Die Rebellion von Liliput

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Gulliver wird von den Liliputanern gefesselt (CC)

Generation Y, Yoani Sánchez, 05. November 2015 Der Aufruf zum Sparen ist für die kubanischen Regierungsmitglieder seit mehr als einem halben Jahrhundert eine gängige Praxis, während sie selbst ein üppiges Leben führen. Die Forderung, den “Gürtel enger zu schnallen”, wird von Funktionären mit dicken Hälsen und rosigen Gesichtern vorgebracht, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr wissen, wie ein Kühlschrank mit mehr Raureif als Essen aussieht. Ohne Zweifel ärgert dieser Widerspruch all die, die das rationierte Brot mit einem Verwandten teilen müssen, oder die geschickt ein Stück Seife stückeln, damit es für mehrere Wochen reicht.

Das Unbehagen des Volkes aufgrund des Gegensatzes zwischen dem, was gesagt und dem was getan wird, könnte den Journalisten Alexander A. Ricardo dazu veranlasst haben, in der Zeitung Tribuna de La Habana,  im Ressort Meinung, einen metaphorischen aber treffenden Text zu veröffentlichen. Mit dem Titel “Gullivers Reisen” bezieht sich der Meinungsartikel auf jemanden, der “als Riese an den Küsten des Mittelmeers das Leben genießt, oder als ein abenteuerlustiger Zwerg keine Probleme hat – weder in seinem Leben, noch mit seinem Visum.”

Diese Anspielung wurde wenige Monate später veröffentlicht, nachdem Antonio Castro, einer der Söhne des kubanischen Expräsidenten, von einem Paparazzi entdeckt wurde, während er Urlaub im türkischen Bodrum machte. Ein Ort, den er nach seinem Aufenthalt auf der griechischen Insel Mykonos an Bord einer 50 Meter langen Jacht angesteuert hatte, wo er und seine Begleiterinnen und Begleiter in Luxus-Suiten untergebracht waren.

Es fällt schwer, das opulente Leben von Fidel Castros Sohn (…) nicht auf den ironischen Satz des Journalisten zu beziehen: “Zuhause angekommen erzählt er nichts. Er täuscht seine Landsleute mit Geschichten über Schiffbrüche”

Es fällt schwer, das opulente Leben von Fidel Castros Sohn und die Aufrufe zum Sparen, die heute sein Onkel verlauten ließ, nicht auf den ironischen Satz des Journalisten zu beziehen: “Zuhause angekommen erzählt er nichts. Er täuscht seine Landsleute mit Geschichten über Schiffbrüche”. Die Parallelen zwischen der symbolträchtigen Geschichte und der Wirklichkeit führten dazu, dass sich der Artikel per E-Mail in Kuba wie ein Lauffeuer verbreitete.

Noch mehr Überschneidungen gibt es, wenn A. Ricardo schreibt: „Wieder lichtet er den Anker, dieses Mal bricht er gen Norden auf, wovon ihn in vergangenen Zeiten das kühle Klima abgehalten hatte”. Das stimmt mit der vorherigen Reise des Expräsidenten-Sohns nach New York überein, wo er ebenfalls in Marken-Sportswear und einem Teddybären in der Hand fotografiert wurde.

„Dank seines Vaters reist Gulliver Junior regelmäßig” ist in dem publizierten Artikel der Zeitung aus Havanna zu lesen. Mit anderen Worten: Im System wirtschaftlicher Unsicherheit, das sein Vater Millionen von Kubanern aufbürdete, kann er sich wiederrum einen Luxus erlauben, der höher ist als das, was von der Rente seines pensionierten Vaters bezahlt werden könnte. Aber auch die Liliputaner werden einmal müde. Ob dieser Artikel des Journalisten ein Beispiel für die – mitnichten winzige – Empörung gewesen ist?

Übersetzung: Nina Beyerlein

Ich möchte dich nicht mehr finden, Camilo

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Blumen für Camilo Cienfuegos in einer Grundschule im Stadtbezirk Plaza de la Revolución, Havanna. (14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 28. Oktober 2015 Die Mauer der Strandpromenade schmeckt nach Salz und fühlt sich rau an. Über diese Brüstung warf ich in meiner Schuluniform, die vom Salz der Wellen Flecken hatte, in jedem Oktober meiner Kindheit einen Blumenstrauß ins Meer. Und zwar zu Ehren eines Mannes, der 15 Jahre vor meiner Geburt starb. Sein Gesicht blickte uns von den Wänden und aus den Schulbüchern an, mit einem breiten Lächeln unter einem breitkrempigen Hut. Das war zu Zeiten, als wir noch davon träumten, Camilo Cienfuegos zu finden.

