Die Führung

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Noel flickt die Flügel eines Ventilators. Er hat eine kleine Werkstatt in einem Toreingang des Stadtviertels Cerro. Er repariert elektrische Bügeleisen, Mixer, bringt jede Art von veralteten Motoren wieder zum Laufen sowie Reistöpfe und Wassererhitzer. Die Arbeit bringt nicht viel Gewinn. Ein Teil seiner Kunden bitten ihn um Service auf Kreditbasis und dann sieht er sie nicht wieder. Andere möchten in Raten zahlen, die sie letztendlich nicht begleichen. Trotz des geringen Einkommens verschafft diese Arbeit Noel eine einzigartige Erfahrung. Jeden Tag ist er in Kontakt mit Leuten, mit vielen Leuten. Er redet, sagt seine Meinung, man erzählt ihm, was über die illegale Parabolantenne gesendet wurde, vor allem aber hört er zu, lauscht dem, was man ihm sagt. So kam es, dass er in seinem winzigen Gemach voller Fett und Kabeln zu einem Akteure der Meinungsäußerung wurde, zu einem geborenen Führer, geschätzt wegen seinem handwerklichen Geschick und respektiert wegen seiner Worte.

Kuba ist voller Leute wie Noel, anonym einfach, sie kennen die Realität auf einer Ebene, zu der kein Minister je gelangen könnte, nicht einmal mit den kompetentesten Assistenten. Menschen, die nicht auf dem Fernsehbildschirm erscheinen, die keine Nummer bei einer Parade sind, die aber ein natürliches Charisma besitzen und den Kontakt zur Bevölkerung, um Veränderungen einzuleiten. Jetzt wissen wir nur von denen, mit denen wir zu tun hatten oder die wir persönlich getroffen haben, auch wenn es Tausende sind. Niemals würden sie ein politische Plattform Ins Leben rufen, trotzdem kennen sie dringendstem Probleme, die unsere Gesellschaft betreffen, ganz genau. Sie würden auch keinen Aufruf zur Verbesserung der Menschenrechte unterschreiben, noch einen Blog eröffnen, noch unabhängigen Journalismus betreiben oder autonome Rechtssprechung. Das Wort „Aktivist“ erschreckt sie und sie Oppositionelle zu nennen, würde das Ende ihres gegenwärtigen Lebens bedeuten. Sie sind, ohne es auszusprechen, all dies und noch viel mehr. Sie sind Bürger mit einem Gewissen, die die Situation ihres Landes schmerzt.

Übersetzung: Iris Wißmüller

Der Katechismus nach Mujica

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Die diplomatische Sprache, obwohl sie distanziert und kalkuliert ist, lässt den Wandel der Zeiten erahnen. Ich erinnere mich, dass ich jahrelang jedes Wort der nach Kuba gekommenen ausländischen Präsidenten vorhersagen konnte. Die Phrase von „der unzerbrechlichen Freundschaft zwischen unseren Völkern…“ durfte in dem Skript ihrer Reden nicht fehlen. Fehlen durfte auch nicht die Vereinbarung der totalen Harmonie der politischen Projekte der besuchenden Regierenden und ihres Gegenübers auf der Insel. Es gab einen Weg, die Kameraden auf diesem Pfad konnten nicht einen Millimeter davon abweichen und so blieb es auch klar in ihren Aussagen. Es waren Zeiten, die kompakt, ohne Schatten und ohne Differenzen schienen.

Dennoch haben sich seit einigen Jahren die Aussagen derjenigen, die von offizieller Seite eingeladen wurden, verändert. Man hört sie sagen, dass „obwohl es Punkte gibt, die uns trennen, es das beste ist, diejenigen zu finden, die uns einen“. Die neuen Ausdrücke beinhalten außerdem die Klarstellung, dass wir „eine Vielfältigkeit repräsentieren“ und dass „wir zusammenkommen durch die Zusammenarbeit, wobei unsere Pluralität aufrecht erhalten wird“. Offensichtlich werden die bilateralen Beziehungen dieses 21. Jahrhunderts nicht mehr von einem monochromen und eintönigen Diskurs begleitet. Es ist in Mode gekommen, die Vielfalt aufzuzeigen, obwohl in der Praxis eine Strategie des Ausschlusses und der Ablehnung der Vielfalt durchgeführt wird.

