Wo sind die Bauern von Abela?

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Die Komposition ist annähernd kreisförmig, kompakt. Die Augen durchlaufen eine spiralförmige Linie, die bei dem Schuh des Mannes beginnt, der sich im Vordergrund befindet, und mit dem Hahn abschließt, den ein anderer hält. Es ist friedlich, zeugt von einer guten Konversation und im Hintergrund sieht man ein Dorf mit Häuschen aus Holz und Palmenblättern. Sechs kubanische Bauern sind auf diesem so bekannten und oft plagiierten Gemälde von Abela zu sehen. Ihre Gesichter sind von der Sonne gezeichnet und weisen indigene Züge auf. Sie ziehen den Blick unwiderstehlich auf sich. Unser Blick bleibt auch an den Details der Kleidung haften. „In Schale geschmissen“, makellose Hüte, langärmlige Hemden, vielleicht extra gestärkt für diesen Anlass.

Berührt von der Vertrautheit dieses Gemäldes, fahre ich aufs Land, ich begebe mich auf die Äcker, auf denen ich viele Male Tabak, Bohnen und Knoblauch geerntet habe… Ich gehe auf die Suche nach dieser ursprünglichen kubanischen Einheit, die der auf dem Land lebende Mensch darstellt. Allerdings treffe ich unter der sengenden Augustsonne anstatt dieser „Bauern von Abela“, Menschen in militärischem Aufzug. Olivgrüne Hosen, Hemden, die schon vor Jahren ihre Epauletten verloren haben, alte Mützen von irgendeiner Schlacht, die nie stattgefunden hatte. Sie bedecken sich mit den Uniformen der Streitkräfte oder des Innenministeriums, um den Strapazen des Feldes trotzen zu können. Sie haben nicht viele Möglichkeiten.

Auf dem Schwarzmarkt ist es einfacher, eine Offiziersjacke zu bekommen, als ein Hemd für die landwirtschaftliche Arbeit. Eine Polizeimütze kostet weniger als ein Strohhut. Gürtel aus Rindsleder gehören ebenfalls der Vergangenheit an; heute ist es viel einfacher und günstiger solche zu finden, die beim Militär genutzt werden. Mit dem Schuhwerk verhält es sich genauso. Gummistiefel sind knapp und so tragen die Männer und Frauen der Landwirtschaft Schuhe, die für Schützengräben und den Kampf konzipiert sind. In einem Land, das bis ins kleinste Detail militarisiert ist, setzt sich das Militärische gegen die Tradition durch. Der heutige Bauer – seiner Kleidung nach zu urteilen – ähnelt mehr einem Soldaten als einem Landwirt.

Durch den staatlichen Zentralismus wurde die unabhängige Produktion der für die Landarbeit bestimmten Kleidung zum Erliegen gebracht. Nicht einmal die jüngsten Lockerungen bezüglich der Selbstständigkeit haben diesen Zweig gefördert. Es ist nicht nur ein ökonomisches Problem oder das der Versorgung, auch unsere Eigenheiten und unsere traditionellen Bräuche sind von dieser Situation betroffen. Eine aktuelle Version des Gemäldes von Abela würde uns den Eindruck vermitteln, als befänden wir uns vor einer Gruppe Milizsoldaten in abgenutzter Bekleidung, die für den Maler mitten im Feldlager posieren… kurz bevor das Signal zum Appell ertönt.

Übersetzung: Valentina Dudinov

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Adel und Dienstboten

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Meine Großmutter wusch und bügelte für andere Leute. Als sie Mitte der achtziger Jahre starb, konnte sie nur die 3 Buchstaben ihres Vornamens schreiben: Ana. Während ihres ganzen Lebens arbeitete sie als Dienstmädchen bei einer Familie, sogar noch nach 1959, als sich die offizielle Propaganda damit brüstete, alle Dienstmädchen aus abhängigen Verhältnissen befreit zu haben. Stattdessen arbeiteten viele Frauen wie sie weiter als Hauspersonal, jetzt aber ohne (staatlichen) Versicherungsschutz. Für meine Schwester und mich verbrachte Ana einen Teil ihres Lebens „im Haus in der Ayestarán-Straße“, und niemals sagten wir laut, dass sie dort das Haus putzte, Teller spülte und Essen zubereitete. Niemals habe ich sie klagen hören, niemals erhielt ich Kenntnis davon, dass man sie misshandelt hätte.

