Und der Tag ist gekommen…

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Es gibt nicht wenige, die in der Ankunft des Internets einen Trick der Regierung sehen, um von den gravierenden Problemen abzulenken. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 7. Dezember 2018

Pessimismus findet immer einen Platz, denn er schleicht sich überall ein. Nach sechs Jahrzehnten leerer Versprechungen, haben viele Kubaner die Ankunft des mobilen Navigierens mit Skepsis aufgenommen, und sie haben damit teilweise recht − nach so vielen Jahren der Verzögerung. Schuld daran ist das staatliche Unternehmen für Telekommunikation, die Etecsa. Es ist normal, dass sich die Begeisterung in Grenzen hält.

 Außerdem sind die stolzen Preise eine kalte Dusche und dämpfen die Freude. Seit Donnerstag dieser Woche hat das staatliche Monopol für Telekommunikation damit begonnen Datenpakete von 600 Megabyte bis 4 Gigabyte zu vermarkten, die 25% bis 100% eines mittleren Einkommens kosten. Das ist zu viel.

  Und dann gibt es die, die in der Ankunft des Internets einen Trick der Regierung sehen, um von den gravierenden Problemen abzulenken, unter denen das Land aktuell leidet: die Wirtschaft vor dem Bankrott, der private Sektor empfindlich von den regulierenden Maßnahmen gestört, die am 7.Dezember in Kraft getreten sind, und die Behörden, unfähig einen Plan für die Zukunft vorzulegen, als ob die Zukunft nicht schon durch die rigiden Artikel einer Verfassung eingeschränkt wäre, die „die da oben“ ausgebrütet haben.

 Trotzdem, obwohl alle Pessimisten und viele Skeptiker gute Gründe haben sich hinsichtlich des neuen Zugangs ins Netz reserviert zu verhalten, wäre es wichtiger und effektiver das Potential zu sehen, das sich für uns Bürger auftut. Es ist kein Brotkrumen, den sie uns da hingeworfen haben, es ist der Sieg einer Forderung, der seit langer Zeit ersehnt wurde und für den wir uns abgerackert haben.

 Es ist mehr als zehn Jahre her, dass ich mit meinem Blog Generación Y begonnen habe. Wir, die damals in die wenigen Internet-Cafés auf der Insel gingen, die ersten Weblogs eröffnet hatten und es wagten einen Twitter-Account zu erstellen, wir wurden sogleich als „Cyber-Söldner“ gebrandmarkt. Es war die Zeit, in der das Netz in der offiziellen Presse als Werkzeug der CIA bezeichnet wurde, und ein „gestörter“ Angehöriger des Militärs dazu aufrief, den „wilden Hengst Internet“ zu zähmen“.

 Auf der anderen Seite, auf der der Opposition, betrachtete man uns Blogger als „muchachos“, die es sich leicht machten, weil sie mit einem Keyboard schrieben und sich anschickten, die Insel Tweet für Tweet zu verändern. Naive „Kids“, mit einem Telefon in der Hand, die davon träumten, den Schlag eines Unterdrückers parieren zu können oder dem Platz der Revolution (Regierung) Paroli bieten zu können. Nicht wenige nannten uns „Agenten der Staatssicherheit“, nur weil die uns „erlaubte“ im Netz zu publizieren.

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Um mit einem Mobiltelefon ins Internet zu kommen, musste man zu  einem Ort mit wifi-Verbindung gehen. (14ymedio)

 Diese Zeit ist vorbei und wir haben gewonnen. Heute hat die Mehrzahl der Minister einen Twitter-Account, ohne viel darüber zu reden, und der Präsident Miguel Díaz-Canel füllt Tag für Tag seine Zeitleiste mit Slogans auf   ̶  und das im Netzwerk mit dem blauen Vögelchen. Die Etecsa, der technologische Arm des Systems, musste einen mobilen Navigationsdienst installieren, nach mehreren krachend gescheiterten Versuchen mit einem Prototyp und einer Flut von Klagen seitens seiner Kunden.

 Und heute? Ein Teil des Geldes, das die ineffiziente Etecsa mit ihrem Navigationsdienst einnimmt, wird vermutlich verwendet um Polizeiunformen zu kaufen und um offizielle „Mitarbeiter“ zu ernähren, die planen Oppositionelle und Aktivisten zu überwachen;.wir werden dennoch gewinnen.

 Sie riskieren nämlich, dass es an jeder Ecke, in jedem Dorf jemand mit einem Mobiltelefon gibt, mit dem Finger auf der Tastatur, um von einer Ungerechtigkeit zu berichten, einen korrupten Funktionär anzuzeigen oder um von unserer Realität zu erzählen, die sich so sehr von der der offiziellen Medien unterscheidet. Wir Bürger haben jetzt Zugang zu einer anderen Art von Information, die weit über die langweiligen Seiten der Granma (offizielles Presseorgan) hinausgeht.

 Ich kann mir vorstellen, dass binnen kurzem auch Kommunikation von Kubanern verschlüsselt im Internet auftauchen wird; Chat-Foren werden zu Räumen für Debatten, weil diese uns in der realen Welt fehlen. Die Staatssicherheit wird neue Überwachungs-Techniken entwickeln müssen, neue Methoden, um Millionen von Kubanern auf ihren Pfaden im Cyberspace folgen zu können.

 Auch die Privatwirtschaft wird profitieren: der Handel, im Internet einkaufen, Lieferungen ins Haus, all das wird stark zunehmen, wenngleich nicht zu erwarten ist, dass die neuen mobilen Dienste das Land aus der aktuell tiefen Krise herausführen werden; sie werden aber das Leben von vielen tausend Familien erleichtern. Wissen erwerben, Bildung via Netz, an Internet-Foren teilnehmen wird zu unserem Lebensalltag gehören  ̶  ganz allmählich jedenfalls.

