Unsere Kinder machen uns stärker

Es gibt eine Erinnerung, in die ich mich oft hineinflüchte. In Stresssituationen reise ich in die frühen Morgenstunden jenes Augusttages zurück, an dem ich meinen Sohn zum ersten Mal in den Armen hielt. Wenn die Angst mich zu überwältigen droht, denke ich an die winzigen Fingernägel, die ihm in meinem Bauch gewachsen sind; sie sind so weich und perfekt an die Fingerkuppen angepasst. Mich beruhigt auch, mir seine Handrücken ins Gedächtnis zu rufen, gekennzeichnet vom Fruchtwasser, in dem er all die Zeit heranwuchs. Zurückgezogen in diese Erinnerung fühle ich mich, als ob es keine Unterdrückung und keinen Hass gibt, die mich erreichen können; ich werde durch seine Geburt geschützt.

Kinder schenken uns Willensstärke. Wenn die Augenlider schwer sind und der schrillste Wecker uns nicht zum Aufstehen bewegen kann, reicht es schon, dass sie in der Wiege quengeln und wir springen aus dem Bett. Wenn sie das Licht der Welt erblicken, während wir noch Studenten sind, geben sie uns das Selbstvertrauen zu glauben, dass wenn wir das Muttersein mit Bravur gemeistert haben, es kein Universitätsdiplom gibt, das wir nicht schaffen könnten. Mit ihren Blicken und ihren Fragen zwingen unsere Kinder uns auch dazu, weniger feige zu sein. Wie erklärt man einem Kind am besten, dass manchmal Schweigen Gold ist und Menschen nicht immer die sind, die sie vorgeben zu sein, ohne dabei ihr Weltbild zu zerstören?

Kinder sind immer bessere Menschen als wir. Aus diesem Grund werde ich heute, während in vielen anderen Haushalten auf Kuba die Mütter sich an diesen besonderen Tag zurückerinnern, einige erfüllt mit Liebe, andere erfüllt mit Traurigkeit, die die Entfernung mit sich bringt, meinem  „Kleinen“ etwas schenken. Es mag nur ein kleines Geschenk sein; ich werde mittags für uns kochen, was uns die Zeit gibt, uns zu unterhalten, während er die Gewürze kleinhackt und ich die Pfanne erhitze. Vielleicht erzählt er mir von letzter Woche, von einem Buch oder einem Mädchen, das er kennengelernt hat. Während wir uns unterhalten, werde ich mir heimlich seine Hände anschauen, die heute viel größer und kräftiger als meine eigenen sind. Ich werde jene Geräusche, die er als Baby von sich gab mit seiner heutigen kräftigen Stimme vergleichen und ich werde danach feststellen, dass dieser Mann, der heute vor mir steht, mir die Kraft, ja sehr viel Kraft gibt, um weiterzumachen.

Es sind 20 Jahre vergangen und ich brauche noch immer kein anderes Geschenk zum Muttertag, da ich meines schon bekommen habe und es hier vor mir steht.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Von einer Fährverbindung zu einer Internetverbindung

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Bild der Fähre zwischen Cayo Hueso und Havanna, aufgenommen im Jahr 1951 (History Miami Archives & Research Center)

Auf der anderen Seite des Meeres, ein Punkt am Horizont, dort wo die Träume von so vielen Kubanern vor Anker liegen, in diese Richtung blickten gestern einige Neugierige, die auf dem Malecón, der bekannten Ufermauer von Havanna, saßen. Ein paar Stunden zuvor hatte sich die Nachricht verbreitet, dass die USA „bestimmte Lizenzen für Fährverbindungen zum Transport von Personen” nach Kuba erteilt haben. Dieses Gerücht sorgte dafür, dass viele schon mit der Idee spielten, wie sich dieses Land verändern würde wenn es per Fähre an das andere Ufer angeschlossen wäre. In den letzten Stunden kam es zu unzähligen Träumereien, obwohl die vier Fährunternehmen, die durch das Finanzministerium eine Lizenz erhalten haben, noch auf die Genehmigung der kubanischen Behörden warten.

