Presse oder Propaganda?

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Mehrere Generationen von Kubanern haben sich daran gewöhnt, in den nationalen Medien nur eine mögliche Version der Realität wiederzufinden. (Wikipedia)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 5. Dezember 2019

Seit Jahrzehnten leben wir Kubaner unter einem strikten Informationsmonopol, das die öffentlichen Medien in Resonanzböden der Kommunistischen Partei verwandelt hat. Anstelle von Journalismus ist das, was jeden Tag in den nationalen Zeitungen publiziert oder von Fernsehen und Rundfunk verbreitet wird, wesentlich näher an ideologischer Propaganda.

So gesehen haben mehrere Generationen sich daran gewöhnt, in den nationalen Medien nur eine mögliche Version der Realität wiederzufinden, einen eingeschränkten Teil der täglichen Geschichten und nur eine einzige „Stimme“, die versucht, über ein mehrstimmiges und vielfältiges Land zu berichten. Aus gutem Grund hat die Plaza de la Revolución die Informationsvielfalt ausgeschlossen und so die gesamte Bevölkerung zu Diskussionen ohne Nuancen verurteilt.

Aber, ist das wirklich noch Presse, oder ist es politische Werbung, die von Mikrofonen und nationalen Zeitungsseiten Besitz ergriffen hat? Zweifellos kann man das nicht mehr als „Journalismus“ bezeichnen, weil jede journalistische Arbeit unterschiedliche Quellen, Meinungen und Kriterien in Betracht ziehen und beleuchten muss, was weit über das hinausgeht, was eine einzelne Person, eine Gruppe oder die einzige Partei denkt oder erlebt.

Wir Kubaner haben so lange mit dieser „Pseudopresse“ gelebt, dass eine völlige Demontage dieses journalistischen Übels ein notwendiger Prozess ist, um informierende Medien fordern und fördern zu können, die pluralistisch, umfassend und wahrheitsgetreu berichten. Die ersten Schritte um dies zu erreichen sind: vielfältige Kriterien zu berücksichtigen, den Lesern auch andere Blickwinkel auf ein Ereignis zu vermitteln und Fakten für wichtiger als Worte zu halten.

Aber auch wir Leser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer müssen lernen, die Meinungsvielfalt zu respektieren, die eine Situation, ein Vorschlag oder eine öffentliche Person hervorrufen können.

Aber auch wir Leser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer müssen lernen, die Meinungsvielfalt zu respektieren, die eine Situation, ein Vorschlag oder eine öffentliche Person hervorrufen können. Unterschiedliche Meinungen schränken niemals ein, sondern sie geben den Beteiligten die Fähigkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden und ein Ereignis umfassender, besser durchdacht und gelassener zu beurteilen.

Presse darf nicht Propaganda im Dienst von einigen Wenigen sein und sich auch nicht wie die Puppe eines Bauchredners verhalten, die von einer Gruppe manipuliert wird und deren Losungen wortgetreu und pflichtschuldig wiederholt. Journalismus kann − wenn er gut ist − auch schmerzhaft, unbequem und ärgerlich sein. Versuchte man ihn lammfromm und formbar zu machen, nähme man ihm das, was Journalismus vom Pamphlet unterscheidet.

Wenn wir jetzt eine freie und demokratische Presse fordern, mit professionellen Standards, dann sollten wir uns darauf gefasst machen, dass dort oft über Themen publiziert wird, die uns ärgern, über Meinungen, mit denen wir nicht übereinstimmen, und dass man Stellungnahmen Raum geben wird, die unserem Standpunkt widersprechen. Es wird Tage geben, an denen wir beim Lesen der Zeitung lächeln und andere, an denen uns ein bitterer Geschmack im Mund zurückbleibt und wir Lust bekommen, darauf zu antworten und uns zu beklagen. Was wir von einem guten Journalismus erwarten dürfen, ist: dass es uns mobilisiert, uns wachrüttelt, uns über unser Urteilsvermögen nachdenken lässt und das Anderer bewertet. Wollte man der Presse diese Dornen nehmen, würde man sie auf simple Propaganda reduzieren

            Übersetzung: Dieter Schubert


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Ein Jahr nach der Migrationsreform: Was hat sich geändert?

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Terminal 3 des Internationalen Flughafens José Martí

Dieses Mal konnte sie nicht mit in den Terminal, um ihn abfliegen zu sehen. Ein Schild weist darauf hin, dass zum Inneren des Flughafens José Martí nur die Reisenden Zutritt haben und nicht ihre Begleiter. Deshalb hat sie sich von ihm an der Tür verabschiedet. Das ist der zweite Sohn, der nun geht, seit vor einem Jahr die Migrationsreform in Kraft getreten ist. Für sie, so wie für viele Kubaner, war dies ein Jahr der Abschiede.

In den ersten 10 Monaten von 2013 machten sich 184.787 Personen auf die Reise fernab der Insel. Viele von ihnen zum ersten Mal. Obwohl die offiziellen Erklärungen die Tatsache leugnen wollen, dass es eine Landflucht gibt, so sind doch mehr als die Hälfte der Reisenden bis Ende November noch nicht zurückgekehrt. Aber Ziffern sind eigentlich nicht nötig. Es ist aureichend, wenn jeder von uns sich im eigenen Kreise umblickt, um die Abwesenheiten in Zahlen zu beschreiben.