Die Geschichte wurde bis zum Umfallen erzählt. In den Morgenversammlungen der Schule und in der offiziellen Propaganda sprach man von einem verschwundenen Flugzeug, in dem der Kommandant damals von Camagüey nach Havanna flog. Für die Kinder meiner Generation war es ein fast schon magisches Rätsel. Wir glaubten, dass man ihn eines Tages finden würde, gut gelaunt und bärtig, irgendwo in der kubanischen Landschaft. Wir dachten, es sei nur eine Frage der Zeit.

Jedoch vergingen die Jahre und bis heute fand man kein einziges Teil jener zweimotorigen Cessna auf dieser langen aber schmalen Insel. Die neuen Technologien griffen in das Leben aller ein; Satelliten suchten jeden Zentimeter dieses Planeten ab, und sogar versunkene und verborgene mystische Städte wurden auf der Erde gefunden. Aber von Camilo gab es weiterhin keine Spur.

Jene Hoffnung, dass er zurückkehren würde, um sich dem Regierungsapparat anzuschließen, verschwand und machte Platz für einen anderen Wunsch. Mitte der achtziger Jahre hörte ich, wie man von Camilo Cienfuegos redete, als würde er die Hoffnung auf Veränderungen mit sich bringen. „Wenn er jetzt hier wäre, wäre nichts von alledem passiert“, hörte man die älteren Bürger sagen. „Er war auf keinen Fall Kommunist“, stellte mein Großvater fest.

Das Rätsel hat sich in Luft aufgelöst, aber nicht weil wir Antworten gefunden haben, sondern weil wir es leid sind, auf diese zu warten.

Wir hörten nicht damit auf, uns zu wünschen, dass man den Helden von Yaguajay1 lebend finden würde; aber dieses Mal, damit er unseren Widerstand anführt und uns hilft, unsere Angst zu überwinden.

Während der Sonderperiode auf Kuba kehrte mit aller Macht die Sehnsucht zurück, zumindest eine Spur jenes Schneiders zu entdecken, der zum Kämpfer wurde. Wir spekulierten darüber, dass die Regierung von Fidel Castro wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würde, wenn die Umstände des Todes von Cienfuegos aufgeklärt würden. Das bestgehütete Geheimnis aus der Zeit der Revolution würde zugleich ihr Ende bedeuten. Aber auch in diesen Jahren wurde das Rätsel nicht gelöst.

Vor einigen Tagen erinnerte ein Mädchen seine Mutter, dass sie einen Blumenstrauß in die Schule mitbringen müsse, um ihn am Jahrestag des Verschwindens dieses Mannes aus Havanna, der nicht einmal 30 Jahre alt wurde, ins Meer zu werfen. Eine Sekunde später fragte das Mädchen: „Aber ist er jetzt tot oder ist er nicht tot?“. Die Mutter erzählte mit gelangweilter Stimme die offizielle Version der Geschichte und sagte, um mit dem Thema abzuschließen: „Ja, er ist tot …er atmet nicht mehr.“

Das Rätsel hat sich in Luft aufgelöst, aber nicht weil wir Antworten gefunden haben, sondern weil wir es leid sind, auf diese zu warten. Gerade jetzt würde sich nichts ändern, wenn wir wüssten, dass Camilo Cienfuegos irgendwo am Leben ist – mit seinem Bart, der inzwischen grau geworden ist – oder wenn man wissenschaftlich beweisen könnte, dass die offizielle Version der Wahrheit entspricht. Es würde auch keinen Aufschrei in der Bevölkerung geben, wenn man beweisen könnte, dass sein Tod ein geplanter Anschlag war, der von seinen eigenen Genossen aus der Sierra Maestra2 in Auftrag gegeben wurde.

Die Zeit, dieser unerbittliche Gegner, hat Camilo letzten Endes begraben.

