Beschämende Freunde

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Seit dem Jahr 1994 ist Alexandr Lukashenko in Weißrussland an der Macht. (CC)

Generación Y, Yoani Sánchez, 25. Mai 2016  Jene Personen, mit denen wir Freud und Leid teilen, sind unser eigenes Spiegelbild, auch wenn sie noch so verschieden sind. Wir suchen uns unsere Freude aus, damit sie uns Gesellschaft leisten, aber auch, damit sie uns mit der notwendigen Vielfalt und Kontinuität, die unsere menschliche Natur braucht, vervollständigen. Problematisch wird es dann, wenn die Wahl solcher Koexistenzen weder auf Gemeinsamkeiten noch auf Vorlieben beruht, sondern lediglich auf Interessen und Bündnissen, die es zum Ziel haben, anderen unbequem zu werden.

In ein und derselben Woche hat die kubanische Regierung gleich zwei jämmerliche autoritäre Regime in die Arme geschlossen. Wenige Stunden nachdem sich der kubanische Vizepräsident Miguel Díaz-Canel Bermúdez mit öffentlichen Funktionären in Weißrussland getroffen hatte, fand im kubanischen Regierungssitz Plaza de la Revolución ein Treffen zwischen Raúl Castro und einem Sondergesandten der Arbeiterpartei Nordkoreas statt. Genossen, die alles andere als präsentabel sind, werden vom kubanischen Regierungsapparat ganz ohne Scham umarmt und gerühmt.

In einer Welt, in der einerseits die Zivilgesellschaft mit ihrem Aufruf, die Menschenrechte zu respektieren, sowie andererseits Bewegungen, die die Anerkennung der Freiheiten vorantreiben, immer mehr Gehör finden – in dieser Welt hat es die kubanische Regierung schwer, ihre guten Verbindungen zum „letzen Diktator Europas“, sowie zu jenem maßlos kapriziösen „Enkelsohn“ zu erklären, der seine Machtposition aufgrund seiner Abstammung geerbt hat. Was verbindet Kubas Führungskräfte mit jenen politischen Exemplaren?

Die einzige mögliche Antwort wäre die, die westlichen Demokratien und das Weiße Haus schikanieren zu wollen. Die diplomatische Freundschaft wird zur Komplizenschaft, und am Ende bestimmen die Genossen das Wesen derer, die ihre Gesellschaft gesucht haben.

Übersetzung: Nina Beyerlein

 

Maduro und das Land, das ihm unter den Händen zerfällt

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Eine Demonstrantin vor der bolivianischen Nationalpolizei am Mittwoch bei einer Demonstration in Caracas. (EFE/Miguel Gutiérrez) (Anm. d. Ü.: Auf ihrem Plakat steht: Wir verhungern! Totale Diktatur!)

Generación Y, Yoani Sánchez, 19. Mai 2016 Alle Zeichen deuten auf einen Zusammenbruch Venezuelas hin. In jeder Minute, die vergeht, zerfällt das Land mehr unter den Händen von Nicolás Maduro, der darauf besteht, mit revolutionärer Gewalt eine Macht aufrechtzuerhalten, die er weder durch Effizienz noch durch Ergebnisse erhalten konnte. Seine Sturheit hat eine Nation, die reich an Ressourcen ist, in die Misere gebracht und seine Brandreden schieben sie jetzt in Richtung einer gewaltsamen Explosion.

Vor den Mikrofonen will Maduro einen trügerischen Sozialismus aus dem 21. Jahrhundert verteidigen, der nur in den Köpfen von denjenigen funktionierte, die ihn ins Leben gerufen haben. Sein politisches und repressives Handeln ist jedoch darauf ausgerichtet, die Privilegien eines Clans zu erhalten, der gegen die Bürger wettert, während er inmitten von Überfluss und von der Plünderung der Staatskassen lebt. Er hält sich für den Robin Hood der Kindergeschichten, aber dieses Mal ist der Sherwood Forest unbewohnbar geworden, sogar für die Armen.

