López Obrador und die historische Schuld

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López Obrador hat zwei gleichlautende Briefe an den Papst und die spanische Regierung geschickt. (Captura)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana| 28. März 2019

Bis jetzt schien Andrés Manuel López Obrador jemand zu sein, der bei Millionen von Mexikanern im Focus von Sorge oder Hoffnung stand. Ausgenommen sein zögerliches Handeln im Umgang mit dem Regime von Nicolás Maduro, hat der Präsident Mexikos Kritik und Zustimmung nur innerhalb der Grenzen seines Landes erfahren, wo er Tag für Tag zahllose politische und wirtschaftliche Kämpfe ausficht. So war es, bis er auf die Idee kam, das Phantom „Historische Schuld“ auf zwei Kontinenten wiederzubeleben.

In einem Brief hat AMLO − wie man ihn volkstümlich in Mexiko nennt − sowohl Papst Franziskus wie auch den spanischen König ersucht, eine gemeinsame Kommission ins Leben zu rufen, um die Eroberung Amerikas zu untersuchen, und um für die begangenen Exzesse um Verzeihung zu bitten. Dieses Schreiben hat einige zustimmende Reaktionen ausgelöst, auch verärgerte, viele gleichgültige und wohlklingende Scherze; alles nährte die festgelegten Meinungen in den sozialen Medien. In kurzer Zeit stand der mexikanische Politiker im Zentrum eines Schwalls von Kommentaren, die den Atlantik in beiden Richtungen überquerten.

Die beiden spanischen Nachnamen vom AMLO werden ihm bei seiner Forderung nach einer Entschuldigung nicht viel helfen, weil sie ihn als das Ergebnis eines langen kulturellen Prozesses ausweisen, bei dem der  unterschiedliche Status von Eroberten und Eroberern tonangebend war. AMLOs pure Existenz zeigt ihn als das Ergebnis eines langen kulturellen Prozesses mit Konfrontation, Integration, Symbiose, Rassenmischung und Anpassung, in dem sich die Grenzen verwischen. Schuldige zu suchen ist ein Unterfangen, das eher in den Bereich der Neurosen gehört, als in den von Objektivität. Aber Demagogen müssen von etwas leben und die bequemste Vorgehensweise besteht darin, die Last der Verantwortung auf andere zu übertragen.

AMLOs pure Existenz zeigt ihn als das Ergebnis eines langen kulturellen Prozesses mit Konfrontation, Integration, Symbiose, Rassenmischung und Anpassung, in dem sich die Grenzen verwischen. Schuldige zu suchen ist ein Unterfangen, das eher in den Bereich der Neurosen gehört, als in den von Objektivität.

López Obrador weiß nicht was er tut. Solange er glaubte, dass er auf diesem Weg bis zu einer offiziellen Entschuldigung weitergehen sollte − den er mit Beginn seines Mandats beschritt, in dem es schon mehrere blutige Vorkommnisse gab − bemerkte er nicht, dass er sich damit auf ein Gebiet wagte, für das er nicht zuständig ist: die ferne mexikanische Vergangenheit. Weil er versucht hat, Rendite aus einer vermutlich politisch motovierten Demutsgeste zu ziehen, wenn er als Mächtiger vor dem wehrlosen Opfer einen Kniefall macht, ist er dem spanischen Stier auf den Schwanz getreten und hat Millionen Bürger in diesem Teil der Welt verärgert, in deren Adern spanisches und amerikanisches Blut fließt.

Man muss sich fragen, was AMLO dazu brachte diese Briefe zu schreiben, die er an den Vatikan und den Zarzuela-Palast schickte, in denen er eine historisch gesehen unmögliche Wiedergutmachung verlangte. War es die Suche nach Wahrheit, war es Ignoranz, oder der Wunsch, die Aufmerksamkeit von mexikanischen Problemen abzulenken, oder war es sein Ego, das ihn „höhere Gipfel“ besteigen und universelle Herausforderungen angehen ließ? Wie auch immer; er verliert gerade eine Schlacht, weil er mit seinem „wir sind so, weil man uns Schaden zugefügt hat“ auf der Straße der Verlierer ist. Er lehnt den anderen Weg ab, den des „wir leben von der Vielfalt, denn in unserer Kultur kommen viele Strömungen zusammen: das macht uns stark“.

Wenn AMLO den Weg „Schuld“ weiter verfolgen will, sollte er anfangen ein Plädoyer vorzubereiten und mehr Verantwortung einfordern: von den Azteken für die Herrschaft und Kontrolle über ausgedehnte Gebiete in Mittelamerika, von den Römern, die mit dem Vordringen ihrer unerbittlichen Legionen das Gesicht Europas prägten und von den Hunnen, die Angst und Schrecken verbreiteten, unter den Hufen ihrer Pferde. Aber das wird López Obrador sicher nicht tun, weil Verantwortung verteilen nicht der eigentliche Zweck seines Handelns ist, sondern die Förderung populistischer Strömungen. López Obrador sucht keine Schuldigen; stattdessen geht es ihm um die Verdienste eines Retters.

         Übersetzung: Dieter Schubert


Diese Kolumne wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der Deutschen Welle publiziert.
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