Ist der D-Day gekommen?

ConversaciAn-Barack-Obama-Castro-Blanca_CYMIMA20141217_0009_13

Telefongespräch zwischen Barack Obama und Raul Castro. (Weißes Haus)

Heute ist einer von diesen Tagen, wie wir ihn uns tausendfach vorgestellt haben, aber nicht so, wie er schließlich gekommen ist. Man trifft Vorbereitungen für den Festtag; wie man das “Ende” feiern könnte; Freunde umarmen, die nach Hause kommen; Fähnchen auf der Straße schwenken; aber der D-Day lässt auf sich warten. An seine Stelle treten bruchstückhaft Ereignisse, ein Fortschritt hier, ein Rückschritt dort. Keine Rufe “Es lebe das freie Kuba!”, keine entkorkten Flaschen. Im Alltag verschwindet dieser Wendepunkt, den wir für immer im Kalender anstreichen sollten.

Heute ist einer von diesen Tagen, wie wir ihn uns tausendfach vorgestellt haben, aber nicht so, wie er schließlich gekommen ist. Man trifft Vorbereitungen für den Festtag; wie man das “Ende” feiern könnte; Freunde umarmen, die nach Hause kommen; Fähnchen auf der Straße schwenken; aber der D-Day lässt auf sich warten. An seine Stelle treten bruchstückhaft Ereignisse, ein Fortschritt hier, ein Rückschritt dort. Keine Rufe “Es lebe das freie Kuba!”, keine entkorkten Flaschen. Im Alltag verschwindet dieser Wendepunkt, den wir für immer im Kalender anstreichen sollten.

Die Ankündigung von Seiten der Regierungen Kubas und der Vereinigten Staaten wieder diplomatische Beziehungen aufzunehmen, überrascht uns inmitten von Zeichen, die in die Gegenrichtung weisen, wie auch unsere verschlissenen Hoffnungen. Raúl Castro verschob gerade die dritte Gesprächsrunde mit der EU, die im nächsten Monat stattfinden sollte; noch am 10. Dezember hatte das repressive System seine Wut an Aktivisten ausgelassen, wie immer am Internationalen Tag der Menschenrechte.

Die erste Überraschung war, dass man inmitten der offiziellen Angeberei und einer eindeutigen ideologischen Rolle rückwärts Appelle an uns richtete, die dazu aufriefen, die Wachsamkeit gegen den “Feind” zu verdoppeln; seit 18 Monaten schon gab es zwischen dem “Platz der Revolution” und dem “Weißen Haus” Gespräche. Ein klarer Hinweis darauf, dass alles Gerede von Unnachsichtigkeit nur Show war. Während man die Bewohner der Insel glauben ließ, dass sie, wenn sie auch nur die Türschwelle der Interessenvertretung der Vereinigten Staaten in Havanna überschreiten würden, Vaterlandsverräter wären, handelten die Regierenden in olivgrün Abkommen mit “Uncle Sam” aus. Eine ausgemachte politische Falschheit!

Andererseits hatten sowohl die Erklärungen von Obama wie auch die von Castro einen Anflug von Kapitulation. Der Präsident der Vereinigten Staaten kündigte eine lange Liste von flexibilisierenden Maßnahmen an, um beide Nationen näher zu bringen, ehe sie gewünschte und geforderte Schritte zur Demokratisierung und zur politischen Öffnung unseres Landes auf den Weg bringen würden. Das Dilemma, was zunächst geschehen müsste, – eine Geste von Havanna oder die Flexi-Maßnahmen von Washington – ist somit gelöst worden, obwohl das Feigenblatt des amerikanischen Embargos weiterbesteht, damit niemand sagen kann, es handle sich um einen vollständigen Verzicht.

Die Tagesordnung auf der anderen Seite der Meerenge mit Florida ist uns auch im Detail bekannt, aber die Interna dort bleiben - wie schon so oft - geheim, und somit verborgen.

Raúl Castro seinerseits beschränkte sich darauf, die neuen Gesten von Seiten Obamas anzukündigen, sowie den Austausch von Alan Gross und weiteren Häftlingen, die für die amerikanische Regierung von Interesse sind. Trotzdem, in seiner kurzen Ansprache vor den Kameras des nationalen Fernsehens, erwähnte er weder Vereinbarungen noch Kompromisse von Seiten Kubas; ausgenommen die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen. Die Tagesordnung auf der entlegenen Seite der Meerenge mit Florida ist uns auch im Detail bekannt, aber die Interna dort bleiben – wie schon so oft – geheim, und somit verborgen.