Stromabschaltungen, Unsicherheit auf den Straßen, Unterversorgung an Nahrungsmitteln und eine Auswanderung der jungen und ausgebildeten Arbeitskräfte – zusammen mit der weltweit höchsten Inflation sind dies Zeichen für eine Verschlimmerung der Situation, die eine Nation erlebt, die seit fast zwei Jahrzehnten in einem Populismus gefangen ist, der sie in wirtschaftlicher Hinsicht ausgebeutet und die Gesellschaft polarisiert hat.

Korruption, Misswirtschaft und etliche Nachbarländer, die sich eher wie Ausbeuter als wie Verbündete verhielten, haben Venezuela in weniger als zwanzig Jahren zugrunde gerichtet. Nur wenige sind noch so dreist und unterstützen öffentlich das wahnsinnige Regime, das sich im Miraflores-Palast in Caracas niedergelassen hat und das die Nation bis kurz vor den Zusammenbruch gebracht hat. Sogar die alten Weggefährten, wie die spanische Partei Podemos oder Pepe Mujica, der ehemalige Präsident Uruguays, haben sich von Maduro distanziert.

Nur wenige sind noch so dreist und unterstützen öffentlich das wahnsinnige Regime, das sich im Miraflores-Palast in Caracas niedergelassen hat und das die Nation bis kurz vor den Zusammenbruch gebracht hat.

Ein Mitglied von Podemos, an deren Spitze Pablo Iglesias steht, hat die verbalen Angriffe des venezolanischen Präsidenten auf Spanien kritisiert, während der uruguayische Politiker den Nachfolger von Hugo Chávez als „total verrückt“ eingestuft hat. Andere, wie Raúl Castro, bewahren komplizenhaftes Stillschweigen, während sie heimlich die Fäden zur Unterstützung der venezolanischen Armee spinnen. Nicht umsonst ist Evo Morales, der Präsident von Bolivien, nach Havanna geeilt, um Anweisungen zu erhalten, wie er sich gegenüber dem taumelnden Genossen verhalten sollte.

Jedoch ist wohl das Ende des Chavismus und des „Madurismus“, als seine schlechte Kopie, in Sicht. Seine motorisierten Anhänger können der Bevölkerung Angst einflößen und der Nationale Wahlrat kann beliebig lange die Überprüfung der Unterschriften für eine Volksabstimmung über die Amtsenthebung hinauszögern, aber das alles wird Maduro nicht die Popularität zurückgeben, die er zu jenen Zeiten genoss, als ein Militärputschist Millionen mit seiner revolutionären Rhetorik begeisterte, in die er Anekdoten und Lieder einfließen ließ.

Nicolás Maduro geht unter und er reißt eine ganze Nation mit sich. Bei diesem Fall in die Abgründe, der eine gewaltsame Explosion, einen Militärputsch oder andere Dämonen nach sich zieht, hat er nicht einmal die Größe gezeigt, die Interessen von Venezuela an erste Stelle zu setzen und nicht seine Parteientreue und seine ideologische Anschauung. Die Geschichte wird ihn in ein schlechtes Licht rücken und er verdient es. Er hat aus Launen heraus und mit Ausgrenzung regiert, und letzten Endes landet sein Name auf dieser bedauerlichen Liste von Machthabern, Tyrannen und autoritären Staatsoberhäuptern, die unseren Kontinent malträtiert haben.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Zerfall

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Raúl Castro, rügt in Anwesenheit Barack Obamas einen Journalisten, der ihn zu den politischen Gefangenen auf Kuba befragt. (EFE)

Generación Y, Yoani Sánchez, 26. April 2016 Es gibt die epische Enden, wie im Film. Systeme, deren letzte Minuten sich unter dem Lärm von Hammerschlägen, die eine Mauer zum Einstürzen bringen, oder dem Brüllen von Tausenden Menschen auf einem Platz abspielen. Die Castro-Ära durchschreitet eine Agonie ohne ruhmreiche Momente und kollektive Heldentaten. Ihr mittelmäßiger Abgang ist in den letzten Monaten, in denen die Anzeichen des Zerfalls sich nicht mehr länger hinter dem Drumherumgerede der öffentlichen Ansprachen verstecken liessen, immer klarer geworden.

