Von Karnevalstruppen und Menschenrechten

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Verhaftungen in Havanna am Tag der Menschenrechte. (14ymedio)

Seit Tagen, Monaten war der Karneval bereits geplant. Die Hintergrundmusik: Parolen und künstliche Begeisterung. Die Bühne: genau die Straßenecke, an der sich die Damen in Weiß* am Welttag der Menschenrechte versammelten. Währenddessen wurde das “Tanzensemble“ aufgestellt: Arbeiter und Schüler, die man von ihren Arbeitsplätzen und aus ihren Schulen geholt hatte, damit sie den Versammlungsort der Aktivistinnen besetzen. Auch die Essensstände durften nicht fehlen und in einigen Provinzdörfern kamen sogar noch riesige Lastwägen mit Freibier hinzu, denn in unserem Fall gibt es statt Brot und Spielen, Alkohol und Unterdrückung.

Und dann war es Zeit für Parade. Rund um die Eisdiele Coppelia gab es ein seltsames Getümmel von Menschen in Zivil, die die Aufmerksamkeit einiger ahnungslosen Passanten auf sich zogen, die nicht so recht wussten, ob man hier Schlange stand, um ein nicht länger vorrätiges Produkt zu kaufen, oder es sich um Filmliebhaber handelte, die auf die Öffnung des Kinos Yara warteten. Doch etwas verriet sie trotzdem. Sie schauten um sich, als hielten sie nach einer Beute Ausschau und sie trugen jene Kleidung, die jedermann sofort als den Aufzug ausmachen konnte, den die Staatssicherheit immer dann trägt, wenn sie unentdeckt bleiben möchte. Außerdem waren sie, verglichen mit dem Durchschnittskubaner, zu korpulent. Sie tanzten nicht wie im Karneval, sondern gingen auf die in Weiß gekleideten Frauen zu und versuchten mit ihren Körpern zu verdecken, wie diese mit Gewalt in den Polizeiwagen gedrängt wurden. Eine makabre “Tanztruppe“ bei der Aufführung ihrer Choreografie der Unterdrückung.

Wie oft hatte ich als Kind wohl an solch einem Karneval

der Unterdrückung teilgenommen ohne es zu merken?

Und dann ertönte die Tröte… ich meine natürlich die Hupe eines Autos. Eine zierliche Frau hatte es geschafft bis zum linken Teil des Herzens des Stadtviertels Vendado zu gelangen. Dutzende Gesichter wandten sich ihr zu und sprachen in ein winziges Kopfhörerkabel, das von ihrem Ohr herabhing. Ein Agent, der jahrelang in die unabhängige Presse eingeschleust und dann sang- und klanglos aufgeflogen war, dirigierte das Orchester. Aus den Lautsprechern tönten im Vorfeld aufgenommen Phrasen, damit es weder zu Überraschungen, noch Spontaneitäten kommen konnte. Die Frau verschwand innerhalb einer Sekunde. Die Kinder tranken ihre Erfrischungsgetränke und Havanna erlebte einen ihrer kältesten Tage in diesem Jahr. Das Spektakel dauert noch stundenlang.

Wie oft hatte ich als Kind wohl an solch einem Karneval der Unterdrückung teilgenommen ohne es zu merken? Wie viele der Feste, an denen ich teilnahm, dienten in Wirklichkeit nur dazu die Schrecken zu vertuschen? Waren all die Straßentänze und –feste ebenfalls nur polizeiliche Eingriffe? Nach diesem Erlebnis, wird es mir schwer fallen, mich je wieder an einem Karnevalsumzug zu erfreuen.

*Anmerkung der Übersetzerin:

Die Damen in Weiß (spanisch Movimiento Las Damas de Blanco “Laura Pollán”) sind eine Gruppe kubanischer Frauen, die sich für die Beachtung der Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzen.

