Nostalgie, die unverzichtbare Zutat zur kubanischen Weihnachtszeit

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Nostalgie empfinden wir für die, die uns fehlen; für das, was wir nicht auf dem Tisch haben und für das, was sie uns genommen haben. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 25. Dezember 2019

Wenn ich eine unverzichtbare Zutat zur kubanischen Weihnachtszeit wählen sollte, dann wäre es die Nostalgie. Nostalgie für die, die ausgewandert sind und nicht mehr am Familientisch sitzen, Nostalgie für eine verlorene, weit zurückliegende Zeit, an die sich Hochbetagte in diesen Tagen erinnern, Nostalgie sogar für jene, die wie wir in einem Kuba geboren wurden, in dem ein extremer Atheismus herrschte. Wir verloren für lange Jahre die Feiertage, und heute spüren wir sogar Nostalgie für das, was sie uns in unserer Kindheit geraubt haben.

Für die Kubaner war das Jahr 2019 ein schwieriges Jahr. Die Wirtschaft stagnierte und versank im September außerdem in einer Energiekrise, die die Bürokratie als „konjunkturbedingt“ bezeichnete, die uns aber ständig Alltagsprobleme bescherte: bei Transportmitteln, bei der Lieferung und Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und bei der landwirtschaftlichen Produktion. Daher konnten viele von uns während der Weihnachtszeit nicht in eine andere Provinz reisen, um dort Heiligabend mit ihren Verwandten zu feiern, wie sie es traditionell jedes Jahr tun.

Auch die Preise für Nahrungsmittel sind gestiegen, trotz der offiziellen Anstrengungen die Preise stabil zu halten, oder Höchstpreise für bestimmte Produkte festzulegen.

Auch die Preise für Nahrungsmittel sind gestiegen, trotz der offiziellen Anstrengungen die Preise stabil zu halten, oder Höchstpreise für bestimmte Produkte festzulegen. Derart, dass das traditionelle Weihnachtsessen mit Schweinebraten, Reis, Maniok mit Mojo und Salat für den Geldbeutel vieler Familien unerschwinglich wurde und sie sich mit bescheideneren Gerichten zufrieden geben mussten. Aber ein Gutteil der kubanischen Bevölkerung konnte am Weihnachtsabend auf besondere Art und Weise essen (und wird es auch an Silvester tun können), dank eines emigrierten Familienangehörigen, der die Rechnung für die Feiern bezahlt hat.

Wer über konvertible Geldmittel verfügt, wer Geldüberweisungen erhält, wer ein privates Geschäft hat oder häufiger ins Ausland reisen kann, wird die Festtage mit traditionellem Nougat, einer Flasche Wein und sogar einigen Weintrauben bereichern können. In den Häusern von hohen Funktionären und den Mächtigen der kommunistischen Partei wird es vermutlich Bankette geben, Rum und Bier werden fließen; man entkorkt die eine oder andere Flasche Champagner und lässt die „mehr als 60 Jahre an der Macht“ hochleben.

Aber auch das, in vielen kubanischen Häusern ereignet sich in der Nacht des 24. Dezembers nichts Besonderes, weil, nach einer jahrzehntelangen Unterbrechung der Weihnachtsfeiern, viele Familien die Feierlichkeiten auf den 31. Dezember verschieben, den Tag des Hl. Silvester. Wenn eine Tradition verdrängt, unterbrochen und eingeschränkt wird, dann dauert es viele Jahre, um sie neu zu beleben oder wieder ins Leben der Menschen zu integrieren. Der Fall Weihnachten 1997: nur in diesem Jahr bekamen wir Kubaner den 25.Dezember als Feiertag zurück, wenige Tage bevor Papst Johannes Paul II zu einem historischen Besuch auf die Insel kam. Nur 22 Jahre sind seitdem vergangen, wenig Zeit dafür, dass sich eine Tradition wieder verwurzelt.

