Jeden Sommer Mangos

mangos

Die Äste beugen sich unter dem Gewicht und Kinder versuchen, die Früchte herunter zu holen, indem sie mit Steinen danach werfen, oder sie klettern auf die Zweige, um diese zu schütteln. Es ist Mango-Saison! Wie ein Lebenszyklus, der Krisen, Schwierigkeiten und gescheiterte Agrar-Pläne überwindet, so kommen Mangos, Filipinos und Kuchen wieder zurück. Wir befinden uns gerade in der Zeit, in der sich der bescheidenste Hinterhof eines abgelegenen Dörfchens vom Ernteertrag her mit dem gepflegtesten Garten in Miramar* messen kann. Sobald der alte Mangobaum, den die Großeltern gepflanzt haben, zur Reife gelangt, fängt die ganze Familie an, ihn zu umkreisen.

Gerade jetzt, während ich einige Mangos durchschneide, die Augustín uns schenkte, denke ich daran, wie sehr mein Leben von den Erinnerungen, die ich mit diesem Geruch und dieser Textur verbinde, geprägt ist. Diese kleinen, eingelegten Fruchtstücke, die wir in unserem Urlaub in dem Dorf Rodas aßen; die grünen sauren Früchte, die wir im Landschulheim mit Salz bestreuten und diejenigen, die wir – angetrieben vom Hunger – von dem Versuchsbetrieb der Gemeinde Güira während der dunklen Jahre der Sonderperiode klauten. Nach einem Bissen blieben mir die Fasern zwischen den Zähnen hängen, der Saft tropfte mir das Kinn herunter und verschmierte mir die Kleidung, der Kern wurde ausgesaugt bis zu seiner weißen Oberfläche und die auf den Boden geworfene Schale war genauso gefährlich wie die einer Banane.

Die Mangos erinnern mich an jede Etappe meiner Existenz, an jeden einzelnen Zeitabschnitt, den diese Insel in letzter Zeit durchlaufen hat. Sie erinnern mich an jenen freien, als „Zentrale“ bekannten, Markt – zu Zeiten der sowjetischen Unterstützung – wo ich zum ersten Mal die Säfte der Marke „Taoro“ probiert habe. Danach kam der Prozess der „Berichtigung von Fehlern und negativen Tendenzen“, mit dem das Kleinbürgertum hinweggefegt wurde, und als der Taoro Nektar nach zehn Jahren wieder auftauchte, konnte man diesen nur in konvertibler Währung kaufen.

Diese Frucht hat einen unglaublichen Widerstand gegen die staatlichen Betriebe und die törichten Fehler geleistet, die tausende von Hektar Land auszehrten, wie die Ernte von zehn Millionen Tonnen Zuckerrohr und der Plan, Mikrojet-Bananen anzupflanzen. Sogar der unerwünschten Ausbreitung des Marabú-Gestrüpps** hat sie standgehalten. Und so kennzeichnet die hartnäckige Mango unser Leben weiterhin mit ihrem Geschmack und verwandelt jeden ärmlichen Innenhof zumindest für die Dauer des Sommers in eine Oase des Wohlstands.

Anm.d.Ü.
* Miramar ist ein Villenviertel von Havanna. Vor der Revolution wohnte hier die Oberschicht des Landes.
**Der Marabú-Busch überzieht mit seinem Gestrüpp große Teile der Insel und wird bekämpft.
Übersetzung: Valentina Dudinov, Iris Wißmüller
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