Ethische Lähmungen, der traurige Fall des Ignacio Ramonet

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An der gleichen Universität, an der Ramonet (rechts) am Dienstag sein Buch vorstellte, wurde vor einigen Monaten eine Journalismusstudentin wegen ihrer Verbindung zu einer unabhängigen Oppositionsgruppe verwiesen. (UCLV)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 23. November 2017  Als 2006 das Interview von Ignacio Ramonet* mit Fidel Castro veröffentlicht wurde, ließen sich viele Bürger die Gelegenheit nicht entgehen, sich über den Titel lustig zu machen. „Warum sollten wir ‚Hundert Stunden mit Fidel**‘ lesen, wenn wir unser ganzes Leben mit ihm verbracht haben?“, war auf der Straße zu hören, doch der Journalist hat nicht einmal Notiz davon genommen.

Jenes Buch, das durch seinen ausgeprägten journalistischen Sanftmut als eine Autobiografie des „Máximo Líders“ eingestuft werden kann, erntete mehr als nur Gelächter. Der Autor wurde auch mit Anschuldigungen überhäuft, dass er mittels „Kopieren und Einfügen“ den Inhalt alter Reden von Fidel Castro für die Antworten hergenommen habe.

Ohne eine überzeugende Erklärung zu solchen Fragen abgegeben zu haben, ist Ramonet nun mit einem weiteren Buch zurückgekehrt, für das er diese Woche an mehreren Universitäten auf der Insel warb. Dieser Band trägt ebenfalls einen jener Titel, die ein spöttisches Lächeln auslösen: Das Imperium der Überwachung (Originaltitel: El imperio de la vigilancia).

Am vergangenen Dienstag hielt der Professor für Kommunikationstheorie an der Zentraluniversität Marta Abreu de Las Villas eine Ansprache im Rahmen der Präsentation des Buches, das im José Martí Verlag veröffentlicht wurde. Es wurde eine bittere Schmährede gegen das globale Überwachungsnetz, das die Vereinigten Staaten geknüpft haben, um an Informationen über Bürger, Gruppen und Regierungen zu kommen.

 Ramonet leidet unter einer ethischen Lähmung, wenn es darum geht, Verantwortung zu verteilen und anderen Regierungen aufzuzeigen, dass sie jeden Tag in die Privatsphäre ihrer Bürger eindringen.

Das Buch legt besonderen Nachdruck auf die Komplizenschaft von Unternehmen, die die Nutzerdaten verwalten, um sie in das Spionagenetz der kommerziellen Interessen, der Kontrolle und Unterordnung einzufügen. Ein Netz, in dem die moderne Gesellschaft gefangen ist und aus dem man sich dringend befreien soll, so die Analyse des Professors.

Bis dahin unterscheidet es sich nicht von dem, was so viele Cyberaktivisten auf der ganzen Welt anprangern, aber Ramonet leidet unter einer ethischen Lähmung, wenn es darum geht, Verantwortung zu verteilen und anderen Regierungen aufzuzeigen, dass sie jeden Tag in die Privatsphäre ihrer Bürger eindringen.

Die Tatsache, dass Ramonet in so ein „orwellianisches“ Land wie Kuba gereist ist, um mit dem Finger auf Washington zu zeigen, ist ein Beweis für seinen unhaltbaren Standpunkt, wenn es darum geht, Themen zu behandeln, wie „Big Data“, die Legalisierung von Web-Überwachung und die Sammlung von Benutzerdaten, um Verhalten vorherzusagen oder Produkte zu verkaufen.

Die Insel, auf der die Staatssicherheit (in diesem Fall der „Big Brother“) über jedes Detail im Lebens von Einzelpersonen wacht, ist nicht der beste Ort, um über indiskrete Augen zu sprechen, die die Emails anderer lesen, auch nicht über Polizeibeamte, die jede Information überwachen, die das Netz durchquert, und über Daten, die von Regierungsbeamten abgefangen werden, um damit Menschen zu unterdrücken.