Übersetzung: Katrin Vallet

Mexiko hat all seine Tränen aufgebraucht

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Protestmarsch in Mexiko City wegen der 43 Verschwundenen. (Twitter von Juan Manuel Karg)

Als ich zum ersten Mal in Mexiko war, beeindruckten mich sein großes Potenzial und seine riesigen Probleme. Mich faszinierte die Kultur der Maya, deren Kalender sich im Laufe der Zeit verliert, vor allem wenn wir sie mit der Geschichte Kubas vergleichen, die noch in den Kinderschuhen steckt. Jedoch schockierte mich am meisten, dass meine Freunde und Bekannten mich ständig warnten und mir Ratschläge gaben, dass es nicht sicher auf den Straßen sei, und wegen der vielen Gefahren die dort lauern würden.

Die herzzerreißendsten Worte, die ich während meines Besuches hörte, kamen von Judith Torrea, einer spanischen Journalistin, die in Ciudad Juárez lebt und Geschichten über Mütter sammelt, deren Töchter im Teenageralter nicht mehr von ihrer Arbeit oder ihrer Universität heimgekommen sind.

Es tat mir sehr weh, sehen zu müssen, dass der gewaltsame Tod in einigen Regionen dieses wunderschönen Landes zu etwas Alltäglichem geworden ist. La Catrina – Mexikos hoheitsvolle Dame des Todes – lächelte nicht mehr; ihre leeren Augenhöhlen schienen eine traurige Ahnung davon zu haben, was ihr fehlt, um in Mexico zu “leben”. Das Verschwinden von 43 Studenten aus Ayotzinapa hat an Schrecken alles Bisherige übertroffen, was die Menschen durchmachen, die in einer Gesellschaft leben, wo Korruption, ein unwirksames Rechtssystem und bewaffnete Drogenkartelle seit langer Zeit den Ton angeben. Als ob man einer Bevölkerung, die durch die erlittenen Verluste schon gebrochen war, noch weitere Wunden hätte zufügen können.

 Als ob man einer Bevölkerung, die durch
die erlittenen Verluste schon gebrochen war, noch
weitere Wunden hätte zufügen können.

 

Jeder einzelne dieser verschwundenen Jugendlichen war ungefähr im Alter meines Sohnes Teo. Einige Fotos erinnerten mich sogar an sein goldbraunes Gesicht und seine mandelförmigen Augen. Auch er hätte einer von jenen sein können, die eines Tages aus der Uni kamen und sich entschlossen gegen die derzeitigen Zustände zu protestieren. Alles weist darauf hin, dass die lokalen politischen Führungspersonen, die mit den Drogenkartellen zusammenarbeiten, gewaltsam das Leben derer beendet haben, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten. In den letzten Wochen haben die Familienangehörigen Phasen voller Tränen, voller Hoffnung und immer wieder voller Schmerz durchlebt. Solange sich die schreckliche Wahrheit nicht bestätigt, will sie keiner wahrhaben, aber die Anzeichen lassen das Schlimmste vermuten.

Mexiko hat all seine Tränen aufgebraucht. Lateinamerika muss nun diese herzliche Nation begleiten, sowohl auf der Suche nach Antworten zum Verschwinden der Studenten, aber auch auf dem Weg zu einer Lösung der großen sozialen und institutionellen Probleme, die der Auslöser für dieses Unglück waren. Wir anderen Lateinamerikaner müssen den Mexikanern unsere Solidarität zeigen und mit ihnen ihren Schmerz und ihren Zorn teilen. Niemand soll seinem Kind mehr in die Augen schauen, ohne an die verschwundenen Jugendlichen zu denken.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Havanna, wie du mir schmerzt!

zum 495. Geburtstag der Stadt 

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Eingestürztes Haus in Havanna. (Foto Silvia Corbelle)

Aus Havanna zu sein, bedeutet mehr als dass man in einem bestimmten Gebiet geboren wurde. Es bedeutet, dass man dieses Gebiet immer auf seinen Schultern trägt und sich nicht von ihm lösen kann. Ich war sieben Jahre alt als ich zum ersten Mal erkannte, dass ich zu dieser Stadt gehörte. Einmal war ich in einem kleinen Dorf namens Villa Clara und versuchte an die Guajaven an einem Ast heranzukommen, als eine große Gruppe Kinder des Ortes mich und meine Schwester umringte und alle riefen: „Sie sind aus Havanna! Sie sind aus Havanna!“ Zu diesem Zeitpunkt verstanden wir den ganzen Aufruhr nicht, aber mit der Zeit wurde uns klar, dass wir ein trauriges Privileg haben. Nämlich das, in dieser heruntergekommenen Großstadt geboren zu sein, deren größter Reiz in dem liegt, was sie sein könnte und nicht in dem was sie ist.

