Die Madeleine von Proust und der Käse aus Artemisa

Die Madeleine ist ein französisches Feingebäck in Form einer Jakobsmuschel. Artemisa ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

Fotos von der Polizeiaktion bei einem Bauern in Artemisa. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.August 2020

Wir alle haben einen Bissen im Mund und er ist der Beste, den wir je gegessen haben; ein Moment, in dem alle Geschmackpapillen vor Genuss explodieren und einen unvergesslichen Eindruck in unserem Gedächtnis hinterlassen. Bei mir war es in Juchintán de Zaragoza, einer Stadt auf der Landesenge von Tehuantepec, Mexiko. Er war ein kleiner Rinderzüchter, der in einem armseligen Stall seine Arme in eine weiße Masse tauchte; ich eine ungeduldige Kubanerin, die sein Produkt probieren wollte.

Mit seinen Händen nahm er Stück Frischkäse heraus und bot es mir an. Mücken schwirrten herum, ein paar dürre Hunde betrachteten mich, der weiße Brocken war vor meinen Augen und meiner Nase. Einen Augenblick später biss ich hinein. Seit damals habe ich nie wieder einen so intensiven Geschmack gespürt. Man kann sich auch an einen Geschmack erinnern, der zurückkehrt und zugleich traurig macht −fragen Sie dazu Marcel Proust*)

Traurigkeit, weil sich in meinem Land das Ereignis nicht wird wiederholen können, dass ein Rinderzüchter mir stolz ein Stück Käse reicht.

 Traurigkeit, weil sich in meinem Land das Ereignis nicht wird wiederholen können, dass ein Rinderzüchter mir stolz ein Stück Käse reicht. Traurigkeit, weil ein privater Produzent zehnmal am Tag gegen kubanische Gesetze verstoßen müsste, um ein Produkt zu erzeugen, das auf dem Teller und in der Erinnerung beeindruckt. Traurigkeit, weil sich der Staat der Rinderhaltung bemächtigt hat und diesen Sektor mit trockenen Eutern und leeren Futterkrippen zurückgelassen hat.

Unter anderen Bedingungen hätte man dem Bauern aus Artemisa, den das Fernsehen vor einigen Tagen als Kriminellen hinstellte, eine Medaille umhängen müssen, sein Tun unterstützen und seine Rezepte kopieren können. Denn ihm ist es gelungen − trotz der vielen Einschränkungen − in einem Land mit ausgehungerten Kühen und drakonischen Strafen Käse zu machen. Wenn ich die Bilder vom Polizeieinsatz sehe, dann läuft mir das Wasser im Mund zusammen, wie damals an jenem Tag im dunklen Kuhstall in Mexiko.

Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anm.d.Übersetzers: In seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ widmet der Schriftsteller Marcel Proust der Madeleine mehrere Seiten.

 

Der Feind steht nicht in 90 Seemeilen Entfernung, sondern in den Warteschlangen.

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Aus verschiedenen Gründen braucht der Castrismus ‚Coleros‘ und Hamsterer; nur so kommen Produkte in Orte, die die staatliche Ineffizienz nicht beliefert. (14ymedio) Coleros sind Personen, die für andere anstehen; von la cola (sp.) = die Warteschlange

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YOANI SÁNCHEZ |La Habana| 3. August 2020

„Mit 180 Tagen Gefängnis werden Spekulanten und Hamsterer von Produkten bestraft“, so der Text eines Gesetzes, das diese Woche hätte verabschiedet werden können, wenn es nicht schon im weit zurückliegenden Jahr 1992 in Kraft getreten wäre. Seit damals, also seit fast sechs Jahrzehnten, werden Wiederverkäufer in der offiziellen kubanischen Sprechweise als die Verursacher der Unterversorgung genannt, während sie in Wirklichkeit nur ein unerwünschter aber notwendiger Nebeneffekt sind.

 In diesem Zusammenhang legte das vom Ministerrat verabschiedete Gesetz 1035 fest, dass eine Person nicht mehr als 11,5 kg eines landwirtschaftlichen Produkts kaufen durfte. Illegal war es auch, eine darüber hinausgehende Menge auf den Straßen und Gehsteigen des Landes zu transportieren, es sei denn mit einem staatlich dazu autorisierten Fahrzeug. Ein Verstoß zog nicht nur eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten nach sich, sondern auch die Beschlagnahme des Fahrzeugs.

 Meine Eltern hatten sich noch nicht kennengelernt, meine Geburt war eine infinitesimal kleine Möglichkeit in ferner Zukunft, und schon damals brandmarkten die kubanischen Behörden die ‚Coleros‘ und andere unkonventionelle Händler als die Schuldigen, wenn viele Produkte des täglichen Bedarfs nicht zu Familien mit geringen finanziellen Mitteln gelangen konnten. Diesen Vorwurf hörte ich wieder in den 80er Jahren, als ich ein Kind war, in einem Kuba, das trotz der sowjetischen Subventionen weiterhin an einem periodisch auftretenden Mangel von bestimmten Waren litt.

 Alles Gestikulieren ist nichts weiter als pure Angeberei und eine wohlkalkulierte Kampagne der Ablenkung. Niemand sonst als der kubanische Staat hätte alle Möglichkeiten in der Hand, um solche Praktiken zu beenden.