Aber auch so, trotz fehlender offengelegter Vereinbarungen von der Seite Kubas, war “das von heute” eine politische Niederlage. Unter der Führung von Fidel Castro wäre man nie auf den Gedanken gekommen, eine Vereinbarung dieser Art auch nur in Erwägung zu ziehen. Denn das kubanische System stützt sich auf das ständige Vorhandensein eines Gegenspielers, was eine seiner wichtigsten Stützen ist. David kann nicht ohne Goliath leben, aber der ideologische Apparat ist durch die langen Streitigkeiten müde geworden.

Soll ich den Reden zuhören, oder gehe ich Fisch kaufen?

Auf dem Hauptmarkt im Viertel Carlos III entdeckten die Kunden überrascht, dass um die Mittagszeit auf den großen Bildschirme weder Fußball noch Videoclips zu sehen waren, sondern zunächst eine Rede von Raúl Castro und anschließend die von Obama, – übertragen von TeleSur. Die erste Ansprache löste eine gewisse Verblüffung aus, die zweite aber war begleitet von Küsschen in Richtung des amerikanischen Präsidenten, vor allem, als er die flexibilisierenden Maßnahmen für die Geldüberweisungen nach Kuba erwähnte, sowie das delikate Thema Telekommunikation. Den einen oder anderen Schrei “I love…” konnte man jetzt aus einer Straßenecke hören.

Dennoch muss man sagen, dass die Nachricht eine mächtige “Konkurrenz” hatte, weil es auf dem rationierten Markt wieder Fisch gab; nach Jahren, wo man ihn dort nicht mehr gesehen hatte. Nichts desto trotz, am späten Nachmittag wussten alle Bescheid und teilten miteinander Gefühle von Freiheit, Erleichterung und Hoffnung.

Es fehlt ein verbindlicher Zeitplan, mit dem man weitergehend erreichen kann, die kubanische Regierung zu einer Reihe von Maßnahmen zugunsten einer Demokratisierung zu verpflichten; verbunden mit dem Respekt vor Verschiedenheit.

Trotzdem hat alles erst begonnen. Es fehlt ein verbindlicher Zeitplan, mit dem man weitergehend erreichen kann, die kubanische Regierung zu einer Reihe von Maßnahmen zugunsten einer Demokratisierung zu verpflichten und zum Respekt vor Verschiedenheit. Man muss diese Synergie nützen, die die Ankündigungen erzeugt haben, um von Raúl Castro eine öffentliche Zusicherung zu erhalten, die wenigstens die vier Konsenspunkte enthält, die unsere Zivilgesellschaft in den letzten Monaten erarbeitet hat.

Die Freilassung aller politischer Gefangenen einschließlich derer, die aus Gewissensgründen im Gefängnis sind; das Ende der politischen Unterdrückung; die Ratifikation der UNO-Konventionen über zivile, politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte zusammen mit der konsequenten Anpassung der kubanischen Rechtsprechung; sowie die Anerkennung einer kubanischen Zivilgesellschaft innerhalb und außerhalb der Insel. Raúl Castro diese Kompromisse zu entreißen, hieße, mit der Demontage eines totalitären Systems zu beginnen.

Solange man keine Schritte dieser Tragweite unternimmt, werden viele von uns denken, dass der erhoffte Tag noch nicht nah ist. Also heben wir die Fähnchen auf, wir sollten auch noch keine Flaschen entkorken; das Beste wird sein weiter Druck auszuüben, damit er endlich kommt, der D-Day!

Anmerkung des Übersetzers:

Alan Gross war im Dezember 2009 als angeblicher Spionin Kuba inhaftiert worden. Er wurde gegen drei seit 1998 in den USA einsitzende kubanische Spione ausgetauscht.

