Athleten und Klimageräte

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Kisten und Kartons mit Klimageräten stapeln sich im Flughafen von Havanna. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | Bogotá / La Habana | 3. August 2018

Die Maschine mit der Flugnummer 254 erhebt sich an einem grauen und kalten Morgen in die Luft über Bogotá. Im Inneren befindet sich ein Teil der kubanischen Delegation auf der Heimreise nach Havanna, nach der Teilnahme an den Zentralamerika-und Karibikspielen*) in Barranquilla, Kolumbien. Mehr als drei Stunden lang füllen die ruhelosen Athleten einen Teil des Flugzeugs mit ihren Gesprächen, die von einer Seite des Durchgangs zur anderen wandern, und die sich nur um ein Thema drehen: Die Einkäufe , die sie in Kolumbien getätigt haben , um sie mit auf die Insel zu nehmen.

Die Passagiere, die an diesem Dienstag mit der Fluggesellschaft Avianca unterwegs sind, treffen auf mehr als zwanzig Sportler in blauen Uniformen mit dem weißen Stern der kubanischen Flagge. Es ist eine heterogene Gruppenkonstellation: Junge Menschen in perfekter körperlicher Verfassung, die offensichtlich an den Wettkämpfen teilgenommen haben; andere mit grauem Haar und dem Auftreten eines Trainers, und wiederum eine dritte Gruppe, die weder das eine noch das andere ist und die Rolle der Aufpasser übernommen hat.

„Der wichtigste Part war das Zeitfahren, um aus der Gemeinschaftsunterkunft heraus und bis zu den nahen Märkten zu kommen“, sagte ein Sportler, „um den Ort zu finden, an dem am günstigsten verkauft wird, um das Geld zu strecken“

Das Flugzeug durchdringt die dichte Schicht aus Wolken, die die kolumbianische Hauptstadt bedeckt, und eine Frage beendet das hypnotische Schweigen während des Aufstiegs. „Sag mal, hast du dir den „Split“ (ein Klimagerät) kaufen können?“, fragt ein Athlet in Reihe 11 mit erhobener Stimme einen anderen, drei Sitze weiter vorn. Die Antwort lässt ebenfalls alle anderen aufhorchen. „Ja, ich habe ihn problemlos kaufen können, und auch ein Fahrrad, und Teile, die ich für mein Motorrad brauche.“ Der kurze Dialog tritt eine Lawine von ähnlichen Kommentaren los.

* * *

Die ganze Zeit, in der das Flugzeug durch die Lüfte zog, tauschte die Gruppe kein einziges Wort über den sportlichen Wettkampf, die errungenen Medaillen oder den harten Kampf Kubas aus, um den zweiten Platz unter den Ländern noch zu erreichen, nachdem man zum ersten Mal nach fast fünfzig Jahren den ersten Platz verloren hatte. Der Wettkampf über den man sprach, war ein anderer. Es war das Zeitfahren, mit dem man „aus der Gemeinschaftsunterkunft heraus und bis zu den nahen Märkten kommen konnte“, sagte ein Sportler, „um den Ort zu finden, an dem am günstigsten verkauft wird, um das Geld zu strecken“.

Der größte Gewinn, der sie wirklich begeisterte und zum Lächeln brachte, war für viele dieser jungen Talente nicht eine goldene, silberne oder bronzene Medaille, sondern der, mit Produkten und Geräten nach Hause zurückzukehren, die ihre Lebensqualität verbessern würden. Einer prahlte damit, dass er „den Koffer ein wenig mit der Hand anheben konnte“, damit am Schalter nicht das gesamte Gewicht angezeigt würde.

Ein Mann mit militärischem Haarschnitt und der gleichen sportlichen Aufmachung wie der Rest der Delegation hörte wortlos zu, aber sein Rucksack im Gepäckfach ließ sich kaum noch schließen.