Aus meinem ganz persönlichen und familiären Gesichtspunkt betrachtet, kann jede Reise ein Leben verändern. Sei es, um entültig aus einem Land zu verschwinden, in dem man nicht mehr leben möchte, das kennen zu lernen, was es auf der anderen Seite gibt, sich mit Familienangehörigen wieder zu vereinigen oder sich einfach nur Zeit und Abstand von der täglichen Routine zu nehmen. Die Frage ist, ob das Ergebnis dieser vieler individueller Verwandlungen dazu dient, eine Nation zu verändern. Die Antwort – wie viele Dinge in diesem Leben – kann sowohl „Ja“ als auch „Nein“ lauten.

Im Falle von Kuba haben die Ausreisen zum Teil als Überdruckventil des Zerwürfnisses agiert. Der rebellischste Teil der Gesellschaft hat die Koffer gepackt, um für kurze oder lange Zeit zu verreisen. Die Regierung hat sich dies zu Nutzen gemacht, ebenso wie die materiellen Gewinne der Reisen, welche sich durch noch mehr Geldsendungen, mehr importierten Konsumgütern und mehr kassierten Flughafengebühren konkretisieren. Die schornsteinlose Industrie der Völkerwanderung.

Für die Aktivisten aus der zivilen Bevölkerung, welche internationale Termine wahrnahmen, war die Gelegenheit außergewöhnlich. Ihre Stimmen dort zu verbreiten, wo vorher nur die Offiziellen zu hören waren, das war schon ein grosser Schritt nach vorne. Sie konnten sich den aktuellen Debatten aus aller Welt nähern und dies hat ihnen geholfen Ansätze zu modernisieren, ihre bürgerliche Rolle besser zu definieren und sich in Tendenzen einzubringen, die über die nationalen Grenzen hinaus gehen. Das Ergebnis ist nicht magisch und auch nicht unverzüglich, aber auf jeden Fall positiv.

Dennoch wurde während dieser ganzen Zeit den ehemaligen Gefangenen des „Schwarzen Frühlings“ die Ausreise verwehrt. Ebenso hat die Zahl der im Exil lebenden Personen, die an der Einreise nach Kuba gehindert wurden, stetig zugenommen. Leider hat dieses Drama – nach den großen Schlagzeilen, welche den Gesetzeserlaß 302 ankündigten – nicht genug Echo in den internationalen Medien und Regierungsstellen gefunden.

Ein großer Teil der Bevölkerung kann sich immer noch keinen Reisepass leisten. Für all diese Kubaner hat die Migrationsreform nur in den Leben anderer, auf den Bildschirmen der Fernseher und den Seiten der Zeitungen, stattgefunden. Übereinstimmender Weise ist es derselbe Teil der Gesellschaft, der sich immer noch keine Handynummer zulegen oder in einem Hotel übernachten konnte, geschweige denn, dass er auf dem Immobilien- oder Gebrauchtwagenmarkt erscheint. Es sind die Kubaner ohne konvertiblen Peso.

So war 2013 eine Mischung aus Koffern, Abschied, Rückkehr, aus auf Telefonlisten gestrichenen Namen, Seufzern, langen Schlangen vor den Konsulaten, Wiedersehen, Verkaufsanzeigen von Häusern um sich aus dem Erlös Flugtickets zu kaufen … Ein Jahr zum Verabschieden und ein Jahr zum Bleiben.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Die zehn beliebtesten Android Apps auf Kuba

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Es gibt einen grünen Roboter mit Antennen der einfach überall ist. Auf den Aushängen der Handy-Reparaturwerkstätten, auf diesen netten T-Shirts und sogar von den Windschutzscheiben einiger Autos blickt er uns entgegen.

Nicht nur dem Markenzeichen von Android läuft man auf Kuba überall über den Weg. Auch das eigene Betriebssystem von Google hat in den letzten Jahren an Beliebtheit gewonnen. Diese von Linux abgeleitete Kreatur, findet sich auf einem Großteil der Smartphones, die auf legalem oder illegalem Weg ins Land gelangen, wieder.

Wenn wir mal einen Blick auf die auf den Smartphones installierten Programme werfen, dann erkennen wir, dass die Applikationen, die offline ausgeführt werden, einen großen Teil ausmachen. Die User bevorzugen Apps, die ohne Internetzugang funktionieren, um die Einschränkungen auf „ der Offline-Insel“ zu vertuschen.

Es herrscht eine große Nachfrage nach Landkarten von ganz Kuba, Enzyklopädien mit Bildern, Übersetzungsprogrammen in verschiedene Sprachen, Rollenspielen und nützlichen Anwendungen für den Alltag.
Nach Befragung verschiedener Nutzer und Handywerkstätten, kann man eine Liste der zehn beliebtesten Android Apps auf Kuba erstellen.

