Zwei Sonnenwenden von dem Balkon unserer Redaktion aus

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Die Wintersonnenwende (oben) und die Sommersonnenwende (unten) von unserer Redaktion aus

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 21. Juni 2017 Es sind sechs Monate vergangen seit am 21. Dezember letzten Jahres ein Foto, aufgenommen auf dem Balkon der Redaktion von 14ymedio, den Moment festhielt, in dem eine rötliche Sonne zum Vorschein kam, deren Untergang Stunden später die längste Nacht des Jahres einleiten sollte. Diesen Mittwoch spiegelt das Bild das gegenteilige Phänomen wider und auf unsere Reporter wartete nun der längste Tag des Jahres: die Sommersonnenwende.

Von dem Stadtbezirk Diez de Octubre bis nach Alt-Havanna zog das rastlose Gestirn über den Himmel vor unserem Balkon. Eine kurze Strecke für das Auge des Betrachters, aber unglaublich bedeutend für Natur und Lebewesen. Die Sonnenwende bedeutet das Ende des Frühlings auf der Nordhalbkugel und den Beginn des „offiziell“ 93 Tage dauernden Sommers, obwohl uns die Thermometer bereits glauben ließen, dass wir bereits mittendrin steckten.

Auf diesem Balkon ist es unmöglich, sich der Tatsache zu entziehen, dass die Sonne heute Mittag höher am Horizont stehen und einige Stunden länger scheinen wird als an den restlichen Tagen des Jahres. Auf der Südhalbkugel wird mit der längsten Nacht des Jahres der Winter eingeläutet. Währenddessen geht auf den Straßen das Leben unwissend darüber weiter, wie über uns die Sterne stehen.

 Innerhalb eines halben Jahres haben wir uns zudem häufig von Freunden verabschieden müssen, die von uns gegangen sind, die offizielle Presse hat sich mit Todesanzeigen gefüllt und der journalistische Elan ist gewachsen

Zugleich beginnt auch die Regenzeit, obwohl sich die Sonne, die auf Kuba auch als „El Indio“ bezeichnet wird, nur ungern von den Regenfällen in den Hintergrund drängen lässt und mit ihren Strahlen dem bereits in Mitleidenschaft gezogenen Boden schadet, der der schlimmsten Dürre des Jahrhunderts ausgesetzt ist.

Es ist wahr, dass wir zwischen heute und morgen kaum einen Unterschied bemerken werden, dass unser Frühling dem Sommer so sehr ähnelt wie man es sich nur vorstellen kann und die Sonne im Juni genauso auf uns herabbrennt wie im August, aber eine Flut von Ereignissen hat sich in den sechs Monaten seit der letzen  Sonnenwende zugetragen: Im Dezember befanden wir uns mitten in einer diplomatischen „Tauzeit“ mit den Vereinigten Staaten und heute klappern wir mit den Zähnen in dieser durch Präsident Donald Trump eingeleiteten politischen Eiszeit.

Innerhalb eines halben Jahres mussten wir uns von vielen Freunden verabschieden, die von uns gegangen sind, die offizielle Presse war voller Todesanzeigen und in unserer Redaktion kamen immer mehr graue Haare zum Vorschein und der journalistische Elan ist gewachsen. Ich wünsche mir nur, dass uns an diesem Tag, dem längsten des Jahres, das Licht in seinem wahrhaftigen und metaphorischen Sinne begleitet und uns Klarheit gibt, damit wir erkennen können, was eine Nachrichtenmeldung ist und was nicht; was uns untergehen lässt und was uns rettet.

Übersetzung: Lena Hartwig

 

 

 

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Der Morast des Reichtums

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Es ist nur dann möglich den Reichtum zu beschränken, wenn man festlegt, welche Menge erlaubt ist und ab wann die Grenze überschritten wird.