Die Nachrede dieses Prozesses, der sich einst Revolution nannte, ist übersät mit lächerlichen und banalen Tatsachen, die allerdings als klare Indizien für das Ende zu interpretieren sind. So wie ein schlechter Film, mit einem unter Eile erstelltem Drehbuch und fürchterlich schlechten Schauspielern, sind die Szenen, die das Endstadium dieses Fossils des 20. Jahrhunderts veranschaulichen, einer Tragikomödie wert.

  • Raúl gerät in Rage, als er im Rahmen einer Pressekonferenz zu politischen Gefangenen auf Kuba befragt wird, verfängt sich in den Kopfhörern und gibt eine Reihe sinnloser Äußerungen von sich – das alles gleich neben Barack Obama, der dadurch glänzt, dass er die Situation beherrscht.
  • Nach dem  Besuch des Präsidenten der Vereinigten Staaten schleudern ihm die staatlichen Medien ihre ganze Wut entgegen, während die Rede Obamas im Gran Teatro von Havanna zur Nummer eins auf der Liste des am meistgefragten audiovisuellen Materials der wöchentliche Datenpakete avanciert.
  • Zwei kubanische Polizisten in Uniform erreichen Florida auf einem unsicheren Floss zusammen mit anderen illegalen Auswanderern, denen sie helfen, aus Kuba zu fliehen.
  • Eine Gruppe Jungpioniere in Uniform und mit Halstuch tanzen eng aneinandergepresst und mit betont sexuell ausgerichteten Bewegungen zu Reggaeton-Melodien in einer Grundschule. Sie werden dabei von einem Erwachsenen gefilmt und das Video wird dann von einem stolzen Vater, der glaubt, sein Sohn sei ein Tanztalent, den sozialen Netzwerken zur Verfügung gestellt. Noch am gleichen Morgen wurde sicherlich die morgendliche Parole „Pioniere für den Kommunismus: wir werden so sein wie Che“ propagiert.
  • Bruno Rodríguez, der kubanische Kanzler, klagt Obama an, einen Angriff auf die kubanische „Ideologie, Geschichte, Kultur und ihre Nationalsymbole“ verübt zu haben – und das wenige Tage nach seinem Empfang am Flughafen, wo er ihm all seine Kritik direkt ins Gesicht sagen hätte können.
  • Ein düsterer Beamter der kubanischen Botschaft in Spanien sagt bei einem Vortrag vor den „Freunden der Revolution“, dass die Revolution „den schwierigsten Moment ihrer Geschichte“ erlebe und stuft die Berichterstattung der internationalen Medien zum Besuch Obamas auf Kuba als „Zeichen eines kulturellen, psychologischen und Medienkrieges ohne Seinesgleichen“ ein.
  • Raúl Castro wird erneut einstimmig zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei Kubas für die nächsten fünf Jahre ernannt und stimmt so für Fortschrittsfeindlichkeit. So verpasst er die letzte Möglichkeit, in die Geschichtsbücher mit einer Geste der Großzügigkeit an die Nation einzugehen – wenn auch sehr spät – , und nicht etwa wegen seines persönlichen Egoismus.
  • Fidel Castro taucht bei der Schlussansprache des Kongresses in einer Adidasjacke auf und beharrt darauf, „nicht wie zu Zeiten Adams und Evas damit weiterzumachen, verbotene Äpfel zu essen“.
  • Einige Tage nach der Parteiversammlung verkündet die Regierung eine lächerliche Preissenkung mit dem Ziel, die Stimmung der geknickten Gemüter zu heben. Jetzt soll es nicht mehr so sein, dass ein Ingenieur zweieinhalb Tage arbeiten muss, um sich einen Liter Sonnenblumenöl kaufen zu können, sondern er muss dafür nur noch zwei Tage arbeiten.
  • Tausende Kubaner versammeln sich an der Grenze zwischen Panama und Costa Rica um zu versuchen, ihren Weg in die Vereinigten Staaten fortzusetzen, ohne dass die kubanische Regierung auch nur einen Cent dafür investiert, um ihnen ein Dach über dem Kopf zu bieten sowie Lebensmittel oder medizinische Betreuung.
  • Ein Ökonom, der der ganzen Welt die Gutherzigkeit von Raúl Castros Reformen und deren Fortschritte erklärte, wurde unter dem Vorwand von der Universität von Havanna verwiesen, Kontakte mit Vertretern der Vereinigten Staaten zu haben und ihnen Informationen über die Vorgehensweisen der akademischen Institution weitergegeben zu haben.
  • Zwei Jugendlichen machen mitten auf dem Boulevard von San Rafael Liebe, vor den Augen dutzender Neugieriger, die die Szene filmen und Obszönitäten brüllen, aber die Polizei kommt nicht. Der formbare Ton* der Revolution flieht in die individuelle und kollektive Libido.