Die Regierung dieser Nation, die von ihrem Sitz auf der „Plaza de la Revolución“ aus eine strenge Kontrolle über die Informationen aufrechterhält und nur die öffentliche Verbreitung von wohlwollend gesinnten Reden zulässt, müsste eigentlich zu den Regimen gehören, die Ramonet in seinem Buch anprangert. Seltsamerweise gibt es aber für den Journalisten „schlechte“ und „gute“ Überwachungen, und in letztere scheint diejenige zu fallen, die von der kubanischen Regierung durchgeführt wird. 

Die Regierung dieser Nation, die von ihrem Sitz auf der „Plaza de la Revolución“ aus eine strenge Kontrolle über die Informationen aufrechterhält, müsste eigentlich zu den Regimen gehören, die Ramonet in seinem Buch anprangert.

An der gleichen Universität, an der Ramonet am Dienstag sein Buch vorstellte, wurde vor einigen Monaten eine Journalismusstudentin wegen ihrer Verbindung zu einer unabhängigen Oppositionsgruppe verwiesen. Das Imperium der Überwachung reagierte nicht halbherzig und mit der Hilfe einiger Studenten und Studentenführer, die zur Komplizenschaft gezwungen wurden, warf man sie aus der Uni.

Wenige Tage später starteten die Cyberpolizisten, die diese Kontrollarmee bilden, eine Verleumdungskampagne gegen die junge Frau in den sozialen Netzwerken. Sie benutzten Informationen aus ihren Emails, Telefonaten und sogar privaten Gesprächen, um sie zu verunglimpfen. Unser „Big Brother“ handelte ohne Rücksicht auf Verluste.

Vor einigen Jahren zeigte das nationale Fernsehen den Inhalt mehrerer privater Emails, die aus dem persönlichen Account einer Oppositionellen gestohlen wurden. All dies geschah ohne richterliche Anordnung, ohne dass die Dame etwa wegen eines Verbrechens strafrechtlich verfolgt wurde und natürlich ohne bei Google die Freigabe der Emails beantragt zu haben, deren Inhalt vermutlich veröffentlicht werden sollte.

Ramonet kann nicht ignorieren, dass das kubanische Telekommunikationsunternehmen Etecsa einen strengen Filter für jede von ihren Kunden gesendete Textnachricht einsetzt. Das staatliche Monopol zensiert Wörter wie „Diktatur“ und den Namen von Oppositionsführern. Obwohl die Nachrichten kostenpflichtig sind, erreichen sie nie ihr Ziel.

Der ehemalige Direktor von ‚Le Monde Diplomatique‘ ist eben auch nicht in eine Wifi-Zone gegangen, um auf eine dieser Websites zuzugreifen, die die Regierung nach jahrelangem Druck durch die Bürger geöffnet hat

Der ehemalige Direktor von Le Monde Diplomatique ist eben auch nicht in eine Wifi-Zone gegangen, um auf eine dieser Websites zuzugreifen, die die Regierung nach jahrelangem Druck durch die Bürger geöffnet hat. Wäre er in solch einer Wifi-Zone gewesen, wüsste er, dass das chinesische Firewall-Modell auf dieser Insel kopiert wurde, um unzählige Seiten zu zensieren.

Weiß Ramonet, dass eine große Anzahl kubanischer Internetnutzer anonyme Proxies nicht nur für den Zugriff auf diese gefilterten Websites verwendet, sondern auch, um ihre privaten Informationen vor dem indiskreten Auge des Staates zu schützen? Hat er bemerkt, dass die Stimmen der Leute leiser werden, um über Politik zu sprechen, dass sie verbotene Bücher einbinden oder den Computerbildschirm mit ihren Körpern bedecken, wenn sie eine blockierte Zeitung wie 14ymedio besuchen?

Hat er sich über die Vereinbarung zwischen Havanna und Moskau gewundert, in Kuba ein Zentrum unter dem Namen InvGuard zu eröffnen, das ein angebliches Schutzsystem gegen Angriffe auf Netzwerke einführen soll? Gerade jetzt wo der Kreml beschuldigt wird, über das Internet manipuliert zu haben, vom Brexit über die katalanische Krise bis hin zu den US-Wahlen.