Dennoch, einige Bräuche zum Jahresende sind geblieben: am 31. Dezember schüttet man um Mitternacht Wasser von Balkonen, aus Fenstern, aus Türen und von Terrassen.

Dennoch, einige Bräuche zum Jahresende sind geblieben: am 31. Dezember schüttet man um Mitternacht Wasser von Balkonen, aus Fenstern, aus Türen und von Terrassen; damit will man das zu Ende gehende Jahr von allem Bösen reinigen, damit das neue Jahr frei von Problemen beginnen kann. Für 2020 wird uns dazu viel Wasser fehlen, weil die wirtschaftlichen Prognosen für das Land nicht schmeichelhaft sind und der Starrsinn der Regierenden darauf hinweist, dass sie die staatliche Kontrolle über viele produktive Sektoren aufrecht erhalten werden, genauso wie die erwiesene Ineffizienz dieses Staatsmodells. Die politische Unterdrückung wird weitergehen, denn nur mit Knebel und Strafe kann sich eine Partei an der Macht halten, die sich uns mit Gewalt aufgedrängt hat und die versucht, die Pluralität von Trends und Stimmen zu unterdrücken, die es auf der Insel gibt.

Andere verbrennen am 31. Dezember eine Puppe aus alten Kleidern und Stroh, ein symbolischer Akt für die Vernichtung des Negativen und Alten, ehe denn das neue Jahr beginnt. Aber in den letzten Jahren hat sich ein anderer Brauch verbreitet: man verlässt das Haus mit einem Koffer, dreht eine Runde um den Wohnblock, oder macht einen Streifzug durch die Straßen oder das Stadtviertel, in dem man wohnt. Es ist ein Ritual; es soll eine Reise anlocken, oder ein Visum, oder eine Einladung, um das Land verlassen zu können und um − vermutlich − nicht zurückzukehren. Auf dieser Insel, die auf der Flucht ist, sehen wir immer mehr Menschen, die in der letzten Nacht des Jahres dieses Gepäckteil herumtragen.

Zu diesem Dezember gesellt sich noch, dass wir im Countdown sind, für eine einheitliche Währung.

Zu diesem Dezember gesellt sich noch, dass wir im Countdown sind: eine Vereinheitlichung des Währungssystems steht an, eine Lohnreform und das Ende von verschiedenen Beihilfen, was für die ärmsten Familien Reserven ein harter Schlag sein wird. Deswegen ist „Unsicherheit“ das entscheidende Wort für das jetzt beginnende Jahr. Das Gefühl, zu viele Frage und zu wenige Antworten zu haben, ist für viele Familien während dieser Weihnachtszeit bedrückend. Aber, ich wiederhole mich, Nostalgie ist die wichtigste Zutat für die Festtage; Nostalgie ist ein unerwünschter Gast und das wichtigste Thema an den Feiertagen.

Nostalgie empfinden wir für die, die fehlen; für das, was wir nicht auf dem Tisch haben und für das, was sie uns genommen haben. Nostalgie spüren wir auch bei dem, was wir sein könnten.

       Übersetzung: Dieter Schubert

Weihnachtsferien, ein Sieg der kubanischen Studenten

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Noch vor ein paar Jahrzehnten wäre es in Kuba undenkbar gewesen, dass man den Lernenden an Weihnachten eine Pause von fast zwei Wochen gewähren würde. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 14. Dezember  2019

Es gibt Erfolge, die man lautstark feiert, mit Gesten voller Stolz über den erreichten Sieg und öffentlichem Jubelgeschrei. Andere Erfolge feiert man eher leise, um zu vermeiden, dass sie rückgängig gemacht werden oder abhandenkommen. Zu letzteren gehört die Wiedereinführung der Weihnachtsferien, ohne Fanfaren und Beifall, wie es die kubanischen Studenten in den letzten Jahren erreicht haben.

