Historische Revision und „unberührbare“ Kubaner

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Ein Flachrelief von Fidel Castro auf dem Platz der Revolution „Ignacio Agramonte“ in Camagüey. (Mi comarca/Aymee Amargós Gorrita)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 22. Juni  2020

Es sind Zeiten, in denen man Statuen von Plätzen entfernt, historische Namen hinterfragt und intensive Debatten über die Art und Weise führt, wie wir die Vergangenheit sehen, aber – wie bei so vielen anderen Tendenzen – kommt diese Kontroverse, die sich weltweit verbreitet, kaum nach Kuba. In einem Land mit zu vielen „unberührbaren“ öffentlichen Personen, ist es eine ferne Utopie, an einen Revisionsprozess der nationalen Ereignisse und Vorkommnisse im letzten halben Jahrhundert auch nur zu denken.

 Wir leben in einer Nation, wo eine Debatte über offizielle Gesichter und Kritik an Regierungsentscheidungen schon so lange verweigert wird, dass wir von festgefrorenen und sakrosankten Themen umgeben sind, die sich jeder Diskussion seitens der Zivilgesellschaft entzogen haben. Weil man nichts hinterfragen kann, können nicht einmal Humoristen Karikaturen über Parteiführer, Funktionäre oder Minister publizieren. Im Unterschied zu dem, was in anderen Teilen der Welt geschieht, wo man Büsten entfernt, sind wir hier von „lebenden Statuen“ umgeben, die nicht einmal ein Hauch von Kritik treffen darf.

 Trotzdem, dieses andauernde und obligatorische Schweigen zu so vielen wichtigen Fragen wird nicht verhindern, dass diese Diskussion eines Tages stattfindet; der verzögerte Beginn kann sogar stimulierend die Polemik befördern. Eine der dann intensivsten wird zweifellos die Person von Fidel Castro treffen, der in einem zukünftigen Kuba im Mittelpunkt von Schmähungen stehen wird. Es kann nicht sein, dass er diese Kontroverse und die unterschiedliche Beurteilung seines Handelns heil übersteht. Alle Versuche, ihn offiziell für sakrosankt zu erklären, um eine eingehende Prüfung zu vermeiden, werden so gut wie nichts nützen, wenn auf der Insel demokratische Winde wehen.

Castros Schicksal wird nicht die Zerstörung einer Bronzefigur sein, sondern ein historisches Urteil über eine Person und ein System.

 Weil er diesen öffentlichen Pranger vielleicht ahnte, zog es Castro vor, von Statuen Abstand zu nehmen, obwohl es auf zahlreichen Plätzen des Landes diverse Flachreliefs mit seinem Gesicht gibt. Deswegen wird sein Schicksal nicht die Zerstörung einer Bronzefigur sein, sondern ein historisches Urteil über eine Person und ein System. Es wird keine Bilder von verunstalteten Skulpturen geben, aber sehr wahrscheinlich wird man neue Ausgaben von Geschichtsbüchern drucken. Wissenschaftler werden sein politisches Testament zerreißen, und sogar die Progressisten von ehemals werden einen gesunden Abstand zwischen ihren Forderungen und jenen des Kommandanten herstellen. Auch die Diskussion über den Fortbestand seines Grabes – so nah an dem von José Martí – wird dann kommen und Leidenschaften aufleben lassen.

 Der härteste Schlag wird aber sein, wenn in Gesprächen und Erinnerungen an Castro wie selbstverständlich das Wort „Diktator“ fällt, zusammen mit „Diktatur“, um damit seine Zeit an der Macht zu bezeichnen. Diese Begriffe, dann üblich im Sprachgebrauch, verankert in der Erinnerung und bestätigt von Fachleuten, werden viele tausend Hämmer sein, die auf seine Statue schlagen, auf sein Vermächtnisses.

…Übersetzung: Dieter Schubert