Mit einer Klitoris und mit Rechten

mujer_cubana

Manchmal mit guten Absichten – manchmal mit nicht so guten – versucht irgendjemand meine Beschwerden über den „Machismo“ in unserem Land zu beschwichtigen, indem man mir sagt: „Den Kubanerinnen geht es gar nicht so schlecht… schlimmer geht es denen, die in irgendwelchen afrikanischen Ländern leben, wo sie einer Ablation der Klitoris unterzogen werden“. Dieses Argument sitzt wie ein tiefer Schlag, es schmerzt mir in der Leistengegend, es verbindet mich mit dem Schrei einer hilflosen Heranwachsenden, verstümmelt und von ihrer eigenen Familie der Folter ausgeliefert. Aber die Rechte der Frauen sollten nicht nur auf die körperliche Unversehrtheit und die biologische Befähigung, Freude zu erleben, eingeschränkt werden. Die Klitoris ist nicht das einzige, was wir verlieren können, denn es gibt eine lange Liste von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten, die uns auch entzogen werden.

Da ich in einem Land lebe, in dem die Wege des zivilen Protestes abgeschnitten und verteufelt werden, wage ich es zu versuchen, in diesem Blog die Missstände aufzulisten, die in Kuba immer noch gegen die Frauen bestehen:

– Es ist uns nicht erlaubt, unsere eigenen Frauen-Organisationen zu gründen, mit denen wir uns vereinen und uns selbst repräsentieren könnten. Gruppen, die nicht als Antriebstrommeln der Regierung auf die Bürgerinnen einwirken, wie es leider bei der Föderation der Kubanischen Frauen (FMC)* der Fall ist.

– Spricht man von Frauen in der Politik, ist deutlich zu spüren, dass diese keine wirkliche Entscheidungsmacht haben, sondern nur da sind, um Quoten oder geschlechtsspezifische Zuordnungen zu erfüllen.

– Die Ikone der FMC – der einzigen Organisation dieser Art, die gesetzlich erlaubt ist – zeigt eine Figur mit einem Gewehr auf der Schulter, in deutlicher Anspielung auf die Mutter als Soldat, auf die Weiblichkeit als Teil des Krieges, der weiter oben gekocht wird.

– Das Fehlen eines Berichtes in der nationalen Presse über die häusliche Gewalt beseitigt nicht ihre reale Existenz. Schweigen trägt nicht dazu bei, den Schlag des Angreifers aufzuhalten. Auf den Seiten unserer Zeitungen sollten diese Geschichten von Missbrauch zu finden sein, denn wenn nicht, wie sollen wir verstehen, dass wir ein ernsthaftes Problem mit Aggressionen haben, die in den Wänden so vieler Haushalte verschwiegen werden?

– Wo geht eine Ehefrau hin, wenn sie von ihrem Mann geschlagen wurde? Warum gibt es keinen Unterschlupf oder warum werden in den Medien nicht die Adressen dieser Zufluchtsorte für misshandelte Frauen veröffentlicht?

– Wegwerfwindeln zu kaufen ist fast schon Luxus in einer Gesellschaft, in der die meisten jungen Mütter immer noch den Großteil ihrer Zeit dafür aufwenden, die Kleidung ihres Babys per Hand zu waschen. Jede Emanzipation braucht eine materielle Infrastruktur der Freiheit, ansonsten wird sie nur in den Slogans und Leitsprüchen verbleiben.

– Der hohe Preis aller Produkte, die mit Mutterschaft und Schwangerschaft zu tun haben, ist ein Faktor, der auch die niedrige Geburtenrate beeinflusst. Ein Kinderbett mit Matratze kostet umgerechnet 90 USD, in einem Land, wo der monatliche Durchschnittslohn 20 USD nicht überschreitet.

– Die Unterstützung, die ein Vater seinen Kindern nach der Scheidung zukommen lassen muss – wie vom Gesetz vorgesehen ist – überschreitet in den meisten Fällen nicht mehr als den Gegenwert von 3 USD pro Monat, was der wirtschaftlich machtlosen Frau für die Erziehung ihrer Kinder dienen soll.

– Die, im Vergleich zum Gehalt, hohen Preise für Lebensmittel ketten die kubanische Frau an den Herd, die gastronomische Pirouetten vollbringen muss, um eine Mahlzeit auf den Tisch zu stellen. Es sind die Frauen und nicht das politisch-ökonomische System, die jeden Tag ein Wunder vollbringen, damit die kubanischen Familien mehr oder weniger gut essen.

– Nach so vielen Slogans über Emanzipation und Gleichberechtigung stehen wir Frauen mit einem doppelten Arbeitstag und Dutzenden von schwerfälligen, bürokratischen Aufgaben da. Es reicht vor die Tür zu gehen, um die Auswirkungen dieser Überlastung zu sehen: die meisten Frauen über 40 haben ein verbittertes Gesicht, machen keine Zukunftspläne, gehen nicht mit Freunden aus und planen auch keine kleinen Auszeiten von der Familie und der Langeweile.

– Wenn eine Frau sich dazu entschließt, Kritik an der Regierung zu üben, wird sie sofort daran erinnert, dass sie einen Rock trägt, wird der Unmoral beschuldigt, der Untreue zu ihrem Mann oder dass sie von irgendeinem männlichen Verstand manipuliert wurde. Sie wird als „Prostituierte“, „Glucke“ oder „Jinetera“** bezeichnet oder mit anderen diskriminierenden Beleidigungen, die man sich vorstellen kann.

– In einer Gesellschaft, die vom Fehlen der Rechte bestimmt wird, nützt es nichts, zu versuchen, eine bestimmte soziale Gruppe zu befreien. Eine Frau im heutigen Kuba zu sein bedeutet, dieses Fehlen doppelt zu erleiden.

Schließlich wollen wir eine Klitoris und Rechte haben, Freude spüren und unsere Meinung äußern, wegen unserer Röcke bekannt sein, vor allem aber wegen unserer Ideen.

Anm. d.Ü.
* Die Federación de Mujeres Cubanas (FMC – dt.: Föderation der kubanischen Frauen) ist eine Massenorganisation, deren Politik und Programme das Ziel haben, die Gleichberechtigung und Emanzipation der kubanischen Frau in allen Bereichen und Ebenen der Gesellschaft voranzutreiben. Sie wurde am 23. August 1960 gegründet. Allerdings hatte sich auch diese Organisation der bedingungslosen Unterstützung des Máximo Lider Fidel Castro unterzuordnen.

** Abgeleitet vom spanischen Wort jinete („Reiter“) bezeichnet das Wort Jinetera („Reiterin“) in der kubanischen Alltagssprache eine Gelegenheits-Prostituierte, die auf Ausländer „aufsattelt“, um möglichst viel Geld aus ihnen herauszuholen. 

Übersetzung: Valentina Dudinov

Ein Gedanke zu „Mit einer Klitoris und mit Rechten

  1. … und nicht nur in Afrika. Im „befreiten“ Iraq Todesschwadrone jagen Homosexuelle: http://news.yahoo.com/fear-death-squads-hunt-iraqs-gays-emos-153725256.html Im „unfreien“ Kuba muss sich niemad weger der hexuellen Orientierung um das Leben fürchten.

    Auch wenn einige Klagen von Yoani (teuere Preise, häusliche Gewalt) durchaus berechtigt sind, klingt Ihre Stimme, aus globaler Perspektive betrachtet, als Kindergartengeschrei

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