Dennoch erreicht die symbolische Wirkung dieser Lockerungen Dimensionen, die die politische Geste weit übersteigen. Wir leben auf einer Insel und das bewirkt, dass das Meer ein unüberwindbares Hindernis für uns ist, eine Mauer, die uns vom Rest der Welt abgrenzt. Wenn ein Kubaner sich darauf vorbereitet, ein anderes Land zu besuchen, dann nutzt er selten das Verb „reisen“, sondern greift stattdessen auf eine dramatischere Vokabel zurück: „verlassen“. Wir müssen diese geografische Ausgeschlossenheit überwinden, wenn wir an einen andern Ort wollen. Ein Katamaran aus Florida, der jeden Tag an unseren Küsten anlegt, beendet – zumindest metaphorisch – diese geografische Isolation, die im letzten halben Jahrhundert so häufig für ideologische Zwecke genutzt wurde.

Die Menschen auf den Straßen erwarten allerdings mehr als einfache Allegorien. Ihre Hoffnungen richten sich nur darauf, dass die Reisen der in den Vereinigten Staaten lebenden Kubaner mit der neuen Verbindung jetzt günstiger werden. Viele träumen nun davon, dass mit den Frachträumen dieser Schiffe auch „Werkzeuge“ für eigene Projekte, die Landwirtschaft und das häusliche Leben ankommen. „Die Teile, die für meinen Lada* fehlen“, schwärmte gestern Cheo, ein Ingenieur, der nun als Taxifahrer arbeitet und dessen Bruder ihm in Miami einige Teile für sein sowjetisches Auto gekauft hat. Er konnte sie ihm allerdings noch nicht schicken, da „sie viel wiegen und das per Luftpost sehr teuer ist“.

Heute nachmittag diskutierten zwei Männer in einem vollen Bus darüber, ob es die kubanische Regierung genehmigen würde, dass sich die Anlegestelle der Fähren in Havanna befindet. „Auf keinen Fall werden sie das erlauben, Junge”, schrie der Ältere der beiden und legte folgende Erklärung nach: „Sie werden nicht zulassen, dass hier ein Schiff mit der nordamerikanischen Flagge einläuft. Kannst du dir das vorstellen?” Der Jüngere lenkte das Gespräch trotzdem in seine eigene Richtung: „Was jetzt neben einer Fährverbindung noch fehlt, ist dass sie sich einen Ruck geben und auch eine Internetverbindung schaffen“, schloss er mit einem ironischen Lächeln.

Die Kubaner scheinen dazu bereit zu sein, die verlorene Zeit wiederzugewinnen. Dazu, sich auf jedem erdenklichen Weg wieder in die Welt einzugliedern. Dazu, das Meer, das so lange ein Hindernis war, in einen Weg, eine Verbindung zu verwandeln.

Anmerk. d. Übers.:

*Die Personenkraftwagen des großen, russischen Autoherstellers AwtoWAS werden unter dem Markennamen Lada verkauft.

Übersetzung: Anja Seelmann

Mit Wasser durch den 1. Mai

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Im Stadtviertel El Cerro sieht man in diesen Tagen nur Schlamm und Tränen. Einer der bevölkerungsreichsten Stadtbezirke Havannas versucht sich gerade von den unerwarteten Regenfällen zu erholen, durch die es in der gesamten Stadt zu drei Todesfällen kam. 1400 Häuser wurden beschädigt, 27 ganz oder teilweise zerstört. Viele Familien verloren ihre gesamtes Hab und Gut und in der ganzen Stadt hängt ein Geruch in der Luft, wie er nach Überschwemmungen zurück bleibt: eine Mischung aus Abwässern, Abfällen und Schmerz.

Die Tragödie in Kubas Hauptstadt Havanna spielt sich hauptsächlich im Inneren der Häuser ab, wo nichts, nicht einmal ein Stuhl, gerettet werden konnte. Die offizielle Presse jedoch versucht das tragische Geschehen klein zu halten, da es sich nur wenige Stunden vor dem “triumphalen” 1. Mai zugetragen hat, an dem es gilt, der Welt zu demonstrieren, dass „das kubanischen Volk hinter dem sozialistischen System steht“.

Für das Drama jener, die immer noch mit Schaufeln und aus eigenen Kräften den Schlamm aus ihren Wohnungen schaffen, ist in diesen Tagen der „gewerkschaftlichen Seligkeit“ kein Platz. Geladene Gäste kommen aus dem Ausland und selbst der Präsident Venezuelas, Nicolás Maduro, ist angereist. Auf dem Plaza de la Revolución  teilt er sich den Platz auf der Tribüne mit denjenigen, deren Häuser vor Wetterkatastrophen geschützt sind. Inzwischen, nur wenige Meter entfernt von diesem Ort, wo am Morgen des 1. Mai Fahnen flatterten und Parolen gerufen wurden, versuchen die Betroffenen des Unwetters ihren normalen Lebensrhythmus wieder aufzunehmen. Die Spuren, die das Wasser hinterlassen hat, das mancherorts bis zu 80 cm hoch stand, sind sowohl an den Fassaden als auch in den Erinnerungen noch ganz frisch.

