Was machen wir mit der Hoffnung?

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Eine Heuschrecke, die man in Kuba ‘Esperanza’ (Hoffnung) nennt. (Silvia Corbelle)

„Die Frustration entsteht immer aus einer übersteigerten Erwartungshaltung“, erklärte ich besorgt den US-Abgeordneten, die im Januar Kuba besuchten. Dieser Satz sollte ihnen aufzeigen welche großen Hoffnungen in der Bevölkerung seit dem 17. Dezember aufgekommen sind. Die Bekanntgabe der Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten hatte zur Folge, dass ein Gefühl in unser Land zurückkehrte, das Jahrzehnte lang verschollen war: die Hoffnung.

Die Erwartungen sind dagegen so hoch und schwierig zu erfüllen, dass viele wohl in kürzester Zeit wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden könnten. In der Realität ist es unmöglich solch übersteigerte Fantasien der Veränderung umzusetzen. Um die derzeitige schlechte Situation Kubas zu überwinden, benötigt man gewaltige Mittel und dringende Veränderungen. Die Zeit drängt, aber die kubanische Regierung hat noch keinen wirklich politischen Willen gezeigt, damit die neue Situation einem großen Teil der Bevölkerung zu Gute kommt.

Nach dem 17. Dezember hat sich jeder Einzelne auf die Wünsche für seine Bedürfnisse und Interessensgebiete konzentriert. Ein alter Lokführer, der zusah wie die Eisenbahn, von der er einst mit so viel Stolz redete, auseinanderfiel, versichert nun: „Du wirst sehen…wir werden dann sogar einen Hochgeschwindigkeitszug bekommen. Wenn man ihn dann fragt, woher er so viel Überzeugung nimmt, versichert er: „Sobald die vielen Ausländer anfangen hierher zu kommen wird man die öffentlichen Transportmittel verbessern müssen und dann können wir uns vor den vielen Investitionen, um die Linien zu verbessern und die neusten Waggons zu kaufen, sicher nicht mehr retten“. Seine Hoffnungen haben die Form einer eisernen Schlange, die flink und funkelnd die ganze Insel durchschlängelt.

Die Erwartungen sind dagegen so hoch und schwierig zu erfüllen, dass viele wohl in kürzester Zeit wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden könnten.

Es gibt andere, bei denen nehmen die Hoffnungen die Form eines Kilobytes an. Eine junge Zwanzigjährige, die das Internet nur aus den wenigen Onlinestunden in den langsamen und teuren Internetcafés der Telekommunikationsfirma Nauta kennt, bestätigt, dass wir vor Ende des Jahres „mobile Daten auf unserem Handy haben werden“. Ihre Überzeugung basiert nicht etwa auf einer vertrauenswürdigen Information zu der sie Zugang hatte, sondern auf folgender Erklärung: „Obama hat das schon gesagt, Telekommunikationsfirmen könnten mit Kuba verhandeln, es fehlt also nichts… nichts mehr dazu, dass ich den ganzen Tag auf Facebook und in Skype bin.”

Eine große nationale Besessenheit, nämlich das Essen, hat natürlich auch seinen Platz in den Träumereien der letzten Wochen gefunden. Eine Hausfrau, die sich selbst als „müde davon, immer das Gleiche zu kochen, weil es nicht anderes gibt“ beschreibt, hat ihre Hoffnungen auf eine Lieferung von Waren aus dem Norden gerichtet. „Einige Produkte wird es wieder geben und die Gefriertruhen in den Geschäften werden nicht mehr leer sein.” Ihre klaren und direkten Vorstellungen haben diesen fast schon vergessenen Geschmack von Rindfleisch, die Form von Öl und den Geruch von einer Zwiebel, die in der Pfanne goldbraun wird.

Auch die Kleinunternehmer stehen in nichts nach. Für den Besitzer eines Luxusrestaurant im Stadtteil Vedado in Havanna hat die Hoffnung die Konturen einer Fähre, die Havanna mit Florida verbindet. „Es wird bald soweit sein und dann haben wir Autos, große Importe.und frische Zutaten für unser Menü“, erklärt er mit einer solchen Überzeugung, dass es schon fast weh tut das Gegenteil zu behaupten. Es wirkt so als ob ein komplett ausgestatteter Saal, mit Gläsern, Weinflaschen und Lampen mit gedämpften Licht das Wasser überqueren würde, um zu dem neuen Restaurant zu kommen, das er gerade neben dem Anderen baut.

Während die Erwartungen immer weiter wachsen, wie ein Ballon, der kurz vorm Platzen ist, beteiligen sich wieder Andere mit Projekten im künstlerischen und kreativen Bereich. Ein Freund, ein privater Filmproduzent, glaubt, dass „Hollywood bald hier filmen könnte und dass die talentierten kubanischen Filmemacher bald die Mittel für große Produktionen haben werden“. Für diesen Künstler des Celluloids ist „alles was fehlt ein Fingerschnippen, damit die unabhängigen  Produktionsfirmen autorisiert werden und wir Investitionen aus den USA erhalten können“.