Ich bin ein totaler Stadtmensch. Aufgewachsen bin ich in einem Teil des Viertels Cayo Hueso, in dem die nächsten Bäume mehr als 500 Meter entfernt waren. Ich sehe mich als eine Tochter des Asphalts, des Geruchs nach Kerosin, der Wäscheleinen an den Balkonen, von denen es heruntertropft, und der Abwasserkanäle, die hin und wieder einmal überlaufen. Dies war niemals eine einfache Stadt. Nicht einmal auf den Postkarten für die Touristen, mit ihren überarbeiteten Farben, ist ein bequemes und verständliches Havanna zu sehen.

Manchmal will ich nicht mehr durch die Stadt laufen, weil es mir Schmerz bereitet. Ich gehe die Straße Belascoaín hinauf, mit dem Rücken zum Meer mit dieser Brise, die ich so gut kenne. Ich komme an die Kreuzung zur Straße Reina. Dort steht eine Kirche im gotischen Stil, die, als ich noch klein war, so auf mich wirkte als würde sie sich in den Wolken verlieren. Als ich 17 Jahre alt war, sah ich dort zum ersten Mal einen Weihnachtsbaum. Ich gehe weiter durch die Portale, hier und da in hüpfenden Schritten. Von einigen Treppen laufen Wasserrinsel herunter und eine Frau versucht mir Cremitas de leche* zu verkaufen, die die gleiche Farbe wie die Straße haben.

Havanna ist eine Stadt
des Geschreis und des Flüsterns.
Derjenige, der sich nur auf das Geschrei konzentriert
wird wir nie ihr Getuschel hören.

 

Ich sehe schon die Ampel in der Straße Galiano, aber meine Schritte verlangsamen sich, da sehr viel los ist. Ein Polizist biegt um die Ecke und manche verstecken sich hinter den Türen oder gehen schnell in die Geschäfte als ob sie etwas kaufen wollten. Sobald der Polizist weg ist, werden sie zurückkehren und ihre Waren flüsternd anbieten. Denn Havanna ist eine Stadt des Geschreis und des Flüsterns. Derjenige, der sich nur auf das Geschrei konzentriert, wird nie ihr Getuschel hören. Das Wichtigste sagt man immer mit einem Zeichen, mit einer Geste oder mit einer schnellen Lippenbewegung, die sagt: „Vorsicht“, „Da kommt jemand“ oder „Folge mir“. Eine Sprache, die sich in Jahrzehnten der Heimlichkeit und der Illegalität entwickelt hat.

Die Straße Neptuno ist schon in der Nähe. Ich habe ein altes Ehepaar gehört, dass vor einer Fassade stand und sagte: “Hey, war hier nicht…?”, aber ich habe den Rest des Satzes nicht gehört. Es ist auch besser so, den Havanna ist wie eine Sequenz von Erinnerungen und der Nostalgie. Wenn man durch die Stadt läuft ist es als würde man auf dem Pfad der Verluste gehen. Dort wo ein Gebäude abgerissen wird, bleibt der Schutt noch Tage, Wochen liegen. Dann bauen sie einen Parkplatz in die Lücke, die entstanden ist oder stellen einen Kiosk hin, um Seifen, Süßigkeiten und Rum zu verkaufen. Viel Rum, denn dies ist eine Stadt, die ihr Leid im Alkohol ertränkt.

          dies ist eine Stadt,
die ihr Leid im Alkohol ertränkt 

Ich komme am Malecón an. In weniger als einer halben Stunde habe ich das Stück der Stadt durchlaufen, das in meiner ganzen Kindheit die gesamte Stadt zu beinhalten schien. Ich bin eine Guajira** aus dem Zentrum von Havanna, eine von denen die denken, dass nach der Straße Infanta die Grünflächen liegen. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass diese Stadt viel zu groß ist, um sie zu kennen. Ich erkannte auch, dass auch diejenigen die in den Vierteln Diez de Octubre, el Cerro, el Vedado oder Marianao aufgewachsen sind diesen Schmerz spüren. Es ist ganz egal, denn Havanna zeigt seine Wunden in jedem Viertel.