Was die Reden der Präsidenten, die im Palast der Revolution empfangen werden, angeht, hat José Mujica eine Wende vollzogen. Er erklärte, dass „wir früher den gleichen Katechismus beteten, um zusammen zu kommen und jetzt, trotz aller Unterschiede, haben wir es geschafft, uns zusammenzuschließen“. Wir ungläubigen Zuschauer des nationalen Fernsehens fragten uns sofort ob die Doktrin, auf die sich der uruguayische Würdenträger bezieht, der Marxismus oder der Kommunismus sei. Nun gibt es den Beweis, dass zwei Präsidenten sich die Hände reichen, kooperieren und auf einem Foto zusammen lächeln können, obwohl sie unterschiedliche und gegensätzliche Ideologien vertreten. Es ist ohne Zweifel eine Lektion der Reife. Ein Problem – ein ernsthaftes Problem – ist, dass diese Worte, die ausgesprochen und publiziert wurden in einer Nation, in der wir Bürger keinen anderen „Katechismus“ haben dürfen, als den der regierenden Partei. Ein Land, in dem die Bevölkerung systematisch in „Revolutionäre“ und „Staatenlose“ geteilt wird, basierend rein auf ideologischen Annahmen. Eine Insel, deren Herrscher den politischen Hass zwischen den Menschen anfachen, ohne die Verantwortung auf sich zu nehmen für diese Samen der Intoleranz, die sie bewusst säen, bewässern und düngen.

So ist die kubanische Diplomatie. Man akzeptiert bei einem ausländischen Besucher Aussagen, die man jemandem, der in unserem Land geboren wurde, niemals erlauben würde.

Übersetzung: Valentina Dudinov

Zucker und Raketen

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Der Kongress der “Vereinigten kubanischen Journalisten” (UPEC) wurde gerade entlarvt. Schon wenige Tage nach der Zusammenkunft der offiziellen Berichterstatter hat die Realität sie auf die Probe gestellt…und sie sind durchgefallen. Gestern kam die Nachricht, dass man im Laderaum eines Schiffs aus La Habana, das unter der Flagge Nordkoreas fuhr, Raketen und anderes Kriegsgerät gefunden hatte. Diese Nachricht gelangte auf die Titelseiten vieler internationaler Zeitungen. In Panama, wo man die Waffen entdeckt hatte, verschickte der Präsident persönlich via Twitter eine Nachricht zu dem Vorfall. Da man weiß, dass es heutzutage fast unmöglich ist, ein Ereignis dieser Tragweite „unter der Decke zu halten“, sind wir in Kuba heute mit einer knappen Notiz aus dem Außenministerium aufgewacht. In einem autoritären Ton erklärt man uns hier, dass dieses „schrottreife“ aber noch funktionstüchtige Kriegsmaterial auf dem Weg nach Nordkorea war, wo es repariert werden sollte. Was man uns aber nicht erklärt ist, warum es nötig war, die Waffen unter einer Ladung Zucker zu verstecken.

Jetzt wo uns Zeitungen belehren, dass sich Regierungen nicht mehr mit dem Hinweis „geheim“ aus ihrer Verantwortung davonstehlen können, ist die übereinstimmende Stellungnahme der offiziellen kubanischen Presse auf jedem Fall peinlich. Mittlerweile setzen in Spanien mehrere Tageszeitungen die Regierungspartei schachmatt, indem sie Verlautbarungen ihres Ex-Schatzmeisters veröffentlichen; in den Vereinigten Staaten füllt der „Fall Snowden“ Titelseiten, und man verlangt vom Weißen Haus Erklärungen in Bezug auf die Verletzung der Privatsphäre von Bürgern. Es erscheint unbegreiflich, dass auch heute Morgen noch keine Anfragen von Reportern an das Verteidigungs- und das Außenministerium vorliegen, die die Ministerien zu einer Stellungnahme veranlassen. Wo sind die Journalisten? Wo ist eine wortmächtige Presse, die Regierende dazu bringen könnte, eine Erklärung abzugeben, die Politiker zwingen könnte, uns nicht zu betrügen, die Militärs überzeugen könnte, Bürger nicht für unmündige Kinder zu halten, die man ständig belügen darf?

Wo sind die Beschlüsse des UPEC-Kongresses geblieben, sein Aufruf, Hemmnisse abzubauen, Schweigen zu beenden und Informationen herauszugeben, die der Realität eher entsprechen. Eine kurze Mitteilung, offensichtlich eine eklatante Falschmeldung, reicht als Erklärung nicht aus, um heimlich Waffen in ein Land zu schicken, das man gemäß eines Embargos der Vereinten Nationen nicht mit kriegstauglicher Technologie beliefern darf. Mit dem Hinweis auf „altertümliche Waffensysteme“ werden sie uns nicht von ihrer Unschuld überzeugen können; Dinge, die Schrecken erzeugen, haben kein Verfallsdatum. Aber die wichtigste Lehre, die wir Journalisten aus dieser ganzen „Zucker-Raketen-Affäre“ ziehen müssen, ist die, dass wir uns nicht zufrieden geben sollten mit kurzen ad hoc Informationen der zuständigen Stellen, wenn man diese Informationen nicht hinterfragen darf. Sie müssen uns Rede und Antwort stehen… und zwar ausführlich.

Übersetzung: Dieter Schubert