Sie hätten die Parade absagen müssen. Sie hat
Tausende von Pesos gekostet,  jene Pesos, die für die Hilfe der Opfer notwendig gewesen wären  

 Es gibt Länder, in denen es einem Präsidenten das Amt kostete, wenn er nicht persönlich am Ort eines Unfalls oder einer Naturkatastrophe erschienen ist. Indem Regierungsmitglieder Gebiete, die von Unwettern, Vulkanausbrüchen oder Erdbeben betroffen waren, nicht besucht haben, handelten sie sich vielerorts die Feindseligkeit der Bürger und die Ablehnung der internationalen Gemeinschaft ein. In Kuba wird Prahlerei als Strategie eingesetzt, um so die öffentliche Aufmerksamkeit von den Problemen abzulenken. Dieser 1. Mai ist ein Beweis dafür gewesen, dass die offizielle Propaganda den Triumphalismus privilegiert und Not und Elend minimiert.

Eine Frau saß heute Morgen in der Straße Amenidad e Infanta in einer Ecke und sah zum Himmel hinauf. Ihre Hände waren feucht von dem Wasser, das sie aus ihrer Wohnung im Untergeschoss schöpfte. „Es wird Zeit, dass die Parade vorbei ist“, sagte sie mit einer so lauten Stimme, dass sie jeder hören konnte, mit jenem Anflug von Mut, der uns überkommt, wenn wir nichts mehr zu verlieren haben. „Wenn das alles vorüber ist, erinnern sie sich vielleicht an uns“, bekräftigt sie mit einer gewissen Hoffnung.

Man organisiert keine Feste an Unglücksorten. Aus Gründen des Schamgefühls hätten sie die Parade absagen müssen. Sie hat Tausende von Pesos gekostet, jene Pesos, die für die Hilfe der Opfer notwendig gewesen wären. Etwas politische Vernunft wäre hier gefragt gewesen… – aber, wer kann schon von denen, die 56 Jahre lang als wohlhabende Bürger gelebt haben, verlangen, wie das Proletariat zu denken?

Übersetzung: Nina Beyerlein

Auf Maldito liegt ein Fluch

 

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Der Stempel des Einreiseverbots im Reisepass des Künstlers Maldito.

Stellen Sie sich vor, dass Sie nach einem mehr als neunstündigen Flug Ihren Bestimmungsort erreichen und man Sie nicht aus dem Flugzeug aussteigen lässt. Die Beine taub von der Reise, die Angehörigen erwarten Sie draußen, die Koffer voller Geschenke für die Freunde…, aber ein Einwanderungsbeamter informiert Sie, dass Sie nicht in das Land einreisen können, in dem Sie geboren wurden. Also müssen Sie auf ihrem Sitzplatz bleiben, müde und frustriert, während man die Kabine für die nächsten Passagiere sauber macht. In der Zeit wo Sie warten, dass man Sie zu ihrem Abflughafen zurückbringt, werden Sie nicht aufhören sich zu fragen: „Wie kann mir in meinem eigenen Land so etwas passieren?”.

Diesen Albtraum hat gerade Aldo Menéndez erlebt, ein Künstler, der auch unter dem Namen Maldito¹ (“der Teufel”) bekannt ist, als er versuchte nach Kuba einzureisen, um am Internationalen Videokunst Festival (FIVAC) in Camagüey teilzunehmen. Das kubanische Konsulat in Spanien hatte ihn schon vorher gewarnt, dass er auf der Insel nicht willkommen wäre; sie hatten in seinen Pass sogar eine Annullierung der Einwanderungsbewilligung gestempelt, die alle Emigrierten benötigen um einzureisen. Aber Maldito, wie er leibt und lebt, fand sich nicht damit ab und wollte am eigenen Leib erfahren, ob sie ihm wirklich nicht erlauben würden, diese Grenze für “Einwanderer” zu überschreiten.