(Quelle: Nürnberger Nachrichten)

Übersetzung: Dieter Schubert

 

 

Von Karnevalstruppen und Menschenrechten

derechos_humanos-Damas_de_Blanco_CYMIMA20141210_0017_16

Verhaftungen in Havanna am Tag der Menschenrechte. (14ymedio)

Seit Tagen, Monaten war der Karneval bereits geplant. Die Hintergrundmusik: Parolen und künstliche Begeisterung. Die Bühne: genau die Straßenecke, an der sich die Damen in Weiß* am Welttag der Menschenrechte versammelten. Währenddessen wurde das “Tanzensemble“ aufgestellt: Arbeiter und Schüler, die man von ihren Arbeitsplätzen und aus ihren Schulen geholt hatte, damit sie den Versammlungsort der Aktivistinnen besetzen. Auch die Essensstände durften nicht fehlen und in einigen Provinzdörfern kamen sogar noch riesige Lastwägen mit Freibier hinzu, denn in unserem Fall gibt es statt Brot und Spielen, Alkohol und Unterdrückung.

Und dann war es Zeit für Parade. Rund um die Eisdiele Coppelia gab es ein seltsames Getümmel von Menschen in Zivil, die die Aufmerksamkeit einiger ahnungslosen Passanten auf sich zogen, die nicht so recht wussten, ob man hier Schlange stand, um ein nicht länger vorrätiges Produkt zu kaufen, oder es sich um Filmliebhaber handelte, die auf die Öffnung des Kinos Yara warteten. Doch etwas verriet sie trotzdem. Sie schauten um sich, als hielten sie nach einer Beute Ausschau und sie trugen jene Kleidung, die jedermann sofort als den Aufzug ausmachen konnte, den die Staatssicherheit immer dann trägt, wenn sie unentdeckt bleiben möchte. Außerdem waren sie, verglichen mit dem Durchschnittskubaner, zu korpulent. Sie tanzten nicht wie im Karneval, sondern gingen auf die in Weiß gekleideten Frauen zu und versuchten mit ihren Körpern zu verdecken, wie diese mit Gewalt in den Polizeiwagen gedrängt wurden. Eine makabre “Tanztruppe“ bei der Aufführung ihrer Choreografie der Unterdrückung.

Wie oft hatte ich als Kind wohl an solch einem Karneval

der Unterdrückung teilgenommen ohne es zu merken?

Und dann ertönte die Tröte… ich meine natürlich die Hupe eines Autos. Eine zierliche Frau hatte es geschafft bis zum linken Teil des Herzens des Stadtviertels Vendado zu gelangen. Dutzende Gesichter wandten sich ihr zu und sprachen in ein winziges Kopfhörerkabel, das von ihrem Ohr herabhing. Ein Agent, der jahrelang in die unabhängige Presse eingeschleust und dann sang- und klanglos aufgeflogen war, dirigierte das Orchester. Aus den Lautsprechern tönten im Vorfeld aufgenommen Phrasen, damit es weder zu Überraschungen, noch Spontaneitäten kommen konnte. Die Frau verschwand innerhalb einer Sekunde. Die Kinder tranken ihre Erfrischungsgetränke und Havanna erlebte einen ihrer kältesten Tage in diesem Jahr. Das Spektakel dauert noch stundenlang.

Wie oft hatte ich als Kind wohl an solch einem Karneval der Unterdrückung teilgenommen ohne es zu merken? Wie viele der Feste, an denen ich teilnahm, dienten in Wirklichkeit nur dazu die Schrecken zu vertuschen? Waren all die Straßentänze und –feste ebenfalls nur polizeiliche Eingriffe? Nach diesem Erlebnis, wird es mir schwer fallen, mich je wieder an einem Karnevalsumzug zu erfreuen.

*Anmerkung der Übersetzerin:

Die Damen in Weiß (spanisch Movimiento Las Damas de Blanco “Laura Pollán”) sind eine Gruppe kubanischer Frauen, die sich für die Beachtung der Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzen.

Übersetzung: Katrin Vallet

Mexiko hat all seine Tränen aufgebraucht

MovilizaciAn-DF-Twitter-Manuel-Karg_CYMIMA20141124_0008_16

Protestmarsch in Mexiko City wegen der 43 Verschwundenen. (Twitter von Juan Manuel Karg)

Als ich zum ersten Mal in Mexiko war, beeindruckten mich sein großes Potenzial und seine riesigen Probleme. Mich faszinierte die Kultur der Maya, deren Kalender sich im Laufe der Zeit verliert, vor allem wenn wir sie mit der Geschichte Kubas vergleichen, die noch in den Kinderschuhen steckt. Jedoch schockierte mich am meisten, dass meine Freunde und Bekannten mich ständig warnten und mir Ratschläge gaben, dass es nicht sicher auf den Straßen sei, und wegen der vielen Gefahren die dort lauern würden.

