Für einen Basiskorb mit Technologie und Freiheit

 

Die größten Schwierigkeiten werden die unterschiedlichen nationalen Gesetze machen, die versuchen, den Bürgern in ihrem virtuellen Dorf einen Maulkorb zu verpassen. (EFE)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 30.September 2020

Die Wände sind aus rohen Ziegelsteinen, durch die Löcher im Dach dringt Sonnenlicht, eine junge Frau sitzt nah am Fenster und hält ein Smartphone der letzten Generation in ihren Händen, mit dem sie Minute für Minute in sozialen Netzen unterwegs ist. Das könnte sich so in einem Dorf oder in einer Stadt ereignen, irgendwo in Lateinamerika, wo bis heute der Zugang zu neuen Technologien von gesellschaftlichen Gegensätzen gekennzeichnet ist, die in den kommenden Jahren noch zunehmen werden.

Im vergangenen August hat Alicia Bárcena, die geschäftsführende Sekretärin der CEPAL − der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik − einen Bericht zu den Auswirkungen von Covid-19 in der Region vorgestellt. Mit ihrem dringenden Appell hat die Mexikanerin die Regierungen dazu aufgerufen, den Zugang zu digitalen Technologien zu vereinheitlichen, um den tief greifenden Schäden die Stirn zu bieten, die die Pandemie der Wirtschaft des Kontinents zugefügt hat. Dann sagte Alicia Bárcena, dass man einen Basiskorb mit Technologien für Information und Kommunikation garantieren sollte.

Bárcena zufolge sollte in einem Notebook, einem Smartphone und einem Tablett ein unverzichtbares Modul integriert sein, sowie ein Anschlussplan für Haushalte, die immer noch keinen Zugang ins Internet haben. Dieses Modul wäre so etwas wie „ein Kit für das technologische Überleben“, das den Bürgern erlauben würde informiert zu bleiben, sich für Fernunterricht zu entscheiden, in Home Office zu arbeiten, sich beruflich neu zu orientieren, Zugang zum Internethandel zu haben und einen Gutteil der Bürgerrechte und-pflichten auf der Tastatur erledigen zu können, mit einem Click oder einer Videokonferenz.

Aber die CEPAL berührte nur einige der vielen Hürden bei der Vernetzung. Es reicht eben nicht, ein modernes Gerät und einen Zugang ins große weltweite Netz zu haben, wenn die Zensur den Nutzer einschränkt, die digitale Polizei ihn überwacht und ihm androht, vor Gericht oder im Gefängnis zu landen, weil er in den sozialen Netzen Funktionäre und Politiker kritisiert hat. Der Basiskorb mit Infrastruktur ist wenig bis nichts wert, wenn er nicht von einer Reihe von garantierten Rechten begleitet wird, wie z.B. das Recht, sich frei zu äußern und uneingeschränkt zu informieren.

Es reicht eben nicht, ein modernes Gerät und einen Zugang ins große weltweite Netz zu haben, wenn die Zensur den Nutzer einschränkt.

Leider leben wir in einer Region, wo beide „Warenkörbe“ recht unvollständig sind. Die hohen Preise für Technologie, die mangelnden Schulkenntnisse im Umgang mit den Geräten, um neue Kenntnisse zu erwerben, die Schwierigkeiten beim Zugang ins Netz in abgelegenen Gebieten oder in solchen mit ungünstiger Infrastruktur, all das verhindert ein Szenario, das es Lateinamerika ermöglichen würde, die Corona-bedingten Restriktionen zurückzufahren und mittels Displays und Schaltkreisen den wirtschaftlichen Sumpf zu verlassen.

Aber die größten Schwierigkeiten werden die unterschiedlichen nationalen Rechtsverordnungen machen, die versuchen, den Bürgern im „virtuellen Dorf“ einen Maulkorb zu verpassen. Ein Basismodul mag Teil des allerneuesten Mobiltelefons sein, das der Markt anbietet. Wenn aber sein Benutzer mit zensierten Seiten kämpft, gegen Institutionen, die die Bürger im Netz angreifen und auch gegen ein Heer von Trollen, die meistens von Regierungen beschäftigt und finanziert werden, um Kritik zum Schweigen zu bringen…,dann wird man wenig erreichen.

In einem Kontinent, wo sich−weltweit gesehen − einige der schlimmsten Regime an der Macht halten, die mit Information und Presse nach Belieben umgehen, könnte ein Mobiltelefon ein Sprungbrett sein, mit dem wir in die bewegten und erfrischenden Wellen des Cyberspace springen könnten, aber auch direkt und schutzlos in den offenen Rachen der Zensur.

Ja zu einem Basiskorb mit Technologie, aber in ihm sollte das Brot der Freiheit nicht fehlen.

Übersetzung: Dieter Schubert

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Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert

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