Vier Jahre, neun Monate und ein Leben

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Gerade als du vergessen hattest, wie man einem Kleinkind das Laufen beibringt, brachtest du einen Blog zur Welt. Eine Webseite, der du dabei helfen musstest, die ersten Worte zu artikulieren, die du vor Gefahren warnen und der du eine Welt zeigen musstest, die du selbst nicht mal richtig verstanden hast. Du dachtest, dass du kein weiteres Kind haben würdest, wegen der engen Wohnverhältnisse, des Mangels und des zivilen –und stillschweigenden– Protests deiner leeren Gebärmutter, aber dann hast du angefangen, mit der Alchemie der Kilobytes herumzuspielen. Die Geburt war schmerzhaft und langwierig: Sie dauerte nicht bloß einige Stunden, sondern vier ganze Jahre. Mit ihr hat sich eine unstillbare Blutung aufgetan, die dich Zeit und Energie kostet; Ebenso tauchten vermeintliche Doktoren auf, die dich fragen: „Warum hast du dich da hinein begeben?“ Nach einer gefahrenreichen Schwangerschaft wurde das Kind per Kaiserschnitt geboren, sie nahmen einige schmerzhafte chirurgische Einschnitte in dein Leben vor, und obwohl du immer noch Bikinis tragen kannst, lassen sie dich nicht mehr ins Kino, an einer beliebigen Konferenz teilnehmen, außer Landes reisen, die Stadt verlassen, ohne die ständige Verfolgung durch diese Schatten, die ebenfalls mit der Geburt gekommen sind.

Du bist die Mutter eines sonderbaren und neuartigen Geschöpfs, in einer Gesellschaft, in der das Anderssein nicht gerne gesehen ist. Du willst deinen Verwandten und Freunden erklären, dass du geplatzt wärst, wenn du dieses autonome Wesen, das heute dein virtuelles Logbuch ist, nicht aus dir heraus gelassen hättest. Und dennoch wollen dir viele keinen Glauben schenken. Deiner Gebärmutter die tatsächliche Urheberschaft dieser Leibesfrucht zuzugestehen, wäre für sie wie das Eingeständnis, selbst tausend Mal abgetrieben zu haben, aus Angst, öffentlich angeprangert zu werden. Es bleibt dir nichts anderes übrig, als das Baby zu beschützen, es wachsen zu sehen und dich an sein von vielen Lächeln und Narben überzogenes Gesicht zu gewöhnen, auf deinen Instinkt zu hören und zu begreifen, dass dies der Sprössling ist, den du zur Welt gebracht hast und den du immer schon haben wolltest.

Eines Tages siehst du, wie er in die Welt hinausgeht und fragst dich voller Angst, ob er den Zynismus da draußen, die Beleidigungen und den Spott überleben wird. Doch anstatt verängstigt heimzukehren, kommt er mit anderen zurück, die wie er sind, mit vielen anderen stigmatisierten und dämonisierten Blogs, beschützt von Menschen wie dir, die auch nicht aufhören konnten, zu pressen. Und heute schneidet das Blog-Kind seinen Geburtstagskuchen an und zwinkert dir zu: du hast ihm den Atem geschenkt, das Durchfliegen des Cyberspace, das Schweben durchs Internet. Aber nicht einmal als seine Erzeugerin hast du Kontrolle über sein Leben. Es gehört bereits der alternativen kubanischen Blogosphäre an, und es gibt keinen Grund, es mit diesen schmerzhaften Wehen zu belasten, die du am 9. April 2007 verspürt hast.

Übersetzung: Florian Becker
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