Der grantige Staat und die Schuld der Bürger

Es gibt keinen Raum für Selbstkritik, für die Fehler, die die Behörden begangen haben, noch Verständnis für den schwierigen Umgang mit Covid-19. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 9.September 2020 

Ich schalte den Fernsehapparat ein. Es war ein schwieriger Tag. Mehrere Nachbarn, Angestellte des Kubanischen Instituts für Radio und Fernsehen, sind wegen eines lokalen Corona-Ausbruchs in Quarantäne, während bei uns ein naher Tod Fragen aufwirft. Aber vor dem Bildschirm finde ich keine Ruhe. Die ersten Minuten der Nachrichten klingen wie Schelte: die Verantwortlichen sind wir Bürger, unsere Disziplinlosigkeit hat die Situation außer Kontrolle geraten lassen und der Finger, der einen Schuldigen sucht, zeigt auf uns.

Autoritäre Regime erkennt man nicht nur an Unterdrückung und exzessiver Kontrolle, sondern auch an der Art, wie sie mit der Gesellschaft sprechen. Durchdrungen vom Dünkel unsere Väter zu sein, lassen kubanische Funktionäre keine Gelegenheit aus, uns wie aus der Spur geratene Kinder zu behandeln, die mit ihrer Nachlässigkeit den aktuellen Anstieg der Corona-Infektionen in mehreren Teilen des Landes provoziert haben. Es war unsere Unvernunft, so der Nachrichtensprecher, die die aktuelle Situation verursacht hat. Im Nachhinein werden sogar die Verstorbenen in den offiziellen Medien vermahnt.

In einer solchen Schelte gibt es keinen Raum für Selbstkritik, für die Fehler, die die Behörden begangen haben. Es gibt auch kein Verständnis für die schwierigen Bedingungen mit Covid-19, wie die langen Warteschlangen, die Unterversorgung und die wirtschaftliche Krise.

In einer solchen Schelte gibt es keinen Raum für Selbstkritik, für die Fehler, die die Behörden begangen haben. Es gibt auch kein Verständnis für die schwierigen Bedingungen mit Covid-19, wie die langen Warteschlangen, die Unterversorgung und die wirtschaftliche Krise, die uns schon im Nacken saß, ehe noch der erste Corona-positive Fall im Land bestätigt wurde. Für eine Politik die Rügen erteilt gibt es nur einen Rechtsbrecher, nämlich das Individuum, das sich nicht an die Vorschriften gehalten hat. Das ungünstige Umfeld, in dem wir leben, wird kurzerhand ausgeblendet; abwegige Beschlüsse von höherer Warte werden mit „Null multipliziert“.

Folgt man dieser Logik des strafenden Vaters, dann sind die Regierenden nicht verantwortlich für die späte Schließung der Grenzen und auch nicht für die Reisehinweise für internationale Touristen, die aus der Insel eine sichere Destination machten − zu einer Zeit, als zahllose Länder ihre Grenzen schon dicht gemacht hatten. Die Verzögerung, den Unterricht einzustellen, das Versäumnis, die Zahl der öffentlichen Veranstaltungen mit Fahnenschwingen und ideologischen Ansprachen zu reduzieren, die Öffnung in einer Stadt anzuordnen, die offensichtlich nicht darauf vorbereitet war sie umzusetzen…, auch dafür trifft „jene“ keine Schuld.

Jetzt muss man sie hören, wie sie unserer harten Lebenswirklichkeit diese Lawine von Ermahnungen, Verwarnungen und medialen Fußtritte anhängen. Es sind öffentliche Reden bar jeder Empathie, gerichtet an eine verletzte Bevölkerung. Man wird eher an Hunde erinnert, die ein weidwundes Tier verbellen, als daran, wie Erklärungen von Staatsdienern sein sollten, die über unser Wohlbefinden wachen. Mit dieser Art von Beschuldigungen vermehren sie nur die Unsicherheit und das Unwohlsein in einem Land mit seinem jetzt schon schwierigen Alltag − und außerdem zeigen sie wenig Sensibilität für den Schmerz derer, die einen geliebten Menschen verloren haben.

Nach 10 Minuten Schelte schalte ich das Fernsehgerät aus. Auch das Virus des Autoritarismus ist sehr gefährlich.

Übersetzung: Dieter Schubert

 

Die Madeleine von Proust und der Käse aus Artemisa

Die Madeleine ist ein französisches Feingebäck in Form einer Jakobsmuschel. Artemisa ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

Fotos von der Polizeiaktion bei einem Bauern in Artemisa. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.August 2020

Wir alle haben einen Bissen im Mund und er ist der Beste, den wir je gegessen haben; ein Moment, in dem alle Geschmackpapillen vor Genuss explodieren und einen unvergesslichen Eindruck in unserem Gedächtnis hinterlassen. Bei mir war es in Juchintán de Zaragoza, einer Stadt auf der Landesenge von Tehuantepec, Mexiko. Er war ein kleiner Rinderzüchter, der in einem armseligen Stall seine Arme in eine weiße Masse tauchte; ich eine ungeduldige Kubanerin, die sein Produkt probieren wollte.

Mit seinen Händen nahm er Stück Frischkäse heraus und bot es mir an. Mücken schwirrten herum, ein paar dürre Hunde betrachteten mich, der weiße Brocken war vor meinen Augen und meiner Nase. Einen Augenblick später biss ich hinein. Seit damals habe ich nie wieder einen so intensiven Geschmack gespürt. Man kann sich auch an einen Geschmack erinnern, der zurückkehrt und zugleich traurig macht −fragen Sie dazu Marcel Proust*)

Traurigkeit, weil sich in meinem Land das Ereignis nicht wird wiederholen können, dass ein Rinderzüchter mir stolz ein Stück Käse reicht.

 Traurigkeit, weil sich in meinem Land das Ereignis nicht wird wiederholen können, dass ein Rinderzüchter mir stolz ein Stück Käse reicht. Traurigkeit, weil ein privater Produzent zehnmal am Tag gegen kubanische Gesetze verstoßen müsste, um ein Produkt zu erzeugen, das auf dem Teller und in der Erinnerung beeindruckt. Traurigkeit, weil sich der Staat der Rinderhaltung bemächtigt hat und diesen Sektor mit trockenen Eutern und leeren Futterkrippen zurückgelassen hat.

Unter anderen Bedingungen hätte man dem Bauern aus Artemisa, den das Fernsehen vor einigen Tagen als Kriminellen hinstellte, eine Medaille umhängen müssen, sein Tun unterstützen und seine Rezepte kopieren können. Denn ihm ist es gelungen − trotz der vielen Einschränkungen − in einem Land mit ausgehungerten Kühen und drakonischen Strafen Käse zu machen. Wenn ich die Bilder vom Polizeieinsatz sehe, dann läuft mir das Wasser im Mund zusammen, wie damals an jenem Tag im dunklen Kuhstall in Mexiko.

Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anm.d.Übersetzers: In seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ widmet der Schriftsteller Marcel Proust der Madeleine mehrere Seiten.