Bei den Andersdenkenden und in der Zivilgesellschaft gibt es nicht Wenige, die sich darauf vorbereiten auch nur die kleinste Chance zu ergreifen, ihre Gruppen oder Parteien zu legalisieren. Unter all denen, die hoffen sind sie die vorsichtigste Gruppe, da sie wissen, dass die politischen Freiheiten immer die letzten sind, die ins Rollen kommen… wenn sie das überhaupt tun. Sie entwerfen ihren eigenen Übergang der „illegalen, heimlichen und heldenhaften“ Phase in eine neue Etappe einer „legalen, öffentlichen und intelligenten“ Opposition. Man darf auch nicht vergessen, dass die Hoffnungen wahrscheinlich bereits die kubanischen Akademien, Lernzentren und offizielle Institutionen erreicht haben, mit Menschen, die nun wieder ihre alte Idee, in die Politik zu gehen sobald das Einparteisystem nur noch eine böse Erinnerung ist, aus der staubigen Schublade hervorholen.

 Wenn diese Traumblase platzt

und die überschraubten Erwartungen zu einer kollektiven

 Frustration führen… Was passiert dann?

All diese Erwartungen, geboren am Tag des heiligen Lazarus und genährt von den Besuchen Abgeordneter und Vermittler aus den USA auf Kuba ,sind nun für die Regierung der Insel ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seiten verschaffen ihr diese Illusionen Zeit und die Möglichkeit, diese Ziele ans Ende eines langen Prozesses mit vielen Gesprächen zwischen den beiden Regierungen, der sich über Jahre hinziehen könnte, zu setzen. Auf der anderen Seite wird die Enttäuschung über die Nichterfüllung oder den Aufschub dieser Träume direkt auf dem Platz der Revolution in Havanna enden.

Nicht Obama wird die Wut über das Unerreichte treffen, sondern Raúl Castro. Er weiß das und in den letzten Wochen haben seine Sprecher immer wieder darauf gepocht die Hoffnungen, die durch die Straßen des ganzen Landes strömen, zurückzuschrauben. Sie versuchen vorwegzunehmen, dass alles mehr oder wieder gleich bleiben wird und man keine übersteigerten Erwartungen haben sollte. Aber nichts ist so schwer aufzuhalten wie die Träume. Der symbolische Wert, den die nun begonnene Annäherung zwischen David und Goliath hat, kann nicht in Aufrufe zur Ruhe und energische Reden, die auf eine Verlangsamung der Verhandlungen abzielen, münden.

Wenn die Monate vergehen und der Hochgeschwindigkeitszug nicht ankommt, das Internet weiterhin nicht im Bereich des Unmöglichen liegt, die Gefriertruhen in den Geschäften immer noch so leer sind, die Zölle die private Einfuhr von Produkten verbieten, das Kubanische Institut für Filmkunst und Filmindustrie (ICAIC) das Monopol der Filmproduktion behält und die Mitgliedschaft in einer Oppositionspartei noch immer Unterdrückung und ideologische Stigmatisierung zur Folge hat…wenn diese Traumblase platzt und die überschraubten Erwartungen zu einer kollektiven Frustration führen… was passiert dann? Vielleicht wird ja in diesem Moment die Kraft geboren, um die Veränderung voranzutreiben.

Übersetzung: Anja Seelmann

Von Tatlins Flüstern zu Tatlins Schrei

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Bilder der ersten Versanstalung von ‘El Sususrro de Tatlin’, Havanna

Wir Teilnehmer jener ersten Veranstaltung El Susurro de Tatlin* (Das Flüstern Tatlins) in Havanna, werden sie nie vergessen, jene Minute der Freiheit an einem Mikrofon, die uns Jahre öffentlicher Beleidigung kosten sollte. Der Vorschlag, die Performance-Aktion neu aufzulegen, diesmal jedoch auf dem Platz der Revolution, hat in uns unverändert die Erinnerung an jene Nacht im Wilfredo-Lam-Zentrum ins Gedächtnis gerufen und mit ihr kam die Hoffnung, dass diesmal die Mikrofone für eine größere Anzahl von Kubanern offen wären. Ich gebe zu, dass ich sogar darüber nachdachte, wo man das Podium wohl am besten aufstellen sollte, wo die in olivgrün gekleideten Darsteller stehen sollten, die die jeweiligen Redezeiten regulieren, und wie man die Taube sehen würde, wenn sie auf den Schultern jedes Redners mit den Flügeln schlägt.