  • WikiDroyd: Eine Version der interaktiven Enzyklopädie Wikipedia, die nicht nur den Text der Einträge enthält, sondern auch die Bilder. Das Programm arbeitet ohne Internetverbindung, man muss sich allerdings die Datenbank auf das Handy herunterladen. Auf Nachfrage beim Anbieter, beinhaltet die Anwendung auch die neueste Version auf Spanisch, die beinahe zwei GB umfasst.
  •  EtecsaDroyd: Eine Raubkopie des Telefonbuches der Firma ETECSA. Sie enthält den vollständigen Namen, die Ausweisnummer und sogar die Adresse aller Abonnenten. Obwohl diese Information eigentlich geschützt und nicht für den öffentlichen Gebrauch zugänglich sein sollte, sickert sie jedes Jahr wieder durch und landet auf den Rechnern und Telefonen von Tausenden von Personen. Ein weiteres Beispiel für die verbotenen Dinge, die so viele Kubaner machen.
  •  WiFiHacker: Eine Anwendung, mit der man sich in fremde WLAN-Netzwerke hacken und somit einen kostlosen Internetzugang nutzen kann. Diese Anwendung scheint in einem Land, in dem es nur wenige kabellose Internetanschlüsse gibt, nutzlos zu sein, aber man weiß ja nie.
  •  Revolico: Eine nicht autorisierte App der bekannten Internetseite für Werbeanzeigen Revolico.com. Mit ihrer einfachen Benutzeroberfläche bietet diese Anwendung dem Nutzer die Möglichkeit sich Kauf- und Verkaufsanzeigen verschiedener Kategorien herunterzuladen. Ihr Gebrauch hat sich aufgrund der stark wachsenden illegalen oder alternativen Märkte, die zum Nachteil der teuren und schlecht ausgestatteten staatlichen Märkte entstehen, schnell verbreitet.
  • Go SMS Pro: Ein wundervolles Nachrichtenprogramm für das Verwalten von SMS und MMS. Es ist um einiges besser als die ursprünglich für diese Zwecke gedachte Anwendung von Android. Sie bietet einen übersichtlichen Hintergrund, eine Auswahl von verschieden Profilen für die grafische Benutzeroberfläche, eine Rechtschreibprüfung und eine nette Konfiguration für Pop-ups, die auf neue Nachrichten aufmerksam macht.
  • ASTRO File Manager: Diese Applikation erlaubt es die auf dem Handy oder Tablet-PC gespeicherten Daten zu verwalten. Für diejenigen, die gerne in ihren Ordnern und Adressbüchern stöbern, ist diese Anwendung besonders hilfreich. Mit ein paar Klicks kann man Löschen, Kopieren, Umbenennen oder bestimmte Dateien finden.
  • Photo Studio: Das Zuschneiden und die Bearbeitung von Bildern sowie die Anwendung eines guten Farbfilters war noch nie so einfach. Das Programm erlaubt es ein hoch aufgelöstes Bild auszuwählen und dieses auf eine Dateigröße, die man per MMS (Multimedia Messaging System) verschicken kann, zu minimieren. Die mögliche Dateigröße ist auf Kuba auf rund 300 KB pro Nachricht beschränkt.
  • OfficeSuite Pro: Für diejenigen, die ihr Büro überall bei sich haben, ist dies eine wunderbare Anwendung um die Ideen festzuhalten, die einem an den erstaunlichsten Orten in den Sinn kommen. Sie bietet außerdem die Möglichkeit Excel, Power Point und Adobe Reader Dateien zu lesen und zu erstellen.
  • Tiny Flashlight: In dunklen Kinos ohne Platzanweiser und in Treppenhäusern ohne Licht kann uns etwas so simples wie eine Taschenlampe vorm Stolpern bewahren. Anhand solcher Funktionen zeigt sich, wie einfach gestrickt und doch unverzichtbar die Anwendungen dieser Handys sein können.
  • OsmAnd: Diese gehört zu einer Reihe von beliebten Anwendungen, die Landkarten ohne Internetverbindung zur Verfügung stellen, wie zum Beispiel auch OruxMaps, City Maps 2Go, MapDroyd und Soviet Military Pro. Obwohl keine Verbindungen zu einem GPS-Satelliten hergestellt werden kann, funktioniert die Standortbestimmung, durch die Triangulation der Antennen der Mobiltelefongesellschaft, ziemlich gut. Die App bietet sehr detaillierte Stadtpläne der wichtigsten kubanischen Städte, in den ländlichen Gebieten ist die Wegbeschreibung allerdings weniger genau. In einem Land in dem die Straßen unzureichend ausgeschildert sind, ist diese Anwendung fast schon ein kleines Wunder.

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Übersetzung: Anja Seelmann

Alchemie und Lügen

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„Der Alchimist“ Ölgemälde von Mattheus van Hellemont

Wir leben in einer Gesellschaft der Alchemisten. Sie können Eisen nicht in Gold verwandeln, aber sie sind in der Lage, Ingredienzien auszutauschen und fast alles zu panschen. Ihr Ziel ist es, irgendwelche Kunden zu betrügen, oder den Staat selbst auszunehmen. Um dies zu erreichen, breiten sie sogar das Periodische System nach Mendelejew aus, auf der Suche nach Elementen, die durch billigere ersetzt werden können.