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 YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 2. Juni 2017 Vor beinahe 25 Jahren startete die kubanische Regierung einen Feldzug gegen die illegalen Einnahmen auf der Insel, der mit der Festnahme von dutzenden von Straftätern aber auch von erfolgreichen Unternehmern endete. Es reichte schon aus, wenn man eine frisch gestrichene Fassade hatte, neue Kleidung oder eine Kette aus Gold trug, um inmitten der gefürchteten „Operación Maceta“* angezeigt zu werden.

Im Volksmund begann man über die Verhaftung eines “Neureichen“ im Jahr 2030 zu spotten, der es sich erlaubt hatte drei Dosen Kondensmilch und zwei Besen zu besitzen. Scherze dieser Art zeigten die größte Schwachstelle dieser Razzia gegen die Wohlhabenden. Ab wann kann man sagen, dass jemand vermögend ist oder viel zu viel besitzt?

Der Relativismus, der solche Definitionen umgibt, kam während der letzten außerordentlichen Sitzung des Parlaments erneut zum Vorschein, in der das Verbot des Anhäufens von Besitz und Reichtum Rückhalt fand. Es fehlt nur noch, dass eine solche Beschränkung in das Gesetz aufgenommen wird und eine klare Grenze für den Besitz von Gütern festgelegt wird.

Die Abgeordneten der Nationalversammlung könnten sich der Frage gegenübergestellt sehen, wie viel Geld die Sparer auf ihren Bankkonten haben dürfen, wie viel Kleidung in ihren Schränken zu hängen hat, wie viele Schuhe sie besitzen können und sogar wie viel Shampoo sie benutzen, um sich die Haare zu waschen…

Die meisten derjenigen, die uns diese Verbote aufbrummen müssen nicht einmal in die eigene Tasche greifen, um sich etwas zu Essen zu kaufen.

Diese Aufzählung erscheint absurd, aber es ist nur dann möglich den Reichtum zu beschränken, wenn man festlegt, welche Menge erlaubt ist und ab wann die Grenze überschritten wird. Ohne diese Bestimmungen – in den meisten Fällen lächerlich und vermeidbar – bleibt alles weiterhin subjektiv und der Laune derer ausgeliefert, die bestrafen.

Um diesen legalen Morast noch zu vergrößern, müssen die meisten derjenigen, die uns diese Verbote aufbrummen nicht einmal in die eigene Tasche greifen, um sich etwas zu Essen zu kaufen. Sie leben von ihren Privilegien und einer Gratis-Versorgung, die sie vom Alltag und den Engpässen der meisten Kubaner trennt.

Sie, die so viele Reichtümer gehortet haben, fürchten, dass jemand, der keine Kaserne überfallen, zu den Waffen gegriffen oder Parolen geschrien hat, zu nah an ihren Villen wohnt oder ein Hotel betreibt, das erfolgreicher ist als eines, das von den Streitkräften geführt wird. Ihr größter Albtraum ist es aber, dass dieser jemand die finanzielle Unabhängigkeit erreicht um eine Karriere in der Politik zu beginnen.

Anmerkung d. Übers.:

*Die sogenannte Operación Maceta begann im Jahr 1993 und hatte zum Ziel, illegale Einnahmequellen aufzuspüren und zu unterbinden. Das spanische Wort „Maceta“ bezeichnet auf Kuba jemanden, der viel Geld besitzt.

Übersetzung: Anja Seelmann

Wirtschaftsvergehen, der Weg in die Falle

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Die Frage: „Haben Sie Papiere für diese Säcke?“ ist einer der ständig wiederholten Fragen der Polizei, um die „illegale“ Herkunft einer Ware ausfindig zu machen (14ymedio)

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      YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 22. Mai 2017    Die Verkäuferin bietet murmelnd ihre Ware an: Steak von der Meeresschildkröte, Rindfleisch und Garnelen. Dem Mann läuft das Wasser im Mund zusammen, aber er antwortet, dass er diese Produkte nicht kaufen könne; es sind die meistgesuchten auf dem illegalen Markt. Jeder Oppositionelle weiß, dass ihn die Behörden liebend gern für ein „Wirtschaftsvergehen“ verurteilen möchten und dass die Verkäuferin vielleicht nur ein Lockvogel ist.

