Die Berliner Mauer hat nie existiert

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Die Menschen in Berlin beginnen die Mauer einzureißen. (CC)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 09. November 2019

Für die offizielle kubanische Presse ist die Berliner Mauer nicht gefallen, sie steht noch oder hat nie existiert. Eine kurze Suche auf den Websites und in Printversionen der wichtigsten Medien des Landes reicht aus, um zu beweisen, dass es kaum eine Erwähnung der Mauer gibt, die Deutschland, Europa und die Welt jahrzehntelang spaltete und eine Narbe hinterließ. Denn sie ist immer noch ein Thema, das von den Ideologen des „Journalismus“, der in den von der Kommunistischen Partei kontrollierten Redaktionen gekocht wird, geleugnet und verborgen wird.

Am Samstag, dem 9. November, jährt sich zum 30. Mal der Tag, an dem die Berliner begannen, diese absurde Barriere niederzureißen

Am Samstag, dem 9. November, jährt sich zum 30. Mal der Tag, an dem die Berliner begannen, diese absurde Barriere niederzureißen und das sozialistische Lager in Osteuropa nach und nach wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel. Es ist auch ein Jubiläum jenes Jahres 1989 auf Kuba, als eine Generation hoffnungsvoll die Veränderungen mitverfolgte, die die „Weggefährten“ erschütterten, während die Plaza de la Revolución die politische Kontrolle verschärfte, um zu verhindern, dass Reformisten oder Anhänger der Perestroika an Boden gewinnen würden.

So wie die kubanischen Beamten es vor drei Jahrzenten taten, verbergen sie auch im November dieses Jahres erneut den Fall der Berliner Mauer vor uns…. aber wir haben bereits davon erfahren, wir haben bereits die Bilder mit Hämmern und Meißeln gesehen, die diese Mauer niedergerissen haben. Auf unserer Netzhaut gibt es trotz der Zensur einen jungen Mann, ein Kind, eine Familie, ein Volk…., die gemeinsam die strenge Grenze zum Einsturz brachten, die ihnen einst aufgezwungen wurde.

                  Übersetzung: Lena Hartwig


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Wahlen in Kuba: der Vorgang fällt

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Ohne Überraschungen, im Tagesverlauf dominierte Kontinuität. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 12. Oktober 2019

Die Inszenierung war sorgfältig einstudiert. Am 10.Oktober 2019 folgte jedes Detail der außerordentlichen Sitzung der Nationalversammlung einem sogfältig verfassten und vermutlich mehrmals geprobten Drehbuch. Für die politische Dramaturgie war die Wahl des Präsidenten der Republik der Höhepunkt, um die Übergabe des Staatsruders an eine jüngere Generation zu sichern, unter der Vormundschaft der Vorgänger.

 An diesem Donnerstag verfolgten kubanische Bürger das Geschehen im Kongresspalast, gleichgültig und ohne Erwartungen, wie ein Theaterstück, dessen Ende man schon kennt. Schließlich war es nur eine Formalität mit Bühnenbild, in dem die Abgeordneten als Schauspieler agierten. Mit der Ratifizierung der Verfassung im vergangenen Februar und der anschließenden Einführung des neuen Wahlgesetzes wurden auf der Insel die Ämter des Präsidenten und des Premierministers getrennt, die früher vereint waren, um alle Macht auf Fidel Castro zu übertragen. Dieser Donnerstag war der Tag, um die Befugnisse aufzuteilen und der Nationalversammlung die Zügel für den Staatsrat in die Hand zu geben.

Angesichts ihres nahen biologischen Endes und ihrer weit zurückliegenden Heldentaten, fürchten die jetzt Achtzigjährigen, dass alle Macht in einer Hand ein riskanter Wetteinsatz wäre.