Einige dieser “genialen“ Formeln könnten einen Anti-Nobelpreis für Chemie erhalten, insbesondere für die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit, die sie verursachen. Wie auch in dem Fall eines verbreiteten Rezepts für Tomatensauce, das gekochte Rote Bete und Süßkartoffeln, Gewürze, Maisstärke und ein rotes Haarfärbemittel enthält. Wenn ein Neugieriger nach „Tomaten?“ fragt, reagieren die Erfinder fast gereizt – „Nein, Tomaten kommen da nicht rein.“

Also sind die Straßen voll von Klebstofftuben, aus denen beim Ausdrücken nur Luft herauskommt. Shampoo-Flaschen versetzt mit Waschmitteln. Seifen mit Kunststoffspänen, hinzugefügt in Fabriken von Arbeitern, die Rohstoffe weiterverkaufen. Rum aus heimlicher Produktion, mit Alkohol aus Krankenhäusern und braun gebranntem Zucker, um Reife vorzutäuschen. Wasser in Flaschen, abgefüllt an irgendeinem Wasserhahn und zum Verkauf angeboten in den Regalen vieler Märkte.

Ohne von den Imitationen von Cohiba-Zigarren und anderen Marken zu sprechen, um sie als Originale an ahnungslose Touristen zu verkaufen. Nichts ist so, wie es scheint. Ein Großteil der Bevölkerung akzeptiert diese Fälschungen und fühlt sogar eine gewisse Solidarität mit dem Betrüger. Mit „von irgendwas müssen die Leute ja leben“, begründen sie den Schwindel; auch die, die selbst schon betrogen worden sind.

In der langen Liste der Fälschungen, nimmt das rationierte Brot den ersten Platz ein. Es handelt sich um das am häufigsten gepanschte Produkt in unserem Einkaufskorb; das Rezept ist schon vor Jahrzehnten verloren gegangen, aufgrund einer Standardisierung und der Abzweigung von Ressourcen.

In den Bäckereien erreichen die „Alchemisten“ das Niveau wahrer Genies. Sie fügen dem Teig riesige Mengen von Hefe hinzu, damit der ins Unermessliche wächst und man so dieses „Luftbrot“ erhält, das bei uns ein schmerzendes Zahnfleisch und einen leeren Magen hinterlässt. Ohne davon zu sprechen, dass das Backmehl durch ein anderes ersetzt wird, das man für die Herstellung von Teigwaren und Nudeln verwendet. Mit diesem Verfahren landet in unserem Mund ein hartes und trockenes Etwas, ohne jegliches Aroma. Am besten ist es, wenn man vor dem Essen nicht hinschaut, denn das Aussehen ist schlimmer als der Geschmack.

Wenn Paracelsus auferstehen würde, müsste er auf diese Insel kommen. Er könnte vieles lernen!

Übersetzung: Valentina Dudinov

Ohne Verpflichtung

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Foto: Silvia Corbelle

Rot und schwarz sind die Farben der Zeitung Granma. Jedoch im Gegensatz zu Stendhals berühmtem Werk, wird der Leser auf deren Seiten keinen Realismus sondern Sendungsbewusstsein finden. Wenn das offizielle Organ der Kommunistischen Partei einen Titel wählt, hat es eher die Intention eine Meinung aufzuzwängen, als darüber zu informieren.

Genau das passierte mit dem Satz, der am vergangenen Donnerstag auf der ersten Seite dieser Tageszeitung hervorstach. Zitiert aus Raúl Castros letzter Rede in Santiago de Cuba, sagt er: „Die Revolution besteht weiterhin, ohne absolut niemandem verpflichtet zu sein, nur dem Volk!“. Mit diesem Aufmacher wollten sowohl der Redner als auch die Verleger etwas erklären, es aber in der Realität nicht ganz klar werden lassen. Es lohnt sich, die Bedeutung des Satzes zu entschlüsseln.

Es sind bereits 55 Jahre vergangen, seit die so genannte Kubanische Revolution begann; von daher dürften sich die möglichen Verpflichtungen, auf die man sich bezog, nicht auf deren Ursprung zurückgehen. Man könnte sich vorstellen, dass der General damit nicht auf den Bruch und die Undankbarkeit gegenüber gewissen Unterstützern anspielte, und auf Subventionen, die die Rebellen vor einem halben Jahrhundert erhielten.

Es klingt somit auch nicht nach einer Verabschiedung von alten Weggenossen, die Schulter und Geldbeutel “hinhielten“, um dieses System über Jahrzehnte hinweg zu stützen.

Wer dann ist dieser “niemand”, dem Raúl Castro jegliche Möglichkeit auf Forderungen entzieht? Ganz offensichtlich zeigt er auch nicht auf den Palacio de Miraflores und somit auf die aufgebauschte Unterstützung, die Kuba von Venezuela erhält. Denn diese finanzielle Hilfe führte dazu, politisch noch stärker an die Regierung gebunden zu sein, jedoch an die Regierung, die die Unterstützung gewährt und nicht umgekehrt.

Zu meinen, es wäre eine Andeutung, dass man die politischen Verantwortlichkeiten einfach außen vor lassen könne, weil man zur CELAC – der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten – gehöre, wäre weniger naiv. Von was sprach dieser Mann in Militäruniform? Abgedroschene Sätze und eine schriftliche Abhandlung. Auf was bezieht er sich? Die Antwort zielt sowohl auf das Weiße Haus als auch auf Brüssel.