Ich berühre die Mauer, die uns vom Meer trennt. Sie ist rau und warm. Wo sind wohl diese Kinder, die mich in meiner Kindheit – in einem winzigen Dorf – erstaunt angesehen haben weil ich aus Havanna war? Würden sie diese Last tragen wollen? Sind sie auch hier gelandet und leben nun zwischen den Müllhalden und den Lichtern? Tut es ihnen so sehr weh wie mir? Ich bin mir sicher, dass es so ist, denn Havanna ist nicht einfach nur der Ort, der in unseren Ausweispapieren steht. Diese Stadt ist ein Kreuz, das man überall mit hin schleift, ein Ort, der dich, wenn du ihn einmal erlebt hast, nie wieder loslässt.

Anm. d. Übers:

*Cremitas de leche sind ein meist kleines und rundes, typisches Gebäck auf Kuba, dass überwiegend aus Milch und Zucker besteht.

**Guajira ist auf Kuba eine Bezeichnung für die Landbewohner.

Übersetzung: Anja Seelmann

 

 

Unsere Mauer ist nicht gefallen – aber sie ist nicht für die Ewigkeit gebaut

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Der Fall der Berliner Mauer oder die Geburt einer neuen Ära (Archivbild).

Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Leben zwischen Mauern verlaufen. Die der Strandpromenade Malecón, die mich von einer Welt abtrennte, von der ich nur Schreckliches gehört hatte. Die der Schule, die ich besuchte als Deutschland sich wiedervereinigte. Eine lange Lehmmauer, hinter der sich die illegalen Süßwarenverkäufer versteckten. Eine zwei Meter hohe Mauer aus Ziegelsteinen über die einige Schulkameraden kletterten, um ein paar von jenen Stunden zu schwänzen, die genauso politisch indoktriniert wie langweilig waren. Hinzu kam die Mauer des Schweigens und der Angst. Daheim legten sich meine Eltern den Zeigefinger auf die Lippen, sprachen mit leiser Stimme… irgendetwas war im Gange, doch sie sagten mir nichts.

Im November 1989 fiel die Berliner Mauer. In Wirklichkeit brachten sie sie zum Fall, schlugen sie mit Hammer und Meißel ein. Sie nahmen es mit ihr auf, und zwar diejenigen, die Wochen zuvor der Kommunistischen Partei gehorsam zu folgen und an das Paradies des Proletariats zu glauben schienen. Die Nachricht erreichte uns langsam und häppchenweise. Die kubanischen Behörden versuchten davon abzulenken und dem Thema Wichtigkeit abzugewinnen, aber die Einzelheiten sickerten nach und nach zu uns durch. In jenem Jahr ließ ich meine Jugend hinter mir. Ich war erst vierzehn Jahre alt und all das was noch kommen würde ließ einfach keine Naivität mehr zu.

 Die Berliner wachten mit den Hammerschlägen auf
und wir Kubaner entdeckten, dass die versprochene Zukunft die reinste Lüge war

 

Die Masken fielen eine nach der anderen. Die Berliner wachten mit den Hammerschlägen auf und wir Kubaner entdeckten, dass die versprochene Zukunft die reinste Lüge war. Während sich Osteuropa aus der Umarmung des Kremls befreite, wurden Fidel Castros Ansprachen am Rednerpult lauter und er versprach im Namen aller, dass wir niemals schwach werden würden. Nur wenige besaßen den Scharfsinn um zu bemerken, dass jenes politische Delirium uns in unsere schwierigsten Jahre führen würde, mit denen sich gleich mehrere kubanische Generationen auseinandersetzen mussten. Die Mauer fiel weit weg von uns, aber gleichzeitig richtete sich eine andere Barrikade um uns auf: die der ideologischen Verblendung, der Unverantwortlichkeit und des Voluntarismus.