 Vielleicht in der Absicht zu vermeiden, dass ein einzelner Mann das politische System von oben her ändern könnte, verteilte die historische Generation die Entscheidungsbefugnis auf mehrere Figuren, die sich bis jetzt als absolut treu zum Vermächtnis der „Bärtigen“ erwiesen haben − jener Männer, damals von der Sierra Maestra herunterkamen. Angesichts ihres nahen biologischen Endes und ihrer weit zurückliegenden Heldentaten, fürchten die jetzt Achtzigjährigen, dass alle Macht in einer Hand ein riskanter Wetteinsatz wäre und sie haben sich dazu entschlossen, die Verantwortung für das Rudel auf mehrere Wölfe zu übertragen, damit die sich nebenbei gegenseitig überwachen.

 Es gab keine Überraschungen, im Verlauf des Tages dominierte Kontinuität. Miguel Díaz-Canel wurde zum Präsidenten der Republik gewählt, wenn man einen Vorgang „Wahl“ nennen will, bei dem die Parlamentarier nur einen Kandidaten je Amt bestätigen konnten. Esteban Lazo blieb an der Spitze des Parlaments, obwohl alle politischen Wetten auf ein Ende seiner Amtsführung hinwiesen, während sich der Staatsrat mit dem Ausscheiden und der Aufnahme von Mitgliedern neu strukturierte.

 Bei dieser wohleinstudierten Aufführung war der ex-Regierungschef Raúl Castro der Zeremonienmeister, der als erster sein Wahlrecht ausübte und mit einer klaren Geste die tatsächliche Reihenfolge von Bedeutung und Entscheidungsbefugnis festlegte. Mit der Kontrolle der Kommunistischen Partei, seiner wirtschaftlichen Macht und mit der Führung der Streitkräfte in Händen seines Familienclans, inszenierte der altgediente General eine Aufführung, um eine Botschaft von der Haltbarkeit und dem Fortbestand des Systems öffentlich kund zu tun. Ein Detail allerdings konnte er nicht kontrollieren: die Öffentlichkeit.

 Auf den Straßen Kubas haben ihm die Krise bei der Lieferung von Kraftstoffen, die Schwierigkeiten im Transportwesen und die Probleme bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln die Schau gestohlen. Bei diesem „Wahlvorgang“ nützte ihm die Sorgfalt bei der Auswahl von Bühnenbild und Schauspielern nur wenig; die meisten anwesenden Kubaner suchten an diesem Oktober-Feiertag nach dem Ausgang, nach der Tür, die sie weit weg von dieser Bühne bringen würde, sei es aus Gleichgültigkeit oder innerer Emigration.

       Übersetzung: Dieter Schubert


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Ein Barometer zur Messung der Korruption in Lateinamerika

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Die Wahrnehmung der Korruption in Lateinamerika ist sehr hoch, vor allem in Venezuela.

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 02. Oktober 2019

Sie lächeln, trinken ein paar Gläser und einige Scheine wechseln den Besitzer. Mit ihnen werden auch Gefälligkeiten ausgetauscht, Allianzen gebildet, Vorrechte bei Ausschreibungen angeboten und die Lokalpolitik beeinflusst. Die Szene könnte sich überall in Lateinamerika abspielen, einem Kontinent, der nach wie vor von korrupten Praktiken, Misswirtschaft bei öffentlichen Geldern und Stimmenkauf geprägt ist.

Die zehnte Ausgabe des von Transparency International herausgegebenen Global Corruption Barometer (GCB)- Berichts nimmt den Krebs minutiös unter die Lupe, der Institutionen, Unternehmen und den Alltag krank macht. Der Bericht erkennt an, dass „in den letzten fünf Jahren große Fortschritte erzielt wurden“ und nennt als Beispiel die Untersuchung der Operation Lava Jato in Brasilien, zeigt aber auch, dass die Mehrheit der Bürger der Ansicht ist, dass ihre Regierungen „nicht genug tun, um die Korruption zu bekämpfen“.

Unter den befragten Bürgern aus 18 Länder des Kontinents stehen die Venezolaner mit 87 % an der Spitze derjenigen, die glauben, dass die Korruption in den letzten 12 Monaten zugenommen hat, gefolgt von 66 % der Dominikaner und 65 % der Peruaner. Auch 52 % der Kolumbianer teilen diese Meinung sowie 37 % der Bürger von Barbados.