Am Vorabend des 30. Dezembers konnte ich mit Tania Bruguera reden, die heiser und erschöpft klang und bereits spürte, wie sich der Käfig um sie schloss. Alles deutete darauf hin, dass sie ihr nicht erlauben würden, bis zu jenen Platz vor dem Regierungssitz zu gelangen, und dass die politische Polizei eine Unterdrückungswelle gegen diejenigen auslösen würde, die sie begleiten wollten. Ich wagte es, ihr drei mögliche Szenarien zu beschreiben, mit denen sie konfrontiert werden könnte: dass sie sie das Haus nicht verlassen ließen oder sie einsperrten; dass sie sie zwar auf den Platz lassen würden, aber dort dann plötzlich ein Volksfest mit günstigem Bier, Umzügen und lautstarker Musik stattfände; oder dass sie sie Susurro de Tatlin  zwar aufführen ließen, doch die Redezeit am Mikrofon mit Stimmen füllen würden, die offizielle Parolen schrien. Es war nicht möglich, diesen Variablen eine hinzuzufügen, die so endete, dass der Chor aus Pluralität und Toleranz vor der José-Martí-Statue zu Gehör gebracht werden würde.

“Das Flüstern aber verwandelte sich in den Schrei Tatlins…der Platz der Revolution ist heute in jedem von uns”

In jenem Gespräch sagte ich ihr, dass “die Performance bereits stattfand; die Absicht der künstlerischen Aktion erreicht wurde“, da Bruguera bereits mit ihrem Vorschlag das Flechtwerk der Zensur, die kulturelle Feigheit und die Repression enthüllt hat, die das tägliche Leben der Kubaner lähmt. Viele ihrer Künstlerfreunde haben es abgelehnt, sie zu begleiten, einige Bekannte riefen sie dazu auf einen Rückzug zu machen und Susurro de Tatlin ins Innere einer Einrichtung zu verlegen, und andere, die mehr involviert waren, warnten sie, dass es einen Plan gäbe, sie vom Platz „zu entfernen“. Ab den frühen Morgenstunden begann der makabere Tanz der Verhaftungen und der Einschüchterung.

“Damen in Weiß“ und andere Aktivisten, sowie Journalisten und Dissidenten wurden eingesperrt oder davon abgehalten, ihre Häuser zu verlassen. Die Handykommunikation vieler wurde unterbrochen, Textnachrichten ließen sich nicht verschicken, und der Zugriff auf den Emailanbieter Nauta eingeschränkt. Im Flüsterton verbreitete sich die Information über das was geschah. Das 14ymedio-Team erlitt einen schweren Schlag, als zwei Reporter und ein Mitarbeiter verhaftet wurden und unsere Redaktion stundenlang von einem Einsatzkommando besetzt war. Mit der Rückkehr der Kommunikation verlängerte sich dann auch die Liste der Verhafteten, und wir riefen uns gegenseitig an um uns auf den neuesten Stand zu bringen.

Das Flüstern aber verwandelte sich Tatlins Schrei. Jenen, den man nun über Telefonleitungen vernimmt, auf Twitter, draußen vor den Polizeistellen, wo Familienangehörigen einfordern, den letzten Tag des Jahres zusammen mit den ihren zu verbringen. Es gibt kein Mikrofon, keine weiße Taube und auch ist es keine Minute voller Freiheit, sondern lange Stunden aus Leid und Unbehagen.

Tania, unter allen Szenarien die wir je entworfen haben, fehlte genau dieses. Du, im Gefängnis, und von dort aus, im grauen Gefangenenanzug, hast die schlagkräftigste und unvergesslichste all deiner künstlerischen Aktionen hervorgebracht. Der Platz der Revolution ist heute in jedem von uns.

 

*Anm. d. Übersetzerin:

Tanja Bruguera ist eine kubanische Performance Künstlerin, die derzeit in New York lebt. Im Zuge ihrer ersten Performance von El Susurro de Tatlin im Jahr 2009, im Wifredo-Lam-Zentrum, stellte sie den Besuchern jeweils eine Minute Redefreiheit an einem offenen Mikrofon zur Verfügung; hierbei forderte Yoani Sánchez das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Wladimir Tatlin (1885-1953) war ein russischer Maler und der Begründer der Maschinenkunst; er prägte die Epoche der russischen Avantgarde. In symbolischer Form nimmt Tania Bruguera mit El Susurro de Tatlin Bezug auf dessen Turmprojekt Monument der Dritten Internationale.

Übersetzung: Nina Beyerlein

 

Ist der D-Day gekommen?

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Telefongespräch zwischen Barack Obama und Raul Castro. (Weißes Haus)

Heute ist einer von diesen Tagen, wie wir ihn uns tausendfach vorgestellt haben, aber nicht so, wie er schließlich gekommen ist. Man trifft Vorbereitungen für den Festtag; wie man das “Ende” feiern könnte; Freunde umarmen, die nach Hause kommen; Fähnchen auf der Straße schwenken; aber der D-Day lässt auf sich warten. An seine Stelle treten bruchstückhaft Ereignisse, ein Fortschritt hier, ein Rückschritt dort. Keine Rufe “Es lebe das freie Kuba!”, keine entkorkten Flaschen. Im Alltag verschwindet dieser Wendepunkt, den wir für immer im Kalender anstreichen sollten.