 Es wird lange dauern, aber wir haben uns auf den Weg gemacht. Es hängt von uns ab, ob wir jetzt einen Trick der Regierung sehen wollen, oder ob wir weiter voranschreiten, mit dem Mut, das Internet vorteilhaft für uns zu nutzen, um so der Freiheit ein Stück näher zu kommen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

 


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Kuba -Brasilien: der Kampf der „Weißen Kittel“

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Die Ärzte, die sich entschlossen haben in Brasilien zu bleiben, können für acht Jahre nicht nach Kuba zurückkehren.

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |19. November 2018

 Der Konflikt war vorhersehbar. Seit Jair Bolsano die Wahlen in Brasilien gewonnen hat, nimmt die offizielle kubanische Rhetorik an Schärfe gegen ihn zu und stimmt die öffentliche Meinung auf einen sich anbahnenden Bruch ein.

 Der Tropfen, der für den Platz der Revolution (Regierung) in Havanna das Fass zum überlaufen brachte, waren Verlautbarungen des gewählten Präsidenten, in denen er darauf hinwies, dass er die vereinbarten Rahmenbedingungen für die mehr als 3.500 kubanische Ärzte ändern werde, die im Mais Médicos Programm in Brasilien arbeiten. In der vergangenen Woche erreichte die Spannung einen Höhepunkt, als das kubanische Gesundheitsministerium ankündigte, man würde den Vertrag kündigen und die kubanischen Experten aus dem südamerikanischen Land zurückholen. Diese offizielle Mitteilung, die in allen Nachrichtensendungen verbreitet wurde, sprach davon, dass man die Drohungen von Bolsonaro nicht hinnehmen würde; man vermied aber geschickt Bolsonaros Wortlaut in vollem Umfang wiederzugeben, besonders jenen Teil, in dem der ultrarechte Führer Brasiliens darauf bestand, dass die Ärzte ihr Gehalt in vollem Umfang erhalten sollten und ihre Familien ins Land mitnehmen könnten –  in der Zeit, in der sie im Programm tätig wären.

 Die kubanische Regierung hat aus der Entsendung von medizinischem Fachpersonal ein lukratives Geschäft gemacht. Fachleute, die man in mehr als 60 Länder entsendet, bilden die wichtigste Devisenquelle für das Land. Man schätzt, dass es sich dabei jährlich um mehr als 11.000 Dollar handelt. Im Fall Brasilien steckt Havanna 75% der 3.300 Dollar, die Brasilien jedem Arzt als Gehalt bezahlt, in die eigene Tasche; die Ärzte selbst erhalten nur den vierten Teil des Betrags. Auf ein kubanisches Bankkonto, auf das sie nicht zugreifen können, überweist man ihnen ein „monatliches Gehalt“, das etwa 60 Dollar entspricht, über das sie aber nur verfügen können, wenn zurückkehren.

 Wer aus freien Stücken das Programm Mais Médicos verlässt, wird als Deserteur betrachtet und man untersagt ihm für acht Jahr die Einreise nach Kuba. In den Jahren, in denen die Arbeiterpartei (PT, Partido de los Trabajadores) regierte, wurden Ärzte, die das Programm verlassen hatten, von der Polizei gesucht und sie konnten auf die Insel zurückgeschickt werden – wenn man denn ihrer habhaft wurde. Kein Arzt durfte seine Familie mitnehmen, um während der Mission mit ihr zusammen zu sein, und oft wohnte er in dieser Zeit in einer überfüllten Herberge, zusammen mit Arztkollegen, Krankenschwestern und medizinisch-technischem Personal.

Im Fall Brasilien steckt Havanna 75% der 3.300 Dollar, die Brasilien jedem Arzt als Gehalt bezahlt, in die eigene Tasche; die Ärzte selbst erhalten nur den vierten Teil des Betrags.

 Trotz all dieser Schwierigkeiten und trotz des geringen Verdienstes waren die Auslandsmissionen sehr begehrt, weil man Waren einkaufen konnte, die es auf den Märkten der Insel nicht gab. Darüber hinaus konnte man Kontakte knüpfen, eventuell einen Arbeitsvertrag in einer Klinik erhalten und so später privat nach Brasilien zurückkehren.

Weit über die medizinische Versorgung hinaus, die die Existenz von Mais Médicos für viele Brasilianern in den Armenvierte sicherte, versteckte sich hinter dem Programm eine politische Operation der kubanischen Regierung, mit der Absicht, der PT zu helfen und ihr die Stimmen der unteren Klassen zu garantieren. Es war klar, dass diese Art von Unterstützung mit Bolsonaro nicht weitergehen würde. So gesehen war es nur eine Frage der Zeit, bis der Castrismus seine Gesundheitsexperten aus Brasilien abziehen würde. Bleibt die Frage, wie viele von ihnen jetzt zurückkommen.

Der Präsident Brasiliens hat angekündigt, dass er allen Ärzten politisches Asyl gewähren werde, wenn sie es beantragen; es ist absehbar, dass eine ansehnliche Zahl mit Freuden davon Gebrauch machen wird. Die es tun verlieren für acht Jahre das Recht in ihr Land zurückzukehren, man wird sie Verräter nennen, und ihre Familien auf der Insel wird man vermutlich unter Druck setzten. Der Kampf der „Weißen Kittel“ hat gerade erst begonnen.

Übersetzung: Dieter Schubert

 


Dieser Text wurde ursprünglich auf der Seite für Lateinamerika der Deutschen Welle publiziert.

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