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen. Die Deutschen, und der ganze Planet, feiern am Tag des 9. November das Ende einer Absurdität. Sie ziehen Balance darüber, was nach jenem November erreicht worden ist und genießen die Freiheit, sich über das, was nicht gut gelaufen ist, zu beschweren. Wir in Kuba haben fünfundzwanzig Jahre verloren, um auf den Zug der Geschichte aufzuspringen. Für unser Land bleibt die Mauer bestehen, obwohl gerade jetzt wenige einen Schutzwall stützen, der eher aus der Laune eines Mannes heraus als durch die Entscheidung eines Volkes errichtet wurde.

Unsere Mauer ist nicht gefallen… aber sie ist nicht für die Ewigkeit gebaut.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Die gute USAID und die schlechte USAID

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Kubanische Ärzte in einem USAID-Krankenhaus in Monrovia, Liberia

Es ist nur ein paar Monate her, dass wir eine Flut von öffentlicher Propaganda erlebten, deren Ziel es war, die USAID – die Behörde der Vereinigten Staaten für internationale Entwicklung – zu attackieren. Jene Großbuchstaben standen für einen Feind, mit dem man uns Angst einjagte, auf unseren Fernsehschirmen, auf Plattformen und sogar in Klassenzimmern. Trotzdem, und zu unserer Überraschung, haben wir diese Woche erfahren, dass einige kubanische Ärzte in Liberia angekommen sind, wo sie in einem Feld-Hospital arbeiten, das von dieser “schrecklichen Behörde” finanziert wird.

Obwohl es die offizielle Presse vermieden hat Fotos zu veröffentlichen, die unsere Landsleute zusammen mit dem USAID-Logo zeigen, ist das eine oder andere Foto der Zensur entkommen. So, dass nun Berichte über Konfrontationen Risse bekommen, dass die Rhetorik des “Feindes” Schlagseite bekommt und dass die zwiespältige Moral von jenen deutlich sichtbar wird, die ideologische Kreuzzüge fabrizieren, mit denen sie uns in den Massenmedien bombardieren.

Könnte vielleicht jemand die Associated Press (AP) bitten, dass sie möglichst bald beginnt, die “geheime Verschwörung” zwischen dem Platz der Revolution und einer Behörde zu untersuchen, die Direktiven vom US-Außenministerium erhält? Wir möchten die Ströme von Druckerschwärze sehen, die diese sonderbare Zusammenarbeit hervorruft, den öffentlichen “Enthüllungen”, die geheimen Memoranden und die “Beichten” hinter vorgehaltener Hand, die eine solche Zusammenarbeit erklären.

Und trotz allem; die Antwort wird von jenen gegeben werden, die die Unterstützung der USAID für die kubanische Zivilbevölkerung ablehnen, obgleich sie eine enge Zusammenarbeit mit den Behörden der Insel für gut halten. Die Antwort wird lauten, dass man bei humanitären Angelegenheiten auf politische “Farbspiele” verzichten müsse. Als ob sich zu informieren und sich technologisch kundig zu machen nicht eine Überlebensfrage des 21. Jahrhunderts wäre. Was die offizielle Presse ihrerseits betrifft, so wird sie anschicken zu erklären, dass, wenn es sich denn um die Rettung von Menschenleben handle, die kubanischen Ärzte bereit seien, alle Differenzen hintanzustellen. Aber nichts von alledem ist die wahre Erklärung.

Des Pudels Kern ist, dass die Regierung von Raúl Castro bezüglich des großen Nachbarn im Norden nach gegenseitiger Ebenbürtigkeit giert. Was sie nicht toleriert und niemals akzeptieren wird, ist, ihrer eigenen Zivilgesellschaft diese Ebenbürtigkeit zu gewähren oder sie ihr zuzuerkennen. Sie schielt sehnsüchtig auf ein Familienfoto zusammen mit “Uncle Sam”, solange nur niemand den unehelichen Neffen zum Fototermin einlädt; der letztere ist die kubanische Bevölkerung.