Heute ist einer von diesen Tagen, wie wir ihn uns tausendfach vorgestellt haben, aber nicht so, wie er schließlich gekommen ist. Man trifft Vorbereitungen für den Festtag; wie man das “Ende” feiern könnte; Freunde umarmen, die nach Hause kommen; Fähnchen auf der Straße schwenken; aber der D-Day lässt auf sich warten. An seine Stelle treten bruchstückhaft Ereignisse, ein Fortschritt hier, ein Rückschritt dort. Keine Rufe “Es lebe das freie Kuba!”, keine entkorkten Flaschen. Im Alltag verschwindet dieser Wendepunkt, den wir für immer im Kalender anstreichen sollten.

Die Ankündigung von Seiten der Regierungen Kubas und der Vereinigten Staaten wieder diplomatische Beziehungen aufzunehmen, überrascht uns inmitten von Zeichen, die in die Gegenrichtung weisen, wie auch unsere verschlissenen Hoffnungen. Raúl Castro verschob gerade die dritte Gesprächsrunde mit der EU, die im nächsten Monat stattfinden sollte; noch am 10. Dezember hatte das repressive System seine Wut an Aktivisten ausgelassen, wie immer am Internationalen Tag der Menschenrechte.

Die erste Überraschung war, dass man inmitten der offiziellen Angeberei und einer eindeutigen ideologischen Rolle rückwärts Appelle an uns richtete, die dazu aufriefen, die Wachsamkeit gegen den “Feind” zu verdoppeln; seit 18 Monaten schon gab es zwischen dem “Platz der Revolution” und dem “Weißen Haus” Gespräche. Ein klarer Hinweis darauf, dass alles Gerede von Unnachsichtigkeit nur Show war. Während man die Bewohner der Insel glauben ließ, dass sie, wenn sie auch nur die Türschwelle der Interessenvertretung der Vereinigten Staaten in Havanna überschreiten würden, Vaterlandsverräter wären, handelten die Regierenden in olivgrün Abkommen mit “Uncle Sam” aus. Eine ausgemachte politische Falschheit!

Andererseits hatten sowohl die Erklärungen von Obama wie auch die von Castro einen Anflug von Kapitulation. Der Präsident der Vereinigten Staaten kündigte eine lange Liste von flexibilisierenden Maßnahmen an, um beide Nationen näher zu bringen, ehe sie gewünschte und geforderte Schritte zur Demokratisierung und zur politischen Öffnung unseres Landes auf den Weg bringen würden. Das Dilemma, was zunächst geschehen müsste, – eine Geste von Havanna oder die Flexi-Maßnahmen von Washington – ist somit gelöst worden, obwohl das Feigenblatt des amerikanischen Embargos weiterbesteht, damit niemand sagen kann, es handle sich um einen vollständigen Verzicht.

Die Tagesordnung auf der anderen Seite der Meerenge mit Florida ist uns auch im Detail bekannt, aber die Interna dort bleiben wie schon so oft geheim, und somit verborgen.

Raúl Castro seinerseits beschränkte sich darauf, die neuen Gesten von Seiten Obamas anzukündigen, sowie den Austausch von Alan Gross und weiteren Häftlingen, die für die amerikanische Regierung von Interesse sind. Trotzdem, in seiner kurzen Ansprache vor den Kameras des nationalen Fernsehens, erwähnte er weder Vereinbarungen noch Kompromisse von Seiten Kubas; ausgenommen die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen. Die Tagesordnung auf der entlegenen Seite der Meerenge mit Florida ist uns auch im Detail bekannt, aber die Interna dort bleiben – wie schon so oft – geheim, und somit verborgen.

Aber auch so, trotz fehlender offengelegter Vereinbarungen von der Seite Kubas, war “das von heute” eine politische Niederlage. Unter der Führung von Fidel Castro wäre man nie auf den Gedanken gekommen, eine Vereinbarung dieser Art auch nur in Erwägung zu ziehen. Denn das kubanische System stützt sich auf das ständige Vorhandensein eines Gegenspielers, was eine seiner wichtigsten Stützen ist. David kann nicht ohne Goliath leben, aber der ideologische Apparat ist durch die langen Streitigkeiten müde geworden.

Soll ich den Reden zuhören, oder gehe ich Fisch kaufen?

Auf dem Hauptmarkt im Viertel Carlos III entdeckten die Kunden überrascht, dass um die Mittagszeit auf den großen Bildschirme weder Fußball noch Videoclips zu sehen waren, sondern zunächst eine Rede von Raúl Castro und anschließend die von Obama, – übertragen von TeleSur. Die erste Ansprache löste eine gewisse Verblüffung aus, die zweite aber war begleitet von Küsschen in Richtung des amerikanischen Präsidenten, vor allem, als er die flexibilisierenden Maßnahmen für die Geldüberweisungen nach Kuba erwähnte, sowie das delikate Thema Telekommunikation. Den einen oder anderen Schrei “I love…” konnte man jetzt aus einer Straßenecke hören.

