Zurück an die Schule und die Rückkehr zur Maske

Vergangenen November, Schulbeginn an einer Grundschule in Granma. (Facebook)

YOANI SÁNCHEZ / Panamá / 31.Dezember 2021

Der Lehrer von Ana Laura hat ihre Mutter zu einem Gespräch aufgefordert, um sich über das Verhalten der Tochter zu beklagen. Die 14-jährige Jungendliche ist zurückgekommen in ihr Klassenzimmer in Havanna, nachdem sie ein Jahr lang keinen Unterricht hatte, und jetzt spürt sie, dass sie nicht mehr hierher gehört. Sie folgt nicht mehr den Lerninhalten und will im Unterricht auch nicht mehr mitschreiben. „Das betrifft mehr als die Hälfte ihres Jahrgangs“, beklagt sich der Lehrer. Eine Rückkehr an die Schule ist weltweit eine Herausforderung, aber die Situation verschlimmert sich in Kuba, wo Exzesse von ideologischer Indoktrinierung dazu beitragen, dass Schüler die Schule ablehnen.

Zu Beginn des Lockdowns glaubte die Schulbehörde, dass es genügen würde Distanzunterricht zu erteilen: man setze einen Lehrer vor eine Kamera und verteile Hausaufgaben über einen Messenger-Dienst. Aber die Monate ohne Morgenfeiern mit flammenden politischen Losungen haben ihren Tribut gefordert, dies betrifft die Einflussnahme auf Kinder und Jugendliche von Seiten des kubanischen Regimes. Für lange Zeit mussten Schüler nicht in Klassenräume gehen, wo sich Kreide auf der Wandtafel und Bilder von Parteiführern abwechseln; sie mussten auch nicht an Aktionen der „revolutionären Bestätigung“ teilnehmen, in die man Schüler und Studenten häufig einbezieht.

Nicht überraschend ist, dass die historischen Proteste des 11.Juli stattfanden, als die Schulen für fast mehr als ein Jahr geschlossen hatten. Als ob der Bann seine Wirkung verloren hätte, weil man nicht jeden Tag die entsprechenden Worte wiederholen konnte, die in einen Zustand unterwürfiger Zustimmung versetzen;…jetzt sind die jungen Leute als Bürger aufgewacht. Unter den mehr als tausend Festgenommenen an jenem 11.Juli ist ein Gutteil jünger als 20 Jahre, viele sind kaum älter als 16, das Alter der Volljährigkeit in Kuba.

Diese Kinder und Jugendlichen erneut in eine Form von Indoktrination zu pressen, ist so unmöglich, wie den Schwestern von Aschenputtel den zu kleinen Schuh anzuziehen.

Für jene, die nicht hinter Gittern endeten obwohl sie öffentlich demonstrierten, hat die Rückkehr an die Schule einen bitteren Beigeschmack. In den Klassenzimmern fehlen Mitschüler von ihnen, und sie hören überall Geschichten von Schnellverfahren und Gerichten, wo man Strafen von mehr als zehn Jahren verlangt, wenn jemand das Recht zu protestieren für sich in Anspruch nimmt. Aber auch die, die in die Schule zurückkommen, sind nicht mehr die, deren Unterricht im Frühling 2020 endete, als die Inzidenzrate von Covid-19 anzusteigen begann. Sie haben sich deutlich verändert.

Diese Kinder und Jugendlichen erneut in eine Form von Indoktrination zu pressen, ist so unmöglich, wie den Schwestern von Aschenputtel den zu kleinen Schuh anzuziehen. Sie passen nicht mehr in das ideologische Gefängnis der Schule, obwohl sie im Lockdown mit „Bleibe im Haus“ Prüfungen versäumten, vor Schulbüchern seufzten und sogar Unterrichtsstunden voller mathematischer Formeln und vorfabrizierter Sätze idealisierten. Sie haben genug vom Personalkult, von Losungen mit Brand-Rhetorik und von der Doppelmoral, die all das provoziert.

Während der Lehrer von Ana Laura klagt, dass die Schülerin kein Interesse mehr am Unterricht zeigt, glaubt die Mutter, dass es sich bei der Tochter um eine altersgemäße Rebellion handelt oder um mangelnde Unterrichtspraxis des Lehrers. Und sie geht darüber hinaus: in diesem letzten Jahr habe ihre Tochter gelernt, wie man ohne „eiserne Maske“*) lebt und jetzt wolle sie die nicht mehr tragen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Eine Vermutung des Übersetzers:

Mit der „eisernen Maske“ könnte Y.Sánchez auf das Gerücht anspielen, dass ein Zwillingsbruder von Ludwig XIV. eine eiserne Maske tragen musste, ohne die er zu einer Gefahr für den König geworden wäre.

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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