Die herzzerreißendsten Worte, die ich während meines Besuches hörte, kamen von Judith Torrea, einer spanischen Journalistin, die in Ciudad Juárez lebt und Geschichten über Mütter sammelt, deren Töchter im Teenageralter nicht mehr von ihrer Arbeit oder ihrer Universität heimgekommen sind.

Es tat mir sehr weh, sehen zu müssen, dass der gewaltsame Tod in einigen Regionen dieses wunderschönen Landes zu etwas Alltäglichem geworden ist. La Catrina – Mexikos hoheitsvolle Dame des Todes – lächelte nicht mehr; ihre leeren Augenhöhlen schienen eine traurige Ahnung davon zu haben, was ihr fehlt, um in Mexico zu “leben”. Das Verschwinden von 43 Studenten aus Ayotzinapa hat an Schrecken alles Bisherige übertroffen, was die Menschen durchmachen, die in einer Gesellschaft leben, wo Korruption, ein unwirksames Rechtssystem und bewaffnete Drogenkartelle seit langer Zeit den Ton angeben. Als ob man einer Bevölkerung, die durch die erlittenen Verluste schon gebrochen war, noch weitere Wunden hätte zufügen können.

 Als ob man einer Bevölkerung, die durch
die erlittenen Verluste schon gebrochen war, noch
weitere Wunden hätte zufügen können.

 

Jeder einzelne dieser verschwundenen Jugendlichen war ungefähr im Alter meines Sohnes Teo. Einige Fotos erinnerten mich sogar an sein goldbraunes Gesicht und seine mandelförmigen Augen. Auch er hätte einer von jenen sein können, die eines Tages aus der Uni kamen und sich entschlossen gegen die derzeitigen Zustände zu protestieren. Alles weist darauf hin, dass die lokalen politischen Führungspersonen, die mit den Drogenkartellen zusammenarbeiten, gewaltsam das Leben derer beendet haben, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten. In den letzten Wochen haben die Familienangehörigen Phasen voller Tränen, voller Hoffnung und immer wieder voller Schmerz durchlebt. Solange sich die schreckliche Wahrheit nicht bestätigt, will sie keiner wahrhaben, aber die Anzeichen lassen das Schlimmste vermuten.

Mexiko hat all seine Tränen aufgebraucht. Lateinamerika muss nun diese herzliche Nation begleiten, sowohl auf der Suche nach Antworten zum Verschwinden der Studenten, aber auch auf dem Weg zu einer Lösung der großen sozialen und institutionellen Probleme, die der Auslöser für dieses Unglück waren. Wir anderen Lateinamerikaner müssen den Mexikanern unsere Solidarität zeigen und mit ihnen ihren Schmerz und ihren Zorn teilen. Niemand soll seinem Kind mehr in die Augen schauen, ohne an die verschwundenen Jugendlichen zu denken.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Havanna, wie du mir schmerzt!

zum 495. Geburtstag der Stadt 

derrumbe-habana-foto-silvia-corbelle_cymima20141116_0005_16-1

Eingestürztes Haus in Havanna. (Foto Silvia Corbelle)

Aus Havanna zu sein, bedeutet mehr als dass man in einem bestimmten Gebiet geboren wurde. Es bedeutet, dass man dieses Gebiet immer auf seinen Schultern trägt und sich nicht von ihm lösen kann. Ich war sieben Jahre alt als ich zum ersten Mal erkannte, dass ich zu dieser Stadt gehörte. Einmal war ich in einem kleinen Dorf namens Villa Clara und versuchte an die Guajaven an einem Ast heranzukommen, als eine große Gruppe Kinder des Ortes mich und meine Schwester umringte und alle riefen: „Sie sind aus Havanna! Sie sind aus Havanna!“ Zu diesem Zeitpunkt verstanden wir den ganzen Aufruhr nicht, aber mit der Zeit wurde uns klar, dass wir ein trauriges Privileg haben. Nämlich das, in dieser heruntergekommenen Großstadt geboren zu sein, deren größter Reiz in dem liegt, was sie sein könnte und nicht in dem was sie ist.