Alle Verhandlungen oder Gespräche benötigen ein Minimum an Verpflichtungen, die man einhalten muss. Jeder in einer Vereinbarung implizierter Teilnehmer versichert sich, dass der andere Part auf gleiche oder größere Maßnahmen wie man selbst eingeht. Es ist offensichtlich, dass im Jahr 2013 sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Europäische Union einen Schritt getan haben, um die “diplomatische Temperatur“ zwischen ihnen und dem Platz der Revolution zu mindern.

Zuzwinkern, Flexibilisierungen, Ankündigung eines neuen Weges, davon redeten einige Politiker im Bezug auf “die Große der Antillen“. Der Menügang für das Bankett der Verhandlungen und Dialoge wurde serviert. Als Antwort darauf zeigte sich der undankbare Gast sprachlos und verlies den Tisch.

“Keine Verpflichtungen….“, rief Raúl Castro und beeilte sich, dies in roten und schwarzen Buchstaben in der Zeitung Granma einzurahmen. An wen sich dieser Satz richtet, wissen diese schon, und sie sind schon gewarnt.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Plüschspielzeug

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Auf dem Sofa liegt ein Plüschhund, dem ein Auge fehlt und ein Ohr ist schon aufgetrennt. Vor 30 Jahren war er das Spielzeug eines Mädchens, das jetzt selbst schon zwei Kinder hat. Keines von beiden ist alt genug, um noch den rationierten Markt zu kennen, der industrielle Erzeugnisse anbot. Wenn ihre Mutter ihnen erzählt, dass ihr dieses Spielzeug unter der Kategorie „Grundprodukte“ zugeteilt wurde, schauen sie sie deshalb an als spräche sie Chinesisch.

Für sie ist alles anders. Von klein auf wissen sie, dass man Spielzeug nur gegen konvertierbare Währung verkauft. Manchmal, wenn sie zum großen Markt in der Straße Carlos III gehen, pressen sie ihre Nasen auf eine Glasscheibe vor einem rosa Pony oder einem Häuschen aus Plastik mit einem Kamin.

Es sind zwei verschiedene Generationen, verbunden aber in ähnlichem Unbehagen. Als Dreißigjährige erlebte ihre Mutter die Ära der sowjetischen Subsidiarität und der staatlich geregelten Verteilung von allem, ….von fast allem. Ihre Kinder haben die Zeit des dualen Währungssystems und der Mangelwirtschaft erlebt. Während sie damals den Dreikönigstag nicht im Januar feierte, weil man ihn offiziell in den Juli verlegt hatte und anders nannte, haben ihre Kinder eine stürmische Wiederbelebung von vielen Traditionen erlebt.

In den achtziger Jahren hat die Großmutter des Mädchens mit dem Plüschhund ihr flüsternd von Kaspar, Melchior und Balthasar erzählt. Dann, als sie erwachsen wurde, erzählte sie ihren Sprösslingen offen den Brauch mit dem Brief an die Heiligen Drei Könige, wo die Kinder ihre Wünsche aufschreiben; und auch vom Wasser für die Kamele, damit die ihren Durst stillen können. *

Heute sieht das Mädchen von damals den anbrechenden Tag vor einem Spielwarengeschäft, das sehr verschieden ist. Keine Angestellte verlangt mehr von ihr ein Büchlein mit Coupons und Feldern, um eine entsprechende Produktnummer abzureißen oder zu markieren.

Jetzt sind es ausschließlich konvertierbare Pesos – die sie nicht als Lohn erhält –, die ihren Kindern Puppen, Wägelchen oder einfache Glaskugeln zugänglich machen. Deswegen zählt sie ihr Geld nach und überschlägt in Gedanken, wozu es reicht. Sie muss sich beeilen; die Kinder sind wohl schon aufgewacht und machen sich im ganzen Haus auf die Suche nach den Geschenken der Heiligen Drei Könige.

Sie hat es geschafft eine Plastikflöte und einen ganz kleinen Plüschhund zu kaufen. Er hat riesengroße Ohren und blaue Augen.

* Anm. d. Übersetzers: In Spanien und spanisch sprechenden Ländern ist es Tradition, dass die Heiligen Drei Könige (Los Reyes Magos) in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar den Kindern die Geschenke bringen.

Übersetzung: Dieter Schubert

Absichtlich gute Vorsätze

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Um zum Himmel aufzusteigen… braucht man eine kleine und eine grosse Leiter. Foto: Silvia Corbelle

Jeder beliebige Tag ist gut um ein Projekt zu starten, um einen Traum zu konkretisieren. Aber dennoch wiederholen wir zu jedem Jahresanfang das Ritual, uns Ziele für die kommenden 12 Monate zu setzen. Einen Teil verwirklichen wir, ein anderer wird unerfüllt bleiben und wir setzen ihn auf die Liste für den nächsten Januar. Einige setzen auf persönliche Belange, wie zum Beispiel mehr Zeit für die Familie haben, Sport treiben, den verschobenen Termin beim Zahnarzt wahrnehmen – aber die Liste kann sich auch auf berufliches Streben erweitern, wie zum Beispiel den Arbeitsplatz wechseln, eine Forschung beenden, auf einem neuen Gebiet einen akademischen Grad erwerben.