Darüber hinaus warnt der Bericht vor den schädlichen und unverhältnismäßigen Auswirkungen korrupter Praktiken auf gefährdete Bereiche der Gesellschaft, insbesondere auf Frauen. Viele Frauen „sind gezwungen, sexuelle Gefälligkeiten im Austausch für öffentliche Dienstleistungen zu gewähren, im Zusammenhang mit Gesundheit und Bildung. Diese Gepflogenheit wird als sexuelle Erpressung oder ‚Sextorierung‘ bezeichnet“, hebt der Text hervor. Eine Situation, die bisher nicht in die Jahresberichte aufgenommen wurde, deren Häufigkeit aber zu einer stärkeren Offenlegung geführt hat.

21 % der Lateinamerikaner, die an diesen Umfragen teilgenommen haben, behaupten auch, dass die meisten oder alle mit der Presse in Verbindung stehenden Personen korrupt sind.

21 % der Lateinamerikaner, die an diesen Umfragen teilgenommen haben, behaupten auch, dass die meisten oder alle mit der Presse in Verbindung stehenden Personen korrupt sind. Die Straflosigkeit ist noch umfangreicher, weil diejenigen, die die Seiten der Zeitungen und Fernseh- oder Radiomikrofone benutzen müssen, um den Schmutz der Mächtigen anzuprangern, gekauft werden. Man bringt sie zum Schweigen und lässt sie die Fakten verzerren.

Glücklicherweise erreicht diese Übereinstimmung zwischen Macht und Presse, zwischen Feder und Pfründe nicht alle Reporter und Medien. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Fälle von Bestechung, Schmiergeld und Korruption zunächst über die Zeitungen und Mikrofone von Fernsehen oder Radio bekannt wurden. Dies führte zwingend dazu, gerichtliche Ermittlungen einzuleiten und die Beteiligten hinter Gitter zu bringen. Aber es muss noch mehr getan werden.

Was würden lateinamerikanische Bürger sagen, wenn man sie nach ihren eigenen täglichen Handlungen gegen diese Praktiken fragte? Wären sie nicht nur bereit auf Regierungen, Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und Journalisten als Teile dieses Verfalls hinzuweisen, sondern auch ihre eigene Rolle in einer so katastrophalen Situation anzuerkennen? Es spielt keine Rolle, ob sie eine Robe, eine Militäruniform, die Krawatte des Geschäftsmannes, das Tonbandgerät des Reporters oder den einfachen Overall eines Arbeiters tragen. Wir alle müssen uns diesem Monster mit seinen tausend Köpfen stellen − jede Minute, und gewissenhaft.

Übersetzung: Lena Hartwig


Dieser Beitrag wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der „Deutschen Welle“ publiziert.

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Ein Land, das von einem Schiff abhängig ist.

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Es genügt, dass ein Öltanker sich verspätet und das ganze Land ist gelähmt. (Pdvsa.com)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |25. September 2019

Uns wurde immer ein Heiliger Gral versprochen. Ende der 1960er Jahre schlug das Herz ganz Kubas im Rhythmus der so genannten „Zuckerrohrernte der 10 Millionen“*), während in den Jahren der Wirtschaftskrise, die als „Sonderperiode“ bekannt ist, sich die Hoffnungen auf den „Ernährungsplan“ konzentrierten, der sowohl Teller als auch Mägen füllen sollte. Jetzt klammern sich alle Illusionen von 11 Millionen Menschen daran, dass venezolanische Öltanker mit ihrer wertvollen Fracht auf dieser Insel ankommen, andocken und entladen.

Das Land erlebt einen neuen wirtschaftlichen Rückfall, den einige nur als neues Symptom der langen Krankheit der Unproduktivität, Abhängigkeit von ausländischen Subventionen und der Unfähigkeit des kubanischen Wirtschaftsmodells, Effizienz und Wohlstand zu erzeugen, betrachten. Die Regierung ruft zur Ruhe auf und hat den aktuellen Umstand „Konjunktur“ genannt, ein Wort, das der Neosprache würdig ist, die wir bei der Plaza de la Revolución gewohnt sind, die den Privatsektor in „auf eigene Faust“ umbenannte, die Arbeitslosen in „verfügbare Arbeitskräfte“ und die Diktatur in „Demokratie einer einzigen Partei“.