Die Techniken, die eine selbstherrliche Regierung zur Kontrolle ihrer Bürger verwendet, können genau so unterschiedlich und einfallsreich sein, wie die Fantasie der Unterdrücker. Manche Techniken werden in klimatisierten Büros mit ausgeklügelter Methodik entworfen, während andere sich zum passenden Zeitpunkt ergeben, aus einer offensichtlich zufälligen Situation heraus.

Ist die schwierige wirtschaftliche Lage, die wir erleben, ein kalkuliertes Szenario, um uns Kubaner in dem Teufelskreis ums Überleben gefangen zu halten? Mit wie vielen Verboten versucht man zu erreichen, dass wir Bürger ruhig bleiben, uns schuldig fühlen und glauben, dass wir mit einem Bein schon im Gefängnis stehen?

Abgesehen von Verschwörungstheorien betrachten die offiziellen Stellen den ungesetzlichen Markt als ein Ventil für Nonkonformismus, als ein Gefüge, um Informationen darüber zu erhalten, wie man in Kuba denkt; auch als ein Mittel, um Bürger zu erpressen und als Lockvogel für die Jagd auf politische Kontrahenten.

Obwohl es seit vielen Jahren gängige Praxis ist, in den letzten Monaten hat die Tendenz zugenommen, Aktivisten für vermutete wirtschaftliche Vergehen anzuklagen

Der Platz der Revolution hat seine miserable Wirtschaftsführung in ein Mittel verwandelt, um die kubanische Gesellschaft im Würgegriff zu halten. Die Regierung weiß, dass die Familien alles erdenkliche tun, um die Lebensmittelrationen zu ergänzen. Sie wenden sich an illegale Vertriebsnetze, um sowohl Kinderschuhe als auch Dollars zu kaufen, die in den offiziellen Wechselstuben mit 10 % Sondersteuer zu haben sind.

Meistens kommt es nur darauf an so geduldig zu sein wie eine Spinne, die weiß, dass das kleine Insekt früher oder später an den klebrigen Fäden hängen bleiben wird. Die Staatsicherheit muss nur warten, bis ein Dissident „mit der linken Hand“ Kaffee kauft, oder es wagt, zusammen mit einem freiberuflichen Maurer die Fliesen in seinem Bad zu erneuern.

Obwohl es seit vielen Jahren gängige Praxis ist, in den letzten Monaten hat die Tendenz zugenommen, Aktivisten für vermutete wirtschaftliche Vergehen anzuklagen. Man legt ihnen Vergehen zur Last, die die Allgemeinheit jeden Tag begeht, oft unter den nachgiebigen Blicken der Polizei und dem Mitwissen von Funktionären und Administratoren. Trotzdem, im Falle eines Oppositionellen wird das Gesetz enger ausgelegt, wesentlich strenger, und außerdem muss es dann buchstabengetreu befolgt werden.

Auf allen internationalen Foren brüstet sich die Regierung von Raúl Castro damit, dass es keine politischen Gefangenen gäbe; in politisch motivierten Fällen kriminalisiert sie aber so triviale Sachen wie „vier Sack Zement im Haus“ oder „ein paar Gallonen Benzin auf Vorrat“, sofern man keine Papiere vorlegen kann, die den Kauf in einem staatlichen Laden bestätigen.

Den Journalisten Henry Constantín beschuldigte man der „widerrechtlichen Aneignung von legalen Befugnissen“, weil er als Reporter an einer unabhängigen Studie mitarbeitete, aber viele Ex-Militärs werden zu Geschäftsführern von touristischen Einrichtungen ernannt, obwohl sich keiner von ihnen jemals Kenntnisse in Hotelmanagement oder Betriebswissenschaft angeeignet hat. Bei keinem wurde angemahnt, dass er eine Funktion ausübe, für die er keine Qualifikation habe.

