Ein Teil von mir

palma_sola[1]

Die Emigration hat mir meine Freunde, Bekannte aus der Kindheit, Nachbarn aus meinem Geburtsort und Menschen, die ich ein- oder zweimal auf der Straße begrüßt habe, weggenommen. Eines Tages entriss sie mir Tanten väterlicherseits, Cousins, Kameraden, mit denen ich die Freude teilte, meinen Abschluss zu machen, und sogar den scheuen Postboten, der mir einmal die Woche die Zeitung brachte. Und als ob sie damit nicht zufrieden wäre, ist sie zurückgekehrt nach mehr. Nun entzieht sie mir auch den engsten und innigsten Teil meines Lebens.

Ich erinnere mich, wie meine Schwester mir erzählte, dass sie sich in einer Lotterie für internationale Visa eingeschrieben hatte. Was den Zufall betrifft, hatte Yunia immer Glück, sodass ich vom ersten Moment an wusste, was mich erwarten würde. Meine Mutter erzählt, dass an dem Tag ihrer Geburt, die Ärzte und die Krankenschwestern sich bekreuzigten, als sie sahen, wie das Baby in einer fast unversehrten Fruchtblase aus dem Uterus herauskam. „Du bist in einem schützenden Beutel auf die Welt gekommen“, sagten sie ihr, als würde es Wohlstand, Liebe und Glückseligkeit garantieren. So schien es, als würde diese Insel meine ältere Schwester in ihrer Seligkeit einengen. Und vor über zwanzig Jahren gelangte sie zu demselben Schluss, wie der Großteil meiner Landsleute: Wie kann man in einem Land Wurzeln schlagen, das selbst kaum Früchte trägt? Ich habe nicht einmal versucht, sie zu überzeugen, sondern sah nur zu, wie sie hier in dem Papierkram versank, und dort in einer Schlange auf die Erlaubnis wartete, während ich wusste, dass der Moment des Abschieds nahe war.

Schließlich, am vergangenen Freitag, hob ihr Flieger ab und nahm meine einzige Nichte, meinen Schwager und eine kleine streunende Hündin, die sie nicht zurücklassen wollten, mit sich fort. Am Tag zuvor schrie meine Mutter: „Ich bin noch nicht bereit dafür! Ich bin noch nicht bereit!“, während mein Vater die Tränen verbarg, weil „Männer eben nicht weinen“.

Man ist nie bereit für eine Trennung, Mami, wenn man weiß, dass diejenigen, die man liebt, zwar nur neunzig Meilen von einem entfernt sind, jedoch mit einem Abgrund an Einwanderungsbeschränkungen dazwischen. Du hast das Recht zu weinen, Papi, denn dieser Abstand sollte nicht so endgültig, so herzzerreißend und so unwiderruflich sein.

Übersetzung: Valentina Dudinov
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