Für Cuiso und Libna, wo auch immer sie sein mögen

Generación Y, Yoani Sánchez, 22. Februar 2016 Er war ein bekennender Homosexueller und sie eine überzeugte Zeugin Jehovas. Der eine lebte in demselben Mietshaus, in dem ich geboren worden war, und die andere in der gefürchteten „218“, in der Gewalt und Abwässer sich gegenseitig den Rang abliefen. Cusio und Libna habe ich es zu verdanken, mit der Überzeugung aufgewachsen zu sein, dass jegliche sexuelle Orientierung oder religiöse Überzeugung achtbar und notwendig ist, wenn dabei keine Gewalt gegen den Anderen eingesetzt wird.

Den beiden ist in den achtziger Jahren auf Kuba etwas Unglaubliches gelungen: mich darin zu bestärken, dass das Schlafzimmer und der Glaube Angelegenheiten jedes Einzelnen sind, in die sich keine Ideologie einmischen sollte. Sie waren wahre Überlebende der Einheitlichkeit, Schiffbrüchige im Sturm der „Parametrisierung“* und der Polizeirazzien. Mit meinen vierzig Jahren stehe ich für diese Lehre von Vielfältigkeit, die sie mir vermittelten, immer noch in ihrer Schuld.

Cusio wurde erst missbraucht und dann vernachlässigt, aber er hatte immer ein Lächeln auf den Lippen. Von Libna lernte ich geduldig zu sein, durchzuhalten, wenn alles gegen einen gerichtet zu sein scheint, und weiterzumachen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft sie erniedrigt wurde, weil sie kein Halstuch trug, dieses Stück Stoff, das mich am Hals kratzte und mich heute eher an das Joch eines Stiers erinnert, als an irgendein ideologisches Engagement.

Eines Tages verlor ich sie beide aus den Augen. Wir wurden älter und reifer, die verspielte Kindheit war vorbei. Ich weiß, dass Cusio seine Adoptiveltern bis zum Ende pflegte, während auf Kuba durch das materielle Elend so viele alte Menschen allein enden. Von Libna gibt es keine Spur. Ich weiß nicht einmal, ob sie weiterhin auf der Insel lebt oder sich entschloss, mit ihrem auf Kuba nicht geduldeten Glauben an einem anderen Ort zu leben.

Je mehr Zeit vergeht, desto häufiger denke ich an sie. Ich danke ihnen für die Lektion in Demut, die sie mir offenbarten, ohne von mir je eine Gegenleistung, ja nicht einmal eine Umarmung, zu erwarten.

Anm. d. Übers.:

* Bezeichnung für die Erstellung bestimmter Parameter in der Gesellschaft, die zur Ausgrenzung und Stigmatisierung derer führen, die sich nicht anpassen (Homosexuelle, Intellektuelle, Dissidenten etc.)

Übersetzung: Lena Hartwig

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Ein eher symbolischer als politischer Besuch

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Der Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, spricht mit seinem kubanischen Amtskollegen, Raúl Castro. (Weißes Haus)

Generación Y, Yoani Sánchez, 18. Februar 2016 Als das letzte Mal ein Präsident der Vereinigten Staaten Kuba besuchte, war das Kapitol von Havanna noch nicht eingeweiht worden, der herausragende Pitcher José de la Caridad Méndez* lag im Sterben und meine Großmutter war ein kleines Mädchen mit zerzaustem Haar und einem durchdringenden Blick. Es gibt niemanden mehr, der sich an diesen Moment erinnern und ihn aus erster Hand nacherzählen kann, und deshalb wird der Besuch Barack Obamas auf der Insel zu einer völlig neuen Erfahrung für uns Kubaner werden.

Wie werden die Menschen reagieren? – Mit Freude und Begeisterung. Auch wenn der Präsident eines anderen Staates nur wenig tun kann, um ein Land, dessen Bevölkerung eine Diktatur zugelassen hat, zu verändern, so wird sein Besuch dennoch eine große symbolische Wirkung haben. Niemand bestreitet, dass der Bewohner des Weißen Hauses unter den Kubanern beliebter ist, als der in die Jahre gekommene und wenig charismatische General, der die Macht aufgrund seiner familiären Herkunft geerbt hat.