Wie jeder Künstler ist Maldito mutig und respektlos. Sein Werk ist provokant, und sogar der Titel seines Blogs Castor Jabao ist ein Anagramm², in dem man eine klare und deutliche Botschaft liest, wenn man die Buchstaben richtig anordnet. Trotzdem, neben seiner Kunst, ist dieser junge Mann, der an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste San Alejandro in Havanna studierte, ein echter Cubanazo³ der sein Talent, seine Pfiffigkeit und seinen Humor zur Schau stellt, wie es charakteristisch für uns ist. Wie also ist es möglich, dass man ihm aus politischen Motiven verwehrt, an dem Ort zu sein von dem er stammt; an dem Platz, der eigentlich die Keimzelle seiner Kunst und seiner Sicht der Welt ist.

Was Maldito passiert ist, ist nicht neu; aber deswegen sollten wir uns weder an eine solche Ungerechtigkeit gewöhnen, noch damit aufhören, sie zu denunzieren. Auch zwei Jahre nach der Reform des Einwanderungsgesetzes hat seine Implementierung noch nicht die Erpressung beseitigt, der sich alle kubanischen Emigranten unterwerfen müssen, um auf die Insel zu gelangen. Die Strafe für jene, die die kubanische Regierung von ihrer Wahlheimat im Ausland aus kritisieren, ist, dass man ihnen weiterhin das Recht verweigert zurückzukehren.

Einige wenige – geschützt von ihrer Macht – entscheiden, wer wieder auf diesen Straßen laufen darf, Freunde umarmen, in dem Haus sein darf, wo er seine Kindheit verbracht hat. Und sie tun es mit der Arroganz zu glauben, dass sie mit ihrer Ideologie und ihren Militäruniformen das Wesen von Kuba repräsentieren, während sie in Wirklichkeit das Land nur verunstalten, knebeln… umbringen.

Anmerkungen des Übersetzers:

¹Maldito ist der Spitzname des kubanischen Künstlers Aldo Menéndez; Maldito, wörtlich der Verfluchte, ist auch ein Beiname des Teufels.

²CASTOR JABAO = CASTRO ABAJO = Nieder mit Castro

³ Cubanazo ist die Bezeichnung für einen übermütigen Kubaner, der sich landestypisch kleidet, denkt und spricht.

 

Übersetzung: Dieter Schubert

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Nach der Tragödie: Die Dinge, die bleiben

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Bergungsarbeiten in den Alpen wo das Flugzeug der Germanwings zerschellte. (Ministère de l’Intérieur)

Auf der Bergflanke liegen verstreute Kleider, offene Koffer, Puppen von Kindern, die nie mehr mit ihnen spielen werden. Dinge, die Menschen gehörten, die bis vor kurzem noch am Leben waren und von denen kaum Erinnerung bleiben wird; weitverstreute Objekte, die man wird zuordnen müssen, um sie an die Familien der Opfer zurückzugeben. Die Tragödie der A320 von Germanwings, die in den französischen Alpen zerschellte, lässt mich – wie viele Andere – über die kurze Sekunde nachdenken, die uns vom Tod trennt. Ein suizidgefährdeter Co-Pilot; ein Wahnsinniger am Steuerknüppel; ein Krieg, den andere vom Zaun brachen…, die tausend und eine Art zu sterben, die das Leben für uns bereit hält.

An einem Abend im Jahr 1985 versammelte sich meine Familie um den gedeckten Tisch und wartete auf die Großmutter. Sie ist nie gekommen, weil sie in einer nahen Cafeteria in die heftige Auseinandersetzung zweier Saufkumpane geriet, wobei sie tödlich verletzt wurde. Auf dem Tisch blieb ihr Teller liegen. Kalt, allein, mit dem Löffel an der Seite; das Wasserglas hinterließ auf dem Holz einen kreisrunden feuchten Abdruck. Später waren es ihre Schuhe, das Portmonee, in dem sich ihr Geld befand und eine Muskatnuss. Die Kleider im Schrank, einige Jugendfotos von ihr; wir werden sie nie mehr fragen können, wo sie aufgenommen wurden.