In dem Saal, wo der fürchterlich schlechte Film gezeigt wird und in dem sich kaum noch Zuschauer befinden, beginnt der Nachspann. Einige Zuschauer waren es leid und gingen, andere schliefen während der Überlänge ein, einige wenige beobachten die Sitzreihen und fordern, dass von den Stühlen her immer noch schallender Applaus ertönen solle. Hinter dem Projektor, ein alter Mann, der die Filmrolle erneut einsetzen will, die das nicht endende Zelluloid verlängert… aber es ist nichts mehr übrig. Es ist zu Ende. Das Einzige was nun noch fehlt ist, dass „ENDE“ auf der Leinwand erscheint.

*Anm. d. Übersetzerin:

„Der formbare Ton“ bezieht sich auf die Jugend, der Ausdruck ist folgender Textstelle entnommen: Ernesto Che Guevara: Der Sozialismus und der Mensch auf Kuba. Brief an Carlos Quijano von der Wochenzeitschrift „Marcha“, Montevideo, Uruguay. Verfasst im März 1965. Quelle: Projekt Sozialistische Klassiker Online

„In unserer Gesellschaft spielen die Jugend und die Partei eine große Rolle. Besonders wichtig ist die erste, denn sie ist der formbare Ton, mit dem sich der neue Mensch ohne alle früheren Mängel aufbauen lässt.“

Übersetzung: Berte Fleissig

Ein Spitzenkoch im 14. Stock

José Andrés

Der Spitzenkoch José Andrés kocht in der Redaktion von 14ymedio. (14ymedio)

Generación Y, Yoani Sánchez, 18. April 2016 José Andrés kam zum besten und gleichzeitig schlechtesten Zeitpunkt des Jahres in Havanna an. Einer der berühmtesten Spitzenköche der Welt klopfte genau an dem Tag an die Tür der Redaktion von 14ymedio, als Barack Obama sich vom kubanischen Volk verabschiedete. Die Unterversorgung der Märkte war kein Hindernis, sondern ein Anreiz für diesen Asturier, der nicht zwischen den glamourösen Küchen in Washington und einem Lagerfeuer im verarmten Haiti unterscheidet.

In seinen Händen wird jede Zutat zu purer Magie. „Welche Zutaten haben Sie da?“, fragte er. Die Antwort spiegelte diese Phase leerer Regale in den Läden wieder. Dennoch besteht die Kunst des Kochens eben genau darin, das zu kombinieren, was zur Verfügung steht. Es ist die Fähigkeit, die wenigen Zutaten, die man zur Hand hat, in einen Genuss für den Gaumen zu verwandeln.

Auf Kuba muss man statt Koch eher Alchemist sein, um ein leckeres Gericht zaubern zu können.