 Anmerkung der Übersetzerin:

1 Camilo Cienfuegos Gorriarán war einer der führenden Revolutionäre in der Kubanischen Revolution gegen das Batista-Regime. Er war Anführer einer Rebellenarmee-Kolonne in der bedeutenden „Schlacht von Yaguajay“ im Dezember 1958, was ihm den Beinamen “Héroe de Yaguajay” (Der Held von Yaguajay) einbrachte. Auch wird er “El Héroe del Sombrero Alón” (Der Held mit dem breitkrempigen Hut) genannt.

2Die “Sierra Maestra” (dt. “Hauptgebirge”) ist ein Gebirgszug im Osten Kubas. Während der kubanischen Revolution verbarg sich dort die Rebellenarmee unter der Führung von Fidel Castro.

 

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Die Gesichter des kubanischen Traums

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Das Musical On your feet!, das auf dem Leben von Gloria und Emilio Estefan basiert. (Matthew Murphy).

Generation Y, Yoani Sánchez, 20. Oktober 2015  „Was ist der kubanische Traum?”, fragte er wie jemand, der wissen will, wie spät es ist, wie der Kaffee schmeckt oder wie das Wetter am Nachmittag wird. Um den Tisch herum schwiegen wir alle auf diese Frage, die von jenem Besucher in den Raum geworfen wurde. Mehr als ihm eine Antwort über das erwünschte Land zu geben, hat mich eine solche Provokation zum Nachdenken darüber gebracht, dass unsere Träume unbedingt Gesichter haben sollten, die sie darstellen, Personen, die sie bewohnen.

Ich habe am vergangenen Samstag erneut an das Gespräch gedacht, während ich in einem überfüllten Theater am New Yorker Broadway das Musical On your feet! genoss. Das Stück basiert auf dem Leben von Gloria und Emilio Estefan und erzählt von einem kubanischen Paar, das sich einen Weg in die wettbewerbsorientierten Welt des Entertainment in den Vereinigten Staaten bahnt. Nicht zuletzt ist es eine Geschichte über Sehnsucht, Hartnäckigkeit und Erfolg.

Vor den Augen der Zuschauer entwickelt sich eine Handlung, die mit Schmerz des Exils sowie den Erinnerungen an das auf der Insel zurückgelassene Leben beginnt. Eine Referenz, die sich durch das gesamte Drama zieht, das in diesen Tagen im  New Yorker Theater Marquis aufgeführt wird. Unter der Leitung von Jerry Mitchell gibt das erfolgreiche Musical detailliert den Wandel von Traurigkeit zu Energie und von der Melancholie des Auswanderers zu Unternehmergeist wieder.

On your feet! scheint besonders ein Lobgesang auf das Lebensgefühl Kubas zu sein, der es erreicht, dass das Publikum sich von den Sitzen erhebt und tanzt – wenn auch noch mit Tränen im Gesicht. Durch die herausragenden musikalischen Interpretationen, durch die Stimme von Ana Villafañe (in der Rolle der Gloria Estefan) und dem Rest der Besetzung fesselt das Werk, ohne lästig zu sein und bringt die Zuschauer – weit über die Stereotype hinaus – mit der Kultur unseres Landes zusammen.

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Ana Villafañe und Josh Segarra in der Rolle von Gloria Estefan und Emilio Estefan (Matthew Murphy).

Das Musical verdient nicht nur auf Grund der künstlerischen Stärken und der herausragenden Inszenierung einen verlängerten Applaus, sondern besonders weil es Werte rühmt, die in unserer Gesellschaft unbedingt gerettet werden müssen. Das Musical nähert sich so dem Leben der Menschen an, die auf eine ganz andere Art und Weise inspirieren als die Lebensmodelle, die von der offiziellen Propaganda aufgezwungen werden.Gloria und Emilio provozieren keine kritiklose Anerkennung, Angst oder fügsame Dankbarkeit, sondern den Wunsch, sie zu imitieren oder sogar zu übertreffen.

Irgendwann werden kubanische Kinder, wenn Sie die Schulbücher aufmachen, um lesen zu lernen,  keine Personen in Militäruniform und mit Gewehr über der Schulter mehr sehen: An Stelle des exzessiven Waffenkults werden wir diejenigen finden, die Referenzen für Erfolg, sowie soziale, wirtschaftliche und kulturelle Errungenschaften sind. Auf diesen Seiten werden sich die wahrhaften Vorbilder zum Nachahmen finden – die Gesichter des kubanischen Traums.

