Die Boutique

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Wenige Meter vom Plaza de San Francisco entfernt, sieht man das glamouröse Schaufenster eines Ladens, Vía Uno. Schuhe aus Leder mit Pfennigabsätzen, ein bisschen nutzlos für die unebenen Bürgersteige Havannas. Handtaschen, plissiert und mit goldfarbenen Verzierungen, die den Anschein erwecken, die ganze Welt passe hinein, als gäbe es Platz für die ganze Stadt. Die neugierigen Leute bleiben vor der Scheibe stehen und einige Frauen treten ein, um sich die Ware von der Nähe zu betrachten, dennoch kommen nur sehr wenige mit etwas Gekauftem in den Händen heraus. Dort ist die Jugendliche, die bald 15 Jahre wird, die ihre Mutter dazu drängt, ihre Ersparnisse für ein Paar rote Stiefeletten auszugeben. Ebenfalls die Funktionärin einer neuen Genossenschaft, den Mund offen stehend und die Augenbrauen hochgezogenen angesichts der Preise, die sich auf eine dreistellige Zahl belaufen. Auf der anderen Straßenseite – genau gegenüber vom Boutique-Eingang – steht eine alte Frau mit ausgestreckter Hand und bittet um Geld.

Wie eine überbelichtete Fotografie werden die sozialen Kontraste im kubanischen Leben Tag für Tag stärker wahrnehmbar. Während viele sich beim Aufstehen besorgt fragen „Was werde ich heute essen?“, protzt eine neue Gesellschaftsklasse – mit dem „Peso convertible“ im Geldbeutel – damit, Artikel aus exklusiven Läden zu konsumieren. Leute, die dank der Korruption, den privaten Geschäften, den Geldüberweisungen aus dem Ausland, oder den Regierungs-Privilegien Zugriff haben, auf teurere Kleidung, bessere Lebensmittel, auf Waren die für die große Mehrheit nicht zugänglich sind. Dort wird das Kuba der verschiedenen Stufen sichtbarer, schmerzvoller. Dort wird dieses Konzept der „Gleichheit“ widerlegt, das man noch immer in unzähligen Parolen hört, das – wie ein Trugbild – in den Köpfen von so vielen außerhalb unserer Grenzen existiert.

Unter dem grellen Schein einer Leuchtreklame aus spitzigen Buchstaben verkauft ein Mann Erdnüsse in Papiertüten. Nicht eine einzige Silbe seiner lautstarken Ausrufe, mit denen er die Ware feilbietet, hört man in diesem klimatisierten Geschäft, noch weniger in der Ankleidekabine, wo jemand den Reißverschluss eines Luxus-Kleidungsstückes hochzieht.

Übersetzung: Nina Beyerlein

4 Gedanken zu „Die Boutique

  1. Ich kann an den heutigen Entwicklungen in Kuba kaum was Positives abgewinnen-damit meine ich eben die Ungleichheit.Nach Beginn der sog. Sonderperiode gab es fast nichts für Peso zu kaufen,seitdem hat sich eine Parallelwirtschaft des Dollarmarktes herausgebildet mit Preisen die im krassen Gegensatz zu den üblichen Pesogehältern und -Renten stehen.
    Wenn die Warenangebote der neuen Läden doch bloß mit Pesogehältern zu vertretbaren Preisen erhältlich wären-ist doch logisch,wozu arbeitet man schließlich…
    Ist freilich illusorisch.Würde der Peso völlig von der Devisenwährung CUc ersetzt ginge es nur mit der vollständigen Einführung des Kapitalismus,nachdem die sieche sozialistische Mangelwirtschaft endgültig zugrunde gegangen ist-also gleichzeitig der Arm-Reich-Unterschied nur noch größer wird.
    Es gibt dann ausreichend Medikamente,aber keine medizinische Behandlung mehr umsonst.
    Selbständige Gewerkschaften können sich mangels Erfahrung und Ressourcen nicht schnell genug entwickeln.Also können vorerst auch keine ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse verhindert werden.
    Doch in Yoanis Beiträgen geht es wohl auch weniger um Utopien sondern um etwas zu dokumentieren,was offiziell totgeschwiegen wird.

  2. Ganz zutreffende Bemerkung, dass in den Boutiquen der Konzept der „Gleichheit“ widerlegt wird

    Möchtest Du den Kapitalismums oder die Gleichheit haben, Yoani?

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