Freitag, der 20.Dezember, war ein besonderer Tag, weil in nur wenigen Klassenzimmern und Hörsälen der Insel Unterricht stattfand. Man zog die Feiern zum „Tag des Lehrers“ vor, geplant für den 22.Dezember, der heuer aber auf einen Sonntag fällt. Mit Geschenken für Lehrer und Professoren im Rahmen von Festveranstaltungen, die aus Geldmitteln der Eltern organisiert wurden, verabschiedeten sich auch die Schüler bis Neujahrsanfang von ihren Klassenkameraden.

Noch vor ein paar Jahrzehnten wäre es in Kuba undenkbar gewesen, dass man den Lernenden an Weihnachten eine Pause von fast zwei Wochen gewähren würde. Wir, die wir in den 70er, 80er und auch 90er Jahren zur Schule gingen, konnten uns nie an einer echten Zeit der Erholung während der Feiertage erfreuen. Allenfalls erreichten wir ein Fernbleiben vom Unterricht, wenn wir wegen einer oft nur erfundenen Krankheit ein ärztliches Attest hatten, oder auch wenn wir Dokumente für eine unaufschiebbare Reise in eine andere Provinz vorlegten.

Nur im Dezember 1997, wenige Tage vor dem Besuch von Papst Johannes Paul II auf der Insel, erklärte Fidel Castro den 25.Dezember zum Feiertag, zum ersten Mal nach Jahrzehnten.

Nur im Dezember 1997, wenige Tage vor dem Besuch von Papst Johannes Paul II auf der Insel, erklärte Fidel Castro den 25.Dezember zum Feiertag, zum ersten Mal nach Jahrzehnten. Danach, ganz langsam und wie Eroberer, die sich klammheimlich ein Territorium aneignen, indem sie Nacht für Nacht ein paar Zentimeter vorrücken, haben wir Kubaner eine zeitlich befristete Ruhepause erzwungen. Dahingehend, dass es an den Schulen eine stillschweigende Übereinkunft gibt, dass Schüler vom vorletzten Freitag im Dezember bis zum ersten Montag im Januar unterrichtsfrei haben – falls der nicht auf einen Feiertag fällt.

Welche gesellschaftliche Gruppe spielte bei der Wiedereinführung der Weihnachtsferien die Hauptrolle? Keine. Wurde in irgendeinem offiziellen Medium verlautbart, dass eine zweiwöchige Pause für alle Schularten im Land angeordnet wurde? Nein. Ist irgendwer auf die Straße gegangen, um zu feiern, dass er jetzt nicht zur Schule gehen muss, sondern die Festtage im Kreis seiner Familie genießen kann? Nein.

So, wie die Siege, die niemand für sich in Anspruch nimmt und über die man sich still freut, sind die Weihnachtsferien in die kubanischen Schulen zurückgekehrt. Auf diese Weise haben wir auch noch andere Erfolge angehäuft, ohne Getöse, aber unumkehrbar.

        Übersetzung: Dieter Schubert

Wir, die Übersetzergruppe von Generación Y wünschen allen unseren Lesern ein Frohes Weihnachtsfest und ein erfolgreiches Neues Jahr 2020.
Berte, Iris, Lena und Dieter

Presse oder Propaganda?

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Mehrere Generationen von Kubanern haben sich daran gewöhnt, in den nationalen Medien nur eine mögliche Version der Realität wiederzufinden. (Wikipedia)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 5. Dezember 2019

Seit Jahrzehnten leben wir Kubaner unter einem strikten Informationsmonopol, das die öffentlichen Medien in Resonanzböden der Kommunistischen Partei verwandelt hat. Anstelle von Journalismus ist das, was jeden Tag in den nationalen Zeitungen publiziert oder von Fernsehen und Rundfunk verbreitet wird, wesentlich näher an ideologischer Propaganda.