Jenseits von Namen und Phrasen des öffentlichen Diskurses hat die Realität ihr eigenes Vokabular. Die langen Warteschlangen an den Bushaltestellen, der Mangel an Grundnahrungsmitteln und die Stunden des Wartens, die für eine Tankfüllung in Kauf genommen werden müssen, finden in Gesprächen auf der Straße ihren eigenen Formen: „Die Sache ist schlecht“, „das wird noch lange so bleiben“ und „es ist nicht einfach“ sind einige der Ausdrücke, die man nun überall auf der Insel hört. Es fehlt auch nicht an Humor, ein Ausweg aus der Frustration einer Gesellschaft, die alle Arten von Parodien und Wortspiele mit dem augenblicklichen „konjunkturell“ macht.

Das Land erlebt einen neuen wirtschaftlichen Rückfall, den einige nur als neues Symptom der langen Krankheit betrachten: der Unproduktivität, der Abhängigkeit von ausländischen Subventionen und der Unfähigkeit des kubanischen Wirtschaftsmodells, Effizienz und Wohlstand zu erzeugen.

Trotz der „Energiewende“ zu Beginn dieses Jahrhunderts ist Kuba heute stärker von fossilen Brennstoffen abhängig als noch vor einem Jahrzehnt. Es reicht schon aus, dass sich nur ein Öltanker verspätet, um das ganze Land lahmzulegen, bis das nächste Schiff ankommt. Die katastrophale Situation der venezolanischen Wirtschaft macht die Ankunft dieser Schiffe noch gefährlicher. Dazu kommen außerdem noch die von Washington ergriffenen Maßnahmen hinzukommen, um zu verhindern, dass das schwarze Gold dieses südamerikanischen Landes Havanna weiterhin stützt.

Wie so oft in der nationalen Geschichte des letzten halben Jahrhunderts wird sich die Krise nicht nur in längeren Warteschlangen und traurigeren Gesichtern, in leeren Tellern und hoffnungsloseren Menschen äußern… sie wird auch einen Anstieg der Zahl der Menschen beeinflussen, die sich entscheiden, ihre Taschen zu packen und zu gehen. Exodus und Flucht waren in den letzten Jahrzehnten ein untrennbarer Bestandteil des nationalen Lebens. Während Analysten darüber diskutieren, ob dieser Moment – ja oder nein – eine Verlängerung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs der 90er Jahre ist, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, sind wir uns alle in einer Sache einig: Es ist die gleiche alte Flucht, diese lange Flucht, die uns vertraut geworden ist, wie die Krise selbst.

         Übersetzung: Berte Fleißig

Anmerkung der Übersetzerin:
Kuba 1970: Mit dem erklärten Ziel, die finanzielle Situation der Insel zu verbessern, hat die Regierung alle Mittel und Möglichkeiten eingesetzt, um die Produktion von 10 Millionen Tonnen Rohzucker zu erreichen. Das Planziel wurde mit etwa 8 Millionen Tonnen verfehlt. (Wikipedia)

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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Die Welt streift die alte Haut ab

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Die erste „Gesellschaft mit offenem Zugang“ war die US-amerikanische Republik ab dem Jahr 1775, so der Autor Carlos A. Montaner. (Archiv)

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 Carlos A. Montaner | Miami | 21. September 2019

In Demokratien geht es drunter und drüber, aber sie bewegen sich. Mit Ach und Krach, mit Demonstrationen und Gegendemonstrationen, aber sie bewegen sich in die richtige Richtung. Die Skandale, die im Umfeld von Odebrecht, der FIFA oder Siemens ans Licht kamen, sind dafür ein Beweis. Die Welt wechselt gerade die Haut.