Ich bin ein totaler Stadtmensch. Aufgewachsen bin ich in einem Teil des Viertels Cayo Hueso, in dem die nächsten Bäume mehr als 500 Meter entfernt waren. Ich sehe mich als eine Tochter des Asphalts, des Geruchs nach Kerosin, der Wäscheleinen an den Balkonen, von denen es heruntertropft, und der Abwasserkanäle, die hin und wieder einmal überlaufen. Dies war niemals eine einfache Stadt. Nicht einmal auf den Postkarten für die Touristen, mit ihren überarbeiteten Farben, ist ein bequemes und verständliches Havanna zu sehen.

Manchmal will ich nicht mehr durch die Stadt laufen, weil es mir Schmerz bereitet. Ich gehe die Straße Belascoaín hinauf, mit dem Rücken zum Meer mit dieser Brise, die ich so gut kenne. Ich komme an die Kreuzung zur Straße Reina. Dort steht eine Kirche im gotischen Stil, die, als ich noch klein war, so auf mich wirkte als würde sie sich in den Wolken verlieren. Als ich 17 Jahre alt war, sah ich dort zum ersten Mal einen Weihnachtsbaum. Ich gehe weiter durch die Portale, hier und da in hüpfenden Schritten. Von einigen Treppen laufen Wasserrinsel herunter und eine Frau versucht mir Cremitas de leche* zu verkaufen, die die gleiche Farbe wie die Straße haben.

Havanna ist eine Stadt
des Geschreis und des Flüsterns.
Derjenige, der sich nur auf das Geschrei konzentriert
wird wir nie ihr Getuschel hören.

 

Ich sehe schon die Ampel in der Straße Galiano, aber meine Schritte verlangsamen sich, da sehr viel los ist. Ein Polizist biegt um die Ecke und manche verstecken sich hinter den Türen oder gehen schnell in die Geschäfte als ob sie etwas kaufen wollten. Sobald der Polizist weg ist, werden sie zurückkehren und ihre Waren flüsternd anbieten. Denn Havanna ist eine Stadt des Geschreis und des Flüsterns. Derjenige, der sich nur auf das Geschrei konzentriert, wird nie ihr Getuschel hören. Das Wichtigste sagt man immer mit einem Zeichen, mit einer Geste oder mit einer schnellen Lippenbewegung, die sagt: „Vorsicht“, „Da kommt jemand“ oder „Folge mir“. Eine Sprache, die sich in Jahrzehnten der Heimlichkeit und der Illegalität entwickelt hat.

Die Straße Neptuno ist schon in der Nähe. Ich habe ein altes Ehepaar gehört, dass vor einer Fassade stand und sagte: “Hey, war hier nicht…?”, aber ich habe den Rest des Satzes nicht gehört. Es ist auch besser so, den Havanna ist wie eine Sequenz von Erinnerungen und der Nostalgie. Wenn man durch die Stadt läuft ist es als würde man auf dem Pfad der Verluste gehen. Dort wo ein Gebäude abgerissen wird, bleibt der Schutt noch Tage, Wochen liegen. Dann bauen sie einen Parkplatz in die Lücke, die entstanden ist oder stellen einen Kiosk hin, um Seifen, Süßigkeiten und Rum zu verkaufen. Viel Rum, denn dies ist eine Stadt, die ihr Leid im Alkohol ertränkt.

          dies ist eine Stadt,
die ihr Leid im Alkohol ertränkt 

Ich komme am Malecón an. In weniger als einer halben Stunde habe ich das Stück der Stadt durchlaufen, das in meiner ganzen Kindheit die gesamte Stadt zu beinhalten schien. Ich bin eine Guajira** aus dem Zentrum von Havanna, eine von denen die denken, dass nach der Straße Infanta die Grünflächen liegen. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass diese Stadt viel zu groß ist, um sie zu kennen. Ich erkannte auch, dass auch diejenigen die in den Vierteln Diez de Octubre, el Cerro, el Vedado oder Marianao aufgewachsen sind diesen Schmerz spüren. Es ist ganz egal, denn Havanna zeigt seine Wunden in jedem Viertel.