 Es kamen die 90er Jahre; statt ein ‚mea culpa‘ anzustimmen, weil man auf ein lahmes Pferd gesetzt hatte, was das sozialistische Lager war, bezeichneten die offiziellen Losungen erneut die „Hamsterer im Hinterhof“ und das US-Embargo als die Ursachen für den tief greifenden Mangel, der über uns kam. Die Verantwortung dafür sollte immer anderswohin geschoben werden, weg von der Plaza de la Revolución, weg von der Eigenmächtigkeit Fidel Castros und weg von der grundsätzlichen Ineffizienz des wirtschaftlichen Modells, das uns von oben auferlegt wurde.

 So sind wir in die neue Krise gekommen, in der sich das Drehbuch für die offiziellen Nachrichtensendungen kaum geändert hat, wenn es gilt das Desaster zu erklären, in dem wir heute leben. Jetzt werden die Nachrichten zur besten Sendezeit mit Polizeieinsätzen gegen Händler gefüllt, die krumme Geschäfte mit Autoteilen, Zwiebeln oder Trockenmilch machen. Die Behörden rufen zu Brigaden mit Armbinden auf, die die Warteschlangen überwachen sollen, um zu verhindern, dass eine einzelne Person mehrmals ansteht, die Reihenfolge verkauft oder Freunde einschmuggelt.

 Alles Gestikulieren ist nichts weiter als pure Angeberei und eine wohlkalkulierte Kampagne der Ablenkung. Niemand sonst als der kubanische Staat hätte alle Möglichkeiten in der Hand, um solche Praktiken zu beenden, aber nicht − wie sie uns glauben machen wollen − mit Bestrafung und Unterdrückung. Hamsterer prosperieren und bereichern sich nur dort, wo es Unterversorgung gibt; der Schwarzmarkt für ein Produkt blüht dort, wo dieses fehlt oder verboten ist.

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„Mit 180 Tagen Gefängnis werden Spekulanten und Hamsterer von Produkten bestraft“, so liest man es im Gesetz von 1962.

 Es liegt in Händen des Regimes, diese Quellen, von denen die ‚Coleros‘ und Wiederverkäufer leben, versiegen zu lassen, aber nicht mit noch restriktiveren Gesetzen, sondern mit Flexibilisierungs-Maßnahmen, einer Verminderung der Rolle des Staates in Wirtschaft und Handel und einer Serie von Maßnahmen, die nicht die lästigen Effekte der Krise attackieren, sondern dem ganzen Land dabei helfen, die große „defizitäre Wüste“ zu verlassen, und die des „gibt es nicht“.

 Selbst wenn die Regierung Zähne zeigte und diese ‚Coleros‘ und Hamsterer im Fernsehen als die neuen Gegner hinstellen würde − die es zu vernichten gelte − so ist doch sicher, dass der Castrismus sie aus unterschiedlichen Gründen braucht. Nur so kommen Produkte in Orte, wohin die staatliche Ineffizienz nicht liefern kann. Es handelt sich um Verteilungs-Mechanismen mit definierten Konten, die den Markt regulieren, jedoch nicht auf der Basis von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit, sondern ausgehend von der Nachfrage und der Kaufkraft des Kunden.

 Die, die sich die Dienste der ‚Coleros‘ oder Wiederverkäufer leisten können, leben besser als jene, die über geringe finanzielle Mittel verfügen oder nur ihren Lohn haben, denn sie müssen stundenlang anstehen. Das ähnelt im Grunde genommen einer wirtschaftlichen Apartheit, die durch die Geschäfte auf Devisen-Basis vertieft wird. Der Unterschied ist: im ersten Fall ist das für viele unerschwingliche Angebot in den Händen von Privatpersonen, im andern Fall ist es die Regierung selbst, die es bestimmt und autorisiert.

 Diese neue Razzia gegen heimliche Händler, wie wir sie gerade erleben, ist nichts weiter als eine weitere Pantomime; ein Theaterstück, das im letzten halben Jahrhundert schon ein dutzendmal aufgeführt wurde. Das Einzige was sich geändert hat, ist das Alter oder die Vergesslichkeit der eingeschüchterten Öffentlichkeit, die auf Parkettplätzen dem plumpen Spektakel zusieht.

   Übersetzung: Dieter Schubert

 

Der Dollar regiert wieder unser Leben

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Nachdem diese Woche die unabhängige Presse durchsickern ließ, dass es Listen mit Geschäften gibt, die Nahrungsmittel und Artikel zur Körperpflege gegen Fremdwährung verkaufen, haben viele Kubaner diese Möglichkeit empört abgelehnt. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana| 18. Juli 2020

Im lang zurückliegenden Jahr 1994 war es das erste Mal, dass ich ein Geschäft mit harter Währung betrat. Ich musste die drei Dollar vorzeigen, die mir eine Freundin geschenkt hatte und kam so ins Shopping-Zentrum im Untergeschoß des Hotels Sevilla, das in der Nähe des Kapitols liegt. Der Geruch nach Sauberkeit, die Klimaanalage und die Regale voller Produkte waren ein harter Schlag für die kleine Kubanerin, die bis dato nur die staatlichen Läden des rationierten Marktes kannte. Seit damals hat es viel geregnet, aber offensichtlich bewegt sich die Geschichte auf dieser Insel in Kreisen.

 Nachdem diese Woche die unabhängige Presse durchsickern ließ, das es Listen mit Geschäften gibt, die Nahrungsmittel und Artikel zur Körperpflege gegen Fremdwährung verkaufen, haben viele Kubaner diese Möglichkeit energisch abgelehnt, überzeugt davon, dass „so etwas nicht sein könne“. Überraschend, bis Miguel Díaz-Canel am Freitag dieser Woche bestätigte, dass die staatliche Handelskette Cimex Nahrungsmittel gegen Devisen wie Dollar, Euro oder andere harte Währungen anbieten wird, wonach sich einige Bürger an die Überzeugung klammerten, dass man eine so aussondernde Maßnahme auf dieser Insel nicht würde einführen können.