 Das Vereinigte Königreich weiß nicht, wie es sich von der Europäischen Union trennen soll. In Spanien und Israel können sie sich nicht auf eine Koalitionsregierung verständigen, die fähig wäre, die in beiden Parlamenten unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen miteinander zu versöhnen. In Argentinien, einem Land, das seit 70 Jahren an „Populismus“ leidet, wird man die Staatsführung wieder einer inkompetenten und unredlichen Frau anvertrauen, die das Land schon an den Abgrund brachte und es minuziös ausplünderte. Trotzdem, wahr ist was Winstons Churchill melancholisch über Demokratie sagte: …“Sie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen“.

 Irgendwie, die Wahlmöglichkeiten sind überschaubar: Entweder gibt es eine Regierung, an deren Spitze allmächtige Männer stehen, oder man hat stattdessen allgemein gültige Gesetze, die eine unabhängige Judikative verwaltet.

Entweder leben wir in Staaten, wo ein Mann oder eine Gruppe von Männern befiehlt, oder – im entgegengesetzten Fall – in einem Staat, in dem eine von Gesetzen kontrollierte Exekutive von der Mehrheit akzeptiert wird, wie es demokratische Prinzipien empfehlen.

 Wir bereichern uns oder wir verarmen in einem wirtschaftlichen System, in dem der Vorteil regiert und eine zentrale Macht über Gewinner und Verlierer entscheidet. Oder, im umgekehrten Fall, wir entscheiden uns für einen offenen und freien Markt, in dem Angebot und Nachfrage blind bestimmen, wer sich bereichert und wer verarmt, ohne Ansehen der Person.

 Douglas North, ein brillanter nordamerikanischer Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, beschrieb die zwei Modelle, die die Menschheit kennengelernt hat, seit sie vor mehr als 10 Millionen Jahren sesshaft wurde und Staaten gründete. North unterscheidet „Gesellschaften mit beschränktem Zugang“ und „Gesellschaften mit offenen Zugang“. (Violence and the Rise of Open Access Orders. Journal of Democracy, 2009).

 Mehr gibt es nicht.

 Systeme mit „eingeschränktem Zugang“ etablierten binnen kurzer Zeit eine Verteilung von Wohltaten, die bis heute anhält und darin besteht, Einkünfte unter Bossen und Gefolgsleuten aufzuteilen. Von den 200 Nationen, die es auf unserem Planeten gibt, sind 140 oder 150 Gesellschaften solche mit  „eingeschränktem Zugang“; aber das ändert sich gerade. Es gibt einen unerwarteten Übergang von einem Modell zum anderen. Schon sind Privilegien nicht mehr vorzeigbar, wobei es nicht darum geht, sich am Rande von rechtmäßigen und wettbewerbsfähigen Aktivitäten zu bereichern.

 Die US-amerikanische Republik war ab 1776 die erste offene Gesellschaft, die sich mit der Abfassung der „Konstitution von Philadelphia“ weiter entwickelte. Da George Washington den Plan ablehnte, zum König ernannt zu werden, wählte man ein demokratisches Vorgehen, mit dem man Souveränität auf die Wählerschaft übertrug.

Das Modell der Vereinigten Staaten von Amerika fand Nachfolger; es wurde verworfen und wieder aufgegriffen: von Frankreich; Holland, Belgien Deutschland und sogar von den 28 Ländern der Europäischen Union.

 Es ist offenkundig, dass diese „Gesellschaft mit offenem Zugang“ – die als „Die Vereinigten Staaten“ das Licht der Welt erblickte – die Frauen, die schwarze und die eingeborene Bevölkerung nicht berücksichtigte, aber diese Republik war ein offenes Modell, absolut revolutionär, das es allen Personen erlaubte sich schrittweise einzugliedern.

 Aus den 4 Millionen Weißen im Jahr 1790 sind 325 oder 330 Millionen Menschen geworden, mit vielen Hautfarben und Religionen, wie es der Zensus von 2020 zeigen wird. Aus den ursprünglich 2 Millionen Quadratkilometern am Atlantik, die die 13 Gründerstaaten unter sich aufteilten, sind es von Küste zu Küste mehr als 9 Millionen geworden, aufgeteilt auf 50 Staaten, den Archipel Hawaii eingeschlossen.

