Zwischen Scherzen und Toten

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Das Nichts, die Apathie und das Mäuerchen an der Ecke, auf das man sich für immer setzen will, um die Zeit verstreichen zu lassen. Die Hauptfigur des Films „Juan de los muertos“ (Juan von den Toten) verhält sich bereits wie ein Leichnam, schon bevor die Zombies in Havanna einfallen, in eine Stadt, die eh schon wie unter einem Leichentuch liegt und tot ist. Dieser fiktive Antiheld aktiviert inmitten des Chaos seine Kreativität und seinen Einfallsreichtum, um ein haarsträubendes Geschäft zu gründen. „Wir töten Ihre Lieben“ lautet der Slogan der Firma, die er gemeinsam mit anderen ebenso gestörten Spießgesellen gegründet hat, und deren Marktnische darin besteht, lebende Tote zu jagen. Das Drehbuch vermengt auf amüsante Weise Humor und Fantasy, Spezialeffekte und unretuschierte Realität. Die Zuschauer vor der Leinwand sind gefangen zwischen Schrecken und Amüsement, angesichts des Kapitols, das durch Hubschrauber zerstört wird, und des sinnbildlichen Gebäudes Focsa*, das in Schutt und Asche liegt. Man lacht und gruselt sich gleichzeitig.

“Juan de los muertos” unter der Regie von Alejandro Brugués entfacht gerade in der kubanischen Hauptstadt Begeisterungsstürme. Der Film hat sehr lange Schlangen vor den Kinos hervorgerufen, einige von ihnen wurden von der Polizei mit Schlägen und Tränengas aufgelöst, das Dutzende von Augen in Mitleidenschaft zog. Aber die Neugier war in diesem Fall größer als die Vorsicht. Das Publikum will einerseits in eine Geschichte von Wesen eintauchen, die unseren schlimmsten Alpträumen entspringen, andererseits aber vor allem die Botschaften zwischen den Zeilen entziffern, die der Film enthält. Das sind besonders jene Szenen, in denen Hunderte verzweifelter Menschen von der Mauer des Malecón ins Meer springen, um aus einem Land zu entkommen, wo die Verwesung mehr und mehr an Raum gewinnt.

Etwas von dem automatisierten Verhalten der schnellen Einsatztruppe und der Menge, die bereit ist, Andersartiges anzugreifen, zeigen auch diese furchterregenden Kreaturen, denen sich der Hauptdarsteller gegenübersieht und die er nur dadurch besiegen kann, dass er „ihr Gehirn zerstört“. So kommt es, dass zwischen Lachen und Erschrecken die Metapher bis ins Einzelne durchgespielt und dadurch noch klarer wird. Den Zuschauern auf ihren Kinosesseln wird schließlich die scherzhafte und zugleich klare Frage entgegen geschleudert: Seid ihr nicht auch wie Leichen, die sich mit irrem Blick fortbewegen, wie Zombies, die ohne Zukunftsaussicht durch die Straße La Rampa zum Malecón laufen?

Anm. d. Ü.
*Focsa ist das zweithöchste Gebäude Havannas mit 35 Stockwerken, 1956 erbaut.
Übersetzung: Iris Wißmüller
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