Erinnerung ist vergänglich. Es war genau das, was Fidel Castro tat, als er im August 1993 den Besitz von Dollars autorisierte.

 Erinnerung ist vergänglich. Das war genau das, was Fidel Castro tat, als er im August 1993 den Besitz von Dollars autorisierte und damit den Startschuss für das Auftauchen einer Vielzahl von staatlichen Läden gab, in denen man nur mit harter Währung bezahlen konnte. Es kamen Zeiten, in denen Bürgern ohne „Greenbacks“ das Wasser im Mund zusammen lief, wenn sie andere sahen, die Kekse, tiefgefrorene Hühnchen, Würste und Erfrischungsgetränke kauften. Ein Geschäftszweig, der wenig später damit begann, den konvertiblen Peso (CUC) als Zahlungsmittel zu etablieren.

 Das alles haben wir schon erlebt, aber viele von uns erinnern sich nicht oder wollen sich nicht erinnern. Das duale Währungssystem wurde so alltäglich, dass wir uns in den vergangenen 20 Jahren daran gewöhnten, dass man für Waren mit besserer Qualität und größerer Auswahl konvertible Pesos haben musste. Der einzige Unterschied zu heute ist, mit Blick auf die letzten Jahre, dass diese Währung wieder das Schicksal unseres Landes bestimmt, ein gewisses Wohlbefinden garantiert und eine Währung mit dem Gesicht von Lincoln oder Franklin ist, die schon in den neunziger Jahren unser Leben bestimmte, heute jedoch mittels Magnetkarten.

Insgesamt also nichts Neues: Jedes Mal wenn die Plaza de la Revolución spürte dass eine wirtschaftlich kritische Situation ihre Macht ins Schwanken bringen könnte, hat sie erlaubt, dass über die Insel gewisse Winde von Marktwirtschaft wehen und eine bestimmte soziale Gruppe sich an eine Dosis von Konsum anpasst. Es sollte uns nicht überraschen, dass sich diese Strategie oft wiederholt hat, obwohl wir nicht aufhören sollten, uns über die falschen Zungen zu empören, die ein politisches System ausposaunen und ein ganz anderes praktizieren.

Unter jenen, die bis Freitag bezweifelten, dass die Geschäfte mit harter Währung auch Lebensmittel anbieten würden, mitten in einer brutalen Unterversorgung der Märkte mit nationaler Währung, war die Mehrheit die der Generation meines Sohnes. Junge Kubaner, die nach dem Aufblühen der Einkaufszentren geboren wurden und sich den freien Umgang mit dem Dollar oder dem darauffolgenden „Wechselbalg“, dem CUC, leisten konnten. Für sie basierte der staatliche Handel auf zwei Währungen: dem CUC und dem CUP…aber sie vergaßen – oder wollten sich wegen ihres Alters nicht daran erinnern – dass unter diesen bunten Scheinchen, konvertible Pesos genannt, immer das struppige Fell des Wolfs war, Dollar genannt, der sich gerade zum Besitzer der neuen Geschäfte mit harter Währung aufschwingt. Jede andere Darstellung ist ein Märchen, damit Rotkäppchen ruhig einschläft.

    Übersetzung: Dieter Schubert

Das Briefgeheimnis verletzen ist eine Routine der kubanischen Post

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Der Umschlag der Sendung vom Verlag Anaya wurde geöffnet und kam heute Morgen zu seiner Empfängerin. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 13. Juli 2020

Der Umschlag wurde auf den Briefkasten vor unserer Wohnungstür gelegt. Der Briefträger hat nicht geklingelt, niemand hat mich benachrichtigt den Brief abzuholen, aber er war da. Mein erster Eindruck war Überraschung, dann Erleichterung darüber, dass endlich ein Schriftwechsel an meine „verfluchte“ Adresse kommen konnte – nach Monaten, in denen ich nicht einmal ein Telegramm erhalten habe.

 Trotzdem, die Freude darüber hielt nur kurz. Der Umschlag war plump geöffnet worden und die Seiten im Innern waren zerknittert. Der Brief kam aus dem weit entfernten Madrid, der Absender war der Verlag Anaya, mit dem ich mehrere Bücher über WordPress veröffentlicht habe, aber nicht einmal der „unschuldige“ Briefkopf eines Verlagshauses noch die zurückgelegte Entfernung der Sendung haben jemand davon abgehalten, das Briefgeheimnis zu verletzten.

 Das ist nichts Neues. Die Privatsphäre nicht zu respektieren, ist auf dieser Insel Standard geworden, wo selbst Institutionen intime Räume von Bürgern verletzen. Das staatliche Post-Unternehmen Correos de Cuba ist eines von so vielen Institutionen, die Nachforschungen für die Staatsicherheit oder die politische Polizei anstellen. Es wäre schon seltsam gewesen, wenn der Umschlag unversehrt und rechtzeitig in meine Hände gekommen wäre.

Bedeutungslos ist, dass die Verfassung garantiert, dass „das Briefgeheimnis unverletzbar ist. Es kann nur in vom Gesetz dafür vorgesehenen Fällen außer Kraft gesetzt werden“.