Dennoch muss man sagen, dass die Nachricht eine mächtige “Konkurrenz” hatte, weil es auf dem rationierten Markt wieder Fisch gab; nach Jahren, wo man ihn dort nicht mehr gesehen hatte. Nichts desto trotz, am späten Nachmittag wussten alle Bescheid und teilten miteinander Gefühle von Freiheit, Erleichterung und Hoffnung.

Es fehlt ein verbindlicher Zeitplan, mit dem man weitergehend erreichen kann, die kubanische Regierung zu einer Reihe von Maßnahmen zugunsten einer Demokratisierung zu verpflichten; verbunden mit dem Respekt vor Verschiedenheit.

Trotzdem hat alles erst begonnen. Es fehlt ein verbindlicher Zeitplan, mit dem man weitergehend erreichen kann, die kubanische Regierung zu einer Reihe von Maßnahmen zugunsten einer Demokratisierung zu verpflichten und zum Respekt vor Verschiedenheit. Man muss diese Synergie nützen, die die Ankündigungen erzeugt haben, um von Raúl Castro eine öffentliche Zusicherung zu erhalten, die wenigstens die vier Konsenspunkte enthält, die unsere Zivilgesellschaft in den letzten Monaten erarbeitet hat.

Die Freilassung aller politischer Gefangenen einschließlich derer, die aus Gewissensgründen im Gefängnis sind; das Ende der politischen Unterdrückung; die Ratifikation der UNO-Konventionen über zivile, politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte zusammen mit der konsequenten Anpassung der kubanischen Rechtsprechung; sowie die Anerkennung einer kubanischen Zivilgesellschaft innerhalb und außerhalb der Insel. Raúl Castro diese Kompromisse zu entreißen, hieße, mit der Demontage eines totalitären Systems zu beginnen.

Solange man keine Schritte dieser Tragweite unternimmt, werden viele von uns denken, dass der erhoffte Tag noch nicht nah ist. Also heben wir die Fähnchen auf, wir sollten auch noch keine Flaschen entkorken; das Beste wird sein weiter Druck auszuüben, damit er endlich kommt, der D-Day!

Anmerkung des Übersetzers:

Alan Gross war im Dezember 2009 als angeblicher Spionin Kuba inhaftiert worden. Er wurde gegen drei seit 1998 in den USA einsitzende kubanische Spione ausgetauscht.

(Quelle: Nürnberger Nachrichten)

Übersetzung: Dieter Schubert

 

 

Von Karnevalstruppen und Menschenrechten

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Verhaftungen in Havanna am Tag der Menschenrechte. (14ymedio)

Seit Tagen, Monaten war der Karneval bereits geplant. Die Hintergrundmusik: Parolen und künstliche Begeisterung. Die Bühne: genau die Straßenecke, an der sich die Damen in Weiß* am Welttag der Menschenrechte versammelten. Währenddessen wurde das “Tanzensemble“ aufgestellt: Arbeiter und Schüler, die man von ihren Arbeitsplätzen und aus ihren Schulen geholt hatte, damit sie den Versammlungsort der Aktivistinnen besetzen. Auch die Essensstände durften nicht fehlen und in einigen Provinzdörfern kamen sogar noch riesige Lastwägen mit Freibier hinzu, denn in unserem Fall gibt es statt Brot und Spielen, Alkohol und Unterdrückung.

Und dann war es Zeit für Parade. Rund um die Eisdiele Coppelia gab es ein seltsames Getümmel von Menschen in Zivil, die die Aufmerksamkeit einiger ahnungslosen Passanten auf sich zogen, die nicht so recht wussten, ob man hier Schlange stand, um ein nicht länger vorrätiges Produkt zu kaufen, oder es sich um Filmliebhaber handelte, die auf die Öffnung des Kinos Yara warteten. Doch etwas verriet sie trotzdem. Sie schauten um sich, als hielten sie nach einer Beute Ausschau und sie trugen jene Kleidung, die jedermann sofort als den Aufzug ausmachen konnte, den die Staatssicherheit immer dann trägt, wenn sie unentdeckt bleiben möchte. Außerdem waren sie, verglichen mit dem Durchschnittskubaner, zu korpulent. Sie tanzten nicht wie im Karneval, sondern gingen auf die in Weiß gekleideten Frauen zu und versuchten mit ihren Körpern zu verdecken, wie diese mit Gewalt in den Polizeiwagen gedrängt wurden. Eine makabre “Tanztruppe“ bei der Aufführung ihrer Choreografie der Unterdrückung.

Wie oft hatte ich als Kind wohl an solch einem Karneval

der Unterdrückung teilgenommen ohne es zu merken?