Ich habe einige Freunde und Bekannte nach ihren Wünschen für 2014 gefragt und die Antworten sind ein Kaleidoskop der Vorsätze. Von “im Fitnesscenter des Viertels trainieren”, “das Fahrradtaxi verkaufen um ein Motorrad zu kaufen”, “eine Decke einziehen” bis hin zu “das Studium beenden”, “die ganze Familie in Miami vereinen”, “einen Videoclip drehen” oder “sich mit einem Café selbstständig machen”. Ein Ausreisevisum ist nach wie vor unter den am weitest verbreiteten Wünschen, ganz speziell bei den Jüngeren. Bis hin zu dem Punkt, dass viele berufliche Projekte das eigentliche Ziel haben, finanzielle Mittel zu erwirtschaften um das Land verlassen zu können. Nach fast 6 Jahren seit Beginn der sogenannten “Raulschen Reform” haben diese es nicht geschafft, weder die häusliche noch die nationale finanzielle Lage bedeutsam zu verbessern.

Nach einem 2013, welches das Leben verändert hat, ist im persönlichen Bereich die Palette meiner Vorsätze so bunt wie unmöglich, um sie in all ihren Bereichen zu realisieren. Ich werde weiterhin Kurse geben um den Menschen zu zeigen, wie die neuen Technologien benutzt werden. Dieses Jahr wird auch mein Traum nach einem unabhängigen, digitalen Hilfsmittel das Licht der Welt erblicken, was mich die letzten Wochen von hier nach dort hat rennen lassen. Und wie bei jeder Neugeburt wird es Schmerzen, Leid, Freude und schlaflose Nächte mit sich bringen. In den folgenden Wochen werde ich den Ablauf des „Geburten“- Zeitplans veröffentlichen. Bleibt gespannt!

In meinem Zimmer gibt es einen Bücherberg den ich gerne lesen würde, einige zum ersten Mal andere zum x-ten Male. Was für eine Träumerin bin ich, zu glauben, ich hätte für so was Zeit! Ich möchte zurück zu den Seiten des Meisters Kapuściński, mich erneut mit Truman Capote treffen, und einige Texte von Javier Cercas aufspüren, die in meiner Bibliothek fehlen. Ich werde weiterhin Zeitschriften über Apps, Gadgets, Softwares verschlingen… denn, ich gestehe, jedes Jahr werde ich mehr und mehr zum geek.

Meine Freunde und Leser nehmen einen sehr wichtigen Platz in meinen jährlichen Vorsätzen ein. Hoffentlich werd ich sie etwas besser pflegen können, ihnen Zeit widmen für ein gutes Gespräch bei einem Kaffee. Für jene, die weit weg sind, hoffe ich, dass “die Götter der Technologie” sich erbarmen und mir mehr Internetzugang ermöglichen um ihre e-mails zu beantworten. Aber ihr wisst ja, der Olymp ist launisch und Zeus möchte den Blitz der Verbindbarkeit nicht abfeuern.

Mein Zuhause, meine kleine Familie, meine Pflanzen und Tiere, welche mir das Leben schwer und glücklich machen, sind ebenso unter den Prioritäten. Ehrlich gesagt, ich kann mich nicht beschweren, denn sie forden nicht viel von mir und dennoch geben sie mir alles. Ich hoffe, dass ich mit meinem Sohn gemeinsam seine ersten Philosophie-Lektionen durchgehen kann und mit Reinaldo zu diesem “schmutzigen Stück Meer” gehen kann, welches wir vor über 20 Jahren zu unserem gemacht haben. Ich werde mich auf sie konzentrieren. Denn in den Momenten mit dem grössten Druck waren es die Menschen die ich liebe, welche mir geholfen haben weiterhin zu lächeln.

Im Mittelpunkt aller Pläne steht mein Land. Ohne es hätte ich kein Zuhause, keine Familie, keine Freunde, keine Themen über die ich schreiben könnte, keine Pläne zu verwirklichen … und keinen Yagruma-Baum im Topf den es zu pflegen gilt. Obwohl ich weiss, dass das Zuhause überall sein kann, habe ich mich dafür entschieden, dass meines – auf eigenes Risiko – hier auf dieser Insel ist. Ich bleibe, obwohl so viele Bekannte das Land verlassen und obwohl ein Grossteil nationalen Potenzials durch eine verfallene und intolerante Macht ausgebremst wird. Ich bleibe auch, um durch den Journalismus und die Information zu helfen zu einem freien, demokratischen, erfoglreichen und integrierten Kuba zu gelangen.

Wie ihr seht, ich habe wohl etwas übertrieben mit meinen guten Vorsätzen für 2014. Es muss wohl der ein oder andere unterwegs gestrichen werden. Welcher? Ich weiss es nicht. Für den Moment möchte ich daran glauben, dass sich alle erfüllen mögen.

Übersetzung: Birgit Grassnick

Matratzen

Eine Frau schreit ihnen vom Balkon aus zu, woraufhin sie neben dem Karren, den sie gerade anschieben, stehen bleiben. Sie bauen ihre aus Brettern bestehende Werkstatt gleich dort auf dem Bürgersteig vor aller Augen auf. Kaputte Sprungfedern werden ausgewechselt, Ränder werden mit riesigen Nadeln vernäht und der Matratzenbezug, der schon hier und da Flecken hat, wird durch einen neuen Bezug aus dem Stoff von Mehlsäcken ersetzt. Ihre Hände arbeiten flink. In weniger als einer Stunde werden sie ihre Arbeit beendet haben und auf der Suche nach neuer Kundschaft die Straße hinunter wandern. In der Luft liegt eine Mischung aus Staub, Fusseln und der Geruch nach über die Jahre gesammelter Vertrautheit.