 Bedeutungslos ist, dass die Verfassung garantiert, dass „das Briefgeheimnis unverletzbar ist. Es kann nur in vom Gesetz dafür vorgesehenen Fällen außer Kraft gesetzt werden“. Wir alle wissen oder ahnen, dass in diesem Land die Forderung nach einer Privatsphäre als ein fast unmoralischer und kleinbürgerlicher Akt gilt. Jene, die den Umschlag geöffnet haben, der verschlossen in meine Hände hätte kommen sollen, akzeptieren keine Privatheit und fürchten individuelle Bereiche, zu denen sie keinen Zugang haben.

 Es sind dieselben, die mich während meiner Jugendzeit dazu verurteilten, auf einer Voruniversität zu bleiben, wo wir Studenten und Studentinnen uns in Räumen duschen mussten, die weder Türen noch Vorhänge hatten; es sind jene, die unsere Schulbücher beschlagnahmten, um die Verse zu lesen, die wir auf die letzte Seite kritzelten, und die, die viele hunderttausend Augen im ganzen Land dazu bringen, die Stadtviertel zu überwachen, mittels Komitees zur Verteidigung der Revolution.

 Heute hat mich ein geöffneter Briefumschlag, der an meine Tür kam, an all das erinnert.

   Übersetzung: Dieter Schubert

Der unterdrückte Protest

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Der Polizeieinsatz vor der Wohnungstür von Mónica Baró (M.B. / Facebook)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |1.Juli 2020

Es schien ein Dienstag wie jeder andere zu werden, mitten in der Zeit der Restriktionen, die Havanna wegen der Pandemie auferlegt wurden. Es ist ein Tag mit langen Warteschlangen um Nahrungsmittel zu kaufen, mit langen Wegen, weil es an öffentlichen Verkehrsmitteln fehlt und mit Anrufen bei Freunden, um zu wissen, ob sie bei guter Gesundheit sind und ob das Corona-Virus nicht an ihre Tür geklopft hat. Aber die staatliche Repression um einen friedlichen Protest zu vermeiden, sollte an diesem letzten Tag im Juni den Rahmen des Üblichen sprengen.

 Aktivisten verschiedener Richtungen hatten sich für 11Uhr morgens an der Straßenecke der Hauptstadt verabredet, die die linke Herzkammer von Havanna ist. Sie wollten sich aus verschiedenen Gründen Gehör verschaffen, besonders deshalb, weil in der letzten Woche ein junger Schwarzer durch die Hände der Polizei zu Tode gekommen war. Ein Schuss in den Rücken beendete das Leben von Hansel Ernesto Hernández Galiano. Zu diesem Totschlag kam noch die Verwirrung, dass die offizielle Presse davon kaum Notiz nahm und die Behörden das Ereignis als einen Akt der Selbstverteidigung des Polizisten rechtfertigten, indem sie Hernández als einen aggressiven Straftäter darstellten.

 Dieser Vorfall im Armenviertel Guanabacoa schürte den Volkszorn, der seit Jahrzehnten zunehmend Fuß fasst. Es handelt sich um ein soziales Übel, zu dem es aus unterschiedlichen Gründen gekommen ist. Polizeiexzesse und Rassendiskriminierung, die immer noch das Verhalten von manchen Uniformierten im Umgang mit den Bürgern kennzeichnen, sind Teil der Ursachen für diese Empörung. Hinzu kommt noch das Unbehagen an einer weiteren Verschärfung der Repression, die die Regierung praktiziert und sich dabei auf den Notstand im Gesundheitswesen wegen Covid-19 beruft. Ein Gefühl zu ersticken geht durch das Land, in dem sich die wirtschaftliche Situation in den letzte Monaten signifikant verschlechtert hat.

Es ist einfacher, den Splitter in einem fremden Auge anzuprangern, als den riesigen Balken im eigen zu sehen, der das Sehvermögen blockiert.

 Der Protest an diesem Dienstag wollte etwas von diesem Unbehagen aufzeigen, im nationalen Kontext, weil die offiziellen Medien den Tod des US-Bürgers George Floyd bis zum Überdruss ausgebeutet hatten und zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens die übertriebene Gewalt verurteilten, die im Fall des Afroamerikaners bei seiner Verhaftung in Minneapolis angewendet wurde. Dieselben informativen Kanäle und Stimmen auf der Insel, die bis vor wenigen Tagen ihre Unterstützung für die Bewegung Black Lives Matter nicht verhehlten, verharren jetzt in Schweigen und machen sich zu Komplizen, wenn es um die Kugel geht, die den jungen Kubaner traf. Es ist einfacher, den Splitter in einem fremden Auge anzuprangern, als den riesigen Balken im eigenen zu sehen, der das Sehvermögen blockiert.

 Zu der Stunde, als am 30.Juni der Protest in Havanna beginnen sollte, war der Ort des Treffens umgeben von Polizei-und Militärkräften. Die Häuser von mehreren Aktivisten wurden überwacht und man nahm mehrere Künstler und unabhängige Reporter fest. Mit diesem überproportionalen Aufmarsch unterdrückte das Regime eine Initiative, sodass nicht einmal einer der Teilnehmer an die vereinbarte Straßenecke kommen konnte. Zu den Verhaftungen gesellten sich Sperren von Telefonleitungen und verbale Drohungen. Mitten in der Versorgungskrise, die das in die Knie zwingt, sparen die Unterdrücker nicht mit Mitteln, um eine friedliche Demonstration zu verhindern.