Übersetzung: Berte Fleissig

In der Heimat der Solidarität gib es keine Ausländer

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Grafitti auf einer Wand in Havanna, das nachträglich übermalt wurde. (14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 12. Oktober 2015 Pepes, Yumas und Touristen sind einige der Namen, die wir den Besuchern unseres Landes geben. Für viele Kubaner sind diese Reisenden aufgrund von Unterkünften, Transport sowie Tanz- und Sprachunterricht die wichtigste Einnahmequelle. Einige studieren auch mit uns an der Universität oder arbeiten in einem gemischtwirtschaftlichen Unternehmen. Dennoch ist ihr Aufenthalt meist von kurzer Dauer, sie sind auf der Durchreise, nur für ein paar Tage oder Monate. Doch was passiert, wenn sie kommen, um zu bleiben?

Ein Bild auf einer Wand in Havanna spiegelt den Widerspruch einer öffentlichen Rede wieder, die sich der Solidarität einer Nation rühmt, in der jedoch für einen Immigranten kein Platz ist. Diese Zeichnung eines Che Guevara mit der kontroversen Aussage – „In der Heimat der Solidarität gibt es keine Ausländer“ – hielt sich kaum ein paar Stunden an ihrer improvisierten Leinwand, bis sie die Zensur in Form eines blauen Malerpinsels erreichte und sie überstrich. Für die Regierung scheint alles gut zu laufen, solange Ausländer auf Kreuzfahrtschiffen ankommen, einige Nächte bleiben und gutes Geld in die Kassen fließen lassen. Allerdings ist es etwas ganz anderes, wenn sie entscheiden, hier zu bleiben. An diesem Punkt zeigt sich die nationalistische Feindseligkeit, die für das politische System Kubas typisch ist.

Für einen Ausländer, der sich auf Staatsgebiet niederlassen will, gehören die Migrationsgesetze Kubas wahrscheinlich zu den strengsten weltweit

Für einen Ausländer, der sich auf Staatsgebiet niederlassen will, gehören die Migrationsgesetze Kubas wahrscheinlich zu den strengsten weltweit. Jahrzehntelang war es ein Privileg, auf Kuba zu wohnen, das nur „Kameraden“ aus Osteuropa, Guerillakämpfern in der Ausbildung und asylsuchenden Politikern aus lateinamerikanischen Diktaturen zustand. Diplomatisches Personal, die ausländische Presse und einige ausgewählte Akademiker vervollständigten den Kreis der Einwohner aus anderen Ländern, die mehr oder weniger dauerhaft in Kuba bleiben durften.

Die Insel ist kein Land der Immigranten mehr, wo sich entfernte und nahe Kulturen im Schmelztiegel der Identität miteinander verbanden. Chinesen, Franzosen, Araber, Haitianer, Spanier, Polen sowie viele andere brachten ihre Bräuche, Kochrezepte und unternehmerischen Initiativen ein, damit das Wunder der Vielfalt gelang. Heutzutage ist es sonderbar, wenn um den Familientisch Menschen sitzen, die nicht in hier geboren wurden.

Ende 2014 gab das Nationale Amt für Statistik bekannt, dass die Zahl der ausländischen Einwohner in Kuba im Jahr 2011 nur 0,05 % der Bevölkerung ausmachte. Das steht im Kontrast zu den 128 392 Ausländern – 1,3 % der Gesamtbevölkerung – mit denen wir 1981 die Insel teilten. Zwei Faktoren erklären den drastischen Rückgang der ausländischen Bevölkerung: Der Zusammenbruch des sozialistischen Systems in den neunziger Jahren trug dazu bei, denn von dort kamen jene “Techniker” aus früheren Zeiten. Viel ausschlaggebender jedoch ist, dass unser Land schon seit langer Zeit keine Chancen mehr bietet.

Während ausländische Einwohner Kuba verließen, wurden die kurzzeitigen Besucher zu wirtschaftlichen “Lebensrettern”, da das materielle Elend zunahm. Diese Besucher waren lange Zeit die Einzigen, die konvertierbare Währung besaßen, und somit die Möglichkeit hatten, Shampoo in den Diplotiendas* zu kaufen und sich dem enormen Luxus eines kühlen Biers in der Hotelbar hinzugeben. Der Tourist wurde zu dem erträumten Märchenprinz vieler junger kubanischer Frauen, dem Schwiegersohn, den sich jeder Schwiegervater wünschte, und dem bevorzugten Mieter für die dortigen Wohnungen.