Die Lehre daraus ist, dass es unwichtig ist, welchen Grad an wirtschaftlicher Illegalität ein Vergehen hat, sofern man nur den Mund hält, wenn es um Kritik

Gegen Karina Gálvez, Mitarbeiterin im Studienzentrum für friedliches Zusammenleben (Centro de Estudios Convivencia), geht man gerade im Zusammenhang mit dem Erwerb ihres Hause gerichtlich vor, wegen vermuteter Steuerflucht. Ehe der neue Steuersatz für An-und Verkäufe Gesetz wurde, stürmten tausende Kubaner die Notariate, um ihre behördlichen Angelegenheiten noch zu den vorherigen Steuersätzen unter Dach und Fach zu bringen, weil diese da noch weit entfernt von den tatsächlichen Tarifen auf dem Wohnungsmarkt waren. Niemand wurde dafür belangt.

Eliécer Ávila, der Führer der Bewegung Somos+, erlebte den Abriss seines Hauses; man warf ihm „unerlaubte wirtschaftliche Aktivitäten“ vor. Sein „Verbrechen“ war: er hatte einen Laptop, wiederbeschreibbare CDs und verschiedene Einweg-Rasierapparate. Im Unterschied zu erfolgreichen Künstlern, die den ultimativen iMac importieren und zu verwöhnten Söhnen von einflussreichen Papas, die eine Parabolantenne auf dem Dach haben, um das Fernsehprogramm von Miami zu empfangen, beging der Aktivist das Vergehen zu sagen, „dass er beim Verlassen des Landes helfen wolle“.

Die Lehre daraus ist, dass es unwichtig ist, welchen Grad an wirtschaftlicher Illegalität ein Vergehen hat, sofern man nur den Mund hält, wenn es um Kritik an der Regierung geht. Es ist nicht dasselbe, ideologische Treue zu simulieren und Rindfleisch auf dem illegalen Markt zu kaufen, oder letzteres zu tun, wenn man einer oppositionellen Bewegung angehört.

Eine „schwarze Einkaufstasche“ kann zu einer Falle für die werden, die der Regierung nicht applaudieren.

Übersetzung: Dieter Schubert

Wenn der Missetäter die Regierung ist

In voruniversitären Schulen kam es zu Suiziden, Vergewaltigungen und die Schwächsten wurden systematisch beklaut. (blogger)

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      YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 04. Mai 2017    Ich war damals in der dritten Klasse, als die Lehrerin das aggressivste Mädchen meiner Klasse für das Amt der Klassensprecherin auswählte. Sie gab ihr freie Hand, die Kleinsten zu kontrollieren. Später erreichte diese Übeltäterin ein Amt im Dachverband der Mittelschulen und trat in die Union der Jungen Kommunisten ein. Heute ist sie ein aktives Mitglied des Komitees zur Verteidigung der Revolution; sie ist korrupt und gewalttätig, wird aber hoch geschätzt von ihrer zuständigen Behörde.

Das Nationale Zentrum für Sexualerziehung (Cenesex), unter der Leitung von Mariela Castro, initiierte eine Kampagne gegen das Bullying in Schulen und meint damit Mobbing, schwulenfeindliche Belästigungen und transsexuelle Vorurteile. Die Initiative bindet die Familie mit ein, „um zu verstehen, um was es geht, und um Mädchen und Jungen, Teenagern und Jugendlichen und allen Mitarbeitern der Schule zu helfen“, so die Sexualwissenschaftlerin.

Was Kuba betrifft, so stuft Castro die Existenz von Mobbing in der Schule als „ziemlich niedrig“ ein. Eine Aussage, die zumindest ihre fehlende Verbindung zur kubanischen Realität zeigt. Ohne zuverlässige offizielle Zahlen, sollte jede Evaluation zu diesem Thema auf die persönlichen Erfahrungen der Einzelnen zurückgreifen, denn genau dann kommen die Geschichten und Zeugenberichte über Bullying aus dem Umfeld der Lehrkräfte zum Vorschein.