So gesehen haben mehrere Generationen sich daran gewöhnt, in den nationalen Medien nur eine mögliche Version der Realität wiederzufinden, einen eingeschränkten Teil der täglichen Geschichten und nur eine einzige „Stimme“, die versucht, über ein mehrstimmiges und vielfältiges Land zu berichten. Aus gutem Grund hat die Plaza de la Revolución die Informationsvielfalt ausgeschlossen und so die gesamte Bevölkerung zu Diskussionen ohne Nuancen verurteilt.

Aber, ist das wirklich noch Presse, oder ist es politische Werbung, die von Mikrofonen und nationalen Zeitungsseiten Besitz ergriffen hat? Zweifellos kann man das nicht mehr als „Journalismus“ bezeichnen, weil jede journalistische Arbeit unterschiedliche Quellen, Meinungen und Kriterien in Betracht ziehen und beleuchten muss, was weit über das hinausgeht, was eine einzelne Person, eine Gruppe oder die einzige Partei denkt oder erlebt.

Wir Kubaner haben so lange mit dieser „Pseudopresse“ gelebt, dass eine völlige Demontage dieses journalistischen Übels ein notwendiger Prozess ist, um informierende Medien fordern und fördern zu können, die pluralistisch, umfassend und wahrheitsgetreu berichten. Die ersten Schritte um dies zu erreichen sind: vielfältige Kriterien zu berücksichtigen, den Lesern auch andere Blickwinkel auf ein Ereignis zu vermitteln und Fakten für wichtiger als Worte zu halten.

Aber auch wir Leser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer müssen lernen, die Meinungsvielfalt zu respektieren, die eine Situation, ein Vorschlag oder eine öffentliche Person hervorrufen können.

Aber auch wir Leser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer müssen lernen, die Meinungsvielfalt zu respektieren, die eine Situation, ein Vorschlag oder eine öffentliche Person hervorrufen können. Unterschiedliche Meinungen schränken niemals ein, sondern sie geben den Beteiligten die Fähigkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden und ein Ereignis umfassender, besser durchdacht und gelassener zu beurteilen.

Presse darf nicht Propaganda im Dienst von einigen Wenigen sein und sich auch nicht wie die Puppe eines Bauchredners verhalten, die von einer Gruppe manipuliert wird und deren Losungen wortgetreu und pflichtschuldig wiederholt. Journalismus kann − wenn er gut ist − auch schmerzhaft, unbequem und ärgerlich sein. Versuchte man ihn lammfromm und formbar zu machen, nähme man ihm das, was Journalismus vom Pamphlet unterscheidet.

Wenn wir jetzt eine freie und demokratische Presse fordern, mit professionellen Standards, dann sollten wir uns darauf gefasst machen, dass dort oft über Themen publiziert wird, die uns ärgern, über Meinungen, mit denen wir nicht übereinstimmen, und dass man Stellungnahmen Raum geben wird, die unserem Standpunkt widersprechen. Es wird Tage geben, an denen wir beim Lesen der Zeitung lächeln und andere, an denen uns ein bitterer Geschmack im Mund zurückbleibt und wir Lust bekommen, darauf zu antworten und uns zu beklagen. Was wir von einem guten Journalismus erwarten dürfen, ist: dass es uns mobilisiert, uns wachrüttelt, uns über unser Urteilsvermögen nachdenken lässt und das Anderer bewertet. Wollte man der Presse diese Dornen nehmen, würde man sie auf simple Propaganda reduzieren

            Übersetzung: Dieter Schubert


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Die Masken von Havanna

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Felipe VI und Letizia Ortiz neben Lis Cuesta und Miguel Díaz-Canel beim Abendessen am Sitz des Staatsrates.

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 17. November 2019

Havanna war eine Stadt des Karnevals und der Masken. Obwohl die Tage des Vergnügens längst vorbei sind, wird diese Stadt – wann immer es notwendig ist – mit passenden Make-up-Schichten bedeckt. Vor Jahren, als ein Papst die Insel besuchte, strichen die Behörden die Fassaden und sie reinigten die Straßen, durch die Seine Heiligkeit vom Flughafen in das historische Zentrum fahren würde, eine bruchstückhafte Restaurierung, die dem Volkshumor nicht entkam, der die Route in „Via Sacra“ umbenannte.