Sobald das Flugzeug des Präsidenten kubanischen Boden berührt, wird die Politik der Abschottung, die die Regierung über ein halbes Jahrhundert so geschickt aufgebaut hat, einen irreversiblen Einschnitt erleben. Zu sehen, wie Raúl Castro und Barack Obama sich in Panama die Hand reichen, ist nicht das Gleiche wie ein Treffen auf einem Territorium, das vor kurzem noch voller Plakate gegen „das Imperium“ und voller öffentlichem Spott über Uncle Sam war.

Das Regierungsoberhaupt der Vereinigten Staaten kann Kuba nicht verändern und es ist auch besser, wenn er es überhaupt nicht versucht, denn für das Unrecht in unserem Land sind wir selbst verantwortlich.

Die Presse der Kommunistischen Partei wird äußert geschickt vorgehen müssen, um den offiziellen Empfang des Oberbefehlshabers der Streitkräfte des „Feindes“ vor uns zu rechtfertigen. Die militantesten Anhänger der Regierung werden sich verraten fühlen und es wird ans Licht kommen, dass sich hinter einer vermeintlichen Ideologie nur das Ziel verbirgt, sich mit den typischen Strategien politischer Chamäleons an der Macht festzukrallen.

Auf den Straßen werden die Menschen dieses unerwartete Ereignis mit Begeisterung erleben. Für die Schwarzen und Mestizen unter uns ist dies eine klare und direkte Botschaft in einem Land, in dem die Macht in den Händen einer weißen Gerontokratie liegt. Diejenigen, die ein T-Shirt oder ein Plakat besitzen, auf dem das Gesicht Obamas abgebildet ist, werden es an diesen Tagen zur Schau stellen und somit die Nachlässigkeit der Regierung ausnutzen, und der Geist Fidel Castros wird in diesen Tagen in seinem bewachten Refugium in Havanna noch ein bisschen mehr sterben.

Das Bier „Presidente“** wird aus den Lokalen verschwinden, wo man laut den Satz „Gib mir noch zwei Obamas!“ hören wird und die Standesämter werden in dieser Woche zweifellos einige Neugeborene mit Namen wie „Obamita de la Caridad Pérez“ oder „Yurislandi Obama“ in das Geburtenregister eintragen. Pepito, der kleine Junge aus den kubanischen Witzen, wird für diesen Anlass ein paar neue Scherze in Umlauf bringen und die Ramschverkäufer werden Produkte, mit dem Bild des ehemaligen Anwalts und den fünf Buchstaben seines Namens anbieten.

Trotzdem ist eines klar, über einen kurzlebigen Enthusiasmus hinaus kann das Regierungsoberhaupt der Vereinigten Staaten Kuba nicht verändern und es ist auch besser, wenn er es überhaupt nicht versucht, denn für das Unrecht in unserem Land sind wir selbst verantwortlich. Dennoch wird seine Reise einen großen und langanhaltenden Einfluss ausüben und er sollte die Gelegenheit nutzen, um eine laute und deutliche Botschaft über die Mikrophone zu vermitteln.

Seine Worte sollten sich an die jungen Menschen richten, die aus Verzweiflung in Gedanken schon ein Floß aufrüsten, um aus dem Land zu fliehen. Ihnen muss man zeigen, dass unser Mangel an Gütern und Moral nicht die Schuld des Weißen Hauses ist. Die beste Möglichkeit für Barack Obama auf die Geschichte Kubas einzuwirken, besteht darin unmissverständlich klar zu machen, dass die Verantwortlichen unseres Dramas auf dem Platz der Revolution von Havanna zu finden sind***.

Anmerkung. d. Übers.:

*José de la Caridad Méndez, auch bekannt als der „schwarze Diamant“ (el diamante negro) war ein kubanischer Pitcher, der in seiner Heimat zu einer Legende wurde und sowohl in die kubanische als auch in die US-amerikanische Baseball Hall of Fame aufgenommen wurde. Er starb am 31 Oktober 1928 in Havanna an Tuberkulose.