Die voruniversitären Schulen auf dem Land, die von Ex-Präsident Fidel Castro gefördert wurden, stellten ein Sammelbecken für solche Missbräuche dar; viele davon geschahen unter den teilnahmslosen Augen der Lehrkräfte

Die voruniversitären Schulen auf dem Land, die von Ex-Präsident Fidel Castro gefördert wurden, stellten ein Sammelbecken für solche Missbräuche dar; viele davon geschahen unter den teilnahmslosen Augen der Lehrkräfte. Selbstmorde, Vergewaltigungen, systematische Diebstähle bei den Schwächsten und Machtstrukturen, die eher für Gefängnisse als für Lehrzentren typisch sind, gehörten zum Alltag für alle, die – wie wir – solche Schulen besucht haben.

Ich erinnere mich an das Frühjahr 1991, als ein Schüler vom Wassertank der voruniversitären Schule „Volksrepublik Rumänien“ in den Tod sprang. Auslöser waren die Sticheleien und der Druck von mehreren Mitschülern. Während der Pause am Abend, als wir alle zusammengedrängt im Mittelgang waren, hörten wir, wie sein Körper auf dem Beton der Zisterne aufschlug.

Seine Peiniger haben nie für jenen Tod bezahlt. Die Umstände seines Todes gingen nie in die Statistiken der Bullying-Opfer ein, und eine Familie musste ein Kind begraben, ohne dass sie dem Vorfall einen Namen hätte geben können: Mobbing in der Schule. Einige Wochen nach diesem Todesfall schnitt sich ein anderer Schüler die Pulsadern auf, zum Glück starb er nicht daran, und mehrere Zwölftklässler verprügelten einen Zehntklässler aufgrund seines „schwuchteligen“ Verhaltens.

Allerdings geht das Mobbing in Schulen noch darüber hinaus. Es gibt viele Möglichkeiten, einen Schüler zu schikanieren und nicht immer kommt dies von den Mitschülern. Auch sind die Auslöser dafür nicht immer sexuelle Stereotypen, wie die strikte Verteilung der Geschlechterrollen oder draufgängerisches Gruppenverhalten. Die ideologische Gewalt, die von der Regierung im Einvernehmen mit den Bildungseinrichtungen ausgeübt wird, ist eine andere Art, um psychologischen Schaden zuzufügen.

Vor ein paar Wochen, wurde Karla Peréz Gonzales, eine Journalistik-Studentin der Universität von Las Villas, Opfer eines institutionellen Missbrauchs, der bei der Jugendlichen mit gerade 18 Jahren einen dauerhaften emotionalen und sozialen Schaden hinterlassen wird. Hinzu kommt, dass sich die Leiter der betroffenen studentischen Föderation (FEU) sich ihr gegenüber verhalten haben, wie die Missetäter in der Schule, nämlich wie Bandenchefs oder Zuhälter.

Die ehemalige Studentin ist Opfer einer neuen Art von Mobbing geworden, dieses Mal in Form einer Rufmord-Kampagne, über die man eigentlich lachen könnte, wenn sie nicht dazu gemacht worden wäre, das Selbstbewusstsein einer Person zu zerstören, um sie als solche zu annullieren.

Auch nachdem sie von der Universität ausgeschlossen worden war, wurde die Studentin Opfer einer neuen Art von Mobbing, dieses Mal in Form einer Rufmord-Kampagne, über die man eigentlich lachen könnte, wenn sie nicht dazu gemacht worden wäre, das Selbstbewusstsein einer Person zu zerstören, um sie als solche zu annullieren. So etwas mit einer jungen Studentin zu machen, stellt einen Machtmissbrauch dar; es ist eine Verfolgung unter dem Deckmantel von schulischer Disziplin.