Vor ein paar Tagen bekam ich ein Gespräch mit, das ich mit der Geschichte meiner Großmutter verglich. Eine selbstgefällige Frau in teurer Kleidung erzählte ihrer Freundin bei ein paar Gläsern Weißwein, wie es ihr mit ihrem jungen Hausmädchen ergeht. Hier gebe ich das Gespräch wieder, ohne irgendein Wort hinzuzufügen; es lässt in mir eine Mischung aus Abscheu und Traurigkeit zurück.

– Nach allem was du mir sagst, hast du Glück gehabt.
– Ja, eigentlich darf ich mich nicht beklagen. Suzy begann bei uns, als sie 17 war, und jetzt wurde sie gerade 21.
– Dann schaun’ wir mal, ob sie dir jetzt ein Kind zur Welt bringt und du sie rauswerfen musst.
– Nein, darüber ist sie sich im Klaren. Ich habe ihr nämlich gesagt, wenn sie schwanger wird, verliert sie ihre Arbeit.
– Jawohl. Aber du weißt doch “Die Katze lässt das Mausen nicht”. Sie ist im Stande, sich hinter deinem Rücken mit irgendeinem Kerl aus dem Dorf zu treffen, von wo sie herkommt.
– Was soll’s! Dorthin geht sie nicht einmal in den Ferien. Stell’ dir vor, dort haben sie nicht einmal elektrisches Licht, der Fußboden des Elternhauses besteht aus Lehm, und die Toilette teilen sie sich mit vier Familien. Sie hat gesehen, wie sich für sie der Himmel öffnet, seit sie bei uns ist. Und außerdem, ihr fehlt doch nichts. Sie muss ihre Pflichten bei mir ernst nehmen, mehr verlange ich nicht von ihr.
– So fangen sie an, aber dann bilden sie sich etwas ein und verlangen mehr.
– Bis jetzt geht es gut mit ihr. Am Sonntagabend hat sie Ausgang, dann kann sie tun, was sie will, aber vor 24 Uhr muss sie zurück sein. Meistens geht sie gar nicht weg, weil sie niemand in Havanna kennt. So ist’s auch besser, weil ich keinen schlechten Umgang mag.
– Gut so, die Straße ist gefährlich. Und außerdem ist es besser, wenn diese Landpomeranzen nicht dahin gehen, am Ende erfahren sie noch zu viel.
– Sie lernen mehr als nur bis 3 zu zählen. Deswegen halte ich es bei ihr für gut, sogar ihre Telefonanrufe zu kontrollieren. Es muss nicht sein, dass sie etwas erfährt, was sie nicht erfahren soll.
– Und wie steht’s mit dem Verlobten? Du hattest vom ihm gesprochen.
– Nein, das war nicht von Dauer. Wir haben ihr erklärt, dass wir keine Männerbesuche in unserem Haus wünschen. Und eigentlich hat sie auch keine Zeit, um sich zu verlieben, meine Kinder nehmen viel Zeit in Anspruch. Jetzt sind es die Hausaufgaben, dann der Park, dann wollen sie noch malen vor dem Schlafengehen, dann wollen sie nicht allein einen Film anschauen. Die Ärmste, wenn sie ins Bett fällt, muss sie todmüde sein.
– Na also……da kannst du ja innerlich jubeln. Ich hatte kein Glück, jedes Mal wenn ich eine einstelle, bleibt sie mir kaum einen Monat.
– Wenn du möchtest, kann ich dir die jüngere Schwester von Suzy vorstellen, die ich für sehr zuverlässig halte.
-Wie alt ist sie?
– Sie ist 15, du kannst sie also nach deinem Geschmack zurechtbiegen.
– Einverstanden, gib’ ihr meine Telefonnummer und sie soll mich anrufen. Oh…..und erkläre ihr, wenn ich sie einstelle, dann kaufe ich ihr alles: Kleider, Schuhe. Aber wenn sie eines schönen Tages abhaut, dann nimmt sie aus meinem Haus nicht mal eine Stecknadel mit. Erkläre ihr das! Denn später haben sie Flausen im Kopf, und es ist schwer, sie ihnen wieder auszutreiben.