 Das Vorbild der Vereinigten Staaten fand Nachfolger; es wurde verworfen und wieder aufgegriffen: von Frankreich; Holland, Belgien Deutschland und sogar von den 28 Ländern der Europäischen Union. Gleichzeitig, fast ganz Lateinamerika imitiert oder verwirft das offene amerikanische Modell, aber mit der Verfolgung von Korruption und von internationalen Straftaten wird die Zeit kommen, in der auch diese Länder akzeptieren, gewisse öffentliche Angelegenheiten so zu behandeln, wie es die Vereinigten Staaten tun.

In diese Richtung geht es.

Übersetzung: Dieter Schubert


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Zusammenleben und Geografie

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Die Erziehungsministerin von Kuba, Ena Elsa Velázquez Cobiella (Twitter)

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YOANI SÁNCHEZ |La Habana | 1. September 2019

Diese Woche haben sich die Staatsfunktionäre wieder einmal mit ihrer ungeschickten Kommunikationsstrategie einen Fauxpas in den sozialen Netzwerken geleistet. Diesmal trat die Erziehungsministerin Ena Elsa Velázquez ins Fettnäpfchen, als sie das Wort gegen die Auswanderer richtete. „Wer nicht in Kuba lebt, hat kein Recht, uns zu kritisieren“, schrieb sie letzten Samstag auf Twitter.

Der Abspaltung durch Republikflucht fügte Velázquez ein weiteres Merkmal hinzu, um zu definieren, wem es erlaubt sei, die Staatsgewalt der Insel in Frage zu stellen. „Wir akzeptieren die Kritik derer, die an unserer Seite stehen und bereit sind, unsere Not zu teilen und nach Lösungen zu suchen“, erklärte die Funktionärin in ihrem Tweet, der in wenigen Stunden Dutzende von Antworten erhielt.

owxEkQFh_normal Ena Elsa Velázquez Cobiella @elsa_ena 30 ago. 2019

Los que no viven en Cuba no tienen derecho a criticarnos. Aceptamos las críticas de los que están junto a nosotros y están dispuestos a compartir nuestras carencias y buscar soluciones.

In die so enge Form, die die Ministerin definierte, passen nur einige wenige Auserwählte. Nach ihrer Definition darf nur derjenige Kritik üben, der auf nationalem Territorium lebt, „der Sache treu“ ergeben ist, der einen Leidensweg voller materieller Probleme mit einem Lächeln auf den Lippen hinter sich bringt und Lösungen vorschlägt, die nichts zu tun haben mit einem Wechsel des Regimes, nichts mit einer Kritik an den führenden Persönlichkeiten des Planungsablaufs und nichts mit einer negativen Einstellung gegenüber dem uns auferlegte Modell.

Nur so könnte dieser untadelige Aktivist und unverbrüchliche „Revolutionär“ mit der nötigen Ehrerbietung eine Meinung äußern, die kein Lob ist. Das Problem ist, dass Beispiele aus sechs Jahrzehnten zeigen, dass sein geäußerter Zweifel nicht einmal in diesem Fall wohlwollend aufgenommen würde, und dass Strafe, der Verlust der Reputation oder erzwungener Rückzug ins Privatleben diejenigen erwartet, die vom Applaus zur Kritik übergehen.

Nur derjenige darf kritisieren, der auf nationalem Territorium lebt, der „der Sache treu ergeben“ ist und einen Leidensweg voller materieller Probleme mit einem Lächeln auf den Lippen hinter sich bringt.

Die Verlautbarungen der Ministerin gehorchen auch einer traditionellen Strategie des Platzes der Revolution bezüglich des Exils. Von den Auswanderern alles annehmen, was Ressourcen, Geldsendungen und Hilfen bei offiziellen Angelegenheiten betrifft, aber sie fernhalten von Entscheidungen, Einflussnahme und Kritik an dem politischen und wirtschaftlichen Modell, das im Land herrscht. Eine Taktik, die von den Dollars profitiert und sich voranbringen lässt, die die über die ganze Welt verstreuten Kubaner schicken, aber sie mundtot macht bezüglich innerer Angelegenheiten.