Solche Missetäter, die von oben geschützt werden, bekommen am Ende das Gefühl, dass sie Leben zerstören können, Unschuldige anklangen und anderen Schaden zufügen können, solange ihr Tun von einer Ideologie gedeckt wird. Ein System, das politische Schläger in Schulen und auf Straßen fördert, kann das Problem Bullying nicht in seiner ganzen Komplexität bekämpfen.

Wohlklingende Kampagnen zu veranstalten, nur um in der ausländischen Presse Schlagzeilen zu machen und hohe Fördergelder von internationalen Organisationen einzusammeln, sind keine Lösung für all die kubanischen Kinder, die in diesem Moment in ihren Schulen körperliche Gewalt, den Spott von Mitschülern, oder parteiische Indoktrination ertragen müssen.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Good morning, Lenin!

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Raúl Castro beobachtet die vielen Menschen, die vor den Politikern auf dem Platz der Revolution am Umzug teilnehmen. (CC)

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      YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 02. Mai 2017    Die Lautsprecher summten in der Ferne. Ihr Echo erfüllte das Viertel, wo viele den arbeitsfreien Montag dafür nutzten auszuschlafen, fernab des Protests anlässlich des 1. Mais, dem Tag der Arbeit, und der Parolen auf der Plaza de la Revolución. Die Schreie ins Mikrofon verloren sich in dieser Willenslosigkeit, wie eine verstimmte und fremde Musikband. Am Tag der Arbeit zeigte der Regierungsapparat seinen tropischen Chauvinismus.

Ich wachte auf, wie in dem deutschen Film Good Bye, Lenin!, und hatte das Gefühl, eine Zeitreise gemacht zu haben. Aber meine Reise brachte mich nicht in eine Zukunft voller unklarer Umrisse, sondern zurück in die Vergangenheit. Die Worte vom Generalsekretär der Central de Trabajadores de Cuba, dem kubanischen Gewerkschaftsbund, versetzten mich zurück in eine Zeit der ideologischen Prahlerei, in Jahre, in denen der russische Bär uns Rückendeckung gab und Kuba Soldaten in den südamerikanischen Urwald schickte, sowie Astronauten ins All.

Die Ansprache von Ulises Guilarte de Nacimiento roch nach Naphthalin; sie passte nicht in die Zeit, in der wir leben. In seinen wütenden Sätzen lag ein Nationalismus, der sowohl lächerlich als auch altmodisch war, und zudem politisch an fast keinem Ort auf diesem Planeten korrekt. Er sprach von Heldentaten, die der Großteil der Bevölkerung nie erlebt hat und obendrein kannte er nicht die Forderungen der kubanischen Arbeiterklasse. Er sprach in der Vergangenheit, verwendete die Rhetorik von den Unruhestiftern des letzten Jahrhunderts und übertrieb wie ein jeder gute Opportunist.

Es fehlten die Proteste der Arbeiterschaft, die Forderungen nach mehr Unabhängigkeit für die Gewerkschaften, die Beschwerden wegen der schweren Verstöße gegen die Sicherheit und Hygiene am Arbeitsplatz, die im ganzen Land zu finden sind, und die lebensnotwendige Forderung nach angemesseneren Gehältern in Anbetracht der hohen Lebenshaltungskosten.

Ich dachte an all die Themen, die nicht auf den Tisch gebracht wurden, an all die Forderungen der Arbeiterschaft, die nicht ausgesprochen wurden, weil der Akt mehr von Ideologie als von Klassenbewusstsein geprägt war. Es fehlten die Proteste der Arbeiterschaft, die Forderungen nach mehr Unabhängigkeit für die Gewerkschaften, die Beschwerden wegen der schweren Verstöße gegen die Sicherheit und Hygiene am Arbeitsplatz, die im ganzen Land zu finden sind, und die lebensnotwendige Forderung nach angemesseneren Gehältern in Anbetracht der hohen Lebenshaltungskosten.

