Julio und Enrique Iglesias – zwei Momente im Leben Kubas

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Enrique Iglesias auf einem Archivbild mit der kubanischen Gruppe „Gente de Zona“. (Redes)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 11. Januar 2017  Meine Mutter besaß ein T-Shirt mit dem Gesicht des spanischen Sängers Julio Iglesias, das sie Anfang der Achtziger Jahre auf einem Markt gekauft hatte. Während einer Versammlung des Kommunistischen Jugendverbandes (UJC) wurde sie darauf hingewiesen, dass sie das T-Shirt nicht weiter benutzen könne. Der Autor von „La vida sigue igual“ (Das Leben geht weiter) wurde auf die schwarze Liste der Zensur gesetzt und das besagte Kleidungsstück vergammelte von dem Zeitpunkt an in einer Schublade in unserem Haus.

Im Januar dieses Jahres, beinahe vier Jahrzehnte nach jenem Moment in meiner Kindheit, ist sein Sohn Enrique Iglesias nach Kuba gekommen, um dort das Video für die Single „Súbeme la radio“ (Mach das Radio lauter) zu drehen. Eine Heerschar von Fans bereitet sich darauf vor, Enrique Iglesias an all die Orte zu folgen, wo er mit dem Regisseur Alejandro Pérez, dem Musiker Descemer Bueno sowie dem puertoricanischem Duo Zion & Lenox zusammenarbeiten wird.

Auch wenn die nationalen Medien nur behutsam über den Besuch Enrique Iglesias berichtet haben, hat sich die Nachricht schnell unter den Leuten verbreitet. Es wird zweifellos Menschenansammlungen an den Orten geben, wo sich der Sänger aufzuhalten gedenkt – ganz so wie damals, als Beyoncé, Rihanna, Katty Perry, die Kardashians oder Madonna auf der Insel waren.

Diesen Mittwoch werden sich viele Mädchen und Frauen danach sehnen, ein Autogramm des erfolgreichen Künstlers zu ergattern und darauf warten, mit dem Handy einen Moment festzuhalten, in dem der Künstler sich nähert, an ihnen vorbeigeht oder sich sehen lässt. Diese jungen Frauen sind im gleichen Alter, in dem meine Mutter in jenen Jahren war, als sie ihr verboten hatten, ein T-Shirt mit dem Gesicht des anderen Iglesias zu tragen.

Meine Mutter konnte niemals ein Konzert Julio Iglesias besuchen. Ich glaube, nicht einmal seine Lieder hören. Diese Woche werden andere Kubanerinnen wie sie ihre kleine historische Retourkutsche fahren.

Zum damaligen Zeitpunkt gab die kubanische Regierung keine Erklärung zum Verbot ab. Es gab lediglich Gerüchte und Halbwahrheiten: „Er machte Aussagen gegen Kuba“, wurde in öffentlichen Kreisen kommentiert. „Julio sang für Pinochet in Chile“, warnten wütende Aktivisten in Anlehnung an die Reise des Künstlers in dieses südamerikanische Land im Jahr 1977.

Wahr ist jedenfalls, dass Iglesias, der Vater, dazu beitrug, dass die Liste der Sänger, die weder im Radio noch im Fernsehen gesendet werden durften, weiter wuchs. Sein Name kam zu jenen, die ebenfalls ausgeschlossen worden waren, wie Celia Cruz, Olga Guillot, Nelson Ned oder sogar José Feliciano. Letzterer wurde erst lange Zeit danach wieder in den kubanischen Medien gezeigt.

Wenige Jahre, bevor er “verbannt” wurde, war der Film, der sich am Leben Julio Iglesias inspirierte, ein Kino-Kassenschlager auf der Insel. Viele Zuschauer prahlten damit, den Film mehrmals am gleichen Tag gesehen zu haben und die Refrains seiner Lieder ersetzen die Lieder der Nueva Trova.

Iglesias, das Amen des künstlerischen Geschmacks, brachte frischen Wind in einem Moment, in dem die kubanische Musik sich mit Parolen füllte. Er sang von Romanze, Liebe, Verlust und Vergessen – in einem Land, in dem der Bolero auf Eis gelegt worden war und wo die einzige Leidenschaft, die man fühlen durfte, dem Ideal und der Revolution galt. Er hatte einen bahnbrechenden Erfolg bei den Jugendlichen, die die Schützengräben satt hatten und die statt Utopie das Leben in ihren Körpern spüren wollten.

