Rechnen Sie nicht mit mir

Vandalen in Miami haben die Statue von Kolumbus  beschmutzt. (Departamento de Policía de Miami-Dade)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 12.Oktober 2020 

Der 12.Oktober ist ein Tag mit verschiedenen Namen: der Tag der Rasse, der Tag der Entdeckung Amerikas, der Tag des Respekts vor der kulturellen Vielfalt. Jede Bezeichnung finde ich schön und lobenswert. Dieser Tag im Jahr 1492, an dem Cristóbal Colón in diesen Teil der Welt kam, hat der menschlichen Zivilisation die Form gegeben, die wir kennen, hat unseren Blick auf den Planeten verändert und die Kultur von Millionen von Menschen geprägt.

Augenblicklich gibt es Bewegungen und Tendenzen, die dieses Ereignis wahlweise hinterfragen, kritisieren oder preisen. In diesem vielstimmigen Chor, in den wir uns verwandelt haben, sollten alle eine Stimme haben. Aber die kleine Person − die ich bin − erwarb vor 20 Jahren einen akademischen Grad in spanischer Philologie, und ich habe einen Beruf, den ich nicht ausüben könnte, wenn der wagemutige Seefahrer Kolumbus nicht geglaubt hätte, dass er „Indien“ auch erreichen kann, wenn er den Bug seiner Schiffe nach Westen ausrichtet, also in Richtung unseres „Ozeanischen Meers“.

Ich hätte mich nicht nur in Spanisch graduieren können, auch meine Existenz wäre fragwürdig geworden, weil meine Vorfahren den Atlantik überquerten, viel später aber als die Niña, die Pinta und die Santa María.

 Ich hätte mich nicht nur in Spanisch graduieren können, auch meine Existenz wäre fragwürdig geworden, weil meine Vorfahren den Atlantik überquerten, viel später aber als die Niña, die Pinta und die Santa María. Sie bestiegen ein Schiff an einem Ort nah dem, wo der „verrückteste aller Seefahrer und der klügste aller Gründer“ die Anker lichten ließ. Und außerdem teile ich mein Leben mit einem Nachkommen der Taíno*) und mein Sohn ähnelt dem Kaziken Guamá mit kürzeren Haaren und einem modernen T-Shirt.

In meinem Haus begegnen sich jeden Tag Menschen unterschiedlicher Kulturen. Niemand erschrickt, niemand wundert sich. Niemand lehnt den anderen ab oder beabsichtigt seine Kultur zu „vernichten“. Blasse und kupferfarbene Hände finden zusammen. Im Schlaf kommt bei „ihm“ manchmal der Taíno-Priester zum Vorschein, während ich auf dem Jakobsweg unterwegs bin; „er“ liebt das kalte Wasser der Flüsse, wo seine Vorfahren badeten, während ich oft die salzige Brise rieche, die auch das Gesicht von Rodrigo de Triana**) berührt haben muss; „er“ träumt von Höhlen und ich vom tropischen Regenwald, der zum allerersten Mal mit seinen Farben und Gerüchen vor meinem Gesicht explodiert.

Niemand möge darauf zählen, dass ich mich in eine Zeitmaschine setze und verhindere, dass Colón in dieser Hemisphäre ankommt. Ich weiß um den Schmerz, der diesem Ereignis folgte, ich weiß um die Toten und um die Unterdrückung und das Leid; aber für mich zählen auch die Lichter: die Poesie, die in wechselseitigen Begegnungen entstanden ist; die Liebe zwischen so verschiedenen Menschen; die Kinder, die aus solchen Verbindungen hervorgegangen sind; ich kenne die Kraft der Erde. Nein, ich will nicht zurück zum 12.Oktober 1492 um zu verhindern, dass Kolumbus an Land geht, weil dies bedeuten würde, dass ich meine Freunde von heute töte, das Leben meiner Nachkommen einschränke, mit einem einzigen Hieb meinen Stammbaum fälle und die Sprache verliere, die mein Leben ist. Rechnen Sie also nicht mit mir!

            Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkungen des Übersetzers:

*) Die Taíno waren ein indigenes Volk, das auf den Großen Antillen lebte.

**) Rodrigo de Triana war einer der Juden, die Kolumbus anheuerte, um sie vor der Inquisition zu retten.

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