„Zu der Angestellten sagte ich, es seien Teile eines Fahrrads und nicht eines Motorrads, weil sie so einfacher durchgewinkt werden“, meinte ein anderer stolz. „Sie haben mir erlaubt drei Koffer mitzunehmen, und was sie mir dafür berechnet haben, nehme ich schnell wieder ein, weil alles was ich mitgenommen habe in Havanna viel mehr wert ist“, fügte ein älterer Herr hinzu, der der Manager eines Teams zu sein schien. An seiner Seite hörte ihm ein Mann mit militärischem Haarschnitt und der gleichen sportlichen Aufmachung wie der Rest der Delegation zu, ohne einen Laut zu sagen, aber sein Rucksack im Gepäckfach ließ sich kaum noch schließen.

Das Flugzeug begann Kreise über Havanna zu drehen. „Man hat uns darüber informiert, dass wir warten müssen, weil der Flughafen wegen dringender Arbeiten geschlossen ist“, erklärte der Kapitän. Während die Passagiere aus den Fenstern blickten und immer wieder dieselbe Landschaft vorbeiziehen sahen, tauschten sie die letzten Ratschläge für ihr Gepäck aus. „Ich werde die Kontrolle für den Flachbildschirm überstehen, weil ich in diesem Jahr noch keinen Import hatte, aber ich brauche dich, um die beiden mitgebrachten Telefone für mich durchzubringen“, bat einer seinen Sitznachbarn.

Schließlich setzte das Flugzeug am Boden auf und nach einer langen Schlange am Einreiseschalter kam für die ungeduldigen Sportler der lang ersehnte Moment: die Koffer vom Gepäckband zu nehmen. An einer Seite des Transportbands rief ein Zollbeamter lauthals, dass die „Splits“ und die Fernsehgeräte durch eine kleine Tür in eine Halle befördert werden, wo jedes Transportstück gescannt würde, um den Inhalt zu überprüfen. Die Delegation von Sportlern versammelte sich vollständig um diese Ausgabestelle.

Touristen, die mit demselben Flug angekommen sind, verstehen immer weniger. „Und warum müssen sie diese Dinge mitbringen?“

Schließlich erschien ein Klimagerät, gefolgt von einem weiteren und danach noch einige mehr. Kisten stapelten sich, man lachte, einige machten ein Selfie vor dem wachsenden Berg an Haushaltsgeräten, niemand sprach von Medaillen.

Es kam der Moment die belebte Wartehalle des Internationalen Flughafens José Martí zu verlassen. Viele Familien warteten mit Babys auf dem Arm oder Senioren in Rollstühlen. Schreie, Emotionen,… und dann war da eine Frau, die zu einem Athleten − vermutlich ihrem Sohn − unter Tränen sagte: „Ich wusste, du würdest ihn mitbringen“, wobei sie erleichtert die „Split“-Kiste berührte, in Vorfreude auf schweißfreie Nächte in einem Zimmer unter 25 Grad Celsius.

* * *

Die Szene wiederholt sich. Die Mitglieder der Delegation umarmen nach und nach ihre Verwandten und verteilen die ersten Geschenke. Touristen, die mit demselben Flug angekommen sind, verstehen immer weniger. „Und warum müssen sie diese Dinge mitbringen?“, fragt ein verwunderter Chilene, der für den Junggesellinnenabschied einer Cousine angereist ist. Niemand antwortet ihm.

              Übersetzung: Lena Hartwig

 

Anmerkung der Übersetzerin:

*) Ein alle vier Jahre stattfindendes Sportgroßereignis mit Teilnehmern aus Zentralamerika und der Karibik. Dieses Jahr fanden die 23.Spiele vom 19.Juli bis zum 3.August in Barranquilla, Kolumbien, statt.


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Ein Land im ‚wifi‘-Stress

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Kubaner loggen sich in staatliche ‚wifi‘-Netze ein. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 21. Juli 2018

Ein kleines Insekt fällt auf die Tastatur meines Laptops, einige Minuten später noch eines und das dritte landet auf meinem Hals. Ein paar Meter weiter schirmt ein bekannter Filmemacher den Bildschirm vor Sonnenlicht ab, eine Frau spricht laut von privaten Dingen, während sie in einer Videokonferenz mit einem emigrierten Familienangehörigen redet. Ein Straßenkater nähert sich meiner Tasche und verlangt Futter, aber ich habe nichts dabei, schließlich bin ich nur in eine ‚wifi‘-Zone gegangen, wenige Meter entfernt von meinem Haus.