Der Tourist wurde zu dem erträumten Märchenprinz vieler junger kubanischer Frauen, dem Schwiegersohn, den sich jeder Schwiegervater wünschte, und dem bevorzugten Mieter für die dortigen Wohnungen

Noch heute sehen viele Kubaner in ihnen wandelnde Geldbeutel auf den Straßen der Insel, denen man jeden Cent aus der Tasche ziehen muss. Für einen Ausländer auf Kuba ist es schwierig abzugrenzen, ob es sich bei dieser Freundlichkeit, mit der man ihm dort begegnet, um die natürliche Höflichkeit der Kubaner handelt oder um ein Theaterstück mit dem Ziel, an dessen Geldbeutel heranzukommen.

Außerdem hat der kubanische Lebensstil die Gewohnheit verloren, mit “dem Anderen” – auf Augenhöhe – zusammenzuleben. Mit Immigranten zusammenzuarbeiten und zu akzeptieren, dass in öffentlichen Bussen auch andere Sprachen gesprochen werden. In unseren Küchen mangelt es an neuen Rezepten, weil keine gastronomischen Erfahrungen ausgetauscht werden. Wir sind weniger weltoffen geworden, dafür erheblich stärker zu Inselbewohnern, im schlechtesten Sinne des Wortes. Wir haben die Fähigkeit verloren, andere Verhaltensweisen, Ausdrucksformen und Lebensstile zu tolerieren und sie willkommen zu heißen.

Wie werden wir reagieren, wenn unser Land wieder ein Ziel für Zuwanderer wird? Werden sie zu den schlechtesten Arbeitsplätzen verdammt werden? Werden fremdenfeindliche Gruppen entstehen und diejenigen ablehnen, die von jenseits der Meere kommen? Wird es NGOs geben, die sie schützen? Programme, die ihnen bei der Integration helfen? Politiker, die keine Angst vor ihnen haben? Auf all diese Fragen muss schneller, als wir denken, eine Antwort gefunden werden. Kuba kann bald wieder eine Nation sein, in der Menschen aus aller Welt willkommen sind.

Anmerkung d. Übers.:

*Supermärkte, in denen nur Diplomaten und Ausländer einkaufen durften

Übersetzung: Lena Hartwig

Kuba und der Kuss von Mick Jagger

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Mick Jagger, 2014 in Deauville (Georges Biard/Wikimedia Commons)

Generation Y, Yoani Sánchez, 05. Oktober 2015 Wir hörten niemals die Stimmen von Michael Jackson und Whitney Housten von den kubanischen Bühnen herabschallen. Freddie Mercury starb ohne je in Havanna aufgetreten zu sein und zu dem Zeitpunkt als die Beatles aufhörten zu existieren, waren wir ein Land, in dem das Hören von englischsprachigen Songtexten noch als ideologische Abweichung angesehen wurde. Die Karriere von Elvis Presley verfolgten wir aus der Ferne und die charismatische Amy Winehouse beendete ihr Leben, ohne je einen Fuß auf die Insel gesetzt zu haben. Und trotzdem stehen wir nun kurz davor einen Teil dessen, was wir verpasst haben, zurückzugewinnen: Mick Jagger, dessen großer Mund zu einem Markenzeichen geworden ist, ist hier, der ewig jung Gebliebene von den Rolling Stones ist auf der Insel angekommen.

Während politische Beobachter darum kämpfen, die Zeichen des kubanischen Wandels auf politischer und diplomatischer Ebene auszumachen, sind die Veränderungen eigensinnig und tauchen ganz woanders auf. Dieses Land wird nicht zu einer neuen Nation werden, weil John Kerry es besucht hat, oder aufgrund des dritten Papstbesuches in weniger als zwanzig Jahren. Aber ja, Kuba wird sich verändern, wenn Persönlichkeiten wie dieser britische Rockstar, eine Ikone der guten Musik und der vollkommenen Respektlosigkeit, in Havanna landet.

Der 72-jährige Sänger hinterließ in den Straßen von Havanna eine Spur von Ungläubigkeit und viele höher schlagende Herzen. Auch wenn man zugeben muss, dass er nicht so ein Kreischkonzert wie Beyoncé oder Rihanna bei ihren Besuchen in dieser Kulisse vergangener Zeiten auslöst, so hat der Aufenthalt Jaggers doch eine tiefere Bedeutung. Denn für viele Generationen von Kubanern stellt er das Verbotene dar, eine Lebenshaltung, die uns durch die obsessive Kontrolle der Polizei verwehrt wurde.