Manchmal ist es viel schwieriger mit den nachgelassenen Sachen der Verstorbenen umzugehen, als mit den Erinnerungen selbst. Was soll man mit dem Zettel anfangen, auf den sie notierten, ehe sie das Haus verließen, dass man Eier, Salz und etwas Olivenöl kaufen sollte? Was mit den Schubladen, mit dem Bettlaken, in denen sie die letzte Nacht verbrachten; was mit den Keksen, die sie so liebten? Wie kann man den Kamm zum Schweigen bringen, auf dem noch ihre Haare sind, wenn er auf seine Art spricht? Wie den Facebook Account, wo sie zum allerletzten Mal auf “Gefällt mir” klickten; wie den roten Kringel auf dem Kalender, mit dem sie ihren Geburtstag markierten?

Die Dinge, die uns Verstorbene hinterlassen, sprechen ihre eigene Sprache. Immer wenn wir sie betrachten, erinnern sie uns daran, dass der, der diese Kleidung trug, der jenen Bleistift hielt oder sich in diesem Spiegel betrachtete, bis gestern noch jemand war, der atmete… und den wir liebten!

Übersetzung: Dieter Schubert

Der Tag, als plötzlich wieder Frieden herrschte

„Es herrscht wieder Frieden!”, hörte ich einen weisen alten Mann an dem Tag sagen, als Barack Obama und Raúl Castro die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten bekannt gaben. Dieser Satz steht symbolisch für einen Moment, der auf einen Waffenstillstand nach einer so langen Zeit des Krieges hindeutet.

Drei Monate nach jenem 17. Dezember wissen die Soldaten nach Kriegsende nicht, ob sie die Waffen niederlegen, mit dem Feind anstoßen oder der Regierung all die Jahrzehnte eines unnützen Krieges vorwerfen sollen. Jeder geht mit dem Waffenstillstand auf seine Weise um. Eines ist jedoch sicher, dass die vergangenen Jahre unauslöschliche Spuren in der Geschichte der Insel hinterlassen haben. Die Kinder, die in den letzten Wochen das Licht der Welt erblickten, werden von dem Konflikt mit dem Nachbarland aus dem Norden nur in den Schulbüchern lesen und ihn nicht mehr als Hauptbestandteil der alltäglichen ideologischen Propaganda erleben. Das ist ein großer Unterschied. Sogar die Flagge der Vereinigten Staaten war dieser Tage in Havanna zu sehen, ohne dass sie von Revolutionären in einem antiimperialistischen Akt auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre.

Für viele Menschen auf der ganzen Welt ist dies ein Kapitel, das einen Schlussstrich unter den Kalten Krieg zieht. Für viele Kubaner ist es jedoch ein Rätsel, das noch nicht gelöst wurde. In Wirklichkeit geschieht alles viel langsamer, als es in den Schlagzeilen der Presse, die durch das Abkommen zwischen David und Goliath ausgelöst wurden, dargestellt wird. Die Auswirkungen der neuen diplomatischen Beziehungen sind weder auf den Tellern, noch in den Geldbeuteln, noch durch die Ausweitung der bürgerlichen Freiheiten zu sehen.

Wir leben mit zwei Geschwindigkeiten, unser Herz schlägt mit zwei unterschiedlichen Frequenzen. Einerseits die langsamen Änderungen im Alltagsgeschehen in einem Land, das im 20. Jahrhundert feststeckt. Andererseits die Hektik, mit der der Gigant aus dem Norden bereit zu sein scheint, die Sache anzugehen. Die am 16. Januar 2015 beschlossenen Maßnahmen vereinfachen Geldüberweisungen, die Reisen auf die Insel oder die Zusammenarbeit in der Telekommunikation und anderen Bereichen. Sie erwecken den Eindruck, dass die Regierung Obama weiterhin bereit zu sein scheint, mit Angeboten Druck auf die Gegenseite zu machen. Kuba wird so gezwungen, die weiße Fahne zu hissen, aufgrund der bevorstehenden materiellen und wirtschaftlichen Vorteile.

Durch den Eindruck, dass alles sich beschleunigen könnte, haben einige Menschen auf Kuba den Quadratmeterpreis ihrer Immobilien neu berechnen lassen. Andere planen schon, wo sich der erste Apple Store in Havanna befinden wird und nicht wenige haben in ihren Köpfen schon das Bild einer Fähre, die Kuba mit Florida verbinden wird. Diese Illusionen ließen jedoch die Migrationsströme Richtung Amerika nicht zurückgehen. “Warum sollte ich warten, bis die Amis hierher kommen, wenn ich in ihr Land gehen und sie dort kennen lernen kann.”, sagte ein Jugendlicher mit verschmitztem Gesichtsausdruck, der Ende Januar in der Schlange für ein Visum zur Familienzusammenführung vor dem Konsulat der Vereinigten Staaten am Stadtrand von Havanna stand.