Das war die gleiche Richtschnur, der man folgte, als man es der kubanischen Diaspora nicht erlaubte, an dem Referendum zur neuen Verfassung mit ihrer Wahlstimme teilzunehmen. Hätten die Emigranten „Stimme und Wahlberechtigung“ bei dieser Magna Carta gehabt, so wäre die Zahl der Neinstimmen ziemlich angestiegen. Das wussten diejenigen genau, die einen Text voller Artikel fabrizierten, die darauf abzielten, das System festzuzurren und zwar gut gegen jeglichen Reformprozess.

So sehr man den kubanischen Exilanten auch ihre nationalen Rechte kürzt und sie zum Schweigen bringt, haben sie dennoch eine permanente Präsenz im Leben dieser Insel. Obwohl es vielen nicht erlaubt ist, das Land zu betreten, ein Geschäft zu gründen oder eine Wohnung auf ihren Namen zu kaufen, lässt sich ihr Einfluss in fast jedem Aspekt des alltäglichen Lebens wahrnehmen.

Die Erziehungsministerin dürfte zum Beispiel wissen, dass in den mehr als 10 000 Lehranstalten, die diesen September 1,7 Millionen Schüler aufnehmen werden, viele der Schuhe, der Büchertaschen und der Schulsachen, die die Schüler tragen werden, mit Geld aus der Emigration gekauft wurden oder von einem Verwandten geschickt wurden, der in den Vereinigten Staaten, einem europäischen Land oder in der weiten Geografie Lateinamerikas wohnt.

Velázquez verschließt die Augen vor einer Wahrheit, die wie ein Berg vor ihr steht. Viele der Materialien, die die Eltern kaufen und im Laufe des Schuljahres in die Schulen bringen müssen, damit ihre Kinder in größerer Bequemlichkeit und Würde lernen können, kommen aus Quellen der kubanischen Diaspora. Sogar Schuluniformen wurden teilweise in einem Laden in Miami gekauft.

Warum dürfen die Emigranten zwar die Schulbildung wirtschaftlich unterstützen, haben aber gleichzeitig kein Recht die vielfältigen Schattenseiten auf dem Gebiet, den großen Mangel und die ausufernde Ideologisierung zu kritisieren?

Warum dürfen also die Emigranten zwar die Schulbildung wirtschaftlich unterstützen, haben aber gleichzeitig kein Recht die vielfältigen Schattenseiten auf dem Gebiet, den großen Mangel und die ausufernde Ideologisierung zu kritisieren?

Ist sich Velázquez bewusst, dass die Schulen ein viel elenderer Ort wären, kürzte man die Unterstützung dieser auf der Welt verteilten Kubaner. Wie kann man von denen Schweigen verlangen, die einen Teil der Finanzierung des Haushalts zur Verfügung stellen, der ihr Ministerium am Laufen hält.

Diesen Montag, wenn Ena Elsa Velázquez an einem Schulmorgen teilnimmt, der den Startschuss fürs neue Schuljahr gibt, wird es vor ihren Augen Hunderte oder Tausende von Objekten, Materialien und Schulsachen geben, die die Stimme der Exilanten vertreten, die sie zum Schweigen bringen will.

Übersetzung: Iris Wißmüller


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Das drahtlose Netzwerk, das die kubanische Regierung in Schach hält

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SNet ist für die Nutzer die bestorganisierte und bestvernetzte Gruppe am Rand des Regierungsapparats geworden. (Karla Gómez)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 14. August 2019

Seine Nutzer können nicht über Politik oder Religion sprechen, aber dennoch ist das Street Network (SNet), das Zehntausende Kubaner über WLAN verbindet, zu einem Raum der Freiheit und eines Zusammentreffens der Bürger geworden. Dieses virtuelle Netz, in dem gespielt, gechattet und Inhalte ausgetauscht werden, wird nun offiziell zensiert – kurz nachdem am 29. Juli die neuen Rechtsvorschriften zur Nutzung der Funk-Frequenzen in Kraft getreten sind.

