milch in der Geschichte der Menschheit gab. Wie jedes junge Volk brauchten wir das Gefühl, das keiner uns übertraf und das das Gewöhnliche von unseren Grenzen fern blieb. Ubre Blanca, die Kuh, die immernoch den Rekord im Guinness-Buch der Rekorde hält, war ein Opfer dieser nationalen und politischen Eitelkeit. Die Zeiten dieser übertrieben Erfolge in der Viehzucht sind längst vorbei und nun können wir nurnoch mit unseren Missbildungen prahlen.

Muñeco ist ein Stier mit sieben Beinen. Die lokale Presse erzählte gerade erst seine Geschichte, vom wilden einjährigen Kalb, das von zwei Zebus abstammt und letztendlich von Diego Vera Hernández, einem Viehzüchter aus der Stadt Trinidad, adoptiert wurde. Dieses Tier unterscheidet sich von den anderen, die auf den kubanischen Feldern an Hunger und Durst zu Grunde gehen, darin, dass es auf dem Rücken, in der Nähe des Nackens, drei weitere Beine und einen Testikel hat. Seine Anatomie vereint alles was die staatliche Rhetorik braucht: Auf der einen Seite das Unglaubliche und auf der anderen Seite dieser zusätzliche Hauch von Manneskraft, der nichts und niemanden, der damit prahlt „Made in Kuba“ zu sein, fehlen sollte.

Die Zeiten dieser übertrieben Erfolge in der Viehzucht sind längst vorbei und nun können wir nur noch mit unseren Missbildungen prahlen.

Die drei zusätzlichen Beine haben Muñeco vor der illegalen Schlachtung bewahrt, durch die so viele seiner Artgenossen, auf Grund der Notwendigkeit und der schlechten Verwaltung im aktuellen System unserer Viehzucht, sterben. Dieses Stück eines anderen Stiers, das von seinem Rücken baumelt, hat ihn vor dem Schlachtermesser in den frühen Morgenstunden bewahrt, weil ein aufgeweckter Viehzüchter bemerkte, dass er eine Messeatraktion, ein Zirkustier, vor Augen hatte, das er den Zeitungen und auf Landwirtschaftsmessen vorführen konnte. Aber es gibt keinen großen Unterschied zwischen diesem Haustier mit den verrückt spielenden Genen und der Kuh, die alle unsere Hoffnungen repräsentierte, als die Milch reichlich floss und wir fast schon in Käse- und Yoghurtfabriken ertranken.

Ubre Blanca starb durch die Unersättlichkeit eines Anführers, der nur auf Resultate aus war, aber Muñeco lebt für den Stolz einer Nation, die durch ihre eigenen Missbildungen gezeichnet ist.

Anm. der Übers.:  Die Kuh namens Ubre Blanca (auf deutsch: Weißes Euter) gab im Jahr 1982 an einem Tag 109,5 Liter Milch (das Vierfache der üblichen Menge) und symbolisierte in den Zeiten vor der Milchkrise die Erträge und den Fortschritt von Kubas Agrarwirtschaft.

Übersetzung: Anja Seelman

Willkommen Hollande! Auf Wiedersehen Hollande!

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François Hollande und Raúl Castro, am 12.05.2015 im Palast der Revolution, Havanna, Kuba. (EFE)

Der offizielle Empfang am Flughafen, das Foto, auf dem man die Hand des Gastgebers schüttelt, das Niederlegen eines Kranzes vor der José-Martí-Statue und die ersehnte Konferenz in der Universität von Havanna. Für wie viele ausländische Politiker lief das Programm in den letzten Monaten so ab? Es sind so viele, dass wir bereits den Überblick verloren haben.

Eine regelrechte Flutwelle an Präsidenten, Kanzlern und Abgeordneten überrollte Kuba in letzter Zeit, ohne dass die illustre Präsenz im Alltag der Kubaner auch nur einen Hauch von Erleichterung ausgelöst hätte. In die Parade der internationalen Führungskräfte hat sich diese Woche der französische Präsident, François Hollande, eingereiht und bekräftigte, dass sein Land die „Beziehungen mit Kuba stärken“ möchte, damit beide Nationen eine größere internationale Führungsrolle übernehmen“

Während seines Aufenthalts traf der Politiker mit Raúl Castro zum Gespräch zusammen, besuchte Fidel Castro zu Hause und überreichte dem Erzbischof von Havanna, Jaime Ortega y Alamino, den französischen Verdienstorden der Ehrenlegion. In seinem Terminkalender gab es jedoch weder Platz für ein Treffen mit Dissidenten noch für eines mit Aktivisten. Seine Sicht auf das kubanische Szenario konnte er nicht mit einem kritischen Blick auf das Verhältnis der Regierung zu seinem eigenem Volk vervollständigen. Als das Flugzeug des Präsidenten wieder abhob, hatte der Franzose kaum mehr als die offizielle Version der Tatsachen gehört und gesehen.

Bei einem Vortrag in der Aula Magna, sagte Hollande “kommt man nach Kuba, so kommt man in ein Land, das ausdrückt, was ganz Lateinamerika repräsentiert: die Forderung nach Würde und Unabhängigkeit.“ Auch wenn er es nicht sagte, weiss der französische Präsident, dass es auch das Ankommen in einer Nation ist, in der es Gefangene aus ideologischen Gründen, aber keine politische Parteein gibt, und wo Opponenten unterdrückt und bedroht werden. Ein Land ohne Gewerkschaftsrechte, in der die unabhängige Presse illegal ist und die militärische Macht in der Familie weitervererbt wird.