Für die Matratzenflicker gibt es immer Arbeit, viel Arbeit. In einem Land, in dem viele Menschen noch in demselben Bett schlafen, in dem sich schon ihre Großeltern zur Ruhe legten, ist diese Arbeit unentbehrlich. Heutzutage sind die Experten in Sachen Watte und Metallfederroste überall zu finden. Mit Garnspulen ausgerüstet versprechen sie lauthals schreiend 30 Tage Garantie nach Reparatur. Sie reparieren Dinge, deren Mindesthaltbarkeitsdatum schon vor Jahrzehnten abgelaufen ist und geben denjenigen den erholsamen Schlaf zurück, die jeden Morgen mit einer herausstehenden Sprungfeder, die sich ihnen in den Rücken bohrt, aufwachen.

Auch Betrüger sind nicht selten. Sie schaffen ein Blendwerk, das nicht lange währt und den Käufer mit einem von Schmerzen geplagtem Körper und Geldbeutel zurücklässt. Sie legen mehrere Schichten getrocknete Bananenblätter, Kunststofffasern oder Sägespäne aufeinander. Danach überziehen sie das Ganze mit einem bedruckten Stoff, der sich sehen lassen kann, wobei sie besonders auf eine saubere Verarbeitung der Ränder achten. Sie halten sich in der Nähe der Einkaufszentren auf und beteuern stets „dass ihre Ware, wie die aus den Geschäften sei“. In einem Land, in dem ein Arbeiter ein Jahresgehalt für eine Doppelbettmatratze berappen muss, sind nicht staatliche und damit günstigere Angebote immer sehr verlockend. Allerdings entpuppt sich in vielen Fällen, was erst so günstig erschien, schon bald als Reinfall.

Das Schauspiel wiederholt sich als die Flicker in ein anderes Viertel gelangen. Eine Mutter will die Urinflecken, die der jüngste Sohn auf der Matratze hinterlassen hat, loswerden. Andere schämen sich, weil die Nachbarn, die vielen kleinen Ausbesserungen, die sie in den vergangen Jahren an ihren Matratzen vorgenommen haben, sehen werden. Man hört oft Sätze wie „die gehört nicht mir, sondern einem Verwandten, aber ich tue ihm den Gefallen und lasse sie reparieren“. Manche sind schon völlig unförmig, haben keine klar erkennbaren Ecken mehr und sind in der Mitte eingesunken, so dass anstelle einer Reparatur wohl eher ein Zaubertrick nötig wäre. „Bitte einmal wie neu zurück“ sagen sie zu dem Flicker, dessen Hände sich sofort ans Werk machen, die Matratze an manchen Stellen mit Hilfe eines Werkzeugs abzutasten, dann erst legt er seinen Preis fest.

Er ist viel mehr als nur ein Matratzenflicker, er ist ein Traumflicker.

Übersetzung: Katrin Vallet

Und wieder einmal Dezember

Und wieder einmal sind zwölf Monate rum. In diesen Tagen lassen wir Revue passieren, was wir dieses Jahr alles erreicht haben und verschieben noch Unerledigtes auf das kommende Jahr. Was hat sich in Kuba verändert – und in jedem Einzelnem von uns – seit diesem Dezember im Jahr 2012, in dem wir ebenfalls Bilanz zogen? Vieles und doch so wenig. In dem kleinen Bereich meines Privatlebens, so kommt es mir vor, bewegte sich alles in einem ungewöhnlichen Rhythmus. Für den Zeittakt einer ganzen Nation ist dies aber wohl kaum ein großes Beben, sondern eher eine leichte Erschütterung. Der Januar begann mit der Reform des Migrationsgesetzes und in den darauf folgenden Monaten sagten wir viele Male „Adiós“. Wir leben jetzt ohne dieses Gefühl der unmöglichen Rückkehr, das wir vorher hatten, der endgültigen Ausreise und dem Leben im Exil – das ist wahr – aber die Geschwindigkeit mit der wir weiterhin Namen aus unseren Adressbüchern streichen ist dennoch Besorgnis erregend. Unser Zustand einer „Insel auf der Flucht“ hat sich weiter verschlimmert, dieses Mal innerhalb eines legalen Rahmens, der diese erlaubt und sogar begünstigt.

Die sozialen Unterschiede wurden immer größer. Die Zahl der Bettler und derer, die im Müll herumwühlen ist gestiegen. Gleichzeitig begannen viele moderne Autos über unsere kaputten Straßen zu fahren und mehr als nur ein Neureicher verbrachte seinen Urlaub auf der anderen Seite des Atlantiks. Wenn etwas das Jahr 2013 charakterisierte, dann sind es die gegensätzlichen Geschichten, die man darüber hören kann. Anekdoten über Familien die Luxusrestaurants im Herzen Havannas eröffnet haben und über andere die keinen Kaffee mehr trinken, weil sie seinen festgesetzten Preis nicht mehr bezahlen können. Einige, die draußen vor einer Boutique warten, um sich Tennisschuhe von Adidas zu kaufen, und andere die vor einer Kantine verharren, in der Hoffnung, dass ihnen die Reste geschenkt werden, die sie dann mit nach Hause nehmen können. Wir leben in Zeiten großer Gegensätze, von nicht zusammenpassenden Momentaufnahmen aus dem Fotolabor des Lebens. Es war auch ein Jahr in dem sich der ideologische Diskurs sogar noch weiter von der Realität entfernte.