Und dann ertönte die Tröte… ich meine natürlich die Hupe eines Autos. Eine zierliche Frau hatte es geschafft bis zum linken Teil des Herzens des Stadtviertels Vendado zu gelangen. Dutzende Gesichter wandten sich ihr zu und sprachen in ein winziges Kopfhörerkabel, das von ihrem Ohr herabhing. Ein Agent, der jahrelang in die unabhängige Presse eingeschleust und dann sang- und klanglos aufgeflogen war, dirigierte das Orchester. Aus den Lautsprechern tönten im Vorfeld aufgenommen Phrasen, damit es weder zu Überraschungen, noch Spontaneitäten kommen konnte. Die Frau verschwand innerhalb einer Sekunde. Die Kinder tranken ihre Erfrischungsgetränke und Havanna erlebte einen ihrer kältesten Tage in diesem Jahr. Das Spektakel dauert noch stundenlang.

Wie oft hatte ich als Kind wohl an solch einem Karneval der Unterdrückung teilgenommen ohne es zu merken? Wie viele der Feste, an denen ich teilnahm, dienten in Wirklichkeit nur dazu die Schrecken zu vertuschen? Waren all die Straßentänze und –feste ebenfalls nur polizeiliche Eingriffe? Nach diesem Erlebnis, wird es mir schwer fallen, mich je wieder an einem Karnevalsumzug zu erfreuen.

*Anmerkung der Übersetzerin:

Die Damen in Weiß (spanisch Movimiento Las Damas de Blanco “Laura Pollán”) sind eine Gruppe kubanischer Frauen, die sich für die Beachtung der Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzen.

Übersetzung: Katrin Vallet

Mexiko hat all seine Tränen aufgebraucht

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Protestmarsch in Mexiko City wegen der 43 Verschwundenen. (Twitter von Juan Manuel Karg)

Als ich zum ersten Mal in Mexiko war, beeindruckten mich sein großes Potenzial und seine riesigen Probleme. Mich faszinierte die Kultur der Maya, deren Kalender sich im Laufe der Zeit verliert, vor allem wenn wir sie mit der Geschichte Kubas vergleichen, die noch in den Kinderschuhen steckt. Jedoch schockierte mich am meisten, dass meine Freunde und Bekannten mich ständig warnten und mir Ratschläge gaben, dass es nicht sicher auf den Straßen sei, und wegen der vielen Gefahren die dort lauern würden.

Die herzzerreißendsten Worte, die ich während meines Besuches hörte, kamen von Judith Torrea, einer spanischen Journalistin, die in Ciudad Juárez lebt und Geschichten über Mütter sammelt, deren Töchter im Teenageralter nicht mehr von ihrer Arbeit oder ihrer Universität heimgekommen sind.

Es tat mir sehr weh, sehen zu müssen, dass der gewaltsame Tod in einigen Regionen dieses wunderschönen Landes zu etwas Alltäglichem geworden ist. La Catrina – Mexikos hoheitsvolle Dame des Todes – lächelte nicht mehr; ihre leeren Augenhöhlen schienen eine traurige Ahnung davon zu haben, was ihr fehlt, um in Mexico zu “leben”. Das Verschwinden von 43 Studenten aus Ayotzinapa hat an Schrecken alles Bisherige übertroffen, was die Menschen durchmachen, die in einer Gesellschaft leben, wo Korruption, ein unwirksames Rechtssystem und bewaffnete Drogenkartelle seit langer Zeit den Ton angeben. Als ob man einer Bevölkerung, die durch die erlittenen Verluste schon gebrochen war, noch weitere Wunden hätte zufügen können.

 Als ob man einer Bevölkerung, die durch
die erlittenen Verluste schon gebrochen war, noch
weitere Wunden hätte zufügen können.

 

Jeder einzelne dieser verschwundenen Jugendlichen war ungefähr im Alter meines Sohnes Teo. Einige Fotos erinnerten mich sogar an sein goldbraunes Gesicht und seine mandelförmigen Augen. Auch er hätte einer von jenen sein können, die eines Tages aus der Uni kamen und sich entschlossen gegen die derzeitigen Zustände zu protestieren. Alles weist darauf hin, dass die lokalen politischen Führungspersonen, die mit den Drogenkartellen zusammenarbeiten, gewaltsam das Leben derer beendet haben, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten. In den letzten Wochen haben die Familienangehörigen Phasen voller Tränen, voller Hoffnung und immer wieder voller Schmerz durchlebt. Solange sich die schreckliche Wahrheit nicht bestätigt, will sie keiner wahrhaben, aber die Anzeichen lassen das Schlimmste vermuten.