Stattdessen nutzte die Regierung den Tag lieber zu politischen Zwecken und verwendetet wie schon in der Vergangenheit eine Tribüne mit ihrer klaren Anordnung: Regierung oben und Arbeiter unten. Es wurden mehr als tausend ausländische Gewerkschafter und Aktivisten eingeladen, damit sie mit eigenen Augen den „Enthusiasmus der kubanischen Arbeiterschaft“ sehen, aber die Veranstaltung war nur eine verwaschene Wiederholung von jenen anderen, die in den Ländern des ehemaligen sozialistischen Lagers stattfanden.

Wo waren all jene Arbeiter, die am Internationalen Tag der Arbeit aufmarschiert waren, als die Berliner Mauer fiel? Und als die UdSSR zusammenbrach, was machten jene Angestellte mit Medaillen auf der Brust, die Parolen auf jenen Plätzen schrien, um dies zu verhindern?

An jenem Montag reiste ich nicht in die Vergangenheit. Traurigerweise befand ich mich aber in der Gegenwart meines Landes. Eine Insel, die den Bezug zur Gegenwart verloren hat und 11 Millionen Menschen sind daher in der Vergangenheit gefangen.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Zehn Jahre, ein Blog

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Yoani Sánchez wurde für Ihre Arbeit mit „Generación Y“ im Jahr 2008 mit dem Journalistenpreis „Ortega y Gasset“ ausgezeichnet, den sie allerdings erst 5 Jahre später entgegennehmen konnte. (El País)

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      YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 10. April 2017    Die Sonne geht auf und das Geräusch der Tastatur läutet den Beginn eines neuen Tages ein. Ich beginne einen Blog, der mich die angenehmsten und schrecklichsten Momente meiner Existenz erleben lassen wird. Mit dem USB Stick um den Hals gehängt, trete ich auf die Straße, besteige die Außentreppe des Kapitols von Havanna und murmele einige Sätze vor mich hin, um mich in ein Lokal mit Internetzugang schleichen, das eigentlich nur für Ausländer gedacht ist. Es ist der 9. April 2007 und ich publiziere den ersten Text für Generación Y. Mein Leben hat soeben einen Umschwung erfahren.

Ein Jahrzehnt ist nun seit diesem Moment vergangen. Eine Zeit, in der ich in einem Post nach dem Anderen die Vorkommnisse analysiert habe, die sowohl die Realität meines Landes als auch meiner eigenen Existenz geprägt haben. Ich habe die Seiten dieses persönlichen Tagebuches gefüllt und Erfahrungen der gefährlichen und intensiven Jahre, die ich erlebt habe, geteilt. Ein digitales Logbuch, das auch als impressionistisches Gemälde  eines Kubas zu Beginn dieses Jahrtausends dienen kann.

Seitdem ist viel passiert. Ich habe die unglaubliche Reichweite des geschriebenen Wortes entdeckt, den Verstärkungseffekt der Technologie sowie die Absenz ethischer Grenzen im autoritäten Machtgefüge erfahren. Ich habe mit jedem veröffentlichten Satz Verantwortung gewonnen  und das ein oder andere Mal  habe ich die Konsequenzen tragen müssen – und zwar nicht für das, was ich gesagt habe, sondern für das, was Andere glaubten, dass ich gesagt hätte.

 

Ich habe die unglaubliche Reichweite des geschriebenen Wortes entdeckt, den Verstärkungseffekt der Technologie sowie die Absenz ethischer Grenzen in der autoritäten Macht

Ich handelte mir Schelten eines strengen Diktators ein, der es gewohnt war, nur seine eigene Stimme zu vernehmen. Mehr als eine Nacht verbrachte ich in einem Kerker und lernte, mich verschlüsselt auszudrücken und so die Mikrofone, die in meiner Wohnung angebracht waren, zu umgehen. Ich gewöhnte mich daran, mein Antlitz, mit den schlimmsten Adjektiven geschmückt, in den öffentlichen Medien zu sehen und verlor mehr als einen Freund. Nichtsdestotrotz haben die schönen Momente bei Weitem alle Strafen übertroffen, die ich mir mit diesem Raum für meine eigene Meinung eingehandelt habe.