Keine dieser Antworten wird der Leser in Ignacio Ramonets jüngstem Buch finden können, denn genauso wie jene Autobiografie von Fidel Castro, die versuchte als Interview durchzugehen, kann dieses Buch von den Kubanern schon allein aufgrund seines Titels allein in Frage gestellt werden: Warum sollte man Das Imperium der Überwachung lesen, wenn man sein ganzes Leben lang unter seiner Herrschaft gestanden hat?

Anmerkung der Übersetzerin:

*Ignacio Ramonet, geb. 1943 in Redondela, Spanien, ist ein spanischer Journalist, der in Paris lebt. Er ist Ehrenpräsident der ATTAC-Bewegung. Von 1991 bis 2008 war er Direktor der französischen Ausgabe von Le Monde Diplomatique, jetzt leitet er die spanischsprachige Ausgabe dieser Zeitung.

**100 Horas con Fidel (100 Stunden mit Fidel) ist auf Deutsch erschienen unter dem Namen: Mein Leben | Fidel Castro, Ignacio Ramonet, Barbara Köhler (Übersetzerin).

Übersetzung: Nina Beyerlein

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Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität des Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter transformieren.

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Von der Kunst Künstler in „Feinde“ zu verwandeln

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Der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara auf einer Parkbank in Havanna. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 10.November 2017

Er kritzelte etwas auf eine Mauer und sie steckten ihn mehrere Monate ins Gefängnis; er gründete eine oppositionelle Partei und sie klagten ihn an ein paar Sack Zement gekauft zu haben; er eröffnete ein unabhängiges Pressemedium und sie beschuldigten ihn des Vaterlandsverrats. Jeder Schritt in die Freiheit endete mit einer unverhältnismäßigen Unterdrückung, die sich nur mit der Angst erklären lässt, die die Bürokratie vor ihren eigenen Bürgern hat.

Der Fall des Künstlers Luis Manuel Otero Alcántara hat wieder einmal die Furcht gezeigt, die in den „höheren Sphären“ herrscht und vor allem bei dem ausartet, der aus dem zugewiesenen Pferch ausbrechen will. Die Polizei, die am vergangenen Montag auf der Suche nach belastendem Material in sein Haus eindrang, ist ausführendes Organ einer strafenden Politik, die systematisch gegen Kritiker des Systems vorgeht.

Die Säcke mit Baumaterial sind nur ein Vorwand, um Otero Alcántara „die Marterwerkzeuge zu zeigen“ und ihn in ein endloses juristisches Verfahren zu verwickeln. Was jetzt kommt läuft ab wie ein bekannter Film: ein schnelles Urteil, eine Strafe, mit der man ihn solange aus dem Verkehr ziehen kann, bis das Datum seiner unabhängigen Kunst-Aktion Bienal 00*) verstrichen ist –  und inzwischen flüstert ihm ein „guter Polizist “ ins Ohr, wie vorteilhaft es doch wäre zu emigrieren, um all dem Durcheinander zu entkommen.

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Otero Alcántara kurz nachdem er gegen Kaution aus dem Gefängnis freikam. (14ymedio)

Der Künstler verspürt alle Arten von Druck am eigenen Leib. Auf der einen Seite sagt ihm die Staatssicherheit, dass sein Aufruf zur Bienal 00 eine Provokation sei, die man nicht dulden könne; andererseits werden sich die Vereinigten Kubanischen Künstler von seinen Vorschlägen distanzieren. Einige von denen, die zunächst zugestimmt hatten am Kunst-Event teilzunehmen, werden E-Mails nicht mehr beantworten oder ihm mitteilen, dass sie unvorhersehbar verreisen mussten.