Kreativität in Kuba ist seit Jahrzehnten ein Ausweg, um Problemen wie dem Mangel an Materialien und übermäßigen Kontrollen zu entkommen. Wie in einer Küche werden Rezepte erfunden, um die wenigen Zutaten, die auf dem Markt verfügbar sind, weniger langweilig zu machen und um die Probleme mit der Internetverbindung zu lösen. Dazu verwenden viele Menschen Offline-Tools, die Erfahrungen ersetzen, die sie im Web haben könnten.

SNet wurde vor mehr als einem Jahrzehnt gegründet, und zwar als Plattform für Videospiele, Foren, Ersatz für soziale Netzwerke und für den Datentransfer zwischen denen, die nicht die Möglichkeit hatten, häufig auf das globale Netzwerk zuzugreifen. Mit Geräten, die die meiste Zeit auf dem Schwarzmarkt gekauft wurden und anderen, die von den Benutzern selbst hergestellt wurden, begannen sich die Clients zu verbinden und die ersten Knoten entstanden. Es tauchten sogar Administratoren auf, die dieses Phänomen, das Havanna mit unsichtbaren Threads verknüpft, managen.

Während dieser gesamten Zeit existierte dieses rechtsungültige Phänomen und wurde von einem Beamtenapparat toleriert, der mehr Wert darauf legte, dass sich Tausende junger Menschen auf die neusten Videospiele konzentrierten als darauf, eine bürgerliche Haltung einzunehmen. Trotz alledem hat SNet der Plaza de la Revolución nie gefallen, vor allem, weil es den Menschen ermöglichte sich zu verbinden und Gemeinschaften jenseits von Ideologie und Politik zu schaffen. Für eine Regierung, die besessen davon war, jedes Detail des Lebens ihrer Bürger zu kennen, war das eine Gefahr.

Die Nutzer von SNet, die größte einigermaßen organisierte Gemeinschaft,
die es in Kuba gibt, haben sie auf ihrer Seite.
Gegen sich allerdings ein System,
das befürchtet, dass sich die Bürger vereinen werden,
ohne den Befehl dazu zu erhalten.

Die neue Gesetzgebung für drahtlose Netzwerke verleiht SNet zwar Rechtsgültigkeit, hat dieses aber zugleich zum Scheitern verurteilt. Die Verordnung enthält strenge technische Anforderungen, die bei strikter Einhaltung Reichweite, Geschwindigkeit sowie die Anzahl der Benutzer einschränken würden, die sich damit verbinden können. Es handelt sich um eine Verordnung, die darauf abzielt, den Einfluss zu verringern, den dieses Geflecht aus NanoStations und Mikrotiks – einige der Geräte aus denen SNet besteht – ausübt. Die offizielle Entscheidung ist ein Weg SNet abzuwürgen, ohne es zu verbieten, und so die Bedeutung durch die Einschränkung der Technologie zu verringern.

Die Reaktion der Benutzer ließ nicht lange auf sich warten. Am vergangenen Samstag versammelten sich Dutzende von Menschen vor dem Ministerium für Kommunikation, um eine Sondergenehmigung zu verlangen, die es SNet ermöglicht den Betrieb fortzusetzen. Mehrere der Demonstranten schlugen vor, dass die Behörden die Infrastruktur des Netzes nutzen sollten, um die „Informatisierung“ der kubanischen Gesellschaft zu fördern, und dass das staatliche Monopol für Telekommunikation, Etecsa, Vereinbarungen mit den Administratoren treffen sollte, um so einen Internetzugang über deren Knotenpunkte und Antennen zu ermöglichen.

Die offizielle Antwort war nicht positiv und die SNet-Nutzer bereiten sich auf neue Aktionen vor. Die größte, einigermaßen organisierte Gemeinschaft, die es in Kuba gibt, haben sie auf ihrer Seite. Gegen sich allerdings ein System, das befürchtet, dass sich die Bürger vereinen werden, ohne den Befehl dazu zu erhalten.

     Übersetzung: Berte Fleißig


Dieser Beitrag wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der „Deutschen Welle“ publiziert.

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