Die zwei Frauen redeten weiter und die Weinflasche neigte sich dem Ende zu. Ich hörte noch, wie eine von ihnen mit den mehr als 60 Paar Schuhen protzte, die ihr Mann besäße. Sie lachten, und ich verspürte in der Magengrube ein Zittern, das ich kenne, es ist die angestaute Wut über solche Schmarotzer. Ich ging auf die Straße, um Luft zu holen und sah das Auto, mit dem die „ herrschaftlichen Damen“ gekommen waren. Es hatte ein grünes Kennzeichen, das sich vom grau-metallic Wagen abhob. Das ist die neue aristokratische Klasse, der „Adel in Olive-Grün“, ohne Skrupel, rücksichtslos. Ich spuckte auf die Windschutzscheibe, für Suzy, für Ana und für mich.

Übersetzung: Dieter Schubert

Die Rückkehr der illegalen Kreditvermittler

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Sie haben keine eigenen Geschäftsräume, aber sie laufen überall herum. Sie verleihen Geld mit Zinsen, sie beschaffen Kredite und kassieren sowohl in bar als auch in Gütern oder Serviceleistungen. Sie sind die neuen, illegalen Kreditvermittler. Nachdem sie über Jahrzehnte hinweg verpönt waren, sind diese verbotenen Banker wieder zurückgekehrt, ohne Lizenz und ohne Gnade. Von kleinen Summen bis hin zu tausenden von Pesos convertibles bieten sie alles an, letzteres jedoch nur an sehr vertrauenswürdige Kunden. Sie arbeiten in Vierteln, die sie sehr gut kennen, mit Anwohnern von denen sie wissen, wie viel sie verdienen, ob sie Geldsendungen aus dem Ausland bekommen oder ob sie sonst irgendeine andere Einnahmequelle haben. Von dieser Information ausgehend unterscheiden sie zwischen jenen die „gute Zahler“ sein werden und andere, die es nicht sein werden. Obwohl es immer möglich ist, dass sie eine Überraschung in Kauf nehmen müssen. Der große Alptraum dieser „räudigen Wucherer“ beruht darin, dass der Säumige ein Boot nimmt und heimlich das Land verlässt, ohne seine Schuld zu begleichen.

Alle anderen Situationen lassen sich durch Druck und Drohungen lösen. Wenn der Schuldner zu säumig wird, dann spürt der Kreditvermittler, dass es Zeit wird, ihm eine Lektion zu erteilen.

Eduardo sah fern am vergangenen Samstag als sie an seiner Tür klopften. Zwei stämmige Männer stießen ihn ins Haus und einer der beiden schlug ihm mit den Fäusten ins Gesicht. Sie nahmen die Musikanlage und gingen, mit der Warnung: „Du hast 72 Stunden Zeit, um deine Schulden beim „Vetter“ zu begleichen … wenn nicht, dann werden wir zurück kommen und dann werden wir uns nicht mehr so gut benehmen“. Das Opfer konnte nicht zur Polizei gehen, denn von Anfang an wollte er lieber diesen unzulässigen Kredit ohne Reklamationsrecht. Die darauffolgenden 3 Tage verbrachte er damit, Teile seiner Haushaltsgeräte zu verkaufen und sich bei seinen Freunden zu verschulden, um den Kredit zurück zu zahlen. Er betete auch ein bisschen dafür, dass der Vetter und seine Anhänger einer Razzia zum Opfer fielen, wegen der vielen anderen Delikte, die sie begehen.

Maria jedoch bekam einen Kredit von 10.000 kubanischen Pesos auf der Metropolitano Bank. Sie musste unzählige Formulare ausfüllen und eine Bescheinigung über ihr Arbeitsverhältnis. Den Betrag wird sie für Baumaterialien ausgeben, um ihre alte Wohnung zu renovieren. Sie ist zufrieden, diesen Betrag auf legalem Wege bekommen zu haben, obwohl nun bei jeglicher Formalität, die sie zu erledigen hat, die Information erscheint, dass sie Schulden beim Staat hat. Andere, welche die Anforderungen nicht erfüllen konnten, müssen die Konditionen und Zinsen der illegalen Kreditvermittler in ihrem Viertel akzeptieren. Mehr als nur eine der Kundinnen musste die Schuld mit ihrem Körper bezahlen, wenn das Rückzahldatum überschritten war; mehr als nur eine Familie musste den Kühlschrank hergeben oder das Auto, weil es einem verantwortungslosen Mitglied der Familie in den Sinn kam, um Geld zu bitten, welches er nie würde zurückzahlen können.