Mit Glück habe ich eine Bank gefunden, auch wenn sie keine Lehne hat. Nach einer Stunde Surfen im Internet verlangt mein Rücken nach einer Unterstützung. Deshalb gehe ich in eine nahe Zone an der Treppe eines Gebäudes, schaue nach oben und bemerke, dass es keinen Balkon über meinem Kopf gibt, der verhindert, dass ein Bewohner Essensreste oder Abwasser geradewegs auf meinen Computer schüttet. Auf der Treppe habe ich einen guten Platz gefunden und meine Wirbelsäule freut sich über die Mauer, gegen die ich mich lehne.

Ein paar Minuten später bemerke ich einen unangenehmen Geruch. Offensichtlich benutzt jemand das nahe Gebüsch als Toilette; mit diesem Gestank verliert mein ideales „Büro“ seinen Charme. Ich gehe woanders hin. Ein paar Kinder spielen Baseball mit einem Schläger der Marke „Eigenbau“, deshalb lasse ich mich dort nieder, wo mein Laptop nicht in Gefahr gerät. Aber die Sonne nähert sich immer mehr diesem Platz und ich schätze, dass mir noch eine halbe Stunde bleibt, bis mich „der Indio“ (die Sonne) erreicht.

Es kommt Bewölkung auf; jetzt signalisiert der Akku, dass er nur noch über höchstens 15% Ladekapazität verfügt. Es gibt keine Ladestation in der Nähe, niemand „verkauft“ mir etwas Energie – was ein lukratives Geschäft in den ‚wifi‘-Zonen wäre. Also spare ich Energie und reduziere die Helligkeit des Bildschirms, aber bei der Helligkeit meiner Umgebung sehe ich fast nichts mehr. Es gelingt mir ein paar Mitteilungen via Twitter zu posten, meinen Posteingang zu checken und eine Anfrage betreffs Mitarbeit zu überfliegen, die unsere Zeitung 14ymedio erreicht hat.

Ein Regentropfen fällt zwischen die Tasten „D“ und „F“. Ich habe Glück; das bisschen Wasser ist nicht zwischen den beiden Tasten verschwunden und nicht bis zu Stromkreisen, zu elektrischen Kontakten oder bis zur Hauptplatine vorgedrungen. Mit Schweiß auf der Stirn wische ich die Feuchtigkeit ab und schließe den Laptop. Ich schaue mich um. Weil ich mich auf Web-Seiten und soziale Netze konzentriert habe, habe ich nicht bemerkt, wie sich ein zwielichtiges Subjekt nebenan hinsetzte und sich auf der Bank übergab.

Ich bringe alles in Sicherheit, erreiche einen guten Unterstand und warte darauf, dass der Platzregen aufhört. Unter dem kleinen Dach reden andere Internetbenutzer von Nachrichten, die sie gelesen haben, von Mitteilungen, die noch vor dem Regen eingegangen sind und von einem Formular für ein Visum, das sie wenigsten noch halb ausfüllen konnten; dass sie damit aber weitermachen würden, wenn die Sonne wieder hervor käme.

Trotz aller der Schwierigkeiten mit einem Zugang ins Netz, „pressen“ die Leute so viel Information wie nur möglich aus dem drahtlosen Signal heraus, das ihre Telefone, Tabletts und Computer noch erreicht. Tag für Tag sind diese improvisierten „Chatrooms“ voller Leben, obwohl die User für jede Stunde den exorbitanten Preis von einem CUC *) bezahlen. Jeder intelligente Mensch würde sagen, dass sich Arbeiten unter solchen Bedingung nicht mehr lohnt. Eigentlich sollte man nur noch mit Freunden chatten und miteinander lachen. Trotzdem nutzen Profis aller Art die ‚wifi‘-Zonen so gut wie möglich – unter einer tropischen Sonne, bei Regen, und sie erwehren sich sogar der Insekten und der hungrigen Katzen.

              Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung des Übersetzers:
*) Der CUC ist der mit dem Dollar konvertible Peso. 1CUC entspricht in etwa dem halben Tagesverdienst eines staatlichen Arbeiters.


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