Mexiko hat all seine Tränen aufgebraucht. Lateinamerika muss nun diese herzliche Nation begleiten, sowohl auf der Suche nach Antworten zum Verschwinden der Studenten, aber auch auf dem Weg zu einer Lösung der großen sozialen und institutionellen Probleme, die der Auslöser für dieses Unglück waren. Wir anderen Lateinamerikaner müssen den Mexikanern unsere Solidarität zeigen und mit ihnen ihren Schmerz und ihren Zorn teilen. Niemand soll seinem Kind mehr in die Augen schauen, ohne an die verschwundenen Jugendlichen zu denken.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Havanna, wie du mir schmerzt!

zum 495. Geburtstag der Stadt 

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Eingestürztes Haus in Havanna. (Foto Silvia Corbelle)

Aus Havanna zu sein, bedeutet mehr als dass man in einem bestimmten Gebiet geboren wurde. Es bedeutet, dass man dieses Gebiet immer auf seinen Schultern trägt und sich nicht von ihm lösen kann. Ich war sieben Jahre alt als ich zum ersten Mal erkannte, dass ich zu dieser Stadt gehörte. Einmal war ich in einem kleinen Dorf namens Villa Clara und versuchte an die Guajaven an einem Ast heranzukommen, als eine große Gruppe Kinder des Ortes mich und meine Schwester umringte und alle riefen: „Sie sind aus Havanna! Sie sind aus Havanna!“ Zu diesem Zeitpunkt verstanden wir den ganzen Aufruhr nicht, aber mit der Zeit wurde uns klar, dass wir ein trauriges Privileg haben. Nämlich das, in dieser heruntergekommenen Großstadt geboren zu sein, deren größter Reiz in dem liegt, was sie sein könnte und nicht in dem was sie ist.

Ich bin ein totaler Stadtmensch. Aufgewachsen bin ich in einem Teil des Viertels Cayo Hueso, in dem die nächsten Bäume mehr als 500 Meter entfernt waren. Ich sehe mich als eine Tochter des Asphalts, des Geruchs nach Kerosin, der Wäscheleinen an den Balkonen, von denen es heruntertropft, und der Abwasserkanäle, die hin und wieder einmal überlaufen. Dies war niemals eine einfache Stadt. Nicht einmal auf den Postkarten für die Touristen, mit ihren überarbeiteten Farben, ist ein bequemes und verständliches Havanna zu sehen.

Manchmal will ich nicht mehr durch die Stadt laufen, weil es mir Schmerz bereitet. Ich gehe die Straße Belascoaín hinauf, mit dem Rücken zum Meer mit dieser Brise, die ich so gut kenne. Ich komme an die Kreuzung zur Straße Reina. Dort steht eine Kirche im gotischen Stil, die, als ich noch klein war, so auf mich wirkte als würde sie sich in den Wolken verlieren. Als ich 17 Jahre alt war, sah ich dort zum ersten Mal einen Weihnachtsbaum. Ich gehe weiter durch die Portale, hier und da in hüpfenden Schritten. Von einigen Treppen laufen Wasserrinsel herunter und eine Frau versucht mir Cremitas de leche* zu verkaufen, die die gleiche Farbe wie die Straße haben.

Havanna ist eine Stadt
des Geschreis und des Flüsterns.
Derjenige, der sich nur auf das Geschrei konzentriert
wird wir nie ihr Getuschel hören.

 

Ich sehe schon die Ampel in der Straße Galiano, aber meine Schritte verlangsamen sich, da sehr viel los ist. Ein Polizist biegt um die Ecke und manche verstecken sich hinter den Türen oder gehen schnell in die Geschäfte als ob sie etwas kaufen wollten. Sobald der Polizist weg ist, werden sie zurückkehren und ihre Waren flüsternd anbieten. Denn Havanna ist eine Stadt des Geschreis und des Flüsterns. Derjenige, der sich nur auf das Geschrei konzentriert, wird nie ihr Getuschel hören. Das Wichtigste sagt man immer mit einem Zeichen, mit einer Geste oder mit einer schnellen Lippenbewegung, die sagt: „Vorsicht“, „Da kommt jemand“ oder „Folge mir“. Eine Sprache, die sich in Jahrzehnten der Heimlichkeit und der Illegalität entwickelt hat.

Die Straße Neptuno ist schon in der Nähe. Ich habe ein altes Ehepaar gehört, dass vor einer Fassade stand und sagte: “Hey, war hier nicht…?”, aber ich habe den Rest des Satzes nicht gehört. Es ist auch besser so, den Havanna ist wie eine Sequenz von Erinnerungen und der Nostalgie. Wenn man durch die Stadt läuft ist es als würde man auf dem Pfad der Verluste gehen. Dort wo ein Gebäude abgerissen wird, bleibt der Schutt noch Tage, Wochen liegen. Dann bauen sie einen Parkplatz in die Lücke, die entstanden ist oder stellen einen Kiosk hin, um Seifen, Süßigkeiten und Rum zu verkaufen. Viel Rum, denn dies ist eine Stadt, die ihr Leid im Alkohol ertränkt.

          dies ist eine Stadt,
die ihr Leid im Alkohol ertränkt 

Ich komme am Malecón an. In weniger als einer halben Stunde habe ich das Stück der Stadt durchlaufen, das in meiner ganzen Kindheit die gesamte Stadt zu beinhalten schien. Ich bin eine Guajira** aus dem Zentrum von Havanna, eine von denen die denken, dass nach der Straße Infanta die Grünflächen liegen. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass diese Stadt viel zu groß ist, um sie zu kennen. Ich erkannte auch, dass auch diejenigen die in den Vierteln Diez de Octubre, el Cerro, el Vedado oder Marianao aufgewachsen sind diesen Schmerz spüren. Es ist ganz egal, denn Havanna zeigt seine Wunden in jedem Viertel.