So nötig wie lästerlich, der illegale Kreditvermittler ist nur ein Teil in der rechtswidrigen Finanzkette unserer Realität. Vorsichtig beim Geben, unerbittlich beim Eintreiben.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Feiner Schotter

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Sie steht auf und bereitet etwas Kaffee zu. Die Oberfläche aus Beton der Küchenzeile ist noch nicht ganz getrocknet. Magaly, ihre zwei Kinder und ihr Mann leben auf der Baustelle ihres Hauses. Sie leben schon seit sieben Jahren so. Schritt für Schritt haben sie die Mauern hochgezogen und ein paar Rohrleitungen verlegt. Mit jedem Tag kommen sie zwar der Fertigstellung des Hauses näher, müssen aber auch einen weiteren Arbeitstag mit viel Angst und Risiken auf sich nehmen, um Material zu besorgen. Heute müssen sie sich auf die Suche nach feinem Schotter und gewaschenem Sand machen. Sie rechnen aus, wie viel Geld ihnen zur Verfügung steht, bevor sie sich auf den Weg zum staatlichen Markt machen, und bitten mich sie zu begleiten. Als wir am Eingang eines zentralen Lagerhauses ankommen, spiegeln sich die schlechten Nachrichten bereits im Gesicht einer Angestellten wieder. Das Lager wurde nicht aufgefüllt, und man muss bis nächste Woche warten.

Deshalb begeben wir uns in die Welt der Wiederverkäufer von Baustoffen. Sie zu finden ist leicht, mit ihnen zu verhandeln unmöglich. Die Umgebung rund um die Eisenbahnwerkstatt Christina formt den größten Schwarzmarkt für Eisenwarenhandel des ganzen Landes. Man muss nur durch den Eingangsbereich gehen und schon hallen aus allen Ecken Stimmen die fragen: „ Was suchen Sie?“. Wir gehen vorsichtig vor, denn es ist nicht empfehlenswert, gleich das erste Angebot anzunehmen. Überall gibt es Betrüger. Ein Mann der hinter einem Tisch steht, an dem er Feuerzeuge repariert, richtet seinen Blick auf uns und flüstert: „ Ich habe alles für den Bau.“ Mit der Bewegung eines Taschenspielers reicht er uns ein abgegriffenes Blatt mit einer Preisliste: Kies und Sand kosten 1,50 konvertible Pesos(CUC)*/Sack; Der Jaimanita Stein**, den man nutzt, um die Außenwände zu verkleiden, kostet 7 CUC/m² und Granitplatten bekommt man für 10 CUC/m². „Wenn Sie eine größere Menge kaufen, dann ist der Transport im Preis inbegriffen“, fügt er hinzu, während er ein Feuerzeug, auf dem die italienische Flagge abgebildet ist, auseinanderbaut.

Meine Freunde fangen an zu rechnen. Die Verkleidung für das gesamte Haus kostet so viel wie beide zusammen in 20 Monaten verdienen. Die hohen Kosten der Armaturen entlocken Magaly einen leisen Schrei, den man aber aufgrund des Straßenlärms kaum hören kann. Sie entscheiden sich dafür, Prioritäten setzen, und nehmen zunächst nur ein paar Steinblöcke, ein paar Säcke Sand und zwei Holztüren mit. Der Verkäufer rechnet den Betrag aus, der annähernd so hoch ist wie 6 Monatsgehälter von Magaly und ihrem Mann. „Es wird immer eine billigere Option sein, als in einem legalen Geschäft einzukaufen“, sagt sie laut, um sich selbst zu trösten. Nachdem sie bezahlt haben, machen wir uns mit dem Material auf einem alten sowjetischem Laster mit staatlichem Kennzeichen auf den Weg.

Die Nacht bricht herein und die Hände von uns allen sind mit einer grauen Schicht aus Zement und Staub bedeckt. Die Kinder legen sich im einzigen überdachten Zimmer schlafen. Die Theke ist bereits ausgehärtet und auf ihrer rauen Oberfläche sammelt sich das schmutzige Geschirr, da noch keine Wasserleitungen installiert sind, um sie abzuwaschen. Morgen werden sie sich auf den Weg machen, um Stahl und elektrische Schalter zu kaufen. Ein Tag Bauarbeit weniger. Sie sind der Fertigstellung ihres Hauses wieder 24 Stunden nähergekommen.

Übersetzung: Anja Seelmann
Anm. d. Ü.
*Der konvertible Peso, bekannt als CUC, ist neben dem Kubanischen Peso eine der beiden Währungen Kubas. 1 Euro = 1,328 CUC. Das Durchschnittsgehalt eines Kubaners liegt bei ca. 15€/Monat.
**Der Jaimanita Stein ist ein Kalkstein und stellt ein wichtiges Konstruktionselement in Kuba dar.