Ich berühre die Mauer, die uns vom Meer trennt. Sie ist rau und warm. Wo sind wohl diese Kinder, die mich in meiner Kindheit – in einem winzigen Dorf – erstaunt angesehen haben weil ich aus Havanna war? Würden sie diese Last tragen wollen? Sind sie auch hier gelandet und leben nun zwischen den Müllhalden und den Lichtern? Tut es ihnen so sehr weh wie mir? Ich bin mir sicher, dass es so ist, denn Havanna ist nicht einfach nur der Ort, der in unseren Ausweispapieren steht. Diese Stadt ist ein Kreuz, das man überall mit hin schleift, ein Ort, der dich, wenn du ihn einmal erlebt hast, nie wieder loslässt.

Anm. d. Übers:

*Cremitas de leche sind ein meist kleines und rundes, typisches Gebäck auf Kuba, dass überwiegend aus Milch und Zucker besteht.

**Guajira ist auf Kuba eine Bezeichnung für die Landbewohner.

Übersetzung: Anja Seelmann

 

 

Unsere Mauer ist nicht gefallen – aber sie ist nicht für die Ewigkeit gebaut

Muro-BerlA-n-nacimiento-Foto-archivo_CYMIMA20141109_0001_16

Der Fall der Berliner Mauer oder die Geburt einer neuen Ära (Archivbild).

Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Leben zwischen Mauern verlaufen. Die der Strandpromenade Malecón, die mich von einer Welt abtrennte, von der ich nur Schreckliches gehört hatte. Die der Schule, die ich besuchte als Deutschland sich wiedervereinigte. Eine lange Lehmmauer, hinter der sich die illegalen Süßwarenverkäufer versteckten. Eine zwei Meter hohe Mauer aus Ziegelsteinen über die einige Schulkameraden kletterten, um ein paar von jenen Stunden zu schwänzen, die genauso politisch indoktriniert wie langweilig waren. Hinzu kam die Mauer des Schweigens und der Angst. Daheim legten sich meine Eltern den Zeigefinger auf die Lippen, sprachen mit leiser Stimme… irgendetwas war im Gange, doch sie sagten mir nichts.

Im November 1989 fiel die Berliner Mauer. In Wirklichkeit brachten sie sie zum Fall, schlugen sie mit Hammer und Meißel ein. Sie nahmen es mit ihr auf, und zwar diejenigen, die Wochen zuvor der Kommunistischen Partei gehorsam zu folgen und an das Paradies des Proletariats zu glauben schienen. Die Nachricht erreichte uns langsam und häppchenweise. Die kubanischen Behörden versuchten davon abzulenken und dem Thema Wichtigkeit abzugewinnen, aber die Einzelheiten sickerten nach und nach zu uns durch. In jenem Jahr ließ ich meine Jugend hinter mir. Ich war erst vierzehn Jahre alt und all das was noch kommen würde ließ einfach keine Naivität mehr zu.

 Die Berliner wachten mit den Hammerschlägen auf
und wir Kubaner entdeckten, dass die versprochene Zukunft die reinste Lüge war

 

Die Masken fielen eine nach der anderen. Die Berliner wachten mit den Hammerschlägen auf und wir Kubaner entdeckten, dass die versprochene Zukunft die reinste Lüge war. Während sich Osteuropa aus der Umarmung des Kremls befreite, wurden Fidel Castros Ansprachen am Rednerpult lauter und er versprach im Namen aller, dass wir niemals schwach werden würden. Nur wenige besaßen den Scharfsinn um zu bemerken, dass jenes politische Delirium uns in unsere schwierigsten Jahre führen würde, mit denen sich gleich mehrere kubanische Generationen auseinandersetzen mussten. Die Mauer fiel weit weg von uns, aber gleichzeitig richtete sich eine andere Barrikade um uns auf: die der ideologischen Verblendung, der Unverantwortlichkeit und des Voluntarismus.