 Stunden später begannen die ersten Freilassungen, aber der Dienstag hatte sich schon zum Schlechten gewendet.

Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika veröffentlicht.

 

Historische Revision und „unberührbare“ Kubaner

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Ein Flachrelief von Fidel Castro auf dem Platz der Revolution „Ignacio Agramonte“ in Camagüey. (Mi comarca/Aymee Amargós Gorrita)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 22. Juni  2020

Es sind Zeiten, in denen man Statuen von Plätzen entfernt, historische Namen hinterfragt und intensive Debatten über die Art und Weise führt, wie wir die Vergangenheit sehen, aber – wie bei so vielen anderen Tendenzen – kommt diese Kontroverse, die sich weltweit verbreitet, kaum nach Kuba. In einem Land mit zu vielen „unberührbaren“ öffentlichen Personen, ist es eine ferne Utopie, an einen Revisionsprozess der nationalen Ereignisse und Vorkommnisse im letzten halben Jahrhundert auch nur zu denken.

 Wir leben in einer Nation, wo eine Debatte über offizielle Gesichter und Kritik an Regierungsentscheidungen schon so lange verweigert wird, dass wir von festgefrorenen und sakrosankten Themen umgeben sind, die sich jeder Diskussion seitens der Zivilgesellschaft entzogen haben. Weil man nichts hinterfragen kann, können nicht einmal Humoristen Karikaturen über Parteiführer, Funktionäre oder Minister publizieren. Im Unterschied zu dem, was in anderen Teilen der Welt geschieht, wo man Büsten entfernt, sind wir hier von „lebenden Statuen“ umgeben, die nicht einmal ein Hauch von Kritik treffen darf.

 Trotzdem, dieses andauernde und obligatorische Schweigen zu so vielen wichtigen Fragen wird nicht verhindern, dass diese Diskussion eines Tages stattfindet; der verzögerte Beginn kann sogar stimulierend die Polemik befördern. Eine der dann intensivsten wird zweifellos die Person von Fidel Castro treffen, der in einem zukünftigen Kuba im Mittelpunkt von Schmähungen stehen wird. Es kann nicht sein, dass er diese Kontroverse und die unterschiedliche Beurteilung seines Handelns heil übersteht. Alle Versuche, ihn offiziell für sakrosankt zu erklären, um eine eingehende Prüfung zu vermeiden, werden so gut wie nichts nützen, wenn auf der Insel demokratische Winde wehen.

Castros Schicksal wird nicht die Zerstörung einer Bronzefigur sein, sondern ein historisches Urteil über eine Person und ein System.

 Weil er diesen öffentlichen Pranger vielleicht ahnte, zog es Castro vor, von Statuen Abstand zu nehmen, obwohl es auf zahlreichen Plätzen des Landes diverse Flachreliefs mit seinem Gesicht gibt. Deswegen wird sein Schicksal nicht die Zerstörung einer Bronzefigur sein, sondern ein historisches Urteil über eine Person und ein System. Es wird keine Bilder von verunstalteten Skulpturen geben, aber sehr wahrscheinlich wird man neue Ausgaben von Geschichtsbüchern drucken. Wissenschaftler werden sein politisches Testament zerreißen, und sogar die Progressisten von ehemals werden einen gesunden Abstand zwischen ihren Forderungen und jenen des Kommandanten herstellen. Auch die Diskussion über den Fortbestand seines Grabes – so nah an dem von José Martí – wird dann kommen und Leidenschaften aufleben lassen.

 Der härteste Schlag wird aber sein, wenn in Gesprächen und Erinnerungen an Castro wie selbstverständlich das Wort „Diktator“ fällt, zusammen mit „Diktatur“, um damit seine Zeit an der Macht zu bezeichnen. Diese Begriffe, dann üblich im Sprachgebrauch, verankert in der Erinnerung und bestätigt von Fachleuten, werden viele tausend Hämmer sein, die auf seine Statue schlagen, auf sein Vermächtnisses.

…Übersetzung: Dieter Schubert

Kubanische Nachrichten und die falsche Normalität

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Personen stehen weiterhin eng beieinander, ohne den nötigen Abstand einzuhalten. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 17. März 2020

Jeden Tag muss ich mich dazu überwinden, die offiziellen kubanischen Nachrichten anzuschauen. Meine Arbeit als Journalistin verpflichtet mich diese Nachrichtensendungen zu verfolgen, weil in einem Land mit einer vertikalen Nachrichtenkotrolle es Fakten und Verlautbarungen gibt, die ausschließlich über solche Fernseh-oder Rundfunkanstalten veröffentlicht werden. Obwohl ich mich immer mit reichlich Geduld wappne, wenn ich mich vor den Bildschirm setze, muss ich zugeben, dass man heute eine bittere Pille schlucken muss.

