Das Corona-Virus, der „steinerne Kandidat“ bei Wahlen in Lateinamerika

 

Mexiko, mit mehr als 150 000 Toten aufgrund von Covid-19 und einem erkrankten Präsidenten, ist eines der lateinamerikanischen Länder, in denen es 2021 Parlamentswahlen geben wird. (EFE/José Pazos)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 27.Januar 2021

Die Wahrsager und Propheten in Lateinamerika stehen vor einer schwierigen Aufgabe. In diesem Jahr beginnt in der Region ein neuer Wahlzyklus, Präsidentschaftswahlen in Peru, Ecuador und Chile, sowie wichtige legislative Konsultationen in Ländern wie Mexiko und Argentinien. Die Gemengelage bei diesen Wahlgängen könnte komplexer nicht sein, da der Kontinent den schlimmsten wirtschaftlichen Abschwung seit hundert Jahren erlebt, wobei Millionen Bürger in Elend versinken und von einer Pandemie bedroht werden, deren Ende noch nicht abzusehen ist.

Mehr als nur auf Pendelschwingungen zwischen rechten und linken Regierungen zu warten, bleibt zu hoffen, dass in diesem 2021 die aktuellen Verwaltungen an den Urnen abgestraft werden, wegen ihres Managements der Corona – Krise. Der „steinerne Kandidat“ − der buchstäblich nichts sagt aber dominant präsent ist − wird ein mikroskopisch kleiner, infektiöser Erreger sein, dessen Name auf keinem Wahlzettel auftaucht, der aber die regionale politische Landschaft erschüttern wird.

Obwohl man nicht alles den aktuellen Führungskräften anlasten kann, werden sie die Wähler zur Rechenschaft ziehen: für den wirtschaftlichen Zusammenbruch, für die Stagnation auf dem unternehmerischen Sektor, für die schon lang andauernden Restriktionen, für die wachsende Arbeitslosigkeit, die Überlastung der Krankenhäuser und sogar für das Verhalten von Hilfspersonal, das während der Pandemie eingesetzt wurde. Bei all dem was Covid-19 den Wählern genommen hat, befinden sich viele von ihnen noch in einer Schmerz – oder Wutphase, und die Gefühle von Frustration und Ohnmacht werden in den Wahllokalen ausschlaggebend sein.

Trotzdem, eine Gesellschaft, die zornig reklamiert und ihre Führung klar und deutlich beschuldigt, birgt auch große Gefahren. Unter den Zutaten, die einen günstigen Nährboden für Populismus schaffen, ist es gerade das Vorhandensein einer Bürgerschaft, die von ihren politischen Führern enttäuscht ist und darauf brennt, ihnen eine Lektion zu erteilen. Diese Entrüstung kann von Demagogen, extremen Gruppierungen, maßlos protektionistischen Parteiprogrammen, grotesken nationalistischen Strömungen und Parteiflügeln benutzt werden, deren Blick darauf gerichtet ist, die fragilen Pfeiler einer Demokratie mit Dynamit in die Luft zu jagen.

Im epidemiologischen Kontext ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, Großkundgebungen auf Straßen abzuhalten, genauso wie Wahlkampfveranstaltungen mit öffentlichen oder Tele-Debatten und mehreren Kandidaten.

Im epidemiologischen Kontext ist es schwierig, wenn nicht gar unmöglich, Großkundgebungen auf Straßen abzuhalten, genauso wie Wahlkampfveranstaltungen mit öffentlichen oder Tele-Debatten und mehreren Kandidaten. In den kommenden Wochen werden die sozialen Netzwerke weiterhin eine führende Rolle bei den präsidentiellen und legislativen Wahlkämpfen spielen. Aber die virtuelle Welt hat bereits gezeigt, über wie viel Potential sie im politischen Wettbewerb verfügt und welche Risiken dies mit sich bringt.

Zudem wird schon die bloße Durchführung dieser Wahlen eine Herausforderung darstellen − mitten in dieser Corona-Krise. Ihre Organisatoren stehen vor der Aufgabe, zu erreichen, dass Millionen von Menschen ihr Wahlrecht ausüben können und dies in einem Rahmen, der ihnen die Erhaltung ihrer Gesundheit garantiert. Die Einbeziehung der elektronischen Abstimmung, die Briefwahl oder die Stimmabgabe online, werden zu diesem Bemühen beitragen, werden aber auch eine nicht-versiegende Quelle für Streit, Zweifel und Denunziation sein. In einer Region mit einer langen Vorgeschichte von Wahlbetrug und Wahlmanipulation, könnte ein Ganove versuchen daraus Nutzen zu ziehen.

Trotz alledem, in der Rolle als unbequemer Teilnehmer an Wahlveranstaltungen könnte das Corona-Virus eine Gelegenheit bieten, um zu testen, ob sich transparente und solide Wahlen durchführen lassen, mit einer Infrastruktur, die die Gesundheit schützt und Vertrauen schafft. Vielleicht ist es auch der Moment, in dem eine neue und bessere Art von Politik entsteht. Wie es so vielen Patienten geht, die eine tödliche Diagnose überleben und dann beginnen ihre Existenz mehr zu schätzen, so könnten die Kandidaten, die das schlimme Jahr 2020 überwunden haben, den Wahlausgang mit weniger Parteitreue und mit mehr Menschlichkeit betrachten.

Wahlergebnisse in einem so verkrampften Umfeld vorherzusagen, ist eine mühsame und fruchtlose Beschäftigung. Wenn aber ein Bürger in Ländern mit autoritären Regierungen und gefälschten Wahl-Resultaten − wie Venezuela, Nicaragua und Kuba − diese Wahlen verfolgt, dann wünscht sich dieser Bürger, der nicht das Recht hat seine politische Führung zu wählen, dass er an so unsicheren Wahlen teilnehmen könnte, wie problematisch diese auch sein mögen.

Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde ursprünglich bei der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


ARBEITE MIT UNS ZUSAMMEN:

Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden dich hier ein uns weiterhin zu unterstützen, werde Mitglied unserer Zeitung. Gemeinsam können wir erreichen, den Journalismus auf Kuba zu verändern.

 

 

Hinterlassen Sie uns ein Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s