Hier in unserer Nachrichtenredaktion war er nun, dieser Paracelsus des Herdes. „Welche Zutaten haben Sie da?“, fragte er erneut. Sehr wenige. Seit Anfang des Jahres ist es schwierig, auch nur einen Kohlkopf oder ein Pfund Hühnchen zu kaufen. Ein Grund dafür sind die kontrollierten Preise, die die Regierung auf vielen Agrarmärkten eingeführt hat. Noch dazu mangelt es in den Läden an Waren, die man in Peso Convertible bezahlen kann. José Andrés sah im Regal ein Päckchen mit russischem Hafer, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum seit 2010 überschritten ist, und seine Augen strahlten. „Daraus werden wir etwas machen“, meinte er stolz.

Er mischte Zutaten – einige davon hatte er unter der Hand auf den Straßen Havannas gekauft – briet an, rührte um und kam anschließend mit dampfenden und einzigartigen Gerichten aus der Küche. Der großartige Spitzenkoch war bis hoch in den 14. Stock gekommen, um ein unvergessliches Mahl an einem historischen Tag zuzubereiten.

Übersetzung: Lena Hartwig

Die Stimme deiner Rechte

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Yoani Sánchez‘ neue Interviewserie im Kanal der Deutschen Welle Lateinamerika: La voz de tus derechos (Die Stimme deiner Rechte). (Bildausschnitt aus dem Video)

Generación Y, Yoani Sánchez, 04. April 2016  Was tun, wenn man ein Megaphon in der Hand hat? Seit ich 2007 mit meinem Blog Generación Y anfing, hat mich diese Frage nicht mehr losgelassen. Oft genug nützte meine Sicht der Dinge nicht jenen, die es am nötigsten gehabt hätten, und der schützende Schirm, wie es mein Zugang zu internationalen Organisationen ist, erreichte nur einige wenige. Den Platz vor einem Mikrophon allein zu besetzen, nur um selbst etwas laut zu sagen, ist eine Verschwendung, weil das mehr mit Monolog als mit journalistischer Arbeit zu tun hat. La voz de tus derechos (Die Stimme deiner Rechte)das neue TV-Programm mit Interviews, die ich bei der Deutschen Welle in Lateinamerika moderiere, beabsichtigt, das Megaphon an die heranzuführen, die es am meisten brauchen.

Die 40 Episoden, die in Panama Stadt aufgezeichnet wurden, haben eine Gästeliste, die unverzichtbar für alle ist, die unseren Teil der Welt kennenlernen und sich mit der Geschichte ihrer Menschen befassen wollen: Umweltaktivisten; Frauen, die gegen den Feminizid* kämpfen; Menschenrechtsorganisationen, die die Überfüllung in den Gefängnissen anprangern; Gruppen, die Kinderarbeit aus allen Blickwinkeln ansprechen… das sind nur einige der Themen mit denen sich die Personen, denen ich in den kommenden Wochen im Studio begegnen werde, befassen.

Ich treffe auf Protagonisten, die versuchen ein Fenster in einem Haus zu öffnen, dessen Tür verschlossen ist. Meine Rolle in diesem Programm ist nicht nur eine berufliche Herausforderung in meiner journalistischen Karriere, sondern sie beinhaltet auch, dass ich mich den Schweigenden in jeder Gesellschaft verpflichtet fühle. Mögen die Kameras und die Macht des audiovisuellen Mediums dazu beitragen, dass sich ihre Projekte besser verwirklichen lassen und ihr Leben weniger gefahrvoll verläuft.

Anmerkung des Übersetzers:

Feminizid, span. Feminicidio, ist in beiden Sprachen ein Neologismus, der den Mord an Frauen meint, als die schlimmste Form von geschlechtsspezifischer Gewalt.

Übersetzung: Dieter Schubert

Obama umgibt sich mit Symbolen, um das Herz der Kubaner zu gewinnen

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Havanna bereitet sich auf den Besuch des US-Präsidenten Barack Obama vor. (14ymedio)

Generación Y, Yoani Sánchez, 20. März 2016 Am Palmsonntag kommt er nach Kuba, er wird ein Baseballspiel besuchen und er hat schon mit Luis Silva, dem bekanntesten Komiker der Insel per Telefon gesprochen. Noch ist das Flugzeug von Obama nicht gelandet und schon hat er eine Legion von Bewunderern, deren Herz er mit Hilfe von Symbolen gewinnen will: Ein Essen in einem Privatrestaurant, einen Satz von José Martí in seiner Begrüßungsrede und eine Erwähnung der Heiligen Cachita, der „Barmherzigen Jungfrau von Cobre“, werden wohl den ihm eigenen Charme unterstreichen.