 Zur abendlichen Prime-Time sendet NTV einige gefährliche Falschmeldungen über das Coronavirus, verwandelt die Pandemie in einen ideologischen Kampf, benutzt die Katastrophe, um politisch zu konkurrieren, verneint die Fehler der „alten Weggefährten“ − während man die Erfolge demokratischer Ländern bei der Ausbreitung von Covid-19 minimalisiert oder falsch darstellt − und verbreitet Erklärungen von Funktionären, die sich mehr Sorgen um die Aufrechterhaltung der Normalität machen, als um den Schutz der Bevölkerung. All das, was Maduro und Ortega gegen die Pandemie unternehmen ist beispielhaft und sollte übernommen werden, während Merkel oder Macron ihre Länder vermutlich untergehen lassen, … so das plumpe Nachrichtenkonzept

 Der Nachrichtensprecher versichert, dass überall in Kuba „Ruhe und Disziplin“ herrschen. In seinen Reportagen und Schlagzeilen erreicht der Chauvinismus unerträgliche Höhen, wenn sich Dummheit, Arroganz, jedwedes Fehlen von Bescheidenheit und Unvernunft miteinander mischen. Auf Rechnung dieses offiziellen „informativen“ Systems geht auch der Schaden, den diese Krankheit in einem unvorbereiteten Kuba verursacht, wo man immer noch nicht die Grenzen schließt, den Unterricht nicht einstellt, Arbeitszeiten nicht verringert, Behörden nicht schließt und nicht überzeugend dazu aufruft, zu Hause zu bleiben.

   Übersetzung: Dieter Schubert

Der Käfig verkommt

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Gerade jetzt gibt es in dieser Stadt und in diesem Land viele tausend Familien, die abends ihre Kinder zu Bett bringen, ohne zu wissen, ob es für sie noch ein Morgen gibt. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ |La Habana | 4. Februar 2020

Ich wurde in einem Wohnblock im Zentrum von Havanna geboren und verbrachte dort einen Teil meiner Kindheit. Ich erinnere mich an jene Nächte, als ich zu Bett ging und den Staub von der Bettdecke schüttelte, der von der schadhaften Decke fiel. Ich erinnere mich auch, wie vorsichtig ich Treppen hinaufstieg, wenn ein Wandteil herunterzufallen drohte, auch an die Streben, die einige Bereiche abstützten und an den ständigen Geruch nach Feuchtigkeit und Abwasser, der aus den vernachlässigten Kanälen kam.

 Eine Unsicherheit, als Folge solcher Lebensumstände, bleibt ein Leben lang. Es ist ein Aufschrecken während du schläfst, mit einem Auge offen, weil Verputz von der Wand auf deinem Kopfkissen landen kann und du froh bist, wenn es dämmert und du noch atmest. Gerade jetzt gibt es in dieser Stadt und in diesem Land viele tausend Familien, die abends ihre Kinder zu Bett bringen, ohne zu wissen, ob es für sie noch ein Morgen gibt, weil ein tragendes Element nachgeben kann, eine Decke zusammenbrechen oder ein Querbalken herunterfallen kann.

 Die, die gern Politik und Alltag trennen − als ob das, was im „Palast“ geschieht, nicht auch jeden Aspekt der Gesellschaft beträfe −, muss man daran erinnern, dass viele dieser Gebäude ein ganz anderes Schicksal gehabt hätten, wenn man ihren Bewohnern schon vor Jahrzehnten erlaubt hätte, sich bei anderen als den offiziellen Stellen Hilfe zu holen, um Probleme zu beseitigen, die jeden Tag auftraten.

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Die Nachbarn steigen schwankend eine ramponierte Treppe hinauf, die aus den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts stammt und in einigen Bereichen abgestützt wird. (14ymedio)

 Aber wie ein strenger Vater will der kubanische Staat alles in der Hand behalten und für alles die Gewährleistung übernehmen. Das Resultat ist: seit einem halben Jahrhundert verkommen und verfallen die Gebäude, ohne dass man einem Bauunternehmer, einer Kooperative oder einer privaten Firma erlaubt hätte, dieses Debakel aufzuhalten, geschweige denn neue Gebäude zu errichten. Als sich bei diesem Monopol ein paar Ventile öffneten, war es schon zu spät. Darüber hinaus litten die kleinen Liberalisierungen auf dem Sektor des privaten Einzelhandels weiterhin an fehlender Autonomie, einer exzessiven Bürokratie und der staatlichen Allgegenwart, die nicht nachgab.

 All das, weil der „Große Bruder“, die Plaza de la Revolución, es für notwendig hielt, uns im Glauben zu lassen, man würde uns über den rationierten Markt nicht nur mit Vogelfutter versorgen − mit einer Zuteilung abhängig von politischen Privilegien und ideologischen Verdiensten − ,sondern uns auch ein Dach über den Kopf geben: einen elenden Käfig, der auseinanderfällt.

Übersetzung: Dieter Schubert


Die Mannschaft von 14ymedio engagiert sich für einen seriösen Journalismus, der die Realität in Kuba tiefgreifend wiedergeben möchte. Danke, dass Du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden Dich ein, uns auch weiterhin zu unterstützen, indem Du Mitglied unseres Journals wirst. Gemeinsam können wir den Journalismus in Kuba transformieren.

 

Die ‚Schwarze Liste‘ wurde aktualisiert

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Die Liste der ‚verbotenen‘ Seiten, diese Woche aktualisiert, beinhaltet auch die schon früher zensierten, unter ihnen die Tageszeitung ’14ymedio‘.