Zwei Nachrichten, ein Ansatz

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Gerade lese ich ein Buch von Carlos Salas, derzeitiger Leiter der Web-Seite lainformacion.com. Einer dieser unentbehrlichen Texte für jede Nachrichtenredaktion und für die Privatbibliothek jedes Reporters. Im „Handbuch für Journalisten zum Verfassen von Texten“, analysiert erpräzise die Kunst, einen passenden Titel zu finden, die Fähigkeiten eines guten Interviewers und die Notwendigkeit zur Recherche als Ausgangspunkt jeden Textes. Dieser Profi, der sich seit Jahrzehnten der Realitätsvermittlung mithilfe von Pressearbeit widmet, überreicht uns einen blitzgescheiten Band, in dem er mit uns Kenntnisse teilt, die andere nur für sich behalten.

Durch die „Brille von Salas“, die ich mir aufgesetzt habe, begann ich mit einer eifrigen Analyse der informativen Realität der offiziellen Presse. Ich musste nicht lange warten, bis mir die ersten Unstimmigkeiten und Mängel ins Auge sprangen.

Die ganze Woche über berichteten die Nachrichtenblätter wiederholt über die bedauerliche Geschichte einer Gruppe von Menschen, die sich mit Methylalkohol vergiftet hatten. Eine Feier in einem proletarischen Viertel von Havanna endete in einer Tragödie. Elf Tote und Dutzende von Menschen, die durch den Konsum dieser gefährlichen Substanz Gesundheitsschäden davontrugen – das war die traurige Bilanz einer Folge von mangelnder Kontrolle, Schmuggel, illegaler Märkte, der wirtschaftlichen Unsicherheit und von Verantwortungslosigkeit.

Das Drama ist ein ständiger Begleiter des Journalismus. Wir, die diesen Beruf ausüben, wissen das ganz genau. Doch mitten in der Tragödie, müssen wir die Fähigkeit bewahren, zu erkennen, warum bestimmte Nachrichten so viel Aufmerksamkeit in den nationalen Medien erlangen und andere ganz einfach stumm geschaltet werden.

Fast gleichzeitig zu dem Drama der mit Methylalkohol vergifteten Menschen, ereignete sich in der Provinz Guantánamo ein Unfall während eines Kinderfaschings. Eine Sitzreihe stürzte ein und mehrere Kinder wurden verletzt, eines von ihnen erlitt Verletzungen am Kopf. Was für Verwirrung, Chaos und Schrecken das Einstürzen dieser Konstruktion inmitten der Feierlichkeiten verursacht haben muss! Warum wird über einen solchen Vorfall nicht auch landesweit im Fernsehen und den Zeitungen berichtet? Während man im Fall eines Produktes, das aus Kaufhäusern gestohlen und heimlich konsumiert wurde, die Verantwortung auf die Bürger schieben kann, die das Gesetz gebrochen haben, wem fällt dann die Verantwortung zu für eine schlampig konstruierte Tribüne an einer öffentlichen Veranstaltung? Dem Staat, der alles besitzt, dem Richter über alle… , der jedoch nur von wenigen zur Rechenschaft gezogen wird.

Der Nachricht von den durch Methylalkohol verstorbenen Menschen versuchte man einen beispielhaften Charakter zu verleihen, indem man berichtete, dass die Opfer sich in diese Lage gebracht hätten, weil sie Bestimmungen missachteten oder an einer unkontrollierbaren Sucht litten. Die ganze Zeit versuchte man, die Verantwortung auf die Personen zu lenken. Die Tatsache, dass in einem Land, das ein traditioneller Produzent von Rum ist, so viele ihre Drinks bevorzugt illegal kaufen, deutet vielmehr auf eine materielle Misere als auf ein Laster hin. Trotzdem wurde die offizielle Moral folgendermaßen zusammengefasst: es geschah aufgrund von Skrupellosigkeit und Trunkenheit. Die Opfer wurden somit gleich zweifach zu Opfern.

Doch bei dem Vorfall mit der Tribüne, die einstürzte und Kinder und Erwachsene verletzte, konnten die staatlichen Journalisten die Schuld nicht auf die Opfer selbst abschieben. Sie hätten es nicht umgehen können, über die schlechte Arbeit einer staatlichen Firma zu berichten, die beim Anbringen der Tribüne, die Sicherheitsbestimmungen nicht beachtet hatte. Oder sie hätten stattdessen eingestehen müssen, dass ein Großteil des für die Bauarbeiten bestimmten Materials unterschlagen wurde, was vermutlich die Ursache für die geringe Tragfähigkeit und folglich für den Zusammenbruch gewesen ist.