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen. Die Deutschen, und der ganze Planet, feiern am Tag des 9. November das Ende einer Absurdität. Sie ziehen Balance darüber, was nach jenem November erreicht worden ist und genießen die Freiheit, sich über das, was nicht gut gelaufen ist, zu beschweren. Wir in Kuba haben fünfundzwanzig Jahre verloren, um auf den Zug der Geschichte aufzuspringen. Für unser Land bleibt die Mauer bestehen, obwohl gerade jetzt wenige einen Schutzwall stützen, der eher aus der Laune eines Mannes heraus als durch die Entscheidung eines Volkes errichtet wurde.

Unsere Mauer ist nicht gefallen… aber sie ist nicht für die Ewigkeit gebaut.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Die gute USAID und die schlechte USAID

MACdicos-hospital-Monrovia-Liberia-USAID_CYMIMA20141103_0001_13

Kubanische Ärzte in einem USAID-Krankenhaus in Monrovia, Liberia

Es ist nur ein paar Monate her, dass wir eine Flut von öffentlicher Propaganda erlebten, deren Ziel es war, die USAID – die Behörde der Vereinigten Staaten für internationale Entwicklung – zu attackieren. Jene Großbuchstaben standen für einen Feind, mit dem man uns Angst einjagte, auf unseren Fernsehschirmen, auf Plattformen und sogar in Klassenzimmern. Trotzdem, und zu unserer Überraschung, haben wir diese Woche erfahren, dass einige kubanische Ärzte in Liberia angekommen sind, wo sie in einem Feld-Hospital arbeiten, das von dieser “schrecklichen Behörde” finanziert wird.

Obwohl es die offizielle Presse vermieden hat Fotos zu veröffentlichen, die unsere Landsleute zusammen mit dem USAID-Logo zeigen, ist das eine oder andere Foto der Zensur entkommen. So, dass nun Berichte über Konfrontationen Risse bekommen, dass die Rhetorik des “Feindes” Schlagseite bekommt und dass die zwiespältige Moral von jenen deutlich sichtbar wird, die ideologische Kreuzzüge fabrizieren, mit denen sie uns in den Massenmedien bombardieren.

Könnte vielleicht jemand die Associated Press (AP) bitten, dass sie möglichst bald beginnt, die “geheime Verschwörung” zwischen dem Platz der Revolution und einer Behörde zu untersuchen, die Direktiven vom US-Außenministerium erhält? Wir möchten die Ströme von Druckerschwärze sehen, die diese sonderbare Zusammenarbeit hervorruft, den öffentlichen “Enthüllungen”, die geheimen Memoranden und die “Beichten” hinter vorgehaltener Hand, die eine solche Zusammenarbeit erklären.

Und trotz allem; die Antwort wird von jenen gegeben werden, die die Unterstützung der USAID für die kubanische Zivilbevölkerung ablehnen, obgleich sie eine enge Zusammenarbeit mit den Behörden der Insel für gut halten. Die Antwort wird lauten, dass man bei humanitären Angelegenheiten auf politische “Farbspiele” verzichten müsse. Als ob sich zu informieren und sich technologisch kundig zu machen nicht eine Überlebensfrage des 21. Jahrhunderts wäre. Was die offizielle Presse ihrerseits betrifft, so wird sie anschicken zu erklären, dass, wenn es sich denn um die Rettung von Menschenleben handle, die kubanischen Ärzte bereit seien, alle Differenzen hintanzustellen. Aber nichts von alledem ist die wahre Erklärung.

Des Pudels Kern ist, dass die Regierung von Raúl Castro bezüglich des großen Nachbarn im Norden nach gegenseitiger Ebenbürtigkeit giert. Was sie nicht toleriert und niemals akzeptieren wird, ist, ihrer eigenen Zivilgesellschaft diese Ebenbürtigkeit zu gewähren oder sie ihr zuzuerkennen. Sie schielt sehnsüchtig auf ein Familienfoto zusammen mit “Uncle Sam”, solange nur niemand den unehelichen Neffen zum Fototermin einlädt; der letztere ist die kubanische Bevölkerung.

Macht ist selbstverliebt, vermutlich wollen uns das die Bilder der letzten Tage sagen. Wenn ein kubanischer Jugendlicher eine SMS erhält, die ihn zu einem alternativen Konzert aufruft, dann sollte er aufpassen, weil – in Übereinstimmung mit den Warnungen der offiziellen Kommentatoren der Mattscheibe – der Imperialismus in jedem Charakter stecken könnte. Diese ethischen Maßstäbe wenden sie jedoch nicht an, um einen Fachmann des Gesundheitswesens zu evaluieren, der unter einem Zelt arbeitet, bei Menschen auf Tragbahren und mit Spritzen, die die USAID finanziert.