Am Samstagabend sendete das kubanische TV ein Video, in dem „Pánfilo“ – die in Kuba überall bekannte Figur des Komikers – im Weißen Haus anruft und mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten höchstpersönlich spricht. Ein meisterlicher Schachzug der Obama-Regierung, die sich so meilenweit von den kubanischen Machthabern distanziert, denn die sind garantiert humorfrei. Über den Kopf des alten Mannes, Rául Castro, hinweg, der seine Obsession für Lebensmittelkarten pflegt, hat sich der Präsident der Vereinigten Staaten direkt an das kubanische Volk gewandt und das in dessen eigener Sprache.

Für die schwarze Bevölkerung und die Mestizen ist sein Besuch eine Erinnerung daran, wie weit die kubanische Präsidentschaft für einen von ihnen wohl noch entfernt ist

Heute Morgen, wenigstens für ein paar Stunden, vergessen die Leute, über die hohen Preise für Lebensmittel zu reden und hören auf, über den Zusammenbruch des Verkehrswesens zu klagen; wegen der Sicherheitsmaßnahmen, die die Stadt fest im Griff haben, wurde der noch gravierender. Auf den Straßen kursieren wieder Witze von „Pepito“, dem Flegel unserer volkstümlichen Geschichten, der nach langem Schweigen wieder aufgetaucht ist und sich sogar über die Schwiegermutter des hohen Besuchers lustig macht.

Symbole gehören zu Obama. Für die schwarze Bevölkerung und die Mestizen ist sein Besuch eine Erinnerung daran, wie weit die kubanische Präsidentschaft für einen von ihnen wohl noch entfernt ist. Eine Generation aus geschichtlicher Zeit, weiß und altmodisch, bestimmt seit mehr als einem halben Jahrhundert das Geschick eines Volkes, in dessen Hautfarben-Spektrum alle Rassen vorkommen. In den ärmsten Stadtvierteln hat der Bewohner des Weißen Hauses viele Anhänger, genau in den Gebieten, wo die Popularität der Regierung gerade abstürzt.

Der Mann, der heute mit festem Schritt und leichtfüßig wie immer die Gangway heruntersteigt, stellt einen deutlichen Kontrast zur Gerontokratie dar, die in Kuba herrscht. In einem Land mit einem ernsthaften demografischen Problem, in dem die Mehrheit der jungen Leute davon träumt zu emigrieren, wird dieser Präsident, der nach den Ereignissen in der Schweinebucht geboren wurde, als eine neue Seite im Buch einer Geschichte gesehen, in der es zu viele Bände über die Vergangenheit gibt.

Darüber hinaus kommt er begleitet von seiner Familie in ein Land, wo wir Kubaner niemals wussten, mit wem Fidel Castro verheiratet war und man uns jahrzehntelang seine Kinder nicht einmal offiziell und öffentlich vorgestellt hat. Er wird die Kathedrale von Havanna besuchen, und für die große Gesprächsrunde am nächsten Dienstag hat er ein historisches Theater gewählt, einen der wenigen Orte der Insel, dem die Ideologie nicht seine ursprünglich kulturelle Bestimmung wegnehmen konnte.

Die Erwartungen an ihn schäumen über, weil sich die Kubaner an jede Hoffnung klammern, die sie an eine bessere Zukunft glauben lässt.

Dennoch, mit jeder symbolischen Saite, die Obama auf dem Instrument Kuba zum Klingen bringt, geht er auch eine Verantwortung ein. Die Erwartungen an ihn schäumen über, weil sich die Kubaner an jede Hoffnung klammern, die sie an eine bessere Zukunft glauben lässt. Die wirtschaftliche Erholung, das Ende der Unterversorgung mit Nahrungsmitteln und die Verbesserungen der Infrastruktur sind Illusionen, die an diesem Sonntag einen Höhepunkt erreichen, aber Illusionen haben ein kurzes Verfallsdatum.