Für ein politisches System, dass den „neuen Menschen“, mit einem einfachen, „linientreuen“ und untergebenen Geist schaffen wollte, war dieser hagere Sänger mit seinem impulsiven Lebensstil alles andere als ein Vorbild, jemand, dem wir keineswegs nacheifern sollten. Doch dieser Mensch aus dem Laboratorium, den die Erziehungsleitfäden anpriesen, konnte nicht geschaffen werden …und Mick Jagger gewann den Kampf gegen diesen Prototypen eines militanten jungen Mannes mit ordentlichem Haarschnitt, der selbst seine eigene Familie verraten würde.

Eine Freundin, die auf die 70 zugeht, verließ ihr Haus diesen Sonntag mit der Energie eines jungen Mädchens. „Wo ist er?“, fragte sie den Wachmann des Hotels Santa Isabel, in dem ihr Idol aus Jugendzeiten laut der Presse abgestiegen war, doch dieser verriet ihr keine Details. Wie ein besessenes Schulmädchen lief sie durch die Straßen rund ums Hotel und spähte durch alle Fenster, um vielleicht doch einen Blick auf die schmale Silhouette des Frontmanns der Rolling Stones zu erhaschen.

Mick Jagger gewann den Kampf gegen diesen Prototypen eines militanten jungen Mannes mit ordentlichem Haarschnitt, der selbst seine eigene Familie verraten würde.

Der Außenminister der Vereinigten Staaten löste keine dieser Reaktionen bei ihr aus und selbst der Papst schaffte dies nicht. Für sie lagen all diese hochgelobten Besuche im Bereich des Möglichen, Ereignisse, die sie inzwischen weder überraschen noch bewegen. Aber Mick Jagger …das ist etwas Anderes. „Ich will nicht sterben ohne ihn vorher gesehen zu haben“, erzählte sie mir am Telefon. Und sie versicherte mir dies mit der Überzeugung einer Person, die nicht einmal daran denkt diese Welt zu verlassen ohne „diese Ära zu beschließen“, ohne einen Schlusspunkt hinter ihre „besten Jahre“ zu setzten.

Meine Freundin hat mich damit ein bisschen angesteckt, das muss ich zugeben. Keine Predigt auf der Plaza de la Revolución* und auch keine Rede zur Eröffnung einer Botschaft hatte mir ein solches Kribbeln im Magen beschert, dieses plötzliche Gefühl historische Tage zu erleben. Es ist eine innere Aufgewühltheit, die andauern wird bis ich den Auftritt dieser sagenhaften britischen Band im Estadio Latinoamericano**sehe, bei dem eine breite Masse versuchen wird, die verlorenen Jahre zurückzugewinnen.

Jagger ist viel mehr als eine lebende Legende des Rock´n´Roll, wie sie die Medien präsentieren. Dieser hagere Sänger mit dem großen Mund, voller Energie und voller Leben, verkörpert eine Zeit, die uns entrissen wurde, eine Existenz, die wir hätten haben können und die sie uns wegnahmen.

Was habe ich doch für ein Mitleid mit den politischen Beobachtern: Denn sie wissen nicht, dass die Zukunft Kubas mit den Rolling Stones in Havanna beginnen könnte.

Anmerkung. d. Übers.:

*Die Plaza de la Revolución (Platz der Revolution) ist ein öffentlicher Platz in Havanna, Kuba und wurde durch die kubanische Revolution bekannt, während der die Regierung Batistas gestürzt und durch die von Fidel Castro abgelöst wurde.

**Das Estadio Latinoamericano (Lateinamerikanisches Stadion) ist ein Baseballstadion in Havanna.

Übersetzung: Anja Seelmann

Sind wir Kubaner undisziplinierter als andere Völker?

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Ein Telefon mit herausgerissenem Hörer. (14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 30. September 2015 „Hier kümmert sich niemand um etwas”, tobte eine Frau in der Schlange vor der Ladenkasse einer staatlichen Metzgerei. Sie kritisierte die, die Kühlschränke offenlassen oder den Einkaufskorb auf die Glasscheibe der Ladentheke stellen. Dennoch bemerkte sie nicht, dass dem Laden eine Klimaanlage fehlte, auch nicht den Gestank, der aus ein paar Gefrierschränken kam, in denen die Ware angefangen hatte zu verderben und nicht die einzige Angestellte, die sich ums Bezahlen kümmerte, während die anderen mit verschränkten Armen zuschauten. Laut der kampferprobten Hausfrau trifft die Schuld dafür uns, die Kunden.