Bei diesem Besuch brauchten wir die Bestätigung, dass das Frankreich der Menschenrechte noch immer an die unerschütterlichen Werte glaubt, die das Recht des Einzelnen anerkennen, von der offiziellen Meinung abzuweichen, in denen man seine Differenzen ohne Angst ausdrücken und sich gemäß seiner Interessen organisieren kann. Wir forderten Worte der Unterstützung als Bestätigung, dass die Regierung dieses europäischen Landes dazu bereit ist, Kuba in seinem Wunsch nach Freiheit zu unterstützen; ein Wunsch, der Frankreichs eigene nationale Geschichte geprägt und geformt hat.

Der Besuch des französischen Präsidenten auf kubanischem Boden wird vielen aufgrund seiner gefälligen Haltung gegenüber den Autoritäten in Erinnerung bleiben    

Ein Mann, der sagt, dass Franzosen und Kubaner die “gleichen Ideen bewegen, die gleichen Sehnsüchte, die gleiche philosophische Inspiration“, kann nicht glauben, dass er ein Land besucht hat, in dem sich die Bürger freiwillig einer totalitären Macht untergeordnet haben. Denkt Holland etwa, wir haben uns stillschweigend für das Leben in einem Käfig entschieden? Nimmt er vielleicht an, wir fühlen uns an den Ketten wohl?

Betrachten wir diesen Besuch unter einem positiven Aspekt, so bleibt uns die Einweihung des neuen „Alliance française“-Instituts und eine Ausweitung der Zusammenarbeit in den Bereichen Tourismus, Bildung und Gesundheit. Dennoch, der Besuch des französischen Staatschefs auf kubanischem Boden wird vielen aufgrund seiner gefälligen Haltung gegenüber den Autoritäten in Erinnerung bleiben. Nach ein paar Jahren wird man sich nur schwer an eine Reise mit  einer derart seichten Tagesordnung erinnern.

Holland kam in Begleitung von Wirtschaftsvertretern aus Unternehmen wie Pernod Ricard, der Hotelkette Accor, Air France, der Einzelhandelsgruppe Carrefour, der Telekommunikationsfirma Orange und verschiedener Banken. Der Abschluss von Abkommen in den Bereichen Energie und Tourismus stellte sich letztendlich als der erfolgreichste Teil ihres Kubabesuchs heraus, obwohl das Treffen mit Fidel Castro größere Schlagzeilen machte.

Die Zeit wird vergehen und eines Tages wird unser Land in eine neue politische Situation übergehen. Wir werden einige Historiker sagen hören, dass die Einflussnahme des französischen Präsidenten auf diesem Weg des Wandels eine entscheidende Rolle gespielt hat. Aber das wird danach sein, wenn die Chronisten die Vergangenheit umschreiben, und sie nach ihrer Zweckmäßigkeit dekorieren. Im Moment kann man schwer abschätzen, inwieweit dieser fade Besuch unsere Zukunft beeinflussen kann.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Unsere Kinder machen uns stärker

Es gibt eine Erinnerung, in die ich mich oft hineinflüchte. In Stresssituationen reise ich in die frühen Morgenstunden jenes Augusttages zurück, an dem ich meinen Sohn zum ersten Mal in den Armen hielt. Wenn die Angst mich zu überwältigen droht, denke ich an die winzigen Fingernägel, die ihm in meinem Bauch gewachsen sind; sie sind so weich und perfekt an die Fingerkuppen angepasst. Mich beruhigt auch, mir seine Handrücken ins Gedächtnis zu rufen, gekennzeichnet vom Fruchtwasser, in dem er all die Zeit heranwuchs. Zurückgezogen in diese Erinnerung fühle ich mich, als ob es keine Unterdrückung und keinen Hass gibt, die mich erreichen können; ich werde durch seine Geburt geschützt.

Kinder schenken uns Willensstärke. Wenn die Augenlider schwer sind und der schrillste Wecker uns nicht zum Aufstehen bewegen kann, reicht es schon, dass sie in der Wiege quengeln und wir springen aus dem Bett. Wenn sie das Licht der Welt erblicken, während wir noch Studenten sind, geben sie uns das Selbstvertrauen zu glauben, dass wenn wir das Muttersein mit Bravur gemeistert haben, es kein Universitätsdiplom gibt, das wir nicht schaffen könnten. Mit ihren Blicken und ihren Fragen zwingen unsere Kinder uns auch dazu, weniger feige zu sein. Wie erklärt man einem Kind am besten, dass manchmal Schweigen Gold ist und Menschen nicht immer die sind, die sie vorgeben zu sein, ohne dabei ihr Weltbild zu zerstören?

Kinder sind immer bessere Menschen als wir. Aus diesem Grund werde ich heute, während in vielen anderen Haushalten auf Kuba die Mütter sich an diesen besonderen Tag zurückerinnern, einige erfüllt mit Liebe, andere erfüllt mit Traurigkeit, die die Entfernung mit sich bringt, meinem  „Kleinen“ etwas schenken. Es mag nur ein kleines Geschenk sein; ich werde mittags für uns kochen, was uns die Zeit gibt, uns zu unterhalten, während er die Gewürze kleinhackt und ich die Pfanne erhitze. Vielleicht erzählt er mir von letzter Woche, von einem Buch oder einem Mädchen, das er kennengelernt hat. Während wir uns unterhalten, werde ich mir heimlich seine Hände anschauen, die heute viel größer und kräftiger als meine eigenen sind. Ich werde jene Geräusche, die er als Baby von sich gab mit seiner heutigen kräftigen Stimme vergleichen und ich werde danach feststellen, dass dieser Mann, der heute vor mir steht, mir die Kraft, ja sehr viel Kraft gibt, um weiterzumachen.

Es sind 20 Jahre vergangen und ich brauche noch immer kein anderes Geschenk zum Muttertag, da ich meines schon bekommen habe und es hier vor mir steht.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm