Die Invasion in die Ukraine diskreditiert die offizielle kubanische Presse

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Wer jetzt bei diesen grotesken Versionen bleibt, tut dies, weil er den informativen Brei mag und nicht nachforschen will. (Collage)

Die Überschriften im Bild: „Der Westen stellt sich in eine Reihe gegen Russland, das bei der Entmilitarisierung der Ukraine vorankommt“ / „Kiew verzögert Verhandlungen, während es Waffen aufstellt, warnt Russland“

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 26.Februar 2022

In diesen Tagen stellen die offiziellen kubanischen Medien ihren Charakter zur Schau, den von politischen Propagandisten, ohne die geringsten Mindestanforderungen für journalistische Information zu respektieren. Nebenbei zeigen sie dem Kreml ihre Unterwürfigkeit, wenn sie als „Entmilitarisierung“ das bezeichnen, was in Wirklichkeit eine grausame Invasion in ein anderes Landes ist, und außerdem ist die Regierung von Wolodymyr Selenskyj schuld am Einmarsch der russischen Truppen.

Zum Glück haben wir unabhängige Medien und den Zugang ins Internet, trotz der exorbitanten Preise und der vielen blockierten Seiten, an denen letzteres krankt. Hinzufügen muss man noch unser langes Training, alles zu suchen, was zensiert oder verboten ist, oder was in solchen Fällen geeignet ist, die Nachrichten zu vervollständigen, die die zwei offiziellen Zeitungen, die pathetische Granma und die toxische Cubadebate, nach Gutdünken manipulieren.

Glücklicherweise, aber vor allem weil wir die Mauer der Informationskontrolle überwunden haben, sind wir nicht mehr das Volk, das die vielen Lügen glaubt.

Glücklicherweise, aber vor allem weil wir die Mauer der Informationskontrolle überwunden haben, sind wir nicht mehr das Volk, das die vielen Lügen glaubt, die von den Medien der Kommunistischen Partei verbreitet werden. Weit liegt die Zeit hinter uns, in der Millionen Kubaner es hinnahmen, dass die Entsendung von Soldaten nach Afrika geschah, um eine „alte historische Schuld“ mit diesem Kontinent zu begleichen; oder dass die letzten Kubaner auf Grenada sich „eingehüllt in die Fahne“ geopfert hätten, …es gab noch mehr Angriffe auf das kubanische Selbstbewusstsein, die der Castrismus im Nachhinein benutzte, um den Schmerz eines Volkes zu manipulieren und die Freiheiten der Bürger noch weiter einzuschränken.

Glücklicherweise sind wir nicht mehr die, denen man die Lektüre einer unabhängigen Zeitung wie Novedades de Moscú (Nachrichten aus Moskau) verbieten kann; nicht mehr die, die man glauben lässt, dass der Nachbar im nächsten Häuserblock ein Agent der Nato war, und man ihn deswegen für lange Jahre ins Gefängnis werfen musste; oder nicht mehr die, denen man versichert, dass Wladimir Putin ein gutmütiger Führer ist, der nur die Sicherheit der Russen schützen will.

Wer jetzt bei diesen grotesken Versionen bleibt, tut dies, weil er den informativen Brei mag, und nicht nachforscht, hinterfragt oder weitergehend sucht. Wer jetzt noch nicht die Bilder von ausgebombten Gebäuden in Kiew gesehen hat, nicht die Bilder von russischen Panzern, die auf ihren Weg alles dem Erdboden gleich machen, und nicht die einer wehrlosen Bevölkerung, mit Kindern und ihren Maskottchen, die in den Schächten der Metro zittern, während oben Raketen heulen, dann tut er dies, weil er solche Bilder nicht sehen will, weil er sich weigert davon Kenntnis zu nehmen, und weil er angesichts der Wahrheit die Augen verschließt und sich die Ohren zuhält.

Wir sind nicht mehr dieselben, sie können uns nicht länger belügen, aber die offizielle Presse hat das noch nicht bemerkt.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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„Liebe Genossen“, war es in Nowotscherkassk oder in La Güinera?

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Der Film „Liebe Genossen“ erzählt die Geschichte von Ludmila, einer rigorosen lokalen KP-Funktionärin und Bewunderin von Stalin. (Fotogramm)

YOANI SÁNCHEZ / 14ymedio.com / 13.Februar 2022

Sie ist eine der Aktivistinnen die „zubeißen“, aber eines Tages beteiligt sich ihre Tochter an einer Demonstration und von da an erkennt sie die hässlichen Seiten des Systems: die Unterdrückung, die Verhaftungen und die Verheimlichung der Wahrheit. Seit dem 11.Juli 2021 könnte ihre Geschichte auch die einer kubanischen Mutter sein, aber ihr Name ist Ludmila Siomina, sie lebt in Nowotscherkassk, und die Demonstration, die ihr Leben veränderte, fand im Jahr 1962 statt.

In hartem schwarz-weiß erzählt der Film „Liebe Genossen“ die Geschichte einer strengen lokalen KP-Funktionärin, die Stalin bewundert und nostalgisch nach der harten Hand des Diktators ruft, der nach seinem Tod offiziell in Ungnade fiel. Sie ist streng und extremistisch; aber in dem Maß, wie die zwei Stunden des Films ablaufen, wird die Protagonistin wenigstens teilweise ihren Fanatismus und ihre Standhaftigkeit verlieren.

Bei Ludmila ist der Auslöser für diesen Wandel ein Massaker, das Agenten des KGB in Nowotscherkassk verüben, wo sie im Juni 1962 mit gezielten Schüssen eine Demonstration von Arbeitern auflösen, die in der Fabrik für Elektromotoren arbeiten. Drei Jahrzehnte lang blieb der Vorfall verborgen, unter der Decke von Drohungen, Geheimniskrämerei und Angst.

Ludmila Sionima lebt in Nowotscherkassk, und die Demonstration, die ihr Leben veränderte, fand im Jahr 1962 statt.

Der russische Regisseur Andrej Kontschalowski hat diesen Abschnitt sowjetischer Geschichte ausgewählt, und wir folgen einem Drama, das einer griechischen Tragödie gleicht: eine Mutter sucht ihre Tochter, sogar auf Friedhöfen, und im Verlauf der Nachforschungen zerbricht in ihr der blinde Glaube an ein gesellschaftliches Projekt. Der lange Weg vom Leichenschauhaus ins Hospital und auf den Friedhof erschüttert die radikale Funktionärin und zeigt ihr, wie verfault das Systems ist.

Ludmila, die zunächst die Klagen über steigende Preise für Lebensmittel und fallende Löhne nicht hören will, wird schließlich von der Welle der allgemeinen Unzufriedenheit mitgerissen. An der Umsetzung des wirtschaftlichen Modells wirkt sie mit. Die Produktionspläne werden in den Schlagzeilen der Presse und im Fernsehen übererfüllt, verurteilen aber Familien zu mageren Essensrationen und zwingen sie auf dem Schwarzmarkt einzukaufen.

Der Film von Kontschalowski porträtiert mit Bravour die Funktionäre der mittleren Führungsebene, die zu ihrem Amt gekommen sind, indem sie Befehle von oben befolgten und als Opportunisten die Karriereleiter hoch stiegen. Mit Ausbruch der Krise sind diese Marionetten, die nur wissen wie man Berichte abfasst und Versammlungen abhält, unfähig, auf die Forderungen der Streikenden zu reagieren, oder selbst die Initiative zu ergreifen. Sie wissen nur wie man flieht, und sie fürchten um ihren Hals.

Als Bevollmächtigte aus Moskau eintreffen, beginnt vor den „geliebten Genossen“ der Kampf um Punkte. Nikita Chruschtschow schickte seine Leute, um die Ordnung in der Stadt nahe Rostow wieder herzustellen. Die örtlichen Aktivisten bemühen sich, die Neuankömmlinge zufrieden zu stellen und schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Ludmila nutzt die Gelegenheit und fordert, gegen die Demonstranten mit harter Hand vorzugehen; sie weiß nicht, dass ihre Tochter unter ihnen ist.

Im Verlauf der Treffen setzen die Emissäre des Kremls eine gewaltsame Lösung durch, um die Bevölkerung zum Schweigen zu bringen; dabei zieht der KGB die Fäden. Man entwickelt auch ein Prozedere die Geschichte umzuschreiben, um den Akt der Rebellion gegen die Sowjetmacht auszuradieren. Es fehlt auch nicht das altbekannte Argument, dass alles von der CIA ausgeheckt wurde, oder eine Folge von Aufrufen in ausländischen Radiosendern war.

Gezwungen zu schweigen, unter Androhung von Haft und sogar Tod, beobachten die entsetzten Einwohner von Nowotscherkassk: dass Verhaftungen von Haus zu Haus erfolgen, dass der KGB Hospitäler übernimmt, um Heilung-Suchende zu verhaften, wenn sie denn Schusswunden haben, dass die Stadt abgeriegelt bleibt, bis alle Spuren des Massakers beseitigt sind. Die Maskerade hält bis 1992, bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion, als einige Opfer beginnen von dem Ereignis zu berichten.

Will man sich der Geschichte von Ludmila aus kubanischen Sicht nähern, dann muss man nach dem 11.Juli Parallelen finden, abgesehen von Unterschieden.

In einer schockierenden Filmszene wird der Platz, auf den Dutzende von Menschen zu Tode kamen, neu asphaltiert, weil das Blut sich wegen der Wärme mit dem Untergrund verband. Auf die neue Fläche stellt man ein Podium mit Musikern und tanzenden Paaren, die man aus anderen Dörfern holt, um Normalität und Lebensfreude zu zeigen. Der Terror wird mit einem Spektakel, Licht und falschem Lachen geschminkt.

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Will man sich der Geschichte von Ludmila aus kubanischen Sicht nähern, dann muss man nach dem 11.Juli Parallelen finden, abgesehen von Unterschieden. Die rigorose russische Parteigenossin könnte auch in La Güinera leben und Mutter einer der jungen Frauen sein, die verhaftet und vor Gericht gestellt wurden, weil sie auf die Straße gingen und den demokratischen Wandel auf dieser Insel forderten. Wie Ludmila musste auch sie in Polizeistationen, Hospitälern und sogar in Leichenschauhäusern vorstellig werden, auf der Suche nach ihrer Tochter.

Nennen wir sie Yamila; der rote Ausweis, den sie früher voller Stolz bei sich hatte, drückt sie jetzt in dem kleinen Täschchen. Im inneren Kreis der PCC, der Kommunistischen Partei Kubas, schaut man sie jetzt von der Seite an, weil sie keine echte Revolutionärin großgezogen hat, und sie erhält Besuche von Agenten der Staatspolizei, die ihr sagen, dass sie den Mund halten sollte, weil „jede Mitteilung in sozialen Netzen“ schlecht für ihre Tochter wäre.

Yamila hat noch nie einen Gerichtssaal betreten, aber bis vor kurzem schwor sie Stein und Bein, dass die Anwälte verteidigen, die Richter Gerechtigkeit walten lassen und die Verurteilten Garantien haben. Nach einigen Tagen mit Anhörungen gelingt es ihr nicht mehr, diese Überzeugung gegenüber wem auch immer zu vertreten; nach den Berichten, die ihr ihre Tochter aus dem Gefängnis übermittelt, ist sie aus ihren Träumen von Umerziehung, Würde und Schutz in kubanischen Gefängnissen aufgewacht.

Einige Tage später, nachdem sich der Boden in La Güinera rot gefärbt hatte, mit dem Blut eines getöteten Demonstranten und dem aus den Wunden von so vielen anderen, kamen Männer einer Brigade und übermalten einige Fassaden, mit Kalk reinigten sie die Abflussrinne des Gehsteigs und stellten ein paar Lautsprecher auf, aus denen patriotische Lieder ertönten. Yamila betrachtete das vom Fenster ihres Hauses aus, mit denselben Augen, wie es Ludmilla vor 60 Jahren tat.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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