Zwölf Männer an der Zahl

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Wenn ich als kleines Mädchen den Namen Perico* hörte, ein Dorf in der Provinz Matanzas, bekam ich Bauchweh vor lauter Lachen. Das war so, bis ich erfuhr, dass ein Teil der Familie meines Vaters daher stammte, da erschien mir der Witz nicht mehr ganz so nett. Letzten Samstag war ich eingeladen, um wieder einmal dorthin zu fahren und den staubigen Bahndamm und den heruntergekommenen Bahnhof zu sehen. Die Abreise meiner Schwester lähmte mich jedoch und hielt mich in diesem 14. Stock hier fest ohne rechte Lust, irgendwohin zu gehen. Ich bedauere es sehr, nicht gefahren zu sein, da uns dort zwölf ehemalige Gefangene des Schwarzen Frühling** erwarteten und als Gastgeber ein herzensguter fleißiger Bauer namens Diosdado Gonzáles, der seinen Tisch und sein Haus für die so wichtige Zusammenkunft zur Verfügung stellte.

Anfangs handelte es sich um ein Treffen mit der Absicht, Freundschaften zu vertiefen, die Familien der einzelnen vorzustellen und ein Stück der Lebenszeit gemeinsam zu verbringen, von der ihnen der kubanische Staat mehr als 7 Jahre geraubt hatte. Die Entscheidung von Guillermo Fariñas, erneut einen Hungerstreik zu beginnen, ließ die Stimmung an diesem Tag mit einem Mal komplett umschlagen. Auf den ursprünglich entspannten Gesichtern zeigte sich Besorgnis und die Stühle, die die Festgesellschaft aufnehmen sollten, mussten nun dem Gewicht ihrer Unruhe standhalten. In kurzer Zeit zwischen mehreren Schlucken Kaffee, den Alejandrina rechtzeitig gebracht hatte, verwandelte sich das Treffen in eine Art Bürgerversammlung, wo man nicht kleine Plastiksoldaten auf einer Kriegskarte aufstellte, sondern Ideen auf dem Bogen der Geschichte.

Dann las mir Pedro Argüelles am Telefon den an jenem Tag gemeinsam verfassten Text vor und ich bedauerte es wieder sehr, nicht dort gewesen zu sein. In ihren Forderungen verlangen die Unterzeichner, dass die Todesursache von Juan Wilfredo Soto ernsthaft untersucht werde. Auch dass der Tod von Fariñas verhindert werde und, was meiner Meinung nach am schwersten zu erreichen ist, dass die Repression und die Hetze gegen die Aktivisten der Opposition aufhören solle. Aber dieses Mal scheinen sich die Ohren der Mächtigen noch hartnäckiger vor Beschwerden zu verschließen als vor einem Jahr. Außerdem befürchte ich, dass der Körper des Sacharow-Preisträgers 2010 ein weiteres langes Fasten nicht überleben wird. Hoffentlich überrascht mich das Leben und es wird etwas erreicht. Perico soll nicht mehr nur ein Dorf mit lustigem Namen sein, sondern ein Platz, von wo aus das Wort, die Verantwortung als Bürger und die Einigkeit eine trotzige und langandauernde autoritäre Staatsform bezwangen.

Anm.d.Ü.
* perico bedeutet Nachttopf
** Im Schwarzen Frühling von 2003 wurden während einer Demonstration viele bisher unbescholtene Bürger festgenommen und zu langen Haftstrafen verurteilt.
Übersetzung: Iris Wißmüller
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