Der unterdrückte Protest

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Der Polizeieinsatz vor der Wohnungstür von Mónica Baró (M.B. / Facebook)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |1.Juli 2020

Es schien ein Dienstag wie jeder andere zu werden, mitten in der Zeit der Restriktionen, die Havanna wegen der Pandemie auferlegt wurden. Es ist ein Tag mit langen Warteschlangen um Nahrungsmittel zu kaufen, mit langen Wegen, weil es an öffentlichen Verkehrsmitteln fehlt und mit Anrufen bei Freunden, um zu wissen, ob sie bei guter Gesundheit sind und ob das Corona-Virus nicht an ihre Tür geklopft hat. Aber die staatliche Repression um einen friedlichen Protest zu vermeiden, sollte an diesem letzten Tag im Juni den Rahmen des Üblichen sprengen.

 Aktivisten verschiedener Richtungen hatten sich für 11Uhr morgens an der Straßenecke der Hauptstadt verabredet, die die linke Herzkammer von Havanna ist. Sie wollten sich aus verschiedenen Gründen Gehör verschaffen, besonders deshalb, weil in der letzten Woche ein junger Schwarzer durch die Hände der Polizei zu Tode gekommen war. Ein Schuss in den Rücken beendete das Leben von Hansel Ernesto Hernández Galiano. Zu diesem Totschlag kam noch die Verwirrung, dass die offizielle Presse davon kaum Notiz nahm und die Behörden das Ereignis als einen Akt der Selbstverteidigung des Polizisten rechtfertigten, indem sie Hernández als einen aggressiven Straftäter darstellten.

 Dieser Vorfall im Armenviertel Guanabacoa schürte den Volkszorn, der seit Jahrzehnten zunehmend Fuß fasst. Es handelt sich um ein soziales Übel, zu dem es aus unterschiedlichen Gründen gekommen ist. Polizeiexzesse und Rassendiskriminierung, die immer noch das Verhalten von manchen Uniformierten im Umgang mit den Bürgern kennzeichnen, sind Teil der Ursachen für diese Empörung. Hinzu kommt noch das Unbehagen an einer weiteren Verschärfung der Repression, die die Regierung praktiziert und sich dabei auf den Notstand im Gesundheitswesen wegen Covid-19 beruft. Ein Gefühl zu ersticken geht durch das Land, in dem sich die wirtschaftliche Situation in den letzte Monaten signifikant verschlechtert hat.

Es ist einfacher, den Splitter in einem fremden Auge anzuprangern, als den riesigen Balken im eigen zu sehen, der das Sehvermögen blockiert.

 Der Protest an diesem Dienstag wollte etwas von diesem Unbehagen aufzeigen, im nationalen Kontext, weil die offiziellen Medien den Tod des US-Bürgers George Floyd bis zum Überdruss ausgebeutet hatten und zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens die übertriebene Gewalt verurteilten, die im Fall des Afroamerikaners bei seiner Verhaftung in Minneapolis angewendet wurde. Dieselben informativen Kanäle und Stimmen auf der Insel, die bis vor wenigen Tagen ihre Unterstützung für die Bewegung Black Lives Matter nicht verhehlten, verharren jetzt in Schweigen und machen sich zu Komplizen, wenn es um die Kugel geht, die den jungen Kubaner traf. Es ist einfacher, den Splitter in einem fremden Auge anzuprangern, als den riesigen Balken im eigenen zu sehen, der das Sehvermögen blockiert.

 Zu der Stunde, als am 30.Juni der Protest in Havanna beginnen sollte, war der Ort des Treffens umgeben von Polizei-und Militärkräften. Die Häuser von mehreren Aktivisten wurden überwacht und man nahm mehrere Künstler und unabhängige Reporter fest. Mit diesem überproportionalen Aufmarsch unterdrückte das Regime eine Initiative, sodass nicht einmal einer der Teilnehmer an die vereinbarte Straßenecke kommen konnte. Zu den Verhaftungen gesellten sich Sperren von Telefonleitungen und verbale Drohungen. Mitten in der Versorgungskrise, die das in die Knie zwingt, sparen die Unterdrücker nicht mit Mitteln, um eine friedliche Demonstration zu verhindern.

 Stunden später begannen die ersten Freilassungen, aber der Dienstag hatte sich schon zum Schlechten gewendet.

Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika veröffentlicht.

 

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