Die Leute wünschen sich, dass „San Obama“ Wunder wirke. Sie haben Kerzen auf seinem Altar gestellt und ein Gebet gesprochen, dass er ihnen den Wohlstand bringen möge, den andere ihnen seit einem halben Jahrhundert versprochen haben. Für viele Familien wäre es das sehnlichst erwartete Wunder, wenn sie einfacher zu einer Mahlzeit am Tag kommen könnten; ein Wunsch, den man auf den Straßen in allen nur möglichen Sätzen hört, bei denen der Name Obama auf das Wort gereimt wird, das im kubanischen Volksmund Nahrungsmittel bezeichnet: la Jama.

Tausende von Eltern im ganzen Land erwarten von dem Besucher, dass er ihre Kinder überreden kann, das Land nicht auf den „Flößen der Hoffnungslosen“ zu verlassen. Sie glauben, dass er diesen andauernden Emigranten-Strom, der das Land ausbluten lässt, aufhalten könnte, wenn er denn die Kinder davon überzeugt, dass ein „Neues Kuba“ schon hinter der nächsten Straßenecke wartet. Für die neun Emigranten, die gerade beim Versuch die Meerenge von Florida zu überqueren ums Leben gekommen sind, kommt diese Perspektive zu spät.

Das Wunder, das andere von Obama erwarten, ist der Zugang zu IT-Technologie, als ob der nordamerikanische Präsident in seiner Air Force One ein Glasfaserkabel mitgebracht hätte, das die Insel vom Mangel an Internet-Zugängen befreit. Der Mann, der in seiner politischen Karriere intensiv auf soziale Netze zurückgegriffen hat, wird als jemand gesehen, der viel dazu beitragen kann, die Kubaner in den Cyberspace zu schmuggeln.

Die vielen Tausend in den Gefängnissen erwarten, dass der Präsident eine Amnestie erreicht. Die Oppositionellen versprechen sich von ihm einen größeren politischen Freiraum und die freie Meinungsäußerung. In den Spitälern warten die Kranken auf finanzielle Mittel, die die Situation in den heruntergekommenen Sälen der Notaufnahmen verbessert, und auf dem Land trägt die Erwartung, einen Zugang zu landwirtschaftlichen Maschinen und Saatgut zu haben, das Antlitz von Uncle Sam.

Obama kommt am ersten Tag der Karwoche nach Havanna. Es erwartet ihn die „Glorie“ seiner Popularität und das „Kreuz“ der übertriebenen Hoffnungen.

Übersetzung: Dieter Schubert

 

 

Frauen, immer benachteiligt

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An uns werden die höchsten Maßstäbe gelegt und von uns wird der größte Grad an Geduld gefordert. (Silvia Corbelle)

Generación Y, Yoani Sánchez, 08. März 2016 Wenige Tage nach der Ermordung zweier junger argentinischer Touristinnen in Ecuador zündete ein Mann in Santa Clara sein Haus an, in dem sich seine beiden Kinder befanden, um sich an seiner Ex-Frau zu rächen. Die Gewalt gegen Frauen ist in Lateinamerika und im Großteil der restlichen Welt noch immer weit verbreitet. Ein Tag wie der 8. März mit Hommagen, Blumen und schmeichelnden Reden löschen diesen Horror weder aus, noch verkleinern sie ihn.

Die konstante Aggression, der wir Frauen ausgesetzt sind, zeigt sich beim Schlag eines gewalttätigen Ehemannes, doch ist sie auch sonst in jeder Minute unseres Lebens präsent: sowohl im beruflichen als auch im sozialen Bereich. Nachts alleine durch die Straßen zu laufen, sich ohne Begleitung in einen Park zu setzen oder sich am Strand zu sonnen, ohne von seinem Partner „beschützt“ zu werden, all das sind Momente, die viele kubanische Frauen viel mehr mit Unruhe als mit Genuss erleben.