‚Radio Progreso‘
Für die Naiven, die Unwissenden, die Neulinge in den sozialen Netzen, für die, die immer noch glauben, dass der Medienkrieg gegen #Cuba eine Internet-Angelegenheit ist, für die, die das für wahr halten, was sie bei Facebook lesen,… ist dies die Liste der reaktionärsten Seiten. Seien Sie nicht überrascht, wenn Sie darunter eine Seite mit „Gefällt mir“ oder „Teilen“ finden. Das ist eine Mitteilung von ‚Radio Progreso‘, dem Sender für #Familia Cubana. Wenn Sie andere kennen, hinterlassen Sie sie uns in einer Mitteilung. 14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 20. Januar 2020

 Alle autoritären Staatsmodelle, die sich gegen den politischen Wandel sperren, hatten und haben ihre Listen mit verbotener Lektüre, mit zensierten Autoren und geächteten Texten. Seit der Inquisition, weiter mit dem Nationalsozialismus, bis hin zur strikten sowjetischen Zensur,… man brauchte Konzepte für die Kontrolle der Bürger, um dem allgemein zugänglichen Wissen Grenzen zu setzen und damit schlussendlich auch dem geschriebenen Wort. Auch dem Castrismus hat es in diesen sechs Jahrzehnten nicht an einer ‚Schwarzen Liste‘ gefehlt − seiner Beziehung zum Stigma − und es fehlte ihm auch nicht an einer Strafe für den, der sich gewissen Titeln näherte, welche aus dem ‚Pantheon des Vertrauenswürdigen‘ verbannt waren.

 So geschehen mit der Literatur, mit Autoren vom Format eines Guillermo Cabrera Infante oder Reinaldo Arenas, mit Musikern wie Paquito de Rivera und Celia Cruz…und natürlich auch mit unabhängigen Pressemedien. Diese Woche hat die Liste der Webseiten, die die kubanische Bürokratie ärgern, eine Erweiterung erfahren und betrifft jetzt auch El Toque, Periodismo de Barrio, La Joven Cuba und sogar Oncuba, neue Aufnahmen ins Glossar der verbotenen Seiten. Einige Radiostationen und Blogs ergänzen diese Information mit dem Hinweis: „Für die Naiven, die Unwissenden und für die, die immer noch glauben, dass der Medienkrieg gegen Kuba eine Internet-Angelegenheit wäre.“

Es ist für uns eine Ehre, auf dieser Liste zu stehen. Darüber hinaus gilt, dass die Behörden eine nicht enden wollende Dummheit begehen, wenn sie auf Medien hinweisen, die man nicht lesen soll. Nichts ist so attraktiv, wie das Verbotene.

 Denn für alle autoritären Systeme sind die Bürger naive Kinder, denen man sagen muss, was sie tun, lesen und essen sollen, und wie sie zu denken haben. Ein System, das − wie das kubanische − bevormundet und kontrolliert, kann nicht akzeptieren, dass Individuen die Art und Weise wählen, wie sie sich informieren. Dies als Realität anzuerkennen würde bedeuten, dass das System gescheitert ist, dass der ‚Neue Mensch‘, der in den Laboratorien für soziale Alchemie erschaffen, von klein auf indoktriniert und gezwungen wurde, sich wahlweise wie ein Soldat oder ein Mönch zu verhalten…dass dieser ‚Neue Mensch‘ heute selbst entscheiden will, was er lesen, hören und sehen will.

 Die Liste der verbotenen Seiten, diese Woche aktualisiert, beinhaltet auch die schon früher zensierten, unter ihnen die Tageszeitung ’14ymedio‘, die wir als kollegiale Gruppe in Kuba herausgeben. Es ist für uns eine Ehre, auf dieser Liste zu stehen. Darüber hinaus gilt, dass die Behörden eine nicht enden wollende Dummheit begehen, wenn auf Medien hinweisen, die man nicht lesen soll. Nichts ist so attraktiv, wie das Verbotene.

Jetzt haben die Leser ein detailliertes Register zur Hand, wo sie suchen müssen, bei welchen Kanälen sie sich informieren können, welche Webseiten sie aufrufen und welche Inhalte sie nicht versäumen sollten. Zensur ist schrecklich und gefährlich, aber auch dumm. Verbote verleihen Weihe, Verfolgung endet mit Legitimierung, Verbrennen von Büchern oder Blockieren von Webseiten bewirkt, dass man sie hervorhebt und sie damit sichtbarer und bekannter werden. Im Laufe der Geschichte ist dies oft geschehen, und es geschieht gerade auch mit dem Castrismus.

Übersetzung: Dieter Schubert


Die Mannschaft von 14ymedio engagiert sich für einen seriösen Journalismus, der die Realität in Kuba tiefgreifend wiedergeben möchte. Danke, dass Du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden Dich ein, uns auch weiterhin zu unterstützen, indem Du Mitglied unseres Journals wirst. Gemeinsam können wir den Journalismus in Kuba transformieren.

Lazarus, der mit den Hunden

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Die kubanischen Behörden bereiten ein Gesetzesprojekt zum Schutz der Tiere vor. (Barry)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |17. Dezember 2019

Er hält an, schöpft Atem und zieht dann erneut seinen Stein hinter sich her. Der Pilger ist einer von Hunderten, die am Montag ihren mühsamen Weg antraten, von Havanna aus zum Heiligtum Rincón. Sie setzen sich in Bewegung wegen ihrer Verehrung des heiligen Lazarus*), des Beschützers der Kranken und Hilflosen. Auf ihrem Weg werden sie auf Dutzende von verlassenen und misshandelten Tieren treffen, die die ganze Gegend bewohnen. Wieviele der Gläubigen werden ihr Brot oder ihr Wasser mit diesen Hunden teilen, die den Begleitern des verehrten Abbildes des alten Leprakranken so ähnlich sind?

 Am Abend dieses 17. Dezembers kündigten die offiziellen kubanischen Medien an, dass ein Gesetzesprojekt zum Schutz von Tieren vorbereitet werde. Die neuen Verordnungen beinhalten die Bestrafung von Misshandlung, außerdem die Registrierung, Überwachung und Identifizierung von Haustieren und die Kontrolle ihrer Vermarktung. Eine langersehnte Nachricht, die die Aktivisten mit gemischten Gefühlen aufgenommen haben.