Meine Mutter konnte niemals ein Konzert von Julio Iglesias besuchen. Ich glaube, nicht einmal seine Lieder hören. Diese Woche werden andere Kubanerinnen wie sie ihre kleine historische Retourkutsche fahren. Ein anderer Iglesias ist gekommen – seine Lieder sind anders und das Kuba, in dem er landet, ähnelt jener sowjetisierten Insel von damals kaum mehr. Die Musik hat gerade eine Partie gegen die Ideologie gewonnen.

Übersetzung: Berte Fleissig

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Bürger… es ist Zeit den Gürtel enger zu schnallen

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Raúl Castro präsidiert die Militärparade diesen Januar nicht im Schatten seines Bruders.  (EFE/Archivo)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 29. Dezember 2016   Meine Generation kennt keine guten Nachrichten. Wir wuchsen im subventionierten Einheitsgrau des rationierten Marktes auf, kamen inmitten der Einschränkungen der Sonderperiode* in die Pubertät, zogen unsere Kinder in einem Land mit zwei Währungen groß, und nun warnen sie uns davor, dass Zeiten wirtschaftlicher Spannungen bevorstehen. Es scheint, als würde es keine Verschnaufpause in dieser langen Abfolge von Pleiten, wirtschaftlichen Niedergängen und Kürzungen geben, unter denen wir jahrzehntelang gelitten haben.

Im Dezember 2016 hat die Asamblea Nacional del Poder Popular, das Parlament Kubas, mit negativen Zahlen bestätigt, was in Wirklichkeit schon vor langer Zeit zum Vorschein kam. Kuba wächst nicht, die Produktion steigt nicht an und die sogenannten Reformen von Raúl Castro brachten den Kubanern kein besseres Leben. Die Insel bewegt sich auf den Abgrund der Zahlungsunfähigkeit zu, mit dem Abbau von wichtigen Wirtschaftszweigen und der kontinuierlichen Stagnation.

Anderenorts würden die Regierenden beim Anblick der Situation, in der sich die Nation befindet, aufgeben; verschuldet hat dies ihre schlechte Führung. Da jedoch das Amt dem Präsidenten General nicht durch ein Votum des Volkes zugekommen ist, wird ihn niemand an den Urnen bei den nächsten Wahlen bestrafen können. Im Umgang mit der Opposition, die seinen Rücktritt fordert, bleibt ihm immer die Möglichkeit, Mittel der Repression und Bestrafung einzusetzen.

An Stelle eines mea culpa erläuterten die Funktionäre am vergangenen Dienstag das wirtschaftliche Debakel und die düstere wirtschaftliche Stimmung, die auch das kommende Jahr eintrüben wird. Sie haben dazu aufgerufen produktiver zu sein, auf unnötige Ausgaben zu verzichten und sogenannte „Effizienzreserven“ zu nutzen; der letzte offizielle Euphemismus, um zu erklären, wie wenig in der Staatskasse übriggeblieben ist.

 Die Militärparade, die mit der eigenen Stärke prahlen will, wird einen Teil der Mittel verschwenden, die zur Reparatur der beschädigten Straßen auf der Insel benötigt werden, um nur ein Beispiel zu nennen

Dennoch begann wenige Stunden nach Ende der Parlamentssitzung, in der so schlechte Vorzeichen ans Licht kamen, die zweite von drei vorgesehenen Proben – morgen Freitag folgt die dritte – für das große Militärdefilee, das in Havanna am 2. Januar auf der Platz der Revolution stattfinden wird. Eine Massenveranstaltung, mit einer Panzerparade und Soldaten im Gleichschritt, die Kuba hunderttausende – wenn nicht Millionen – Pesos kosten wird.

Auf den wichtigsten städtischen Verkehrsschlagadern herrscht seit Mittwochmorgen Stillstand. Tausende Staatsbedienstete mussten nicht zur Arbeit gehen und eine lange Schlange von Omnibussen musste von verschiedenen Gemeinden aus bis zur Esplanade ausweichen. Unmengen von Lunchpaketen wurden unter den treusten Zuschauern der Parade verteilt, es hatte schon den Anschein einer „Krönung Raúl Castros“. Der kleine Bruder plante seine eigene Amtseinführung, mittlerweile alleiniger Machthaber, nach dem Tod des Expräsidenten Fidel Castro.

Weshalb diese militärische Verschwendung inmitten einer Krise? Diese Anfälle von martialischem Größenwahn passen nicht zu einem Rückgang des BIP um 0,9 % in 2016. Diese Militärparade, die mit der eigenen Stärke prahlen und „Zähne zeigen“ will, wird einen Teil der Mittel verschwenden, die zur Reparatur der beschädigten Straßen auf der Insel benötigt werden, um nur ein Beispiel zu nennen.