Die soziale Disziplinlosigkeit ist ein immer wiederkehrendes Thema in den Reportagen und Interviews der nationalen Medien geworden. Man schreibt das dem Vandalismus zu, angefangen mit den Problemen der Omnibusse im öffentlichen Nahverkehr, bis hin zum schlechten Zustand der Grünanlagen. Allerdings bemerken die offiziellen Journalisten nicht, dass, je mehr sie einen Finger anklagend gegen Plünderung erheben, auch das Bildungswesen und das politische System immer mehr in Verruf geraten, weil es die Bürger so geneigt zum Plündern und Zerstören werden ließ.

Das soziale Verhalten wird von der Umwelt beeinflusst. In einer makellosen Wohnung, auf einem sauberen Gehsteig, in einer gepflegten Stadt, imitieren viele das Milieu und werden vermeiden es zu verschmutzen, zu zerstören oder zu verwüsten. Zusammenhänge beeinflussen maßgeblich das Verhalten in öffentlichen Räumen und den Umgang mit gemeinschaftlichen Gütern. Wenn aber das Umfeld in einem dreckigen Zustand ist und aus Mangel an Pflege aggressiv wird, dann wird dies bei denen, die in einem solchen Umfeld wohnen, weder Respekt hervorrufen, noch den Sinn für Pflege.

Wir Kubaner sind nicht undisziplinierter als andere Menschen, und trotzdem und gerade jetzt sollte ein Park mit Spielgeräten für Kinder genauso überwacht werden wie eine Bank, damit man nicht die Bretter von Schaukeln stiehlt, sowie Eisenteile von Karussellen und Seile von Klettergeräten. In den nur wenig beleuchteten Stadtvierteln verrichten die Leute öffentlich ihre Notdurft; kleine Abwasserrinnen sieht man überall in den Straßenecken, und ein Schwall Schmutzwasser kann von einem beliebigen Balkon direkt auf die Fußgänger herunterstürzen.

Wenn das Umfeld in einem dreckigen Zustand ist und aus Mangel an Pflege aggressiv wird, dann wird dies bei denen, die in einem solchen Umfeld wohnen, weder Respekt hervorrufen, noch den Sinn für Pflege.

Diese Situation dauert nun schon so lange an, dass mittlerweile viele glauben, dass in unserer DNS der sorgfältige Umgang mit dem, was uns umgibt, nicht vorkommt. “Diese Stadt kann keine U-Bahn haben; stellen Sie sich vor, wie übel die Schächte riechen würden, bei all den Leuten, die ihre Bedürfnisse dort unten verrichten”, sagte kategorisch ein Herr mit dem Aussehen eines heruntergekommenen Funktionärs, während er vor der Haltestelle auf den Bus wartete.

Mit seinen Worten unterstellte der Herr, dass wir Kubaner uns nicht an den Wohltaten der Moderne und am Komfort erfreuen könnten, weil wir unfähig wären sorgfältig damit umzugehen. Wie auch immer, der “unheilbare Zerstörer”, der wir geworden sind, steigt in ein Flugzeug, fliegt nach New York oder Berlin, und in den zwei Wochen fern von Heim und Herd wirft er den Abfall in einen Mülleimer, zündet an einem öffentlichen Ort keine Zigarette an und putzt den Dreck von seinen Schuhen, ehe er ein Büro betritt.

Der Vandalismus ist ein Übel, das es in allen Gesellschaften gibt. Gesetze und Kontrollen dämmen ihn ein und halten ihn in Schach; aber hier ist er. Er ist Teil unserer Natur; es ist jener Augenblick des Zorns, der uns zu einer Klinge greifen lässt, um unseren Namen in eine frisch getünchte Wand einzuritzen oder den Überzug eines Kinosessels aufzuschlitzen. Geldstrafen und andere Formen der Bestrafung müssen dazu führen, dass das Raubtier, das in allen von uns steckt, nicht mit uns durchgeht.