 *Dieser Artikel wurde ursprünglich und in seiner vollen Länge im Magazin El País Semanal auf Spanisch veröffentlicht.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Die Einzigartigkeit von Robinson Crusoe

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Eine Illustration von Robinson Crusoe.

Ein junger Mann aus Panama berichtete mir haarklein alles über die zwei Wochen, die er in Havanna verbracht hatte. Er sprach über die Familie, die ihn hier aufnahm und über seine Verwunderung darüber, dass in einer Küstenstadt so wenig Schiffe liegen. Seine Schilderung ähnelt der von so vielen, die zum ersten Mal auf die Insel kommen, die von der Überraschung, zur Trauer und dann zur Freude übergehen.

Dennoch war sein verblüffenstes Fazit, dass er dank der fehlenden Anschlüsse im Land, in dieser Zeit ohne Internet leben konnte. Zwei Wochen ohne eine Email zu verschicken, ohne einen Tweet zu lesen und ohne sich um das Anklicken von „Gefällt mir“ auf Facebook sorgen zu müssen. Als er wieder in sein Land zurückkehrte, fühlte er sich, als wäre er eine Zeit lang in einer technologischen Entgiftungsklinik gewesen.

Richard Quest, dem bekannten Moderator von Business Traveller auf CNN, ist etwas Ähnliches passiert. Dieses Wochenende sahen wir den britischen Journalisten begeistert vor einem Cadillac aus dem Jahr 1959 stehen, den er als ein echtes „Wohnzimmer auf Rädern“ bezeichnete. Neben der Begeisterung für die Schönheit eines solchen Autos und seine exzellente Erhaltung weiß ich nicht, ob Quest klar ist, dass er vor einem Fahrzeug steht, das erhalten wurde, weil es für seinen Besitzer unmöglich ist ein moderneres Modell in einem Autohaus zu erwerben.

Robinson Crusoe, gestrandet auf einer Insel und weit entfernt von jedweder Entwicklung, hat sicher auch ein paar Teile seines gesunkenen Schiffes aufgehoben, aber er verdiente wie jeder andere Mensch auch den Zugang zur Moderne und zum Fortschritt.

Ich weiß nicht, ob die Welt bereit dazu ist, dass unser Land aufhört so auszusehen, wie eine Sepia-Postkarte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Wird sie akzeptieren, dass wir nun nicht mehr eine Nation aus schönen Ruinen sind, mit Menschen, die an den Straßenecken sitzen, weil es keinen Sinn ergibt, für so niedrige Gehälter zu arbeiten und einer Bevölkerung, die die Touristen freundlich anlächelt, unter anderem, weil diese Ausländer mit dem herbeigesehnten konvertiblen Peso* bezahlen? Wird die Welt zulassen, dass wir unsere Identität finden, ohne uns an dieser Einzigartigkeit von Robinson Cruseo festzuklammern?

Wird die Welt zulassen, dass wir unsere Identität finden, ohne uns an dieser Einzigartigkeit von Robinson Cruseo festzuklammern?

Ich richte diese Fragen nicht an die kubanische Regierung, sondern an die anderen Bewohner dieses Planeten, denn es ist bewiesen, dass eine Gesellschaft, die in der Anomalie einer beherrschten Vergangenheit gefangen ist, leichter zu kontrollieren ist. Meine Sorgen kreisen darum, dass Lateinamerika, die Vereinigten Staaten, Europa und der Rest des Planeten nicht bereit sind für ein modernes, wettbewerbsfähiges Kuba, das in die Zukunft schaut. Ein Land mit Problemen, wie jedes andere auch, aber ohne diesen 50er Jahre Touch, der die Nostalgiker und Liebhaber dieser Zeit so anzieht.

Es ist möglich, aufzuhören Robinson Crusoe zu sein, aber man muss sich fragen, ob die Welt dazu bereit ist, uns nach unserem Schiffbruch wieder auftauchen zu sehen.

Anm. d. Ü: *Der konvertible Peso, bekannt als CUC, ist neben dem Kubanischen Peso eine der beiden Währungen Kubas.

Übersetzung: Anja Seelmann