Die Unterdrückung ist dagegen noch stärker geworden. Und zwar im gleichen Maße in dem die zivile Gesellschaft wuchs und anfing bestimmt Räume einzunehmen. Den Kampf um das Nachrichtenmonopol verlor die Regierung in diesem Jahr 2013 gegen die verborgenen Netze der Berichterstattung, der audiovisuellen Medien und der digitalen Bücher. Wir bekamen besser mit was passierte, aber bis zu dem Tag, an dem wir uns verbünden können, liegt noch ein weiter Weg vor uns. Das Leben ist für uns alle teurer geworden, die Privilegien und die Begünstigungen beschränkten sich auf eine Elite, die weit über der restlichen Bevölkerung steht und am Kampf gegen die Korruption beteiligten sich manche, während andere ihn vermieden. Die Überweisungen aus dem Ausland haben zusammen mit der finanziellen Unterstützung aus Venezuela den Kollaps verhindert, aber die roten Zahlen beweisen eindeutig, dass die wirtschaftlichen Reformen gescheitert sind. Zumindest haben sie es nicht geschafft, den Kubanern ein besseres Leben zu bieten und somit einen Grund, in diesem Land zu bleiben.

Vom Rest der Welt konnten wir einiges lernen, wie zum Beispiel von den Bildern aus Kiew, wo so viele Menschen die Angst überwunden haben. Fidel Castro verschwand noch ein bisschen mehr von der Bildfläche, in diesem langen Sterbeprozess, der sich nun schon über sieben Jahr zieht. Und die Freiheit? Wir werden sehen ob wir es 2014 schaffen diese für uns zu gewinnen.

Übersetzung: Anja Seelmann

Briefe sind Briefe

Cartas son cartas
Foto: Silvia Corbeille

Die Morgennachrichten haben Raidel sprachlos gemacht. Gerade jetzt, als er sich ein Auto zum subventionierten Preis kaufen wollte, wurde das Ende dieses Privilegs verkündet.

Gerade erst hat er den Brief mit der Genehmigung erhalten, mit Unterschriften und Stempeln, nachdem er monatelang von einem Büro ins andere geschickt wurde, von einem Bürokraten zum anderen. Das Schwierigste war es zu beweisen, dass seine Einkünfte aus dem staatlichen Sektor kamen, zu belegen, dass er jeden einzelnen Centavo mit der Ausstattung von Hotelanlagen verdient hat. Mit der bereits erteilten Erlaubnis harrte er vier Jahre lang auf einer Warteliste aus, die über siebentausend potenzielle Käufer enthielt. Bis zu diesem Morgen, als sein Traum – loszugehen und sich einen preiswerten Peugeot oder Hyundai auszusuchen – genauso schnell verpuffte, wie die Nachricht im Fernsehen vorgelesen wurde.

Kürzlich hat der Ministerrat beschlossen, den Verkauf von modernen Neu- und Gebrauchtwagen schrittweise für natürliche Personen einzuführen – ob Einheimischer oder Ausländer. Zwei Jahre nach der Verlautbarung des Dekrets 292 hat sich die Realität durchgesetzt und zwang zu einer Erweiterung der engen Grenzen dieser Verordnung. Der Legalisierung von An -und Verkauf von Fahrzeugen unter Privatleuten hat man jetzt den Erwerb von Autos über Händler hinzufügt, von solchen mit Kilometerstand „null“ oder Jahreswagen. Von der lediglichen Erlaubnis mit Produkten aus zweiter Hand zu handeln, gehen wir dazu über, ein „neues Paket“ mit bestimmten technischen Garantien bekommen zu können, aber eben über die staatlichen Handelsketten, zu einem Preis, den die Regierung festsetzt und den man vermutlich in bar bezahlt.

Eine solche Maßnahme begünstigt die aufstrebende Mittelschicht, die begierig darauf ist, immer mehr moderne Statussymbole zu besitzen. Im Endeffekt werden die sozialen Unterschiede – die in den letzten fünf Jahren ohnehin dramatisch zugenommen haben – sich weiter vergrößern. Obwohl der politische Diskurs immer noch von Gleichheit und von Chancen für alle spricht, richtet sich diese Flexibilisierung an diejenigen, die hohe Einkünfte in konvertiblen Pesos haben. Sie sind die großen Gewinner des Tages, während zu den Verlierern Kubaner wie Raidel zählen, dessen Brief mit der Genehmigung zum Kauf eines Autos nicht einmal mehr musealen Wert hat. Menschen, die jahrelang applaudierten, simulierten und hart arbeiteten, verstehen heute, dass der Markt sich über ihre beruflichen und politischen Verdienste hinweggesetzt hat.

Übersetzung: Valentina Dudinov