Andere werden ihn beschuldigen, dass er nur auf sich aufmerksam machen wollte; wieder andere werden ihm sagen, dass er den offiziellen Weg hätte gehen können, anstatt sich darauf zu stürzen einen parallelen Event zu organisieren. Es wird auch welche geben, die ihm vorwerfen, die rote Linie zwischen Kunst und Aktivismus überschritten zu haben und sich in die Politik zu drängen. Sarkastische Mitmenschen werden ihm jetzt zuflüstern, dass er sein Gesicht im nächsten „Game of Thrones“-Video zeigen könne, wenn er es denn von den „Kandidaten für die kubanische Präsidentschaft“ machen möchte.

Dennoch wird auch Solidarität auf ihn herabregnen und zwar von denen, die in den letzten Tagen auf die Verhaftung des Autors von „Wo ist Mella?“ (¿Dónde está Mella?) gewartet haben, eine Performance, die im alten „Manzana de Gómez„**) stattfand. Alcántaras Fall wird helfen der Welt zu zeigen, dass die Regierung von Raúl Castro den gleichen modus operandi anwendet, um Oppositionelle, Künstler und Journalisten zu attackieren.

Der Bürokratie ist es egal, ob ein Wagemutiger die Verletzung von Menschenrechten öffentlich macht, dabei mit Metaphern arbeitet oder Informationen hinterfragt. Von da an aufwärts – wer nicht Befehlen folgt verdient nur ein Wort: Feind. Luis Manuel Otero Alcántara ist jetzt für sie in dieser Kategorie.

          Übersetzung: Dieter Schubert

 

Anmerkungen des Übersetzers:

Bienal 00*) „Die Biennale der Menschen, die Biennale der Künstler“; mit diesem Aufruf hat Otero Alcántara sein Projekt Bienal 00 gestartet, um die 13.Biennale in Havanna zu ersetzen, die für 2018 vorgesehen war und auf Befehl der Regierung auf 2019 verschoben wurde.

Das „Manzana de Gómez“**) ist ein historisches Gebäude aus dem 20. Jahrhundert im Zentrum von Havanna, das 2017 als „Gran Hotel Manzana Kempinski“ wiedereröffnet wurde.

 

 

 

 

 

Segeln im Migrations Nonsense

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Ein Balsero, der vor sieben Jahren emigrierte, will mit seiner Yacht zurückkommen, aber die Marina ‚Hemingway‘ hat ihm gesagt, dass seine kubanische Familie nicht an Bord gehen kann. (umbrellatravel)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 2.November 2017   

Drei Tage und dreißig Anrufe – so fasst Carla die Tage nach der Ankündigung der neuen Migrationsmaßnahmen zusammen. “Ich habe alle Nummern kontaktiert, die ich zur Hand hatte” berichtet sie, während sie bei sich zu Hause im Zentrum von Havanna eine Tasse Tee trinkt. Die ausgebildete Krankenschwester wartet sehnlichst auf das Wiedersehen mit ihrem Bruder, einem Balsero*), der Kuba auf einem Floß verlassen hat und nun seit sieben Jahren in Tampa (Florida) ansässig ist.

Trotz allem haben die Lockerungen, die ab dem 1.Januar in Kraft treten, im Gewirr der Verbote der kubanischen Migrationspolitik mehr Unsicherheit als Klarheit geschaffen. “Mein Bruder möchte mit seiner Yacht kommen und es der Familie ermöglichen an der Küste entlang zu fahren und sogar zu fischen”, erklärt sie.

Einige Anrufe bei der Marina ‚Hemingway‘ haben die Krankenschwester schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommen lassen. “Ihr Bruder kann im Boot einlaufen, aber kubanische Staatsbürger, die auf er Insel leben, dürfen noch keinen Bootsausflug unternehmen”, erklärte ihr eine Stimme auf der anderen Seite der Leitung. Carla stößt sich also an den Grenzen der Gesetzeslage, die sich in keiner Weise verändert haben.

Jahrzehntelang waren die Kubaner wie in aufeinanderfolgenden Kisten eingesperrt, die sie daran hindern sollten Entscheidungen verschiedenster Art zu treffen – Entscheidungen über diejenigen, die das Land regieren, wie auch über die Wahl der Zeitungen, die man lesen wollte. In den letzten zehn Jahren sind einige dieser Restriktionen zwar überflüssig, abgeschafft oder geändert worden; der “harte Kern” jedoch bleibt bestehen.