** Das Bier „Presidente“ (la cerveza Presidente) ist eine Biermarke aus der Dominikanischen Republik, die von Kuba importiert wird, um die eigene, unzureichende Produktion auszugleichen.

*** Die Plaza de la Revolución (Platz der Revolution) ist ein öffentlicher Platz in Havanna, Kuba und wurde durch die kubanische Revolution bekannt, während der die Regierung Batistas gestürzt und durch die von Fidel Castro abgelöst wurde.

Übersetzung: Anja Seelmann

 

Rückblick zur Veranstaltung: Kritische Stimmen zu und aus Kuba

Link zur AMNESTY INTERNATIONAL Veranstaltung vom 16.02.2016 in Regensburg: http://www.amnesty-regensburg.de/Main/20151229001

„KRITISCHE STIMMEN ZU UND AUS KUBA.“ MIT INFORMATIONEN ZUR MENSCHENRECHTSLAGE, LITERARISCHER LESUNG UND MUSIK

Veranstalter: KEB im Bistum Regensburg und Amnesty International Bezirk Oberpfalz
Referentin: Gabriele Stein, Kuba-Koordinationsgruppe und Vorstandsmitglied von Amnesty Deutschland
Lesung zeitgenössischer kubanischer Literatur: Andreas Ruf
Musik: SANCHEZ

Die seit der kubanischen Revolution bestehende diplomatische Eiszeit zwischen den USA und Kuba scheint seit der historischen Begegnung von Barack Obama und Raúl Castro beim Amerika-Gipfel in Panama im April 2015 zu schmelzen, die beiden Staaten haben wieder Botschafter im anderen Land. Die Reise des Papstes nach Kuba und von dort direkt in die USA im September 2015 wird als politische Aufforderung zu einer weiteren Annäherung gewertet. Die Zeichen stehen für Kuba also auf Hoffnung

Und doch beklagen Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen und Hilfswerke die nach wie vor undemokratischen Verhältnisse im Land. Immer wieder nimmt die kubanische Polizei Aktivisten der kubanischen Demokratiebewegung willkürlich fest. Unter den Verhafteten im Rahmen der Kampagne „Todos marchamos“ („Wir alle marschieren“) sind zahlreiche Frauen der Bürgerrechtsorganisation „Damen in Weiß“. Kubanische MenschenrechtlerInnen fordern immer wieder die Freilassung aller politischen Gefangenen und setzen sich damit selbst großen Gefahren aus.

Die Menschenrechtsreferentin Gabriele Stein ist seit Anfang der 1980er Jahre bei Amnesty International aktiv, gehört zum Vorstand der deutschen Sektion und ist für die Länderkoordinationsgruppe Kuba verantwortlich. Sie berichtet von der aktuellen Lage in Kuba, vonMenschenrechtsverletzungen z.B. an dem politisch gefangenen Künstler Danilo Moldanado Machado. Stein fordert mit Amnesty die Regierung von Kuba auf, unabhängigen Medien und JournalistInnen zu ermöglichen, frei und ohne Furcht vor Repressalien, ungesetzlichen Beschränkungenund willkürlicher Verfolgung zu arbeiten.

Dazu liest der Schauspieler Andreas Ruf zeitgenössische Textausschnitte von kubanischen Schriftstellern wie von Kubas bekanntester Bloggerin, Yoani Sánchez. Der kulturell-politische Abend wird mit Livemusik von SANCHEZ umrahmt. Die drei Regensburger Musiker widmen ihre spanischen Lieder der Liebe, der Sehnsucht und dem Fernweh. Canciones con gituara y metallophone.

Die Trägerorganisationen Amnesty International, KEB im Bistum Regensburg und das Turmtheater laden herzlich ein, sich an diesem Abendatmosphärisch nach Kuba entführen und tagesaktuell informieren zu lassen.