Die Stadt leidet unter ernsthaften Kürzungen bei der Straßenbeleuchtung, unter kollabierenden Busterminals am späten Nachmittag, aufgrund der wenigen verfügbaren provinzübergreifenden Überlandlinien und unter Preisen von bis zu zwei Tageslöhnen für ein Pfund Schweinefleisch. Was in dieser Stadt am nächsten Montag passiert, ist mehr als nur Verschwendung, es ist ein Skandal.

So sind bestimmte Politiker. Sie rufen – zum x-ten Mal – dazu auf, den Gürtel enger zu schnallen und die Erwartungen auf ein besseres Leben zu senken, während sie selbst enorme Mengen an Staatsgeldern verschwenden, um Krieg zu spielen.

Anm. d. Übers.:

* Bezeichnung der kubanischen Regierung für eine Wirtschaftskrise in den 90er Jahren

Übersetzung: Lena Hartwig

Maduro, Schüler einer verfallenden Schule

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Es gibt unzählige Unterschiede im Führungsstil der beiden Staatsoberhäupter, aber etwas noch viel Wichtigeres trennt sie voneinander: Die Zeit. (nicolasmaduro.org.ve)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 21. Dezember 2016   Im Fernsehen ertönt eine Rede von Nicolás Maduro. Er spricht von internationalen Verschwörungen, dem Feind, der die bolivianische Revolution beenden möchte und von einer „Währungsmafia“. Wieder die gleiche alter Leier, die stark an den verstorbenen kubanischen Expräsidenten Fidel Castro erinnert, besessen davon andere für das selbst verursachte Chaos verantwortlich zu machen.

Es gibt unzählige Unterschiede im Führungsstil der beiden Staatsoberhäupter, aber etwas noch viel Wichtigeres trennt sie voneinander: Die Zeit. Jahrzehnte sind zwischen dem Moment, in dem Castro Kuba mit seiner Sprachgewalt umgarnte und dem, in dem der fehlgeleitete Maduro anfing Venezuela zu regieren, vergangen. In diesen Zeiten sind die Lateinamerikaner populistischen Diskursen gegenüber misstrauisch geworden und haben gelernt autoritäre Herrscher, die sich unter dem Deckmantel des vermeintlichen Erlösers verstecken, zu erkennen. Die politischen Diskurse funktionieren nun nicht mehr wie vorher. Genau wie die abgedroschenen Verse, die die Augen mit den Sternen und den Mund mit einer Rose verglichen und nun nur noch Spott hervorrufen.

In diesen Zeiten, in denen von der Tribüne aus zu stark zur Vaterlandstreue aufgerufen wird, das Ausmaß der ausländischen Einmischung verzerrt wird und keine Lösungen angeboten werden, sollte man wachsam werden

In diesen Zeiten, in denen von der Tribüne aus zu stark zur Vaterlandstreue aufgerufen wird, das Ausmaß der ausländischen Einmischung verzerrt wird und keine Lösungen angeboten werden, sollte man wachsam werden. Wenn die Anführer uns dazu aufrufen auch noch den letzten Tropfen unseres Blutes zu vergießen, während sie sich selbst mit Leibwächtern umringen oder sich an irgendeinem „punto cero“* verstecken, sollte man aufhören ihnen zu glauben.

Eine gesunde Dosis Skepsis immunisiert gegen diese niederträchtigen Tiraden, in denen erklärt wird, dass die Probleme des Landes ihren Ursprung außerhalb der nationalen Grenzen haben. Es ist bedenklich, dass der Denunziant keinerlei Verantwortung an diesem Debakel übernimmt und die Schuld an seinem Scheitern angeblichen Verschwörungen und Medienfeldzügen zuschiebt.

Maduro wurde in dieser Schule der ständigen politischen Anspannung, deren wichtigster Lehrstuhl in Havanna liegt, ausgebildet. Obendrein war der venezolanische Staatschef ein mittelmäßiger Schüler, der die ursprünglichen Grundsätze mit übermäßigen Gefühlsäußerungen, wenig Charisma und einem großem Haufen Unsinn garnierte. Sein größter Irrtum bestand darin, nicht zu bemerken, dass das „Lehrbuch“ von Fidel Castro längst nicht mehr funktioniert.

Der venezolanische Präsident kam zu spät, um diese Leichtgläubigkeit ausnutzen, die jahrzehntelang dafür sorgte, dass viele Völker dieses Kontinents Diktatoren emporhoben. In seinen Reden schwingt die Vergangenheit mit, und wie die schlechten Gedichte, bewegen sie weder die Seele noch das Gemüt.

Anmerk. d. Übersetzers:

*Das Anwesen von Fidel Castro auf Kuba wird als „punto cero“ bezeichnet.

Übersetzung: Anja Seelmann