Wie wird man es jenen Kindern erklären, denen man monatelang Angst vor der USAID eingejagt hat, dass ihr Papa oder Onkel nach Liberia ging und jetzt in einem Krankenhaus arbeitet, das mit Geldmitteln dieser Behörde gebaut wurde?

Als Ronald Hernández Torres, einer der Ärzte die nach Liberia reisten, auf seiner Facebook-Seite schrieb, dass “dieser medizinischen Abteilung die bestmöglichen Bedingungen zur Verfügung stehen, um Patienten zu betreuen, und die besten Fachleute aus aller Herren Länder Seite an Seite zusammenarbeiten”, wusste er da, dass all das von ebendieser Institution finanziert wird, die das letzte feindliche Schreckgespenst ist, das das Castro-Regime gefunden hat, um uns Angst einzujagen?

Wie es aber immer eintrifft, die Schreie aus politischer Hysterie beabsichtigen nur die Stimmen zu ersticken, die Argumenten den Vorzug geben. Obwohl, einem allgemein gültigen Gesetz folgend, hört die offizielle Version bald auf sich durchzusetzen, weil sie in hohem Maß beleidigend ist; das soll uns nicht entmutigen nach Ursachen zu forschen und die Widersprüche in ihren Äußerungen aufzudecken.

Ich weiß jetzt schon, dass am Jahresende, wenn wir informativ eine Bilanz der Schlagzeilen unserer nationalen Zeitungen ziehen, der Eindruck bleiben wird, dass die Regierung in Habana und die USAID unversöhnliche Feinde sind. Alles andere wäre gelogen. Die entscheidende Konfrontation, die unverrückbar anhält und nicht einen Zentimeter weicht, ist aber die, die von der Staatsmacht auf Kuba ausgeht und sich gegen das eigene Volk richtet.

Übersetzung: Dieter Schubert

Auf Dächern geboren

In manchen Städten gibt es ein Untergrundleben. Städte, in denen sich ein Teil der Realität  buchstäblich unter der Erde abspielt. U-Bahnen, Tunnel und Keller… der Triumph der Menschheit über ein paar Zentimeter Stein. Nicht so Havanna, Havanna ist eine Oberflächenstadt, in der nur wenig unterirdisch liegt. Auf den Dächern der Häuser jedoch, auf den undenkbarsten Dachterrassen hier, wurden Häuser, Toiletten, Schweineställe und Taubenverschläge errichtet. Als ob hier oben auf den Dächern, außer Reichweite, alles möglich wäre.

Ignacio hat eine illegale Parabolantenne auf der Dachterrasse seines Nachbarn unter einer Weinrebe, die nur mickrige und saure Trauben gibt, versteckt. Einige Meter weiter hat jemand einen Zwinger für Kampfhunde aufgestellt, die dort tagsüber durstig und gelangweilt nach Schatten suchen. Auf der anderen Straßenseite hat eine Familie die an die Dachterrasse einer verlassenen, staatlichen Werkstatt grenzende Wand eingerissen und dort jetzt eine Terrasse und ein Klo errichtet. Wenn es dunkel ist spielen sie dort Domino, während ihnen von der Strandpromenade her eine leichte Brise zuweht.

Carmita bewahrt ihren gesamten Schatz, einige riesige Holzbalken, auf ihrem Haus auf. Damit will sie die Räume stützen, bevor sie einstürzen. Jede Woche geht sie hinauf und sieht wie Regen und Hitze das Holz aufquellen lassen und die Stützbalken zersetzen. Ihr Enkel benutzt die Dachterrasse gerne für das ein oder andere Stelldichein, wenn man nachts kaum noch Schatten ausmachen kann, jedoch ist das Stöhnen durchaus zu vernehmen.

Hier oben, wo Havanna versucht dem Himmel entgegenzuwachsen, und doch nur auf einige Zentimeter kommt, spielt sich für jeden ein Teil seines Lebens ab.

Übersetzung: Katrin Vallet