Ich berühre die Mauer, die uns vom Meer trennt. Sie ist rau und warm. Wo sind wohl diese Kinder, die mich in meiner Kindheit – in einem winzigen Dorf – erstaunt angesehen haben weil ich aus Havanna war? Würden sie diese Last tragen wollen? Sind sie auch hier gelandet und leben nun zwischen den Müllhalden und den Lichtern? Tut es ihnen so sehr weh wie mir? Ich bin mir sicher, dass es so ist, denn Havanna ist nicht einfach nur der Ort, der in unseren Ausweispapieren steht. Diese Stadt ist ein Kreuz, das man überall mit hin schleift, ein Ort, der dich, wenn du ihn einmal erlebt hast, nie wieder loslässt.

Anm. d. Übers:

*Cremitas de leche sind ein meist kleines und rundes, typisches Gebäck auf Kuba, dass überwiegend aus Milch und Zucker besteht.

**Guajira ist auf Kuba eine Bezeichnung für die Landbewohner.

Übersetzung: Anja Seelmann

 

 

Unsere Mauer ist nicht gefallen – aber sie ist nicht für die Ewigkeit gebaut

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Der Fall der Berliner Mauer oder die Geburt einer neuen Ära (Archivbild).

Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Leben zwischen Mauern verlaufen. Die der Strandpromenade Malecón, die mich von einer Welt abtrennte, von der ich nur Schreckliches gehört hatte. Die der Schule, die ich besuchte als Deutschland sich wiedervereinigte. Eine lange Lehmmauer, hinter der sich die illegalen Süßwarenverkäufer versteckten. Eine zwei Meter hohe Mauer aus Ziegelsteinen über die einige Schulkameraden kletterten, um ein paar von jenen Stunden zu schwänzen, die genauso politisch indoktriniert wie langweilig waren. Hinzu kam die Mauer des Schweigens und der Angst. Daheim legten sich meine Eltern den Zeigefinger auf die Lippen, sprachen mit leiser Stimme… irgendetwas war im Gange, doch sie sagten mir nichts.

Im November 1989 fiel die Berliner Mauer. In Wirklichkeit brachten sie sie zum Fall, schlugen sie mit Hammer und Meißel ein. Sie nahmen es mit ihr auf, und zwar diejenigen, die Wochen zuvor der Kommunistischen Partei gehorsam zu folgen und an das Paradies des Proletariats zu glauben schienen. Die Nachricht erreichte uns langsam und häppchenweise. Die kubanischen Behörden versuchten davon abzulenken und dem Thema Wichtigkeit abzugewinnen, aber die Einzelheiten sickerten nach und nach zu uns durch. In jenem Jahr ließ ich meine Jugend hinter mir. Ich war erst vierzehn Jahre alt und all das was noch kommen würde ließ einfach keine Naivität mehr zu.

 Die Berliner wachten mit den Hammerschlägen auf
und wir Kubaner entdeckten, dass die versprochene Zukunft die reinste Lüge war

 

Die Masken fielen eine nach der anderen. Die Berliner wachten mit den Hammerschlägen auf und wir Kubaner entdeckten, dass die versprochene Zukunft die reinste Lüge war. Während sich Osteuropa aus der Umarmung des Kremls befreite, wurden Fidel Castros Ansprachen am Rednerpult lauter und er versprach im Namen aller, dass wir niemals schwach werden würden. Nur wenige besaßen den Scharfsinn um zu bemerken, dass jenes politische Delirium uns in unsere schwierigsten Jahre führen würde, mit denen sich gleich mehrere kubanische Generationen auseinandersetzen mussten. Die Mauer fiel weit weg von uns, aber gleichzeitig richtete sich eine andere Barrikade um uns auf: die der ideologischen Verblendung, der Unverantwortlichkeit und des Voluntarismus.

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen. Die Deutschen, und der ganze Planet, feiern am Tag des 9. November das Ende einer Absurdität. Sie ziehen Balance darüber, was nach jenem November erreicht worden ist und genießen die Freiheit, sich über das, was nicht gut gelaufen ist, zu beschweren. Wir in Kuba haben fünfundzwanzig Jahre verloren, um auf den Zug der Geschichte aufzuspringen. Für unser Land bleibt die Mauer bestehen, obwohl gerade jetzt wenige einen Schutzwall stützen, der eher aus der Laune eines Mannes heraus als durch die Entscheidung eines Volkes errichtet wurde.

Unsere Mauer ist nicht gefallen… aber sie ist nicht für die Ewigkeit gebaut.

Übersetzung: Nina Beyerlein