Demnach muss der Zusammenhang von allem mit jedem dazu führen, dass sich die Leute um die Dinge kümmern. Es reicht nicht aus, an Disziplin und Erziehung zu appellieren; jeder Einzelne muss spüren, dass es der Mühe wert ist, das zu bewahren, was uns umgibt. Eine Straße voller Schlaglöcher, ein Omnibus, der verspätet und rappelvoll ankommt, ein in Finsternis getauchter Gehsteig, weil die einzige Laterne seit Jahren kaputt ist…, das sind ideale Komponenten für Verwüstung und Raub.

So wie die Frau, die sich in der Metzgerei beklagte, nehmen viele das Szenario der ständigen Verletzung von Bürger-und Konsumentenrechten nicht mehr wahr, weil es in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. Schon so gewöhnt an schlechte Behandlung, Ineffizienz, Brüche aller Art und enorm hohe Preise, gibt man die Schuld diesen “undisziplinierten Kubanern”, die “an keinem Ort leben können, ohne ihn zu zerstören”.

Übersetzung: Dieter Schubert

Raul Castro, der Messdiener

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Papst Franziskus begrüßt Raúl Castro bei seiner Ankunft in Kuba. (EFE)

Generation Y, Yoani Sánchez, 22. September 2015 Der kubanische Regierungschef Raul Castro hat Papst Franziskus auf all seinen Messen durch Kuba begleitet. Angefangen mit der Messe auf dem Platz der Revolution in Havanna, bis hin zu den Worten, die in der Kathedrale von Santiago de Cuba gesprochen wurden. Wie jemand, der angesichts einer langen Liste von Sünden die Absolution sucht, so schloss sich auch der Präsident dem Gefolge des Pontifex an, von der Hauptstadt bis in den Osten der Insel.

Castro scheint auf diese Weise seine Warnung vom vergangenen Mai in Rom wahr werden zu lassen. Damals sagte er: „Wenn der Papst weiterhin so spricht wie er spricht, dann werde ich wieder anfangen zu beten und zur Kirche zurückkehren, und das sage ich nicht zum Spaß.“ Die Rückkehr zum Glauben scheint jedoch nicht nur ihn einzuschließen, sondern auch einen Teil seiner Familie, die ihn begleitete, sowie den Rest der kubanischen Regierung und die offizielle Presse.

Trotz der plötzlich aufgekommenen mystischen Frömmigkeit vermied es das nationale Fernsehen sorgfältig, Bilder des kubanischen Präsidenten zusammen mit Gläubigen zu zeigen, wenn diese beteten, sich “gegenseitig den Frieden” wünschten oder ein Gebet nachsprachen, während der drei Gottesdienste, an denen Raúl Castro teilnahm. Die Kameras nahmen ihn nur beim Ankommen und Verlassen der Tempel und Plätze in den Fokus.

Tief in der Klemme steckten einige der bekannten Moderatoren der TV-Spezialausgabe, die während dieser drei Tage ausgestrahlt wurde. Verschiedene Gesichter, die für ihre bissigen ideologischen Ansprachen bekannt sind, mussten sich dieses Mal in ihrer Wortwahl zügeln, und ihre Sätze mit Psalmen, biblischen Anspielungen und Hochachtung vor religiösen Figuren ausschmücken.

Die Pirouetten, die jene Moderatoren und Journalisten machten, um Wörter wie  „Revolution“, „Kommunist“, oder „Genosse“ zu vermeiden, sind dem politischen Zirkus, den sie repräsentieren, auch angemessen gewesen. Es fehlte nur noch, dass sie mit Kruzifix und Bibel ins Studio gekommen wären, was aber nicht nötig war.

Die Weihrauch-Exzesse dieser Tage haben vielen nicht gefallen. „Das geht von der Verherrlichung ins Lächerliche über“, meinte ein 63-jähriger Mann, ein Mitglied der Kommunistischen Partei, der im gleichen Gebäude wohnt wie ich. „Vom Atheismus zur frommen Unterwürfigkeit“, fügte er hinzu und spielte damit auf die Haltung der kubanischen Autoritäten an, sowie auf die von den nationalen Medien in voller Länge übertragenen Messen.

Jetzt müssen wir nur noch überprüfen, ob Raul Castro bei seiner nächsten öffentlichen Rede auch das kämpferische „¡Patria o muerte!“* durch ein kurzes „Amen!“ ersetzt.

*Anm. d. Übersetzerin:  zu Deutsch: Vaterland oder Tod

Übersetzung: Nina Beyerlein