Macht ist selbstverliebt, vermutlich wollen uns das die Bilder der letzten Tage sagen. Wenn ein kubanischer Jugendlicher eine SMS erhält, die ihn zu einem alternativen Konzert aufruft, dann sollte er aufpassen, weil – in Übereinstimmung mit den Warnungen der offiziellen Kommentatoren der Mattscheibe – der Imperialismus in jedem Charakter stecken könnte. Diese ethischen Maßstäbe wenden sie jedoch nicht an, um einen Fachmann des Gesundheitswesens zu evaluieren, der unter einem Zelt arbeitet, bei Menschen auf Tragbahren und mit Spritzen, die die USAID finanziert.

Wie wird man es jenen Kindern erklären, denen man monatelang Angst vor der USAID eingejagt hat, dass ihr Papa oder Onkel nach Liberia ging und jetzt in einem Krankenhaus arbeitet, das mit Geldmitteln dieser Behörde gebaut wurde?

Als Ronald Hernández Torres, einer der Ärzte die nach Liberia reisten, auf seiner Facebook-Seite schrieb, dass “dieser medizinischen Abteilung die bestmöglichen Bedingungen zur Verfügung stehen, um Patienten zu betreuen, und die besten Fachleute aus aller Herren Länder Seite an Seite zusammenarbeiten”, wusste er da, dass all das von ebendieser Institution finanziert wird, die das letzte feindliche Schreckgespenst ist, das das Castro-Regime gefunden hat, um uns Angst einzujagen?

Wie es aber immer eintrifft, die Schreie aus politischer Hysterie beabsichtigen nur die Stimmen zu ersticken, die Argumenten den Vorzug geben. Obwohl, einem allgemein gültigen Gesetz folgend, hört die offizielle Version bald auf sich durchzusetzen, weil sie in hohem Maß beleidigend ist; das soll uns nicht entmutigen nach Ursachen zu forschen und die Widersprüche in ihren Äußerungen aufzudecken.

Ich weiß jetzt schon, dass am Jahresende, wenn wir informativ eine Bilanz der Schlagzeilen unserer nationalen Zeitungen ziehen, der Eindruck bleiben wird, dass die Regierung in Habana und die USAID unversöhnliche Feinde sind. Alles andere wäre gelogen. Die entscheidende Konfrontation, die unverrückbar anhält und nicht einen Zentimeter weicht, ist aber die, die von der Staatsmacht auf Kuba ausgeht und sich gegen das eigene Volk richtet.

Übersetzung: Dieter Schubert

Auf Dächern geboren

In manchen Städten gibt es ein Untergrundleben. Städte, in denen sich ein Teil der Realität  buchstäblich unter der Erde abspielt. U-Bahnen, Tunnel und Keller… der Triumph der Menschheit über ein paar Zentimeter Stein. Nicht so Havanna, Havanna ist eine Oberflächenstadt, in der nur wenig unterirdisch liegt. Auf den Dächern der Häuser jedoch, auf den undenkbarsten Dachterrassen hier, wurden Häuser, Toiletten, Schweineställe und Taubenverschläge errichtet. Als ob hier oben auf den Dächern, außer Reichweite, alles möglich wäre.

Ignacio hat eine illegale Parabolantenne auf der Dachterrasse seines Nachbarn unter einer Weinrebe, die nur mickrige und saure Trauben gibt, versteckt. Einige Meter weiter hat jemand einen Zwinger für Kampfhunde aufgestellt, die dort tagsüber durstig und gelangweilt nach Schatten suchen. Auf der anderen Straßenseite hat eine Familie die an die Dachterrasse einer verlassenen, staatlichen Werkstatt grenzende Wand eingerissen und dort jetzt eine Terrasse und ein Klo errichtet. Wenn es dunkel ist spielen sie dort Domino, während ihnen von der Strandpromenade her eine leichte Brise zuweht.

