Der Kult um Fidel Castro wächst, um die Echos der Proteste in Kuba zu ersticken

Eingeweiht in la Parra, Cienfuegos, das Monument für Fidel Castro. (Granma)

YOANI SÁNCHEZ / Panamá / 10.Januar 2022

Eine Skulptur in Form einer Hand, die aus dem Boden ragt, ein Ganzkörper-Relief, eine Pilgerfahrt mit seinem Foto und die Neuauflage eines Buchs mit Interviews, all dies gehört zur der neuen Welle des Personenkults um Fidel Castro. In dem Maß, wie sich das Regime mehr und mehr in die Seile gedrängt fühlt, verehrt es das Phantom eines Mannes, den die Kubaner in den letzten fünf Jahren ständig hinterfragt und zunehmend vergessen haben.

„Wer ist das, Mama?, fragte die 5-jährige Tochter eine Freundin, die das nationale Fernsehprogramm kaum einschaltet, die aber aus Versehen die Nachrichten weiter verfolgte, als auf dem Bildschirm das bärtige und gealterte Gesicht von Castro erschien, als er eine Rede zu Beginn des Jahrhunderts hielt. Bei der jungen Generation wächst die Ablehnung und die Gleichgültigkeit gegenüber Castro, und sie vergessen den Mann, der seine Person mit der Staatsidee verschmelzen wollte.

Diese Entfremdung verfolgen die aktuellen Führer mit Sorge. Weil es ihnen selbst an vorzeigbaren Ergebnissen fehlt, bleibt ihnen nur Castro auf eine mystische Ebene zu heben. Der Mann, der die Zerstörung der Altäre voran trieb, der das Tragen von religiösen Gewändern stigmatisierte und die Taufe ablehnte, jetzt wird er von seinen Schmeichlern wie eine Heiligenfigur behandelt, die man vom Altar herunternimmt und bei politischen Prozessionen mitführt.

Dem kubanischen System ist die Ideologie abhanden gekommen, und die Relikte von sozialer Gerechtigkeit haben sich längst in Luft aufgelöst. Die aktuellen Gesichter der Macht besitzen kein Charisma, einige von ihnen haben genau das Gegenteil davon: der mittelmäßige Miguel Dìaz-Canel, der schweigsame Luis Alberto Rodriguez López-Calleja oder der langweilige Bruno Rodríguez. Mit dieser Mannschaft aus grauen Leuten wird man in den Herzen der Menschen kein Feuer entzünden können.

Seine politischen Erben sind jetzt dabei ein Netz von Monumenten schaffen, die nicht nur im Widerspruch zu seinem letzten Willen stehen, sondern auch im Fadenkreuz des öffentlichen Zorns.

Deswegen haben die offiziellen Propagandisten einen Kreuzzug begonnen: er soll die öffentliche Unzufriedenheit zurückdrängen und die Echos der Proteste des 11.Juli ersticken. Dazu weihen sie Monumente ein, die an Fidel Castro erinnern, nennen Orte, die Schuhe von ihm zeigen und wiederholen seinen Namen bei allen öffentlichen Reden. Sie haben ihm sogar die Initiative zugeschrieben, die zur Entwicklung von Impfstoffen gegen Covid-19 führte.

Und sie greifen auf das Drehbuch zurück, das ihnen schon einmal taugte.

Trotzdem, es sind andere Zeiten. Castro kann keinen Schrecken mehr verbreiten, ein Umstand, den viele für die wichtigste „Gabe“ seiner Führerschaft hielten. Es waren nicht seine langen Stunden vor dem Mikrophon, in denen er sprach und sich schließlich widersprach; auch nicht seine Körpergröße, viel größer als die mittlere der Kubaner, und auf gar keinen Fall seine vermutete Klugheit − der Mythos entstand, weil er mutig über alles sprach und dabei auf Berater setzte, die ihm umfangreiche Resümees lieferten. Nein, der Einfluss Castros auf Millionen von Menschen beruhte auf Angst.

Die Leute fürchteten, er würde eines Morgens aufwachen und Maßnahmen treffen, um einem bestimmten Markt-Typ den Garaus zu machen; fürchteten, er würde große Landgebiete beschlagnahmen, oder eine Offensive starten, um die letzten Reste des unabhängigen Unternehmertums zu beseitigen. In den Häusern zitterte man, weil ein Satz am falschen Ort den Sohn oder die Mutter ins Gefängnis bringen konnte, wo die „revolutionäre Justiz“ − von Castro mitleidlos durchgesetzt − ihr Leben zerstören würde. Der Schrecken war so groß, dass man zahllose Spitznamen erfand um nicht „Castro“ sagen zu müssen, und in Gesprächen war sogar das Pronomen „Er“ für ihn reserviert, was die Panik reduzierte seine elf Buchstaben aussprechen zu müssen.

Nein, diese Angst kommt mit den Plakaten und Skulpturen nicht zurück, die an ihn erinnern. Die Angst ist Teil der Vergangenheit; der aktuelle „Anfall“ der Regierung hat den Personenkult um Fidel Castro wiederbelebt, löst aber nur Spott und Überdruss aus. Seine politischen Erben sind jetzt dabei ein Netz von Monumenten zu schaffen, die nicht nur im Widerspruch zu seinem letzten Willen stehen, sondern auch schon im Fadenkreuz des öffentlichen Zorns.

Die Menschen freut es, jene von den Altären herunter zu nehmen, die sie für würdig halten, auf Altären zu stehen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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