Kuba 2021: Lebe wohl revolutionäre Maske

Viele haben die Geduld verloren, um noch zu investieren, erfolgreich zu sein und ihre Träume zu verwirklichen. Für einen echten Wandel ist es ein verlorenes Vierteljahrhundert. (EFE)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.Dezember 2020

Kuba erlebt eine schwierige Zeit. Das Problematische im vergangenen Dezember war nicht nur die wirtschaftliche Krise, infolge der das Bruttoinlandsprodukt um 11% zurückging, nicht der totale Lockdown und nicht das Leid, das die Pandemie verursachte. Das Jahr 2020 hat sich auf der Insel mit dunklen Tönen verabschiedet, vor allem wegen der Unsicherheit und somit der Unfähigkeit von 11 Millionen Kubanern, ihre Zukunft auf kurze und mittlere Sicht zu planen.

Dieser Sichtweise werden einige entgegnen, dass es in unserer jüngeren Geschichte schon schlimmere Momente gab. Während der Speziellen Periode (Período Especial) der 90er Jahre, als die Sowjetunion die Subventionen einstellte, gab es lange Stromausfälle, Einschränkungen im Transportwesen und eine Lebensmittelknappheit. Aber dennoch waren noch Reserven für einen Wechsel vorhanden, die Reformer hoffen ließen und die Träume der Bürger beflügelten. Mitten im Zusammenbruch hatte man das Gefühl, dass einige gute politische Entscheidungen ausreichen könnten, um produktive Kräfte freizusetzen und um den Menschen eine materielle Entlastung zu bringen. Es gab sogar Leute, die von einem Volksaufstand fantasierten, der das autoritäre Modell definitiv beerdigen sollte.

Obwohl, der einzige ‚Aufstand‘ den es gab, war der von tausenden verzweifelten Kubanern, die am Tag des Maleconazo*) versuchten von der Insel zu fliehen. Und auch die, die auf die ersehnten Flexibilisierungen hofften, irrten sich nicht. Als die Krise ihren Höhepunkt erreicht hatte, waren einige dieser Veränderungen bittere Pillen, die die Bürokratie schlucken musste: die Dollarisierung des Handels, die Existenz von Bauernmärkten frei von Rationierung, die Erlaubnis privatwirtschaftlich zu arbeiten und die Öffnung des Landes für ausländische Investitionen. Zum ersten Mal nach so langer Zeit kehrten Zwiebeln auf die Marktstände zurück, private Taxis füllten die Straßen und in den selbständig arbeitenden Restaurants, den Paladares, gab es wieder traditionelle kubanische Gerichte, deren Rezepte man für verloren hielt.

Heute, im Unterschied zu jener Zeit, sind die Fähigkeiten des Castrismus sehr begrenzt sich zu reformieren ohne daran zu zerbrechen, und eigentlich sind sie gleich null.

Jetzt, im Unterschied zu jener Zeit, sind die Fähigkeiten des Castrismus sehr begrenzt, um sich zu reformieren ohne daran zu zerbrechen, und eigentlich sind sie gleich null. Das System existiert seit fast 62 Jahren, ist in seinem politischen Kern ein Fossil, und es fehlt ihm jegliche Anziehungskraft für jüngere Gefolgsleute. Es hat sein Reformvermögen mit halbherzigen Veränderungen und lauwarmen Umstrukturierungen verschwendet, und Maßnahmen, die zunächst nach vorne wiesen, wurden anschließend wieder zurückgenommen. In der Zeit zwischen den beiden Krisen, der ersten, ausgelöst durch den Zusammenbruch des sozialistischen Lagers in Osteuropa und der aktuellen, haben viele Kubaner die Geduld verloren um noch zu investieren, erfolgreich zu arbeiten und ihre Träume zu verwirklichen. Für einen echten Wechsel ist es ein verlorenes Vierteljahrhundert.

Heute, in die Enge getrieben, plant die Obrigkeit ein Paket von Maßnahmen, um im Jahr 2021 das Staatsschiff wieder flott zu machen, aber bis heute orientieren sich die angekündigten Beschlüsse eher an einer Rücknahme von Subventionen und an Budgetkürzungen, als an der Entwicklung von Konzepten, die das Unternehmertum fördern, Verstaatlichungen einschränken und die Parteipolitik aus zentralen politischen Entscheidungen heraushalten. Aber solches Tun könnte auch den Fortbestand des Castrismus in große Gefahr bringen, obwohl, es nicht zu tun, würde nur das Datum seiner Beerdigung vorziehen.

Reaktionär und unbeweglich, ängstlich vor Neuem und misstrauisch gegen alles, was nicht aus den Laboratorien der Kommunistischen Partei kommt, zum Überleben ist dem derzeitigen kubanischen Modell nur die Unterdrückung geblieben. In diesem Jahr wird das System endgültig die Maske der Revolution und die der sozialen Gerechtigkeit ablegen, um sich als das zu zeigen, was es ist: eine Diktatur aus dem 20.Jahrhundert. Die Weltpolitik, der Zufall und die Angst haben es ermöglicht, dass das System bis hierher gekommen ist. Ohne Resultate bleibt ihm nur übrig die Zähne zu zeigen, und das macht irgendwelche Prognosen so schwierig.

Übersetzung: Dieter Schubert

*)Anmerkung des Übersetzers: Die Unruhen, die am 5.August 1994 in Havanna ausbrachen, bekannt auch als  Maleconazo, waren der erste größere Volksaufstand in Kuba seit dem Sieg der Revolution im Jahr 1959. (Wikipedia)

Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


Arbeite mit uns zusammen:

Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden dich hier ein uns weiterhin zu unterstützen, werde Mitglied unserer Zeitung. Gemeinsam können wir erreichen, den Journalismus auf Kuba zu verändern.

Hinterlassen Sie uns ein Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s