Die neuen Verordnungen beinhalten die Bestrafung von Misshandlung, außerdem die Registrierung, Überwachung und Identifizierung von Haustieren und die Kontrolle ihrer Vermarktung.

 Nach so vielen Jahren von Forderungen und Klagen, verstärkt während der letzten Monate dank der sozialen Medien, bedeutet die Vorbereitung eines Gesetzes zum Schutz der Tiere in Kuba zweifellos einen Sieg des Tierschutzvereins. Er hat nicht nur unermüdlich Forderungen gestellt, sondern sich auch organisiert, um das Leid von vielen verlassenen, kranken und überfahrenen Hunden und Katzen zu lindern, denen sie das Leben gerettet und für die sie ein Heim gefunden haben.

 Obwohl sie ihre Arbeit ohne rechtliche Anerkennung durchführten, gelang es diesen Gruppen kleine Refugien zu schaffen, Sterilisationen vorzunehmen und Tieradoptionen anzubieten, für unzählige Haustiere, die andernfalls unter den Rädern eines Fahrzeugs geendet und langsam auf der Straße gestorben wären, unter den gedankenlosen Blicken der Vorübergehenden oder grausam geopfert im staatlichen Programm der Tierkrankheitsbekämpfung. Jetzt besteht Hoffnung, dass unabhängige Organisationen wie „Kubaner verteidigen Tiere“ (CEDA) und „Tierschutz in der Stadt“ (PAC) die künftigen gesetzlichen Rahmenbedingungen nutzen können, um ihre Arbeit mit größerer Effektivität und Tragweite durchzuführen.

 Es gibt jedoch eine Sache, die diesen Optimismus trübt: der Mechanismus, um eine Gesetzesvorlage in trockene Tücher zu bringen und zu genehmigen, ist beklemmend langsam und mit vielen bürokratischen Hürden versehen, doch genau jetzt gibt es Tausende von leidenden Tieren in diesem Land, für die die neuen Regularien zu spät kommen werden. Hinzu kommt noch, dass in einem ziemlich großen Teil der Bevölkerung eine tiefe Geringschätzung des Lebens von Pferden, Maultieren, Schweinen, Hunden, Katzen und anderen Tieren, die es in der Natur gibt, vorherrscht. Weder im Schoß vieler Familien noch in den Schulen gibt es eine Kultur, die den Respekt vor diesen Lebewesen fördert.

 Man sieht häufig Kinder, die von klein auf die Zweige eines Baumes mutwillig abreißen, ohne dass jemand davon Notiz nähme, Katzen mit Steinen bewerfen, streunende Hunde quälen, Eidechsen zerquetschen, Vogelnester zerstören und sich brüsten, mehrere Frösche auf einen Streich getötet zu haben. Gewalt gegen und Misshandlung von Tieren, die man in Kuba zu sehen bekommt, offenbaren die Unmenschlichkeit und den Verlust von ethischen Werten, der sich in den letzten Jahrzehnten verschlimmert hat, mit den sozialen Experimenten zur Schaffung eines neuen Menschen. Das führte dazu, dass der in den meisten Fällen keinen Respekt mehr vor der Natur hatte und unfähig war, sensibel zu reagieren, wenn ein Hund oder eine Katze sie „mit Tränen in den Augen um ein liebes Wort bittet“, wie der Schriftsteller Jorge Zalamea sagen würde.

Das merkt man bei Leuten, die fähig sind, ein Tier auf der Straße auszusetzen, weil sie in den Urlaub fahren und es nicht mehr brauchen können, als wäre ein Hund wie ein Paar Schuhe, die man in den Müll wirft, wenn sie nicht mehr taugen.

 Einen Teil unserer Menschlichkeit haben wir auf dem Weg eingebüßt. Das merkt man bei Leuten, die fähig sind, ein Tier auf der Straße auszusetzen, weil sie in den Urlaub fahren und es nicht mehr brauchen können, als wäre ein Hund wie ein Paar Schuhe, die man in den Müll wirft, wenn sie nicht mehr taugen. Das sind dieselben Leute, die ihre Katze, die sie ihr ganzes Leben begleitet hat, mitten auf dem Land aussetzen, weil sie nun alt ist. Das tun sie vor ihren Kindern, die, sobald sie erwachsen sind und ihr Vater alt ist, einen Platz suchen werden, wo sie ihn lassen können und sich nicht um ihn kümmern müssen.

Ein Großteil der Pilger, die sich diesen Dienstag, dem Tag des frommen Sankt Lazarus oder Babalú Ayé, auf den Weg machen, werden Kerzen anzünden oder große Beträge ausgeben, um für ein Gelübde zu zahlen. Sie ziehen kilometerweit schwere Steine hinter sich her, ohne zu bemerken, dass die Fütterung und die Aufnahme eines zurückgelassenen Hundes vielleicht eine bessere Ehrerbietung wäre, für den Alten mit den Krücken und mit den Straßenhunden, die ihm die offenen Wunden lecken.

       Übersetzung: Iris Wißmüller

Anmerkung der Übersetzerin:
In der Bibel findet man 2 Personen mit Namen Lazarus: Den „Lazarus von Bethanien“, der von Jesus von den Toten auferweckt wurde, und den leprakranken Lazarus im „Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus“.


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