Ich habe die unzähligen Stimmen entstehen und wichtiger werden sehen, die aus dieser kubanischen Blogosphäre einen immer pluralistischeren und integrativen Ort gemacht haben. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die genauso wie ich in ihren Ländern dazu beigetragen haben, mit neuen technischen Hilfsmitteln zu versuchen, die Gesellschaft zu verbessern. Dabei erhielt ich Unterstützung von meiner Familie und entdeckte den Beruf, den ich heute ausführe: Journalismus.

Jeder Text, der bei Generación Y erschien, zeigt diesen persönlichen Weg, der von Hindernissen und Belohnungen geprägt ist. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich nur den Moment verbessern, in dem ich beschlossen habe, diesen Blog zu schreiben. Ich verzeihe mir nicht, so lange gezögert zu haben, mich auszudrücken.

Übersetzung: Berte Fleißig

Raúl Castro ließ seine letze Chance verstreichen

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Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, und sein Amtskollege Raúl Castro gaben sich vor einem Jahr in Havanna die Hand. (Weißes Haus)

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      YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 22. März 2017    Vor einem Jahr bekam Kuba eine unvergleichliche Chance. Der amerikanische Präsident Barack Obama kam mit dem Wunsch auf die Insel, die politischen Auseinandersetzungen endlich zu überwinden. Diese Geste zeigt ihre Wirkung auf die diplomatische Situation, aber Raúl Castro – aus Furcht davor die Kontrolle zu verlieren – antworte darauf, indem er die wirtschaftlichen Reformen verlangsamte und stattdessen den ideologischen Diskurs und die Unterdrückung ausweitete.

Eine Nation erhält solche Chancen nicht jedes Jahr, nicht einmal in jedem Jahrhundert. Die Entscheidung sich zu verschanzen und sich so gegenüber einer flexibleren Politik zu verschließen, ist das Egoistischste, das die Revolution in den letzten Jahren getan hat. Die Möglichkeit den öffentlichen Zwist mit dem Nachbarn aus dem Norden zu beenden ungenutzt zu lassen, wird unvorhersehbare und langanhaltende Folgen für unser Land haben.

Unter diesen Folgen wird nicht die sogenannte „historische Generation”, die die Revolution in den 50ern anführte und die aufgrund der Gesetze der Biologie und der Abtrünnigkeit vieler bereits geschrumpft ist, zu leiden haben. Statt den Generälen in Olivgrün werden diejenigen, die noch in einer Wiege schlafen oder auf den Straßen der Insel mit einem Kreisel spielen, die Konsequenzen tragen müssen. Sie wissen es noch nicht, aber in den letzten zwölf Monaten hat ihnen ein Achtzigjähriger mit wenig Weitsicht einen Teil ihrer Zukunft entrissen.

Es lag nicht in der Verantwortung des Weißen Hauses diesen Wandel anzustoßen oder zu provozieren, aber seine positive Vorgehensweise schuf eine geeignete Szenerie um diesen weniger traumatisch zu gestalten.

Die größte Verschwendung lag darin, nicht diesen internationalen Moment auszukosten, die Freude über die ausländischen Investitionen und die Erwartungen auf ganz Kuba an die ersten Schritte in Richtung eines demokratischen Wandels, ganz ohne Gewalt oder Chaos. Es lag nicht in der Verantwortung des Weißen Hauses diesen Wandel anzustoßen oder zu provozieren, aber seine positive Vorgehensweise schuf eine geeignete Szenerie um ihn diesen weniger traumatisch zu gestalten.

Stattdessen hat die weiße Rose, die Obama Castro in seiner historischen Rede im Großen Theater von Havanna überreichte, zwischen der Zögerlichkeit und den Ängsten alle ihre Blätter verloren. Nun liegt es an uns den Kubaner von morgen zu erklären, warum wir an einem Wendepunkt unserer Geschichte standen und diesen vergeudet haben.

Übersetzung: Anja Seelmann