Carmita bewahrt ihren gesamten Schatz, einige riesige Holzbalken, auf ihrem Haus auf. Damit will sie die Räume stützen, bevor sie einstürzen. Jede Woche geht sie hinauf und sieht wie Regen und Hitze das Holz aufquellen lassen und die Stützbalken zersetzen. Ihr Enkel benutzt die Dachterrasse gerne für das ein oder andere Stelldichein, wenn man nachts kaum noch Schatten ausmachen kann, jedoch ist das Stöhnen durchaus zu vernehmen.

Hier oben, wo Havanna versucht dem Himmel entgegenzuwachsen, und doch nur auf einige Zentimeter kommt, spielt sich für jeden ein Teil seines Lebens ab.

Übersetzung: Katrin Vallet

Utopien und Regimekritik des Pedro Pablo Oliva

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Ein Detail aus dem Bild “Die seltsamen Verirrungen des Utopito” in der Ausstellung “Utopías y disidencias” des Pedro Pablo Oliva.   [Schrift: “Ich muss wohl krank sein, alles sehe ich grün.” Anm. d. Übersetzers: – “alles grün sehen” entspricht etwa dem Deutschen “alles rosig sehen”. Grün ist auch die typische Farbe der kubanischen Uniformen. ]

Vor ein paar Jahren besuchte ich das Atelier des Malers Pedro Pablo Oliva. Wir hatten uns früher nur kurz bei einer anderen Gelegenheit gesehen, aber er ließ mich in sein Atelier eintreten und zeigte mir ein Werk, an dem er die letzten Korrekturen vornahm. Eine riesige senkrechte Leinwand stand vor mir; der Künstler verharrte in Schweigen, ohne etwas zu erklären. In der Bildmitte schwebten zwei Gestalten. Eine war Fidel Castro, durchsichtig wie auf einer Röntgenaufnahme, vorzeitig gealtert, mit fast gespenstischen Gesichtszügen. In seinen Händen eine schlaffe Mädchenfigur, die er bis zu Bewusstlosigkeit erdrückte und die allem Anschein nach sich aus dieser Umklammerung zu befreien versuchte. Sie war Kuba, erschöpft von so viel besitzergreifender Gesellschaft. Zu ihren Füßen gab es eine Gruppe von winzigen Bürgern, die mit leeren Augen die Szene beobachteten – oder sie sich vorstellten.

Nie konnte ich jenes Bild vergessen, weil Oliva auf einer vergleichsweise kleinen Fläche die Entwicklung eines ganzen Landes im Verlauf eines halben Jahrhunderts dargestellt hatte. In jenem Werk beeindruckte mich seine Kühnheit, wie es das schon vorher sein Klassiker El Gran Apagón (Der Große Blackout) aus dem Jahr 1994 getan hatte, als Stromsperrungen bekanntlich mehr waren, als nur eine künstlerische Metapher. Jetzt, Jahre später, habe ich von der Absage seiner Ausstellung Utopías y disidencias (Utopien und Regimekritik) im Museum von Pinar del Rio erfahren. Die offizielle Begründung bezog sich darauf, dass es in der Stadt “keine subjektiv geeigneten Bedingungen gäbe” die Bilderschau zu eröffnen. Eine wohlüberlegte Form unbequeme Bilder abzulehnen, in denen der kleine Utopito Ideologien und Träume ausgehend von dem Erreichten hinterfragt.

Trotzdem, die Hartnäckigkeit von Oliva ließ die Kulturfunktionäre vorauseilend tätig werden; er selbst hat gerade angekündigt, dass die zensierte Ausstellung  nun endlich in seinem Atelier stattfinden wird. Von November an können sich somit seine Bewunderer von Pinar del Rio und der ganzen Insel an einem Teil seiner Bilder “Utopien und Regimekritik” erfreuen, wenngleich es die beschränkten Raumverhältnisse nicht zugelassen haben alle aufzunehmen.

In diesem Raum, wo ein seelenloser Politiker das Vaterland bis zum Ersticken erdrückt, werden wir in wenigen Tagen überlegen, wie es gelingen kann, sich aus dieser tödlichen Umarmung zu befreien, um weiterzuleben.

Übersetzung: Dieter Schubert