Beide Episoden, bedauerlich und vermeidbar, zeigen ein weit verbreitetes und chronisches Problem unserer Lebenswirklichkeit auf: die Notwendigkeit Ressourcen zu stehlen und abzuführen, um zu überleben. So sind die Hungerlöhne und die wirtschaftliche Instabilität direkte Ursachen dieser zwei Tragödien. Die Schuldigen sind nicht nur die Verkäuferin des illegalen Alkohols und der Handwerker, der ein paar Schrauben und Holzstücke mit nach Hause nimmt, sondern auch diese Sachlage, die uns zu Straftaten zwingt, um zu überleben.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Unabhängige Gewerkschaftsbewegung

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Wenn die nationale Steuerbehörde ONAT ihre Türen öffnet, warten draußen dutzende Menschen bereits seit den frühen Morgenstunden. Eine Angestellte erklärt schreiend wo sich die jeweilige Schlange für welches Anliegen anstellen muss, obwohl nach wenigen Minuten wieder das gleiche Chaos herrscht. In einem Büro ohne Computer notiert eine weitere Angestellte handschriftlich die Einzelheiten zu den jeweilig vorgetragenen Anliegen. Die Wand hinter ihrem Rücken hat Feuchtigkeitsflecken, die Hitze ist unerträglich und ständig wird sie von irgendjemandem, der ein Formular bei ihr anfordert, unterbrochen. Eine Institution, die jährlich Millionen Pesos an Steuern einnimmt, steckt noch immer mit den Füssen im zähen Schlamm materieller Unsicherheit und schlechter Organisation. Überlastete Behörden, endloser Papierkram und Informationsmangel sind nur einige der Probleme, die die Verwaltung belasten.

Allerdings sind das noch nicht alle Schwierigkeiten. Das Nichtvorhandensein eines stabilen Grosshandelsmarktes mit verschiedenartigen Produkten bremsen ebenso den privaten Sektor. Die Inspektoren nehmen sich massenweise Cafés, Restaurants und andere Geschäfte der Selbständigen vor. Streiks oder sämtliche öffentlichen Demonstrationen zur Steuersenkung sind weiterhin streng verboten. Von uns Selbständigen erwartet man, dass wir zum nationalen Haushaltsbudget beitragen, aber nicht, dass wir uns wie Bürger verhalten, die bereit sind etwas einzufordern. Die einzige erlaubte Gewerkschaft CTC, versucht uns in ihren eingeschnürten Strukturen zu absorbieren. Unsere kollektiven Aktionen wollen sie auf das Zahlen von Monatsbeiträgen reduzieren, der Teilnahme an diesen Sitzungen, wo wenig erreicht wird, und den Paraden, um dieselbe Regierung zu unterstützen, die Tausende Angestellte entlässt. Warum schafft und legalisiert man keine eigene Organisation, die nicht von der Regierung geführt wird? Eine Institution, die keine Antriebsscheibe von der Regierung hin zu den Arbeitern ist, sondern umgekehrt.

Leider merkt die Mehrheit der Selbständigen nicht, dass die Unabhängikeit von Lohn und Produktivität eine Souveranität der Gewerkschaften mit sich bringen muss. Viele fürchten, dass ihnen beim kleinsten Hauch einer Forderung die Lizenz entzogen wird oder andere Maßnahmen gegen sie ergriffen werden. Deshalb schweigen sie und akzeptieren die Ineffizienz der Steuerbehörde ONAT, die Unfähigkeit Rohstoffe aus dem Ausland zu importieren, die Schikanen der Inspektoren und viele weitere Hindernisse. Ebensowenig haben es die Organisationen der aufstrebenden Zivilgesellschaft geschafft, den Bedürfnissen dieses Berufssektors eine Stimme zu geben und dabei zu helfen, dass er eine Repräsentation bekommt. Die notwendige Allianz zwischen den sozialen Gruppen, die sich nicht mit allem zufrieden geben und gemeinsame Forderungen haben, zeichnet sich nicht wirklich ab. So werden unsere arbeitsmarktpolitischen Forderungen weiter aufgeschoben durch die Angst der einen und die Nachlässigkeit der anderen.

Übersetzung: Nina Beyerlein