Der Spielraum, in dem wir uns bewegen können, wird uns schon sehr früh aufgezeigt: Bist du anständig oder eine Schlampe? Eine gute Ehefrau oder eine fragwürdige alte Jungfer? Eine sorgsame Mutter oder eine Rabenmutter? Unterwürfig oder aufmüpfig? Geschminkt oder ungepflegt? Eine gute Köchin oder am Herd nicht zu gebrauchen? Jeder Versuch, diese einengenden Etiketten loszuwerden, kostet uns doppelt so viel Kraft wie einem Mann – plus der entsprechenden Menge an Beleidigungen durch andere.

Mit der Gewalt ging es bereits los, als wir noch klein waren, als sie uns darauf vorbereiteten, „schön und zartfühlend“ zu sein und uns dabei unseren Geschmack, unsere Affinitäten und unsere Berufung aufzwangen. Sie drängten uns dazu gefällig und lieb zu sein, zurückhaltend und schweigsam, der männlichen Initiative untergeordnet und ein „Geduldsmensch“ zu werden. Die familiäre Erziehung und das Bildungssystem, die in unserem Land vorherrschen, schließen uns in die Enge veralteter Geschlechterrollen ein.

Dem kubanischen Feminismus ist das gleiche widerfahren, wie einer berufstätigen Frau, die irgendwann doch als Hausfrau endet, mit einem eifersüchtigen Ehemann, der nicht gerade der hellste ist

An uns werden die höchsten Maßstäbe gelegt und von uns wird der größte Grad an Geduld gefordert. Wenn eine Frau Opfer eines sexuellen Missbrauchs auf der Straße wird, denkt die Mehrheit zuerst einmal, dass sie “sehr provokative Kleidung” getragen haben muss oder zu stark mit den Hüften gewackelt hat. Der Angreifer wird als jemand dargestellt, der seine “Männerrolle” ausübte, und der Frau werden die schlimmsten Adjektive zugeschrieben.

Fernsehmoderatorinnen sollen üppig gebaut und attraktiv sein, während man ihren männlichen Kollegen graue Haare, Doppelkinn und dicke Bäuche durchgehen lässt, ohne dass sich jemand daran stört. Mit der Regierung verhält es sich auch nicht anders. Dieser maskulinen Macho-Macht, unter der wir fast 60 Jahre leben, gefällt es, sich mit hübschen Gesichtern ablichten zu lassen und liebliche Feierlichkeiten am Internationalen Frauentag abzuhalten. Sie verschenken Blumen und nennen uns „Genossinnen“, während sie im restlichen Jahr die Forderungen der Frauen und die Unabhängigkeit jeder Initiative zur zur Gleichstellung der Geschlechter ausbremsen.

Dem kubanischen Feminismus ist das Gleiche widerfahren, wie einer berufstätigen Frau, die irgendwann doch als Hausfrau endet, mit einem eifersüchtigen Ehemann, der nicht gerade der hellste ist. Sie nahmen ihr ihre besten Jahre, ließen sie nicht die Erfahrung machen, wie es ist, auf die Straße zu gehen um ihre Rechte einzufordern. Und jetzt verlangen sie von ihr schön, ruhig und zahm zu bleiben, und jene zu unterstützen, die Testosteron mit Macht mischen und die Geringschätzung von Frauen hinter einem kitschigen Festumzug verbergen, was nur eine weitere Form von Gewalt ist, versteckt hinter vermeintlichem Lob und Komplimenten

Wenn es ein abscheuliches Verbrechen ist, sich unserer Körper gewaltsam zu bemächtigen, dann ist es ebenso ein Verbrechen, von unserer Freiheit Besitz zu ergreifen, uns ein Rollenbild von dem aufzuerlegen, wie wir sein sollen, und weiter an diesen diskriminierenden Konzepten festzuhalten; es ist jener Markt, auf dem die Werte falsch gehandelt werden und wo Hoden immer noch höher im Kurs stehen als Eierstöcke.

Übersetzung: Nina Beyerlein