Im Mittelpunkt so vieler Einschränkungen steht die Überzeugung der Regierung, dass mehr Entscheidungs- und Handlungsspielraum dazu führen können, dass die Staatsbürger die aktuelle Regierung stürzen. Eine Bootstour entlang der kubanischen Küste könnte zur Folge haben, dass Carlas Familie sich fragt, warum ihnen dieses Vergnügen so lange verwehrt wurde – und somit ihre Unzufriedenheit steigern.

Trotz alledem haben die Lockerungen, die ab dem 1.Januar in Kraft treten, im Gewirr der Verbote in der kubanischen Migrationspolitik mehr Unsicherheit als Klarheit geschaffen.

Was diese hypothetische und lang ersehnte Tour auslösen kann, hat längerfristig Folgen für die Verwandtschaft.

Die Mutter, deren monatliche Rente nicht höher als 15 Dollar ist, wird vor Freude weinen, wenn sie vor ihrem Tod die versteckte Seite des „Morros“ **) sieht, ein Privileg, das vielen Einwohnern Havannas verwehrt bleiben wird. Vielleicht verschluckt sie sich auch am Schwanz einer Languste, die neulich von ihrem Sohn aus dem Wasser gezogen wurde – “der Feind, der vor der Revolution floh” – so wie er vom Präsidenten des Gremiums zur Verteidigung der Revolution in dem Moment klassifiziert wurde, als er von seiner Abreise erfuhr.

Sobald das Festland verschwindet und sich die beiden im unermesslichen Blau in Sicherheit befinden, wird Carla dem Floßfahrer sehr wahrscheinlich erzählen, wie sie Medikamente aus dem Krankenhaus stiehlt und diese auf dem Schwarzmarkt verkauft und dass sie von einer Migrationspolitik der “Familienzusammenführung” träumt, dank derer sie das Land verlassen kann. “Das hier kann keiner aushalten“, wird sie ihm – geschützt von Wind und Wellen – gestehen.

Wenn sich diese Meeresstraße öffnen würde, würde eine Trennwand in der versiegelten Box unwiederbringlich in sich zusammenfallen. Eine innere Wand aus Angst und Mangel an Möglichkeiten wird ernsthaft beschädigt werden. Daher muss der Staat, der sich dieser Tatsache durchaus bewusst ist, momentan alle Konsequenzen einer derartigen Veränderung in Betracht ziehen.

Momentan und so wie die bisher Dinge laufen, scheint es so, als ob der Bruder der Krankenschwester als Ausgewanderter in den Genuss von etwas kommen wird, was seinen Verwandten auf der Insel untersagt bleibt. Diese Widersprüche resultieren aus den halbherzigen Reformen; aber radikale Änderungen lösen Angst in der Führungsriege aus.

Bei ihrer Tasse Tee wählt Carla weiterhin Nummern, um jemanden zu finden, der ihr eine einfache Fragen beantworten kann: “Können wir auf das Boot, um an der Insel entlang zu schippern?” Niemand riskiert es, diese Frage mit Sicherheit zu beantworten, aber viele warten darauf, dass jemand einen „falschen Schritt“ macht und diese und andere Mauern zu bröckeln beginnen.

     Übersetzung: Berte Fleißig

Anmerkungen der Übersetzerin:

Balseros*) – von „balsa“ („Floß“) – der  Begriff wird für Kubaner verwendet, die versuchen die Floridastraße von Kuba aus zu überqueren, um in den Vereinigten Staaten ein besseres Leben zu finden.

El Morro**) ist ein Felsen in der Hafeneinfahrt von Havanna, auf dem sich das „Castillo de los Tres Reyes del Morro“ (die Festung der „Heiligen Drei Könige“) befindet. Dort steht auch der markante Leuchtturm der Stadt. (Wikipedia)