Ein weiteres Beispiel für die Verwandlungskunst der Stadt sind all die Abermillionen von Touristenfotos, auf denen man nur alte Chevrolet des letzten Jahrhunderts, restaurierte Gebäude und Mojitos mit viel Rum und wenig Erinnerung sieht. Um die Stadt kennenzulernen, deren Herz tiefer schlägt, muss man Schichten wie bei einer Zwiebel entfernen oder den ätzenden Make-up-Entferner der Objektivität verwenden. Leider sind nur wenige Besucher bereit, diese ästhetische und kulturelle Arbeit eines Archäologen zu leisten. Schließlich kommen sie für kurze Zeit hierher, für eine Zeit, die einem Atemzug gleicht.

Im November dieses Jahres wurde eine Stadt mit mehr als zwei Millionen Einwohnern und knapp 500-jährigem Bestehen wieder mit Rouge beschmiert. Zu den „Gesichtsausbesserungen“ gehörten das massive Einfangen und Töten von Straßenhunden, die Einweihung einiger Architekturwerke, die jahrelang repariert wurden und das Verbot für Dissidenten und Aktivisten, am Vorabend und am Tag der 500-Jahr-Feier der „Villa de San Cristóbal“ in Havanna auf die Straße zu gehen.

Aber selbst wenn nur eine dünne Schicht Lippenstift aufgetragen worden wäre, hätten Felipe VI. und Letizia Ortiz bei ihrem zweitägigen Staatsbesuch auf der Insel wenig entdecken können.

Aber selbst wenn nur eine dünne Schicht Lippenstift aufgetragen worden wäre, hätten Felipe VI. und Letizia Ortiz bei ihrem zweitägigen Staatsbesuch auf der Insel wenig entdecken können. Mit einer minutiös durchgeplanten Agenda konnten sich Ihre Majestäten kaum von den geplanten Straßen und den vorbereiteten Szenen und gefilterten Gästen entfernen. Selbst bei ihrem Treffen mit Vertretern der Zivilgesellschaft fehlten Menschenrechtsaktivisten, Oppositionsführer und sogar unabhängige Journalisten aus den von der Regierungspartei am stärksten stigmatisierten Medien.

Wie beim besten Make-up ruiniert jedoch manchmal eine kleine Träne alles. Die Kosmetik half nur in sehr geringem Maße die Realität zu verbergen, und an dem Tag, an dem das spanische Königspaar durch Alt-Havanna spazierte, gelang es einem streunenden Hund, ihnen über den Weg zu laufen und auf das Foto von diesem Besuch zu schlüpfen. Vielleicht ist es eine Anspielung auf all die anderen, die gestorben waren, um das Bild einer Stadt zu „reinigen“, in der ein Tierschutzgesetz eine schmerzhafte Chimäre bleibt.

Zu den nationalen Aufräumarbeiten für den Besuch und die Feierlichkeiten gehörte auch die Verhaftung unbequemer Bürger, wie den Künstler Luis Manuel Otero Alcántara. Wochen zuvor waren der unabhängige Journalist Roberto Quiñones und der Oppositionsführer José Daniel Ferrer im Rahmen der alltäglichen Rechtslosigkeit inhaftiert worden, aber bisher kam es weder zu einem Eingreifen internationaler Organisationen noch zu einem hypothetischen Gnadengesuch der spanischen Krone.

Havanna ist, wie ganz Kuba, eine Abfolge von Make-ups und Masken. In der Epidermis, weit oben, befinden sich die lauten Farben des Beamtenwesens; aber unten − wenn man ein wenig kratzt – kommt das harte Grau der Realität zum Vorschein, der dunkle Schatten eines Landes, das von einem Autoritarismus ohne Nuancen dominiert wird.

              Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkung der Redaktion:
Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch publiziert und wird in diesem Blog wiedergegeben.


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